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1850–2026: Kriege, Putsche und Regime Change – die lange Spur der US-Machtpolitik

1850–2026: Kriege, Putsche und Regime Change – die lange Spur amerikanischer Machtpolitik
Von Kanonenbooten und Kolonien über CIA-Putsche und Stellvertreterkriege bis Irak, Libyen, Venezuela und Iran
Es gibt kaum ein Land, dessen Außenpolitik in den vergangenen 175 Jahren so weit in die politischen Geschicke anderer Staaten eingegriffen hat wie die der Vereinigten Staaten. Diese Geschichte beginnt nicht mit Vietnam, nicht mit der CIA und nicht mit dem Kalten Krieg. Bereits im 19. Jahrhundert landeten amerikanische Marines in fremden Häfen, Kriegsschiffe bombardierten Städte, Truppen überschritten Grenzen. Später wurden die Methoden subtiler: Statt Marines kamen Geheimdienstoffiziere, statt Besatzungstruppen Geldkoffer, statt Kriegserklärungen verdeckte Operationen.
Der Congressional Research Service (CRS), der wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses, führt für den Zeitraum 1798 bis 2023 hunderte Einsätze amerikanischer Streitkräfte im Ausland auf – und betont ausdrücklich, dass verdeckte Geheimdienstoperationen darin nicht enthalten sind. Die Politikwissenschaftlerin Lindsey O'Rourke rekonstruierte anhand amerikanischer Archivbestände für den Kalten Krieg 64 verdeckte und sechs offene amerikanisch unterstützte
Regimewechsel-Versuche. Die Forschung von Dov Levin zeigt zudem, dass die USA und die Sowjetunion bzw. Russland zwischen 1946 und 2000 in ungefähr jede neunte wettbewerbliche nationale Exekutivwahl weltweit eingegriffen haben.
Dieser Artikel listet chronologisch dokumentierte Fälle amerikanischer militärischer Interventionen, verdeckter Operationen und Unterstützung von Regierungswechseln auf – mit Quellenangaben zu jedem Fall.
Teil I: Kanonenbootpolitik vor 1898
Nicaragua – 1854
Die USS Cyane bombardierte die Hafenstadt San Juan del Norte (Greytown) nach einem Konflikt um amerikanische Interessen und einen amerikanischen Diplomaten und zerstörte große Teile der Stadt.
Quelle: Congressional Research Service, „Instances of Use of United States Armed Forces Abroad, 1798–2023"
Korea – 1871
Eine amerikanische Flotte griff koreanische Befestigungen an und eroberte fünf Forts, als Vergeltung für Angriffe auf amerikanische Schiffe, insbesondere den Tod der Besatzung des Handelsschiffs General Sherman.
Hawaii – 1893
Amerikanische Marines gingen in Honolulu an Land, während Gegner von Königin Liliʻuokalani die Monarchie beseitigten. Der CRS hält fest, die Marines seien offiziell zum Schutz amerikanischer Leben und Eigentumsrechte gelandet, viele hätten die Landung jedoch als Unterstützung der provisorischen Regierung unter Sanford Dole verstanden. 1898 wurde Hawaii von den USA annektiert.
Quelle: CRS, ebd.; U.S. Department of State, Office of the Historian, „Annexation of Hawaii, 1898". Der CRS-Katalog dokumentiert für das 19. Jahrhundert zudem zahlreiche weitere kleinere Interventionen, u. a. in China, Japan, Uruguay, Paraguay, Panama, Mexiko, Samoa und Argentinien.
Teil II: Imperiale Expansion (1898–1920)
Spanisch-Amerikanischer Krieg und die Philippinen – 1898–1902
Nach dem Sieg über Spanien übernahmen bzw. kontrollierten die USA Puerto Rico, Guam und die Philippinen; Kuba wurde formal unabhängig, geriet aber unter starken amerikanischen Einfluss. Das US-Außenministerium beschreibt diese Phase selbst als Übergang zu einer imperialen Macht. Als die philippinische Unabhängigkeitsbewegung unter Emilio Aguinaldo die amerikanische Kontrolle nicht akzeptierte, begann 1899 der Philippinisch-Amerikanische Krieg. Nach Angaben des US-Außenministeriums starben dabei mehr als 4.200 amerikanische Soldaten, mehr als 20.000 philippinische Kämpfer und bis zu 200.000 philippinische Zivilisten durch Gewalt, Hunger und Krankheiten. Die Philippinen erhielten 1946 die volle Unabhängigkeit. Quelle: U.S. Department of State, Office of the Historian, „The Philippine-American War, 1899–1902"
Die „Banana Wars" – 1900–1934
Historiker fassen die häufigen US-Interventionen in Mittelamerika und der Karibik in dieser Zeit unter diesem Begriff zusammen. Wiederkehrende Begründungen: Schutz amerikanischer Bürger und Eigentums, Sicherung von Handelswegen, Verhinderung europäischer Einflussnahme. Quelle: U.S. Marine Corps History Division, „The Banana Wars"
Panama (1903–1914): Nach der von Kolumbien abgespaltenen Unabhängigkeit Panamas, die amerikanische Kriegsschiffe faktisch absicherten, erhielt Washington entscheidenden Einfluss auf die Kanalzone; eine amerikanische Militärpräsenz bestand bis 1914.
Nicaragua (1912–1933): Amerikanische Truppen blieben von 1912 bis 1925 im Land, 1926 kehrten Marines zurück. Washington baute die „Guardia Nacional" als neue Sicherheitsstruktur auf; deren Kommandeur Anastasio Somoza García übernahm 1936
die politische Kontrolle und begründete eine Familiendynastie, die Nicaragua bis 1979 dominierte.
Quelle: U.S. Department of State, Office of the Historian, „Nicaragua"
Haiti (1915–1934):
Amerikanische Marines besetzten Haiti 19 Jahre. Als das haitianische Parlament eine neue, ausländischen Grundbesitz ermöglichende Verfassung ablehnte, zwang die Besatzungsmacht Präsident Philippe Sudré Dartiguenave zur Auflösung des Parlaments; die Besatzungsverwaltung führte zudem Zwangsarbeit ein.
Quelle: U.S. Department of State, Office of the Historian, „The United States Occupation of Haiti, 1915–34"
Dominikanische Republik (1916–1924, erneut 1965): Der CRS beschreibt die erste Besetzung als Aufrechterhaltung der Ordnung während anhaltender politischer Instabilität. 1906–1909 sowie in den 1920ern gab es weitere Besetzungsphasen Kubas bzw. amerikanische Präsenz.
Mexiko (1914–1917): US-Truppen besetzten 1914 Veracruz; 1916 verfolgte General John Pershing mit tausenden Soldaten Pancho Villa auf mexikanischem Gebiet. Der CRS spricht von „undeclared Mexican-American hostilities".
Russland – 1918–1920
Nach der bolschewistischen Revolution entsandten die USA im Rahmen der alliierten Intervention im russischen Bürgerkrieg etwa 7.000 Soldaten nach Wladiwostok und rund 5.000 nach Archangelsk.
Teil III: Weltkriege – zur Einordnung
Der amerikanische Kriegseintritt 1917 erfolgte nach der Wiederaufnahme des uneingeschränkten deutschen U-Boot-Kriegs; der Zweite Weltkrieg begann für die USA nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor und der anschließenden deutschen Kriegserklärung. Diese Konstellationen unterscheiden sich strukturell von den im Folgenden beschriebenen verdeckten Regimewechsel-Operationen.
Quelle: U.S. Department of State, Office of the Historian, „U.S. Entry into World War I"; „Pearl Harbor and the U.S. Entry into World War II"
Teil IV: Der Kalte Krieg – die CIA als neues Instrument (1947–1991)
Mit der Central Intelligence Agency (gegründet 1947) verfügte Washington über ein neues Instrument: verdeckte Operationen statt offener Invasionen. O'Rourkes Forschung identifiziert 70 amerikanisch unterstützte Regime-Change-Operationen während des Kalten Krieges, davon 64 verdeckt.
Quelle: Lindsey A. O'Rourke, „Covert Regime Change: America's Secret Cold War" (Cornell University Press, 2018)
Korea – 1950–1953
Nach dem nordkoreanischen Angriff auf Südkorea intervenierten die USA im Rahmen eines UN-Kommandos; kein amerikanisch initiierter Regime-Change-Krieg. Der Krieg endete 1953 mit einem Waffenstillstand, nicht mit einem Friedensvertrag.
Quelle: U.S. Department of State, Office of the Historian, „The Korean War, 1950–53"
Iran – 1953
Premierminister Mohammad Mossadegh hatte die iranische Ölindustrie verstaatlicht. CIA und der britische MI6 entwickelten eine verdeckte Operation (Codename TPAJAX), die 1953 zum Sturz Mossadeghs führte. Die amerikanische Beteiligung ist durch freigegebene US-Regierungsakten dokumentiert. Gestärkt ging Schah Mohammad Reza Pahlavi hervor, dessen Herrschaft 1979 in der Islamischen Revolution endete.
Quelle: CIA, „The Battle for Iran" (freigegeben 2013/2017, National Security Archive); U.S. Department of State, Office of the Historian, „Foreign Relations of the United States, 1952–1954, Iran, 1951–1954"
Guatemala – 1954
Präsident Jacobo Árbenz verfolgte eine Landreform, von der auch Flächen der United Fruit Company betroffen waren. Die CIA erhielt grünes Licht für Operation PBSUCCESS (Budget rund drei Millionen Dollar); Carlos Castillo Armas und seine Truppen wurden ausgebildet, CIA-Vertragspiloten flogen Luftangriffe. Árbenz trat zurück. Die spätere guatemaltekische Wahrheitskommission (CEH) dokumentierte für den anschließenden, jahrzehntelangen Bürgerkrieg mehr als 200.000 Getötete oder Verschwundene und ordnete 93 Prozent der dokumentierten Menschenrechtsverletzungen staatlichen bzw. mit ihnen verbundenen Kräften zu.
Quelle: CIA, „Guatemala 1952–1954" (freigegebene Akten, National Security Archive); Comisión para el Esclarecimiento Histórico (CEH), „Guatemala: Memoria del Silencio" (1999)
Kongo – 1960–1965
Ministerpräsident Patrice Lumumba wurde von Washington als Risiko einer sowjetischen Annäherung betrachtet. Freigegebene Akten zeigen, dass die Beseitigung Lumumbas höchste Priorität hatte; CIA-Mitarbeiter erhielten Materialien für eine mögliche Tötungsoperation. Der amerikanische Plan wurde nicht umgesetzt – Lumumba wurde von kongolesischen Gegnern unter belgischer Beteiligung ermordet. Die USA unterstützten anschließend finanziell prowestliche Kräfte, darunter Joseph-Désiré Mobutu, der 1965 die Macht übernahm und Zaire mehr als 30 Jahre autoritär regierte.
Quelle: U.S. Senate Select Committee on Intelligence (Church Committee), „Alleged Assassination Plots Involving Foreign Leaders" (1975); U.S. Department of State, FRUS 1964–1968, Vol. XXIII, Congo
Kuba – 1959–1963
Nach Fidel Castros Sieg 1959 verschlechterten sich die Beziehungen rasch. 1961 landete eine von der CIA finanzierte, ausgebildete und bewaffnete Exilarmee in der Schweinebucht mit dem Ziel, Castros Regierung zu stürzen; die Invasion scheiterte innerhalb weniger Tage. Es folgte Operation Mongoose (Sabotage, Propaganda, Umsturzpläne).
Quelle: CIA, „Bay of Pigs Release" (freigegebene Akten, 2011–2016, National Security Archive); U.S. Department of State, FRUS 1961–1963, Vol. X, Cuba
Südvietnam – 1963
CIA und US-Botschaft standen in Kontakt zu südvietnamesischen Generälen, die einen Putsch gegen Präsident Ngô Đình Diệm planten. Das sogenannte „Cable 243" vom 24. August 1963 signalisierte, Washington werde einen Machtwechsel nicht verhindern. Am 1./2. November 1963 stürzten die Generäle Diệm; er und sein Bruder Ngô Đình Nhu wurden ermordet. Ein 1967 verfasster, 2024 vollständig freigegebener CIA-Generalinspekteursbericht dokumentiert zudem, dass die Putschisten CIA-Gelder erhielten, um Militärs für die Teilnahme am Umsturz zu gewinnen.
Quelle: National Security Archive, „A House Divided: Washington, Langley, Saigon, and the Plot Against Diem" (2025, inkl. freigegebenem CIA-IG-Bericht); Wikipedia, „Cable 243"
Ghana – 1966
Präsident Kwame Nkrumah wurde am 24. Februar 1966 während einer Auslandsreise durch einen Militär- und Polizeiputsch gestürzt. Freigegebene Akten des National Security Council und der CIA zeigen laut mehreren Historikern, dass Washington das Vorgehen unzufriedener Militärs kannte und über Kontakte zu den Putschisten verfügte; der genaue Grad der CIA-Steuerung ist unter Historikern umstritten – der Historiker John Prados etwa hält eine direkte CIA-Regie für nicht belegt, während der ehemalige CIA-Offizier John Stockwell 1978 von enger operativer Einbindung der CIA-Station in Accra berichtete. Ghanas Präsident John Mahama erklärte 2025 öffentlich, freigegebene US-Dokumente belegten eine von der CIA initiierte Operation. Quelle: John Stockwell, „In Search of Enemies" (1978); Wikipedia, „1966 Ghanaian coup d'état"; Arise News, „Mahama: Declassified US Documents Confirm CIA's Role in Nkrumah's 1966 Overthrow" (2025)
Indonesien – 1965/66
Nach einem gescheiterten Umsturzversuch begann die indonesische Armee eine Kampagne gegen die Kommunistische Partei (PKI) und vermeintliche Sympathisanten. Freigegebene Akten der US-Botschaft zeigen, dass Washington detailliert über die Tötungen informiert war und amerikanische Stellen die Armee bei der Zerschlagung linker Organisationen unterstützten. Nach heutigen Schätzungen wurden zwischen Oktober 1965 und März 1966 bis zu 500.000 Menschen getötet; General Suharto übernahm die Macht und regierte 32 Jahre. Quelle: National Security Archive, „Indonesia Mass Murder, 1965–66" (freigegebene Botschaftsakten, 2017)
Dominikanische Republik – 1965
Aus Furcht vor einer kommunistischen Machtübernahme entsandte Washington mehr als 20.000 Soldaten. Der CRS beschreibt die Ausweitung der Intervention ausdrücklich mit der Sorge vor kommunistischem Einfluss auf die revolutionären Kräfte.
Brasilien – 1964
Präsident João Goulart wurde am 31. März/1. April 1964 durch das Militär gestürzt. Freigegebene Akten der US-Botschaft (Botschafter Lincoln Gordon) und des Weißen Hauses zeigen, dass die USA Kontakt zu den Putschisten um General Humberto Castelo Branco hielten und eine Marineflottille vor der brasilianischen Küste in Bereitschaft versetzten (Operation Brother Sam), um die Putschisten notfalls militärisch zu unterstützen; der Einsatz wurde wegen des raschen Erfolgs des Putsches nicht benötigt. Es folgte eine 21 Jahre dauernde Militärdiktatur.
Quelle: National Security Archive, „Brazil Marks 40th Anniversary of Military Coup" (2004, freigegebene Akten); U.S. Department of State, FRUS 1964–1968, Vol. XXXI, South and Central America; Mexico
Griechenland – 1967
Am 21. April 1967 putschte eine Gruppe von Obristen um Georgios Papadopoulos gegen die griechische Regierung. Mehrere der Putschisten hatten enge, teils seit den 1950er-Jahren dokumentierte Verbindungen zur CIA, die laut GlobalSecurity.org Papadopoulos seit 1952 finanziell unterstützte; ein CIA-Feldbericht vom Januar 1967 identifizierte die Gruppe explizit als Putsch-Planer. Der Grad der operativen US-Steuerung des Putsches selbst ist umstritten: Ein 1977 in der Washington Post veröffentlichter Bericht des damaligen CIA-Stationschefs in Athen bestreitet eine gezielte CIA-Regie, während andere Quellen von engerer Verstrickung sprechen.
Quelle: GlobalSecurity.org, „Greece" (Intelligence); Washington Post, „The Greek Coup: A Case of CIA Intervention? No, Says Our Man in Athens" (1977); LSE Hellenic Observatory, Discussion Paper 15, „Were the Eagle and the Phoenix Birds of a Feather?"
Bolivien – 1967
Die CIA war an der Ausbildung und Ausrüstung des bolivianischen „2. Ranger-Bataillons" beteiligt, das den Guerillaführer Ernesto „Che" Guevara am 8. Oktober 1967 gefangen nahm; er wurde am folgenden Tag auf Anordnung der bolivianischen Regierung erschossen. Ein am 11. Oktober 1967 verfasstes, 2011 freigegebenes CIA-Memorandum von Direktor Richard Helms bestätigt den Ablauf der Hinrichtung im Detail.
Quelle: National Security Archive, „Che Guevara and the CIA in the Mountains of Bolivia" (freigegebene Akten, 2020); U.S. Department of State, FRUS 1964–1968, Vol. XXXI, Doc. 171
Chile – 1970–1973
Nach dem Wahlsieg des Sozialisten Salvador Allende 1970 finanzierte die Nixon-Regierung oppositionelle Kräfte, Medien und politische Organisationen; freigegebene Akten dokumentieren Millionen Dollar an verdeckter Finanzierung von Allende-Gegnern. Am 11. September 1973 putschte das Militär unter General Augusto Pinochet, Allende starb. Eine direkte operative US-Steuerung des Putsches selbst ist nicht belegt – auch das US-Außenministerium weist auf diese Unterscheidung hin. Das chilenische Nationale Institut für Menschenrechte dokumentiert für die 17-jährige Pinochet-Diktatur mehr als 40.000 offiziell anerkannte Opfer politischer Haft, Folter und Verschwindenlassens.
Quelle: CIA, „CIA Activities in Chile" (freigegebener Bericht, 2000); U.S. Department of State, Office of the Historian, „Chile, 1969–1973"
Operation Condor – ab 1975
Die Geheimdienste Chiles, Argentiniens, Boliviens, Brasiliens, Paraguays und Uruguays koordinierten ab 1975 grenzüberschreitende Verfolgung, Entführung und Ermordung politischer Gegner. Freigegebene Akten des US-Außenministeriums und der CIA zeigen laut National Security Archive frühzeitige Kenntnis amerikanischer Stellen sowie technische und logistische Unterstützung (u. a. ein Kommunikationssystem mit Knotenpunkt in der Panama-Kanalzone); ein Außenministeriums-Memo von 1976 (Shlaudeman an Kissinger) dokumentiert zudem eine – zurückhaltende – diplomatische Intervention gegen geplante Attentate in Europa.
Quelle: National Security Archive, „Operation Condor: A Network of Transnational Repression 50 Years Later" (2025, freigegebene Akten); U.S. Department of State, FRUS 1969–1976, Vol. E-11, Part 2, Doc. 249.
Afghanistan – ab 1979
Bereits am 3. Juli 1979 – vor der sowjetischen Invasion – unterzeichnete Präsident Jimmy Carter ein „Presidential Finding" für verdeckte Unterstützung afghanischer Aufständischer. Nach der sowjetischen Invasion im Dezember 1979 wurde daraus ein massives, über Pakistan und Saudi-Arabien laufendes Waffenprogramm zugunsten der Mudschaheddin.
Quelle: National Security Archive, „Volume II: Afghanistan: Lessons from the Last War" (freigegebene Akten, 2001); CIA, „Afghanistan Task Force" (freigegebene Akten)
El Salvador – 1980er
Die USA unterstützten die salvadorianische Regierung mit Milliarden Dollar, militärischer Ausbildung und Ausrüstung. Die UN-Wahrheitskommission für El Salvador untersuchte mehr als 22.000 schwere Gewalttaten und rechnete rund 85 Prozent davon staatlichen Akteuren, verbündeten paramilitärischen Gruppen und Todesschwadronen zu; der Bürgerkrieg kostete nach UN-Angaben mehr als 75.000 Menschen das Leben.
Quelle: UN Security Council, „From Madness to Hope: The 12-Year War in El Salvador" (Report of the Commission on the Truth for El Salvador, 1993)
Nicaragua – Contras (1980er)
Washington finanzierte, bewaffnete und bildete die Contras gegen die sandinistische Regierung aus; die CIA verminte zudem nicaraguanische Häfen. Der Internationale Gerichtshof stellte 1986 fest, dass die USA gegen das Gewaltverbot und das Prinzip der Nichteinmischung verstoßen hatten.
Quelle: Internationaler Gerichtshof, „Case Concerning Military and Paramilitary Activities in and against Nicaragua (Nicaragua v. United States of America)", Urteil vom 27. Juni 1986
Irak – 1980er
Ab 1982 verschob sich die amerikanische Politik im Iran-Irak-Krieg zugunsten Bagdads; freigegebene Dokumente zeigen politische, diplomatische, wirtschaftliche, nachrichtendienstliche und militärische Unterstützungskomponenten. Ein internes Memorandum von 1983 hielt fest, dass Irak chemische Waffen nahezu täglich einsetzte – Washington brach die Beziehungen dennoch nicht ab. Quelle: National Security Archive, „Shaking Hands with Saddam Hussein: The U.S. Tilts toward Iraq, 1980–1984" (freigegebene Akten, 2003)
Grenada – 1983
US-Truppen stürzten die linke Regierung; Washington begründete die Operation mit der Sicherheit amerikanischer Bürger und regionalem kubanisch-sowjetischem Einfluss.
Libyen – 1986
Amerikanische Flugzeuge bombardierten Ziele in Tripolis und Bengasi als Reaktion auf den Anschlag auf die Diskothek La Belle in Berlin
Panama – 1989
Nach Jahren als Kontaktperson amerikanischer Geheimdienste wurde Manuel Noriega wegen Drogenhandels und autoritärer Machtpolitik zum Ziel. Operation „Just Cause" stürzte und verhaftete Noriega. Human Rights Watch dokumentierte mindestens rund 280 bis 305 getötete panamaische Zivilisten.
Quelle: Human Rights Watch, „Justice Delayed: The Human Rights Case Against General Manuel Noriega" (1991);
Teil V: Nach dem Kalten Krieg (1991–2001)
Golfkrieg – 1991
Eine breite internationale Koalition unter amerikanischer Führung vertrieb irakische Truppen nach der Besetzung Kuwaits; UN-mandatiert. Präsident George H. W. Bush verzichtete bewusst auf einen Sturz Saddam Husseins.
Quelle: U.S. Department of State, Office of the Historian, „The Gulf War, 1991"
Somalia – 1992/93
Aus einer humanitären UN-Intervention gegen Hunger und Staatszerfall entwickelte sich ein militärischer Konflikt mit lokalen Milizen; 1993 starben bei der Schlacht von Mogadischu 18 amerikanische Soldaten.
Haiti – 1994
Washington führte eine internationale Mission an, die den zuvor gestürzten, gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide wieder einsetzte
Bosnien – 1995 und Kosovo – 1999
Die NATO griff 1995 bosnisch-serbische Stellungen an; das trug zum Dayton-Abkommen bei. 1999 bombardierte die NATO unter maßgeblicher US-Führung 78 Tage lang Jugoslawien, bis Slobodan Milošević nachgab; für den Einsatz lag keine ausdrückliche neue UN-Sicherheitsratsresolution vor. Human Rights Watch dokumentierte zwischen 488 und 527 zivile Todesopfer durch NATO-Luftangriffe. Quelle: Human Rights Watch, „Civilian Deaths in the NATO Air Campaign" (2000)
Teil VI: Der „War on Terror" (2001–2021)
Nach dem 11. September 2001 erklärten die USA keinen Krieg gegen einen Staat, sondern einen global geführten „War on Terror". Brown University zufolge fanden amerikanische Counterterror-Aktivitäten zeitweise in 78 Ländern statt.
Afghanistan – 2001–2021
Nach dem Sturz des Taliban-Regimes dauerte der anschließende Staatsaufbau-Einsatz fast 20 Jahre; 2021 übernahmen die Taliban nach dem Abzug der internationalen Truppen erneut die Macht. Quelle: CRS, ebd.; Costs of War Project
Honduras – 2009
Präsident Manuel Zelaya wurde am 28. Juni 2009 vom Militär entmachtet und außer Landes gebracht. Eine von WikiLeaks veröffentlichte, als vertraulich eingestufte Depesche der US-Botschaft in Tegucigalpa vom 24. Juli 2009 („Open and Shut: The Case of the Honduran Coup") stellte intern fest, es gebe „keinen Zweifel", dass es sich um einen illegalen und verfassungswidrigen Putsch handle, und bezeichnete die de-facto-Regierung von Roberto Micheletti als „völlig illegitim". Öffentlich vermied die US-Regierung zunächst eine eindeutige Einordnung und drängte auf Verhandlungen zwischen beiden Seiten. Recherchen von The Intercept (2017) und CEPR (2017) auf Basis freigegebener Militärdokumente zeigen zudem enge, während des Kalten Krieges geknüpfte Beziehungen zwischen dem US-Verteidigungsministerium und honduranischen Militärs, die den Putsch mit ermöglicht hätten.
Quelle: WikiLeaks-Depesche 09TEGUCIGALPA615 (via CNN, „Leaked cable shows unvarnished U.S. stance on Honduras coup", 2010); The Intercept, „The U.S. Defense Department's Role in the Honduras Coup" (2017); CEPR, „Honduras Coup 2.0" (2017)
Irak – 2003
Der Krieg wurde vor allem mit einer unmittelbaren Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen begründet. Die Iraq Survey Group durchsuchte rund 1.200 verdächtige Standorte und fand keine der vor dem Krieg behaupteten WMD-Bestände. Brown University schätzt die direkten Todesopfer des Irakkrieges 2003–2023 auf rund 281.000 bis 315.000 Menschen.
Quelle: Charles Duelfer, „Comprehensive Report of the Special Advisor to the DCI on Iraq's WMD" (Iraq Survey Group, 2004); Costs of War Project
Libyen – 2011
Der UN-Sicherheitsrat autorisierte Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung; die NATO-Luftkampagne trug entscheidend zur militärischen Niederlage Gaddafis bei, der von Rebellen gefangen und getötet wurde. Human Rights Watch untersuchte acht NATO-Angriffe mit mindestens 72 zivilen Todesopfern, betont zugleich die im Verhältnis zum Kampagnenumfang vergleichsweise niedrige Zahl.
Quelle: Human Rights Watch, „Unacknowledged Deaths: Civilian Casualties in NATO's Air Campaign in Libya" (2012)
Syrien – ab 2011
CIA-Programme (u. a. „Timber Sycamore") unterstützten oppositionelle Gruppen gegen Bashar al-Assad mit Ausbildung und Waffen; parallel führten US-Truppen und Luftangriffe den Kampf gegen den Islamischen Staat, unterstützt von kurdisch geführten Kräften.
Quelle: Berichterstattung u. a. Washington Post, „Obama's covert war on Syria" (2013); CRS, „Armed Conflict in Syria: Overview and U.S. Response"
Drohnenkrieg – ab 2002
Bewaffnete Drohneneinsätze u. a. in Pakistan, Jemen, Somalia, Afghanistan und Libyen ohne klassische Frontlinie.
Menschliche Bilanz des „War on Terror"
Das Costs of War Project der Brown University schätzt mehr als 940.000 direkte Kriegstote zwischen 2001 und 2023 in den untersuchten post-9/11-Kriegen, davon mehr als 432.000 Zivilisten, sowie weitere geschätzte 3,6 bis 3,8 Millionen indirekte Todesfälle (u. a. durch zerstörte Gesundheitsversorgung, Vertreibung, Mangelernährung) – zusammen 4,5 bis 4,7 Millionen. Zusätzlich wurden mindestens 38 Millionen Menschen vertrieben.
Quelle: Costs of War Project, Brown University Watson Institute, „Human Cost of Post-9/11 Wars" (2023)
Teil VII: Gegenwart (2025–2026)
Venezuela – 2026
Am 3. Januar 2026 führten amerikanische Streitkräfte eine Operation in Venezuela durch; Präsident Nicolás Maduro wurde gefangen genommen und in die USA gebracht. Nach Angaben der jeweiligen Regierungen kamen mindestens 24 venezolanische Sicherheitskräfte sowie 32 kubanische Angehörige ums Leben, zudem wurden zivile Opfer gemeldet.
Die rechtliche Bewertung ist international umstritten; auch innerhalb der USA gab es eine Debatte über Kriegsvollmachten und die fehlende vorherige Zustimmung des Kongresses. Ende August 2026 kündigte Präsident Trump ein Arrangement über den Zugang amerikanischer Akteure zu venezolanischen Ölreserven an.
Quelle: Zeitgenössische Nachrichtenberichterstattung (Reuters, AP, Berichte der venezolanischen und kubanischen Regierung); zu ergänzen mit tagesaktuellen Quellenverweisen bei Veröffentlichung.
Iran – 2026
Am 28. Februar 2026 begann die amerikanische „Operation Epic Fury". CENTCOM nennt als Ziel die Zerschlagung des Sicherheitsapparats des iranischen Regimes und meldete für die ersten sieben Tage mehr als 3.000 angegriffene Ziele.
Reuters beschreibt Ende August 2026 einen andauernden, kostspieligen Pattzustand mit erheblichen Auswirkungen auf
iranische Wirtschaft, Handel und globale Energiepreise.
Quelle: U.S. Central Command (CENTCOM), offizielle Mitteilungen; Reuters, laufende Berichterstattung (Stand August 2026)
Quellen
- Congressional Research Service (CRS): „Instances of Use of United States Armed Forces Abroad, 1798–2023", crsreports.congress.gov
- U.S. Department of State, Office of the Historian: history.state.gov (u. a. Milestones-Reihe, FRUS-Bände)
- National Security Archive, George Washington University: nsarchive.gwu.edu (freigegebene Akten zu Iran 1953, Guatemala 1954, Brasilien 1964, Griechenland 1967, Bolivien/Che Guevara 1967, Chile 1973, Operation Condor, Afghanistan, Indonesien 1965/66, Vietnam/Diệm 1963)
- CIA Freedom of Information Act Electronic Reading Room: cia.gov/readingroom
- Internationaler Gerichtshof (IGH): „Nicaragua v. United States of America", Urteil 1986, icj-cij.org
- UN-Wahrheitskommission El Salvador: „From Madness to Hope" (1993)
- Comisión para el Esclarecimiento Histórico (Guatemala): „Memoria del Silencio" (1999)
- Human Rights Watch: Berichte zu Panama (1991), Kosovo (2000), Libyen (2012)
- Costs of War Project, Brown University Watson Institute: watson.brown.edu/costsofwar
- Lindsey A. O'Rourke: „Covert Regime Change: America's Secret Cold War", Cornell University Press, 2018
- Dov H. Levin: „Partisan Electoral Interventions by the Great Powers", Conflict Management and Peace Science, 2019
- WikiLeaks Cablegate-Depeschen (Honduras 2009), veröffentlicht u. a. via CNN, The Intercept, CEPR, Center for Constitutional Rights
- U.S. Central Command (CENTCOM): offizielle Mitteilungen zu „Operation Epic Fury" (2026)
- Reuters, Associated Press: laufende Berichterstattung zu Venezuela und Iran (2026)
Bei mehreren Fällen (Ghana 1966, Griechenland 1967, Chile 1973 – konkreter Putschtag) ist der genaue Grad direkter operativer US-Steuerung unter Historikern umstritten, auch wenn Kontakte, Kenntnis oder Unterstützung im Umfeld der jeweiligen Ereignisse dokumentiert sind. Das ist im Text jeweils vermerkt. Bei aktuellen Ereignissen (Venezuela, Iran 2026) beruht die Darstellung auf laufender Nachrichtenlage und sollte vor Veröffentlichung mit tagesaktuellen Quellen abgeglichen werden.
Chronologie-Tabelle (Auswahl)
| Jahr | Staat / Region | Rolle der USA |
|---|---|---|
| 1854 | Nicaragua | Bombardierung San Juan del Norte |
| 1871 | Korea | Strafexpedition |
| 1893 | Hawaii | Marines beim Sturz der Monarchie |
| 1898–1902 | Philippinen | Kolonialkrieg |
| 1903–1914 | Panama | Militärische Absicherung, Kanalzone |
| 1912–1933 | Nicaragua | Besatzung, Aufbau der Nationalgarde |
| 1914–1917 | Mexiko | Veracruz, Pershing-Expedition |
| 1915–1934 | Haiti | Besatzung |
| 1916–1924 | Dominikanische Republik | Besatzung |
| 1918–1920 | Russland | Intervention im Bürgerkrieg |
| 1950–1953 | Korea | UN-geführter Krieg |
| 1953 | Iran | CIA-/MI6-Regime Change |
| 1954 | Guatemala | CIA-Regime Change |
| 1960–1965 | Kongo | CIA-Operationen, Unterstützung Mobutus |
| 1961–1963 | Kuba | Schweinebucht, Operation Mongoose |
| 1963 | Südvietnam | CIA-Kontakt zu Putschgeneralen gegen Diệm |
| 1964 | Brasilien | US-Unterstützung/Bereitschaft (Operation Brother Sam) |
| 1965 | Dominikanische Republik | Invasion |
| 1965/66 | Indonesien | Unterstützung der Armee gegen PKI |
| 1966 | Ghana | Kontakte zu Putschisten gegen Nkrumah (Ausmaß umstritten) |
| 1967 | Griechenland | Enge CIA-Kontakte zu Putschisten (Steuerung umstritten) |
| 1967 | Bolivien | CIA-Unterstützung bei Ergreifung Che Guevaras |
| 1970–1973 | Chile | Verdeckte Finanzierung gegen Allende |
| ab 1975 | Südamerika | Kenntnis/Unterstützung von Operation Condor |
| ab 1979 | Afghanistan | CIA-Unterstützung der Mudschaheddin |
| 1980er | El Salvador | Militär-/Finanzhilfe |
| 1980er | Nicaragua | Contra-Krieg |
| 1980er | Irak | Strategische Unterstützung gegen Iran |
| 1983 | Grenada | Invasion |
| 1986 | Libyen | Luftangriffe |
| 1989 | Panama | Invasion, Sturz Noriegas |
| 1991 | Irak/Kuwait | Golfkrieg |
| 1992–1994 | Somalia | Intervention |
| 1994 | Haiti | Wiedereinsetzung Aristides |
| 1995 | Bosnien | NATO-Luftkrieg |
| 1999 | Jugoslawien | NATO-Luftkrieg |
| 2001–2021 | Afghanistan | Invasion, Regime Change |
| 2003– | Irak | Invasion, Regime Change |
| 2009 | Honduras | Diplomatische Verzögerung, Kritik an interner Bewertung |
| 2011 | Libyen | NATO-Luftkrieg |
| ab 2014 | Syrien | Unterstützung von Rebellen, Anti-IS-Einsätze |
| 2026 | Venezuela | Militärische Operation, Gefangennahme Maduros |
| 2026– | Iran | Operation Epic Fury |
Diese Tabelle ist nicht vollständig. Der CRS-Katalog enthält zusätzlich Dutzende kleinerer Landungen, Evakuierungs- und Schutzoperationen; CIA-Operationen sind darin grundsätzlich nicht enthalten.
Regierungswechsel und die anschließend an der Macht befindlichen Personen (Auswahl)
| Person | Land | Amtszeit nach US-Beteiligung |
|---|---|---|
| Anastasio Somoza García | Nicaragua | ab 1936, Familiendynastie bis 1979 |
| Schah Mohammad Reza Pahlavi | Iran | gestärkt ab 1953, gestürzt 1979 |
| Joseph-Désiré Mobutu | Kongo/Zaire | ab 1965, mehr als 30 Jahre |
| General Suharto | Indonesien | ab 1966, 32 Jahre |
| Humberto Castelo Branco | Brasilien | ab 1964, Beginn 21-jähriger Militärherrschaft |
| Georgios Papadopoulos | Griechenland | ab 1967, bis 1973 |
| Augusto Pinochet | Chile | ab 1973, 17 Jahre |
| Manuel Noriega | Panama | zuvor Partner, 1989 gestürzt |
| Roberto Micheletti | Honduras | 2009, de-facto-Präsident |































