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Washington erhöht den Druck auf Brüssel – aus einem Handelsstreit wird ein Kampf um Europas politische Ordnung


Washington erhöht den Druck auf Brüssel
– aus einem Handelsstreit wird ein Kampf um Europas politische Ordnung
Die Trump-Regierung fordert von der Europäischen Union inzwischen nicht mehr nur niedrigere Zölle oder höhere Verteidigungsausgaben. Washington greift zunehmend europäische Digital-, Klima- und Unternehmensregeln an, unterstützt Organisationen, die für nationale Souveränität und gegen europäische „Zensur" eintreten, und erklärt
die politische Entwicklung Europas offiziell zu einem amerikanischen Sicherheitsinteresse. Mit den neuesten Forderungen gegen CSRD, CSDDD und den CO₂-Grenzausgleich CBAM – und einem neuen Vorwurf, Brüssel helfe
China beim Umgehen amerikanischer Zölle – erreicht dieser Konflikt eine neue Stufe.
Stand: 17. August 2026
Was zunächst wie eine Reihe voneinander unabhängiger Auseinandersetzungen wirkte, ergibt inzwischen ein bemerkenswert geschlossenes Bild: Digital Services Act, Digital Markets Act, Migration, Meinungsfreiheit, nationale Souveränität, Klimaregulierung, Lieferkettenrecht, Nachhaltigkeitsberichterstattung, Handelspolitik gegenüber China.
In fast allen diesen Bereichen verfolgt die Regierung von Donald Trump inzwischen dieselbe Grundfrage:
Wie weit darf Brüssel Regeln erlassen, die amerikanische Unternehmen, amerikanische Interessen und nach amerikanischer Auffassung auch die politische Entwicklung Europas beeinflussen?
Die Grundlage: Ein Memorandum und eine Rede im Februar 2025
Schon wenige Wochen nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus legte Trump die Grundlage. Am 21. Februar 2025 veröffentlichte das Weiße Haus ein Memorandum mit dem Titel:
„Defending American Companies and Innovators From Overseas Extortion and Unfair Fines and Penalties".
Darin beschuldigte die Regierung ausländische Staaten, ihre Regulierungsmacht extraterritorial gegen amerikanische Technologieunternehmen einzusetzen, und ordnete an, dass
die USA auf aus ihrer Sicht diskriminierende ausländische Steuern, Bußgelder oder regulatorische Belastungen mit
Zöllen und anderen Gegenmaßnahmen reagieren können. Damit war europäische Regulierung nicht länger eine juristische Angelegenheit zwischen Unternehmen und EU-Kommission, sondern Teil amerikanischer Außen- und Handelspolitik.
Nur wenige Tage zuvor hatte Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz deutlich gemacht,
dass Washington seine Kritik keineswegs nur wirtschaftlich verstand. Die größte Gefahr für Europa sei aus seiner Sicht weder Russland noch China, sondern eine „Bedrohung von innen": Europas Rückzug von grundlegenden demokratischen Werten. Er griff Einschränkungen politischer Debatten, den Umgang mit oppositionellen Parteien und die europäische Migrationspolitik an. Es war das erste Mal, dass ein amtierender amerikanischer Vizepräsident bei einem der wichtigsten sicherheitspolitischen Treffen Europas die innere politische Ordnung verbündeter Staaten selbst zum Gegenstand amerikanischer Sicherheitspolitik machte. Was damals noch wie eine provokante Rede erscheinen konnte, wurde
wenige Monate später zu offizieller Strategie.
Dezember 2025: Aus Rhetorik wird amerikanische Sicherheitsdoktrin
Die National Security Strategy 2025 des Weißen Hauses markiert den eigentlichen Wendepunkt. Unter der Überschrift „Promoting European Greatness" erklärt die amerikanische Regierung Europas Probleme für tiefergehend als schwaches Wachstum oder zu geringe Verteidigungsausgaben. Das Strategiepapier spricht von der Gefahr einer „civilizational erasure" – einer zivilisatorischen Auslöschung europäischer Identität – und benennt als Ursachen die Tätigkeit der
EU und anderer supranationaler Institutionen, Einschränkungen politischer Souveränität, Migration, Beschränkungen
der Meinungsfreiheit, die Unterdrückung politischer Opposition, niedrige Geburtenraten sowie den Verlust nationaler Identität.
Die amerikanische Europapolitik soll danach darauf ausgerichtet werden, Europa als eine Gruppe „aligned sovereign nations" zu stärken. Ein Satz sticht dabei besonders hervor, weil er über bloße außenpolitische Präferenz hinausgeht:
Zu den offiziellen Prioritäten gehört, wörtlich, „Cultivating resistance to Europe's current trajectory within European nations" – also Widerstand gegen Europas gegenwärtige Entwicklung innerhalb europäischer Staaten zu fördern.
Die Regierung der Vereinigten Staaten erklärt damit ausdrücklich, Kräfte innerhalb Europas unterstützen zu wollen,
die eine andere politische Richtung verfolgen. Das Strategiepapier begrüßt zudem den wachsenden Einfluss „patriotischer europäischer Parteien" als Grund für Optimismus.
Der Streit um DSA und DMA – von der Drohung zur Sanktion
Parallel eskalierte der Streit um die europäischen Digitalgesetze. Besonders der Digital Services Act wurde in
Washington zunehmend als Instrument europäischer Zensur dargestellt; die EU weist das zurück und verweist darauf, der DSA verpflichte Plattformen zur Bekämpfung illegaler Inhalte und zu mehr Transparenz. Im August 2025 berichtete Reuters, die Trump-Regierung erwäge sogar Sanktionen und Visaeinschränkungen gegen europäische Beamte, die an der DSA-Umsetzung beteiligt waren. Vier Monate später blieb es nicht bei Überlegungen: Im Dezember 2025 verhängten die USA tatsächlich Visaeinschränkungen gegen fünf europäische Akteure, darunter den früheren
EU-Kommissar Thierry Breton sowie Vertreter von HateAid und dem Global Disinformation Index.
Außenminister Marco Rubio warf ihnen vor, amerikanische Plattformen zur Unterdrückung bestimmter Ansichten gedrängt zu haben; die Betroffenen und europäische Regierungen wiesen das zurück und werteten die US-Maßnahme ihrerseits als Eingriff in europäische Regulierungshoheit. Damit wurde aus einem regulatorischen Streit erstmals eine persönliche außenpolitische Sanktionierung europäischer Akteure.
Silicon Valley und Heritage: Vom Wirtschaftsinteresse zur offenen Systemfrage
Parallel verschob sich die Haltung einflussreicher amerikanischer Technologieunternehmen. Meta-Chef Mark Zuckerberg kündigte Anfang 2025 an, gemeinsam mit der Trump-Regierung gegen Staaten vorzugehen, die amerikanische Unternehmen angriffen und zugleich mehr Zensur verlangten – europäische Regulierung geriet dabei besonders in den Fokus. Noch weiter ging Elon Musk: Nach einer EU-Strafe gegen X erklärte er im Dezember 2025 öffentlich, die EU solle abgeschafft und die Souveränität an die Nationalstaaten zurückgegeben werden. Wichtig zur Einordnung: Musk spricht nicht für die US-Regierung, und es gibt keinen Beleg für einen gemeinsamen Beschluss amerikanischer Techkonzerne zur Auflösung der EU. Es gibt aber eine auffällige Interessenüberschneidung: große US-Techkonzerne wollen weniger europäische Regulierung, die Trump-Regierung will weniger supranationale Macht, nationalkonservative amerikanische Thinktanks betrachten die EU zunehmend als politisches Gegenmodell, und europäische nationalkonservative Parteien kritisieren seit Jahren die Machtverlagerung nach Brüssel. Diese Interessen müssen nicht identisch sein, um sich gegenseitig zu verstärken.
Besonders deutlich zeigt sich das im Umfeld der konservativen Heritage Foundation, maßgeblich an Project 2025 beteiligt. Im Dezember 2025 veröffentlichte deren Mitarbeiter Nile Gardiner einen Beitrag mit dem Titel „Western Civilization Can Only Be Saved if the EU Is Abolished" und plädierte darin ausdrücklich für Brexit-ähnliche Referenden
in weiteren EU-Staaten. Auch das ist keine offizielle Regierungspolitik – aber eine Forderung nach Abschaffung der EU befindet sich damit nicht mehr am äußersten Rand der amerikanischen Debatte, sondern wird von einem der einflussreichsten konservativen Thinktanks und einem der mächtigsten Technologieunternehmer der Welt offen vertreten.
2026: Washington finanziert europäische Gegenkräfte
Im Februar 2026 erklärte die amerikanische Unterstaatssekretärin für Public Diplomacy, Sarah Rogers, ihre Behörde werde künftig gezielt Projekte zur Förderung der Meinungsfreiheit in westlichen Demokratien finanzieren
– und kritisierte dabei zugleich DSA, Online-Regulierung und Einschränkungen migrationskritischer Positionen in Europa. Im Juli folgte die konkrete Umsetzung: Das US-Außenministerium schrieb Fördermittel zwischen einer und drei Millionen Dollar für europäische Organisationen aus, die sich mit nationaler Souveränität, Migration, Zensur, Rechtsstaatlichkeit und gemeinsamen westlichen „civilizational bonds" beschäftigen. Reuters berichtete anschließend über weitere geplante Programme, darunter zwei Millionen Dollar zur Bekämpfung angeblicher Zensur durch DSA und DMA – wies dabei aber ausdrücklich darauf hin, dass die zugrunde liegende FT-Berichterstattung nicht unabhängig bestätigt werden konnte.
Am 7. August 2026 folgte die nächste offizielle Ausschreibung: Unter dem Titel „Promoting Civilizational Values" fordert das Bureau of Democracy, Human Rights and Labor Projekte, die europäische Staaten bei Meinungsfreiheit, politischem Pluralismus und „national self-government" stärken sollen – ausdrücklich unter Verweis auf die National Security Strategy und deren Ziel, vor allem Mittel-, Ost- und Südeuropa durch politische Zusammenarbeit sowie kulturellen und bildungspolitischen Austausch zu stärken. Fördervolumen: knapp 1,97 Millionen Dollar, offen für Thinktanks,
NGOs sowie Bildungseinrichtungen. Damit wird aus Rhetorik institutionelle Praxis: Aus Reden werden Programme,
aus politischen Positionen werden Fördergelder.
Auch Außenminister Marco Rubio bekräftigte diese Linie auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026:
Das Weiße Haus fasste seine Rede als Absage an „veraltete globalistische Strukturen", unkontrollierte Masseneinwanderung und aus amerikanischer Sicht überzogene Klimapolitik zusammen; Rubio forderte Europa auf, nationale Souveränität und das gemeinsame kulturelle Erbe des Westens stärker zu verteidigen.
Damit verbindet Washington inzwischen drei Ebenen: Migration, politische Souveränität und wirtschaftliche Regulierung.
14. August 2026: Die neue Eskalationsstufe
Genau vor diesem Hintergrund ist die jüngste Entwicklung zu lesen. US-Botschafter bei der EU, Andrew Puzder, forderte die EU am 14. August 2026 öffentlich auf, ihre Zusagen aus dem Handelsrahmenabkommen von Turnberry (Juli 2025) umzusetzen und die europäischen Nachhaltigkeitsregeln weiter abzuschwächen. Betroffen: die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) und der CO₂-Grenzausgleich CBAM. „Now it's time for the EU to deliver", schrieb Puzder auf X, zusammen mit einem US-Regierungsdokument, das eine lange Liste von „concerns" auflistet. Der Ton war unverblümt drohend: „The United States will take any actions necessary to address unreasonable burdens on US commerce absent a solution that addresses these concerns." Einen Tag zuvor hatte Puzder bereits CBAM selbst als Ziel attackiert und es als „a tariff in substance, no matter the 'climate policy' label" bezeichnet – ein CO₂-Zoll, der de facto ein normaler Handelszoll sei, nur anders etikettiert.
Was die EU bereits zugestanden hat, reicht Washington ausdrücklich nicht: Im Dezember 2025 hatten EU-Gesetzgeber, mit endgültiger Bestätigung durch den Rat im Februar 2026, den Anwendungsbereich der CSDDD auf Unternehmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten und mehr als 1,5 Milliarden Euro Jahresumsatz beschränkt (bei Nicht-EU-Unternehmen ausgelöst durch einen EU-Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro) und die Umsetzungsfrist um zwei Jahre auf Mitte 2029 verschoben. Auch der Anwendungsbereich der CSRD wurde erheblich verkleinert: Betroffene ausländische Mutterkonzerne müssen nun mehr als 450 Millionen Euro EU-Jahresumsatz erzielen und eine qualifizierende Tochtergesellschaft mit mehr als 200 Millionen Euro Umsatz besitzen, statt wie ursprünglich schon ab 250 Beschäftigten zu greifen. US-Unternehmen wie ExxonMobil hatten sogar eine vollständige Ausnahme für ausländische Firmen gefordert. Das US-Dokument erkennt „einige positive Reformen" im Dezember-2025-Omnibus-Paket an, hält sie aber
für unzureichend.
Ein neuer Vorwurf: Hilft die EU China beim Zollumgehen?
Bemerkenswert ist ein zweiter, in der bisherigen Berichterstattung noch wenig beachteter Vorgang desselben Tages: Die EU wurde in einem am 13. August 2026 veröffentlichten Bericht des Weißen Hauses gemeinsam mit Dutzenden weiteren Handelspartnern – darunter Mexiko, Kanada und Japan – als Risikofaktor für „illegal transshipment" aus China genannt: Waren, die über Drittländer umgeleitet werden, um die von Trump verhängten hohen China-Zölle zu umgehen. Der Bericht kündigt ein System namens „Detective Border" an, gestützt auf die von Trump am 3. Juni 2026 unterzeichnete Executive Order 14411, die Importeurspflichten, Bürgschaftsanforderungen und Offenlegungspflichten bei Eigentumsverhältnissen verschärft; künftig soll auch künstliche Intelligenz beim Aufspüren solcher Umgehungspraktiken helfen. Nach Angaben der US-Zollbehörde CBP stieg die Zahl der wegen nachträglicher Unstimmigkeiten beanstandeten Sendungen bereits von 93.744 auf 323.677, die zugehörigen Nachforderungen von 9,6 auf 25,8 Milliarden Dollar. Der Bericht selbst räumt allerdings ein, das mutmaßliche EU-Transshipment-Risiko sei „embedded within broad legitimate trade flows" – also in überwiegend legitime Handelsströme eingebettet, kein Beleg für systematischen Missbrauch. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung, wenige Wochen vor einem erwarteten Besuch des chinesischen Staatschefs Xi Jinping in den USA im September und einer weiteren Runde der US-chinesischen Handelsgespräche, dürfte kein Zufall sein.
Brüssels Antwort: eine klare, aber diplomatische Grenze
Die Reaktion der EU-Kommission fiel bewusst zweigeteilt aus. Kommissionssprecherin Arianna Podesta erklärte, die EU befinde sich weiterhin in einem „konstruktiven" Austausch mit den USA über tarifäre und nicht-tarifäre Fragen – fügte aber unmissverständlich hinzu: „We have been very clear and consistent on the fact that neither our rules framework nor our regulatory autonomy are up for negotiation." Zum China-Vorwurf erklärte Podesta, die EU teile das amerikanische Ziel der Zollbetrugsbekämpfung und stehe dazu im Austausch mit Washington, um die „potenziellen Implikationen" des Berichts zu verstehen – verwies zugleich auf die Einschätzung des US-Dokuments selbst, wonach das Risiko in überwiegend legitime Handelsströme eingebettet sei. Mehrere mit der EU-Position vertraute Quellen bestätigten Reuters, Brüssel plane derzeit keine weiteren Zugeständnisse bei CSRD und CSDDD.
Diese Zurückhaltung passt zu einem größeren Muster: Die EU verschärft zeitgleich selbst ihren Ton gegenüber China
– ein eigener, paralleler Konfliktherd, den man im Blick behalten sollte, weil er zeigt, dass Brüssel nicht nur zwischen den Stühlen USA/eigene Regulierung, sondern auch zwischen den Stühlen USA/China balanciert. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič erklärte Ende Juni 2026 nach Gesprächen mit Chinas Handelsminister Wang Wentao unverblümt:
„China's exports to the EU keep rising, while our market share in China keeps shrinking" – Europas Handelsdefizit mit China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro und dürfte 2026 auf etwa 400 Milliarden steigen. China wies Vorwürfe industrieller Überkapazität zurück und drohte mit Vergeltung, sollte die EU handelspolitisch nachziehen. Auch innerhalb der EU ist die China-Frage umstritten: Während Šefčovič auf Konfrontationskurs geht, äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz beim EU-Gipfel im Juni 2026 deutlich versöhnlicher gegenüber Peking und erklärte, die EU könne „durchaus akzeptieren", wenn die Produktivität in China höher sei als in Europa.
Will Washington die Europäische Union zerstören?
Hier ist eine klare Trennung notwendig. Für einen geheimen, offiziell beschlossenen amerikanischen Masterplan mit dem Ziel einer formellen Auflösung der EU gibt es keinen belastbaren Beleg – wer das behauptet, geht über die Quellenlage hinaus. Genauso unzutreffend wäre aber die gegenteilige Behauptung, Washington wolle lediglich einige Handelsregeln ändern. Die dokumentierten amerikanischen Papiere sagen erheblich mehr: Die National Security Strategy fordert ein Europa souveräner Staaten, ausdrücklich die Förderung von Widerstand gegen Europas politische Entwicklung innerhalb europäischer Länder, und begrüßt den zunehmenden Einfluss patriotischer Parteien. Die US-Regierung finanziert inzwischen europäische Projekte zu nationaler Souveränität, Migration, Meinungsfreiheit und politischem Pluralismus,
hat europäische Akteure wegen des Digitalregulierungsstreits mit Visaeinschränkungen belegt, und setzt ihre wirtschaftliche Macht zunehmend ein, um europäische Regulierung zurückzudrängen – notfalls unter Androhung weiterer Maßnahmen, wie am 14. August erneut deutlich wurde. Parallel fordern Elon Musk und einflussreiche Akteure im konservativen amerikanischen Umfeld offen die Abschaffung der EU.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Aber es ist auch noch kein gemeinsamer Masterplan. Es ist etwas politisch möglicherweise Wirkungsvolleres: eine zunehmende Konvergenz unterschiedlicher Interessen.
Die eigentlich entscheidende Frage: nicht Abschaffung, sondern Schwächung
Eine formelle Abschaffung der EU wäre juristisch und politisch außerordentlich schwierig – und Washington benötigt sie für seine Ziele möglicherweise gar nicht. Entscheidend wäre vielmehr eine funktionale Schwächung Brüssels:
Wenn EU-Mitgliedstaaten häufiger nationale Sonderwege verlangen, supranationale Regulierung zurückgedrängt wird, politische Mehrheiten sich verschieben und zentrale Entscheidungen wieder stärker bilateral zwischen Washington und einzelnen europäischen Hauptstädten ausgehandelt werden, kann die Macht der europäischen Institutionen erheblich sinken – ohne dass ein einziger EU-Vertrag formal aufgehoben werden muss.
Genau deshalb sollten die einzelnen Konfliktlinien nicht getrennt betrachtet werden. Migration betrifft nationale Identität und Grenzsouveränität. DSA und DMA betreffen Informationsmacht und wirtschaftliche Regulierung. CSRD, CSDDD und CBAM betreffen Europas Fähigkeit, seine eigenen Regeln auch gegenüber internationalen Unternehmen durchzusetzen. US-Förderprogramme betreffen den politischen und gesellschaftlichen Diskurs innerhalb Europas. Der neue China-Transshipment-Vorwurf fügt eine weitere Ebene hinzu: Er stellt infrage, ob die EU überhaupt als verlässlicher Partner in Washingtons eigentlichem Hauptkonflikt – dem mit Peking – gilt, und erhöht damit indirekt den Druck auf allen anderen Themenfeldern gleichzeitig. Zusammen berühren all diese Konfliktlinien den Kern dessen, was die Europäische Union überhaupt zu einem politischen Machtfaktor macht.
Die eigentliche amerikanische Strategie
Die Entwicklung seit Anfang 2025 lässt eine klare Linie erkennen: Washington möchte ein Europa, das militärisch mehr Verantwortung übernimmt, seine Migration begrenzt, amerikanischen Unternehmen weniger regulatorische Hindernisse auferlegt, weniger Macht auf supranationale Institutionen überträgt und stärker aus souveränen Nationalstaaten besteht – das steht inzwischen ausdrücklich in amerikanischen Regierungsdokumenten. Ob daraus irgendwann eine tatsächlich amerikanisch unterstützte Bewegung zur Auflösung der EU entsteht, bleibt offen. Aber die Vorstellung, die USA hätten grundsätzlich ein Interesse an einer immer stärker integrierten Europäischen Union, die gegenüber amerikanischen Unternehmen und amerikanischer Politik geschlossen auftreten kann, entspricht unter Donald Trump nicht mehr der traditionellen Nachkriegslogik amerikanischer Europapolitik.
Hier liegt möglicherweise der historische Wandel: Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützten die USA die europäische Integration als Instrument wirtschaftlicher Stabilisierung und als Bollwerk gegen die Sowjetunion. Die Trump-Regierung betrachtet Teile dieser supranationalen Ordnung inzwischen selbst als Problem – und besitzt für diesen Konflikt drei gewaltige Hebel: militärische Sicherheit, wirtschaftlichen Marktzugang und technologische Dominanz.
Der Streit um CSRD, CSDDD und CBAM ist deshalb weit mehr als eine weitere Auseinandersetzung über Bürokratie.
Er ist der jüngste Schauplatz eines größeren Machtkampfes, dem sich nun auch die China-Frage überlagert:
Wer bestimmt künftig die Regeln für Europa – Brüssel, die europäischen Nationalstaaten, oder zunehmend Washington über seine wirtschaftliche, technologische und sicherheitspolitische Macht?
Genau diese Frage dürfte zu einem der zentralen transatlantischen Konflikte der kommenden Jahre werden.
Quellen (Auswahl): Reuters; The White House (Presidential Actions, Briefings, Munich-Rede Rubio); The Spectator
(Vance-Rede Wortlaut); Financial Times; digital-strategy.ec.europa.eu; X/Elon Musk; The Heritage Foundation; simpler.grants.gov; Euronews; Brussels Signal; WTX News; The Epoch Times; Arkansas Democrat-Gazette; Al Jazeera; EUobserver.





















