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Der Iran-Konflikt: mehr als die Angst vor der Bombe?


Der Iran-Konflikt: mehr als die Angst vor der Bombe
Petrodollar, US-Schulden, Sunniten gegen Schiiten, BRICS und der Kampf um die Handelswege der Welt
Seit dem 28. Februar 2026 führen die Vereinigten Staaten und Israel offenen Krieg gegen den Iran. Bei den ersten Angriffswellen wurde der Oberste Führer Ali Chamenei getötet, sein Sohn Mojtaba trat die Nachfolge an, iranische Vergeltungsschläge trafen Israel und – nach israelisch-amerikanischer Ausweitung des Krieges – auch US-Stützpunkte in den Golfstaaten. Am 18. Juni 2026 unterzeichneten Washington und Teheran auf dem Bürgenstock am Vierwaldstättersee eine vierzehn Punkte umfassende Absichtserklärung, die binnen sechzig Tagen zu einem Rahmenabkommen führen sollte; ein Waffenstillstand trat wenige Tage später in Kraft, blieb aber fragil – noch im Juli 2026 verhängten die vom Iran unterstützten Houthi-Milizen im Jemen eine neue Blockade gegen saudische Öltransporte durch das Rote Meer, und die amerikanische Regierung erklärte im August, sie könne eine Seeblockade gegen den Iran „auf unbestimmte Zeit" aufrechterhalten.
Die öffentliche Debatte in westlichen Medien konzentriert sich fast ausschließlich auf eine Frage: Darf der Iran eine Atombombe besitzen? Das ist zweifellos ein zentraler und legitimer Streitpunkt. Aber wer den Konflikt ausschließlich durch diese Linse betrachtet, übersieht, dass sich rund um den Iran mindestens sieben eigenständige, teils widersprüchliche geopolitische Interessenlagen überlagern – die der USA, der Vereinigten Arabischen Emirate, Israels, Chinas, Russlands, Saudi-Arabiens und des Jemen, dazu die Türkei als regionaler Sonderfall. Und über all dem liegt eine noch größere Frage, die selten offen ausgesprochen wird: der Kampf um die künftige Weltwährungsordnung und um die Kontrolle der globalen Handelswege zu Wasser und zu Land.
Die USA: mehr als Nichtverbreitung
Amerikas erklärtes Ziel lautet, ein iranisches Atomwaffenprogramm dauerhaft zu verhindern. Das ist glaubwürdig – die Nichtverbreitungspolitik hat in Washington seit Jahrzehnten parteiübergreifende Priorität. Doch die amerikanische Iran-Politik lässt sich nicht vollständig von einem zweiten, deutlich älteren strategischen Interesse trennen: dem Erhalt des Dollars als Weltreservewährung und der ungehinderten Kontrolle über die zentralen Öltransportrouten der Golfregion. US-Präsident Donald Trump erklärte nach den ersten Kriegswochen offen, ein Ziel der Angriffe sei auch ein Regimewechsel durch eine innere iranische Erhebung gewesen – ein Vorhaben, das weit über die reine Nichtverbreitungsfrage hinausgeht und die geostrategische Neuordnung der Region unmittelbar berührt.
Das Petrodollar-System: das eigentliche Fundament
Um zu verstehen, warum die Golfregion für Washington strategisch derart unverzichtbar bleibt, muss man mehr als fünfzig Jahre zurückblicken. Nach dem Ende der Goldbindung des Dollars 1971 und der ersten Ölkrise 1973 verhandelten US-Außenminister Henry Kissinger und Finanzminister William Simon 1974 mit Saudi-Arabien ein Arrangement, das die Welt bis heute prägt: Riad verpflichtete sich, sein Öl ausschließlich in US-Dollar zu verkaufen und die daraus erzielten Überschüsse in US-Staatsanleihen zu „recyceln" – im Gegenzug garantierten die USA dem saudischen Königshaus militärischen Schutz und Rüstungslieferungen. Am 8. Juni 1974 wurde in Washington das offizielle Rahmenabkommen der „U.S.-Saudi Arabian Joint Commission on Economic Cooperation" unterzeichnet; der Teil über das Anleihen-Recycling blieb bis 2016 vertraulich. Weil praktisch jedes ölimportierende Land seither Dollar benötigt, um seine Energierechnung zu begleichen, sicherte dieses Arrangement dem Dollar eine strukturelle globale Nachfrage, die weit über die tatsächliche Wirtschaftsleistung der USA hinausgeht – bis heute werden schätzungsweise rund 80 Prozent des weltweiten Ölhandels in Dollar abgerechnet.
Genau hier liegt der eigentliche, selten offen benannte Zusammenhang mit der amerikanischen Staatsverschuldung, die 2026 die Marke von 37 Billionen Dollar überschritten hat: Ein Großteil dieser Schuldenlast wird nur deshalb zu vertretbaren Zinsen finanzierbar, weil ausländische Ölexporteure und andere Staaten ihre Dollarüberschüsse verlässlich in amerikanische Staatsanleihen zurückführen. Jede ernsthafte Erosion des Petrodollar-Systems – etwa wenn Saudi-Arabien, wie seit 2024 wiederholt spekuliert wird, Öl zunehmend in anderen Währungen abrechnet, oder wenn der Iran seinen Ölhandel mit China dauerhaft in Renminbi statt in Dollar abwickelt – würde die Nachfrage nach US-Staatsanleihen strukturell schwächen und Washingtons Fähigkeit belasten, seine Schulden günstig zu refinanzieren. Ein Iran, der sich als Vorreiter eines dollarfreien Ölhandels etabliert und dieses Modell in der Region attraktiv macht, berührt damit nicht nur eine regionale Machtfrage, sondern die Statik des amerikanischen Finanzsystems selbst.
Die Vereinigten Arabischen Emirate: Diversifizierung statt Konfrontation
Die VAE verfolgen eine bemerkenswert doppelgleisige Strategie. Einerseits bleiben sie sicherheitspolitisch eng an die USA gebunden und beherbergen amerikanische Militärinfrastruktur, die im Krieg 2026 selbst zum Ziel iranischer Vergeltungsschläge wurde. Andererseits gehören sie – gemeinsam mit dem Iran, Saudi-Arabien, Ägypten und Äthiopien – seit dem 1. Januar 2024 zu den neuen Vollmitgliedern der erweiterten BRICS-Gruppe, jenes von China und Russland geprägten Staatenbündnisses, das explizit auch über Alternativen zur Dollar-Dominanz diskutiert. Abu Dhabi betreibt damit eine Politik der maximalen Diversifizierung: enge Sicherheitspartnerschaft mit Washington, gleichzeitig wachsende wirtschaftliche und politische Öffnung gegenüber Peking und Moskau. Diese Doppelstrategie erlaubt es den Emiraten, unabhängig vom Ausgang des Machtkampfs zwischen den USA und einer aufstrebenden chinesisch-russischen Ordnung auf der Gewinnerseite zu stehen – ein Muster, das sich bei mehreren Golfstaaten wiederholt.
Israel: die unmittelbare Existenzfrage
Israels Interessenlage unterscheidet sich grundlegend von der amerikanischen, auch wenn beide Länder im Krieg 2026 als Verbündete auftraten. Für Israel ist die iranische Atomfrage keine abstrakte Nichtverbreitungspolitik, sondern eine unmittelbare Existenzfrage, verschärft durch wiederholte iranische Rhetorik gegenüber dem israelischen Staat und durch die von Teheran über Jahrzehnte aufgebaute „Achse des Widerstands" – ein Netzwerk aus Hisbollah im Libanon, verbündeten Milizen in Syrien und dem Irak sowie den Houthi im Jemen, das Israel de facto aus mehreren Richtungen gleichzeitig unter Druck setzen kann. Der Krieg 2026 lässt sich aus israelischer Sicht deshalb kaum von der vorangegangenen Kriegskaskade seit dem 7. Oktober 2023 trennen: Gaza-Krieg, Hisbollah-Krieg im Libanon und schließlich der direkte Krieg gegen den Iran erscheinen aus Jerusalem als zusammenhängende Phasen desselben strategischen Konflikts gegen ein von Teheran koordiniertes regionales Bündnissystem.
China: Energiesicherheit und die Neue Seidenstraße
Chinas Interesse am Iran ist in erster Linie ökonomisch, aber keineswegs unpolitisch. Peking ist heute der mit Abstand größte Handelspartner Teherans und kauft nach Marktschätzungen mehr als neunzig Prozent der iranischen Ölexporte – ein Anteil, der maßgeblich dadurch möglich wurde, dass China sich seit der einseitigen amerikanischen Aufkündigung
des Atomabkommens 2018 offen über die von Washington verhängten Sanktionen hinwegsetzt. Im März 2021 unterzeichneten beide Länder in Teheran ein auf 25 Jahre angelegtes umfassendes strategisches Partnerschaftsabkommen, das chinesische Investitionen von bis zu 400 Milliarden US-Dollar in iranische Energie-, Infrastruktur-, Telekommunikations- und Hafenprojekte vorsieht – darunter den Ausbau des Hafens Bandar-e Jask, der außerhalb der Straße von Hormus liegt und China damit einen von der Meerenge unabhängigen iranischen Öltransportweg verschaffen könnte. Im Gegenzug erhält Peking iranisches Öl zu vergünstigten Konditionen, und ein Teil der Zahlungen soll nach übereinstimmenden Berichten in chinesischen Renminbi statt in Dollar abgewickelt werden
– ein kleiner, aber symbolisch bedeutsamer Baustein in Chinas langfristigem Bestreben, die globale Dollar-Abhängigkeit zu verringern.
Strategisch fügt sich der Iran zudem exakt in Chinas „Neue Seidenstraße" (Belt and Road Initiative) ein: als Landbrücke zwischen Zentralasien, dem Nahen Osten und dem Mittelmeer, die es China erlaubt, einen Teil seines Handels mit Europa unabhängig von den seewärtigen Engpässen zu organisieren, die im weiteren Verlauf dieses Artikels noch eine zentrale Rolle spielen werden. Ein Iran, der dauerhaft unter westlicher Sanktions- und Kriegsandrohung steht, bleibt für China ein verlässlicherer, weil stärker auf Peking angewiesener Partner als ein Iran, der sich dem Westen wieder annähert.
Russland: Waffenpartner und Konkurrent auf demselben Markt
Russlands Verhältnis zum Iran ist ambivalenter, als es die gemeinsame antiwestliche Frontstellung nahelegt. Einerseits liefern sich Moskau und Teheran seit dem Krieg gegen die Ukraine militärische Kooperation – iranische Kampfdrohnen spielten in Russlands Kriegsführung eine dokumentierte Rolle, während Russland dem Iran im Gegenzug fortschrittlichere Luftverteidigungssysteme und Rüstungstechnologie zur Verfügung stellte. Beide Länder verbindet zudem die gemeinsame Erfahrung westlicher Sanktionsregime und ein geteiltes Interesse an der Schwächung der amerikanisch geführten Weltordnung.
Andererseits sind Russland und der Iran auf den globalen Energiemärkten unmittelbare Konkurrenten: Beide verkaufen Rohöl und Erdgas an teils identische Abnehmer, allen voran China und Indien, und ein Wegfall westlicher Sanktionen gegen den Iran würde zusätzliches iranisches Öl auf den Weltmarkt bringen, die Preise drücken und russische Exporterlöse schmälern. Moskaus Interesse an einem dauerhaft sanktionierten, vom Westen isolierten Iran ist deshalb nicht nur ideologisch, sondern handfest ökonomisch begründet – ein Umstand, der in der öffentlichen Debatte über die „Achse Moskau-Teheran-Peking" selten mitgedacht wird.
Saudi-Arabien: der eigentliche regionale Rivale
Für Saudi-Arabien ist der Iran seit der islamischen Revolution 1979 der zentrale regionale Rivale um die Führungsrolle in der islamischen Welt – ein Konflikt, der sich entlang der historischen Trennlinie zwischen sunnitischem und schiitischem Islam entfaltet. Riad versteht sich als Führungsmacht der sunnitischen Welt und Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina; Teheran beansprucht seinerseits die Führungsrolle der schiitischen Welt und unterstützt schiitische beziehungsweise mit dem Iran verbündete Bewegungen von Libanon über Syrien und den Irak bis in den Jemen. Diese sunnitisch-schiitische Systemrivalität ist keine bloße theologische Fußnote, sondern strukturiert seit Jahrzehnten die gesamte regionale Bündnispolitik: Saudi-Arabien, die VAE, Bahrain und Ägypten stehen dem Iran in dieser Systemfrage grundsätzlich misstrauisch gegenüber, selbst wenn – wie im Fall der VAE – gleichzeitig wirtschaftliche Kooperation über BRICS gesucht wird.
Zugleich zeigt Riads eigene BRICS-Annäherung, wie stark sich die Prioritäten verschoben haben: Saudi-Arabien nahm die 2023 ausgesprochene BRICS-Einladung zwar auf mehreren Gipfeltreffen wahr, hat seine Mitgliedschaft aber bis heute nicht formal vollzogen und hält sich damit bewusst eine Hintertür zu Washington offen. Das im Dezember 2022 in Riad abgehaltene China-Golf-Gipfeltreffen mit Staatschef Xi Jinping – bei dem Peking den Golfmonarchien nach übereinstimmenden Berichten einen verstärkten Öl-Yuan-Handel nahelegte – markierte einen symbolischen Wendepunkt: Saudi-Arabien, jahrzehntelang der verlässlichste Garant des Petrodollar-Systems, lässt sich heute von China ebenso umwerben wie von den USA.
Jemen: der Schlüssel zur südlichen Meerenge
Der Bürgerkrieg im Jemen ist längst zu einem eigenständigen geopolitischen Schauplatz geworden, dessen Bedeutung weit über das Land selbst hinausreicht. Die vom Iran unterstützten Houthi-Milizen kontrollieren weite Teile des Landes, einschließlich der Küste am Bab al-Mandab – jener nur rund 30 Kilometer breiten Meerenge zwischen Jemen und Dschibuti, durch die nach Angaben der UN-Handelskonferenz UNCTAD zehn bis zwölf Prozent des weltweiten Seehandelsvolumens und ein erheblicher Teil der globalen Öltransporte laufen, bevor sie in den Suezkanal einlaufen.
Seit Beginn des Gaza-Kriegs 2023 greifen die Houthi immer wieder Handelsschiffe im Roten Meer an; im Juli 2026 verkündeten sie eine gezielte Blockade gegen saudische Öltransporte, nachdem Saudi-Arabien in Absprache mit den USA den Flughafen von Sanaa bombardiert hatte. Nach Einschätzung von Marktanalysten wären bei einer vollständigen Sperrung der Route rund ein Viertel der weltweiten Rohölversorgung betroffen; das Ausweichen über die Kap-Route um Afrika verlängert Frachtfahrten um bis zu einen Monat und verteuert den globalen Warenverkehr spürbar. Ein britischer Geheimdienstbericht, über den der Telegraph zitierte, legt zudem eine wachsende Koordination zwischen den Houthi und der somalischen al-Shabaab nahe, mit dem Ziel, die Meerenge im Bedarfsfall – auf iranische Anweisung – vollständig zu blockieren. Damit fungiert der Jemen faktisch als iranischer Hebel auf einen der wichtigsten maritimen Engpässe der Welt, ohne dass Teheran selbst direkt militärisch involviert sein muss.
Die Türkei: der unberechenbare vierte Machtpol
Die Türkei nimmt in diesem Gefüge eine Sonderstellung ein, die in westlichen Analysen häufig unterschätzt wird. Als NATO-Mitglied formal westlich gebunden, verfolgt Ankara zugleich eine zunehmend eigenständige, neo-osmanisch geprägte Regionalpolitik, die sich weder der amerikanisch-israelischen noch der iranisch-russischen Achse eindeutig zuordnen lässt. Die Türkei konkurriert mit Saudi-Arabien und dem Iran um Einfluss in Syrien, im Irak und im weiteren sunnitisch geprägten Raum, unterhält aber gleichzeitig pragmatische Wirtschaftsbeziehungen zu Teheran, insbesondere im Energiehandel, und positioniert sich mit eigenen Gaspipeline- und Transitprojekten als weitere mögliche Landbrücke zwischen Asien und Europa – eine Rolle, die sich mit Chinas Seidenstraßen-Ambitionen teils ergänzt, teils konkurriert.
Für Ankara ist ein dauerhaft geschwächter, isolierter Iran ambivalent: einerseits ein Vorteil im Ringen um regionale Vorherrschaft, andererseits eine Quelle potenzieller Instabilität und Flüchtlingsbewegungen direkt an der eigenen Grenze.
BRICS und die Schwächung der alten Fronten
Die BRICS-Erweiterung von 2024 verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit, weil sie die traditionellen regionalen Frontlinien auf bemerkenswerte Weise durcheinanderwirbelt. Mit Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzen seither drei Staaten am selben Verhandlungstisch, die sich in der Region seit Jahrzehnten als Rivalen gegenüberstehen – ergänzt um Ägypten und Äthiopien, die ihrerseits über den Nil und die Kontrolle des Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamms im Streit liegen. Die BRICS-Staaten repräsentierten 2024 zusammen bereits rund 39 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und fast die Hälfte der Weltbevölkerung – mehr als die G7. Für den Iran ist die Mitgliedschaft vor allem ein Vehikel, die eigene internationale Isolation zu durchbrechen; für Saudi-Arabien und die VAE ist sie eher ein Instrument der außenpolitischen Diversifizierung als ein Bekenntnis zu
einer antiwestlichen Blockbildung. Gerade diese Uneinheitlichkeit macht BRICS+ jedoch strategisch interessant: Die Organisation muss keine einheitliche Ideologie vertreten, um dennoch wirksam an der schrittweisen Aushöhlung der westlich dominierten Finanz- und Handelsordnung mitzuwirken – ein Prozess, der eher einer allmählichen Erosion als einem plötzlichen Bruch gleicht.
Die Handelswege: von Hormus bis Miyako
Am Ende führt jede dieser Interessenlagen zurück zu einer geografischen Grundtatsache: Die Weltwirtschaft hängt an einer Handvoll schmaler Wasserstraßen, deren Kontrolle über den globalen Wohlstand mitentscheidet. Durch die Straße von Hormus, die der Iran mit seiner Küste direkt kontrolliert, liefen nach Angaben aus dem Krieg 2026 in Friedenszeiten täglich zwischen 120 und 140 Schiffe – ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Flüssiggasexporte. Der Iran hat wiederholt indirekt und direkt signalisiert, diese Meerenge im äußersten Konfliktfall sperren zu können; im August 2026 lieferten sich die USA und Iran öffentlich widersprüchliche Behauptungen darüber, wer tatsächlich die Kontrolle über die Straße ausübt. Weiter westlich liegt, wie beschrieben, Bab al-Mandab, kontrolliert von den iranisch unterstützten Houthi. Dahinter folgt der Suezkanal, durch den ein Großteil des Asien-Europa-Handels läuft und der bereits 2021 durch die Havarie eines einzelnen Containerschiffs, der „Ever Given", für Tage vollständig blockiert wurde.
Diese nahöstlichen Engstellen sind Teil eines global verzweigten Systems maritimer Nadelöhre, das sich bis in den Pazifik fortsetzt: die Straße von Malakka zwischen Indischem Ozean und Südchinesischem Meer, durch die der überwiegende Teil der für China bestimmten Energieimporte läuft, sowie – wie an anderer Stelle bereits ausführlich dargestellt – die Miyako-Straße zwischen Okinawa und Taiwan sowie der Bashi-Kanal zwischen Taiwan und den Philippinen, über die China seinen maritimen Zugang zum offenen Pazifik sichert und die von amerikanisch-philippinischen Raketensystemen zunehmend überwacht werden. Wer diese Kette – Hormus, Bab al-Mandab, Suez, Malakka, Miyako/Bashi – als zusammenhängendes System betrachtet, erkennt ein wiederkehrendes strategisches Muster: Kontrolliert eine Macht
die entscheidenden Meerengen entlang der eurasischen Küstenlinie, kann sie im Ernstfall den Rohstoff- und Warenfluss praktisch jeder anderen Großmacht empfindlich stören, ohne selbst eine einzige Flotte auf hoher See schlagen zu müssen. Genau deshalb reicht die geopolitische Bedeutung des Iran-Konflikts weit über die unmittelbare Golfregion hinaus – er ist ein Testfall dafür, wie belastbar die amerikanisch geführte Kontrolle über diese globalen Engpässe im
21. Jahrhundert noch ist.
Chinas parallele Investition in Landrouten – von der iranischen Partnerschaft über Zentralasien bis zu den
Gwadar- und Kyaukpyu-Pipelines, die bereits an anderer Stelle beschrieben wurden – lässt sich vor diesem Hintergrund direkt als Versuch lesen, die eigene Abhängigkeit von genau jenen Meerengen zu verringern, die im Ernstfall von amerikanischen oder mit Amerika verbündeten Kräften kontrolliert werden könnten. Der Iran ist in dieser Landroutenlogik nicht nur Ölproduzent, sondern eine der wenigen verbliebenen Landbrücken zwischen China und dem Mittelmeerraum, die nicht durch von den USA oder ihren Verbündeten dominiertes Territorium führt.
Ein Kampf um mehr als eine Region
Betrachtet man alle diese Fäden gemeinsam, ergibt sich ein Bild, das über den unmittelbaren Atomstreit weit hinausreicht. Für die USA geht es um den Erhalt des Dollars als Weltreservewährung und der ungehinderten Kontrolle über die zentralen Öltransportrouten – ein Interesse, das eng mit der eigenen, historisch beispiellosen Staatsverschuldung verflochten ist. Für die VAE und, mit größerer Vorsicht, für Saudi-Arabien geht es um wirtschaftliche Diversifizierung zwischen zwei konkurrierenden Weltordnungen. Für Israel geht es um die unmittelbare eigene Sicherheit gegenüber einem regionalen Bündnissystem, das der Iran über Jahrzehnte aufgebaut hat. Für China geht es um Energiesicherheit und um die Etablierung von Handels- und Landrouten, die von amerikanisch kontrollierten Meerengen unabhängig sind. Für Russland geht es um Marktanteile auf denselben Energiemärkten, die es mit dem Iran teilt, verbunden mit dem gemeinsamen Interesse an einer Schwächung westlicher Sanktionsmacht. Für den Jemen und die Houthi geht es um regionalen Einfluss, der weit über die eigene Landesgröße hinausreicht, weil das Land zufällig an einer der wichtigsten Meerengen der Welt liegt. Und für die Türkei geht es um die eigene Positionierung als vierter, unabhängiger Machtpol zwischen etablierten Blöcken.
Die sunnitisch-schiitische Systemrivalität, der Kampf um Handelswege zu Wasser und zu Land, die schleichende Erosion des Petrodollar-Systems und die BRICS-Erweiterung sind dabei keine getrennten Phänomene, sondern Facetten derselben größeren Verschiebung: eines historischen Übergangs von einer unipolaren, amerikanisch dominierten Weltordnung zu einer multipolareren Konstellation, in der wirtschaftliche und militärische Macht zunehmend auseinanderfallen können. Der Iran-Konflikt ist in diesem Sinn tatsächlich mehr als ein regionaler Streit um Zentrifugen und Anreicherungsgrade. Er ist ein Testfall dafür, ob die seit fünfzig Jahren bestehende, eng mit dem Dollar, dem Öl und der Kontrolle maritimer Engpässe verwobene amerikanische Ordnung im 21. Jahrhundert Bestand hat – oder ob sie sich, Stück für Stück, in Richtung eines Systems verschiebt, in dem mehrere Mächte gleichzeitig, mit unterschiedlichen Mitteln und unterschiedlicher Reichweite, um dieselbe Vorherrschaft konkurrieren.
Quellen
- Wikipedia (deutsch/englisch): Irankrieg 2026, 2026 Iran war, 2026 Iranian strikes on Israel
- Al Jazeera, Tachles, NZZ, Servicestelle Friedensbildung BW: laufende Berichterstattung zum Iran-Krieg 2026, Bürgenstock-Absichtserklärung, Waffenstillstand
- Deutsche Wirtschafts-Nachrichten, Wikipedia (Petrodollar), Börsen-Zeitung, ingoldwetrust.report, Schwerd.info: Geschichte und Funktionsweise des Petrodollar-Systems, 1974–2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis), Wikipedia (BRICS), bpb.de, Konrad-Adenauer-Stiftung: BRICS-Erweiterung 2024/2025 und die Rolle von Iran, Saudi-Arabien und den VAE
- mena-watch.com, Euronews, iGlobenews, GlobalSecurity.org, Al Jazeera, World Socialist Web Site: China-Iran 25-Jahres-Abkommen 2021 und chinesische Ölimporte aus dem Iran
- Industriemagazin, GTAI, k-zeitung.de, NAVIS AG, Fox News, rf-news.de: Houthi-Blockade, Bab al-Mandab und die Auswirkungen auf den globalen Seehandel, 2026


















