Aktuelle Berichte & Analysen
Geopolitisches Schachspiel über Europa


Was George Friedman 2015 offen aussprach: Die Logik amerikanischer Machtpolitik
– und warum Deutschland und Russland im Zentrum stehen.
Sieben Jahre vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine erklärte der amerikanische Geostratege
George Friedman in Chicago erstaunlich unverblümt, wie er die langfristigen Interessen der Vereinigten Staaten in Europa versteht. Diese erweiterte Fassung ordnet Friedmans Vortrag in einen mehr als hundertfünfzig Jahre alten Traditionsstrang ein: von der britischen Seemachtstrategie über zwei Weltkriege, den Übergang der globalen Vorherrschaft von London nach Washington, bis zu den Denkfabriken, die diese Strategie bis heute fortschreiben
– RAND, das Pentagon selbst und das Project for the New American Century.
Ein Video wirkt heute beinahe gespenstisch. Nicht deshalb, weil George Friedman 2015 den russischen Angriff vom Februar 2022 exakt vorhergesagt hätte – das tat er nicht. Und auch nicht deshalb, weil hier ein amerikanischer Regierungsvertreter geheime Pläne Washingtons öffentlich gemacht hätte. Friedman war kein Regierungsbeamter, sondern damals Gründer und Vorsitzender des privaten Analyseunternehmens Stratfor. Aber er formulierte vor einem amerikanischen außenpolitischen Publikum eine geopolitische Logik, die bemerkenswert wenig mit den moralischen Begründungen zu tun hat, mit denen Außenpolitik normalerweise öffentlich erklärt wird.
Der Vortrag trägt den Titel „Europe: Destined for Conflict?" und wurde beim Chicago Council on Global Affairs gehalten
– nach den vorliegenden Quellen am 3. Februar 2015, mit Veröffentlichung des Videos am folgenden Tag, mitten im Donbass-Krieg, nach Maidan und Krim-Annexion, kurz vor Minsk II.
Friedmans Ausgangspunkt: Staaten haben Interessen, keine Freundschaften
Friedmans Analyse basiert auf der klassischen realistischen Schule der Geopolitik: Staaten handeln nicht primär danach, ob andere Staaten sympathisch, demokratisch oder moralisch akzeptabel sind, sondern danach, ob sich Machtverhältnisse zu ihren Gunsten oder Ungunsten verändern. Die USA besäßen dabei einen entscheidenden geografischen Vorteil – geschützt durch Atlantik und Pazifik, mit gewaltiger maritimer Machtprojektion.
Wer die Seewege kontrolliere, könne militärische Macht weltweit projizieren, während potenzielle Gegner kaum das amerikanische Kernland erreichen könnten. Daraus ergibt sich für Friedman die zentrale amerikanische Aufgabe:
Keine Macht darf Eurasien so weit beherrschen, dass sie den Vereinigten Staaten ebenbürtig werden könnte.
Diese Denkfigur ist nicht Friedmans Erfindung. Sie reicht historisch weit zurück – und genau hier lohnt sich der größere Bogen.
Der historische Unterbau: von Mahan über zwei Weltkriege zur amerikanischen Weltmacht
Der amerikanische Marineoffizier und Stratege Alfred Thayer Mahan formulierte bereits 1890 in seinem einflussreichen Werk „The Influence of Sea Power upon History" die These, wonach die Kontrolle der Weltmeere über den Aufstieg und Fall von Großmächten entscheide – eine Theorie, die sowohl das britische Empire als auch, ab der Jahrhundertwende,
die aufstrebende amerikanische Flottenpolitik unmittelbar prägte. Der britische Geograf Halford Mackinder ergänzte 1904 mit seiner „Heartland"-These das kontinentale Gegenstück: Wer Osteuropa und den eurasischen Kernraum beherrsche, kontrolliere langfristig die Welt. Beide Theorien bilden bis heute das intellektuelle Fundament, auf dem Analysten wie Friedman aufbauen.
Die entscheidende historische Verschiebung fand jedoch nicht in der Theorie, sondern in der Praxis zweier Weltkriege statt. Man sollte dabei präzise bleiben: Es gibt keinen seriösen historischen Beleg dafür, dass die Vereinigten Staaten den Ersten oder Zweiten Weltkrieg absichtlich herbeiführten, um die britische Vormachtstellung zu übernehmen – diese Kriege hatten eigenständige, vielschichtige Ursachen in Europa selbst. Was sich jedoch nüchtern und faktisch belegen lässt, ist die Folge dieser Kriege für das globale Machtgefüge: Großbritannien ging aus beiden Weltkriegen wirtschaftlich ausgeblutet, hoch verschuldet – insbesondere gegenüber den USA – und mit einem sich rasch auflösenden Kolonialreich hervor, während die Vereinigten Staaten beide Male zum entscheidenden industriellen Waffenlieferanten, Kapitalgeber und schließlich militärisch ausschlaggebenden Akteur wurden. Aus dem größten Nettoschuldner der Welt vor 1914 wurde nach 1918 der größte Nettogläubiger. Nach 1945 etablierten die USA mit Bretton Woods, dem Marshallplan und der Gründung der NATO die institutionelle Architektur einer neuen, dollarbasierten und militärisch von Washington garantierten Weltordnung – eine Ordnung, die faktisch an die Stelle der zuvor britisch dominierten trat.
Der symbolische Schlusspunkt dieses Übergangs fiel jedoch nicht 1945, sondern erst 1956.
Als Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser den Suezkanal verstaatlichte und Großbritannien gemeinsam mit Frankreich und Israel militärisch intervenierte, erzwang ausgerechnet Washington – aus eigenen Kalten-Kriegs-Interessen, nicht aus Solidarität mit dem eigenen Verbündeten – den Rückzug der Briten, unter anderem durch massiven Druck auf das britische Pfund. Historiker bezeichnen die Suezkrise seither übereinstimmend als jenen Moment, in dem für alle sichtbar wurde, dass Großbritannien seine strategischen Ambitionen nicht mehr ohne amerikanische Zustimmung verfolgen konnte – der faktische Übergang der Rolle als externe Ordnungsmacht des Nahen Ostens von London nach Washington. Bezeichnenderweise zog das Nachrichtenportal Middle East Eye im März 2026, mitten im aktuellen Iran-Konflikt um die Straße von Hormus, exakt diese Parallele: Ebenso wie 1956 eine überlegene Militärmacht an ökonomischer Erschöpfung und strategischer Überdehnung habe scheitern können, stehe nun die Frage im Raum, ob eine ähnliche Dynamik den USA selbst bevorstehen könnte – ein „Suez-Moment", diesmal für Washington.
Das ist keine Behauptung, die Weltkriege oder die Suezkrise seien von einer geheimen Zentrale „geplant" worden.
Es ist eine belegbare strukturelle Beobachtung: Machtübergänge zwischen Großmächten erfolgen historisch selten durch bewusste Verschwörung, sondern durch die kumulative Wirkung von Kriegen, Schulden, Bündnissystemen und ökonomischer Erschöpfung – ein Muster, das sich, wie im Folgenden gezeigt wird, seit den 1990er Jahren in amerikanischen Strategiedokumenten explizit und bewusst zum Planungsprinzip erhoben findet.
Die Wolfowitz-Doktrin: als die Doktrin schriftlich wurde
Der wohl konkreteste Beleg dafür, dass amerikanische Strategen die von Friedman beschriebene Logik nicht nur analysieren, sondern aktiv zur offiziellen Regierungspolitik erheben wollten, stammt aus dem Jahr 1992. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beauftragte Verteidigungsminister Dick Cheney seinen damaligen Unterstaatssekretär für Politik, Paul Wolfowitz, mit der Ausarbeitung einer neuen „Defense Planning Guidance" (DPG) für die Haushaltsjahre 1994 bis 1999. Der von Wolfowitz und seinem Stellvertreter Lewis „Scooter" Libby verfasste Entwurf vom 18. Februar 1992 wurde am 7. März 1992 der New York Times zugespielt und löste eine öffentliche Kontroverse aus, die bis heute unter dem Namen „Wolfowitz-Doktrin" bekannt ist.
Der zentrale Satz des Dokuments, mittlerweile vollständig freigegeben, lautet sinngemäß: Erstes Ziel amerikanischer Politik müsse es sein, das Wiederentstehen eines neuen Rivalen zu verhindern – sei es auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion oder anderswo –, der eine Bedrohung vergleichbar jener darstellen könnte, die einst von der UdSSR ausging. Die USA müssten jene Führungsstärke zeigen, die nötig sei, um eine neue Ordnung zu etablieren und zu schützen, welche potenzielle Konkurrenten davon überzeuge, ihre legitimen Interessen nicht durch eine aggressivere Haltung durchzusetzen. Explizit benannt wurden dabei drei Weltregionen, deren Beherrschung durch eine feindliche Macht die USA um jeden Preis verhindern müssten: Europa, Ostasien und – bereits 1992 – der Persische Golf.
Nach dem Leck wurde die öffentlich zugängliche, entschärfte Endfassung als „Defense Strategy for the 1990s" veröffentlicht; die ursprüngliche, unverblümtere Formulierung blieb jedoch als das eigentliche strategische Rückgrat amerikanischer Nachkriegs-Kalter-Krieg-Politik in der Fachwelt bestehen. Bemerkenswert für den hier hergestellten Zusammenhang: An der Ausarbeitung des Dokuments war maßgeblich der Wolfowitz-Mitarbeiter Andrew Hoehn beteiligt, der später Vizepräsident der RAND Corporation wurde – ein biografisches Detail, das die enge personelle Verflechtung zwischen dem Pentagon und der einflussreichsten amerikanischen Verteidigungs-Denkfabrik exemplarisch zeigt.
RAND Corporation: die Denkfabrik hinter der Doktrin
Die RAND Corporation, 1946 von der US-Luftwaffe gegründet, um kriegswirtschaftliche und strategische Expertise auch im Frieden verfügbar zu halten, gehört seither zu den einflussreichsten sicherheitspolitischen Institutionen der Vereinigten Staaten. Der Journalist und Buchautor Alex Abella beschrieb RAND-Analysten in seiner vielzitierten Studie „Soldiers of Reason: The RAND Corporation and the Rise of the American Empire" als „Fürsprecher, Planer und Höflinge eines sich ständig ausdehnenden Amerika" – eine pointierte, aber quellenbasierte Zusammenfassung von RANDs institutioneller Rolle seit dem Kalten Krieg, in dem die Organisation maßgeblich an der Entwicklung der amerikanischen Nukleardoktrin, der Sowjetunion-Forschung und der modernen Systemanalyse beteiligt war.
Was RAND besonders bemerkenswert macht, ist die Offenheit, mit der die Organisation ihre eigene strategische Grundausrichtung heute selbst benennt. 2020 gründete RAND mit Unterstützung des libertären Charles Koch Institute ein eigenes „Center for Analysis of U.S. Grand Strategy", das nach RANDs eigener Beschreibung untersucht, was verschiedene politische Lager „liberalen Internationalismus, liberale Hegemonie oder Primat" nennen – eine Formulierung, die implizit bestätigt, dass „Primat" (also Vorherrschaft) als legitime, ernsthaft diskutierte Kategorie amerikanischer Grand Strategy gilt, nicht als Verschwörungstheorie von außen. In einem RAND-Forschungsbrief aus jüngerer Zeit heißt es programmatisch, die Vereinigten Staaten sollten „weiterhin die Führung bei der Aufrechterhaltung und Ausweitung einer regelbasierten internationalen Ordnung" übernehmen. Und in einer aktuellen RAND-Studie über Chinas globale Strategie analysieren die Autoren explizit, wie Peking versuche, „Primat" im asiatisch-pazifischen Raum zu erlangen und die amerikanische Führung der Weltordnung herauszufordern – exakt die spiegelbildliche Anwendung derselben Denkfigur, die Wolfowitz 1992 formulierte und die Friedman 2015 in Chicago erläuterte.
RAND ist damit kein geheimer Strippenzieher im Verschwörungssinn – die Organisation veröffentlicht ihre Analysen öffentlich, mit Namen, Datum und Quellenangabe. Gerade diese Offenheit macht sie jedoch zu einem der aufschlussreichsten Fundorte für die tatsächliche strategische Grammatik amerikanischer Außenpolitik: Primat, Eindämmung möglicher Rivalen, Aufrechterhaltung einer von Washington geordneten internationalen Architektur
– Begriffe, die in akademischen und think-tank-internen Debatten ganz offen verwendet werden, in der öffentlichen politischen Kommunikation gegenüber Wählern jedoch fast immer durch die Sprache von „Werten", „Demokratie" und „regelbasierter Ordnung" ersetzt werden.
PNAC: als die Doktrin zur Bewegung wurde
Nur wenige Jahre nach dem Wolfowitz-Leck entstand aus demselben intellektuellen Milieu eine Organisation, die diese Denkfigur zu einer offenen politischen Agenda weiterentwickelte: das 1997 von William Kristol und Robert Kagan gegründete Project for the New American Century (PNAC). Sein erklärtes Gründungsziel war die Förderung „amerikanischer globaler Führung", verbunden mit dem Bekenntnis zu einer Politik militärischer Stärke und
„moralischer Klarheit". Von den 25 Unterzeichnern des PNAC-Gründungsdokuments traten später zehn in die Regierung von George W. Bush ein – darunter Dick Cheney, Donald Rumsfeld und eben Paul Wolfowitz selbst, der Autor der Doktrin von 1992, der nun als stellvertretender Verteidigungsminister eine zentrale Rolle bei der Entscheidung für den Irakkrieg 2003 spielte. Politikwissenschaftliche Analysen schreiben PNAC seither eine erhebliche intellektuelle Vorarbeit für genau jene Nahost-Interventionspolitik zu, die den Persischen Golf – bereits 1992 als Schlüsselregion benannt – dauerhaft unter amerikanischem Einfluss halten sollte.
Damit schließt sich ein Kreis, der von Mahans Seemachttheorie über Mackinders Heartland-These, die Wolfowitz-Doktrin, PNAC und RAND bis zu George Friedmans Chicago-Vortrag reicht: eine seit mehr als einem Jahrhundert erkennbare,
in unterschiedlichen institutionellen Formen immer wieder neu formulierte strategische Grundüberzeugung, wonach die zentrale Aufgabe einer seemachtbasierten Weltmacht darin bestehe, jede mögliche eurasische Gegenmacht
– ob durch militärische Präsenz, Bündnissysteme, Pufferstaaten oder wirtschaftliche Einflussnahme – am Entstehen zu hindern.
Die vielleicht brisanteste Aussage des Chicago-Abends (The Chicago Council)
Ein Zuhörer fragt Friedman, ob islamistischer Terrorismus tatsächlich die größte Gefahr für die USA darstelle.
Friedman verneint: Das sei ein Problem, aber keine existenzielle Bedrohung. Es gebe größere strategische Fragen.
Dann folgt der bis heute zirkulierende Satz: Das grundlegende amerikanische Interesse, um das es im Ersten Weltkrieg, Zweiten Weltkrieg und Kalten Krieg gegangen sei, betreffe das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland – zusammen die einzige Kombination, die die Vereinigten Staaten ernsthaft herausfordern könne. Das ist Friedmans eigene, weitreichende Interpretation amerikanischer Geschichte, keine offizielle Erklärung Washingtons – aber sie ist zentral für alles, was danach folgt, und sie fügt sich exakt in die oben skizzierte, seit Wolfowitz dokumentierte Denktradition ein.
Warum Deutschland und Russland? Deutschland besitzt Kapital, industrielle Leistungsfähigkeit und Technologie. Russland besitzt Rohstoffe, enorme territoriale Tiefe und menschliche Ressourcen. Eine dauerhafte Verbindung dieser Potenziale könnte, in Friedmans Modell, einen Machtblock entstehen lassen, der wirtschaftlich und strategisch von Westeuropa tief nach Eurasien hineinreicht. Bereits in einem Interview mit der russischen Zeitung Kommersant im Dezember 2014 hatte Friedman diese Logik beschrieben: Amerikanische Außenpolitik der vergangenen hundert Jahre habe darauf gezielt zu verhindern, dass eine einzelne Macht Europa dominiere – besonders gefährlich sei eine Kombination aus deutscher Technologie und deutschem Kapital mit russischen Ressourcen gewesen.
„Die deutsche Frage" ist für Friedman nicht erledigt
Am Ende seines Vortrags kommt Friedman auf Deutschland zurück: wirtschaftlich außerordentlich stark, geopolitisch jedoch verletzlich. Er erinnert an die engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland und nennt ausdrücklich den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dessen Verbindungen zur russischen Energiewirtschaft. Deutschland sei Europas „wild card" – die große Unbekannte. Die entscheidende Frage laute: Wird Deutschland vollständig in der amerikanisch dominierten Sicherheitsarchitektur verbleiben, oder wird es aufgrund seiner wirtschaftlichen Interessen erneut eine besondere Beziehung zu Russland suchen? Wer diese Frage beantworten könne, könne einen wesentlichen Teil der nächsten zwanzig Jahre europäischer Geschichte vorhersagen.
Rückblickend ist genau das interessant: Deutschland hatte bis 2022 eine außergewöhnlich intensive Energiebeziehung zu Russland. Dann kam der Bruch. Seit dem russischen Großangriff hat Deutschland seine Energieabhängigkeit massiv reduziert, unterstützt die Ukraine militärisch und wirtschaftlich und steht heute wesentlich eindeutiger auf der westlichen Seite dieser Trennlinie. Die Bundesregierung bezeichnet Deutschland 2026 sogar als wichtigsten bilateralen Partner der Ukraine; NATO-Generalsekretär Mark Rutte nennt Deutschland einen führenden europäischen Unterstützer Kyjiws.
Aus Friedmans Perspektive: Die deutsche „wild card" ist zumindest vorläufig deutlich auf die westliche Seite des Spielfeldes gerückt.
Ukraine: für Russland keine normale außenpolitische Frage
Für Russland sei die Ukraine kein gewöhnlicher Nachbarstaat, sondern geopolitischer Raum, strategische Tiefe, Pufferzone. Friedman argumentiert historisch-geografisch: Russland verfüge kaum über natürliche Barrieren an seiner Westgrenze, weshalb Entfernung für die russische Verteidigung traditionell eine außergewöhnliche Rolle spiele – Napoleon und Hitler seien tief nach Russland vorgedrungen, doch die Distanz habe erheblich zur Erschöpfung der Angreifer beigetragen. Rücken westliche militärische Strukturen immer weiter ostwärts, schrumpft diese strategische Tiefe. Deshalb bezeichnet Friedman den Status der Ukraine aus russischer Perspektive als existenziell; Russland könne eine dauerhaft eindeutig westlich orientierte Ukraine kaum akzeptieren und benötige zumindest eine neutrale.
Aber auch für Washington ist die Ukraine strategisch wichtig: Kontrollierte Russland die Ukraine, wo würde russische Machtprojektion enden – an der polnischen Grenze, in Rumänien, im Baltikum? Friedman sieht die Staaten zwischen Russland und Westeuropa deshalb als strategischen Gürtel und benutzt den Begriff „Cordon sanitaire" – eine Linie von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, verbunden mit der alten polnischen Idee des Intermarium, die insbesondere mit Józef Piłsudski assoziiert wird. Für Friedman war das 2015 bereits „the solution for the United States".
Das bedeutet nicht, dass Washington offiziell einen geheimen „Intermarium-Plan" beschlossen hatte – aber Friedman erkannte eine strategische Logik, deren spätere Umsetzung sich beobachten lässt.
Elf Jahre später existiert diese militärische Linie deutlich sichtbarer: Die NATO verfügt heute über neun multinationale Forward-Land-Forces-Battlegroups entlang ihrer Ostflanke; seit September 2025 läuft zusätzlich die NATO-Aktivität Eastern Sentry. Beim NATO-Gipfel 2026 verpflichteten sich die Verbündeten für dieses Jahr zu militärischer Ausrüstung, Hilfe und Ausbildung für die Ukraine im Umfang von 70 Milliarden Euro. Man sollte daraus nicht rückwirkend ableiten, Friedman habe 2015 einen geheimen Operationsplan enthüllt – aber die geografische Struktur, die er beschrieb,
ist heute deutlich sichtbarer als damals.
Friedman verweist zudem auf General Ben Hodges, damals Kommandeur der US Army Europe, dessen Ukraine-Besuch und angekündigte Ausbildungsmissionen er als bewusstes politisches Signal deutete – und sagte voraus, amerikanische Waffen würden letztlich in die Ukraine gelangen, selbst wenn Washington öffentlich noch zurückhaltend auftrat.
Was 2015 politisch hochumstritten war, entwickelte sich nach 2022 zu einem der größten westlichen militärischen Unterstützungsprogramme der jüngeren Geschichte.
Friedmans eigentlich radikale These: Amerika sollte Eurasien nicht selbst beherrschen
Friedman argumentiert ausdrücklich gegen dauerhafte amerikanische Besatzungskriege – die USA könnten Eurasien angesichts von Bevölkerungsgröße und geografischer Dimension gar nicht besetzen. Stattdessen solle Washington konkurrierende regionale Mächte unterstützen, damit sie sich gegenseitig ausbalancieren: politische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung, Berater, und nur in Ausnahmefällen direkte Intervention. Als historisches Beispiel nennt er Ronald Reagans Politik während des Iran-Irak-Kriegs, die er ausdrücklich als zynisch und moralisch problematisch,
aber effektiv bezeichnet.
Dafür verwendet Friedman den Begriff „spoiling attacks" – militärische Eingriffe, die einen Gegner nicht vollständig besiegen, sondern aus dem Gleichgewicht bringen, seine Kräfte binden, seine Expansion verteuern sollen.
Der Fehler der USA in Irak oder Afghanistan sei aus seiner Sicht nicht der anfängliche Eingriff gewesen, sondern der anschließende Glaube, Washington könne diese Gesellschaften dauerhaft politisch neu gestalten. Imperien, so Friedmans These, seien langfristig erfolgreicher, wenn sie lokale Kräfte nutzen, statt jedes Gebiet direkt selbst zu kontrollieren
– eine Beobachtung, die sich unmittelbar an das oben beschriebene, seit Suez 1956 dokumentierte britische Erfahrungsmuster anschließt: Direkte imperiale Kontrolle wird teuer und politisch instabil; indirekte Einflussnahme über regionale Partner, Kapitalmärkte und Bündnissysteme erweist sich als dauerhafter tragfähig.
Überträgt man diese Logik auf die Ukraine, entsteht eine interpretative, aber naheliegende Parallele: Die USA müssen Russland nicht unmittelbar militärisch gegenübertreten, um russische Macht zu begrenzen – sie können einen Staat unterstützen, der selbst ein existenzielles Interesse daran hat, sich Russland entgegenzustellen. Das beweist nicht, dass der Ukrainekrieg von Washington „geplant" wurde. Es zeigt, warum die Ukraine aus amerikanischer realpolitischer Sicht einen außergewöhnlich hohen strategischen Wert besitzt – unabhängig davon, wer den Krieg begann.
Friedmans Bild von Europa – und die EU als riskantes Versprechen
Friedman hält die Vorstellung eines politisch geeinten Europas für übertrieben: Ein Pole denke anders über Russland als ein Spanier, ein Rumäne anders als ein Deutscher. Washington habe eigentlich keine Beziehung zu „Europa", sondern zu Frankreich, Rumänien, Polen und einzelnen anderen Staaten. Geografie mache Europa zu einem Kontinent, aber noch nicht zu einer Nation. Die EU basiere auf zwei großen Versprechen – Frieden und Wohlstand –, und solange beide funktionierten, könne die europäische Integration bestehen. Die Finanzkrise von 2008 sieht Friedman als historischen Wendepunkt, aus dem er die Rückkehr von Nationalismus, Protestparteien und nationalen Interessen erwartet.
Auch hier lag er teilweise bemerkenswert richtig: Das europäische Parteiensystem hat sich erheblich verändert, die EU durchlebte Brexit, Finanzkrise, Migration, Pandemie, Energiekrise und Ukrainekrieg. Aber Friedman lag ebenso eindeutig falsch bei seinen stärkeren Untergangsszenarien – die EU existiert weiterhin, der Euro existiert weiterhin, Europa zerfiel nicht in der von ihm teilweise erwarteten Form.
Was Friedman falsch vorhersagte, sollte man nicht unterschlagen: Er erklärte 2015, Russland könne um 2020 beginnen auseinanderzufallen – das geschah nicht. Er erwartete eine wesentlich stärkere Krise des Euro-Systems – auch das erfüllte sich nicht. Und seine damalige Einschätzung Chinas war deutlich skeptischer, als das heutige Machtgewicht Chinas rechtfertigt. Friedman ist kein Prophet, sondern arbeitet mit geopolitischen Modellen – manche Entwicklungen erkennt dieses Modell früh, andere unterschätzt oder überschätzt es erheblich.
Das berühmte „Maidan-Putsch"-Zitat – eine notwendige Korrektur
Im Internet wird Friedman häufig mit der Aussage zitiert, der Machtwechsel in Kyjiw 2014 sei
„the most blatant coup in history" gewesen. Diese Formulierung existiert im Umfeld Friedmans, stammt aber nicht aus dem Chicago-Vortrag, sondern aus einem Kommersant-Interview vom 19. Dezember 2014. Friedman erklärte 2016 selbst, die Aussage sei später verkürzt wiedergegeben worden; sein vollständiger Gedanke habe sinngemäß gelautet,
falls man das einen Staatsstreich nennen wolle, wäre es der offenste Staatsstreich der Geschichte gewesen,
weil die amerikanische Unterstützung für die Demonstranten offen sichtbar gewesen sei. Er kritisierte, daraus sei die definitive Behauptung gemacht worden, er selbst habe den Maidan pauschal als amerikanischen Staatsstreich bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass Friedman amerikanische Einflussnahme bestritt – im Gegenteil, er beschreibt sie deutlich –, aber journalistisch wäre es falsch, ihm die verkürzte Zuspitzung ohne diesen Kontext zuzuschreiben.
Der rote Faden: von Mahan bis Hormus 2026
Nimmt man alle hier versammelten Fäden zusammen, ergibt sich ein konsistentes, über mehr als ein Jahrhundert nachweisbares Muster amerikanischer – und davor britischer – Großmachtstrategie: Kontrolle der Seewege (Mahan)
plus Verhinderung eurasischer Dominanz (Mackinder) plus aktive Verhinderung neuer Rivalen als expliziter Regierungsauftrag (Wolfowitz 1992) plus institutionelle Verstetigung dieser Logik in Think Tanks wie RAND und politischen Bewegungen wie PNAC plus die praktische Umsetzung durch Pufferstaaten, Bündnissysteme
und – wo nötig – Stellvertreterunterstützung anstelle direkter Besatzung (Friedman 2015).
Der historische Übergang von britischer zu amerikanischer Hegemonie selbst vollzog sich dabei nicht durch einen einzigen Geniestreich, sondern über Jahrzehnte, durch zwei Weltkriege, Verschuldung, neue Bündnisarchitekturen und schließlich den symbolischen Bruch von Suez 1956 – ein Muster, das Beobachter heute, im März 2026, explizit als möglichen Vorboten für eine analoge amerikanische Erschöpfung an der Straße von Hormus diskutieren.
Das ist kein Beweis dafür, dass „nichts einfach so passiert" im Sinne einer allumfassenden, zentral gesteuerten Verschwörung – für eine solche Lesart gibt es keine seriöse Evidenz, und sie würde die eigenständigen Interessen,
Fehler und Zufälle aller beteiligten Staaten – Russlands, der Ukraine, Deutschlands, Chinas ebenso wie der USA – unzulässig ausblenden. Was sich dagegen sehr wohl belegen lässt, ist etwas nüchterneres, aber kaum weniger
Aufsehen erregendes: dass eine bestimmte, seit über hundert Jahren durchgängige
strategische Denkschule – Seemacht, Verhinderung eurasischer Rivalen, Pufferstaaten, indirekte statt direkte
Kontrolle – in amerikanischen Regierungsdokumenten, Think-Tank-Publikationen und öffentlichen Vorträgen immer wieder in nahezu identischer Form auftaucht, unabhängig davon, ob gerade die Sowjetunion, der islamistische Terrorismus, Russland oder China als konkreter Gegenspieler benannt wird. Wer diese Denkschule kennt, versteht viele scheinbar disparate Ereignisse – von der NATO-Osterweiterung über die amerikanische Ukraine-Unterstützung bis zur aktuellen Konfrontation um Iran und den Persischen Golf – nicht als isolierte Einzelfälle, sondern als wiederkehrende Anwendungen desselben geopolitischen Grundprinzips.
Die deutsche Frage ist zurück
Friedman beendet seinen Vortrag praktisch dort, wo die interessanteste Frage beginnt. Deutschland sei wirtschaftlich enorm mächtig, geopolitisch jedoch außergewöhnlich schwierig positioniert: im Westen die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Partner, im Osten die riesigen Rohstoff- und Energiemärkte Eurasiens. Jahrzehntelang versuchte Deutschland, westliche Sicherheitsintegration und wirtschaftliche Kooperation mit Russland miteinander zu verbinden. Diese Konstruktion ist seit 2022 weitgehend zerbrochen; Deutschland steht heute militärisch und außenpolitisch eindeutiger auf der Seite der Ukraine und der NATO, während Europa gleichzeitig versucht, strategisch unabhängiger zu werden – sowohl von Russland als auch zunehmend in einzelnen Bereichen von den Vereinigten Staaten selbst.
Damit ist Friedmans „deutsche Frage" keineswegs verschwunden, sie hat lediglich eine neue Form angenommen. Sie lautet heute nicht mehr nur „Deutschland oder Russland?", sondern zunehmend: Wie viel strategische Eigenständigkeit besitzen Deutschland und Europa überhaupt zwischen den Vereinigten Staaten, Russland und China?
Kein Geständnis, aber ein außergewöhnlich offener Blick auf Machtpolitik – mit historischer Tiefenschärfe
George Friedmans Vortrag von 2015 sollte weder als geheimes Geständnis Washingtons noch als prophetische Offenbarung gelesen werden. Dafür war Friedman weder Regierungsvertreter noch waren alle seine Prognosen richtig. Aber genau deshalb ist der Vortrag so wertvoll – und noch wertvoller wird er, wenn man ihn nicht isoliert betrachtet, sondern in die Traditionslinie einordnet, aus der er stammt: Mahans Seemachttheorie, Mackinders Heartland-These, die 1992 schriftlich fixierte Wolfowitz-Doktrin, ihre institutionelle Fortschreibung durch RAND und PNAC, und der historisch dokumentierte, über Weltkriege und die Suezkrise 1956 vollzogene Übergang der globalen Vorherrschaft von London nach Washington.
Seine zentrale Botschaft lässt sich auf einen Satz reduzieren: Für eine Seemacht wie die Vereinigten Staaten besteht die wichtigste langfristige Aufgabe darin, zu verhindern, dass auf dem eurasischen Kontinent eine Machtkonstellation entsteht, die Amerikas globale Stellung herausfordern kann. In Europa führt diese Logik zwangsläufig zu drei Schlüsselbegriffen: Russland, Ukraine, Deutschland. Russland benötigt aus Friedmans Sicht strategische Tiefe, die Ukraine bildet einen entscheidenden Teil dieser Tiefe, die USA wollen verhindern, dass russische Macht zu weit nach Westen reicht, und Deutschland besitzt jene industrielle und wirtschaftliche Kraft, die in Verbindung mit russischen Ressourcen ein völlig anderes europäisches Machtzentrum schaffen könnte.
2015 war das eine geopolitische Theorie. 2026, mit dem Blick auf die dokumentierte Geschichte von Mahan bis zur aktuellen Hormus-Krise, lohnt es sich, die Landkarte danebenzulegen. Nicht alles ist eingetroffen, manches sogar eindeutig nicht. Aber die Linien, die Friedman damals mit Worten zog – und die vor ihm bereits Wolfowitz in ein Regierungsdokument schrieb, und nach ihm RAND, PNAC und andere in immer neuen Formen
wiederholten –, sind heute auf der europäischen und globalen Sicherheitskarte erstaunlich deutlich zu erkennen.
Wer das einmal gesehen hat, betrachtet Nachrichten über NATO-Erweiterungen, Sanktionsregime, Energiepolitik und regionale Kriege vermutlich nicht mehr ganz auf dieselbe Weise wie zuvor – nicht, weil eine geheime Hand alles
steuert, sondern weil eine offen dokumentierte, seit Generationen weitergereichte strategische Grammatik erkennbar wird, sobald man weiß, wo man nachlesen muss.
Quellen
- Chicago Council on Global Affairs: „Europe: Destined for Conflict?", Vortrag George Friedman, 3./4. Februar 2015
- Kommersant: Interview mit George Friedman, 19. Dezember 2014; Friedmans spätere Richtigstellung des „Coup"-Zitats, 2016
- Alfred Thayer Mahan: „The Influence of Sea Power upon History, 1660–1783" (1890)
- Halford Mackinder: „The Geographical Pivot of History" (1904)
- National Security Archive (George Washington University): „The Making of the Cheney Regional Defense Strategy, 1991–1992", inklusive Volltext-Dokumentation der Defense Planning Guidance
- Militarist Monitor: Dokumentation und Einordnung des 1992 Draft Defense Planning Guidance
- Wikipedia (englisch), Grokipedia: „Wolfowitz Doctrine"
- RAND Corporation: „New RAND Center to Analyze Options for U.S. Grand Strategy" (2020); „The World Has Passed the Old Grand Strategies By" (Michael J. Mazarr, 2016); „Exploring America's Role in a Turbulent World: Strategic Rethink"; „China's Quest for Global Primacy: An Analysis of Chinese International and Defense Strategies to Outcompete the United States" (RAND/DTIC, 2021)
- Columbia Journalism Review: Rezension zu Alex Abella, „Soldiers of Reason: The RAND Corporation and the Rise of the American Empire"
- Project for the New American Century: Gründungsdokument 1997; politikwissenschaftliche Sekundärliteratur zu PNAC und der Irakkriegs-Vorbereitung
- The National Interest, Middle East Eye, The Conversation, Schools-History.Com: Historische Einordnung der Suezkrise 1956 als Übergangspunkt britischer zu amerikanischer Nahost-Hegemonie, inklusive des Vergleichs mit der aktuellen Hormus-Krise 2026
- NATO: Dokumentation der Forward-Land-Forces-Battlegroups und der Initiative Eastern Sentry (seit September 2025); Beschlüsse des NATO-Gipfels 2026 zur Ukraine-Unterstützung





















