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Eine neue Machtachse "Makkah Joint Defence Agreemen": Saudi-Arabien, Türkei und Pakistan schliessen Verteidigungspakt


Eine neue Machtachse in Mekka: Saudi-Arabien, Türkei und Pakistan schließen Verteidigungspakt
Drei der militärisch und politisch wichtigsten Staaten der islamischen Welt versprechen sich gegenseitigen Beistand - Makkah Joint Defence Agreement
Am 7. August 2026 geschieht in Mekka etwas, dessen geopolitische Bedeutung weit über eine weitere diplomatische Vereinbarung hinausreichen könnte. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif unterzeichnen gemeinsam das Makkah Joint Defence Agreement.
Der entscheidende Satz des Abkommens lautet sinngemäß: Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten wird als Angriff auf alle drei betrachtet. So bestätigen es sowohl die beteiligten Regierungen als auch internationale Nachrichtenagenturen. Pakistan beruft sich ausdrücklich auf das kollektive Selbstverteidigungsrecht nach Artikel 51 der UN-Charta.
Das klingt bekannt. Der türkische Außenminister Hakan Fidan sagt deshalb überraschend offen: Technisch sei die Klausel mit Artikel 5 der NATO vergleichbar.
Damit verbinden sich drei ausgesprochen unterschiedliche Machtfaktoren: Saudi-Arabien mit Geld, Öl, religiös-politischem Einfluss und geografischer Kontrolle über einen zentralen Teil der arabischen Halbinsel; die Türkei als NATO-Mitglied mit großen Streitkräften, eigener Rüstungsindustrie, Drohnen-, Raketen- und Elektronikkompetenz sowie geografischer Kontrolle über den Übergang zwischen Europa, Schwarzem Meer, Kaukasus und Nahost; und Pakistan mit mehr als 600.000 Soldaten, jahrzehntelanger Kampferfahrung – und vor allem als einzige Atommacht der muslimischen Welt.
Das ist keine gewöhnliche Kooperation. Aber es ist auch noch keine „islamische NATO". Noch nicht.
Was genau wurde beschlossen?
Der vollständige Vertragstext wurde bislang nicht öffentlich zugänglich gemacht. Genau deshalb sollte man vorsichtig mit der Behauptung sein, es handle sich bereits um eine zweite NATO. Reuters weist ausdrücklich darauf hin, dass die konkreten militärischen Verpflichtungen der drei Staaten bislang nicht vollständig veröffentlicht wurden.
Was inzwischen offiziell bestätigt ist, geht dennoch erheblich weiter als eine Absichtserklärung. Das türkische Verteidigungsministerium erklärte am 13. August, dass strategische politische und militärische Mechanismen geschaffen werden sollen. Dazu gehören die Verteidigungsminister, Außenminister sowie Generalstabschefs beziehungsweise Oberkommandierenden der drei Staaten. Die Koordination soll auf höchster staatlicher Ebene erfolgen.
Geplant sind außerdem: gemeinsame Übungen von Heer, Marine und Luftwaffe, gemeinsame Luftverteidigung, Zusammenarbeit bei Drohnen und autonomen Systemen, elektronische Kriegsführung, künstliche Intelligenz, gemeinsame Entwicklung und Produktion von Rüstungsgütern, Technologietransfer, gemeinsame Logistik und Wartung. Es soll also ausdrücklich nicht nur darum gehen, gegenseitig Waffen zu verkaufen. Die drei Länder wollen Teile ihrer militärischen Strukturen, Technologien und Verteidigungsindustrien miteinander verzahnen. Ein gemeinsames Sekretariat in Saudi-Arabien und politische Koordinierungsgremien sollen die Zusammenarbeit institutionalisieren.
Das ist entscheidend. Denn aus drei bilateralen Beziehungen entsteht damit erstmals eine dauerhafte trilaterale Sicherheitsarchitektur.
Die Allianz entstand nicht innerhalb weniger Wochen
Die aktuelle Eskalation mit Iran hat den Abschluss wahrscheinlich beschleunigt. Entstanden ist die Idee aber früher. Bereits im Januar 2026 berichtete Reuters, dass Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei seit ungefähr zehn Monaten über ein solches Abkommen verhandelten. Ein Vertragsentwurf lag damals bereits in allen drei Hauptstädten vor. Damit reichen die Vorbereitungen ungefähr bis ins Frühjahr 2025 zurück. Und das ist interessant, denn seitdem hat sich die gesamte Sicherheitsordnung des Nahen Ostens dramatisch verändert.
Der erste Wendepunkt: Israel greift Katar an
Am 9. September 2025 griff Israel Ziele in Doha an und versuchte dort, führende Hamas-Funktionäre zu treffen. Katar ist jedoch kein gewöhnlicher Staat. Dort befindet sich mit Al Udeid eine der wichtigsten amerikanischen Militärbasen der gesamten Region. Der israelische Angriff löste deshalb unter den Golfstaaten eine ausgesprochen unangenehme Frage aus: Wenn selbst ein Staat mit einer riesigen amerikanischen Militärbasis angegriffen werden kann – was ist eine amerikanische Sicherheitsgarantie eigentlich noch wert?
Nur acht Tage später, am 17. September 2025, unterzeichneten Saudi-Arabien und Pakistan ihren ersten bilateralen strategischen Verteidigungspakt. Auch dort galt bereits: Angriff auf einen gleich Angriff auf beide. Reuters beschrieb schon damals stark sinkendes Vertrauen der Golfstaaten in die Zuverlässigkeit der USA als Sicherheitsgaranten. Die jetzige Vereinbarung erweitert diese Konstruktion um die Türkei.
Der zweite Wendepunkt: der Iran-Krieg 2026
Dann kommt der 28. Februar 2026. Die USA und Israel greifen Iran an. Iran wiederum schlägt gegen Israel und mehrere Golfstaaten beziehungsweise deren Infrastruktur zurück; zusätzlich greifen mit Teheran verbundene Gruppen Saudi-Arabien und regionale Verkehrswege an. Der Konflikt erfasst damit Staaten, die ursprünglich versucht hatten, sich herauszuhalten.
Für Saudi-Arabien entsteht ein strategisches Problem: Riad wollte keinen Krieg mit Iran, aber gleichzeitig keine iranischen Raketen und Drohnen auf saudischem Territorium. Saudi-Arabien hatte zuvor jahrelang versucht, die Beziehungen zu Teheran zu stabilisieren. Jetzt wird das Königreich trotzdem wieder zum Ziel. Reuters beschreibt das saudische Dilemma treffend: Riad möchte Abschreckung herstellen, ohne selbst in den amerikanisch-iranischen Krieg hineingezogen zu werden. Genau hier erscheint der Mekka-Pakt.
Saudi-Arabiens eigentliches Problem: Die USA schützen – aber zu welchen Bedingungen?
Seit Jahrzehnten basiert die Sicherheitsarchitektur am Golf im Kern auf einem einfachen Tausch: amerikanischer militärischer Schutz gegen politische Zusammenarbeit und Stabilität der Energieversorgung. Saudi-Arabien blieb dabei eng mit Washington verbunden. Doch das Vertrauen bekam Risse. 2019 wurden die saudischen Ölanlagen von Abqaiq und Khurais angegriffen. Washington reagierte nicht mit dem großen militärischen Gegenschlag, den manche in Riad erwartet hatten. Dann kamen amerikanische Kurswechsel: Obama und der Iran-Deal, Trump und der Ausstieg aus dem Iran-Deal, Biden und die zunächst distanzierte Saudi-Politik, Trump erneut, Israel, Gaza, Katar, Iran.
Für die Golfstaaten bedeutet das: Die Vereinigten Staaten bleiben militärisch unverzichtbar – aber politisch nicht mehr vollständig berechenbar. Der Council on Foreign Relations sieht im Mekka-Abkommen deshalb sogar ein Symptom für das Ende einer jahrzehntelangen ausschließlich von Washington dominierten regionalen Ordnung. Das bedeutet nicht, dass Saudi-Arabien Amerika den Rücken kehrt. Es bedeutet etwas Raffinierteres: Saudi-Arabien versichert sich zusätzlich – USA, Pakistan, Türkei, vielleicht bald Ägypten. Riad baut mehrere Sicherheitsnetze gleichzeitig.
Und plötzlich steht Pakistan im Zentrum
Pakistan ist dabei der vielleicht faszinierendste Spieler. Wirtschaftlich ist Pakistan deutlich schwächer als Saudi-Arabien oder die Türkei. Militärisch sieht es anders aus. Das Land verfügt über eine sehr große Armee und Atomwaffen. Saudi-Arabien wiederum unterstützt Pakistan seit Jahrzehnten finanziell; zuletzt bestanden unter anderem milliardenschwere saudische Finanzhilfen. Pakistanische Soldaten sind seit Jahrzehnten in Saudi-Arabien tätig, Pakistan bildet saudische Militärangehörige aus. Mittlerweile befinden sich nach Reuters-Angaben ungefähr 8.000 pakistanische Soldaten sowie Flugzeuge, Drohnen und Luftverteidigungssysteme im Königreich. Das ist keine theoretische Partnerschaft. Pakistan ist militärisch bereits präsent.
Die große Frage: Gehört die pakistanische Atombombe jetzt indirekt dazu?
Genau hier wird es heikel. Saudi-Arabien und Pakistan vermeiden eine eindeutige Antwort. Schon beim bilateralen Vertrag von 2025 erklärte ein hochrangiger saudischer Vertreter gegenüber Reuters auf die Frage nach der pakistanischen nuklearen Abschreckung lediglich, das Abkommen umfasse „alle militärischen Mittel". Pakistan wiederum erklärte später ausdrücklich, Atomwaffen seien „not on the radar" des Abkommens. Beim neuen trilateralen Pakt erklärte Saudi-Arabiens stellvertretender Minister für Public Diplomacy, Rayed Krimly, ausdrücklich, das Abkommen stehe weder für einen militärischen Block noch für einen nuklearen Rüstungswettlauf.
Damit gilt derzeit: Eine formelle pakistanische Nukleargarantie für Saudi-Arabien oder die Türkei ist nicht belegt. Aber strategische Abschreckung funktioniert nicht nur über Verträge. Pakistan ist eine Atommacht. Wenn Pakistan öffentlich garantiert, einen Angriff auf Saudi-Arabien als Angriff auf sich selbst zu betrachten, wird jeder potenzielle Gegner diese Tatsache zwangsläufig in seine Kalkulation einbeziehen. Genau deshalb sprach Reuters bereits 2025 davon, dass die pakistanische Nuklearkapazität zumindest in die Sicherheitsgleichung des Nahen Ostens eingetreten sei. Das ist ein großer Unterschied.
Der australische Verteidigungsanalyst Mansoor Ahmed vom Strategic and Defence Studies Centre der Australian National University fügt dem eine wichtige Präzisierung hinzu: Pakistans nukleare Ausrichtung bleibe trotz des neuen Pakts weiterhin primär auf die wahrgenommene Bedrohung durch Indien ausgerichtet, nicht auf den Nahen Osten – während Pakistan und die Türkei etablierte Verteidigungsindustrien einbrächten und Saudi-Arabien vor allem finanzielle und technologische Investitionsmöglichkeiten biete. Die nukleare Komponente bleibt also eher ein Hintergrundfaktor der Abschreckung als ein aktiv eingesetztes Instrument.
Warum braucht die Türkei diesen Pakt?
Auch Ankara verfolgt eigene Interessen. Die Türkei ist NATO-Mitglied und besitzt also bereits Artikel 5. Warum braucht Erdoğan eine zweite Verteidigungsarchitektur? Weil NATO-Mitgliedschaft und regionale Machtpolitik zwei verschiedene Dinge sind. Die Türkei versucht seit Jahren, strategisch eigenständiger zu werden – sie entwickelt eigene Drohnen, Raketen, Kriegsschiffe, elektronische Kampfsysteme, Kampfflugzeuge und Luftverteidigung. Saudi-Arabien wiederum ist ein enorm attraktiver Abnehmer und Investor. Pakistan arbeitet bereits seit Jahren eng mit der türkischen Verteidigungsindustrie zusammen – Reuters verweist unter anderem auf gegenseitige Lieferung beziehungsweise Kooperation bei Kriegsschiffen und Trainingsflugzeugen; Saudi-Arabien wiederum kauft türkische Drohnentechnik.
Aus türkischer Sicht entsteht damit ein großer gemeinsamer Rüstungsraum: saudisches Kapital, türkische Technologie, pakistanische Produktionskapazität und militärische Erfahrung. Das könnte langfristig bedeutender werden als die Beistandsklausel selbst.
Der Atlantic Council ordnet Ankaras Motivation dabei noch präziser ein als eine reine Reaktion auf den Iran-Krieg: Für die Türkei erweitere der Pakt einen bereits bestehenden Schutzschirm über Verbündete in Katar, Syrien und Libyen und verleihe diesem „muslimischen kollektiven Verteidigungsmechanismus" zusätzliche Dichte und massive neue Ressourcen. Während Saudi-Arabien vor allem ein Gegengewicht zu Iran suche und Pakistan eines zu Indien, verschaffe der Pakt Ankara insbesondere eine deutlich verstärkte Abschreckung gegenüber Israel – einem Nachbarn, dessen Führung zunehmend offen von Feindschaft und möglichem Konflikt mit der Türkei spreche.
Und Erdoğan verfolgt eine größere Idee
Hakan Fidan beschrieb bereits im Januar die dahinterliegende türkische Vision ungewöhnlich offen: Regionale Staaten müssten eigene Sicherheitsmechanismen schaffen, damit Misstrauen nicht ständig Raum für äußere Hegemonie und Intervention schaffe. Das ist fast die geopolitische Grundsatzerklärung des gesamten Paktes: Sicherheit im Nahen Osten soll nicht mehr ausschließlich in Washington organisiert werden. Für Erdoğan passt das perfekt zu seiner Vorstellung einer Türkei als eigenständigem Machtzentrum – nicht vollständig westlich, nicht russisch, nicht chinesisch, nicht iranisch, sondern türkisch und regional.
Saudi-Arabien liefert das Geld
Saudi-Arabien wiederum besitzt etwas, was sowohl Pakistan als auch die Türkei gut gebrauchen können: Kapital. Dazu kommen enorme Energieexporte und geografische Lage. Saudi-Arabien liegt zwischen Rotem Meer, Persischem Golf, Suez-Verbindung, Bab al-Mandab und Straße von Hormus. Damit befindet sich das Königreich unmittelbar zwischen zwei der empfindlichsten maritimen Engpässe der Weltwirtschaft. Und genau diese Verkehrswege werden zunehmend zum militärischen Problem.
Der Pakt hängt unmittelbar mit dem Roten Meer zusammen
Parallel zum Mekka-Abkommen baut Saudi-Arabien derzeit eine internationale maritime Sicherheitskoalition im Roten Meer auf. Die Türkei beteiligt sich bereits an den Gesprächen in Jeddah. Der Grund ist offensichtlich: Die Huthi können den Zugang zum Bab al-Mandab bedrohen, Iran kann Druck auf die Straße von Hormus ausüben. Damit könnte Saudi-Arabien theoretisch gleichzeitig seine wichtigsten Ausfuhrwege nach Osten und Westen verlieren. Reuters weist darauf hin, dass der saudische Hafen Jazan und der gegenüberliegende Raum um Mocha strategisch unmittelbar an Bab al-Mandab liegen. Sollte diese Route blockiert werden, würde Saudi-Arabien eine zentrale Alternative zur Straße von Hormus verlieren.
Das erklärt, warum der Mekka-Pakt nicht nur eine Reaktion auf Raketen ist. Es geht auch um Handelswege, Öl, Häfen, Schifffahrt und Weltwirtschaft.
Und nur zwei Tage nach der Unterzeichnung kam der erste Test
Am 9. August griffen die Huthi nach eigenen Angaben die saudische Aramco-Raffinerie in Jazan mit einer Drohne an. Es entstand ein Feuer, das laut saudischem Energieministerium gelöscht wurde; Verletzte wurden nicht gemeldet. Damit passierte fast sofort das, wofür der neue Vertrag eigentlich geschaffen wurde: Ein Mitglied wurde angegriffen. Und? Pakistan griff Iran beziehungsweise die Huthi nicht an, die Türkei ebenfalls nicht, Saudi-Arabien forderte keine Anwendung der gegenseitigen Verteidigungsklausel. Das zeigt bereits die Grenze des Vergleichs mit einer „NATO". Hakan Fidan erklärte selbst, dass sich die drei Staaten nach einem Angriff zunächst beraten und anschließend entscheiden würden, welche Form und welches Ausmaß der Unterstützung notwendig sei. Das kann heißen: Geheimdienstinformationen, Luftabwehr, Logistik, Munition, Drohnen, Marineeinheiten – oder im Extremfall direkte militärische Unterstützung. Aber nicht automatisch Krieg.
Interessanterweise funktioniert auch NATO-Artikel 5 nicht ganz so automatisch, wie oft behauptet
Auch der NATO-Vertrag zwingt nicht jeden Staat dazu, unmittelbar mit allen verfügbaren Streitkräften in einen Krieg einzutreten. Jeder Verbündete ergreift die Maßnahmen, die er für notwendig hält. Der Vergleich Fidans ist deshalb technisch gar nicht völlig absurd. Der entscheidende Unterschied liegt derzeit vielmehr in der Infrastruktur. Die NATO besitzt jahrzehntelang eingespielte Kommandostrukturen, gemeinsame Verteidigungspläne, Hauptquartiere, standardisierte Verfahren, Logistik, Übungen, integrierte Luftverteidigung. Der Mekka-Pakt beginnt gerade erst, genau solche Mechanismen aufzubauen.
Deshalb: Artikel-5-Prinzip – ja. Zweite NATO – noch lange nicht. Analysten der South China Morning Post fassen diese Einschätzung nach Gesprächen mit mehreren Sicherheitsexperten pointiert zusammen: Der Pakt bleibe „weit entfernt" von einer echten NATO-artigen Verteidigungsallianz, da divergierende strategische Interessen und eine schwache gemeinsame Verteidigungskapazität die eigentlichen Herausforderungen blieben.
Ist die Allianz gegen Iran gerichtet?
Auf den ersten Blick könnte man das vermuten. Drei sunnitisch dominierte Staaten schließen während eines Krieges mit dem schiitischen Iran einen Verteidigungspakt. Iranische Raketen und mit Iran verbundene Gruppen greifen Saudi-Arabien an. Klingt eindeutig. Aber die Wirklichkeit ist komplizierter. Sowohl Pakistan als auch die Türkei erklären ausdrücklich, der Pakt sei nicht gegen Iran gerichtet. Pakistan versucht sogar gleichzeitig, zwischen Washington und Teheran zu vermitteln. Das pakistanische Außenministerium betont weiterhin seine diplomatischen Kontakte zu Iran und die Bemühungen um eine politische Lösung. Und erstaunlicherweise reagiert Iran bisher relativ entspannt.
Teherans Reaktion ist fast schon bemerkenswert freundlich
Irans Außenministerium erklärte am 10. August, man sehe keinen Grund zur Sorge. Sprecher Esmaeil Baghaei interpretierte den Pakt sogar positiv als Zeichen dafür, dass regionale Länder bei ihrer Sicherheit stärker auf eigene Fähigkeiten statt auf außenregionale Mächte setzen. Dann fügte er allerdings den entscheidenden iranischen Zusatz hinzu: Eine regionale Sicherheitsarchitektur könne funktionieren, wenn sie den „richtigen Gegner und die richtige Bedrohung" identifiziere. Damit meinte Teheran: Israel.
Aus iranischer Perspektive könnte derselbe Pakt also theoretisch sogar Teil einer postamerikanischen regionalen Sicherheitsordnung sein – solange er nicht zur Anti-Iran-Allianz wird. Das ist geopolitisch ausgesprochen interessant.
Israel schlägt Alarm: „Dieses Bündnis richtet sich gegen uns"
Während Iran demonstrativ gelassen reagiert, ist die israelische Reaktion das genaue Gegenteil – und dieser Teil fehlte in der bisherigen Betrachtung fast vollständig, obwohl er inzwischen zu den meistdiskutierten Aspekten des gesamten Pakts gehört. Ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal Ynet unverblümt: „Dieses Abkommen beunruhigt uns. Es ist ein Pakt, der sich gegen Israel richtet." Er fügte hinzu, man wäre nicht überrascht, wenn auch Ägypten dem „Mekka-Bündnis" beitrete, und äußerte die Sorge, dies könnte „feindliche Kräfte direkt vor Israels Haustür" bringen. Derselbe Vertreter ordnete die Entwicklung in einen größeren regionalen Trend ein: Die „schiitische Achse" um Iran habe sich abgeschwächt, während die „sunnitische Achse" seit Längerem an Stärke gewinne – weshalb Israel „alternative Bündnisse" aufbauen müsse, insbesondere mit der „hellenischen Achse" aus Griechenland und Zypern, gemeinsam mit Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Genau das tut Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bereits: Nach Angaben von Al Jazeera verfolgt er das Konzept eines „Sechsecks der Allianzen" („hexagon of alliances") aus Israel, Griechenland, Zypern und – bemerkenswerterweise – Pakistans regionalem Erzrivalen Indien, ergänzt um weitere, nicht näher benannte arabische, afrikanische und asiatische Staaten. Das fällt zeitlich mit israelischen Parlamentswahlen zusammen, was der Debatte im Land zusätzliche innenpolitische Brisanz verleiht.
Nicht alle israelischen Beobachter teilen jedoch die alarmierte Lesart. Der Nahost-Historiker Ahron Bregman ordnete gegenüber Al Jazeera deutlich nüchterner ein: Der Pakt spiegele „vor allem mangelndes Vertrauen in die USA und deren Fähigkeit oder Bereitschaft, ihre nahöstlichen Verbündeten zu schützen" wider. Er glaube, der Pakt handle eher davon, „sich gemeinsam gegen Iran zu wappnen als sich gegen Israel zu richten" – wobei er zugleich bezweifelte, dass sich die drei Staaten im Ernstfall tatsächlich gegenseitig helfen würden, etwa wenn Iran einen saudischen Tanker angreife.
Auch die Zeitung Times of Israel widersprach der alarmistischen Lesart des zitierten Regierungsvertreters explizit und bezeichnete dessen Interpretation, wonach Ägypten „feindliche Kräfte" an Israels Grenze bringen könnte, als fundamentales Missverständnis sowohl des eigentlichen Ziels des Pakts als auch der Rolle Kairos: Ägypten stehe der Türkei aufgrund des gemeinsamen Stellvertreterkriegs in Libyen und Ankaras früherer Unterstützung der von Präsident al-Sisi 2013 gestürzten Muslimbruderschaft äußerst misstrauisch gegenüber und zeige bislang wenig Interesse, einem Pakt mit derart ausgeprägter religiöser Symbolik beizutreten, selbst wenn man die sunnitische Identität teile. Die interessantere Deutung, so ein von der Zeitung zitierter Analyst, habe eigentlich der iranische Außenamtssprecher selbst geliefert, indem er den wahren Kern des Abkommens treffender erfasst habe als die israelische Sicherheitsbürokratie.
Die Zeitung Jerusalem Post wiederum sieht eine indirekte, aber sehr reale Konsequenz: Der Mekka-Pakt erschwere den ohnehin schon schwierigen Weg zu einer saudisch-israelischen Normalisierung zusätzlich. Indem sich Riad enger an Ankara und Islamabad binde – zwei Hauptstädte, die Jerusalem gegenüber ausgesprochen ablehnend eingestellt seien –, erhöhe sich der politische und strategische Preis, den Saudi-Arabien für eine Annäherung an die Abraham-Abkommen zu zahlen hätte. Das gebe der Türkei und Pakistan zwar kein formelles Vetorecht über die saudische Außenpolitik, mache es aber unwahrscheinlicher, dass Riad von seiner Bedingung abrücke, wonach eine Normalisierung einen glaubwürdigen Weg zu einem palästinensischen Staat voraussetze. Bezeichnenderweise führten Netanyahu und der indische Ministerpräsident Narendra Modi unmittelbar nach der Unterzeichnung ein Gespräch über „jüngste Entwicklungen in Westasien", in dem laut offizieller Zusammenfassung ausdrücklich auch „Fortschritte bei verschiedenen Aspekten der indisch-israelischen strategischen Partnerschaft" zur Sprache kamen – ein Hinweis darauf, dass der Mekka-Pakt indirekt bereits eine Gegenbewegung zwischen Israel und Indien beschleunigt.
Chinas Blick: abwartend, aber keineswegs uninteressiert
Auch die chinesische Perspektive fehlte bislang, obwohl sie für das Gesamtbild wichtig ist. Peking hat den Pakt nicht offiziell begrüßt, aber die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hob ihn ausdrücklich als Reaktion auf wachsende regionale Sicherheitsbedenken hervor – passend zu Chinas langjähriger These, nahöstliche Staaten sollten ihre Sicherheit selbst gestalten, statt sich auf eine externe Macht zu verlassen. In chinesischen sozialen Netzwerken löste das Abkommen erhebliches Interesse aus: Auf Weibo erreichten Hashtags wie „Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan unterzeichnen gemeinsames Verteidigungsabkommen" und „Iran begrüßt das Verteidigungsabkommen" jeweils tausende Aufrufe, ein Kommentator bezeichnete den Pakt als „sunnitische NATO".
Nach Analyse des Portals The Print identifizierte chinesische Kommentierung dabei drei wiederkehrende Themen: erstens die schwindende Rolle der USA in der Region, zweitens die Sorge, der Pakt könne sich zu einem breiteren west- und südasiatischen Sicherheitsnetzwerk entwickeln und damit Indiens strategischen Handlungsspielraum einengen, und drittens die auffällige zeitliche Nähe zu einem indischen Test der Agni-4-Mittelstreckenrakete – nur einen Tag vor der Unterzeichnung in Mekka –, den chinesische Kommentatoren als bewusstes Signal Neu-Delhis an Pakistan und an jede außenstehende Macht deuteten, die eine tiefere Einmischung in Südasien erwäge. Eine Analyse des Wirtschaftsportals Sina Finance mahnte zugleich zur Vorsicht: Die drei Vertragsstaaten verfolgten grundlegend unterschiedliche strategische Prioritäten, was den Vergleich mit einer vollwertigen NATO-Struktur voreilig erscheinen lasse – eine Einschätzung, die sich fast wortgleich mit jener westlicher Thinktanks deckt.
Der Middle East-Nachrichtendienst Al-Monitor sieht für China konkret drei Vorteile: Erstens passe der Pakt zu Pekings langjähriger Erzählung, wonach die Region ihre Sicherheit zunehmend selbst organisieren solle. Zweitens eröffneten sich überlappende Lieferketten- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen den drei Unterzeichnerstaaten, selbst wenn Chinas Verteidigungsbeziehungen zur Türkei bislang deutlich weniger entwickelt seien als jene zu Pakistan. Drittens – und das dürfte langfristig am bedeutsamsten sein – biete der durch den Iran-Krieg beschleunigte Bedarf an Drohnen, Raketen und Luftverteidigung China einen wachsenden Rüstungsmarkt: Berichte über ein geplantes Wing-Loong-3-Drohnenprojekt sowie eine Fertigungsanlage in Jeddah deuten darauf hin, dass sich China nicht nur als Waffenverkäufer, sondern als eingebetteter Partner in saudischer Ausbildung, Wartung und industrieller Infrastruktur positionieren könnte.
Gleichzeitig zeigt sich, wie ambivalent Chinas Position tatsächlich ist. Analysten der South China Morning Post weisen auf ein „nukleares Dilemma" für Peking hin: China unterhält sowohl zu Pakistan als auch zu Saudi-Arabien enge Beziehungen, einschließlich einer langjährigen Zusammenarbeit mit Riad am zivilen Atomprogramm des Königreichs – möchte aber vermeiden, dass sich die informelle nukleare Dimension des Mekka-Pakts weiter vertieft, um weder Washington zu provozieren noch selbst den Eindruck nuklearer Proliferationsförderung zu erwecken. Das Nachrichtenportal Türkiye Today beschreibt zudem ein handfestes militärtechnisches Problem, das Peking genau beobachtet: Pakistan setzt chinesische J-10CE-Kampfjets ein, während die Türkei NATO-Standards und eine umfangreiche eigene Rüstungsindustrie mitbringt – jede ernsthafte gemeinsame Verteidigungsstruktur müsste also früher oder später Ausrüstung, Kommunikationssysteme und militärische Doktrinen aus vollkommen unterschiedlichen technischen Ökosystemen miteinander vereinbaren. Der chinesische Militärkommentator Teng Jianqun verwies in diesem Zusammenhang auf ungelöste Fragen zu gemeinsamen Zielen, militärischer Integration und Kosten; auch Xinhuas eigene, spätere Einschätzung warnte ausdrücklich davor, den Pakt bereits als fertige NATO-ähnliche Struktur zu behandeln.
Insgesamt ergibt sich damit ein Bild abwartender, aber keineswegs passiver chinesischer Beobachtung: Peking sieht im Mekka-Pakt weniger eine Bedrohung als eine Gelegenheit zu vertiefter wirtschaftlicher und diplomatischer Einbindung, ohne selbst Verantwortung für die Sicherheitsgarantie zu übernehmen – ein Muster, das sich in Chinas gesamter Nahost-Strategie der vergangenen Jahre wiederholt.
Denn Saudi-Arabien fürchtet inzwischen nicht mehr nur Iran
Hier liegt einer der wichtigsten Punkte. Jahrzehntelang lautete das einfache westliche Modell: Saudi-Arabien plus Israel plus USA gegen Iran. Dieses Bild funktioniert zunehmend schlechter. Bereits nach dem israelischen Angriff auf Katar 2025 erklärten Golfstaaten, dass inzwischen auch Israel selbst als Sicherheitsrisiko wahrgenommen werde. Saudi-Arabien versucht deshalb gleichzeitig, Iran abzuschrecken, Israel einzuhegen, die USA als Partner zu behalten und eigene strategische Optionen aufzubauen. Genau deshalb ist der Mekka-Pakt kein klassischer Anti-Iran-Block. Er ist eher eine Versicherung gegen die gesamte Instabilität der Region.
Für die USA ist das vermutlich die wichtigste Botschaft überhaupt
Keines der drei Länder hat Washington zum Gegner erklärt. Im Gegenteil: Saudi-Arabien ist enger US-Partner, Pakistan arbeitet erneut intensiver mit Washington zusammen, die Türkei ist NATO-Mitglied. Und gerade deshalb ist der Vertrag so interessant: Drei amerikanische Partner bauen eine Sicherheitsarchitektur auf, die ohne Amerika funktionieren soll. Das ist etwas anderes als Antiamerikanismus. Es ist strategische Absicherung gegen amerikanische Unberechenbarkeit. CFR geht sogar so weit zu argumentieren, dass nach fünf Jahrzehnten kaum noch von einer ausschließlich US-geführten Ordnung des Nahen Ostens gesprochen werden könne. Modern Diplomacy präzisiert diese Deutung allerdings sinnvoll: Es gehe für die drei Staaten weniger darum, die USA vollständig abzulösen, als sich abzusichern („hedging"), ohne sich endgültig für eine Seite zu entscheiden – eine Unterscheidung, die für das Verständnis der amerikanischen Reaktion entscheidend sein dürfte.
Pakistan bekommt dadurch ein Problem mit Indien
Pakistan hat seinen traditionellen militärischen Schwerpunkt eigentlich nicht im Nahen Osten. Er heißt Indien. Deshalb beobachtet Neu-Delhi den Pakt sehr genau. Das indische Außenministerium erklärte, es prüfe die Auswirkungen des neuen Abkommens auf Indiens nationale Sicherheit sowie die regionale und globale Stabilität. Die entscheidende Frage lautet: Was geschieht bei einem neuen indisch-pakistanischen Krieg? Müssten Saudi-Arabien und die Türkei Pakistan unterstützen? Rein nach dem öffentlich bekannten Wortlaut möglicherweise ja. CFR weist genau auf dieses Problem hin: Die Beistandsklausel könnte theoretisch die Nahostmächte in einen südasiatischen Konflikt hineinziehen.
Allerdings lassen sowohl die bisherige Flexibilität des Vertrags als auch die chinesische Einschätzung (siehe oben) vermuten, dass „Unterstützung" keineswegs automatisch direkte Kriegsteilnahme bedeutet. Die South China Morning Post ordnet die tatsächliche Bedeutung für Indien präzise ein: Entscheidend sei weniger, ob die Klausel jemals konkret angerufen werde, sondern wie sie Pakistans strategische Position sowie das Kräfteverhältnis zwischen den drei Atommächten China, Indien und Pakistan langfristig verändere – ein Dreiecksverhältnis, das durch wiederkehrende tödliche Zwischenfälle geprägt ist, zuletzt die Galwan-Zusammenstöße zwischen indischen und chinesischen Truppen 2020 sowie ein weiterer indisch-pakistanischer Konflikt im Vorjahr.
Und jetzt könnte Ägypten hinzukommen
Das macht die Entwicklung noch interessanter. Erdoğan und Fidan haben ausdrücklich erklärt, dass weitere Staaten beitreten können. Besonders genannt wird Ägypten. Der ägyptische Außenminister Badr Abdelatty erklärte inzwischen, Kairo prüfe einen Beitritt ernsthaft – auch wenn, wie oben dargestellt, die Times of Israel unter Berufung auf Nahost-Analysten erhebliche Zweifel an einem tatsächlich baldigen ägyptischen Beitritt äußert, gerade wegen des historischen Misstrauens zwischen Kairo und Ankara.
Sollte Ägypten dennoch beitreten, wären gleichzeitig darin vereint: die beiden größten beziehungsweise wichtigsten sunnitischen arabischen Staaten, eine Atommacht, zwei der größten muslimischen Armeen, ein NATO-Mitglied, die Hüterstaaten von Mekka und Medina, sowie Staaten an Suezkanal, Rotem Meer, Persischem Golf, Mittelmeer und Indischem Ozean. Dann könnte man tatsächlich anfangen, über eine neue islamisch-regionale Sicherheitsarchitektur zu sprechen.
Vier Szenarien für die weitere Entwicklung
Szenario 1: Der Pakt bleibt hauptsächlich politische Abschreckung. Das ist kurzfristig das wahrscheinlichste Szenario: gemeinsame Übungen, Luftverteidigung, Geheimdienstkooperation, Drohnen, Rüstungsprojekte, Marinesicherung, pakistanische Kräfte in Saudi-Arabien – aber keine gemeinsame Kriegführung. Das würde Saudi-Arabien zusätzliche Sicherheit geben, ohne Pakistan und Türkei unmittelbar in den Iran-Krieg hineinzuziehen. Der bisherige Umgang mit den Huthi-Angriffen spricht durchaus dafür.
Szenario 2: Eine echte regionale Verteidigungsorganisation entsteht. Wenn Ägypten beitritt und weitere Staaten folgen, könnte sich die Struktur institutionalisieren: gemeinsames Hauptquartier, integrierte Luftverteidigung, Radar- und Satellitendaten, gemeinsame Raketenabwehr, Marinekommandos, gemeinsame Waffenentwicklung, standardisierte Übungen und möglicherweise dauerhaft stationierte Verbände. Die jetzt angekündigten politischen und militärischen Mechanismen wären dafür bereits die Grundlage. Dann wäre „islamische NATO" irgendwann nicht mehr nur eine Schlagzeile.
Szenario 3: Aus Abschreckung entsteht Blockkonfrontation. Das wäre die gefährlichste Entwicklung: auf der einen Seite Saudi-Arabien, Türkei, Pakistan, möglicherweise Ägypten; auf der anderen ein geschwächter, aber weiterhin mächtiger Iran und seine regionalen Verbündeten, dazu Israel, und dahinter USA, China, Russland. Dann würde aus einem Verteidigungspakt möglicherweise genau das entstehen, was seine Gründer offiziell verhindern wollen: eine neue Blocklogik. Deshalb versucht Teheran derzeit offensichtlich, den Pakt nicht automatisch als feindlich zu definieren.
Szenario 4: Die Allianz richtet sich langfristig weniger gegen Iran als gegen Abhängigkeit von Großmächten. Das wäre geopolitisch vielleicht das faszinierendste Szenario. Saudi-Arabien arbeitet mit den USA – aber auch mit China. Die Türkei gehört zur NATO – kooperiert aber mit Russland und regionalen Staaten. Pakistan arbeitet mit den USA – ist aber gleichzeitig strategischer Partner Chinas. Alle drei verfolgen zunehmend Multi-Alignment: nicht Washington oder Peking, sondern Washington und Peking, je nachdem, wo das eigene Interesse liegt. Damit passt der Mekka-Pakt in einen größeren globalen Trend: Mittelmächte wollen nicht mehr einfach Teil eines amerikanischen, russischen oder chinesischen Blocks sein. Sie wollen selbst Machtzentren bilden.
Ergänzend ließe sich, ausdrücklich als Spekulation, ein fünftes Szenario formulieren: dass sich um den Mekka-Pakt herum in den kommenden Jahren zwei lose, einander teilweise überlappende Beziehungsnetze verfestigen – ein sunnitisch-pakistanisch geprägtes Netzwerk auf der einen und Netanyahus „Sechseck" aus Israel, Griechenland, Zypern und Indien auf der anderen Seite –, ohne dass daraus jemals formale, geschlossene Militärblöcke im Kalte-Kriegs-Stil würden. Ein solches Muster würde eher an die unübersichtlichen, sich ständig neu sortierenden Bündnisgeflechte Europas vor 1914 erinnern als an die klar abgegrenzte Blockwelt des 20. Jahrhunderts – mit allen Risiken, die ein derart fragmentiertes System für die Vorhersehbarkeit internationaler Krisen mit sich bringt.
Die eigentliche Sensation ist deshalb nicht Artikel 5
Natürlich ist die gegenseitige Beistandsklausel spektakulär. Aber vielleicht wird ein anderer Teil langfristig wichtiger: die Zusammenführung von Kapital, Technologie und militärischer Produktionskapazität. Saudi-Arabien will seine Rüstungsindustrie massiv ausbauen, die Türkei besitzt inzwischen eine erfolgreiche eigene Verteidigungsindustrie, Pakistan verfügt über große Streitkräfte, Raketenprogramme, Nukleartechnologie und eine wachsende Verteidigungsindustrie. Die drei Staaten erklären nun ausdrücklich, dass sie künftig gemeinsam entwickeln und produzieren wollen. Das bedeutet: nicht mehr nur amerikanische F-15, nicht nur europäische Eurofighter, nicht nur chinesische Systeme, sondern langfristig eigene Systeme. Das ist echte strategische Autonomie.
Und Mekka war als Ort vermutlich kein Zufall
Der Vertrag wurde nicht in einem anonymen Konferenzraum in Genf unterschrieben, sondern in Mekka, am Freitag, zwischen drei großen muslimischen Staaten. Reuters zitiert den Nahostexperten Sultan Alamer mit der Einschätzung, dass der Ort bewusst die Symbolik einer gemeinsamen Ummah, also einer politischen Gemeinschaft der Muslime, transportiere. Das bedeutet nicht, dass plötzlich eine religiöse Militärallianz entsteht – Saudi-Arabien selbst weist die Interpretation eines sektiererischen sunnitischen Blocks ausdrücklich zurück. Aber politische Symbolik wird selten versehentlich gewählt. Der Nahostpolitikexperte Blaise Misztal formulierte es gegenüber der Times of Israel ähnlich: Der symbolische Effekt der Ankündigung in Mekka bestehe darin, nahezulegen, dass der sunnitisch-muslimische Charakter der beteiligten Staaten ein bewusstes Merkmal sei, kein Zufall.
Keine islamische NATO – aber möglicherweise der Anfang von etwas Größerem
Man sollte diesen Vertrag weder übertreiben noch unterschätzen. Heute gibt es keine gemeinsame Armee, keinen bekannten integrierten Oberbefehl, keine veröffentlichte automatische Kriegspflicht, keine bestätigte gemeinsame Nukleardoktrin. Deshalb wäre die Schlagzeile „Islamische NATO gegründet" zu früh.
Aber genauso falsch wäre es, das Abkommen als symbolischen Handschlag abzutun. Denn inzwischen gibt es eine gegenseitige Verteidigungsklausel, gemeinsame politische und militärische Institutionen, geplante Land-, Luft- und Seemanöver, Kooperation bei Luftverteidigung und Drohnen, elektronische Kriegführung, KI, gemeinsame Rüstungsentwicklung, eine maritime Sicherheitsstrategie und die ausdrückliche Möglichkeit weiterer Mitglieder. Und vor allem gibt es einen vollkommen neuen politischen Gedanken: Saudi-Arabien verlässt sich nicht mehr ausschließlich auf Washington, die Türkei will regionale Sicherheit nicht ausschließlich über die NATO organisieren, Pakistan verlässt endgültig seine rein südasiatische strategische Rolle – während gleichzeitig Israel bereits an einer eigenen Gegenallianz mit Griechenland, Zypern und Indien arbeitet und China aus sicherer Distanz beobachtet, wie sich zwei seiner wichtigsten Partner – Pakistan und Saudi-Arabien – enger aneinanderbinden, ohne dass Peking selbst Position beziehen müsste.
Das ist die eigentliche Geschichte. Der Iran-Krieg hat den Pakt wahrscheinlich beschleunigt. Israels immer weiter reichende Militäraktionen haben ihn attraktiver gemacht. Die Zweifel an Amerikas Zuverlässigkeit haben ihm strategische Logik gegeben. Huthi-Raketen und bedrohte Seewege verleihen ihm Dringlichkeit. Und saudisches Geld, türkische Rüstungstechnologie und pakistanische Militärmacht geben ihm Substanz.
Die Frage lautet deshalb weniger: „Ist das schon eine neue NATO?" Sondern: Erleben wir gerade den Beginn einer Sicherheitsordnung im Nahen Osten, in der die USA erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr automatisch im Mittelpunkt stehen – und in der sich parallel dazu bereits eine israelisch-indisch-griechische Gegenbewegung sowie eine abwartende chinesische Beobachterrolle formieren? Darauf deutet wesentlich mehr hin. Und sollte Ägypten tatsächlich beitreten, dürfte aus einer interessanten Vereinbarung sehr schnell eine der bedeutendsten geopolitischen Machtverschiebungen der Region werden.
Stand: 15. August 2026
Quellen
- Reuters: mehrere Artikel zur Unterzeichnung, den militärischen Mechanismen, dem saudisch-pakistanischen Vorabkommen 2025, dem Huthi-Angriff auf Jazan und der iranischen Reaktion, August 2025–2026
- Außenministerium Pakistan (mofa.gov.pk): offizielle Presseerklärungen zum Gipfel und zur Pressebriefing-Position gegenüber Iran
- Council on Foreign Relations: „The U.S.-Led Middle East Order Is Over. The Mecca Agreement Proves It."
- AP News: „Pakistan says new defense pact with Saudi and Turkey is purely defensive and open to others"
- The Times of India: Bericht zur indischen Reaktion
- The New Arab: Bericht zum möglichen ägyptischen Beitritt
- Wikipedia (englisch): „Mecca Joint Defence Agreement", Zugriff August 2026
- Al Jazeera: „Israel mulls Saudi, Turkiye, Pakistan pact as elections loom" sowie „Turkiye, Saudi Arabia, Pakistan sign joint defence agreement: What's in it?"
- Atlantic Council: „Why Saudi Arabia, Pakistan, and Turkey just signed a defense pact"
- Times of Israel: „Mecca defense pact isn't meant to challenge Israel, at least not on the battlefield"
- Ynetnews: „Israel alarmed by Saudi-Turkey-Pakistan pact: This alliance is aimed against us"
- Jerusalem Post: „Defense pact between Saudi Arabia, Turkey, Pakistan will boost India-Israel ties"
- The Print (Eye on China-Kolumne): chinesische Social-Media- und Expertenreaktionen
- South China Morning Post: mehrere Artikel zu Chinas Kalkül, dem nuklearen Dilemma und den Auswirkungen auf Indien
- Al-Monitor: „Three ways China benefits from Saudi-Turkey-Pakistan pact"
- Türkiye Today: „China is watching Mecca agreement very closely – and staying very quiet"
- Modern Diplomacy: „Mecca Defence Pact: What It Means for China, the US and the Middle East"





















