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Während der Westen auf Iran und Ukraine schaut: Verschiebt China gerade die Machtverhältnisse im Pazifik?


Während der Westen auf Iran und Ukraine schaut: Verschiebt China gerade die Machtverhältnisse im Pazifik?
Unterwassersensoren an strategischen Meerengen, chinesische Kriegsschiffe jenseits der First Island Chain, ein seltener Raketenstart aus einem Atom-U-Boot, Manöver östlich Taiwans und zunehmender Druck auf die Philippinen: Einzelne Meldungen ergeben zusammengesetzt ein bemerkenswertes Bild.
Wer derzeit auf die Weltkarte blickt, schaut zwangsläufig nach Westen: Ukraine, Russland, Iran, Hormus, Israel, Rotes Meer, Naher Osten. Amerikanische Flugzeugträger und Raketenabwehrsysteme sind dort gebunden, Washington versucht gleichzeitig, Kyiv militärisch zu unterstützen und seine eigenen leergeschossenen Munitionsbestände wieder aufzufüllen.
Und ziemlich genau auf der anderen Seite der Welt passiert etwas, das wesentlich weniger spektakulär aussieht. Keine chinesische Invasion, keine Kriegserklärung, keine Explosionen in Taiwan. Stattdessen: Unterwassersensoren, Vermessungsschiffe, Marinepatrouillen, Drohnen, Manöver, Cyberoperationen, Raketenversuche – und immer häufiger chinesische Kriegsschiffe dort, wo sie früher wesentlich seltener auftauchten.
Reuters formulierte am 14. August 2026 ungewöhnlich deutlich, China verstärke sein strategisches Spiel im Pazifik gerade in einer Phase, in der die Welt durch die Kriege am Golf und in der Ukraine abgelenkt sei. Die langfristigen strategischen Einsätze im Pazifik seien mindestens so bedeutend wie jene in den derzeit wesentlich „kinetischeren" Konflikten des Nahen Ostens und Europas.
Das verdient einen genaueren Blick. Denn vielleicht liegt hier einer der entscheidenden geopolitischen Konflikte der kommenden Jahrzehnte.
Beginnen wir dort, wo auf der Weltkarte kaum jemand hinsieht: unter Wasser
Anfang April zieht ein indonesischer Fischer in der Lombok-Straße zwischen Bali und Lombok ein merkwürdiges Objekt aus dem Meer: 3,7 Meter lang, torpedoförmig, mit Sensoren ausgestattet und mit Kennzeichnungen eines chinesischen Unternehmens. Analysten identifizieren das Gerät als chinesisches Unterwasser-Messsystem beziehungsweise Monitoring-Plattform. Explosivstoff befand sich nach den Untersuchungen nicht darin.
Warum sollte uns ein verlorener chinesischer Meeressensor interessieren? Weil er ausgerechnet dort gefunden wurde: in der Lombok-Straße. Diese Meerenge gehört zu den wenigen ausreichend tiefen Passagen zwischen dem Indischen Ozean beziehungsweise den Gewässern Australiens und dem Südchinesischen Meer, durch die auch größere U-Boote getaucht passieren können. Für einen möglichen Krieg zwischen China und den Vereinigten Staaten wäre das keineswegs irgendeine Meerenge. Es wäre eine Unterwasserautobahn.
China kartiert den Meeresboden
Reuters veröffentlichte bereits im März eine umfangreiche Untersuchung über ein chinesisches Programm, das möglicherweise viel bedeutender ist als einzelne Militärmanöver. China kartiert und überwacht große Teile des Meeresbodens: im Pazifik, im Indischen Ozean, in arktischen Gewässern, nahe Taiwan, nahe Guam und entlang strategischer Meerengen wie Malakka.
Offiziell handelt es sich vielfach um wissenschaftliche Ozeanografie. Das ist nicht einmal zwingend falsch: Temperatur, Salzgehalt, Strömungen, Topografie des Meeresbodens und akustische Bedingungen besitzen alle wissenschaftlichen Wert. Aber exakt dieselben Daten benötigt auch eine Marine. Denn Schall breitet sich unter Wasser je nach Temperatur, Salzgehalt und Tiefenschicht vollkommen unterschiedlich aus. Wer diese Bedingungen detailliert kennt, kann eigene U-Boote besser verstecken – und gegnerische besser finden.
China bezeichnet seine langfristige Vision teilweise als „Transparent Ocean" – ein Ozean, dessen Unterwasserraum durch Sensoren, Forschungsschiffe, Satelliten, autonome Systeme und Datenanalyse zunehmend sichtbar wird. Reuters beschreibt diese Entwicklung als potenziell entscheidend für den Versuch Pekings, den traditionellen amerikanischen Vorsprung in der Unterwasserkriegsführung zu reduzieren. Das klingt weniger spektakulär als ein Flugzeugträger. Militärisch könnte es langfristig wichtiger sein.
Denn ein Krieg um Taiwan würde vermutlich unter Wasser entschieden
Wer Taiwan nur als Insel betrachtet, versteht den Konflikt nicht. Taiwan liegt mitten in einem maritimen System: im Norden Japan und die Ryūkyū-Inseln, im Nordosten die Miyako-Straße, im Süden der Bashi-Kanal beziehungsweise die Luzon-Straße, weiter südlich Philippinen und Borneo. Diese Inselkette bildet das, was amerikanische und asiatische Strategen seit Jahrzehnten als First Island Chain bezeichnen. Sie zieht sich im Wesentlichen von Japan über Taiwan und die Philippinen Richtung Südostasien.
Für China ist diese Geografie Fluch und strategische Herausforderung zugleich. Denn zwischen chinesischen Marinebasen und dem offenen Pazifik liegt zunächst eine Kette amerikanischer Verbündeter und Partner: Japan, Taiwan, Philippinen. Dahinter Guam. Und dahinter der eigentliche pazifische Raum. Das japanische Verteidigungsministerium dokumentiert, dass chinesische Kriegsschiffe inzwischen mit hoher Frequenz durch diese Inselkette in den Pazifik fahren. Besonders die Passage zwischen Okinawa und Miyako sowie Routen südlich davon werden regelmäßig von chinesischen Schiffen, Flugzeugen und Drohnen genutzt.
Die Miyako-Straße ist deshalb keine geografische Fußnote
China benötigt Durchgänge. Die Miyako-Straße ist einer davon. Chinesische Bomber, Aufklärungsflugzeuge, Drohnen und Marineverbände operieren dort inzwischen regelmäßig. Das japanische Verteidigungsministerium registriert seit 2017 eine deutliche Zunahme chinesischer Flüge in den Pazifik. Seit 2021 passieren zudem häufiger chinesische Drohnen den Raum zwischen Okinawa und Miyako; inzwischen werden auch Flüge zwischen Yonaguni und Taiwan beobachtet.
Noch interessanter: Chinesische Flugzeugträger operieren zunehmend östlich der First Island Chain. Die Liaoning und die Shandong haben ihre Einsatzräume kontinuierlich erweitert; Chinas dritter Flugzeugträger Fujian wurde im November 2025 in Dienst gestellt. Damit trainiert China nicht nur den Schutz seiner eigenen Küste. Es trainiert zunehmend jenseits seiner Küste. Das ist der Unterschied zwischen einer Küstenmarine und einer globalen Seemacht.
Und dann kommt der 6. Juli 2026
China startet eine ballistische Rakete aus einem nuklear angetriebenen strategischen U-Boot. Mit einem
Dummy-Gefechtskopf fliegt die Rakete weit in den Pazifik. Es war Chinas erster bekannter derartiger Test in internationalen Pazifikgewässern seit 2024 und vor allem ein äußerst seltenes öffentliches Signal seiner seegestützten nuklearen Zweitschlagfähigkeit.
Warum ist das so wichtig? Weil ein Atom-U-Boot die vielleicht gefährlichste Waffe der nuklearen Abschreckung ist. Landgestützte Raketenbasen können entdeckt und angegriffen werden, Bomber können zerstört werden. Ein Atom-U-Boot irgendwo im Pazifik dagegen ist wesentlich schwieriger aufzuspüren. Besitzt China tatsächlich dauerhaft überlebensfähige strategische U-Boote jenseits seiner unmittelbaren Küstengewässer, erhält Peking eine wesentlich glaubwürdigere Fähigkeit zu sagen: Selbst wenn ihr unsere landgestützten Nuklearwaffen zerstört, können wir zurückschlagen. Analysten gehen davon aus, dass das getestete System wahrscheinlich zur JL-Serie gehört und je nach Abschussposition Guam, Hawaii und möglicherweise auch Teile des amerikanischen Festlands erreichen könnte.
Das wiederum erklärt, warum Unterwasserdaten und die Passagen durch die First Island Chain so interessant sind.
Vielleicht gehören Lombok und Miyako deshalb zur selben Geschichte
Auf den ersten Blick liegen rund 3.000 Kilometer zwischen beiden Regionen. Strategisch hängen sie zusammen. China muss wissen: Wo können amerikanische U-Boote operieren? Wo kommen australische U-Boote hindurch? Welche Meerengen verbinden Indischen und Pazifischen Ozean? Welche Unterwasserbedingungen herrschen dort? Wo können Sensoren eingesetzt werden? Wie kann China selbst unentdeckt in größere Ozeanräume gelangen?
Genau deshalb ist die chinesische Unterwasseraktivität rund um Malakka, Lombok, Sunda, Taiwan und Guam wesentlich interessanter als ein einzelnes im Fischernetz hängengebliebenes Gerät. Es geht um Maritime Domain Awareness. Wer den Ozean sieht, kontrolliert ihn leichter.
Der Hintergrund, den beide Seiten kennen: das Flottenrennen in Zahlen
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf die nackten Zahlen, die den gesamten hier beschriebenen Konflikt erst verständlich machen. Nach Angaben des Pentagon und mehrerer unabhängiger Analysezentren umfasst die chinesische Marine (PLAN) inzwischen mehr als 370 Kriegsschiffe und ist damit nach Schiffszahl die größte Marine der Welt – die US Navy kommt derzeit auf rund 287 bis 295 Kampfeinheiten, mit sinkender Tendenz, da mehrere Kreuzer der Ticonderoga-Klasse bis 2029 ausgemustert werden sollen. Ein 2024 bekannt gewordenes, zunächst als geheim eingestuftes Lagebild der amerikanischen Marinegeheimdienst-Behörde (Office of Naval Intelligence) bezifferte Chinas zivile Werftkapazität auf das rund 230-Fache der amerikanischen – ein Zahlenverhältnis, das seither in praktisch jeder westlichen Analyse zum chinesisch-amerikanischen Flottenwettlauf zitiert wird. Allein 2025 wuchs die chinesische Flotte nach Pentagon-Angaben um rund 30 Schiffe, während die US Navy im selben Zeitraum lediglich zwei zusätzliche Einheiten in Dienst stellte.
Wichtig für die Einordnung ist allerdings eine Gegenrechnung, die in vielen alarmistischen Darstellungen fehlt: Nach Schiffszahl liegt China vorn, nach Gesamttonnage – also der tatsächlichen Größe und Kampfkraft der Flotte – hält die US Navy mit schätzungsweise 4,5 Millionen Tonnen gegenüber rund 2,4 bis 2,5 Millionen Tonnen auf chinesischer Seite weiterhin einen erheblichen Vorsprung, gestützt vor allem auf elf nuklear angetriebene Flugzeugträger gegenüber bislang drei chinesischen. Auch qualitativ, bei U-Boot-Technologie, Trägerkampfgruppen und Kampferfahrung, gilt die amerikanische Marine nach übereinstimmender Einschätzung noch als überlegen. Das eigentliche strategische Problem liegt deshalb nicht in der aktuellen Stärke, sondern in der Flugbahn: Während Chinas Marine nach eigenen Wachstumsplänen bis 2030 auf 435 und bis 2035 auf bis zu 475 Kampfschiffe anwachsen soll, rechnet die amerikanische Marinegeheimdienst-Behörde für die US Navy im selben Zeitraum lediglich mit 305 bis 317 Schiffen – ein Szenario, das laut mehreren an US-Marineakademien lehrenden Strategieprofessoren spätestens Mitte der 2030er Jahre zu einem numerischen und operativen Nachteil im westlichen Pazifik führen könnte, sofern sich der Trend nicht umkehrt.
Gleichzeitig steigt der Druck auf die Philippinen
Weiter nördlich findet bereits ein wesentlich sichtbarerer Machtkampf statt. China und die Philippinen geraten regelmäßig um Gebiete im Südchinesischen Meer aneinander, besonders um Scarborough Shoal und die
Second Thomas Shoal. Chinesische Küstenwachschiffe und philippinische Einheiten haben sich wiederholt gegenseitig blockiert; Wasserwerfer, Kollisionen und aggressive Manöver sind längst keine Ausnahme mehr.
Ende Juli übte der amerikanische Flugzeugträger USS George Washington gemeinsam mit regionalen Kräften nahe Scarborough Shoal. Kurz nachdem der amerikanische Träger das Gebiet verlassen hatte, erschienen dort chinesische Fregatten, Zerstörer und amphibische Einheiten zu eigenen Operationen beziehungsweise „Patrouillen". Das ist kein Krieg. Aber es ist genau die Art von Machtprojektion, bei der jeder dem anderen zeigen möchte: Wir können hier jederzeit sein.
Und jetzt verlässt ausgerechnet die George Washington den Pazifik
Hier wird die aktuelle Situation besonders interessant. Die USS George Washington befindet sich inzwischen auf dem Weg aus dem Pazifik in den Nahen Osten, um die seit Monaten im Iran-Krieg eingesetzte USS Abraham Lincoln abzulösen. Die Lincoln befindet sich bereits seit Januar 2026 im Nahen Osten; ihre Besatzung ist seit November 2025 unterwegs.
Associated Press weist darauf hin, dass die Verlegung der George Washington zeitweise sogar zu einer Situation führen könnte, in der kein amerikanischer Flugzeugträger dauerhaft im westlichen Pazifik verfügbar ist. Der Wechsel war nach amerikanischen Angaben geplant. Er ist also kein panischer Rückzug aus Asien. Aber er zeigt anschaulich das strategische Problem einer globalen Supermacht: Ein Flugzeugträger kann nicht gleichzeitig im Persischen Golf und vor Taiwan liegen.
Genau das ist die eigentliche Frage
Nicht: Hat China Iran beauftragt, die USA im Nahen Osten zu beschäftigen? Dafür gibt es keinen belastbaren Beweis. Nicht: Hat Russland den Ukrainekrieg begonnen, damit China Taiwan angreifen kann? Auch dafür gibt es keinen Beweis. Aber geopolitisch können Staaten von Ereignissen profitieren, die sie nicht selbst verursacht haben. Und aus chinesischer Sicht ist die Lage bemerkenswert: Washington muss gleichzeitig Russland in Europa abschrecken, Ukraine unterstützen, Iran bekämpfen, Israel und Golfstaaten schützen, Schifffahrt rund um Hormus sichern und China im Pazifik abschrecken. Das Problem besteht nicht nur aus Schiffen. Es besteht aus Munition.
Amerikas Raketenproblem
Reuters berichtete Anfang August unter Berufung auf US-Quellen, dass die Vereinigten Staaten im Iran-Krieg praktisch den gesamten kurzfristig verfügbaren Bestand bestimmter Langstrecken-Präzisionswaffen eingesetzt hätten. Noch problematischer sind die defensiven Systeme: Nach Schätzungen des Center for Strategic and International Studies wurden zwischen Februar und Juli ungefähr 65 Prozent der verfügbaren Patriot-Abfangraketen verbraucht; der THAAD-Bestand lag mindestens 38 Prozent unter dem Niveau zu Kriegsbeginn.
Das Pentagon reagiert inzwischen mit riesigen Produktionsprogrammen: Die Patriot-Produktion soll verdreifacht werden, die Produktion von THAAD-Komponenten soll sich vervierfachen, und die amerikanische Tomahawk-Produktion soll langfristig von ungefähr 60 auf bis zu 1.000 Raketen jährlich steigen. Warum diese plötzlich gigantischen Zahlen? Weil moderne Kriege schneller Raketen verbrauchen, als westliche Industrien sie bislang produzieren können. Und dieselben Systeme, die heute im Iran eingesetzt werden, würden teilweise auch in einem Krieg im Pazifik benötigt.
Bedeutet das, China besitzt jetzt ein perfektes Angriffsfenster?
Nein. So einfach ist es nicht. China besitzt selbst erhebliche Probleme. Xi Jinping hat Teile der militärischen Führung ausgetauscht beziehungsweise säubern lassen; internationale Analysten interpretieren das als Hinweis auf Misstrauen gegenüber Korruption, Loyalität und möglicherweise auch tatsächlicher Einsatzbereitschaft innerhalb der PLA. Reuters betont deshalb, dass ein unmittelbar bevorstehender großer Krieg derzeit von vielen Diplomaten und Analysten nicht als wahrscheinlichstes Szenario angesehen wird. Die nächsten politischen Eckpunkte wären eher Taiwans Wahl 2028 und der amerikanische Regierungswechsel 2029.
Das ist wichtig. Denn aus „China nutzt amerikanische Ablenkung" darf nicht automatisch werden „China steht unmittelbar vor der Invasion Taiwans". Dafür gibt es derzeit keinen belastbaren Beleg.
Vielleicht geht es China gar nicht um den großen Krieg
Möglicherweise ist die derzeitige Strategie wesentlich raffinierter. Denn warum sollte Peking Taiwan morgen militärisch angreifen, wenn es seine strategische Position jeden Monat auch ohne Krieg verbessern kann? Mehr Marinepräsenz, mehr Küstenwache, mehr Unterwasserdaten, mehr Drohnen, mehr Raketen, mehr Übungen, mehr wirtschaftlicher Einfluss auf Inselstaaten, mehr diplomatische Beziehungen, mehr Fähigkeit, die First Island Chain zu durchbrechen, mehr Normalisierung chinesischer Aktivitäten in Räumen, die früher außergewöhnlich waren.
Genau darin liegt die Logik der sogenannten Gray-Zone-Strategie. Man verschiebt den Status quo, Millimeter für Millimeter, bis das Außergewöhnliche irgendwann normal geworden ist.
Das lässt sich gerade östlich Taiwans beobachten
Am 12. August führte China gemeinsam mit Indonesien sogar ein Marine-Manöver östlich von Taiwan durch. China bezeichnete es als Navigationsübung. Indonesien betonte wiederum, es habe sich lediglich um ein routinemäßiges „passing exercise" eines zurückkehrenden indonesischen Kriegsschiffs gehandelt und nicht um ein offensives Kampfmanöver. Taiwan reagierte trotzdem scharf. Warum? Weil Peking damit demonstriert, dass chinesische Marineaktivitäten östlich Taiwans nicht mehr ausschließlich chinesische Übungen sein müssen. Erstmals beteiligt sich dort eine ausländische Marine. Militärisch war das Manöver begrenzt. Politisch ist die Symbolik erheblich größer.
Indonesien versucht dabei offenbar genau das, was viele Staaten Südostasiens tun: mit beiden Seiten zusammenarbeiten. Jakarta übt mit China, aber auch mit den USA, Japan und Australien. Das ist keine chinesische Allianz. Es ist klassische südostasiatische Machtbalance.
Und Taiwan bereitet sich inzwischen nicht mehr nur auf eine Invasion vor
Taiwans diesjährige Han-Kuang-Manöver dauern zehn Tage und sind umfangreicher als früher. Erstmals wurden gemeinsame Marine- und Küstenwachenübungen gegen eine mögliche Seeblockade durchgeführt. Dabei simulierten taiwanische Kräfte unter anderem Schutz eines Handelsschiffs, Räumung von Seeminen und Aufrechterhaltung maritimer Versorgung. Parallel wurden in Taipei Luftschutzübungen durchgeführt, Straßen wurden geräumt, unterirdische medizinische Einrichtungen getestet, und sogar die Drosselung des mobilen Internets wurde simuliert, um Kommunikationsbedingungen während eines Krieges nachzustellen.
Taiwans Präsident Lai Ching-te erklärt offen, dass sein Land die Verteidigungsausgaben erstmals auf über drei Prozent des BIP erhöht hat und bis 2030 fünf Prozent erreichen will. Gleichzeitig baut Taiwan eine „Whole-of-Society Defense Resilience" auf – also eine gesamtgesellschaftliche Vorbereitung auf Krisen und Krieg. Das sagt einiges über die Bedrohungswahrnehmung in Taipei.
Aber Peking erzählt dieselbe Geschichte vollkommen anders
Aus chinesischer Sicht lautet die Erzählung: Taiwan ist kein souveräner Staat, es handelt sich um eine chinesische Provinz. Amerikanische Waffenlieferungen und militärische Unterstützung seien Einmischung in eine innere chinesische Angelegenheit. Japan und die USA würden Taiwan instrumentalisieren, um China einzudämmen. Die chinesische Regierung bezeichnet westliche und japanische Warnungen vor chinesischer Expansion regelmäßig als Ausdruck einer „Cold War mentality" und weist den Vorwurf zurück, legitime chinesische Sicherheits- und Souveränitätsinteressen seien aggressive Expansion.
Auch das muss in die Analyse. Denn aus Pekings Sicht ist die First Island Chain genau das, was ihr Name vermuten lässt: eine strategische Kette um China. Und amerikanische Militärplaner machen daraus auch kein Geheimnis – Pentagon-Vertreter sprechen ausdrücklich davon, Frieden und Abschreckung entlang der First Island Chain gewährleisten zu wollen. Der Konflikt besteht deshalb nicht nur darin, dass China versucht auszubrechen. Die USA versuchen gleichzeitig, diese Linie militärisch relevant zu halten.
Japan rückt dabei immer weiter ins Zentrum
Japan ist möglicherweise der entscheidende amerikanische Verbündete im gesamten Szenario, denn die japanischen Inseln liegen wie eine natürliche Barriere vor Chinas Küste. Tokios Verteidigungsministerium beschreibt Chinas zunehmende Aktivitäten inzwischen als eine der zentralen Herausforderungen der japanischen Sicherheit. Chinesische Kriegsschiffe operieren zunehmend im Ostchinesischen Meer, im Pazifik und im Japanischen Meer; zusätzlich vertieft sich die militärische Zusammenarbeit zwischen China und Russland. Seit 2021 führen chinesische und russische Marineverbände nahezu jährlich gemeinsame Fahrten in der Region durch. Seit 2019 finden regelmäßig gemeinsame Langstreckenflüge chinesischer H-6- und russischer Tu-95-Bomber statt. Das bedeutet nicht, dass China und Russland ein asiatisches Gegenstück zur NATO besitzen. Aber ihre militärische Koordination wächst sichtbar.
Die amerikanische Gegenreaktion: AUKUS unter Anpassungsdruck
Auch die amerikanische Gegenstrategie ist derzeit selbst im Umbruch begriffen, was ein weiteres Licht auf die eingangs beschriebenen Werft-Engpässe wirft. Am 30./31. Mai 2026 verkündeten die USA, Großbritannien und Australien beim Shangri-La-Dialog in Singapur eine überraschende Überarbeitung des 2021 geschlossenen AUKUS-U-Boot-Abkommens: Statt, wie ursprünglich vorgesehen, zwei gebrauchte und ein neu gebautes Virginia-Klasse-U-Boot zu erhalten, bekommt Australien nun ausschließlich drei bereits im Dienst befindliche gebrauchte Boote aus dem Bestand der US Navy. Australiens Verteidigungsminister Richard Marles bezeichnete dies öffentlich als kosteneffiziente „Vereinfachung"; unabhängige Berichte, unter anderem von USNI News und 19FortyFive, ordnen die Entscheidung jedoch unmissverständlich als Zugeständnis an die Kapazitätsprobleme amerikanischer Werften ein, die es trotz jahrelanger Bemühungen nicht schaffen, die geplanten zwei neuen Virginia-Klasse-Boote pro Jahr zu produzieren. Einzelne amerikanische Kritiker forderten in diesem Zusammenhang bereits offen, Washington solle den Wiederaufbau der eigenen U-Boot-Flotte priorisieren, bevor es weitere nukleare Boote ins Ausland verkauft – ein Vorschlag, den die Regierung bislang zurückwies, da man AUKUS weiterhin als zentrale sicherheitspolitische Partnerschaft im Indopazifik betrachte. Gleichzeitig hält der Zeitplan formal: Ab 2027 sollen amerikanische und britische Atom-U-Boote turnusmäßig über die Marinebasis HMAS Stirling in Westaustralien rotieren, bevor die ersten gebrauchten Virginia-Boote 2032 an Australien übergehen sollen. Das gemeinsam von Großbritannien und Australien entwickelte SSN-AUKUS-Boot, das ab den 2040er Jahren die eigentliche langfristige Lösung bilden soll, befindet sich nach Angaben von Rolls-Royce weiterhin im Zeitplan; in Derby entstehen derzeit sieben Reaktoren gleichzeitig.
Diese Episode ist deshalb bemerkenswert, weil sie zeigt, dass nicht nur China, sondern auch die amerikanische Antwort auf China an harte industrielle Grenzen stößt – ein Umstand, der die weiter oben beschriebene Werftkapazitäts-Asymmetrie zwischen beiden Ländern noch einmal konkret unterstreicht.
Und plötzlich verbindet sich der Pazifik mit der Ukraine
Hier kommen wir zu einem größeren geopolitischen Zusammenhang. Russland bindet westliche Munition, Geld, Aufmerksamkeit, Aufklärungskapazitäten und politische Energie in Europa. Iran bindet amerikanische Flugzeugträger, Luftverteidigung, Langstreckenwaffen, Tankflugzeuge, Kriegsschiffe und Personal im Nahen Osten. China muss keinen dieser Konflikte kontrollieren, um strategisch davon zu profitieren. Peking kann schlicht beobachten: Wie viele Konflikte kann Amerika gleichzeitig führen? Das ist vermutlich eine der wichtigsten Fragen chinesischer Militärplanung überhaupt.
Denn die Vereinigten Staaten haben ein strukturelles Problem
Amerikas Macht beruht darauf, global präsent zu sein. Aber globale Präsenz erzeugt globale Verpflichtungen. Europa erwartet Schutz vor Russland, Israel erwartet Schutz vor Iran, Saudi-Arabien und die Golfstaaten erwarten amerikanische Präsenz, Taiwan erwartet Unterstützung, Japan erwartet Artikel-5-Sicherheit, die Philippinen besitzen einen amerikanischen Verteidigungsvertrag, Südkorea erwartet Schutz vor Nordkorea. Und überall dafür benötigt Washington Schiffe, Raketen, Piloten, Satelliten, Stützpunkte, Munition, Logistik.
Ein chinesischer Stratege muss deshalb gar nicht beweisen, dass China heute stärker ist als Amerika. Er muss sich nur fragen: Ist Amerika noch stark genug, wenn es gleichzeitig überall sein muss? Genau deshalb fordert das Pentagon inzwischen von asiatischen Partnern mehr eigene Verteidigungsausgaben und beschreibt seinen Ansatz als „partners, not protectorates" – Partner statt Schutzbefohlene. Das ist nicht Rückzug. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass Washington Lasten verteilen möchte.
Die andere Seite derselben Geschichte: Amerika baut ebenfalls massiv auf
Es wäre falsch, daraus ein Bild eines zurückweichenden Amerika zu zeichnen. Die USA verstärken gerade ebenfalls ihr Netz: mehr Zugang zu philippinischen Militärbasen, engere Zusammenarbeit mit Japan, AUKUS mit Australien und Großbritannien (trotz der oben beschriebenen Anpassungen), mehr Unterwasserüberwachung, mehr autonome Systeme, mehr Marineübungen, mehr ISR – Intelligence, Surveillance and Reconnaissance – und mehr eigene Unterwasserfahrzeuge für die Philippinen. Erst im Juni übergaben die USA Manila autonome Unterwasser- und Oberflächenfahrzeuge zur maritimen Überwachung.
Auch Washington arbeitet also am „transparenten Ozean". Der Pazifik wird nicht chinesisch. Er wird dichter überwacht, stärker bewaffnet, technologischer. Und dadurch möglicherweise gefährlicher.
Der eigentliche Wettlauf findet nicht um Taiwan statt
Taiwan ist lediglich der sichtbarste Brennpunkt. Der größere Wettlauf betrifft: wer die Meerengen kontrolliert, wer Unterwasserbewegungen erkennt, wer Satellitendaten besitzt, wer Häfen nutzen kann, wer Inselstaaten politisch bindet, wer Lieferketten kontrolliert, wer Halbleiter produziert, wer genügend Raketen besitzt, und wer seine Marine länger im Einsatz halten kann. Es ist ein Wettbewerb um die Infrastruktur von Macht. Und genau deshalb ist der chinesische Unterwassersensor in Lombok möglicherweise genauso interessant wie ein Flugzeugträger vor Taiwan.
Auch die kleinen Pazifikstaaten geraten zunehmend zwischen die Fronten
Chinas Raketenversuch vom Juli löste im Pazifik erhebliche Unruhe aus. Mehrere Inselstaaten kritisierten den Test. Gleichzeitig scheiterten die Außenminister der Pazifikstaaten daran, eine gemeinsame Verurteilung zu verabschieden, weil Staaten wie Kiribati und Nauru engere Beziehungen zu China aufgebaut haben.
Das ist geopolitisch wichtig. China konkurriert mit Washington nicht nur um Taiwan, sondern um Häfen, Entwicklungshilfe, Telekommunikation, Polizeikooperation, Handel, Diplomatie und politische Loyalitäten auf kleinen Inselstaaten. Für den durchschnittlichen Europäer wirken Kiribati oder Nauru bedeutungslos. Für Militärstrategen liegen solche Inseln mitten auf den zukünftigen Versorgungs- und Kommunikationsrouten des Pazifiks.
Was wäre Chinas eigentliches strategisches Ziel?
Vielleicht lautet es gar nicht „Amerika militärisch besiegen", sondern: Amerika so weit zurückdrängen, dass China seine eigene Region dominieren kann. Das wäre ein völlig anderes Ziel. Die USA müssten dafür nicht aus Hawaii verschwinden. Sie müssten lediglich irgendwann erkennen: dass eine Intervention unmittelbar vor Chinas Küste zu teuer geworden ist, dass chinesische Raketen amerikanische Basen erreichen, dass Flugzeugträger verwundbar sind, dass U-Boote entdeckt werden könnten, dass Verbündete zögern, und dass China lokal wesentlich mehr Kräfte konzentrieren kann als die global operierenden USA. Dann verändert sich Abschreckung. Noch bevor der erste Schuss fällt.
Genau deshalb ist die First Island Chain so wichtig
Solange die USA gemeinsam mit Japan, Taiwan und den Philippinen diese Linie militärisch kontrollieren beziehungsweise offenhalten können, bleibt China geografisch eingeschränkt. Kann China dagegen dauerhaft durch Miyako operieren, östlich Taiwan Marineverbände einsetzen, den Bashi Channel kontrollieren, im Südchinesischen Meer dominieren und weiter südlich die Unterwasserrouten über Indonesien genau kennen, verändert sich das Machtverhältnis. Dann ist die First Island Chain keine Mauer mehr, sondern eine Reihe von Türen. Und China möchte offenbar für jede davon den Schlüssel kennen.
Nutzt China also den Iran-Krieg?
Die seriöse Antwort lautet: möglicherweise strategisch – aber nicht nachweisbar koordiniert. Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass Iran, Russland und China ihre derzeitigen Konflikte nach einem gemeinsamen Masterplan steuern. Aber Staaten müssen sich nicht heimlich absprechen, um voneinander zu profitieren. Russland profitiert von amerikanischer Bindung im Iran. Iran profitiert von amerikanischer Bindung in Europa. China profitiert von beidem. Und umgekehrt profitieren Russland und Iran davon, dass Washington enorme Ressourcen für die Eindämmung Chinas vorhalten muss. Das ist keine Verschwörung. Das ist schlicht multipolare Geopolitik.
Vielleicht besteht Chinas größte Stärke derzeit gerade darin, nicht zu schießen
Denn jeder chinesische Angriff auf Taiwan würde sofort vieles verändern: Japan müsste entscheiden, Amerika müsste entscheiden, Australien müsste entscheiden, die Philippinen müssten entscheiden. Kapital würde fliehen, Handelswege würden zusammenbrechen, Sanktionen würden folgen, Chinas eigene Exportwirtschaft würde massiv getroffen. Solange Peking dagegen unterhalb der Kriegsschwelle operiert, kann es seine Position Stück für Stück verbessern: Sensor heute, Patrouille morgen, Militärübung nächste Woche, neue Basis, neuer Hafenvertrag, neue Rakete, neue U-Boot-Route. Und irgendwann stellt man fest: Die strategische Realität hat sich verändert, ohne dass jemals offiziell Krieg erklärt wurde.
Der entscheidende Konflikt findet möglicherweise dort statt, wo gerade kaum jemand hinsieht
Während Europa auf Russland schaut und die Welt den Iran-Krieg verfolgt, läuft im Pazifik ein wesentlich langsamerer Vorgang. Aber möglicherweise ein historisch bedeutenderer. China baut seine Marine aus, erweitert die Operationsräume seiner Flugzeugträger, kartiert den Meeresboden, entwickelt Unterwassersensorik, testet seine seegestützte Nuklearabschreckung, trainiert zunehmend jenseits der First Island Chain, erhöht den Druck auf Taiwan und die Philippinen und vertieft gleichzeitig seine militärischen Beziehungen zu Russland sowie seine politischen Beziehungen zu Staaten im gesamten Pazifik. Parallel muss Amerika gerade demonstrieren, dass seine globale Ordnung noch funktioniert – in Europa, im Nahen Osten, im Persischen Golf und im Pazifik, während selbst sein eigenes Vorzeigeprojekt gegen China, AUKUS, unter dem Druck begrenzter Werftkapazität nachjustiert werden musste.
Vielleicht lautet die entscheidende chinesische Frage deshalb überhaupt nicht: Können wir Amerika militärisch besiegen? Sondern: Wie viele Fronten braucht es, bis Amerika nicht mehr überall gleichzeitig überlegen sein kann? Und daraus ergibt sich die vielleicht wichtigere Frage für uns: Wenn irgendwann entschieden wird, wer den Pazifik kontrolliert – wird der Kampf dann tatsächlich erst an diesem Tag beginnen? Oder läuft er längst? Nur wesentlich leiser als in der Ukraine oder im Iran. Unter Wasser, zwischen Inseln, in Häfen, auf Satellitenbildern, an Meerengen – und manchmal in einem Fischernetz vor Bali.
Stand: 15. August 2026
Quellen
- Reuters: „While the world is distracted, China steps up its strategic game", 14. August 2026
- Reuters: „China is mapping the ocean floor as it prepares for submarine warfare with the U.S.", 24. März 2026
- ABC News (Australien): Berichterstattung zum Unterwassersensor in der Lombok-Straße, April/Mai 2026
- Reuters: „China test fires missile into Pacific, alarming regional powers" sowie „Missile test showcases sensitive Chinese submarine capabilities key to nuclear deterrent", Juli 2026
- Japanisches Verteidigungsministerium: „China's Activities in East China Sea, Pacific Ocean, and Sea of Japan" (PDF-Lagebericht)
- Reuters/AP News: Berichterstattung zur Verlegung der USS George Washington und den Bedingungen an Bord der USS Abraham Lincoln, August 2026
- Reuters: Berichterstattung zum US-Munitionsverbrauch im Iran-Krieg und den Produktionsprogrammen für Patriot, THAAD und Tomahawk, August 2026
- Reuters: Berichterstattung zum chinesisch-indonesischen Marinemanöver östlich Taiwans sowie zu den Han-Kuang-Manövern Taiwans, August 2026
- Office of the President, Republic of China (Taiwan): Rede von Präsident Lai Ching-te beim Ketagalan Forum 2026
- 19FortyFive, National Security Journal, American Enterprise Institute, Geopolitical Monitor, The Diplomat, China Data Portal, Wikipedia (People's Liberation Army Navy): Flottenvergleich China–USA, Werftkapazität, Tonnage und Wachstumsprognosen 2026–2035
- USNI News, 19FortyFive, Interesting Engineering, The Defense Post: Berichterstattung zur AUKUS-Anpassung vom 30./31. Mai 2026 (Shangri-La-Dialog, Singapur)
- Reuters: „China missile test deepens Pacific divide over growing militarisation" sowie „US gives Philippines solar-powered sea drones to boost..."
- uvm.





















