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Während der Westen auf Iran und Ukraine schaut: Verschiebt China gerade die Machtverhältnisse im Pazifik?

Während der Westen auf Iran und Ukraine schaut: Verschiebt China gerade die Machtverhältnisse im Pazifik?

Unterwassersensoren an strategischen Meerengen, chinesische Kriegsschiffe jenseits der First Island Chain, ein seltener Raketenstart aus einem Atom-U-Boot, Manöver östlich Taiwans und zunehmender Druck auf die Philippinen: Einzelne Meldungen ergeben zusammengesetzt ein bemerkenswertes Bild.


Wer derzeit auf die Weltkarte blickt, schaut zwangsläufig nach Westen: Ukraine, Russland, Iran, Hormus, Israel, Rotes Meer, Naher Osten. Amerikanische Flugzeugträger und Raketenabwehrsysteme sind dort gebunden, Washington versucht gleichzeitig, Kyiv militärisch zu unterstützen und seine eigenen leergeschossenen Munitionsbestände wieder aufzufüllen.

Und ziemlich genau auf der anderen Seite der Welt passiert etwas, das wesentlich weniger spektakulär aussieht. Keine chinesische Invasion, keine Kriegserklärung, keine Explosionen in Taiwan. Stattdessen: Unterwassersensoren, Vermessungsschiffe, Marinepatrouillen, Drohnen, Manöver, Cyberoperationen, Raketenversuche – und immer häufiger chinesische Kriegsschiffe dort, wo sie früher wesentlich seltener auftauchten.

Reuters formulierte am 14. August 2026 ungewöhnlich deutlich, China verstärke sein strategisches Spiel im Pazifik gerade in einer Phase, in der die Welt durch die Kriege am Golf und in der Ukraine abgelenkt sei. Die langfristigen strategischen Einsätze im Pazifik seien mindestens so bedeutend wie jene in den derzeit wesentlich „kinetischeren" Konflikten des Nahen Ostens und Europas.

Das verdient einen genaueren Blick. Denn vielleicht liegt hier einer der entscheidenden geopolitischen Konflikte der kommenden Jahrzehnte.


Beginnen wir dort, wo auf der Weltkarte kaum jemand hinsieht: unter Wasser

Anfang April zieht ein indonesischer Fischer in der Lombok-Straße zwischen Bali und Lombok ein merkwürdiges Objekt aus dem Meer: 3,7 Meter lang, torpedoförmig, mit Sensoren ausgestattet und mit Kennzeichnungen eines chinesischen Unternehmens. Analysten identifizieren das Gerät als chinesisches Unterwasser-Messsystem beziehungsweise Monitoring-Plattform. Explosivstoff befand sich nach den Untersuchungen nicht darin.

Warum sollte uns ein verlorener chinesischer Meeressensor interessieren? Weil er ausgerechnet dort gefunden wurde: in der Lombok-Straße. Diese Meerenge gehört zu den wenigen ausreichend tiefen Passagen zwischen dem Indischen Ozean beziehungsweise den Gewässern Australiens und dem Südchinesischen Meer, durch die auch größere U-Boote getaucht passieren können. Für einen möglichen Krieg zwischen China und den Vereinigten Staaten wäre das keineswegs irgendeine Meerenge. Es wäre eine Unterwasserautobahn.


China kartiert den Meeresboden

Reuters veröffentlichte bereits im März eine umfangreiche Untersuchung über ein chinesisches Programm, das möglicherweise viel bedeutender ist als einzelne Militärmanöver. China kartiert und überwacht große Teile des Meeresbodens: im Pazifik, im Indischen Ozean, in arktischen Gewässern, nahe Taiwan, nahe Guam und entlang strategischer Meerengen wie Malakka.

Offiziell handelt es sich vielfach um wissenschaftliche Ozeanografie. Das ist nicht einmal zwingend falsch: Temperatur, Salzgehalt, Strömungen, Topografie des Meeresbodens und akustische Bedingungen besitzen alle wissenschaftlichen Wert. Aber exakt dieselben Daten benötigt auch eine Marine. Denn Schall breitet sich unter Wasser je nach Temperatur, Salzgehalt und Tiefenschicht vollkommen unterschiedlich aus. Wer diese Bedingungen detailliert kennt, kann eigene U-Boote besser verstecken – und gegnerische besser finden.

China bezeichnet seine langfristige Vision teilweise als „Transparent Ocean" – ein Ozean, dessen Unterwasserraum durch Sensoren, Forschungsschiffe, Satelliten, autonome Systeme und Datenanalyse zunehmend sichtbar wird. Reuters beschreibt diese Entwicklung als potenziell entscheidend für den Versuch Pekings, den traditionellen amerikanischen Vorsprung in der Unterwasserkriegsführung zu reduzieren. Das klingt weniger spektakulär als ein Flugzeugträger. Militärisch könnte es langfristig wichtiger sein.


Denn ein Krieg um Taiwan würde vermutlich unter Wasser entschieden

Wer Taiwan nur als Insel betrachtet, versteht den Konflikt nicht. Taiwan liegt mitten in einem maritimen System: im Norden Japan und die Ryūkyū-Inseln, im Nordosten die Miyako-Straße, im Süden der Bashi-Kanal beziehungsweise die Luzon-Straße, weiter südlich Philippinen und Borneo. Diese Inselkette bildet das, was amerikanische und asiatische Strategen seit Jahrzehnten als First Island Chain bezeichnen. Sie zieht sich im Wesentlichen von Japan über Taiwan und die Philippinen Richtung Südostasien.

Für China ist diese Geografie Fluch und strategische Herausforderung zugleich. Denn zwischen chinesischen Marinebasen und dem offenen Pazifik liegt zunächst eine Kette amerikanischer Verbündeter und Partner: Japan, Taiwan, Philippinen. Dahinter Guam. Und dahinter der eigentliche pazifische Raum. Das japanische Verteidigungsministerium dokumentiert, dass chinesische Kriegsschiffe inzwischen mit hoher Frequenz durch diese Inselkette in den Pazifik fahren. Besonders die Passage zwischen Okinawa und Miyako sowie Routen südlich davon werden regelmäßig von chinesischen Schiffen, Flugzeugen und Drohnen genutzt.


Die Miyako-Straße ist deshalb keine geografische Fußnote

China benötigt Durchgänge. Die Miyako-Straße ist einer davon. Chinesische Bomber, Aufklärungsflugzeuge, Drohnen und Marineverbände operieren dort inzwischen regelmäßig. Das japanische Verteidigungsministerium registriert seit 2017 eine deutliche Zunahme chinesischer Flüge in den Pazifik. Seit 2021 passieren zudem häufiger chinesische Drohnen den Raum zwischen Okinawa und Miyako; inzwischen werden auch Flüge zwischen Yonaguni und Taiwan beobachtet.

Noch interessanter: Chinesische Flugzeugträger operieren zunehmend östlich der First Island Chain. Die Liaoning und die Shandong haben ihre Einsatzräume kontinuierlich erweitert; Chinas dritter Flugzeugträger Fujian wurde im November 2025 in Dienst gestellt. Damit trainiert China nicht nur den Schutz seiner eigenen Küste. Es trainiert zunehmend jenseits seiner Küste. Das ist der Unterschied zwischen einer Küstenmarine und einer globalen Seemacht.


Und dann kommt der 6. Juli 2026

China startet eine ballistische Rakete aus einem nuklear angetriebenen strategischen U-Boot. Mit einem

Dummy-Gefechtskopf fliegt die Rakete weit in den Pazifik. Es war Chinas erster bekannter derartiger Test in internationalen Pazifikgewässern seit 2024 und vor allem ein äußerst seltenes öffentliches Signal seiner seegestützten nuklearen Zweitschlagfähigkeit.


Warum ist das so wichtig? Weil ein Atom-U-Boot die vielleicht gefährlichste Waffe der nuklearen Abschreckung ist. Landgestützte Raketenbasen können entdeckt und angegriffen werden, Bomber können zerstört werden. Ein Atom-U-Boot irgendwo im Pazifik dagegen ist wesentlich schwieriger aufzuspüren. Besitzt China tatsächlich dauerhaft überlebensfähige strategische U-Boote jenseits seiner unmittelbaren Küstengewässer, erhält Peking eine wesentlich glaubwürdigere Fähigkeit zu sagen: Selbst wenn ihr unsere landgestützten Nuklearwaffen zerstört, können wir zurückschlagen. Analysten gehen davon aus, dass das getestete System wahrscheinlich zur JL-Serie gehört und je nach Abschussposition Guam, Hawaii und möglicherweise auch Teile des amerikanischen Festlands erreichen könnte.

Das wiederum erklärt, warum Unterwasserdaten und die Passagen durch die First Island Chain so interessant sind.


Vielleicht gehören Lombok und Miyako deshalb zur selben Geschichte

Auf den ersten Blick liegen rund 3.000 Kilometer zwischen beiden Regionen. Strategisch hängen sie zusammen. China muss wissen: Wo können amerikanische U-Boote operieren? Wo kommen australische U-Boote hindurch? Welche Meerengen verbinden Indischen und Pazifischen Ozean? Welche Unterwasserbedingungen herrschen dort? Wo können Sensoren eingesetzt werden? Wie kann China selbst unentdeckt in größere Ozeanräume gelangen?

Genau deshalb ist die chinesische Unterwasseraktivität rund um Malakka, Lombok, Sunda, Taiwan und Guam wesentlich interessanter als ein einzelnes im Fischernetz hängengebliebenes Gerät. Es geht um Maritime Domain Awareness. Wer den Ozean sieht, kontrolliert ihn leichter.


Der Hintergrund, den beide Seiten kennen: das Flottenrennen in Zahlen

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf die nackten Zahlen, die den gesamten hier beschriebenen Konflikt erst verständlich machen. Nach Angaben des Pentagon und mehrerer unabhängiger Analysezentren umfasst die chinesische Marine (PLAN) inzwischen mehr als 370 Kriegsschiffe und ist damit nach Schiffszahl die größte Marine der Welt – die US Navy kommt derzeit auf rund 287 bis 295 Kampfeinheiten, mit sinkender Tendenz, da mehrere Kreuzer der Ticonderoga-Klasse bis 2029 ausgemustert werden sollen. Ein 2024 bekannt gewordenes, zunächst als geheim eingestuftes Lagebild der amerikanischen Marinegeheimdienst-Behörde (Office of Naval Intelligence) bezifferte Chinas zivile Werftkapazität auf das rund 230-Fache der amerikanischen – ein Zahlenverhältnis, das seither in praktisch jeder westlichen Analyse zum chinesisch-amerikanischen Flottenwettlauf zitiert wird. Allein 2025 wuchs die chinesische Flotte nach Pentagon-Angaben um rund 30 Schiffe, während die US Navy im selben Zeitraum lediglich zwei zusätzliche Einheiten in Dienst stellte.

Wichtig für die Einordnung ist allerdings eine Gegenrechnung, die in vielen alarmistischen Darstellungen fehlt: Nach Schiffszahl liegt China vorn, nach Gesamttonnage – also der tatsächlichen Größe und Kampfkraft der Flotte – hält die US Navy mit schätzungsweise 4,5 Millionen Tonnen gegenüber rund 2,4 bis 2,5 Millionen Tonnen auf chinesischer Seite weiterhin einen erheblichen Vorsprung, gestützt vor allem auf elf nuklear angetriebene Flugzeugträger gegenüber bislang drei chinesischen. Auch qualitativ, bei U-Boot-Technologie, Trägerkampfgruppen und Kampferfahrung, gilt die amerikanische Marine nach übereinstimmender Einschätzung noch als überlegen. Das eigentliche strategische Problem liegt deshalb nicht in der aktuellen Stärke, sondern in der Flugbahn: Während Chinas Marine nach eigenen Wachstumsplänen bis 2030 auf 435 und bis 2035 auf bis zu 475 Kampfschiffe anwachsen soll, rechnet die amerikanische Marinegeheimdienst-Behörde für die US Navy im selben Zeitraum lediglich mit 305 bis 317 Schiffen – ein Szenario, das laut mehreren an US-Marineakademien lehrenden Strategieprofessoren spätestens Mitte der 2030er Jahre zu einem numerischen und operativen Nachteil im westlichen Pazifik führen könnte, sofern sich der Trend nicht umkehrt.


Gleichzeitig steigt der Druck auf die Philippinen

Weiter nördlich findet bereits ein wesentlich sichtbarerer Machtkampf statt. China und die Philippinen geraten regelmäßig um Gebiete im Südchinesischen Meer aneinander, besonders um Scarborough Shoal und die

Second Thomas Shoal. Chinesische Küstenwachschiffe und philippinische Einheiten haben sich wiederholt gegenseitig blockiert; Wasserwerfer, Kollisionen und aggressive Manöver sind längst keine Ausnahme mehr.

Ende Juli übte der amerikanische Flugzeugträger USS George Washington gemeinsam mit regionalen Kräften nahe Scarborough Shoal. Kurz nachdem der amerikanische Träger das Gebiet verlassen hatte, erschienen dort chinesische Fregatten, Zerstörer und amphibische Einheiten zu eigenen Operationen beziehungsweise „Patrouillen". Das ist kein Krieg. Aber es ist genau die Art von Machtprojektion, bei der jeder dem anderen zeigen möchte: Wir können hier jederzeit sein.


Und jetzt verlässt ausgerechnet die George Washington den Pazifik

Hier wird die aktuelle Situation besonders interessant. Die USS George Washington befindet sich inzwischen auf dem Weg aus dem Pazifik in den Nahen Osten, um die seit Monaten im Iran-Krieg eingesetzte USS Abraham Lincoln abzulösen. Die Lincoln befindet sich bereits seit Januar 2026 im Nahen Osten; ihre Besatzung ist seit November 2025 unterwegs.

Associated Press weist darauf hin, dass die Verlegung der George Washington zeitweise sogar zu einer Situation führen könnte, in der kein amerikanischer Flugzeugträger dauerhaft im westlichen Pazifik verfügbar ist. Der Wechsel war nach amerikanischen Angaben geplant. Er ist also kein panischer Rückzug aus Asien. Aber er zeigt anschaulich das strategische Problem einer globalen Supermacht: Ein Flugzeugträger kann nicht gleichzeitig im Persischen Golf und vor Taiwan liegen.


Genau das ist die eigentliche Frage

Nicht: Hat China Iran beauftragt, die USA im Nahen Osten zu beschäftigen? Dafür gibt es keinen belastbaren Beweis. Nicht: Hat Russland den Ukrainekrieg begonnen, damit China Taiwan angreifen kann? Auch dafür gibt es keinen Beweis. Aber geopolitisch können Staaten von Ereignissen profitieren, die sie nicht selbst verursacht haben. Und aus chinesischer Sicht ist die Lage bemerkenswert: Washington muss gleichzeitig Russland in Europa abschrecken, Ukraine unterstützen, Iran bekämpfen, Israel und Golfstaaten schützen, Schifffahrt rund um Hormus sichern und China im Pazifik abschrecken. Das Problem besteht nicht nur aus Schiffen. Es besteht aus Munition.


Amerikas Raketenproblem

Reuters berichtete Anfang August unter Berufung auf US-Quellen, dass die Vereinigten Staaten im Iran-Krieg praktisch den gesamten kurzfristig verfügbaren Bestand bestimmter Langstrecken-Präzisionswaffen eingesetzt hätten. Noch problematischer sind die defensiven Systeme: Nach Schätzungen des Center for Strategic and International Studies wurden zwischen Februar und Juli ungefähr 65 Prozent der verfügbaren Patriot-Abfangraketen verbraucht; der THAAD-Bestand lag mindestens 38 Prozent unter dem Niveau zu Kriegsbeginn.

Das Pentagon reagiert inzwischen mit riesigen Produktionsprogrammen: Die Patriot-Produktion soll verdreifacht werden, die Produktion von THAAD-Komponenten soll sich vervierfachen, und die amerikanische Tomahawk-Produktion soll langfristig von ungefähr 60 auf bis zu 1.000 Raketen jährlich steigen. Warum diese plötzlich gigantischen Zahlen? Weil moderne Kriege schneller Raketen verbrauchen, als westliche Industrien sie bislang produzieren können. Und dieselben Systeme, die heute im Iran eingesetzt werden, würden teilweise auch in einem Krieg im Pazifik benötigt.


Bedeutet das, China besitzt jetzt ein perfektes Angriffsfenster?

Nein. So einfach ist es nicht. China besitzt selbst erhebliche Probleme. Xi Jinping hat Teile der militärischen Führung ausgetauscht beziehungsweise säubern lassen; internationale Analysten interpretieren das als Hinweis auf Misstrauen gegenüber Korruption, Loyalität und möglicherweise auch tatsächlicher Einsatzbereitschaft innerhalb der PLA. Reuters betont deshalb, dass ein unmittelbar bevorstehender großer Krieg derzeit von vielen Diplomaten und Analysten nicht als wahrscheinlichstes Szenario angesehen wird. Die nächsten politischen Eckpunkte wären eher Taiwans Wahl 2028 und der amerikanische Regierungswechsel 2029.

Das ist wichtig. Denn aus „China nutzt amerikanische Ablenkung" darf nicht automatisch werden „China steht unmittelbar vor der Invasion Taiwans". Dafür gibt es derzeit keinen belastbaren Beleg.


Vielleicht geht es China gar nicht um den großen Krieg

Möglicherweise ist die derzeitige Strategie wesentlich raffinierter. Denn warum sollte Peking Taiwan morgen militärisch angreifen, wenn es seine strategische Position jeden Monat auch ohne Krieg verbessern kann? Mehr Marinepräsenz, mehr Küstenwache, mehr Unterwasserdaten, mehr Drohnen, mehr Raketen, mehr Übungen, mehr wirtschaftlicher Einfluss auf Inselstaaten, mehr diplomatische Beziehungen, mehr Fähigkeit, die First Island Chain zu durchbrechen, mehr Normalisierung chinesischer Aktivitäten in Räumen, die früher außergewöhnlich waren.

Genau darin liegt die Logik der sogenannten Gray-Zone-Strategie. Man verschiebt den Status quo, Millimeter für Millimeter, bis das Außergewöhnliche irgendwann normal geworden ist.


Das lässt sich gerade östlich Taiwans beobachten

Am 12. August führte China gemeinsam mit Indonesien sogar ein Marine-Manöver östlich von Taiwan durch. China bezeichnete es als Navigationsübung. Indonesien betonte wiederum, es habe sich lediglich um ein routinemäßiges „passing exercise" eines zurückkehrenden indonesischen Kriegsschiffs gehandelt und nicht um ein offensives Kampfmanöver. Taiwan reagierte trotzdem scharf. Warum? Weil Peking damit demonstriert, dass chinesische Marineaktivitäten östlich Taiwans nicht mehr ausschließlich chinesische Übungen sein müssen. Erstmals beteiligt sich dort eine ausländische Marine. Militärisch war das Manöver begrenzt. Politisch ist die Symbolik erheblich größer.

Indonesien versucht dabei offenbar genau das, was viele Staaten Südostasiens tun: mit beiden Seiten zusammenarbeiten. Jakarta übt mit China, aber auch mit den USA, Japan und Australien. Das ist keine chinesische Allianz. Es ist klassische südostasiatische Machtbalance.


Und Taiwan bereitet sich inzwischen nicht mehr nur auf eine Invasion vor

Taiwans diesjährige Han-Kuang-Manöver dauern zehn Tage und sind umfangreicher als früher. Erstmals wurden gemeinsame Marine- und Küstenwachenübungen gegen eine mögliche Seeblockade durchgeführt. Dabei simulierten taiwanische Kräfte unter anderem Schutz eines Handelsschiffs, Räumung von Seeminen und Aufrechterhaltung maritimer Versorgung. Parallel wurden in Taipei Luftschutzübungen durchgeführt, Straßen wurden geräumt, unterirdische medizinische Einrichtungen getestet, und sogar die Drosselung des mobilen Internets wurde simuliert, um Kommunikationsbedingungen während eines Krieges nachzustellen.

Taiwans Präsident Lai Ching-te erklärt offen, dass sein Land die Verteidigungsausgaben erstmals auf über drei Prozent des BIP erhöht hat und bis 2030 fünf Prozent erreichen will. Gleichzeitig baut Taiwan eine „Whole-of-Society Defense Resilience" auf – also eine gesamtgesellschaftliche Vorbereitung auf Krisen und Krieg. Das sagt einiges über die Bedrohungswahrnehmung in Taipei.


Aber Peking erzählt dieselbe Geschichte vollkommen anders

Aus chinesischer Sicht lautet die Erzählung: Taiwan ist kein souveräner Staat, es handelt sich um eine chinesische Provinz. Amerikanische Waffenlieferungen und militärische Unterstützung seien Einmischung in eine innere chinesische Angelegenheit. Japan und die USA würden Taiwan instrumentalisieren, um China einzudämmen. Die chinesische Regierung bezeichnet westliche und japanische Warnungen vor chinesischer Expansion regelmäßig als Ausdruck einer „Cold War mentality" und weist den Vorwurf zurück, legitime chinesische Sicherheits- und Souveränitätsinteressen seien aggressive Expansion.

Auch das muss in die Analyse. Denn aus Pekings Sicht ist die First Island Chain genau das, was ihr Name vermuten lässt: eine strategische Kette um China. Und amerikanische Militärplaner machen daraus auch kein Geheimnis – Pentagon-Vertreter sprechen ausdrücklich davon, Frieden und Abschreckung entlang der First Island Chain gewährleisten zu wollen. Der Konflikt besteht deshalb nicht nur darin, dass China versucht auszubrechen. Die USA versuchen gleichzeitig, diese Linie militärisch relevant zu halten.


Japan rückt dabei immer weiter ins Zentrum

Japan ist möglicherweise der entscheidende amerikanische Verbündete im gesamten Szenario, denn die japanischen Inseln liegen wie eine natürliche Barriere vor Chinas Küste. Tokios Verteidigungsministerium beschreibt Chinas zunehmende Aktivitäten inzwischen als eine der zentralen Herausforderungen der japanischen Sicherheit. Chinesische Kriegsschiffe operieren zunehmend im Ostchinesischen Meer, im Pazifik und im Japanischen Meer; zusätzlich vertieft sich die militärische Zusammenarbeit zwischen China und Russland. Seit 2021 führen chinesische und russische Marineverbände nahezu jährlich gemeinsame Fahrten in der Region durch. Seit 2019 finden regelmäßig gemeinsame Langstreckenflüge chinesischer H-6- und russischer Tu-95-Bomber statt. Das bedeutet nicht, dass China und Russland ein asiatisches Gegenstück zur NATO besitzen. Aber ihre militärische Koordination wächst sichtbar.


Die amerikanische Gegenreaktion: AUKUS unter Anpassungsdruck

Auch die amerikanische Gegenstrategie ist derzeit selbst im Umbruch begriffen, was ein weiteres Licht auf die eingangs beschriebenen Werft-Engpässe wirft. Am 30./31. Mai 2026 verkündeten die USA, Großbritannien und Australien beim Shangri-La-Dialog in Singapur eine überraschende Überarbeitung des 2021 geschlossenen AUKUS-U-Boot-Abkommens: Statt, wie ursprünglich vorgesehen, zwei gebrauchte und ein neu gebautes Virginia-Klasse-U-Boot zu erhalten, bekommt Australien nun ausschließlich drei bereits im Dienst befindliche gebrauchte Boote aus dem Bestand der US Navy. Australiens Verteidigungsminister Richard Marles bezeichnete dies öffentlich als kosteneffiziente „Vereinfachung"; unabhängige Berichte, unter anderem von USNI News und 19FortyFive, ordnen die Entscheidung jedoch unmissverständlich als Zugeständnis an die Kapazitätsprobleme amerikanischer Werften ein, die es trotz jahrelanger Bemühungen nicht schaffen, die geplanten zwei neuen Virginia-Klasse-Boote pro Jahr zu produzieren. Einzelne amerikanische Kritiker forderten in diesem Zusammenhang bereits offen, Washington solle den Wiederaufbau der eigenen U-Boot-Flotte priorisieren, bevor es weitere nukleare Boote ins Ausland verkauft – ein Vorschlag, den die Regierung bislang zurückwies, da man AUKUS weiterhin als zentrale sicherheitspolitische Partnerschaft im Indopazifik betrachte. Gleichzeitig hält der Zeitplan formal: Ab 2027 sollen amerikanische und britische Atom-U-Boote turnusmäßig über die Marinebasis HMAS Stirling in Westaustralien rotieren, bevor die ersten gebrauchten Virginia-Boote 2032 an Australien übergehen sollen. Das gemeinsam von Großbritannien und Australien entwickelte SSN-AUKUS-Boot, das ab den 2040er Jahren die eigentliche langfristige Lösung bilden soll, befindet sich nach Angaben von Rolls-Royce weiterhin im Zeitplan; in Derby entstehen derzeit sieben Reaktoren gleichzeitig.

Diese Episode ist deshalb bemerkenswert, weil sie zeigt, dass nicht nur China, sondern auch die amerikanische Antwort auf China an harte industrielle Grenzen stößt – ein Umstand, der die weiter oben beschriebene Werftkapazitäts-Asymmetrie zwischen beiden Ländern noch einmal konkret unterstreicht.


Und plötzlich verbindet sich der Pazifik mit der Ukraine

Hier kommen wir zu einem größeren geopolitischen Zusammenhang. Russland bindet westliche Munition, Geld, Aufmerksamkeit, Aufklärungskapazitäten und politische Energie in Europa. Iran bindet amerikanische Flugzeugträger, Luftverteidigung, Langstreckenwaffen, Tankflugzeuge, Kriegsschiffe und Personal im Nahen Osten. China muss keinen dieser Konflikte kontrollieren, um strategisch davon zu profitieren. Peking kann schlicht beobachten: Wie viele Konflikte kann Amerika gleichzeitig führen? Das ist vermutlich eine der wichtigsten Fragen chinesischer Militärplanung überhaupt.


Denn die Vereinigten Staaten haben ein strukturelles Problem

Amerikas Macht beruht darauf, global präsent zu sein. Aber globale Präsenz erzeugt globale Verpflichtungen. Europa erwartet Schutz vor Russland, Israel erwartet Schutz vor Iran, Saudi-Arabien und die Golfstaaten erwarten amerikanische Präsenz, Taiwan erwartet Unterstützung, Japan erwartet Artikel-5-Sicherheit, die Philippinen besitzen einen amerikanischen Verteidigungsvertrag, Südkorea erwartet Schutz vor Nordkorea. Und überall dafür benötigt Washington Schiffe, Raketen, Piloten, Satelliten, Stützpunkte, Munition, Logistik.

Ein chinesischer Stratege muss deshalb gar nicht beweisen, dass China heute stärker ist als Amerika. Er muss sich nur fragen: Ist Amerika noch stark genug, wenn es gleichzeitig überall sein muss? Genau deshalb fordert das Pentagon inzwischen von asiatischen Partnern mehr eigene Verteidigungsausgaben und beschreibt seinen Ansatz als „partners, not protectorates" – Partner statt Schutzbefohlene. Das ist nicht Rückzug. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass Washington Lasten verteilen möchte.


Die andere Seite derselben Geschichte: Amerika baut ebenfalls massiv auf

Es wäre falsch, daraus ein Bild eines zurückweichenden Amerika zu zeichnen. Die USA verstärken gerade ebenfalls ihr Netz: mehr Zugang zu philippinischen Militärbasen, engere Zusammenarbeit mit Japan, AUKUS mit Australien und Großbritannien (trotz der oben beschriebenen Anpassungen), mehr Unterwasserüberwachung, mehr autonome Systeme, mehr Marineübungen, mehr ISR – Intelligence, Surveillance and Reconnaissance – und mehr eigene Unterwasserfahrzeuge für die Philippinen. Erst im Juni übergaben die USA Manila autonome Unterwasser- und Oberflächenfahrzeuge zur maritimen Überwachung.

Auch Washington arbeitet also am „transparenten Ozean". Der Pazifik wird nicht chinesisch. Er wird dichter überwacht, stärker bewaffnet, technologischer. Und dadurch möglicherweise gefährlicher.


Der eigentliche Wettlauf findet nicht um Taiwan statt

Taiwan ist lediglich der sichtbarste Brennpunkt. Der größere Wettlauf betrifft: wer die Meerengen kontrolliert, wer Unterwasserbewegungen erkennt, wer Satellitendaten besitzt, wer Häfen nutzen kann, wer Inselstaaten politisch bindet, wer Lieferketten kontrolliert, wer Halbleiter produziert, wer genügend Raketen besitzt, und wer seine Marine länger im Einsatz halten kann. Es ist ein Wettbewerb um die Infrastruktur von Macht. Und genau deshalb ist der chinesische Unterwassersensor in Lombok möglicherweise genauso interessant wie ein Flugzeugträger vor Taiwan.


Auch die kleinen Pazifikstaaten geraten zunehmend zwischen die Fronten

Chinas Raketenversuch vom Juli löste im Pazifik erhebliche Unruhe aus. Mehrere Inselstaaten kritisierten den Test. Gleichzeitig scheiterten die Außenminister der Pazifikstaaten daran, eine gemeinsame Verurteilung zu verabschieden, weil Staaten wie Kiribati und Nauru engere Beziehungen zu China aufgebaut haben.

Das ist geopolitisch wichtig. China konkurriert mit Washington nicht nur um Taiwan, sondern um Häfen, Entwicklungshilfe, Telekommunikation, Polizeikooperation, Handel, Diplomatie und politische Loyalitäten auf kleinen Inselstaaten. Für den durchschnittlichen Europäer wirken Kiribati oder Nauru bedeutungslos. Für Militärstrategen liegen solche Inseln mitten auf den zukünftigen Versorgungs- und Kommunikationsrouten des Pazifiks.


Was wäre Chinas eigentliches strategisches Ziel?

Vielleicht lautet es gar nicht „Amerika militärisch besiegen", sondern: Amerika so weit zurückdrängen, dass China seine eigene Region dominieren kann. Das wäre ein völlig anderes Ziel. Die USA müssten dafür nicht aus Hawaii verschwinden. Sie müssten lediglich irgendwann erkennen: dass eine Intervention unmittelbar vor Chinas Küste zu teuer geworden ist, dass chinesische Raketen amerikanische Basen erreichen, dass Flugzeugträger verwundbar sind, dass U-Boote entdeckt werden könnten, dass Verbündete zögern, und dass China lokal wesentlich mehr Kräfte konzentrieren kann als die global operierenden USA. Dann verändert sich Abschreckung. Noch bevor der erste Schuss fällt.


Genau deshalb ist die First Island Chain so wichtig

Solange die USA gemeinsam mit Japan, Taiwan und den Philippinen diese Linie militärisch kontrollieren beziehungsweise offenhalten können, bleibt China geografisch eingeschränkt. Kann China dagegen dauerhaft durch Miyako operieren, östlich Taiwan Marineverbände einsetzen, den Bashi Channel kontrollieren, im Südchinesischen Meer dominieren und weiter südlich die Unterwasserrouten über Indonesien genau kennen, verändert sich das Machtverhältnis. Dann ist die First Island Chain keine Mauer mehr, sondern eine Reihe von Türen. Und China möchte offenbar für jede davon den Schlüssel kennen.


Nutzt China also den Iran-Krieg?

Die seriöse Antwort lautet: möglicherweise strategisch – aber nicht nachweisbar koordiniert. Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass Iran, Russland und China ihre derzeitigen Konflikte nach einem gemeinsamen Masterplan steuern. Aber Staaten müssen sich nicht heimlich absprechen, um voneinander zu profitieren. Russland profitiert von amerikanischer Bindung im Iran. Iran profitiert von amerikanischer Bindung in Europa. China profitiert von beidem. Und umgekehrt profitieren Russland und Iran davon, dass Washington enorme Ressourcen für die Eindämmung Chinas vorhalten muss. Das ist keine Verschwörung. Das ist schlicht multipolare Geopolitik.


Vielleicht besteht Chinas größte Stärke derzeit gerade darin, nicht zu schießen

Denn jeder chinesische Angriff auf Taiwan würde sofort vieles verändern: Japan müsste entscheiden, Amerika müsste entscheiden, Australien müsste entscheiden, die Philippinen müssten entscheiden. Kapital würde fliehen, Handelswege würden zusammenbrechen, Sanktionen würden folgen, Chinas eigene Exportwirtschaft würde massiv getroffen. Solange Peking dagegen unterhalb der Kriegsschwelle operiert, kann es seine Position Stück für Stück verbessern: Sensor heute, Patrouille morgen, Militärübung nächste Woche, neue Basis, neuer Hafenvertrag, neue Rakete, neue U-Boot-Route. Und irgendwann stellt man fest: Die strategische Realität hat sich verändert, ohne dass jemals offiziell Krieg erklärt wurde.


Der entscheidende Konflikt findet möglicherweise dort statt, wo gerade kaum jemand hinsieht

Während Europa auf Russland schaut und die Welt den Iran-Krieg verfolgt, läuft im Pazifik ein wesentlich langsamerer Vorgang. Aber möglicherweise ein historisch bedeutenderer. China baut seine Marine aus, erweitert die Operationsräume seiner Flugzeugträger, kartiert den Meeresboden, entwickelt Unterwassersensorik, testet seine seegestützte Nuklearabschreckung, trainiert zunehmend jenseits der First Island Chain, erhöht den Druck auf Taiwan und die Philippinen und vertieft gleichzeitig seine militärischen Beziehungen zu Russland sowie seine politischen Beziehungen zu Staaten im gesamten Pazifik. Parallel muss Amerika gerade demonstrieren, dass seine globale Ordnung noch funktioniert – in Europa, im Nahen Osten, im Persischen Golf und im Pazifik, während selbst sein eigenes Vorzeigeprojekt gegen China, AUKUS, unter dem Druck begrenzter Werftkapazität nachjustiert werden musste.

Vielleicht lautet die entscheidende chinesische Frage deshalb überhaupt nicht: Können wir Amerika militärisch besiegen? Sondern: Wie viele Fronten braucht es, bis Amerika nicht mehr überall gleichzeitig überlegen sein kann? Und daraus ergibt sich die vielleicht wichtigere Frage für uns: Wenn irgendwann entschieden wird, wer den Pazifik kontrolliert – wird der Kampf dann tatsächlich erst an diesem Tag beginnen? Oder läuft er längst? Nur wesentlich leiser als in der Ukraine oder im Iran. Unter Wasser, zwischen Inseln, in Häfen, auf Satellitenbildern, an Meerengen – und manchmal in einem Fischernetz vor Bali.

Stand: 15. August 2026


Quellen

  • Reuters: „While the world is distracted, China steps up its strategic game", 14. August 2026
  • Reuters: „China is mapping the ocean floor as it prepares for submarine warfare with the U.S.", 24. März 2026
  • ABC News (Australien): Berichterstattung zum Unterwassersensor in der Lombok-Straße, April/Mai 2026
  • Reuters: „China test fires missile into Pacific, alarming regional powers" sowie „Missile test showcases sensitive Chinese submarine capabilities key to nuclear deterrent", Juli 2026
  • Japanisches Verteidigungsministerium: „China's Activities in East China Sea, Pacific Ocean, and Sea of Japan" (PDF-Lagebericht)
  • Reuters/AP News: Berichterstattung zur Verlegung der USS George Washington und den Bedingungen an Bord der USS Abraham Lincoln, August 2026
  • Reuters: Berichterstattung zum US-Munitionsverbrauch im Iran-Krieg und den Produktionsprogrammen für Patriot, THAAD und Tomahawk, August 2026
  • Reuters: Berichterstattung zum chinesisch-indonesischen Marinemanöver östlich Taiwans sowie zu den Han-Kuang-Manövern Taiwans, August 2026
  • Office of the President, Republic of China (Taiwan): Rede von Präsident Lai Ching-te beim Ketagalan Forum 2026
  • 19FortyFive, National Security Journal, American Enterprise Institute, Geopolitical Monitor, The Diplomat, China Data Portal, Wikipedia (People's Liberation Army Navy): Flottenvergleich China–USA, Werftkapazität, Tonnage und Wachstumsprognosen 2026–2035
  • USNI News, 19FortyFive, Interesting Engineering, The Defense Post: Berichterstattung zur AUKUS-Anpassung vom 30./31. Mai 2026 (Shangri-La-Dialog, Singapur)
  • Reuters: „China missile test deepens Pacific divide over growing militarisation" sowie „US gives Philippines solar-powered sea drones to boost..."
  • uvm.


von Holger H. Hohlfeld 15. August 2026
Der stille Alarm am Anleihemarkt: Wird Amerikas Schuldenberg zur geopolitischen Achillesferse? 5,22 Prozent Zinsen für 30 Jahre, fast 40 Billionen Dollar Staatsschulden und mehr als eine Billion Dollar Zinskosten pro Jahr Es war keine Meldung, die Nachrichtensendungen eröffnete. Keine Explosion, kein Raketenangriff, kein Gipfeltreffen. Lediglich eine Auktion des amerikanischen Finanzministeriums. Washington verkaufte am 13. August 2026 für 25 Milliarden Dollar neue 30-jährige Staatsanleihen. Das Ergebnis: 5,22 Prozent Rendite. So viel musste der amerikanische Staat bei einer Auktion dieser Laufzeit seit 2001 nicht mehr bieten. Einen Tag zuvor waren bereits 42 Milliarden Dollar zehnjährige US-Staatsanleihen mit 4,683 Prozent versteigert worden – der höchste Auktionszins seit 2007. Das klingt zunächst nach einer Meldung für Anleihehändler. Tatsächlich könnte dahinter eine der wichtigsten geopolitischen Fragen der kommenden Jahre stehen: Was passiert mit der Weltmacht USA, wenn Geld für Washington nicht mehr billig ist? Zunächst: Die Auktion ist nicht gescheitert Das ist wichtig. Es gab Käufer, amerikanische Staatsanleihen sind weiterhin gefragt. Bei der 30-jährigen Auktion lag das Bid-to-Cover-Verhältnis bei rund 2,39 – für jeden angebotenen Dollar gab es also deutlich mehr als einen Dollar Nachfrage. Von einem Käuferstreik gegen die USA kann keine Rede sein. Gerade deshalb ist das Signal interessant. Die Investoren sagen nicht: Wir kaufen eure Schulden nicht mehr. Sie sagen: Wir kaufen sie – aber zu einem höheren Preis. Und der Preis für einen Schuldner heißt Zins. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Denn die wirkliche Gefahr beginnt für die USA möglicherweise nicht an dem Tag, an dem niemand mehr Treasuries kaufen möchte. Sondern lange vorher: wenn die Welt für das Privileg, Washington Geld zu leihen, immer mehr Rendite verlangt. Ein wichtiger historischer Wendepunkt, der oft übersehen wird Bevor man die aktuellen Zahlen einordnet, lohnt sich ein Blick zurück auf ein Ereignis vom 16. Mai 2025, das im Rückblick durchaus als Vorbote der jetzigen Entwicklung gelten kann. An diesem Tag stufte die Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten von der Bestnote „Aaa" auf „Aa1" herab – und beendete damit eine Serie, die seit 1917 Bestand hatte. Moody's war zu diesem Zeitpunkt die letzte der drei großen Ratingagenturen, die den USA noch die höchste Bonitätsnote zugestand; Standard & Poor's hatte bereits 2011 während des damaligen Streits um die Schuldenobergrenze herabgestuft, Fitch folgte 2023. Erstmals seit dem Ersten Weltkrieg besaßen die Vereinigten Staaten damit von keiner der drei großen Agenturen mehr eine makellose Bonitätsbewertung. Moody's begründete den Schritt mit einer über mehr als ein Jahrzehnt anhaltenden Verschlechterung der fiskalischen Kennzahlen im Vergleich zu ähnlich bewerteten Staaten: steigende Schuldenquoten und Zinslastquoten, ohne dass „aufeinanderfolgende US-Regierungen und der Kongress" sich auf Maßnahmen zur Umkehr des Trends hätten einigen können. Die Agentur projizierte damals, die gesamtstaatliche Verschuldung könne von rund 98 Prozent des BIP im Jahr 2024 auf etwa 134 Prozent bis 2035 steigen – ein Niveau, das sogar über dem Höchststand des Zweiten Weltkriegs läge –, während der Anteil der Zinszahlungen an den Bundeseinnahmen von 18 Prozent im Jahr 2024 auf möglicherweise 30 Prozent bis 2035 anwachsen könnte. Moody's verwies dabei ausdrücklich auch auf die damals diskutierten Steuersenkungspläne des Kongresses, die nach eigener Schätzung der Agentur zusätzlich rund vier Billionen Dollar zum Defizit über zehn Jahre beitragen könnten, ohne die daraus resultierenden zusätzlichen Zinskosten mitzurechnen. Wichtig für die Einordnung: Der Downgrade löste damals keine Panik aus. Die Aktienmärkte reagierten vergleichsweise gelassen, der Anleihemarkt zeigte sich unruhiger. Aber die Herabstufung markierte einen symbolischen Bruch – das Ende dessen, was ein Kommentator als „108 Jahre währende Legitimität" bezeichnete. Genau in dieser Linie liegt die aktuelle 5,22-Prozent-Auktion vom August 2026: nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Fortsetzung eines bereits länger laufenden Vertrauensverlusts, der graduell, nicht abrupt verläuft. Fast 40 Billionen Dollar Nach offiziellen Daten des US-Finanzministeriums lag die gesamte amerikanische Bundesverschuldung Ende Juli bereits bei ungefähr 39,84 Billionen Dollar. Ende 2025 waren es noch rund 37,64 Billionen. Die symbolträchtige Marke von 40 Billionen Dollar steht damit unmittelbar bevor. Aber die absolute Zahl allein sagt wenig aus. Eine große Volkswirtschaft kann selbstverständlich größere Schulden tragen als eine kleine. Viel interessanter sind drei andere Größen: Wie schnell wächst die Verschuldung? Welchen Zins muss der Staat darauf zahlen? Und wie viel seiner Einnahmen benötigt er irgendwann allein für den Schuldendienst? Genau dort wird die amerikanische Entwicklung bemerkenswert. Amerika macht selbst in guten Zeiten gigantische Defizite In den ersten zehn Monaten des laufenden Haushaltsjahres 2026 betrug das amerikanische Haushaltsdefizit bereits 1,799 Billionen Dollar. Damit hatte Washington schon Ende Juli das gesamte Defizit des vorherigen Fiskaljahres von 1,775 Billionen Dollar überschritten – obwohl noch zwei Monate im Haushaltsjahr fehlen. Der Juli allein brachte ein Defizit von 432 Milliarden Dollar. Ein Teil davon war kalenderbedingt, doch selbst bereinigt lag das Monatsdefizit bei rund 333 Milliarden Dollar. Das Entscheidende: Wir sprechen nicht über eine Depression, nicht über COVID, nicht über eine Bankenrettung wie 2008. Die USA produzieren strukturell riesige Defizite in einer grundsätzlich funktionierenden Wirtschaft. Das Congressional Budget Office erwartet für 2026 rund 1,9 Billionen Dollar Defizit und prognostiziert ohne grundsätzliche politische Änderungen bis 2036 einen Anstieg auf 3,1 Billionen Dollar pro Jahr. Und jetzt kommt der Zinseszinseffekt Noch vor wenigen Jahren konnten die Vereinigten Staaten einen großen Teil ihrer Schulden zu extrem niedrigen Zinssätzen finanzieren. Diese Papiere laufen jedoch nach und nach aus und müssen refinanziert werden. Aus einem Prozent werden vielleicht vier Prozent, aus zwei Prozent werden fünf. Das bedeutet: Der Staat muss nicht einmal einen zusätzlichen Dollar Schulden aufnehmen, damit die jährliche Zinsrechnung steigt. Er muss lediglich alte billige Schulden durch neue teurere ersetzen. Und genau dieser Prozess läuft bereits. Mehr als eine Billion Dollar – nur für Zinsen Das CBO erwartet für das Fiskaljahr 2026 Nettozinszahlungen von mehr als einer Billion Dollar. 2025 waren es bereits 970 Milliarden Dollar. Bis 2036 könnten daraus 2,1 Billionen Dollar jährlich werden. Zum Vergleich: Die gesamten amerikanischen Verteidigungsausgaben werden vom CBO für 2026 mit etwa 918 Milliarden Dollar veranschlagt. Damit gibt Washington inzwischen voraussichtlich mehr für Zinsen auf bereits gemachte Schulden aus als für seine gesamte Verteidigung. Für eine Weltmacht ist das keine triviale Statistik. Denn Macht kostet Geld Amerikanische Macht besteht nicht nur aus Flugzeugträgern. Sie besteht aus einem finanziellen System, das Washington erlaubt, gleichzeitig eine globale Marine zu unterhalten, Europa militärisch abzusichern, Israel zu unterstützen, Iran zu bekämpfen, Japan und Südkorea zu schützen, China im Pazifik abzuschrecken, Geheimdienste weltweit zu finanzieren, Militärbasen auf mehreren Kontinenten zu betreiben und im Krisenfall kurzfristig hunderte Milliarden Dollar mobilisieren zu können. Das funktioniert wesentlich leichter, solange sich die Vereinigten Staaten günstig refinanzieren können. Steigt der Schuldendienst dauerhaft, konkurriert irgendwann jeder zusätzliche Verteidigungsdollar mit Renten, Medicare, Infrastruktur, Steuersenkungen und Sozialausgaben – und den Zinsen. Das CBO sagt inzwischen selbst: Die gegenwärtige fiskalische Entwicklung sei „nicht nachhaltig". Der Iran-Krieg verschärft genau dieses Problem Hier verbindet sich Finanzpolitik unmittelbar mit Geopolitik. Der Iran-Konflikt kostet Washington nicht nur Munition und militärische Ressourcen. Er treibt über gestörte Energiemärkte auch Ölpreise und Inflationsrisiken nach oben. Und höhere Inflation bedeutet: Die Federal Reserve kann die Zinsen nicht einfach massiv senken. Das wiederum hält die Finanzierungskosten des Staates hoch. Reuters beschreibt genau diese Rückkopplung seit Monaten: Krieg → höhere Energiepreise → höhere Inflation → weniger Spielraum für Zinssenkungen → höhere Treasury-Renditen → höherer Schuldendienst. Damit kann ein Krieg plötzlich doppelt teuer werden. Die Regierung bezahlt den Krieg selbst – und anschließend höhere Zinsen auf fast 40 Billionen Dollar Schulden. Das ist der Teil, der geopolitisch gefährlich werden kann Ein vereinfachtes Gedankenexperiment: Ein Prozentpunkt höhere durchschnittliche Finanzierungskosten auf 30 Billionen Dollar marktfähiger beziehungsweise öffentlich gehaltener Staatsschulden bedeutet langfristig Größenordnungen von 300 Milliarden Dollar zusätzlichen jährlichen Zinskosten. Nicht sofort – weil nicht alle Schulden gleichzeitig refinanziert werden. Aber mit jeder fällig werdenden Anleihe sickert der höhere Zinssatz tiefer in den Staatshaushalt. Keine spektakuläre Staatspleite. Sondern eine langsam steigende Rechnung. Und Washington geht inzwischen stärker in kurzfristige Schulden Ausgerechnet deshalb macht das Finanzministerium etwas, das kurzfristig logisch ist, langfristig aber zusätzliche Risiken schafft. Es finanziert einen wachsenden Teil seines Bedarfs über kurzfristige Treasury Bills. Dafür gibt es derzeit viel Nachfrage, insbesondere von amerikanischen Geldmarktfonds. Reuters berichtet jedoch, dass Marktteilnehmer zunehmend davor warnen, dass diese Strategie Washington stärker von kurzfristigen Zinsschwankungen abhängig macht: Bills müssen schnell und häufig refinanziert werden. Das ist ein bisschen wie eine Immobilienfinanzierung: Wer für 30 Jahre einen festen Zinssatz besitzt, kann ruhig schlafen. Wer ständig refinanzieren muss, hofft darauf, dass der Markt morgen noch genauso freundlich ist wie heute. Allein im dritten Quartal: 739 Milliarden Dollar neue Kreditaufnahme Das US-Finanzministerium erwartet für das dritte Quartal 2026 eine marktbasierte Nettokreditaufnahme von 739 Milliarden Dollar. Für das vierte Quartal werden weitere 628 Milliarden Dollar erwartet. Das bedeutet: Der amerikanische Anleihemarkt muss ständig enorme neue Mengen aufnehmen. Und dabei konkurriert Washington zunehmend nicht nur mit anderen Staaten um Kapital. Jetzt kommt auch noch der KI-Boom Alphabet, Amazon, Meta und andere Tech-Konzerne nehmen gigantische Summen auf, um Rechenzentren, Stromversorgung und KI-Infrastruktur zu finanzieren. Reuters beziffert die entsprechende Unternehmensverschuldung allein 2026 bereits auf rund 220 Milliarden Dollar. Gleichzeitig emittieren Staaten weltweit ebenfalls Rekordmengen an Schulden. Kapital wird damit wieder zu einer knappen Ressource. Und wenn mehrere riesige Schuldner gleichzeitig Geld benötigen, geschieht etwas sehr Einfaches: Der Preis steigt. Besonders interessant: Die Realzinsen steigen Man könnte argumentieren, 5,22 Prozent seien doch nur Inflation. Ganz so einfach ist es nicht. Die inflationsbereinigte Rendite 30-jähriger amerikanischer Staatsanleihen lag zuletzt bei rund 3 Prozent – ungefähr der höchste Wert seit 2008. Investoren verlangen also nicht nur einen Ausgleich für erwartete Inflation. Sie verlangen eine erhebliche reale Rendite, um Washington langfristig Geld zu überlassen. Und jetzt kommen China, BRICS und De-Dollarisation ins Spiel Hier muss man sehr vorsichtig sein. Seit Jahren kursieren Überschriften wie „Das Ende des Dollars", „BRICS schafft den Dollar ab", „Der Petrodollar ist tot". Das meiste davon ist übertrieben. Aber unterhalb dieser übertriebenen Schlagzeilen findet tatsächlich eine langsame strukturelle Verschiebung statt. China besitzt deutlich weniger amerikanische Schulden als früher 2013 hielt China zeitweise amerikanische Treasury-Papiere im Wert von mehr als 1,3 Billionen Dollar. Im Mai 2026 waren es noch rund 659 Milliarden Dollar. Das ist ungefähr eine Halbierung. China verkauft nicht hektisch alles – Peking reduziert seine Abhängigkeit seit Jahren schrittweise. Eine plötzliche Liquidation wäre auch für China selbst schädlich; eine langfristige Diversifizierung ist dagegen strategisch nachvollziehbar. Japan ist inzwischen viel wichtiger als China Der größte ausländische Halter amerikanischer Staatsanleihen ist nicht China, sondern Japan. Im Mai hielt Japan rund 1,14 Billionen Dollar Treasuries. Als der japanische Yen zuletzt auf extreme Tiefstände fiel, sorgte sich Washington offenbar ausdrücklich darum, dass Tokio zur Stabilisierung seiner Währung amerikanische Staatsanleihen verkaufen könnte. Das amerikanische Finanzministerium unterstützte deshalb Maßnahmen, mit denen Japan Dollarliquidität erhalten kann, ohne seine Treasury-Bestände auf den Markt werfen zu müssen. Allein dieser Vorgang zeigt: Amerikanische Staatsanleihen sind längst nicht nur Finanzinstrumente. Sie sind Teil geopolitischer Beziehungen. Aber die Welt flieht keineswegs aus US-Anleihen Ausländische Investoren hielten im April 2026 noch rund 9,35 Billionen Dollar amerikanische Staatsanleihen. Im Februar wurde sogar ein Rekord von ungefähr 9,49 Billionen erreicht. Japan und Großbritannien kauften zuletzt weiter, auch private internationale Anleger greifen zu. Warum? Weil 4 oder 5 Prozent Rendite auf eine liquide, in Dollar denominierte amerikanische Staatsanleihe durchaus attraktiv sein können. Das ist das Paradoxon: Höhere Zinsen sind schlecht für Washington. Gleichzeitig machen sie Treasuries für Investoren attraktiver. Trotzdem verändert sich die Struktur Ausländische Investoren besitzen heute noch ungefähr 30 Prozent der öffentlich gehaltenen amerikanischen Bundesschulden. 2012 waren es etwa 50 Prozent. Das bedeutet nicht, dass die Welt Amerika nicht mehr finanzieren möchte. Aber Washington muss immer stärker auf amerikanische Banken, Geldmarktfonds, Versicherer, Pensionsfonds, Hedgefonds und andere private Investoren zurückgreifen. Und diese Anleger entscheiden primär nach Rendite. Nicht nach geopolitischer Loyalität. Genau deshalb ist die Goldentwicklung interessant Während die Vereinigten Staaten immer mehr Schulden ausgeben, kaufen Zentralbanken weltweit verstärkt Gold. Im zweiten Quartal 2026 kauften Zentralbanken netto rund 289 Tonnen – fünfmal so viel wie im ersten Quartal und der höchste jemals gemessene Wert für ein zweites Quartal. China kaufte im zweiten Quartal weitere 33 Tonnen und erhöhte seine offiziell gemeldeten Bestände auf rund 2.346 Tonnen. Auch Polen, Kasachstan, Usbekistan, Jordanien, Singapur, die VAE und weitere Zentralbanken kauften. In einer Umfrage des World Gold Council erklärten 89 Prozent der Zentralbanken, dass die weltweiten Goldreserven ihrer Einschätzung nach weiter steigen werden. Rekordhohe 45 Prozent erwarten sogar, ihre eigenen Goldbestände zu erhöhen. Warum kaufen Zentralbanken Gold? Gold besitzt einen ganz besonderen Vorteil: Es ist die Verbindlichkeit von niemandem. Ein amerikanischer Treasury ist ein Anspruch gegen die USA, ein Eurobond ein Anspruch gegen einen europäischen Emittenten, eine Bankeinlage ein Anspruch gegen eine Bank. Gold liegt dagegen im Tresor. Niemand muss zahlen, niemand muss es garantieren, und niemand kann die eigene Goldreserve durch einen einfachen elektronischen Buchungssatz eines ausländischen Finanzsystems wertlos machen. In einer Welt zunehmender Sanktionen und geopolitischer Blockbildung ist das ein strategischer Vorteil. Der World Gold Council nennt neben Diversifikation ausdrücklich die geopolitische Unsicherheit als wichtigen Hintergrund der Zentralbanknachfrage. Hat Gold inzwischen sogar US-Treasuries überholt? Der IMF weist darauf hin, dass Gold 2025 gemessen am Marktwert einen größeren Anteil an offiziellen Reserven erreichte als US-Treasuries. Aber der IMF fügt sofort eine entscheidende Einschränkung hinzu: Das war fast vollständig auf den starken Goldpreisanstieg zurückzuführen, nicht auf einen massenhaften aktiven Verkauf von Dollarreserven. Genau solche Unterschiede sind wichtig. Sonst wird aus einer realen Entwicklung eine falsche Geschichte. Der Dollar ist noch immer mit großem Abstand Nummer eins Im ersten Quartal 2026 bestanden 57,13 Prozent der weltweit ausgewiesenen Devisenreserven aus US-Dollar. Der Euro kam auf 20,03 Prozent, der chinesische Renminbi auf gerade einmal 1,99 Prozent. Interessanterweise war der Dollar-Anteil gegenüber dem Vorquartal sogar gestiegen. Von einem unmittelbaren Zusammenbruch der Dollarherrschaft kann also überhaupt keine Rede sein. China besitzt noch keinen vollständig freien Kapitalmarkt, der Renminbi ist nicht vollständig frei konvertierbar, Peking kontrolliert Kapitalströme. Europa besitzt keinen einzelnen europäischen Staatsschuldmarkt, der in Größe und Liquidität exakt mit US-Treasuries vergleichbar wäre. Und Gold eignet sich hervorragend als Reservewert – aber nicht dafür, jeden Tag Billionenbeträge des Welthandels abzuwickeln. Das ist Amerikas größter Schutz: Es gibt bislang keinen vollständigen Ersatz. Aber die BRICS bauen inzwischen Alternativen zur Infrastruktur auf Am 11. August 2026 bestätigte der Gouverneur der Reserve Bank of India, Sanjay Malhotra, dass die Mitgliedstaaten über eine Verknüpfung ihrer nationalen Echtzeit-Zahlungssysteme und möglicherweise ihrer digitalen Zentralbankwährungen sprechen. Ziel sei ausdrücklich, grenzüberschreitende Zahlungen billiger zu machen und lokale Währungen stärker für Handel und Finanztransaktionen einzusetzen. Das bedeutet noch nicht „BRICS-Währung kommt" – davon ist man weit entfernt, die Interessen Indiens, Chinas, Brasiliens, Russlands oder Saudi-Arabiens sind viel zu unterschiedlich. Aber möglicherweise benötigt man gar keine gemeinsame Währung. Vielleicht ist ein gemeinsames Zahlungssystem viel wichtiger Nehmen wir an, ein indisches Unternehmen kauft saudisches Öl. Heute läuft eine solche Transaktion häufig: Rupie → Dollar → saudischer Riyal. Warum muss der Dollar technisch dazwischenstehen? Wenn Indien und Saudi-Arabien ihre Zahlungssysteme direkt verbinden, könnte theoretisch Rupie → Riyal genügen. Dasselbe gilt für Yuan → Rubel, Real → Yuan, Dirham → Rupie. Keine dieser Transaktionen beendet die Dollarherrschaft. Aber jede einzelne reduziert möglicherweise ein kleines Stück der strukturellen Notwendigkeit, Dollar zu halten. Millionen solcher Transaktionen ergeben irgendwann einen Trend. Und genau darin besteht echte De-Dollarisation Nicht ein Präsident, der vor die Kamera tritt und verkündet, ab morgen benutze man keine Dollar mehr. Sondern: langsam mehr bilateraler Handel in lokalen Währungen, mehr Gold, alternative Zahlungssysteme, weniger amerikanische Staatsanleihen einzelner Zentralbanken, digitale Zentralbankwährungen, neue Clearing-Systeme, weniger Abhängigkeit von westlicher Finanzinfrastruktur. Das ist weniger spektakulär. Aber wesentlich realistischer. Und was ist mit dem berühmten Petrodollar? Hier müssen wir mit einem verbreiteten Mythos aufräumen. Im Internet kursiert seit Jahren die Geschichte, 1974 hätten Saudi-Arabien und die USA einen exakt 50 Jahre laufenden Vertrag geschlossen, wonach Saudi-Arabien sein Öl ausschließlich in Dollar verkaufen müsse, und dieser Vertrag sei 2024 ausgelaufen. So stimmt das nicht. Es gab in den 1970er-Jahren sehr wohl eine strategische amerikanisch-saudische Vereinbarung: Washington bot Sicherheitskooperation, Waffen, politische Partnerschaft; Saudi-Arabien investierte große Teile seiner Ölüberschüsse in amerikanische Vermögenswerte und US-Treasuries. Aber einen simplen 50-Jahres-Vertrag mit Ablaufdatum, der Saudi-Arabien exklusiv zur Dollarabrechnung seines Öls verpflichtete, gab es nicht. Trotzdem war der Petrodollar real, nur eben komplizierter. Saudi-Arabien und andere Ölproduzenten erhielten enorme Mengen Dollar, die wiederum in US-Staatsanleihen, Banken, Aktien, Immobilien und andere amerikanische Vermögenswerte investiert wurden – Petrodollar-Recycling genannt. Er erzeugte zusätzliche internationale Nachfrage nach amerikanischen Finanzanlagen und half damit grundsätzlich, den Dollar und die amerikanischen Kapitalmärkte zu stärken. Aber die Welt hat sich verändert. Amerika braucht Golföl heute viel weniger als früher Durch die amerikanische Schieferölrevolution wurden die USA selbst zu einem der größten Ölproduzenten der Erde. Amerika ist seit Jahren netto deutlich weniger abhängig von importiertem Golföl als während der Hochphase des klassischen Petrodollar-Systems. Gleichzeitig kaufen heute China, Indien, Japan, Südkorea und andere asiatische Staaten einen erheblichen Teil der Golfenergie. Damit verändert sich automatisch die finanzielle Gravitation der Region. Warum sollte Saudi-Arabien sein gesamtes Finanzsystem auf den wichtigsten Käufer von gestern ausrichten, wenn seine wichtigsten Energieabnehmer zunehmend im Osten sitzen? Das bedeutet nicht, dass Riad den Dollar abschafft. Aber es macht eine größere Währungsflexibilität rational. Der Iran-Krieg könnte diesen Wandel beschleunigen Und hier schließt sich der Kreis zu unseren vorherigen Berichten. Saudi-Arabien und andere Golfstaaten erleben derzeit etwas Bemerkenswertes: Die USA sind gleichzeitig ihr traditioneller Sicherheitsgarant und durch ihren Krieg mit Iran selbst ein bedeutender Auslöser regionaler Instabilität. Die Golfstaaten bauen deshalb zusätzliche Sicherheitsstrukturen mit Türkei, Pakistan, China und anderen Partnern auf. Parallel können sie auch finanziell versuchen, ihre Abhängigkeit zu reduzieren. Die Financial Times argumentierte bereits im April, der Iran-Krieg könne genau den klassischen Zusammenhang aus amerikanischem Schutz, Golföl und Dollar-Recycling weiter schwächen. Das ist noch kein Ende des Petrodollars. Aber es ist ein weiterer Riss in einer Struktur, die jahrzehntelang selbstverständlich erschien. Die eigentliche Gefahr ist nicht, dass BRICS den Dollar ersetzt Das ist kurzfristig sogar äußerst unwahrscheinlich. Die gefährlichere Entwicklung für Washington wäre: Niemand ersetzt den Dollar vollständig, aber jeder benutzt ihn ein bisschen weniger. China weniger, Saudi-Arabien weniger, Indien weniger, Brasilien weniger, Zentralbanken etwas mehr Gold, Unternehmen häufiger lokale Währungen, alternative Zahlungssysteme wachsen. Der Dollar bleibt Nummer eins. Aber vielleicht nicht mehr mit derselben Dominanz. Und genau das könnte für die amerikanischen Finanzierungskosten bereits relevant sein. Denn Washington benötigt keine Panik – es benötigt Käufer Fast 40 Billionen Dollar Schulden bedeuten: Die Vereinigten Staaten müssen kontinuierlich enorme Mengen an Kapital anziehen. Wenn Zentralbanken weniger kaufen, müssen Pensionsfonds, Versicherer, Geldmarktfonds, Banken, Hedgefonds oder Privatanleger mehr übernehmen. Sie werden das wahrscheinlich tun. Aber möglicherweise nur bei 5,22 Prozent. Oder irgendwann 5,5 Prozent. Oder 6 Prozent. Genau darum geht es. Der Dollar kann Weltreservewährung bleiben – und trotzdem kann Amerika Probleme bekommen Die beiden Aussagen „der Dollar bleibt dominante Weltreservewährung" und „die amerikanische Verschuldung wird gefährlicher" können gleichzeitig wahr sein. Amerika muss nicht Venezuela werden. Der Dollar muss nicht kollabieren. Niemand muss Treasuries komplett boykottieren. Es genügt, wenn der strukturell verlangte Zins dauerhaft steigt. Das wäre möglicherweise der „langsame" Verlust des amerikanischen Privilegs Frankreichs früherer Finanzminister Valéry Giscard d'Estaing bezeichnete die internationale Stellung des Dollars einst als Amerikas „exorbitantes Privileg". Washington kann sich in seiner eigenen Währung verschulden, andere Staaten halten diese Währung freiwillig als Reserve, internationale Unternehmen benötigen Dollar, Rohstoffe werden vielfach in Dollar gehandelt, Banken benötigen Dollarliquidität, und US-Treasuries fungieren weltweit als eine Art finanzielle Basisanlage. Dadurch kann Amerika grundsätzlich mehr Schulden tragen als fast jedes andere Land. Aber ein Privileg kann kleiner werden, lange bevor es verschwindet. Was passiert im schlimmsten Fall? Nicht unbedingt Staatsbankrott. Die USA verschulden sich in einer Währung, die sie selbst ausgeben. Ein klassischer unfreiwilliger Zahlungsausfall aus Geldmangel ist deshalb etwas völlig anderes als beispielsweise bei einem Schwellenland mit Dollarschulden. Die größere Gefahr wäre eine andere: Der Markt könnte verlangen, immer höhere Zinsen zu zahlen. Dann besitzt Washington mehrere unangenehme Möglichkeiten – Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen, weiter mehr Schulden aufnehmen, oder die Geldpolitik irgendwann indirekt dazu bringen, die Finanzierungskosten zu begrenzen. Und genau dort beginnt „Financial Repression" Historisch haben hoch verschuldete Staaten ihre Schulden nicht immer spektakulär zurückgezahlt. Sie haben sie teilweise weginflationiert, oder regulatorisch dafür gesorgt, dass Banken und Versicherungen Staatsanleihen halten, oder Zentralbanken haben große Mengen gekauft, oder Zinsen wurden über längere Zeit unterhalb der Inflationsrate gehalten. Reuters weist darauf hin, dass ein moderner Staat, der sich in der eigenen Währung verschuldet, nicht zwingend formal zahlungsunfähig werden muss – Schulden können auch über Inflation, finanzielle Repression oder die Steuerung langfristiger Zinsen real entwertet werden. Für den Staat funktioniert das. Für den Sparer weniger erfreulich. Aber die Federal Reserve hat dann ein Problem Stellen wir uns vor: Inflation bleibt bei 3 oder 4 Prozent, die 30-jährige Treasury-Rendite steigt Richtung 6 Prozent, Washington zahlt immer höhere Zinsen, der Präsident verlangt Zinssenkungen. Was macht die Fed? Senkt sie die Zinsen aggressiv, obwohl die Inflation zu hoch ist, könnte der Dollar fallen, Inflation könnte steigen, langfristige Anleger könnten noch höhere Renditen verlangen. Hebt sie dagegen die Zinsen an, steigen die Finanzierungskosten des Staates weiter. Genau dieses Dilemma beobachten Marktteilnehmer inzwischen. Das ist der Punkt, an dem hohe Staatsverschuldung irgendwann auch die Freiheit der Geldpolitik einschränken kann. Deshalb ist der Anleihemarkt mächtiger als mancher Präsident Politiker können Steuern beschließen, Haushalte verabschieden, neue Programme ankündigen. Aber den Preis langfristigen Kapitals bestimmt irgendwann der Markt. Wenn Anleger sagen, für 4 Prozent finanzieren wir euch nicht 30 Jahre, dann muss Washington 5 Prozent bieten. Oder 5,22. Oder mehr. Kein Dekret kann einen Investor dauerhaft zwingen, eine 30-jährige Anleihe zu einem Preis zu kaufen, den er für unattraktiv hält. Genau deshalb ist die aktuelle Auktion so interessant Noch einmal: Die Auktion war erfolgreich. Das ist keine Finanzkrise. Fitch bestätigte erst am 13. August das amerikanische Rating von AA+ mit stabilem Ausblick und verwies ausdrücklich auf die enorme Größe der US-Wirtschaft, ihre Flexibilität, hohe Einkommen und vor allem die globale Reservewährungsfunktion des Dollars. Aber Fitch nennt gleichzeitig hohe Defizite, steigende Sozialausgaben, Militärausgaben und Zinskosten als wesentliche fiskalische Risiken. Beides kann gleichzeitig stimmen – wie schon beim Moody's-Downgrade 2025, dessen Muster sich hier fortsetzt: Bestätigung der grundsätzlichen Stärke bei gleichzeitiger Warnung vor der Richtung, in die sich die Kennzahlen bewegen. Fünf Szenarien für die weitere Entwicklung Alles beruhigt sich wieder. Der Iran-Krieg endet, Ölpreise sinken, Inflation fällt Richtung zwei Prozent, die Federal Reserve kann die Zinsen reduzieren, langfristige Treasury-Renditen sinken wieder, Washington refinanziert sich günstiger. Dann wäre 5,22 Prozent vor allem ein zyklischer Höchststand. Eine Reuters-Umfrage unter Bondstrategen erwartet derzeit beispielsweise, dass die zehnjährige Rendite innerhalb eines Jahres wieder auf ungefähr 4,34 Prozent sinkt. Die USA wachsen aus ihren Schulden heraus. Wenn KI, Produktivität, Energie, Industrialisierung und Investitionen das nominale Wirtschaftswachstum dauerhaft erhöhen, kann eine große Schuldenlast tragbarer werden. Das Problem: Wächst die Staatsverschuldung dauerhaft schneller als die Wirtschaft, reicht Wachstum allein irgendwann nicht. Das CBO erwartet ohne politische Kursänderung, dass die öffentlich gehaltenen Bundesschulden von rund 101 Prozent des BIP 2026 auf 120 Prozent 2036 steigen. Amerika zahlt immer mehr an sich selbst. Die schleichende Variante – keine Krise, kein Dollar-Crash, kein Staatsbankrott, aber jedes Jahr fließen eine, 1,2, 1,5, 2 Billionen Dollar in den Schuldendienst, und diese Mittel fehlen für Militär, Infrastruktur, Forschung, Sozialpolitik, Steuersenkungen, Auslandshilfe. Irgendwann wird aus einem Finanzproblem ein geopolitisches Problem. Die Welt diversifiziert schneller. BRICS-Zahlungssysteme wachsen, China kauft weniger Treasuries, Zentralbanken kaufen mehr Gold, Saudi-Arabien akzeptiert häufiger andere Währungen, andere Länder reduzieren ihre Dollarreserven. Der Dollar bleibt trotzdem Nummer eins, aber Washington muss höhere Renditen bieten. Keine Revolution – Erosion. Der Bondmarkt verliert Vertrauen. Das wirklich gefährliche Szenario: eine Kombination aus weiter steigenden Defiziten, politischem Druck auf die Federal Reserve, dauerhaft hoher Inflation, zusätzlichen Kriegen, schwächerem Dollar, stark sinkender Auslandsnachfrage und massiv steigenden Treasury-Renditen. Dann könnte eine Rückkopplung entstehen: höhere Zinsen → höheres Defizit → mehr neue Schulden → größeres Anleiheangebot → noch höhere Zinsen – der sogenannte fiskalische Teufelskreis. Wir sind davon noch entfernt. Aber genau deshalb schaut der Markt mittlerweile so aufmerksam auf jede Treasury-Auktion. Und China muss Amerika dafür nicht „stürzen" China muss nicht alle seine Treasuries verkaufen. BRICS braucht keine neue Weltwährung. Saudi-Arabien muss den Dollar nicht abschaffen. Russland muss das westliche Finanzsystem nicht zerstören. Es genügt aus Sicht amerikanischer Rivalen, wenn Amerikas eigenes Finanzierungsmodell langsam teurer wird – während die USA gleichzeitig hohe Kosten tragen für Iran, Ukraine, NATO, Israel, Pazifik, China-Abschreckung, Rüstung und Schuldendienst. Der Gegner muss die Supermacht nicht unbedingt militärisch besiegen. Vielleicht reicht es, sie dazu zu bringen, immer mehr Geld auf immer mehr Fronten auszugeben. Das erinnert an ältere Großmächte Großmächte verschwinden selten an dem Tag, an dem ihnen das Geld ausgeht. Viel häufiger verschiebt sich über Jahrzehnte das Verhältnis zwischen militärischen Verpflichtungen, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und Finanzierungskosten. Reuters Breakingviews erinnerte kürzlich an eine historische These: Der Moment, in dem eine Großmacht mehr für den Schuldendienst ausgibt als für ihre Verteidigung, könne ein Warnsignal strategischer Überdehnung sein. Die USA haben diese Schwelle inzwischen überschritten. Das ist noch kein Untergang. Aber es ist eine bemerkenswerte Zahl. Der stille Alarm Die 5,22 Prozent sind kein Crash, keine Staatspleite, keine Revolution des Weltfinanzsystems. Aber sie sind ein Signal, das sich in eine bereits länger laufende Entwicklung einreiht – vom Moody's-Downgrade im Mai 2025, der nach 108 Jahren die letzte makellose Bonitätsnote der USA beendete, bis zur aktuellen Auktion. Der amerikanische Staat nähert sich 40 Billionen Dollar Schulden. Das laufende Haushaltsdefizit liegt nach zehn Monaten bereits bei knapp 1,8 Billionen Dollar. Nettozinszahlungen überschreiten eine Billion Dollar jährlich und liegen inzwischen über den Verteidigungsausgaben. 30-jährige Treasuries werden so teuer finanziert wie seit 25 Jahren nicht mehr. China besitzt erheblich weniger US-Staatsanleihen als noch vor einem Jahrzehnt. Zentralbanken kaufen Rekordmengen Gold. BRICS arbeitet an alternativen Zahlungswegen und stärkerer Nutzung lokaler Währungen. Und gleichzeitig bleibt der Dollar mit rund 57 Prozent der weltweiten Devisenreserven mit gewaltigem Abstand die dominante Reservewährung. Genau diese beiden Wahrheiten muss man gleichzeitig sehen: Der Dollar ist noch immer König. Aber der König wird teurer. Und vielleicht ist das langfristig wichtiger als jede Schlagzeile über den angeblich unmittelbar bevorstehenden „Untergang des Dollars". Denn Weltmächte verlieren ihre Stellung nicht zwingend, weil ihnen plötzlich niemand mehr Geld leiht. Sie können sie auch verlieren, weil immer mehr ihrer wirtschaftlichen Kraft dafür verwendet werden muss, die Vergangenheit zu finanzieren, während ihre Rivalen das Geld in die Zukunft investieren. Die entscheidende Zahl der nächsten Jahre könnte deshalb nicht der Dow Jones sein, nicht Bitcoin, nicht einmal der Dollar. Sondern die Rendite der amerikanischen Staatsanleihe. Denn wenn der sicherste Schuldner der Welt irgendwann dauerhaft fünf oder sechs Prozent zahlen muss, stellt sich eine Frage, die weit über Wall Street hinausgeht: Wie lange kann eine globale Supermacht gleichzeitig ihre Schulden, ihre Kriege und ihre Weltordnung finanzieren? Quellen Reuters: „Hot yields, cool prices", Podcast/Kommentar, 14. August 2026 Financial Times: „US sells 30-year bonds at highest borrowing costs since 2001" U.S. Treasury Fiscal Data: „America's Finance Guide" Reuters: „US budget deficit widens in July on higher outlays, negative tariff receipts" Congressional Budget Office: „The Budget and Economic Outlook: 2026 to 2036" sowie „Director's Statement on the Budget and Economic Outlook" Moody's Ratings: „2025 United States Sovereign Rating Action", 16. Mai 2025 CNBC, CNN Business, Newsweek, Western Asset, Deep Blue Investment Advisors: Einordnung des Moody's-Downgrades von Aaa auf Aa1, Mai 2025 Reuters: „Treasury market's next test: rising war costs"; „US Treasury bill issuance grows, heightens long-term risk"; „US Treasury raises third-quarter borrowing estimate to $739 billion"; „AI-driven surge in bond yields could be next risk for markets and growth" U.S. Department of the Treasury (TIC-Daten): „Major Foreign Holders of Treasury Securities" Reuters: „US yen intervention signals perfect storm rising in FX and bond markets"; „Bessent ready to repeat joint yen intervention, urges bigger Fed backstop"; „Foreigners bought $103 billion of US securities in April"; „Who is funding America's widening debt with the rest of the world?" World Gold Council: „Gold Demand Trends Q2 2026 – Central Banks" IMF: „Currency Composition of Official Foreign Exchange Reserves" Reuters: „BRICS nations discuss linking payment systems and CBDCs, RBI chief says", 11. August 2026 Council on Foreign Relations: „Petrodollars: Myth and Reality" Financial Times: „The Iran war will damage the petrodollar" Reuters Breakingviews: „Old national debt warnings are new again" Reuters: „Fitch keeps United States at 'AA+', cites economic resilience amid fiscal risks", 13. August 2026 Reuters: „US Treasury yields seen heading lower but strategists' conviction wavering"
von Holger H. Hohlfeld 14. August 2026
Zwei Meerengen, eine Weltwirtschaft: Wie Hormus und Bab al-Mandab zum geopolitischen Hebel werden Während sich die Aufmerksamkeit auf die Straße von Hormus konzentriert, entsteht am anderen Ende der Arabischen Halbinsel ein zweiter gefährlicher Engpass Auf einer Weltkarte wirken sie winzig. Die Straße von Hormus ist an ihrer engsten Stelle nur wenige Dutzend Kilometer breit. Am anderen Ende der Arabischen Halbinsel liegt Bab al-Mandab – übersetzt nicht ohne Ironie das „Tor der Tränen". Dazwischen: Saudi-Arabien, Jemen, das Rote Meer. Und am nördlichen Ende: der Suezkanal. Zusammengenommen bilden diese Wasserstraßen eine Art Kreislaufsystem der Weltwirtschaft: Öl aus Saudi-Arabien, LNG aus Katar, Container aus China, Maschinen aus Europa, Rohstoffe, Lebensmittel, Chemikalien, Tanker, Frachter. Alles muss durch wenige schmale Korridore. Und genau diese geografische Schwäche wird inzwischen selbst zur Waffe. Hormus ist bereits keine theoretische Gefahr mehr Die Straße von Hormus galt jahrzehntelang als das ultimative Drohszenario des Nahen Ostens. Iran musste sie gar nicht schließen. Es genügte, damit zu drohen. Heute ist die Situation wesentlich ernster. Am 14. August 2026 berichtete Reuters, dass der sichtbare Schiffsverkehr durch Hormus zeitweise praktisch zum Erliegen gekommen war. Am Freitag wurden lediglich zwei reguläre Durchfahrten registriert; eine weitere LPG-Einheit befand sich auf dem Weg hinein. Zum Vergleich: Vor Beginn des Iran-Krieges im Februar passierten täglich mehr als 130 Schiffe die Meerenge. Die VAE warfen Iran am Vortag zudem vor, zwei Schiffe des staatlichen Ölkonzerns ADNOC angegriffen zu haben. Iran äußerte sich zunächst nicht zu diesen konkreten Vorwürfen. Das ist keine maritime Randnotiz mehr. Das ist ein massiver Eingriff in eine der wichtigsten Verkehrsadern der Erde. Warum Hormus so gewaltig ist Die amerikanische Energy Information Administration bezifferte den durchschnittlichen Ölfluss durch Hormus 2024 auf ungefähr 20 Millionen Barrel täglich. Das entspricht etwa 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs flüssiger Erdölprodukte und mehr als einem Viertel des weltweiten seegestützten Ölhandels. Zusätzlich liefen rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels durch Hormus – insbesondere katarisches Flüssiggas. Damit besitzt Iran aufgrund seiner bloßen geografischen Lage eine strategische Fähigkeit, die kaum ein anderes Land besitzt. Teheran muss weder Washington noch NATO militärisch besiegen. Es kann theoretisch die Kosten des Konflikts auf die gesamte Weltwirtschaft verteilen. Aber jetzt kommt der zweite Hebel Saudi-Arabien besitzt für genau dieses Problem seit Jahren eine Antwort. Wenn Hormus unsicher wird, kann Öl aus den östlichen Fördergebieten über die saudische East-West-Pipeline quer durch die Wüste transportiert werden – von Abqaiq am Persischen Golf bis Yanbu am Roten Meer. Die Pipeline besitzt laut EIA eine reguläre Kapazität von etwa fünf Millionen Barrel täglich und wurde technisch zeitweise sogar auf sieben Millionen Barrel erweitert. Die Logik ist genial einfach: Hormus gefährlich? Dann fährt das Öl eben nach Westen – Rotes Meer, Bab al-Mandab, Indischer Ozean, Asien. Problem gelöst. Zumindest theoretisch. Denn genau dort sitzen die Huthi. Und plötzlich wird aus einer Umgehungsroute ein zweiter Flaschenhals Reuters berichtete bereits am 14. Juli über eine bemerkenswerte Entwicklung. Nachdem Iran gezeigt hatte, wie stark es den Verkehr durch Hormus beeinflussen kann, rückte nun Bab al-Mandab als zweiter strategischer Druckpunkt in den Mittelpunkt. Analysten beschrieben gegenüber Reuters ausdrücklich die Möglichkeit, dass Iran über die Huthi gleichzeitig Druck auf beide Wasserstraßen ausüben könnte. Das verändert die strategische Gleichung fundamental. Denn normalerweise funktioniert Redundanz so: Ist Weg A blockiert, nimmt man Weg B. Aber was passiert, wenn jemand Weg A und Weg B bedrohen kann? Dann besitzt man keinen Umweg mehr. Sondern ein Problem. Iran soll die Huthi sogar konkret vorbereitet haben Noch brisanter wurde es zwei Tage später. Am 16. Juli berichtete Reuters unter Berufung auf zwei hochrangige iranische Quellen und eine regionale Quelle, Teheran habe den Huthi signalisiert, sich auf eine mögliche Schließung beziehungsweise massive Störung von Bab al-Mandab vorzubereiten, falls die USA iranische Strom- und Energieinfrastruktur angreifen sollten. Eine Huthi-nahe Quelle erklärte Reuters zudem, Raketen und Drohnen seien bereits in Position gebracht worden. Nach dieser Darstellung sollten Vertreter der iranischen Revolutionsgarden in Jemen in die Entscheidung über den Zeitpunkt eingebunden sein. Wichtig: Das sind Quellenberichte von Reuters. Es gibt keinen öffentlich vorgelegten iranischen Einsatzbefehl, der diese Angaben unabhängig beweist. Aber die späteren Ereignisse zeigen, dass die Drohung jedenfalls nicht rein akademisch war. Am 20. Juli erklären die Huthi die Seeblockade Saudi-Arabiens Die Huthi verkündeten schließlich offiziell eine maritime Blockade gegen Saudi-Arabien. Sie erklärten, saudische Schifffahrt und mit Saudi-Arabien verbundene Lieferungen zu bekämpfen. Reuters errechnete: Eine vollständige Blockierung von Bab al-Mandab könnte rund sieben Prozent des weltweiten Ölangebots direkt betreffen beziehungsweise von seinen normalen Transportwegen abschneiden. Die saudische Koalition antwortete: Man werde die eigenen Handelsschiffe schützen und auf Angriffe „entschlossen" reagieren. Damit war die zweite maritime Front eröffnet. Dann wurden tatsächlich Tanker angegriffen Nur drei Tage später erklärten die Huthi, zwei saudische Öltanker angegriffen zu haben. Einer davon, die Encelia, geriet nach saudischen Angaben in Brand; die Besatzung blieb unverletzt. Am 11. August eskalierte die Lage weiter. Bei einem Angriff auf den ägyptischen Frachter Tihamah im Bereich Bab al-Mandab starben nach Reuters-Angaben vier Besatzungsmitglieder und zwei jemenitische Helfer. Die Huthi behaupteten, das Schiff habe saudische Militärausrüstung transportiert; diese Behauptung war zunächst nicht unabhängig bestätigt. Damit ist klar: Bab al-Mandab ist nicht mehr nur ein mögliches zukünftiges Szenario. Der Konflikt findet dort bereits statt. Und dann öffnet sich unerwartet eine dritte Front: der Irak Bislang unerwähnt, aber für das Gesamtbild entscheidend, ist eine Entwicklung, die den Konflikt geografisch noch einmal erweitert. Das Wirtschaftsportal Semafor berichtete unter Berufung auf Reuters, die Huthi hätten Anfang August Ölanlagen in der saudischen Ostprovinz angegriffen – dieses Mal jedoch nicht vom Roten Meer aus, sondern von irakischem Staatsgebiet aus, in gemeinsamer Operation mit iranisch-nahen irakischen Milizen und unter iranischer Aufsicht. Saudi-Arabien und die USA reagierten mit Luftschlägen gegen die entsprechenden Stellungen im Irak. Die Folge war unmittelbar politisch spürbar: Der irakische Ministerpräsident sagte ein bereits geplantes Treffen mit Kronprinz Mohammed bin Salman kurzfristig ab. Diese Episode ist bemerkenswert, weil sie zeigt, dass sich das geografische „Drehkreuz der Eskalation" nicht länger auf die beiden Meerengen beschränkt. Die Ostprovinz Saudi-Arabiens, in der ein Großteil der saudischen Ölförderung konzentriert ist, liegt nicht am Roten Meer, sondern am Persischen Golf – unmittelbar an der Grenze zum Irak. Damit entsteht neben der maritimen eine zusätzliche, landgestützte Eskalationsroute über irakisches Territorium, die von den bisherigen Betrachtungen zu Hormus und Bab al-Mandab kaum erfasst wird, aber dieselbe strategische Logik verfolgt: Kosten und Risiko des Konflikts auf möglichst viele Schauplätze gleichzeitig zu verteilen. Und jetzt verschwinden Saudi-Arabiens Öltanker von den Bildschirmen Eine der interessantesten Entwicklungen findet fast unsichtbar statt. Tanker schalten ihre AIS-Transponder ab. Das automatische Identifikationssystem ist normalerweise entscheidend für die Nachverfolgung der internationalen Schifffahrt. Seit den Huthi-Drohungen fahren saudische Öllieferungen aus Yanbu zunehmend „dark" – unsichtbar für öffentlich zugängliche Schiffsverfolgung. Reuters berichtete am 12. August, dass zuletzt praktisch sämtliche Ölverladungen in Yanbu ohne durchgehendes AIS-Signal durchgeführt wurden. Ein Analyst von Vortexa erklärte, alle Verladungen der vergangenen Woche seien „dark" durchgeführt worden. Kpler schätzt, dass ungefähr 70 Prozent der saudischen Westküsten-Verladungen der vergangenen Wochen ohne kontinuierliche AIS-Abdeckung erfolgt seien. Allein dieses Detail zeigt, wie ernst Riad die Gefahr nimmt. Selbst der Ölmarkt weiß teilweise nicht mehr genau, wie viel Saudi-Arabien exportiert Das klingt absurd. Ist aber wirtschaftlich relevant. Wenn Tanker nicht verfolgt werden können, unterscheiden sich die Schätzungen der Analyseunternehmen plötzlich massiv. Für eine Augustwoche schätzte beispielsweise Vortexa die Yanbu-Verladungen auf 2,38 Millionen Barrel täglich, Kpler kam auf 1,78 Millionen, ein anderes Tracking-Unternehmen berechnete dagegen nur rund 850.000 Barrel täglich. Diese Daten werden wiederum von OPEC, IEA, Händlern, Banken und Regierungen genutzt. Mit anderen Worten: Die Unsicherheit selbst wird zum Bestandteil des Marktes. Das dritte Glied in der Kette heißt Suez Jetzt wird die Geschichte besonders interessant. Wenn Saudi-Arabien Öl über die East-West-Pipeline nach Yanbu transportiert, gibt es von dort grundsätzlich zwei Wege: Richtung Süden über Bab al-Mandab in den Indischen Ozean nach Asien, oder Richtung Norden über das Rote Meer und den Suezkanal ins Mittelmeer. Für Europa ist die zweite Route günstig. Für Asien allerdings entsteht ein beinahe grotesker Umweg. Wenn Bab al-Mandab zu gefährlich ist, kann ein Tanker von Yanbu nach Norden durch den Suezkanal, durch das Mittelmeer, durch Gibraltar, um das Kap der Guten Hoffnung und anschließend wieder Richtung Asien fahren. Einmal fast um Afrika herum. Aus 19 Tagen werden 48 Reuters hat diese Route durchgerechnet. Y anbu → Taiwan über Bab al-Mandab: ungefähr 19 Tage. Yanbu → Suez → Mittelmeer → Gibraltar → Kap der Guten Hoffnung → Taiwan: ungefähr 48 Tage. Fast ein zusätzlicher Monat. Die Treibstoffkosten steigen dabei nach Reuters-Berechnung von ungefähr 1,26 Millionen Dollar auf 2,87 Millionen Dollar. Hinzu kommen ungefähr eine Million Dollar Suezgebühren. Und das ist nur ein Schiff. Multipliziert mit hunderten Fahrten landet diese geopolitische Auseinandersetzung irgendwann auf Transportkosten, Produktionskosten, Energiepreisen und letztlich Verbraucherpreisen. Krieg wird plötzlich zur Logistikrechnung Das ist vielleicht der wichtigste Punkt. Eine moderne Weltmacht muss gar keinen Hafen zerstören. Es reicht unter Umständen, den Versicherer davon zu überzeugen, dass ein Hafen gefährlich ist. Die Kriegsrisikoprämien für Fahrten im südlichen Roten Meer stiegen Ende Juli teilweise von etwa 0,3 Prozent auf mehr als ein Prozent des Schiffswertes, bei besonders gefährlichen Routen wurden sogar rund drei Prozent genannt. Ein moderner Supertanker kann 200 oder 300 Millionen Dollar wert sein. Eine Versicherungsprämie von ein oder zwei Prozent bedeutet Millionen Dollar zusätzlich für eine einzige Fahrt. Ohne dass auch nur eine Rakete einschlägt. Das ist asymmetrische Kriegsführung in ökonomischer Perfektion. Die Huthi müssen Bab al-Mandab gar nicht vollständig schließen Das wird häufig übersehen. Eine Meerenge muss nicht physisch blockiert werden – keine Minenfelder, keine versenkten Schiffe, keine permanente Seeschlacht. Es genügt möglicherweise: einige erfolgreiche Treffer, ein paar brennende Tanker, steigende Versicherungen und die glaubwürdige Drohung, der nächste könnt ihr sein. Dann treffen die Reedereien die Entscheidung selbst. Reuters meldete zuletzt einen Rückgang der täglichen Durchfahrten durch Bab al-Mandab von ungefähr 50 auf 32 Schiffe nach Verkündung der neuen Huthi-Blockade. Der Markt schließt die Meerenge dann praktisch freiwillig. Genau das haben die Huthi bereits einmal demonstriert: Seit Ende 2023 griffen sie immer wieder Handelsschiffe im Roten Meer an. UNCTAD stellte 2024 fest, dass der Suezkanal vor der Krise ungefähr 12 bis 15 Prozent des Welthandels abwickelte; der Verkehr brach infolge der Sicherheitslage zeitweise massiv ein. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi bezifferte die Einnahmeverluste des Suezkanals Anfang 2025 zeitweise auf rund 800 Millionen Dollar pro Monat. Eine vergleichsweise kleine bewaffnete Bewegung im Jemen hatte damit nicht nur Israel oder Saudi-Arabien getroffen, sondern Ägyptens Staatshaushalt, europäische Lieferketten, asiatische Exporte, Versicherer in London, Reedereien in Dänemark und Deutschland – und Verbraucher weltweit. Deshalb ist Bab al-Mandab für Iran so wertvoll Iran besitzt konventionell keine militärische Stärke, um die USA auf offener See zu besiegen. Aber Iran besitzt Geografie und Netzwerke. Hormus liegt unmittelbar an der iranischen Küste, Bab al-Mandab liegt am Einflussgebiet der Huthi – und wie die Irak-Episode zeigt, reicht der iranische Handlungsradius inzwischen auch landgestützt bis an die saudische Ostprovinz. Das ist keine durchgehend iranisch kontrollierte Wasserstraße, und die Huthi sind keine iranischen Soldaten, die ausschließlich auf Knopfdruck aus Teheran handeln. Aber Iran unterstützt die Bewegung seit Jahren materiell und politisch; die aktuelle Koordination wird von regionalen und westlichen Quellen als zunehmend eng beschrieben. Damit besitzt Teheran zumindest potenziell Einfluss an mehreren Enden des Systems gleichzeitig. Das ist weniger eine Seeblockade als wirtschaftliche Abschreckung Militärisch gesprochen besitzt Iran damit eine Form von asymmetrischer Abschreckung. Die Botschaft lautet sinngemäß: Ihr könnt unsere Raffinerien bombardieren, unsere Wirtschaft sanktionieren, unsere Häfen blockieren – aber wir können dafür sorgen, dass der Preis eures Krieges nicht nur in Teheran bezahlt wird, sondern auch in Riad, Dubai, Kairo, Shanghai, Mumbai, Rotterdam und möglicherweise an der Tankstelle in Europa. Genau deshalb bezeichnete ein von Reuters zitierter Nahostexperte Bab al-Mandab sinngemäß als Irans zweite große strategische Karte nach Hormus. Gleichzeitig blockieren die USA Iran Die andere Hälfte dieser Geschichte sollte man nicht unterschlagen. Washington betreibt seinerseits wirtschaftliche Kriegsführung auf See. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte am 13. August, die amerikanische Marine könne die gegen Iran verhängte Seeblockade praktisch unbegrenzt aufrechterhalten, indem Schiffe regelmäßig ausgetauscht würden. Die amerikanische Strategie lautet: Iran den Zugang zu Devisen abzuschneiden, iranische Energieexporte zu reduzieren, Teherans wirtschaftliche Kosten so weit zu erhöhen, dass die Regierung an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Iran wiederum erklärt, Hormus werde erst vollständig geöffnet, wenn unter anderem Sanktionen aufgehoben und eingefrorene Vermögenswerte freigegeben würden. Damit entsteht ein bemerkenswertes Bild: Die USA blockieren Iran wirtschaftlich, Iran gefährdet daraufhin Hormus, die Huthi blockieren daraufhin Saudi-Arabien im Roten Meer. Der Krieg wird auf Frachtschiffe und Handelsrouten verlagert. Saudi-Arabien will genau deshalb eine neue Marinekoalition Riad hat verstanden, dass die eigene Marine allein diese Verkehrswege kaum dauerhaft schützen kann. Am 30. Juli 2026 lud Saudi-Arabien deshalb Vertreter von 43 Staaten und der Europäischen Union zu Gesprächen über eine neue multinationale maritime Verteidigungskoalition ein. Saudi-Arabien will Gründungsstaat, Führungsmacht und Standort des Hauptquartiers sein. Am Ende unterzeichneten 13 bis 14 Staaten die Gründungserklärung: Kuwait, Bahrain, Katar, Ägypten, Türkei, Pakistan, Jordanien, Dschibuti, Somalia, Bangladesch, Jemen (die international anerkannte Regierung), Sudan, Nigeria und die Komoren. Die Europäische Union, die im Roten Meer bereits die eigene Schutzmission Aspides betreibt, entsandte eine Delegation zum Gründungstreffen; wie genau sich beide Missionen zueinander verhalten sollen, blieb zunächst offen. Washington hatte seinen Beitritt zum Zeitpunkt der Gründung noch nicht bestätigt, galt aber als wahrscheinlicher Unterstützer. Auffällig: Wer fehlt – und warum Bemerkenswert an dieser Liste ist vor allem, wer fehlt: Die Vereinigten Arabischen Emirate und der Oman unterzeichneten die Gründungserklärung trotz vergleichbarer Sicherheitsinteressen gegenüber Iran ausdrücklich nicht. Das saudische Verteidigungsministerium erklärte in seiner Stellungnahme, die Tür bleibe für einen späteren Beitritt „nach Abschluss der jeweiligen nationalen Verfahren" offen – eine diplomatisch vorsichtige Formulierung, hinter der sich, wie mehrere Nahost-Nachrichtenportale übereinstimmend berichten, handfeste politische Differenzen verbergen. Oman versucht demnach, seine Rolle als neutraler Vermittler zu bewahren: Das Sultanat vermittelt sowohl zwischen Saudi-Arabien und den Huthi als auch zwischen den USA und Iran, und ein Beitritt zu einer explizit gegen die Huthi gerichteten Militärkoalition würde diese diplomatische Vertrauensstellung untergraben. Die Vereinigten Arabischen Emirate wiederum verfügen nach Einschätzung des Wirtschaftsportals AGBI über eine der leistungsfähigsten Marinen der Region mit umfangreicher praktischer Erfahrung im Jemen und im Roten Meer – wurden aber nach vertraulichen Angaben, über die AGBI berichtet, nicht einmal offiziell zur Koalition eingeladen, was nahelegt, dass politisches Kalkül mindestens ebenso eine Rolle spielt wie operative Notwendigkeit. Als Hintergrund werden von mehreren Quellen anhaltende, teils scharfe Meinungsverschiedenheiten zwischen Abu Dhabi und Riad in der Jemen-Politik genannt, die bis in die Zeit der gemeinsamen, inzwischen jedoch zunehmend divergierenden Interventionsstrategie beider Staaten im jemenitischen Bürgerkrieg zurückreichen. Der Nahost-Analyst der Denkfabrik Quilliam wies gegenüber der saudischen Zeitung Arab News darauf hin, welchen konkreten Mehrwert beide fernbleibenden Staaten böten: die Emirate mit ihrer erfahrenen Marine, Oman mit seinen Kontaktkanälen zu den Huthi, über die viele der beigetretenen Koalitionsmitglieder gerade nicht verfügten. Er mahnte zugleich zu realistischen Erwartungen: Maritime Koalitionen könnten Risiken senken, aber nicht die politischen Ursachen der Unsicherheit beseitigen, und es bestehe ein „fundamentales Ungleichgewicht" zwischen den Kosten der Störung und den Kosten der Prävention – eine günstige Huthi-Drohne zwinge Schiffe zur Umleitung und treibe Versicherungskosten in die Höhe, während die dauerhafte Aufrechterhaltung einer Marinepräsenz extrem teuer sei. Ein an einer türkischen Universität lehrender pensionierter Marineoffizier äußerte sich gegenüber derselben Zeitung noch skeptischer zu den Erfolgsaussichten der Koalition insgesamt. Damit verbindet sich die maritime Koalition direkt mit dem neuen Mekka-Pakt Saudi-Arabien hat innerhalb weniger Tage eine maritime Sicherheitskoalition für das Rote Meer angestoßen und mit Pakistan und der Türkei einen gegenseitigen Verteidigungspakt geschlossen. Reuters beschreibt beide Initiativen ausdrücklich als Teil derselben saudischen Strategie: Abschreckung erhöhen, ohne unmittelbar in einen umfassenden Krieg hineingezogen zu werden. Saudi-Arabien baut damit offenbar mehrere Sicherheitsringe gleichzeitig auf: USA, Türkei, Pakistan, regionale Marinekoalition, eigene Luftverteidigung, eigene Streitkräfte. Das ist keine Abkehr von Washington. Aber es ist zunehmend eine Versicherung für den Fall, dass Washington allein nicht reicht. Und plötzlich versteht man, warum Dschibuti wichtig ist Dschibuti ist klein, sehr klein. Aber Dschibuti liegt direkt gegenüber dem Jemen am Bab al-Mandab. Und dort befinden sich Militärbasen von USA, China, Frankreich, Japan und anderen Staaten. Eine der wichtigsten Handelsadern der Welt verläuft damit buchstäblich zwischen einem vom Bürgerkrieg gezeichneten Jemen und einem afrikanischen Kleinstaat, in dem mehrere Großmächte Militärbasen betreiben. Es gibt wahrscheinlich kaum einen besseren Ort, um das Weltbild des 21. Jahrhunderts zu verstehen. Das Problem für Iran: China fährt ebenfalls durch diese Meerengen Hier kommt eine wichtige Korrektur zur einfachen Erzählung: Hormus und Bab al-Mandab sind kein Hebel nur „gegen den Westen". Im Gegenteil. Die größten direkten Abnehmer des durch Hormus transportierten Öls sitzen in Asien. Nach EIA-Angaben gingen 2024 rund 84 Prozent des durch Hormus transportierten Rohöls und Kondensats nach Asien, bei LNG waren es 83 Prozent. China, Indien, Japan und Südkorea standen zusammen für 69 Prozent der gesamten Rohöl- und Kondensatströme durch die Meerenge. Das ist geopolitisch hochinteressant. Denn wer Hormus schließt, trifft nicht zuerst Amerika. Amerika importierte 2024 gerade einmal rund 0,5 Millionen Barrel täglich aus der Golfregion über Hormus – etwa zwei Prozent des amerikanischen Petroleumverbrauchs. Der wesentlich größere unmittelbare Schaden entsteht in Asien. Also trifft Iran mit seiner stärksten Waffe ausgerechnet China? Im Extremfall: ja. Und genau deshalb besitzt Irans Strategie Grenzen. China ist Irans wichtigster wirtschaftlicher Partner, großer Abnehmer iranischen Öls und gleichzeitig stark abhängig von Energieimporten aus der gesamten Golfregion. Eine dauerhafte vollständige Blockade von Hormus wäre deshalb auch für Peking hochproblematisch. Das gleiche gilt für Indien, Japan, Südkorea. Dass ausgerechnet zwei chinesische Supertanker Ende Juli mit zusammen vier Millionen Barrel saudischem Öl Bab al-Mandab passierten, während die Huthi ihre Blockade verkündet hatten, zeigt diese komplizierte Interessenlage. China will weder einen amerikanischen Sieg über Iran, noch will China, dass Iran die Energieversorgung Chinas lahmlegt. Das ist klassische multipolare Geopolitik: Ein Partner kann gleichzeitig zum Problem werden. Russland gehört ebenfalls in diese Gleichung Je schwieriger Öl aus dem Golf auf den Weltmarkt gelangt, desto wertvoller werden alternative Lieferanten. Reuters meldete im August bereits einen Rekordanstieg der indischen Abhängigkeit von russischem Rohöl, während asiatische Raffinerien gleichzeitig verstärkt amerikanisches Öl einkauften, um sich gegen Ausfälle aus dem Golf abzusichern. Damit erzeugt der Konflikt Gewinner und Verlierer weit außerhalb des Nahen Ostens: Russisches Öl wird strategisch wertvoller, amerikanische Exporte werden interessanter, Saudi-Arabien verliert effiziente Transportwege, Ägypten erhält mehr Bedeutung als Transitstaat – verliert gleichzeitig Einnahmen, wenn der Suezverkehr insgesamt kollabiert. China muss Lieferanten diversifizieren. Die Weltwirtschaft beginnt sich neu zu sortieren. Der Suezkanal ist dabei mehr als eine Wasserstraße Suez verbindet Europa mit Asien. Ohne Suez müssen Containerschiffe um das Kap der Guten Hoffnung fahren: längere Fahrtzeiten, mehr Treibstoff, mehr Schiffe für dieselbe Transportkapazität, höhere Versicherungen, höhere Frachtraten, mehr gebundenes Kapital und häufig auch höhere Warenpreise. UNCTAD warnte bereits während der ersten Huthi-Krise vor genau diesen Kettenreaktionen. Und dieses System funktioniert wie ein Dominoeffekt: nicht Rakete → kaputtes Schiff, sondern Rakete → Versicherungsprämie → Umleitung → längere Reise → weniger verfügbare Schiffe → höhere Frachtrate → höhere Produktionskosten → höhere Preise. Ein Krieg im Jemen landet irgendwann im europäischen Supermarkt. Warum zerstört der Westen die Huthi-Stellungen nicht einfach? Weil genau das bereits versucht wurde. Seit 2024 operieren westliche Marineverbände im Roten Meer, USA und Großbritannien haben wiederholt Huthi-Stellungen angegriffen, die Europäische Union betreibt die Mission Aspides, um Handelsschiffe zu schützen. Trotzdem konnte die Bedrohung nicht dauerhaft beseitigt werden. Reuters kam bereits im März 2026 zu einer bemerkenswert nüchternen Bilanz: Die westlichen Mächte konnten die Schifffahrt im Roten Meer zwar schützen und einzelne Fähigkeiten der Huthi schwächen, schafften es aber nicht, die Gefahr vollständig zu beseitigen. Das ist genau das Problem asymmetrischer Kriegsführung. Ein moderner westlicher Zerstörer kostet Milliarden, eine Huthi-Drohne vielleicht Zehntausende, eine Abfangrakete kann Millionen kosten. Man muss nicht einmal militärisch gewinnen. Man muss dafür sorgen, dass der Gegner teurer kämpfen muss als man selbst. Und Hormus wäre militärisch noch schwieriger Die Huthi verfügen über Raketen, Drohnen und Küstenstellungen. Iran besitzt zusätzlich reguläre Marinekräfte, Revolutionsgarden, Schnellboote, Minen, U-Boote, Anti-Schiff-Raketen, ballistische Raketen, Drohnen und eigene Rüstungsproduktion. Reuters zitierte Marineexperten bereits im März mit der Einschätzung, dass das Operationsgebiet um Hormus um ein Vielfaches größer und militärisch komplexer sei als das Einsatzgebiet gegen die Huthi im Roten Meer. Eine vollständige militärische Sicherung beider Meerengen gleichzeitig wäre daher ein gigantischer Aufwand. Das ist der eigentliche strategische Hebel Irans Iran muss Hormus nicht dauerhaft schließen. Die Huthi müssen Bab al-Mandab nicht dauerhaft blockieren. Es reicht möglicherweise, dass niemand weiß, ob die nächste Fahrt sicher ist. Damit wird Unsicherheit zur Waffe – eine Unsicherheit, die Versicherungen verteuert, Schiffe bindet, Lieferketten verlängert, Ölpreise bewegt und politischen Druck erzeugt. Und genau das macht die Kombination aus Hormus und Bab al-Mandab so gefährlich. Fünf Szenarien für die weitere Entwicklung Szenario 1: Hormus bleibt gestört, Bab al-Mandab aber halbwegs offen. Das wäre die vergleichsweise beherrschbare Variante. Saudi-Arabien pumpt mehr Öl über die East-West-Pipeline nach Yanbu, von dort fährt ein Teil Richtung Asien durch Bab al-Mandab, ein anderer Teil geht über Suez nach Europa. Öl bleibt teurer, Versicherungen steigen, aber der Markt funktioniert. Szenario 2: Bab al-Mandab wird für saudische Schiffe faktisch unpassierbar. Dann muss Saudi-Arabien seine Exporte nach Asien stärker über Suez, Mittelmeer, Gibraltar und um Afrika herum führen – jene Route, die aus 19 Tagen etwa 48 macht. Für Saudi-Arabien und für China wäre das wirtschaftlich äußerst unangenehm. Szenario 3: Beide Meerengen werden gleichzeitig weitgehend geschlossen. Das wäre der Albtraum. Saudi-Arabien und die VAE verfügen laut EIA zusammen nur über ungefähr 2,6 Millionen Barrel pro Tag kurzfristig verfügbare zusätzliche Pipelinekapazität, um Hormus zu umgehen – gegenüber rund 20 Millionen Barrel täglichem Ölfluss durch Hormus vor dem Krieg. Ein vollständiger Ersatz ist unmöglich. Szenario 4: Suez wird ebenfalls wirtschaftlich unattraktiv. Hierfür müsste niemand den Kanal angreifen. Es genügt, dass Reedereien das gesamte Rote Meer meiden – mit denselben Folgen wie nach den ersten Huthi-Angriffen: höhere Frachtraten, längere Lieferzeiten, Engpässe, mehr Treibstoffverbrauch, Inflationsdruck. Szenario 5: Die saudische Marinekoalition funktioniert. Wenn Saudi-Arabien tatsächlich Türkei, Pakistan, Ägypten, Dschibuti, westliche Staaten und andere regionale Akteure in eine koordinierte maritime Sicherheitsstruktur bringt, könnte Bab al-Mandab militärisch erheblich besser geschützt werden – auch wenn das Fernbleiben von VAE und Oman, wie oben beschrieben, bereits jetzt strukturelle Zweifel an der vollen Wirksamkeit dieser Koalition begründet. Dann bekäme der gerade geschlossene Mekka-Verteidigungspakt eine ganz praktische Aufgabe: nicht nur Saudi-Arabien territorial verteidigen, sondern die wirtschaftlichen Lebensadern des Königreiches schützen. Das könnte wiederum die USA entlasten Seit Jahrzehnten lautet die unausgesprochene Regel: Amerika hält die Seewege offen – US Navy, Fünfte Flotte, Flugzeugträger, Zerstörer, Stützpunkte am Golf. Saudi-Arabiens neue Initiative sagt dagegen: Wir brauchen zusätzliche regionale Strukturen. Das ist derselbe Trend, den wir beim Mekka-Pakt sehen. Saudi-Arabien verlässt sich weiterhin auf Amerika. Aber nicht mehr ausschließlich. Der Konflikt betrifft deshalb viel mehr als Iran und Israel Wenn man Hormus isoliert betrachtet, sieht man Iran gegen USA und Israel. Nimmt man Bab al-Mandab hinzu, sieht man Iran, Huthi, Saudi-Arabien, Jemen, Ägypten, Pakistan, Türkei, Golfstaaten. Nimmt man den Irak hinzu, wie oben beschrieben, erweitert sich das Bild um einen weiteren Nachbarstaat samt seinen eigenen innenpolitischen Verwerfungen. Und nimmt man Suez hinzu, erscheinen plötzlich Europa, China, Indien, Welthandel, Versicherungen und internationale Reedereien. Das Schlachtfeld ist längst größer als der Nahe Osten. Die stärkste iranische Waffe ist vielleicht gar keine Atombombe Das klingt zunächst provokant. Aber strategisch besitzt Iran eine Fähigkeit, die sofort eingesetzt werden kann – keine hypothetische zukünftige Nuklearwaffe, sondern Geografie: die Möglichkeit, eine Wasserstraße zu bedrohen, durch die ein Fünftel des weltweiten Öls fließt, und über verbündete regionale Akteure gleichzeitig die alternative Route sowie, wie die Irak-Episode zeigt, sogar landgestützte Ziele zu gefährden. Keine Atombombe müsste explodieren, keine Hauptstadt müsste zerstört werden. Trotzdem könnten die wirtschaftlichen Auswirkungen global sein. Das erklärt möglicherweise auch, warum Washington vorsichtiger agiert, als seine Rhetorik vermuten lässt Die Vereinigten Staaten besitzen militärisch zweifellos die Fähigkeit, Iran erheblich härter zu treffen. Aber jeder Eskalationsschritt besitzt Gegenwirkungen: Iranische Energieanlagen treffen? Dann Bab al-Mandab. Iranische Häfen blockieren? Dann Hormus. Huthi bombardieren? Dann saudische Infrastruktur – wie nun am Beispiel der Ostprovinz und der irakischen Verbindung sichtbar wurde. Saudi-Arabien reagiert? Dann möglicherweise weitere irakische Milizen oder andere regionale Akteure. Genau diese gegenseitige Eskalationslogik beschreiben Analysten gegenüber Reuters als „mission creep" – jede Seite erhöht den Einsatz Stück für Stück, ohne den großen Krieg eigentlich zu wollen. Das ist vermutlich die gefährlichste Form eines Konflikts. Weil niemand offiziell die Eskalation sucht. Und trotzdem jeder neue Schritt den nächsten erzeugt. Zwei Meerengen, ein Landkorridor – und eine erstaunlich verwundbare Welt Unsere moderne Weltwirtschaft ist hochentwickelt, digitalisiert, automatisiert, global. Und gleichzeitig hängt sie teilweise davon ab, ob ein Tanker durch zwei wenige Kilometer breite Wasserstraßen fahren kann. Das ist der eigentliche Widerspruch. Hormus zeigt: Iran besitzt einen direkten Hebel. Bab al-Mandab zeigt: Die Huthi besitzen einen indirekten. Die neue Irak-Front zeigt: Selbst der scheinbar sichere Persische-Golf-Zugang der saudischen Ostprovinz ist inzwischen landgestützt verwundbar. Suez zeigt: Europa besitzt keinen bequemen Ersatz. Und die East-West-Pipeline zeigt: Selbst Saudi-Arabiens scheinbare Umgehungsstrategie endet wieder an einem maritimen Engpass. Vielleicht ist deshalb die wichtigste Erkenntnis dieses Konflikts nicht, wer die stärkere Armee besitzt, sondern: Wer kann die Kosten eines Krieges am effektivsten auf andere verteilen? Iran kann die USA militärisch kaum besiegen. Die Huthi können Saudi-Arabien militärisch kaum besiegen. Aber beide können möglicherweise dafür sorgen, dass ein Krieg Öl verteuert, Schiffe umleitet, Versicherungen explodieren lässt, Suez schwächt, China nervös macht, Europas Lieferketten verlängert und Washington innenpolitisch unter Druck setzt. Das ist asymmetrische Macht. Und genau deshalb sollten wir künftig nicht mehr nur auf Hormus schauen. Die entscheidende Karte zeigt vier Namen: Hormus, Bab al-Mandab, Suez – und, wie sich gerade erst zeigt, auch den Irak. Wer diese Punkte gemeinsam betrachtet, versteht, warum ein regionaler Konflikt binnen Tagen zum Problem der gesamten Weltwirtschaft werden kann. Und warum ein paar schmale Wasserstraßen und ein Wüstengrenzverlauf möglicherweise mehr geopolitische Macht besitzen als manche ganze Armee.  Stand: 15. August 2026 Quellen Reuters: „Hormuz traffic slows further after US threatens more economic pressure on Iran", 14. August 2026 U.S. Energy Information Administration: „Amid regional conflict, the Strait of Hormuz remains critical oil chokepoint" Reuters: „After Hormuz, Iran turns to Red Sea gateway as new pressure point", 14. Juli 2026 Reuters: „Iran tells Houthis to close Red Sea gateway if US hits power network, sources say", 16. Juli 2026 Reuters: „Yemen's Houthis declare naval blockade against Saudi Arabia", 20. Juli 2026 Reuters: „Two Chinese supertankers with Saudi oil exit Red Sea", 23. Juli 2026 Reuters: „Four crew, two rescuers killed in Red Sea attack; US strikes ship in Gulf of Oman", 11. August 2026 Reuters: „Saudi Red Sea oil exports go dark as Houthi attack threat grows", 12. August 2026 Reuters: „Add a month at sea and $2.5 million – what it costs oil tankers to flee Hormuz and Bab el-Mandeb", 23. Juli 2026 Reuters: „War risk insurance costs surge for southern Red Sea voyages after Houthi attacks", 23. Juli 2026 UNCTAD: „Red Sea, Black Sea and Panama Canal: UNCTAD raises alarm" sowie „Navigating Troubled Waters" Reuters: „Egypt Suez Canal monthly revenue losses at around $800 million, Sisi says", März 2025 Reuters: „Saudi Arabia unveils plans for multinational maritime defence coalition", 30. Juli 2026 Reuters: „Saudi Arabia bets on defensive alliances to deter slide into war", 12. August 2026 Al Jazeera: „Why is Saudi Arabia forming a coalition to protect the Red Sea?" sowie „Saudi Arabia announces maritime defence alliance to secure vital waterways" The Maritime Executive: „Saudi Arabia Builds Maritime Coalition to Keep Red Sea Shipping Moving" AGBI: „Saudi Arabia's new Red Sea reality meets old constraints" sowie „Saudi Arabia launches 14-nation coalition to secure Red Sea routes" Semafor: „Riyadh plans 14-country alliance to protect shipping routes" (inklusive der Berichterstattung zur Huthi-Eskalation von irakischem Territorium und den Folgen für das MBS-Treffen mit dem irakischen Ministerpräsidenten) Arab News: „Analysis: Saudi Arabia's new maritime coalition put to the test", 12. August 2026 Reuters: „Western powers were unable to secure shipping in the Red Sea; Hormuz will be harder", 25. März 2026
von Holger H. Hohlfeld 14. August 2026
Eine neue Machtachse in Mekka: Saudi-Arabien, Türkei und Pakistan schließen Verteidigungspakt Drei der militärisch und politisch wichtigsten Staaten der islamischen Welt versprechen sich gegenseitigen Beistand - Makkah Joint Defence Agreement Am 7. August 2026 geschieht in Mekka etwas, dessen geopolitische Bedeutung weit über eine weitere diplomatische Vereinbarung hinausreichen könnte. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif unterzeichnen gemeinsam das Makkah Joint Defence Agreement. Der entscheidende Satz des Abkommens lautet sinngemäß: Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten wird als Angriff auf alle drei betrachtet. So bestätigen es sowohl die beteiligten Regierungen als auch internationale Nachrichtenagenturen. Pakistan beruft sich ausdrücklich auf das kollektive Selbstverteidigungsrecht nach Artikel 51 der UN-Charta. Das klingt bekannt. Der türkische Außenminister Hakan Fidan sagt deshalb überraschend offen: Technisch sei die Klausel mit Artikel 5 der NATO vergleichbar. Damit verbinden sich drei ausgesprochen unterschiedliche Machtfaktoren: Saudi-Arabien mit Geld, Öl, religiös-politischem Einfluss und geografischer Kontrolle über einen zentralen Teil der arabischen Halbinsel; die Türkei als NATO-Mitglied mit großen Streitkräften, eigener Rüstungsindustrie, Drohnen-, Raketen- und Elektronikkompetenz sowie geografischer Kontrolle über den Übergang zwischen Europa, Schwarzem Meer, Kaukasus und Nahost; und Pakistan mit mehr als 600.000 Soldaten, jahrzehntelanger Kampferfahrung – und vor allem als einzige Atommacht der muslimischen Welt. Das ist keine gewöhnliche Kooperation. Aber es ist auch noch keine „islamische NATO". Noch nicht. Was genau wurde beschlossen? Der vollständige Vertragstext wurde bislang nicht öffentlich zugänglich gemacht. Genau deshalb sollte man vorsichtig mit der Behauptung sein, es handle sich bereits um eine zweite NATO. Reuters weist ausdrücklich darauf hin, dass die konkreten militärischen Verpflichtungen der drei Staaten bislang nicht vollständig veröffentlicht wurden. Was inzwischen offiziell bestätigt ist, geht dennoch erheblich weiter als eine Absichtserklärung. Das türkische Verteidigungsministerium erklärte am 13. August, dass strategische politische und militärische Mechanismen geschaffen werden sollen. Dazu gehören die Verteidigungsminister, Außenminister sowie Generalstabschefs beziehungsweise Oberkommandierenden der drei Staaten. Die Koordination soll auf höchster staatlicher Ebene erfolgen. Geplant sind außerdem: gemeinsame Übungen von Heer, Marine und Luftwaffe, gemeinsame Luftverteidigung, Zusammenarbeit bei Drohnen und autonomen Systemen, elektronische Kriegsführung, künstliche Intelligenz, gemeinsame Entwicklung und Produktion von Rüstungsgütern, Technologietransfer, gemeinsame Logistik und Wartung. Es soll also ausdrücklich nicht nur darum gehen, gegenseitig Waffen zu verkaufen. Die drei Länder wollen Teile ihrer militärischen Strukturen, Technologien und Verteidigungsindustrien miteinander verzahnen. Ein gemeinsames Sekretariat in Saudi-Arabien und politische Koordinierungsgremien sollen die Zusammenarbeit institutionalisieren. Das ist entscheidend. Denn aus drei bilateralen Beziehungen entsteht damit erstmals eine dauerhafte trilaterale Sicherheitsarchitektur. Die Allianz entstand nicht innerhalb weniger Wochen Die aktuelle Eskalation mit Iran hat den Abschluss wahrscheinlich beschleunigt. Entstanden ist die Idee aber früher. Bereits im Januar 2026 berichtete Reuters, dass Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei seit ungefähr zehn Monaten über ein solches Abkommen verhandelten. Ein Vertragsentwurf lag damals bereits in allen drei Hauptstädten vor. Damit reichen die Vorbereitungen ungefähr bis ins Frühjahr 2025 zurück. Und das ist interessant, denn seitdem hat sich die gesamte Sicherheitsordnung des Nahen Ostens dramatisch verändert. Der erste Wendepunkt: Israel greift Katar an Am 9. September 2025 griff Israel Ziele in Doha an und versuchte dort, führende Hamas-Funktionäre zu treffen. Katar ist jedoch kein gewöhnlicher Staat. Dort befindet sich mit Al Udeid eine der wichtigsten amerikanischen Militärbasen der gesamten Region. Der israelische Angriff löste deshalb unter den Golfstaaten eine ausgesprochen unangenehme Frage aus: Wenn selbst ein Staat mit einer riesigen amerikanischen Militärbasis angegriffen werden kann – was ist eine amerikanische Sicherheitsgarantie eigentlich noch wert? Nur acht Tage später, am 17. September 2025, unterzeichneten Saudi-Arabien und Pakistan ihren ersten bilateralen strategischen Verteidigungspakt. Auch dort galt bereits: Angriff auf einen gleich Angriff auf beide. Reuters beschrieb schon damals stark sinkendes Vertrauen der Golfstaaten in die Zuverlässigkeit der USA als Sicherheitsgaranten. Die jetzige Vereinbarung erweitert diese Konstruktion um die Türkei. Der zweite Wendepunkt: der Iran-Krieg 2026 Dann kommt der 28. Februar 2026. Die USA und Israel greifen Iran an. Iran wiederum schlägt gegen Israel und mehrere Golfstaaten beziehungsweise deren Infrastruktur zurück; zusätzlich greifen mit Teheran verbundene Gruppen Saudi-Arabien und regionale Verkehrswege an. Der Konflikt erfasst damit Staaten, die ursprünglich versucht hatten, sich herauszuhalten. Für Saudi-Arabien entsteht ein strategisches Problem: Riad wollte keinen Krieg mit Iran, aber gleichzeitig keine iranischen Raketen und Drohnen auf saudischem Territorium. Saudi-Arabien hatte zuvor jahrelang versucht, die Beziehungen zu Teheran zu stabilisieren. Jetzt wird das Königreich trotzdem wieder zum Ziel. Reuters beschreibt das saudische Dilemma treffend: Riad möchte Abschreckung herstellen, ohne selbst in den amerikanisch-iranischen Krieg hineingezogen zu werden. Genau hier erscheint der Mekka-Pakt. Saudi-Arabiens eigentliches Problem: Die USA schützen – aber zu welchen Bedingungen? Seit Jahrzehnten basiert die Sicherheitsarchitektur am Golf im Kern auf einem einfachen Tausch: amerikanischer militärischer Schutz gegen politische Zusammenarbeit und Stabilität der Energieversorgung. Saudi-Arabien blieb dabei eng mit Washington verbunden. Doch das Vertrauen bekam Risse. 2019 wurden die saudischen Ölanlagen von Abqaiq und Khurais angegriffen. Washington reagierte nicht mit dem großen militärischen Gegenschlag, den manche in Riad erwartet hatten. Dann kamen amerikanische Kurswechsel: Obama und der Iran-Deal, Trump und der Ausstieg aus dem Iran-Deal, Biden und die zunächst distanzierte Saudi-Politik, Trump erneut, Israel, Gaza, Katar, Iran. Für die Golfstaaten bedeutet das: Die Vereinigten Staaten bleiben militärisch unverzichtbar – aber politisch nicht mehr vollständig berechenbar. Der Council on Foreign Relations sieht im Mekka-Abkommen deshalb sogar ein Symptom für das Ende einer jahrzehntelangen ausschließlich von Washington dominierten regionalen Ordnung. Das bedeutet nicht, dass Saudi-Arabien Amerika den Rücken kehrt. Es bedeutet etwas Raffinierteres: Saudi-Arabien versichert sich zusätzlich – USA, Pakistan, Türkei, vielleicht bald Ägypten. Riad baut mehrere Sicherheitsnetze gleichzeitig. Und plötzlich steht Pakistan im Zentrum Pakistan ist dabei der vielleicht faszinierendste Spieler. Wirtschaftlich ist Pakistan deutlich schwächer als Saudi-Arabien oder die Türkei. Militärisch sieht es anders aus. Das Land verfügt über eine sehr große Armee und Atomwaffen. Saudi-Arabien wiederum unterstützt Pakistan seit Jahrzehnten finanziell; zuletzt bestanden unter anderem milliardenschwere saudische Finanzhilfen. Pakistanische Soldaten sind seit Jahrzehnten in Saudi-Arabien tätig, Pakistan bildet saudische Militärangehörige aus. Mittlerweile befinden sich nach Reuters-Angaben ungefähr 8.000 pakistanische Soldaten sowie Flugzeuge, Drohnen und Luftverteidigungssysteme im Königreich. Das ist keine theoretische Partnerschaft. Pakistan ist militärisch bereits präsent. Die große Frage: Gehört die pakistanische Atombombe jetzt indirekt dazu? Genau hier wird es heikel. Saudi-Arabien und Pakistan vermeiden eine eindeutige Antwort. Schon beim bilateralen Vertrag von 2025 erklärte ein hochrangiger saudischer Vertreter gegenüber Reuters auf die Frage nach der pakistanischen nuklearen Abschreckung lediglich, das Abkommen umfasse „alle militärischen Mittel". Pakistan wiederum erklärte später ausdrücklich, Atomwaffen seien „not on the radar" des Abkommens. Beim neuen trilateralen Pakt erklärte Saudi-Arabiens stellvertretender Minister für Public Diplomacy, Rayed Krimly, ausdrücklich, das Abkommen stehe weder für einen militärischen Block noch für einen nuklearen Rüstungswettlauf. Damit gilt derzeit: Eine formelle pakistanische Nukleargarantie für Saudi-Arabien oder die Türkei ist nicht belegt. Aber strategische Abschreckung funktioniert nicht nur über Verträge. Pakistan ist eine Atommacht. Wenn Pakistan öffentlich garantiert, einen Angriff auf Saudi-Arabien als Angriff auf sich selbst zu betrachten, wird jeder potenzielle Gegner diese Tatsache zwangsläufig in seine Kalkulation einbeziehen. Genau deshalb sprach Reuters bereits 2025 davon, dass die pakistanische Nuklearkapazität zumindest in die Sicherheitsgleichung des Nahen Ostens eingetreten sei. Das ist ein großer Unterschied. Der australische Verteidigungsanalyst Mansoor Ahmed vom Strategic and Defence Studies Centre der Australian National University fügt dem eine wichtige Präzisierung hinzu: Pakistans nukleare Ausrichtung bleibe trotz des neuen Pakts weiterhin primär auf die wahrgenommene Bedrohung durch Indien ausgerichtet, nicht auf den Nahen Osten – während Pakistan und die Türkei etablierte Verteidigungsindustrien einbrächten und Saudi-Arabien vor allem finanzielle und technologische Investitionsmöglichkeiten biete. Die nukleare Komponente bleibt also eher ein Hintergrundfaktor der Abschreckung als ein aktiv eingesetztes Instrument. Warum braucht die Türkei diesen Pakt? Auch Ankara verfolgt eigene Interessen. Die Türkei ist NATO-Mitglied und besitzt also bereits Artikel 5. Warum braucht Erdoğan eine zweite Verteidigungsarchitektur? Weil NATO-Mitgliedschaft und regionale Machtpolitik zwei verschiedene Dinge sind. Die Türkei versucht seit Jahren, strategisch eigenständiger zu werden – sie entwickelt eigene Drohnen, Raketen, Kriegsschiffe, elektronische Kampfsysteme, Kampfflugzeuge und Luftverteidigung. Saudi-Arabien wiederum ist ein enorm attraktiver Abnehmer und Investor. Pakistan arbeitet bereits seit Jahren eng mit der türkischen Verteidigungsindustrie zusammen – Reuters verweist unter anderem auf gegenseitige Lieferung beziehungsweise Kooperation bei Kriegsschiffen und Trainingsflugzeugen; Saudi-Arabien wiederum kauft türkische Drohnentechnik. Aus türkischer Sicht entsteht damit ein großer gemeinsamer Rüstungsraum: saudisches Kapital, türkische Technologie, pakistanische Produktionskapazität und militärische Erfahrung. Das könnte langfristig bedeutender werden als die Beistandsklausel selbst. Der Atlantic Council ordnet Ankaras Motivation dabei noch präziser ein als eine reine Reaktion auf den Iran-Krieg: Für die Türkei erweitere der Pakt einen bereits bestehenden Schutzschirm über Verbündete in Katar, Syrien und Libyen und verleihe diesem „muslimischen kollektiven Verteidigungsmechanismus" zusätzliche Dichte und massive neue Ressourcen. Während Saudi-Arabien vor allem ein Gegengewicht zu Iran suche und Pakistan eines zu Indien, verschaffe der Pakt Ankara insbesondere eine deutlich verstärkte Abschreckung gegenüber Israel – einem Nachbarn, dessen Führung zunehmend offen von Feindschaft und möglichem Konflikt mit der Türkei spreche. Und Erdoğan verfolgt eine größere Idee Hakan Fidan beschrieb bereits im Januar die dahinterliegende türkische Vision ungewöhnlich offen: Regionale Staaten müssten eigene Sicherheitsmechanismen schaffen, damit Misstrauen nicht ständig Raum für äußere Hegemonie und Intervention schaffe. Das ist fast die geopolitische Grundsatzerklärung des gesamten Paktes: Sicherheit im Nahen Osten soll nicht mehr ausschließlich in Washington organisiert werden. Für Erdoğan passt das perfekt zu seiner Vorstellung einer Türkei als eigenständigem Machtzentrum – nicht vollständig westlich, nicht russisch, nicht chinesisch, nicht iranisch, sondern türkisch und regional. Saudi-Arabien liefert das Geld Saudi-Arabien wiederum besitzt etwas, was sowohl Pakistan als auch die Türkei gut gebrauchen können: Kapital. Dazu kommen enorme Energieexporte und geografische Lage. Saudi-Arabien liegt zwischen Rotem Meer, Persischem Golf, Suez-Verbindung, Bab al-Mandab und Straße von Hormus. Damit befindet sich das Königreich unmittelbar zwischen zwei der empfindlichsten maritimen Engpässe der Weltwirtschaft. Und genau diese Verkehrswege werden zunehmend zum militärischen Problem. Der Pakt hängt unmittelbar mit dem Roten Meer zusammen Parallel zum Mekka-Abkommen baut Saudi-Arabien derzeit eine internationale maritime Sicherheitskoalition im Roten Meer auf. Die Türkei beteiligt sich bereits an den Gesprächen in Jeddah. Der Grund ist offensichtlich: Die Huthi können den Zugang zum Bab al-Mandab bedrohen, Iran kann Druck auf die Straße von Hormus ausüben. Damit könnte Saudi-Arabien theoretisch gleichzeitig seine wichtigsten Ausfuhrwege nach Osten und Westen verlieren. Reuters weist darauf hin, dass der saudische Hafen Jazan und der gegenüberliegende Raum um Mocha strategisch unmittelbar an Bab al-Mandab liegen. Sollte diese Route blockiert werden, würde Saudi-Arabien eine zentrale Alternative zur Straße von Hormus verlieren. Das erklärt, warum der Mekka-Pakt nicht nur eine Reaktion auf Raketen ist. Es geht auch um Handelswege, Öl, Häfen, Schifffahrt und Weltwirtschaft. Und nur zwei Tage nach der Unterzeichnung kam der erste Test Am 9. August griffen die Huthi nach eigenen Angaben die saudische Aramco-Raffinerie in Jazan mit einer Drohne an. Es entstand ein Feuer, das laut saudischem Energieministerium gelöscht wurde; Verletzte wurden nicht gemeldet. Damit passierte fast sofort das, wofür der neue Vertrag eigentlich geschaffen wurde: Ein Mitglied wurde angegriffen. Und? Pakistan griff Iran beziehungsweise die Huthi nicht an, die Türkei ebenfalls nicht, Saudi-Arabien forderte keine Anwendung der gegenseitigen Verteidigungsklausel. Das zeigt bereits die Grenze des Vergleichs mit einer „NATO". Hakan Fidan erklärte selbst, dass sich die drei Staaten nach einem Angriff zunächst beraten und anschließend entscheiden würden, welche Form und welches Ausmaß der Unterstützung notwendig sei. Das kann heißen: Geheimdienstinformationen, Luftabwehr, Logistik, Munition, Drohnen, Marineeinheiten – oder im Extremfall direkte militärische Unterstützung. Aber nicht automatisch Krieg. Interessanterweise funktioniert auch NATO-Artikel 5 nicht ganz so automatisch, wie oft behauptet Auch der NATO-Vertrag zwingt nicht jeden Staat dazu, unmittelbar mit allen verfügbaren Streitkräften in einen Krieg einzutreten. Jeder Verbündete ergreift die Maßnahmen, die er für notwendig hält. Der Vergleich Fidans ist deshalb technisch gar nicht völlig absurd. Der entscheidende Unterschied liegt derzeit vielmehr in der Infrastruktur. Die NATO besitzt jahrzehntelang eingespielte Kommandostrukturen, gemeinsame Verteidigungspläne, Hauptquartiere, standardisierte Verfahren, Logistik, Übungen, integrierte Luftverteidigung. Der Mekka-Pakt beginnt gerade erst, genau solche Mechanismen aufzubauen. Deshalb: Artikel-5-Prinzip – ja. Zweite NATO – noch lange nicht. Analysten der South China Morning Post fassen diese Einschätzung nach Gesprächen mit mehreren Sicherheitsexperten pointiert zusammen: Der Pakt bleibe „weit entfernt" von einer echten NATO-artigen Verteidigungsallianz, da divergierende strategische Interessen und eine schwache gemeinsame Verteidigungskapazität die eigentlichen Herausforderungen blieben. Ist die Allianz gegen Iran gerichtet? Auf den ersten Blick könnte man das vermuten. Drei sunnitisch dominierte Staaten schließen während eines Krieges mit dem schiitischen Iran einen Verteidigungspakt. Iranische Raketen und mit Iran verbundene Gruppen greifen Saudi-Arabien an. Klingt eindeutig. Aber die Wirklichkeit ist komplizierter. Sowohl Pakistan als auch die Türkei erklären ausdrücklich, der Pakt sei nicht gegen Iran gerichtet. Pakistan versucht sogar gleichzeitig, zwischen Washington und Teheran zu vermitteln. Das pakistanische Außenministerium betont weiterhin seine diplomatischen Kontakte zu Iran und die Bemühungen um eine politische Lösung. Und erstaunlicherweise reagiert Iran bisher relativ entspannt. Teherans Reaktion ist fast schon bemerkenswert freundlich Irans Außenministerium erklärte am 10. August, man sehe keinen Grund zur Sorge. Sprecher Esmaeil Baghaei interpretierte den Pakt sogar positiv als Zeichen dafür, dass regionale Länder bei ihrer Sicherheit stärker auf eigene Fähigkeiten statt auf außenregionale Mächte setzen. Dann fügte er allerdings den entscheidenden iranischen Zusatz hinzu: Eine regionale Sicherheitsarchitektur könne funktionieren, wenn sie den „richtigen Gegner und die richtige Bedrohung" identifiziere. Damit meinte Teheran: Israel. Aus iranischer Perspektive könnte derselbe Pakt also theoretisch sogar Teil einer postamerikanischen regionalen Sicherheitsordnung sein – solange er nicht zur Anti-Iran-Allianz wird. Das ist geopolitisch ausgesprochen interessant. Israel schlägt Alarm: „Dieses Bündnis richtet sich gegen uns" Während Iran demonstrativ gelassen reagiert, ist die israelische Reaktion das genaue Gegenteil – und dieser Teil fehlte in der bisherigen Betrachtung fast vollständig, obwohl er inzwischen zu den meistdiskutierten Aspekten des gesamten Pakts gehört. Ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal Ynet unverblümt: „Dieses Abkommen beunruhigt uns. Es ist ein Pakt, der sich gegen Israel richtet." Er fügte hinzu, man wäre nicht überrascht, wenn auch Ägypten dem „Mekka-Bündnis" beitrete, und äußerte die Sorge, dies könnte „feindliche Kräfte direkt vor Israels Haustür" bringen. Derselbe Vertreter ordnete die Entwicklung in einen größeren regionalen Trend ein: Die „schiitische Achse" um Iran habe sich abgeschwächt, während die „sunnitische Achse" seit Längerem an Stärke gewinne – weshalb Israel „alternative Bündnisse" aufbauen müsse, insbesondere mit der „hellenischen Achse" aus Griechenland und Zypern, gemeinsam mit Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Genau das tut Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bereits: Nach Angaben von Al Jazeera verfolgt er das Konzept eines „Sechsecks der Allianzen" („hexagon of alliances") aus Israel, Griechenland, Zypern und – bemerkenswerterweise – Pakistans regionalem Erzrivalen Indien, ergänzt um weitere, nicht näher benannte arabische, afrikanische und asiatische Staaten. Das fällt zeitlich mit israelischen Parlamentswahlen zusammen, was der Debatte im Land zusätzliche innenpolitische Brisanz verleiht. Nicht alle israelischen Beobachter teilen jedoch die alarmierte Lesart. Der Nahost-Historiker Ahron Bregman ordnete gegenüber Al Jazeera deutlich nüchterner ein: Der Pakt spiegele „vor allem mangelndes Vertrauen in die USA und deren Fähigkeit oder Bereitschaft, ihre nahöstlichen Verbündeten zu schützen" wider. Er glaube, der Pakt handle eher davon, „sich gemeinsam gegen Iran zu wappnen als sich gegen Israel zu richten" – wobei er zugleich bezweifelte, dass sich die drei Staaten im Ernstfall tatsächlich gegenseitig helfen würden, etwa wenn Iran einen saudischen Tanker angreife. Auch die Zeitung Times of Israel widersprach der alarmistischen Lesart des zitierten Regierungsvertreters explizit und bezeichnete dessen Interpretation, wonach Ägypten „feindliche Kräfte" an Israels Grenze bringen könnte, als fundamentales Missverständnis sowohl des eigentlichen Ziels des Pakts als auch der Rolle Kairos: Ägypten stehe der Türkei aufgrund des gemeinsamen Stellvertreterkriegs in Libyen und Ankaras früherer Unterstützung der von Präsident al-Sisi 2013 gestürzten Muslimbruderschaft äußerst misstrauisch gegenüber und zeige bislang wenig Interesse, einem Pakt mit derart ausgeprägter religiöser Symbolik beizutreten, selbst wenn man die sunnitische Identität teile. Die interessantere Deutung, so ein von der Zeitung zitierter Analyst, habe eigentlich der iranische Außenamtssprecher selbst geliefert, indem er den wahren Kern des Abkommens treffender erfasst habe als die israelische Sicherheitsbürokratie. Die Zeitung Jerusalem Post wiederum sieht eine indirekte, aber sehr reale Konsequenz: Der Mekka-Pakt erschwere den ohnehin schon schwierigen Weg zu einer saudisch-israelischen Normalisierung zusätzlich. Indem sich Riad enger an Ankara und Islamabad binde – zwei Hauptstädte, die Jerusalem gegenüber ausgesprochen ablehnend eingestellt seien –, erhöhe sich der politische und strategische Preis, den Saudi-Arabien für eine Annäherung an die Abraham-Abkommen zu zahlen hätte. Das gebe der Türkei und Pakistan zwar kein formelles Vetorecht über die saudische Außenpolitik, mache es aber unwahrscheinlicher, dass Riad von seiner Bedingung abrücke, wonach eine Normalisierung einen glaubwürdigen Weg zu einem palästinensischen Staat voraussetze. Bezeichnenderweise führten Netanyahu und der indische Ministerpräsident Narendra Modi unmittelbar nach der Unterzeichnung ein Gespräch über „jüngste Entwicklungen in Westasien", in dem laut offizieller Zusammenfassung ausdrücklich auch „Fortschritte bei verschiedenen Aspekten der indisch-israelischen strategischen Partnerschaft" zur Sprache kamen – ein Hinweis darauf, dass der Mekka-Pakt indirekt bereits eine Gegenbewegung zwischen Israel und Indien beschleunigt. Chinas Blick: abwartend, aber keineswegs uninteressiert Auch die chinesische Perspektive fehlte bislang, obwohl sie für das Gesamtbild wichtig ist. Peking hat den Pakt nicht offiziell begrüßt, aber die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hob ihn ausdrücklich als Reaktion auf wachsende regionale Sicherheitsbedenken hervor – passend zu Chinas langjähriger These, nahöstliche Staaten sollten ihre Sicherheit selbst gestalten, statt sich auf eine externe Macht zu verlassen. In chinesischen sozialen Netzwerken löste das Abkommen erhebliches Interesse aus: Auf Weibo erreichten Hashtags wie „Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan unterzeichnen gemeinsames Verteidigungsabkommen" und „Iran begrüßt das Verteidigungsabkommen" jeweils tausende Aufrufe, ein Kommentator bezeichnete den Pakt als „sunnitische NATO". Nach Analyse des Portals The Print identifizierte chinesische Kommentierung dabei drei wiederkehrende Themen: erstens die schwindende Rolle der USA in der Region, zweitens die Sorge, der Pakt könne sich zu einem breiteren west- und südasiatischen Sicherheitsnetzwerk entwickeln und damit Indiens strategischen Handlungsspielraum einengen, und drittens die auffällige zeitliche Nähe zu einem indischen Test der Agni-4-Mittelstreckenrakete – nur einen Tag vor der Unterzeichnung in Mekka –, den chinesische Kommentatoren als bewusstes Signal Neu-Delhis an Pakistan und an jede außenstehende Macht deuteten, die eine tiefere Einmischung in Südasien erwäge. Eine Analyse des Wirtschaftsportals Sina Finance mahnte zugleich zur Vorsicht: Die drei Vertragsstaaten verfolgten grundlegend unterschiedliche strategische Prioritäten, was den Vergleich mit einer vollwertigen NATO-Struktur voreilig erscheinen lasse – eine Einschätzung, die sich fast wortgleich mit jener westlicher Thinktanks deckt. Der Middle East-Nachrichtendienst Al-Monitor sieht für China konkret drei Vorteile: Erstens passe der Pakt zu Pekings langjähriger Erzählung, wonach die Region ihre Sicherheit zunehmend selbst organisieren solle. Zweitens eröffneten sich überlappende Lieferketten- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen den drei Unterzeichnerstaaten, selbst wenn Chinas Verteidigungsbeziehungen zur Türkei bislang deutlich weniger entwickelt seien als jene zu Pakistan. Drittens – und das dürfte langfristig am bedeutsamsten sein – biete der durch den Iran-Krieg beschleunigte Bedarf an Drohnen, Raketen und Luftverteidigung China einen wachsenden Rüstungsmarkt: Berichte über ein geplantes Wing-Loong-3-Drohnenprojekt sowie eine Fertigungsanlage in Jeddah deuten darauf hin, dass sich China nicht nur als Waffenverkäufer, sondern als eingebetteter Partner in saudischer Ausbildung, Wartung und industrieller Infrastruktur positionieren könnte. Gleichzeitig zeigt sich, wie ambivalent Chinas Position tatsächlich ist. Analysten der South China Morning Post weisen auf ein „nukleares Dilemma" für Peking hin: China unterhält sowohl zu Pakistan als auch zu Saudi-Arabien enge Beziehungen, einschließlich einer langjährigen Zusammenarbeit mit Riad am zivilen Atomprogramm des Königreichs – möchte aber vermeiden, dass sich die informelle nukleare Dimension des Mekka-Pakts weiter vertieft, um weder Washington zu provozieren noch selbst den Eindruck nuklearer Proliferationsförderung zu erwecken. Das Nachrichtenportal Türkiye Today beschreibt zudem ein handfestes militärtechnisches Problem, das Peking genau beobachtet: Pakistan setzt chinesische J-10CE-Kampfjets ein, während die Türkei NATO-Standards und eine umfangreiche eigene Rüstungsindustrie mitbringt – jede ernsthafte gemeinsame Verteidigungsstruktur müsste also früher oder später Ausrüstung, Kommunikationssysteme und militärische Doktrinen aus vollkommen unterschiedlichen technischen Ökosystemen miteinander vereinbaren. Der chinesische Militärkommentator Teng Jianqun verwies in diesem Zusammenhang auf ungelöste Fragen zu gemeinsamen Zielen, militärischer Integration und Kosten; auch Xinhuas eigene, spätere Einschätzung warnte ausdrücklich davor, den Pakt bereits als fertige NATO-ähnliche Struktur zu behandeln. Insgesamt ergibt sich damit ein Bild abwartender, aber keineswegs passiver chinesischer Beobachtung: Peking sieht im Mekka-Pakt weniger eine Bedrohung als eine Gelegenheit zu vertiefter wirtschaftlicher und diplomatischer Einbindung, ohne selbst Verantwortung für die Sicherheitsgarantie zu übernehmen – ein Muster, das sich in Chinas gesamter Nahost-Strategie der vergangenen Jahre wiederholt. Denn Saudi-Arabien fürchtet inzwischen nicht mehr nur Iran Hier liegt einer der wichtigsten Punkte. Jahrzehntelang lautete das einfache westliche Modell: Saudi-Arabien plus Israel plus USA gegen Iran. Dieses Bild funktioniert zunehmend schlechter. Bereits nach dem israelischen Angriff auf Katar 2025 erklärten Golfstaaten, dass inzwischen auch Israel selbst als Sicherheitsrisiko wahrgenommen werde. Saudi-Arabien versucht deshalb gleichzeitig, Iran abzuschrecken, Israel einzuhegen, die USA als Partner zu behalten und eigene strategische Optionen aufzubauen. Genau deshalb ist der Mekka-Pakt kein klassischer Anti-Iran-Block. Er ist eher eine Versicherung gegen die gesamte Instabilität der Region. Für die USA ist das vermutlich die wichtigste Botschaft überhaupt Keines der drei Länder hat Washington zum Gegner erklärt. Im Gegenteil: Saudi-Arabien ist enger US-Partner, Pakistan arbeitet erneut intensiver mit Washington zusammen, die Türkei ist NATO-Mitglied. Und gerade deshalb ist der Vertrag so interessant: Drei amerikanische Partner bauen eine Sicherheitsarchitektur auf, die ohne Amerika funktionieren soll. Das ist etwas anderes als Antiamerikanismus. Es ist strategische Absicherung gegen amerikanische Unberechenbarkeit. CFR geht sogar so weit zu argumentieren, dass nach fünf Jahrzehnten kaum noch von einer ausschließlich US-geführten Ordnung des Nahen Ostens gesprochen werden könne. Modern Diplomacy präzisiert diese Deutung allerdings sinnvoll: Es gehe für die drei Staaten weniger darum, die USA vollständig abzulösen, als sich abzusichern („hedging"), ohne sich endgültig für eine Seite zu entscheiden – eine Unterscheidung, die für das Verständnis der amerikanischen Reaktion entscheidend sein dürfte. Pakistan bekommt dadurch ein Problem mit Indien Pakistan hat seinen traditionellen militärischen Schwerpunkt eigentlich nicht im Nahen Osten. Er heißt Indien. Deshalb beobachtet Neu-Delhi den Pakt sehr genau. Das indische Außenministerium erklärte, es prüfe die Auswirkungen des neuen Abkommens auf Indiens nationale Sicherheit sowie die regionale und globale Stabilität. Die entscheidende Frage lautet: Was geschieht bei einem neuen indisch-pakistanischen Krieg? Müssten Saudi-Arabien und die Türkei Pakistan unterstützen? Rein nach dem öffentlich bekannten Wortlaut möglicherweise ja. CFR weist genau auf dieses Problem hin: Die Beistandsklausel könnte theoretisch die Nahostmächte in einen südasiatischen Konflikt hineinziehen. Allerdings lassen sowohl die bisherige Flexibilität des Vertrags als auch die chinesische Einschätzung (siehe oben) vermuten, dass „Unterstützung" keineswegs automatisch direkte Kriegsteilnahme bedeutet. Die South China Morning Post ordnet die tatsächliche Bedeutung für Indien präzise ein: Entscheidend sei weniger, ob die Klausel jemals konkret angerufen werde, sondern wie sie Pakistans strategische Position sowie das Kräfteverhältnis zwischen den drei Atommächten China, Indien und Pakistan langfristig verändere – ein Dreiecksverhältnis, das durch wiederkehrende tödliche Zwischenfälle geprägt ist, zuletzt die Galwan-Zusammenstöße zwischen indischen und chinesischen Truppen 2020 sowie ein weiterer indisch-pakistanischer Konflikt im Vorjahr. Und jetzt könnte Ägypten hinzukommen Das macht die Entwicklung noch interessanter. Erdoğan und Fidan haben ausdrücklich erklärt, dass weitere Staaten beitreten können. Besonders genannt wird Ägypten. Der ägyptische Außenminister Badr Abdelatty erklärte inzwischen, Kairo prüfe einen Beitritt ernsthaft – auch wenn, wie oben dargestellt, die Times of Israel unter Berufung auf Nahost-Analysten erhebliche Zweifel an einem tatsächlich baldigen ägyptischen Beitritt äußert, gerade wegen des historischen Misstrauens zwischen Kairo und Ankara. Sollte Ägypten dennoch beitreten, wären gleichzeitig darin vereint: die beiden größten beziehungsweise wichtigsten sunnitischen arabischen Staaten, eine Atommacht, zwei der größten muslimischen Armeen, ein NATO-Mitglied, die Hüterstaaten von Mekka und Medina, sowie Staaten an Suezkanal, Rotem Meer, Persischem Golf, Mittelmeer und Indischem Ozean. Dann könnte man tatsächlich anfangen, über eine neue islamisch-regionale Sicherheitsarchitektur zu sprechen. Vier Szenarien für die weitere Entwicklung Szenario 1: Der Pakt bleibt hauptsächlich politische Abschreckung. Das ist kurzfristig das wahrscheinlichste Szenario: gemeinsame Übungen, Luftverteidigung, Geheimdienstkooperation, Drohnen, Rüstungsprojekte, Marinesicherung, pakistanische Kräfte in Saudi-Arabien – aber keine gemeinsame Kriegführung. Das würde Saudi-Arabien zusätzliche Sicherheit geben, ohne Pakistan und Türkei unmittelbar in den Iran-Krieg hineinzuziehen. Der bisherige Umgang mit den Huthi-Angriffen spricht durchaus dafür. Szenario 2: Eine echte regionale Verteidigungsorganisation entsteht. Wenn Ägypten beitritt und weitere Staaten folgen, könnte sich die Struktur institutionalisieren: gemeinsames Hauptquartier, integrierte Luftverteidigung, Radar- und Satellitendaten, gemeinsame Raketenabwehr, Marinekommandos, gemeinsame Waffenentwicklung, standardisierte Übungen und möglicherweise dauerhaft stationierte Verbände. Die jetzt angekündigten politischen und militärischen Mechanismen wären dafür bereits die Grundlage. Dann wäre „islamische NATO" irgendwann nicht mehr nur eine Schlagzeile. Szenario 3: Aus Abschreckung entsteht Blockkonfrontation. Das wäre die gefährlichste Entwicklung: auf der einen Seite Saudi-Arabien, Türkei, Pakistan, möglicherweise Ägypten; auf der anderen ein geschwächter, aber weiterhin mächtiger Iran und seine regionalen Verbündeten, dazu Israel, und dahinter USA, China, Russland. Dann würde aus einem Verteidigungspakt möglicherweise genau das entstehen, was seine Gründer offiziell verhindern wollen: eine neue Blocklogik. Deshalb versucht Teheran derzeit offensichtlich, den Pakt nicht automatisch als feindlich zu definieren. Szenario 4: Die Allianz richtet sich langfristig weniger gegen Iran als gegen Abhängigkeit von Großmächten. Das wäre geopolitisch vielleicht das faszinierendste Szenario. Saudi-Arabien arbeitet mit den USA – aber auch mit China. Die Türkei gehört zur NATO – kooperiert aber mit Russland und regionalen Staaten. Pakistan arbeitet mit den USA – ist aber gleichzeitig strategischer Partner Chinas. Alle drei verfolgen zunehmend Multi-Alignment: nicht Washington oder Peking, sondern Washington und Peking, je nachdem, wo das eigene Interesse liegt. Damit passt der Mekka-Pakt in einen größeren globalen Trend: Mittelmächte wollen nicht mehr einfach Teil eines amerikanischen, russischen oder chinesischen Blocks sein. Sie wollen selbst Machtzentren bilden. Ergänzend ließe sich, ausdrücklich als Spekulation, ein fünftes Szenario formulieren: dass sich um den Mekka-Pakt herum in den kommenden Jahren zwei lose, einander teilweise überlappende Beziehungsnetze verfestigen – ein sunnitisch-pakistanisch geprägtes Netzwerk auf der einen und Netanyahus „Sechseck" aus Israel, Griechenland, Zypern und Indien auf der anderen Seite –, ohne dass daraus jemals formale, geschlossene Militärblöcke im Kalte-Kriegs-Stil würden. Ein solches Muster würde eher an die unübersichtlichen, sich ständig neu sortierenden Bündnisgeflechte Europas vor 1914 erinnern als an die klar abgegrenzte Blockwelt des 20. Jahrhunderts – mit allen Risiken, die ein derart fragmentiertes System für die Vorhersehbarkeit internationaler Krisen mit sich bringt. Die eigentliche Sensation ist deshalb nicht Artikel 5 Natürlich ist die gegenseitige Beistandsklausel spektakulär. Aber vielleicht wird ein anderer Teil langfristig wichtiger: die Zusammenführung von Kapital, Technologie und militärischer Produktionskapazität. Saudi-Arabien will seine Rüstungsindustrie massiv ausbauen, die Türkei besitzt inzwischen eine erfolgreiche eigene Verteidigungsindustrie, Pakistan verfügt über große Streitkräfte, Raketenprogramme, Nukleartechnologie und eine wachsende Verteidigungsindustrie. Die drei Staaten erklären nun ausdrücklich, dass sie künftig gemeinsam entwickeln und produzieren wollen. Das bedeutet: nicht mehr nur amerikanische F-15, nicht nur europäische Eurofighter, nicht nur chinesische Systeme, sondern langfristig eigene Systeme. Das ist echte strategische Autonomie. Und Mekka war als Ort vermutlich kein Zufall Der Vertrag wurde nicht in einem anonymen Konferenzraum in Genf unterschrieben, sondern in Mekka, am Freitag, zwischen drei großen muslimischen Staaten. Reuters zitiert den Nahostexperten Sultan Alamer mit der Einschätzung, dass der Ort bewusst die Symbolik einer gemeinsamen Ummah, also einer politischen Gemeinschaft der Muslime, transportiere. Das bedeutet nicht, dass plötzlich eine religiöse Militärallianz entsteht – Saudi-Arabien selbst weist die Interpretation eines sektiererischen sunnitischen Blocks ausdrücklich zurück. Aber politische Symbolik wird selten versehentlich gewählt. Der Nahostpolitikexperte Blaise Misztal formulierte es gegenüber der Times of Israel ähnlich: Der symbolische Effekt der Ankündigung in Mekka bestehe darin, nahezulegen, dass der sunnitisch-muslimische Charakter der beteiligten Staaten ein bewusstes Merkmal sei, kein Zufall. Keine islamische NATO – aber möglicherweise der Anfang von etwas Größerem Man sollte diesen Vertrag weder übertreiben noch unterschätzen. Heute gibt es keine gemeinsame Armee, keinen bekannten integrierten Oberbefehl, keine veröffentlichte automatische Kriegspflicht, keine bestätigte gemeinsame Nukleardoktrin. Deshalb wäre die Schlagzeile „Islamische NATO gegründet" zu früh. Aber genauso falsch wäre es, das Abkommen als symbolischen Handschlag abzutun. Denn inzwischen gibt es eine gegenseitige Verteidigungsklausel, gemeinsame politische und militärische Institutionen, geplante Land-, Luft- und Seemanöver, Kooperation bei Luftverteidigung und Drohnen, elektronische Kriegführung, KI, gemeinsame Rüstungsentwicklung, eine maritime Sicherheitsstrategie und die ausdrückliche Möglichkeit weiterer Mitglieder. Und vor allem gibt es einen vollkommen neuen politischen Gedanken: Saudi-Arabien verlässt sich nicht mehr ausschließlich auf Washington, die Türkei will regionale Sicherheit nicht ausschließlich über die NATO organisieren, Pakistan verlässt endgültig seine rein südasiatische strategische Rolle – während gleichzeitig Israel bereits an einer eigenen Gegenallianz mit Griechenland, Zypern und Indien arbeitet und China aus sicherer Distanz beobachtet, wie sich zwei seiner wichtigsten Partner – Pakistan und Saudi-Arabien – enger aneinanderbinden, ohne dass Peking selbst Position beziehen müsste. Das ist die eigentliche Geschichte. Der Iran-Krieg hat den Pakt wahrscheinlich beschleunigt. Israels immer weiter reichende Militäraktionen haben ihn attraktiver gemacht. Die Zweifel an Amerikas Zuverlässigkeit haben ihm strategische Logik gegeben. Huthi-Raketen und bedrohte Seewege verleihen ihm Dringlichkeit. Und saudisches Geld, türkische Rüstungstechnologie und pakistanische Militärmacht geben ihm Substanz. Die Frage lautet deshalb weniger: „Ist das schon eine neue NATO?" Sondern: Erleben wir gerade den Beginn einer Sicherheitsordnung im Nahen Osten, in der die USA erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr automatisch im Mittelpunkt stehen – und in der sich parallel dazu bereits eine israelisch-indisch-griechische Gegenbewegung sowie eine abwartende chinesische Beobachterrolle formieren? Darauf deutet wesentlich mehr hin. Und sollte Ägypten tatsächlich beitreten, dürfte aus einer interessanten Vereinbarung sehr schnell eine der bedeutendsten geopolitischen Machtverschiebungen der Region werden. Stand: 15. August 2026 Quellen Reuters: mehrere Artikel zur Unterzeichnung, den militärischen Mechanismen, dem saudisch-pakistanischen Vorabkommen 2025, dem Huthi-Angriff auf Jazan und der iranischen Reaktion, August 2025–2026 Außenministerium Pakistan (mofa.gov.pk): offizielle Presseerklärungen zum Gipfel und zur Pressebriefing-Position gegenüber Iran Council on Foreign Relations: „The U.S.-Led Middle East Order Is Over. The Mecca Agreement Proves It." AP News: „Pakistan says new defense pact with Saudi and Turkey is purely defensive and open to others" The Times of India: Bericht zur indischen Reaktion The New Arab: Bericht zum möglichen ägyptischen Beitritt Wikipedia (englisch): „Mecca Joint Defence Agreement", Zugriff August 2026 Al Jazeera: „Israel mulls Saudi, Turkiye, Pakistan pact as elections loom" sowie „Turkiye, Saudi Arabia, Pakistan sign joint defence agreement: What's in it?" Atlantic Council: „Why Saudi Arabia, Pakistan, and Turkey just signed a defense pact" Times of Israel: „Mecca defense pact isn't meant to challenge Israel, at least not on the battlefield" Ynetnews: „Israel alarmed by Saudi-Turkey-Pakistan pact: This alliance is aimed against us" Jerusalem Post: „Defense pact between Saudi Arabia, Turkey, Pakistan will boost India-Israel ties" The Print (Eye on China-Kolumne): chinesische Social-Media- und Expertenreaktionen South China Morning Post: mehrere Artikel zu Chinas Kalkül, dem nuklearen Dilemma und den Auswirkungen auf Indien Al-Monitor: „Three ways China benefits from Saudi-Turkey-Pakistan pact" Türkiye Today: „China is watching Mecca agreement very closely – and staying very quiet" Modern Diplomacy: „Mecca Defence Pact: What It Means for China, the US and the Middle East"
von Holger H. Hohlfeld 14. August 2026
Der Iran-Konflikt: mehr als die Angst vor der Bombe Petrodollar, US-Schulden, Sunniten gegen Schiiten, BRICS und der Kampf um die Handelswege der Welt Seit dem 28. Februar 2026 führen die Vereinigten Staaten und Israel offenen Krieg gegen den Iran. Bei den ersten Angriffswellen wurde der Oberste Führer Ali Chamenei getötet, sein Sohn Mojtaba trat die Nachfolge an, iranische Vergeltungsschläge trafen Israel und – nach israelisch-amerikanischer Ausweitung des Krieges – auch US-Stützpunkte in den Golfstaaten. Am 18. Juni 2026 unterzeichneten Washington und Teheran auf dem Bürgenstock am Vierwaldstättersee eine vierzehn Punkte umfassende Absichtserklärung, die binnen sechzig Tagen zu einem Rahmenabkommen führen sollte; ein Waffenstillstand trat wenige Tage später in Kraft, blieb aber fragil – noch im Juli 2026 verhängten die vom Iran unterstützten Houthi-Milizen im Jemen eine neue Blockade gegen saudische Öltransporte durch das Rote Meer, und die amerikanische Regierung erklärte im August, sie könne eine Seeblockade gegen den Iran „auf unbestimmte Zeit" aufrechterhalten. Die öffentliche Debatte in westlichen Medien konzentriert sich fast ausschließlich auf eine Frage: Darf der Iran eine Atombombe besitzen? Das ist zweifellos ein zentraler und legitimer Streitpunkt. Aber wer den Konflikt ausschließlich durch diese Linse betrachtet, übersieht, dass sich rund um den Iran mindestens sieben eigenständige, teils widersprüchliche geopolitische Interessenlagen überlagern – die der USA, der Vereinigten Arabischen Emirate, Israels, Chinas, Russlands, Saudi-Arabiens und des Jemen, dazu die Türkei als regionaler Sonderfall. Und über all dem liegt eine noch größere Frage, die selten offen ausgesprochen wird: der Kampf um die künftige Weltwährungsordnung und um die Kontrolle der globalen Handelswege zu Wasser und zu Land. Die USA: mehr als Nichtverbreitung Amerikas erklärtes Ziel lautet, ein iranisches Atomwaffenprogramm dauerhaft zu verhindern. Das ist glaubwürdig – die Nichtverbreitungspolitik hat in Washington seit Jahrzehnten parteiübergreifende Priorität. Doch die amerikanische Iran-Politik lässt sich nicht vollständig von einem zweiten, deutlich älteren strategischen Interesse trennen: dem Erhalt des Dollars als Weltreservewährung und der ungehinderten Kontrolle über die zentralen Öltransportrouten der Golfregion. US-Präsident Donald Trump erklärte nach den ersten Kriegswochen offen, ein Ziel der Angriffe sei auch ein Regimewechsel durch eine innere iranische Erhebung gewesen – ein Vorhaben, das weit über die reine Nichtverbreitungsfrage hinausgeht und die geostrategische Neuordnung der Region unmittelbar berührt. Das Petrodollar-System: das eigentliche Fundament Um zu verstehen, warum die Golfregion für Washington strategisch derart unverzichtbar bleibt, muss man mehr als fünfzig Jahre zurückblicken. Nach dem Ende der Goldbindung des Dollars 1971 und der ersten Ölkrise 1973 verhandelten US-Außenminister Henry Kissinger und Finanzminister William Simon 1974 mit Saudi-Arabien ein Arrangement, das die Welt bis heute prägt: Riad verpflichtete sich, sein Öl ausschließlich in US-Dollar zu verkaufen und die daraus erzielten Überschüsse in US-Staatsanleihen zu „recyceln" – im Gegenzug garantierten die USA dem saudischen Königshaus militärischen Schutz und Rüstungslieferungen. Am 8. Juni 1974 wurde in Washington das offizielle Rahmenabkommen der „U.S.-Saudi Arabian Joint Commission on Economic Cooperation" unterzeichnet; der Teil über das Anleihen-Recycling blieb bis 2016 vertraulich. Weil praktisch jedes ölimportierende Land seither Dollar benötigt, um seine Energierechnung zu begleichen, sicherte dieses Arrangement dem Dollar eine strukturelle globale Nachfrage, die weit über die tatsächliche Wirtschaftsleistung der USA hinausgeht – bis heute werden schätzungsweise rund 80 Prozent des weltweiten Ölhandels in Dollar abgerechnet. Genau hier liegt der eigentliche, selten offen benannte Zusammenhang mit der amerikanischen Staatsverschuldung, die 2026 die Marke von 37 Billionen Dollar überschritten hat: Ein Großteil dieser Schuldenlast wird nur deshalb zu vertretbaren Zinsen finanzierbar, weil ausländische Ölexporteure und andere Staaten ihre Dollarüberschüsse verlässlich in amerikanische Staatsanleihen zurückführen. Jede ernsthafte Erosion des Petrodollar-Systems – etwa wenn Saudi-Arabien, wie seit 2024 wiederholt spekuliert wird, Öl zunehmend in anderen Währungen abrechnet, oder wenn der Iran seinen Ölhandel mit China dauerhaft in Renminbi statt in Dollar abwickelt – würde die Nachfrage nach US-Staatsanleihen strukturell schwächen und Washingtons Fähigkeit belasten, seine Schulden günstig zu refinanzieren. Ein Iran, der sich als Vorreiter eines dollarfreien Ölhandels etabliert und dieses Modell in der Region attraktiv macht, berührt damit nicht nur eine regionale Machtfrage, sondern die Statik des amerikanischen Finanzsystems selbst. Die Vereinigten Arabischen Emirate: Diversifizierung statt Konfrontation Die VAE verfolgen eine bemerkenswert doppelgleisige Strategie. Einerseits bleiben sie sicherheitspolitisch eng an die USA gebunden und beherbergen amerikanische Militärinfrastruktur, die im Krieg 2026 selbst zum Ziel iranischer Vergeltungsschläge wurde. Andererseits gehören sie – gemeinsam mit dem Iran, Saudi-Arabien, Ägypten und Äthiopien – seit dem 1. Januar 2024 zu den neuen Vollmitgliedern der erweiterten BRICS-Gruppe, jenes von China und Russland geprägten Staatenbündnisses, das explizit auch über Alternativen zur Dollar-Dominanz diskutiert. Abu Dhabi betreibt damit eine Politik der maximalen Diversifizierung: enge Sicherheitspartnerschaft mit Washington, gleichzeitig wachsende wirtschaftliche und politische Öffnung gegenüber Peking und Moskau. Diese Doppelstrategie erlaubt es den Emiraten, unabhängig vom Ausgang des Machtkampfs zwischen den USA und einer aufstrebenden chinesisch-russischen Ordnung auf der Gewinnerseite zu stehen – ein Muster, das sich bei mehreren Golfstaaten wiederholt. Israel: die unmittelbare Existenzfrage Israels Interessenlage unterscheidet sich grundlegend von der amerikanischen, auch wenn beide Länder im Krieg 2026 als Verbündete auftraten. Für Israel ist die iranische Atomfrage keine abstrakte Nichtverbreitungspolitik, sondern eine unmittelbare Existenzfrage, verschärft durch wiederholte iranische Rhetorik gegenüber dem israelischen Staat und durch die von Teheran über Jahrzehnte aufgebaute „Achse des Widerstands" – ein Netzwerk aus Hisbollah im Libanon, verbündeten Milizen in Syrien und dem Irak sowie den Houthi im Jemen, das Israel de facto aus mehreren Richtungen gleichzeitig unter Druck setzen kann. Der Krieg 2026 lässt sich aus israelischer Sicht deshalb kaum von der vorangegangenen Kriegskaskade seit dem 7. Oktober 2023 trennen: Gaza-Krieg, Hisbollah-Krieg im Libanon und schließlich der direkte Krieg gegen den Iran erscheinen aus Jerusalem als zusammenhängende Phasen desselben strategischen Konflikts gegen ein von Teheran koordiniertes regionales Bündnissystem. China: Energiesicherheit und die Neue Seidenstraße Chinas Interesse am Iran ist in erster Linie ökonomisch, aber keineswegs unpolitisch. Peking ist heute der mit Abstand größte Handelspartner Teherans und kauft nach Marktschätzungen mehr als neunzig Prozent der iranischen Ölexporte – ein Anteil, der maßgeblich dadurch möglich wurde, dass China sich seit der einseitigen amerikanischen Aufkündigung des Atomabkommens 2018 offen über die von Washington verhängten Sanktionen hinwegsetzt. Im März 2021 unterzeichneten beide Länder in Teheran ein auf 25 Jahre angelegtes umfassendes strategisches Partnerschaftsabkommen, das chinesische Investitionen von bis zu 400 Milliarden US-Dollar in iranische Energie-, Infrastruktur-, Telekommunikations- und Hafenprojekte vorsieht – darunter den Ausbau des Hafens Bandar-e Jask, der außerhalb der Straße von Hormus liegt und China damit einen von der Meerenge unabhängigen iranischen Öltransportweg verschaffen könnte. Im Gegenzug erhält Peking iranisches Öl zu vergünstigten Konditionen, und ein Teil der Zahlungen soll nach übereinstimmenden Berichten in chinesischen Renminbi statt in Dollar abgewickelt werden – ein kleiner, aber symbolisch bedeutsamer Baustein in Chinas langfristigem Bestreben, die globale Dollar-Abhängigkeit zu verringern. Strategisch fügt sich der Iran zudem exakt in Chinas „Neue Seidenstraße" (Belt and Road Initiative) ein: als Landbrücke zwischen Zentralasien, dem Nahen Osten und dem Mittelmeer, die es China erlaubt, einen Teil seines Handels mit Europa unabhängig von den seewärtigen Engpässen zu organisieren, die im weiteren Verlauf dieses Artikels noch eine zentrale Rolle spielen werden. Ein Iran, der dauerhaft unter westlicher Sanktions- und Kriegsandrohung steht, bleibt für China ein verlässlicherer, weil stärker auf Peking angewiesener Partner als ein Iran, der sich dem Westen wieder annähert. Russland: Waffenpartner und Konkurrent auf demselben Markt Russlands Verhältnis zum Iran ist ambivalenter, als es die gemeinsame antiwestliche Frontstellung nahelegt. Einerseits liefern sich Moskau und Teheran seit dem Krieg gegen die Ukraine militärische Kooperation – iranische Kampfdrohnen spielten in Russlands Kriegsführung eine dokumentierte Rolle, während Russland dem Iran im Gegenzug fortschrittlichere Luftverteidigungssysteme und Rüstungstechnologie zur Verfügung stellte. Beide Länder verbindet zudem die gemeinsame Erfahrung westlicher Sanktionsregime und ein geteiltes Interesse an der Schwächung der amerikanisch geführten Weltordnung. Andererseits sind Russland und der Iran auf den globalen Energiemärkten unmittelbare Konkurrenten: Beide verkaufen Rohöl und Erdgas an teils identische Abnehmer, allen voran China und Indien, und ein Wegfall westlicher Sanktionen gegen den Iran würde zusätzliches iranisches Öl auf den Weltmarkt bringen, die Preise drücken und russische Exporterlöse schmälern. Moskaus Interesse an einem dauerhaft sanktionierten, vom Westen isolierten Iran ist deshalb nicht nur ideologisch, sondern handfest ökonomisch begründet – ein Umstand, der in der öffentlichen Debatte über die „Achse Moskau-Teheran-Peking" selten mitgedacht wird. Saudi-Arabien: der eigentliche regionale Rivale Für Saudi-Arabien ist der Iran seit der islamischen Revolution 1979 der zentrale regionale Rivale um die Führungsrolle in der islamischen Welt – ein Konflikt, der sich entlang der historischen Trennlinie zwischen sunnitischem und schiitischem Islam entfaltet. Riad versteht sich als Führungsmacht der sunnitischen Welt und Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina; Teheran beansprucht seinerseits die Führungsrolle der schiitischen Welt und unterstützt schiitische beziehungsweise mit dem Iran verbündete Bewegungen von Libanon über Syrien und den Irak bis in den Jemen. Diese sunnitisch-schiitische Systemrivalität ist keine bloße theologische Fußnote, sondern strukturiert seit Jahrzehnten die gesamte regionale Bündnispolitik: Saudi-Arabien, die VAE, Bahrain und Ägypten stehen dem Iran in dieser Systemfrage grundsätzlich misstrauisch gegenüber, selbst wenn – wie im Fall der VAE – gleichzeitig wirtschaftliche Kooperation über BRICS gesucht wird. Zugleich zeigt Riads eigene BRICS-Annäherung, wie stark sich die Prioritäten verschoben haben: Saudi-Arabien nahm die 2023 ausgesprochene BRICS-Einladung zwar auf mehreren Gipfeltreffen wahr, hat seine Mitgliedschaft aber bis heute nicht formal vollzogen und hält sich damit bewusst eine Hintertür zu Washington offen. Das im Dezember 2022 in Riad abgehaltene China-Golf-Gipfeltreffen mit Staatschef Xi Jinping – bei dem Peking den Golfmonarchien nach übereinstimmenden Berichten einen verstärkten Öl-Yuan-Handel nahelegte – markierte einen symbolischen Wendepunkt: Saudi-Arabien, jahrzehntelang der verlässlichste Garant des Petrodollar-Systems, lässt sich heute von China ebenso umwerben wie von den USA. Jemen: der Schlüssel zur südlichen Meerenge Der Bürgerkrieg im Jemen ist längst zu einem eigenständigen geopolitischen Schauplatz geworden, dessen Bedeutung weit über das Land selbst hinausreicht. Die vom Iran unterstützten Houthi-Milizen kontrollieren weite Teile des Landes, einschließlich der Küste am Bab al-Mandab – jener nur rund 30 Kilometer breiten Meerenge zwischen Jemen und Dschibuti, durch die nach Angaben der UN-Handelskonferenz UNCTAD zehn bis zwölf Prozent des weltweiten Seehandelsvolumens und ein erheblicher Teil der globalen Öltransporte laufen, bevor sie in den Suezkanal einlaufen. Seit Beginn des Gaza-Kriegs 2023 greifen die Houthi immer wieder Handelsschiffe im Roten Meer an; im Juli 2026 verkündeten sie eine gezielte Blockade gegen saudische Öltransporte, nachdem Saudi-Arabien in Absprache mit den USA den Flughafen von Sanaa bombardiert hatte. Nach Einschätzung von Marktanalysten wären bei einer vollständigen Sperrung der Route rund ein Viertel der weltweiten Rohölversorgung betroffen; das Ausweichen über die Kap-Route um Afrika verlängert Frachtfahrten um bis zu einen Monat und verteuert den globalen Warenverkehr spürbar. Ein britischer Geheimdienstbericht, über den der Telegraph zitierte, legt zudem eine wachsende Koordination zwischen den Houthi und der somalischen al-Shabaab nahe, mit dem Ziel, die Meerenge im Bedarfsfall – auf iranische Anweisung – vollständig zu blockieren. Damit fungiert der Jemen faktisch als iranischer Hebel auf einen der wichtigsten maritimen Engpässe der Welt, ohne dass Teheran selbst direkt militärisch involviert sein muss. Die Türkei: der unberechenbare vierte Machtpol Die Türkei nimmt in diesem Gefüge eine Sonderstellung ein, die in westlichen Analysen häufig unterschätzt wird. Als NATO-Mitglied formal westlich gebunden, verfolgt Ankara zugleich eine zunehmend eigenständige, neo-osmanisch geprägte Regionalpolitik, die sich weder der amerikanisch-israelischen noch der iranisch-russischen Achse eindeutig zuordnen lässt. Die Türkei konkurriert mit Saudi-Arabien und dem Iran um Einfluss in Syrien, im Irak und im weiteren sunnitisch geprägten Raum, unterhält aber gleichzeitig pragmatische Wirtschaftsbeziehungen zu Teheran, insbesondere im Energiehandel, und positioniert sich mit eigenen Gaspipeline- und Transitprojekten als weitere mögliche Landbrücke zwischen Asien und Europa – eine Rolle, die sich mit Chinas Seidenstraßen-Ambitionen teils ergänzt, teils konkurriert. Für Ankara ist ein dauerhaft geschwächter, isolierter Iran ambivalent: einerseits ein Vorteil im Ringen um regionale Vorherrschaft, andererseits eine Quelle potenzieller Instabilität und Flüchtlingsbewegungen direkt an der eigenen Grenze. BRICS und die Schwächung der alten Fronten Die BRICS-Erweiterung von 2024 verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit, weil sie die traditionellen regionalen Frontlinien auf bemerkenswerte Weise durcheinanderwirbelt. Mit Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzen seither drei Staaten am selben Verhandlungstisch, die sich in der Region seit Jahrzehnten als Rivalen gegenüberstehen – ergänzt um Ägypten und Äthiopien, die ihrerseits über den Nil und die Kontrolle des Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamms im Streit liegen. Die BRICS-Staaten repräsentierten 2024 zusammen bereits rund 39 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und fast die Hälfte der Weltbevölkerung – mehr als die G7. Für den Iran ist die Mitgliedschaft vor allem ein Vehikel, die eigene internationale Isolation zu durchbrechen; für Saudi-Arabien und die VAE ist sie eher ein Instrument der außenpolitischen Diversifizierung als ein Bekenntnis zu einer antiwestlichen Blockbildung. Gerade diese Uneinheitlichkeit macht BRICS+ jedoch strategisch interessant: Die Organisation muss keine einheitliche Ideologie vertreten, um dennoch wirksam an der schrittweisen Aushöhlung der westlich dominierten Finanz- und Handelsordnung mitzuwirken – ein Prozess, der eher einer allmählichen Erosion als einem plötzlichen Bruch gleicht. Die Handelswege: von Hormus bis Miyako Am Ende führt jede dieser Interessenlagen zurück zu einer geografischen Grundtatsache: Die Weltwirtschaft hängt an einer Handvoll schmaler Wasserstraßen, deren Kontrolle über den globalen Wohlstand mitentscheidet. Durch die Straße von Hormus, die der Iran mit seiner Küste direkt kontrolliert, liefen nach Angaben aus dem Krieg 2026 in Friedenszeiten täglich zwischen 120 und 140 Schiffe – ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Flüssiggasexporte. Der Iran hat wiederholt indirekt und direkt signalisiert, diese Meerenge im äußersten Konfliktfall sperren zu können; im August 2026 lieferten sich die USA und Iran öffentlich widersprüchliche Behauptungen darüber, wer tatsächlich die Kontrolle über die Straße ausübt. Weiter westlich liegt, wie beschrieben, Bab al-Mandab, kontrolliert von den iranisch unterstützten Houthi. Dahinter folgt der Suezkanal, durch den ein Großteil des Asien-Europa-Handels läuft und der bereits 2021 durch die Havarie eines einzelnen Containerschiffs, der „Ever Given", für Tage vollständig blockiert wurde. Diese nahöstlichen Engstellen sind Teil eines global verzweigten Systems maritimer Nadelöhre, das sich bis in den Pazifik fortsetzt: die Straße von Malakka zwischen Indischem Ozean und Südchinesischem Meer, durch die der überwiegende Teil der für China bestimmten Energieimporte läuft, sowie – wie an anderer Stelle bereits ausführlich dargestellt – die Miyako-Straße zwischen Okinawa und Taiwan sowie der Bashi-Kanal zwischen Taiwan und den Philippinen, über die China seinen maritimen Zugang zum offenen Pazifik sichert und die von amerikanisch-philippinischen Raketensystemen zunehmend überwacht werden. Wer diese Kette – Hormus, Bab al-Mandab, Suez, Malakka, Miyako/Bashi – als zusammenhängendes System betrachtet, erkennt ein wiederkehrendes strategisches Muster: Kontrolliert eine Macht die entscheidenden Meerengen entlang der eurasischen Küstenlinie, kann sie im Ernstfall den Rohstoff- und Warenfluss praktisch jeder anderen Großmacht empfindlich stören, ohne selbst eine einzige Flotte auf hoher See schlagen zu müssen. Genau deshalb reicht die geopolitische Bedeutung des Iran-Konflikts weit über die unmittelbare Golfregion hinaus – er ist ein Testfall dafür, wie belastbar die amerikanisch geführte Kontrolle über diese globalen Engpässe im 21. Jahrhundert noch ist. Chinas parallele Investition in Landrouten – von der iranischen Partnerschaft über Zentralasien bis zu den  Gwadar- und Kyaukpyu-Pipelines, die bereits an anderer Stelle beschrieben wurden – lässt sich vor diesem Hintergrund direkt als Versuch lesen, die eigene Abhängigkeit von genau jenen Meerengen zu verringern, die im Ernstfall von amerikanischen oder mit Amerika verbündeten Kräften kontrolliert werden könnten. Der Iran ist in dieser Landroutenlogik nicht nur Ölproduzent, sondern eine der wenigen verbliebenen Landbrücken zwischen China und dem Mittelmeerraum, die nicht durch von den USA oder ihren Verbündeten dominiertes Territorium führt. Ein Kampf um mehr als eine Region Betrachtet man alle diese Fäden gemeinsam, ergibt sich ein Bild, das über den unmittelbaren Atomstreit weit hinausreicht. Für die USA geht es um den Erhalt des Dollars als Weltreservewährung und der ungehinderten Kontrolle über die zentralen Öltransportrouten – ein Interesse, das eng mit der eigenen, historisch beispiellosen Staatsverschuldung verflochten ist. Für die VAE und, mit größerer Vorsicht, für Saudi-Arabien geht es um wirtschaftliche Diversifizierung zwischen zwei konkurrierenden Weltordnungen. Für Israel geht es um die unmittelbare eigene Sicherheit gegenüber einem regionalen Bündnissystem, das der Iran über Jahrzehnte aufgebaut hat. Für China geht es um Energiesicherheit und um die Etablierung von Handels- und Landrouten, die von amerikanisch kontrollierten Meerengen unabhängig sind. Für Russland geht es um Marktanteile auf denselben Energiemärkten, die es mit dem Iran teilt, verbunden mit dem gemeinsamen Interesse an einer Schwächung westlicher Sanktionsmacht. Für den Jemen und die Houthi geht es um regionalen Einfluss, der weit über die eigene Landesgröße hinausreicht, weil das Land zufällig an einer der wichtigsten Meerengen der Welt liegt. Und für die Türkei geht es um die eigene Positionierung als vierter, unabhängiger Machtpol zwischen etablierten Blöcken. Die sunnitisch-schiitische Systemrivalität, der Kampf um Handelswege zu Wasser und zu Land, die schleichende Erosion des Petrodollar-Systems und die BRICS-Erweiterung sind dabei keine getrennten Phänomene, sondern Facetten derselben größeren Verschiebung: eines historischen Übergangs von einer unipolaren, amerikanisch dominierten Weltordnung zu einer multipolareren Konstellation, in der wirtschaftliche und militärische Macht zunehmend auseinanderfallen können. Der Iran-Konflikt ist in diesem Sinn tatsächlich mehr als ein regionaler Streit um Zentrifugen und Anreicherungsgrade. Er ist ein Testfall dafür, ob die seit fünfzig Jahren bestehende, eng mit dem Dollar, dem Öl und der Kontrolle maritimer Engpässe verwobene amerikanische Ordnung im 21. Jahrhundert Bestand hat – oder ob sie sich, Stück für Stück, in Richtung eines Systems verschiebt, in dem mehrere Mächte gleichzeitig, mit unterschiedlichen Mitteln und unterschiedlicher Reichweite, um dieselbe Vorherrschaft konkurrieren. Quellen Wikipedia (deutsch/englisch): Irankrieg 2026, 2026 Iran war, 2026 Iranian strikes on Israel Al Jazeera, Tachles, NZZ, Servicestelle Friedensbildung BW: laufende Berichterstattung zum Iran-Krieg 2026, Bürgenstock-Absichtserklärung, Waffenstillstand Deutsche Wirtschafts-Nachrichten, Wikipedia (Petrodollar), Börsen-Zeitung, ingoldwetrust.report, Schwerd.info: Geschichte und Funktionsweise des Petrodollar-Systems, 1974–2026 Statistisches Bundesamt (Destatis), Wikipedia (BRICS), bpb.de, Konrad-Adenauer-Stiftung: BRICS-Erweiterung 2024/2025 und die Rolle von Iran, Saudi-Arabien und den VAE mena-watch.com, Euronews, iGlobenews, GlobalSecurity.org, Al Jazeera, World Socialist Web Site: China-Iran 25-Jahres-Abkommen 2021 und chinesische Ölimporte aus dem Iran Industriemagazin, GTAI, k-zeitung.de, NAVIS AG, Fox News, rf-news.de: Houthi-Blockade, Bab al-Mandab und die Auswirkungen auf den globalen Seehandel, 2026
Die Miyako-Straße und die First Island Chain: Wie die USA Chinas Zugang zum Pazifik begrenzen
von Holger H. Hohlfeld 14. August 2026
Miyako, Bashi und die First Island Chain Wie die USA, Chinas Zugang zum Pazifik begrenzen Manchmal genügt der Blick auf eine Karte, um Außenpolitik klarer zu verstehen als nach hunderter Zeitungsdartikel und Fernsehbeiträge. China besitzt eine gewaltige Küstenlinie. Doch vor dieser Küste liegt eine geografische Barriere aus Inseln: Japan – Okinawa – Miyako – Taiwan – die Philippinen – bis hinunter zur Nordküste Borneos. Amerikanische Strategen nennen diesen Raum die First Island Chain, die erste Inselkette. Der entscheidende Punkt dabei: Die Absicht, China dort im Konfliktfall den militärischen Durchbruch systematisch zu erschweren, ist keine geheime Theorie mehr, sondern steht inzwischen wortwörtlich in offiziellen amerikanischen Strategiedokumenten – und wird von hochrangigen Regierungsvertretern öffentlich in genau diesen Begriffen erläutert. Von der Theorie zur offiziellen Doktrin Die am 23. Januar 2026 veröffentlichte National Defense Strategy des – inzwischen in „Department of War“ umbenannten – amerikanischen Verteidigungsministeriums verlangt ausdrücklich den Aufbau einer starken „denial defense“ entlang der First Island Chain. Auch die zugehörige National Security Strategy beschreibt als strategisches Ziel eine Balance der Kräfte im Indopazifik, die Aggression entlang dieser Inselkette von vornherein aussichtslos erscheinen lassen soll. Bemerkenswert an dieser Formulierung ist weniger ihr Inhalt als ihre Offenheit: Ein Vorhaben, das noch vor wenigen Jahren vor allem in Fachzirkeln diskutiert wurde, ist zur öffentlich kommunizierten Regierungslinie geworden. Auffällig ist dabei allerdings eine Leerstelle, auf die mehrere Sicherheitsanalysten unmittelbar nach Veröffentlichung des Dokuments hinwiesen: Anders als frühere Strategiepapiere nennt die Fassung von 2026 Taiwan an keiner einzigen Stelle namentlich – obwohl, wie das Analysezentrum ICDS und das Fachportal The Diplomat übereinstimmend feststellen, eine „starke Denial-Verteidigung entlang der First Island Chain“ ohne Taiwan in ihrer geografischen Mitte kaum sinnvoll zu denken ist. Beobachter deuten dies unterschiedlich: als bewussten Versuch, Peking rhetorisch nicht zusätzlich zu provozieren, während die materielle Politik – etwa umfangreiche neue Rüstungsexportgenehmigungen für Taiwan – unverändert fortgesetzt wird, oder als Zeichen wachsender Unschärfe in der amerikanischen Verpflichtungslage gegenüber der Insel. Beide Lesarten schließen einander nicht aus. Der für Politik zuständige Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, Elbridge Colby, gilt als der intellektuelle Architekt dieser Denial-Doktrin und hat sie 2026 in mehreren Reden persönlich ausformuliert. Bei seinem ersten Auslandsauftritt in dieser Funktion in Südkorea im Januar 2026 beschrieb er die Strategie als Abkehr von den außenpolitischen Abstraktionen der Nachkriegsordnung zugunsten einer an Macht und Geografie orientierten Realpolitik. Bei einem Auftritt am Stratbase-Institut in Manila im August 2026 formulierte er es so: Die Vereinigten Staaten strebten eine „Posture of Deterrence by Denial along the First Island Chain“ an – eine Haltung, die einem möglichen Gegner glaubhaft vermitteln solle, dass ein militärischer Vorstoß in diesem Raum von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte diese Formel beim Shangri-La-Dialog 2026 nahezu wortgleich wiederholt und dabei das Ziel benannt, Aggression „unmöglich, Eskalation unattraktiv und Krieg irrational“ erscheinen zu lassen. Zugleich mahnte Colby wiederholt größere Lastenteilung der Verbündeten an – man suche „Partner, keine Protektorate“. Miyako – das nördliche Tor Die Miyako-Straße liegt zwischen der Hauptinsel Okinawas und Miyako-jima, ist rund 250 Kilometer breit und gilt völkerrechtlich als internationales Gewässer. Für die chinesische Marine ist sie die mit Abstand meistgenutzte Verbindung vom Ostchinesischen Meer in den offenen Pazifik. Japans Verteidigungsministerium dokumentiert diese Durchfahrten inzwischen nahezu routinemäßig und detailliert: Allein im Jahresverlauf 2025 und 2026 registrierte der japanische Generalstab wiederholt Durchfahrten chinesischer Zerstörer-, Fregatten- und Versorgerverbände, im Dezember 2025 den Transit der chinesischen Flugzeugträgergruppe um die „Liaoning“ samt anschließender Übungen entlang der Ryukyu-Inselkette – begleitet von einem diplomatischen Zwischenfall, bei dem Tokio chinesischen Kampfjets vorwarf, japanische F-15-Maschinen mit Feuerleitradar erfasst zu haben. Im Februar 2025 verzeichnete Japan zudem den seltenen Fall, dass gleich zwei chinesische Kampfgruppen einschließlich amphibischer Landungsschiffe die Straße passierten – eine Konfiguration, die zuvor seit August 2024 nicht mehr beobachtet worden war. Nach Angaben des japanischen Verteidigungsministeriums nutzt die chinesische Marine für ihre Pazifikvorstöße mittlerweile routinemäßig fünf identifizierte Durchgänge durch die sogenannten Nansei-Inseln – neben der Miyako-Straße unter anderem die Osumi-Straße südlich Kyushus, wo 2025 mit fünfzehn dokumentierten Durchfahrten ein neuer Rekordwert erreicht wurde, sowie die schmalen Passagen zwischen Yonaguni und Taiwan. Die strategische Logik dahinter ist simpel: Eine Flotte, die dauerhaft im westlichen Pazifik operieren will, muss die Inselkette irgendwo durchqueren. Miyako ist eines dieser Tore – und Japan reagiert erkennbar mit verstärkter Überwachung sowie mit der fortschreitenden Stationierung eigener Anti-Schiffs-Raketensysteme auf Okinawa. Bashi – das südliche Tor Südlich Taiwans liegt der Bashi Channel, ein Teil der Luzon-Straße zwischen Taiwan und den nördlichsten philippinischen Inseln der Provinz Batanes. Hier verfolgen die Vereinigten Staaten dieselbe strategische Logik mit inzwischen erheblich handfesterer militärischer Substanz. Bereits im April 2024 verlegte die US-Armee im Rahmen der Übung „Salaknib“ ihr mobiles Mittelstrecken-Raketensystem „Typhon“ nach Nord-Luzon – ein ursprünglich als temporär angekündigtes Manöver, das bis heute fortbesteht. Das System kann sowohl das Marschflugkörpermodell Tomahawk mit einer Reichweite von mehr als 1.600 Kilometern als auch die SM-6-Flugabwehrrakete verschießen und bringt damit Teile Südchinas sowie zentrale Einrichtungen der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Reichweite. Im April 2025 folgte die Stationierung des Marine-Anti-Schiffssystems NMESIS auf der Insel Batan, unmittelbar gegenüber dem Bashi Channel, ergänzt im Juli desselben Jahres durch die erste Verlegung von F-35-Kampfjets in die Philippinen sowie einen genehmigten Verkauf von zwanzig F-16-Kampfjets im Wert von 5,58 Milliarden US-Dollar. Im Februar 2026 kündigten beide Regierungen im Rahmen der jährlichen Konsultationen unter dem seit 1951 bestehenden Bündnisvertrag zusätzliche, aufgewertete Typhon-Verlegungen an – mit der Option auf eine spätere eigenständige philippinische Beschaffung. Der chinesische Militäranalyst Zhang Junshe fasste die Wirkung gegenüber der staatlichen Zeitung Global Times unfreiwillig treffend zusammen: Die Vereinigten Staaten hätten damit ein gestaffeltes Netz aus Kurz-, Mittel- und Langstreckensystemen mit einer maximalen Reichweite von 1.800 Kilometern errichtet, das Chinas südöstliche Küstengebiete, die Taiwanstraße, den Bashi Channel und das nördliche Südchinesische Meer abdecke. Peking bezeichnete die philippinische Entscheidung, das System dauerhaft zu beschaffen, offiziell als „äußerst unverantwortlich“ und warnte vor einem regionalen Wettrüsten. Die militärische Grundidee ist dabei vergleichsweise simpel: China verfügt zahlenmäßig über mehr Kriegsschiffe. Statt zu versuchen, jedes einzelne davon auf hoher See zu bekämpfen, verengt die amerikanisch-philippinische Strategie die Ausgänge selbst – Miyako im Norden, Bashi im Süden, Taiwan dazwischen als geografisches Scharnier. Taiwan ist mehr als eine Chipinsel Taiwan wird in der öffentlichen Debatte meist über TSMC und die globale Halbleiterproduktion erklärt. Das ist zutreffend, aber strategisch unvollständig. Taiwan liegt exakt an jener Stelle, an der Chinas maritimer Zugang zum offenen Pazifik am engsten eingeschnürt ist. Wäre die Insel militärisch fest in ein chinesisches Sicherheitssystem eingebunden, veränderte sich Chinas geostrategische Ausgangslage grundlegend: U-Boote ließen sich leichter unbemerkt in den westlichen Pazifik verlegen, Flugzeugträgerverbände könnten mit geringerem Risiko operieren, amerikanische Kräfte weiter östlich gebunden und die Inselkette an ihrer strategisch entscheidenden Mitte durchbrochen werden. Aus amerikanischer und aus Sicht der übrigen Anrainerstaaten wäre dies eine Verschiebung von erheblichem Gewicht – weshalb die eingangs erwähnte Auslassung des Namens „Taiwan“ im offiziellen Strategiedokument von Beobachtern so genau registriert wurde, obwohl die faktische Politik in die entgegengesetzte Richtung weist. Und dann kommt Malakka Noch weiter westlich liegt die Straße von Malakka, durch die nach chinesischen Regierungsangaben ein Großteil der für China bestimmten Öl- und Gasimporte verläuft. Damit entsteht ein zusammenhängendes System struktureller chinesischer Verwundbarkeit: Persischer Golf und Straße von Hormus, Indischer Ozean und Malakka, Südchinesisches Meer und Bashi, Ostchinesisches Meer und Miyako – die maritimen Lebensadern einer der größten Export- und Importnationen der Welt. Bereits 2003 prägte der damalige Staats- und Parteichef Hu Jintao dafür den bis heute gebräuchlichen Begriff des „Malakka-Dilemmas“ und warnte davor, dass „einige Großmächte“ – eine kaum verschlüsselte Anspielung auf die Vereinigten Staaten – versuchen könnten, die Kontrolle über die Meerenge zu übernehmen und damit Chinas Energiesicherheit zu gefährden. Peking verfolgt seither mehrere parallele Strategien, um diese Abhängigkeit zumindest teilweise zu mindern. Der China-Pakistan-Wirtschaftskorridor soll den Tiefwasserhafen Gwadar am Arabischen Meer über ein rund 3.000 Kilometer langes Straßen-, Schienen- und Pipelinenetz mit der westchinesischen Provinz Xinjiang verbinden und damit Öl- und Gasimporte aus dem Nahen Osten komplett an Malakka vorbeileiten; seit 2013 sind laut mehreren Analysen über 62 Milliarden US-Dollar in das Projekt geflossen. Der praktische Ertrag bleibt jedoch bislang überschaubar: Fachanalysen verweisen auf anhaltende politische Instabilität, unwegsames Gelände und wiederholte Anschläge militanter Gruppen in Belutschistan; Gwadars verkehrsreichstes Jahr brachte nach einer Auswertung der Taipei Times gerade einmal 22 angelaufene Schiffe. Eine zweite Route führt über die myanmarischen Öl- und Gaspipelines vom Hafen Kyaukpyu am Indischen Ozean bis in die Provinz Yunnan, seit 2013 beziehungsweise 2017 in Betrieb; ihre Kapazität deckt nach unabhängigen Schätzungen jedoch lediglich fünf bis acht Prozent des chinesischen Bedarfs, und der seit dem myanmarischen Militärputsch 2021 anhaltende Bürgerkrieg macht auch diesen bescheidenen Beitrag zunehmend unzuverlässig. Als jüngste Reaktion auf die durch den Nahost-Konflikt 2025 demonstrierte Verwundbarkeit der Hormus-Route treibt China nach Angaben des Asien-Experten Johannes Plagemann zusätzlich neue Landverbindungen über Bangladesch sowie über Usbekistan nach Afghanistan voran – Projekte, die den Status ambitionierter Ergänzung, nicht des vollwertigen Ersatzes für den Seeweg besitzen: Über Straßen und Schienenwege lässt sich schlicht ein Bruchteil jener Gütermenge transportieren, die täglich durch die Straße von Malakka verschifft wird. Ist der Iran-Konflikt deshalb eigentlich ein verkappter China-Krieg? Das wäre zu weit gegriffen. Israel verfolgt gegenüber dem Iran unmittelbare eigene Sicherheitsinteressen, die sich nicht auf ein chinesisches Kalkül reduzieren lassen, und die Vereinigten Staaten besitzen im Nahen Osten eine wesentlich breitere, historisch gewachsene Interessenlage als eine reine China-Fixierung nahelegen würde. Doch strukturell trifft jede Beeinträchtigung der Öl- und Gasströme durch die Straße von Hormus China empfindlich, da Peking – wie die vorangegangenen Abschnitte zeigen – über keine wirklich tragfähige Alternative zur seegestützten Energieversorgung verfügt. Ebenso beeinflusst jeder Ausbau amerikanischer und philippinischer Stellungen rund um Taiwan, Miyako und Bashi Chinas maritimen Handlungsspielraum unmittelbar, unabhängig davon, ob dies das erklärte Ziel der jeweiligen Maßnahme war. Die daraus ableitbare Hypothese lautet deshalb nicht, alles sei letztlich nur wegen Chinas inszeniert worden – eine solche Vereinfachung würde der jeweils eigenständigen Logik regionaler Konflikte nicht gerecht. Plausibler ist eine vorsichtigere Beobachtung: Nahezu jeder größere amerikanische Konflikt und jede größere amerikanische Militärpräsenz in Eurasien besitzt in der gegenwärtigen strategischen Konstellation praktisch automatisch auch eine China-Dimension – nicht weil sie ursächlich dafür geschaffen wurde, sondern weil sich die geografischen und ökonomischen Lebensadern der Weltmacht China kaum vermeiden lassen, wenn man in Eurasien überhaupt militärisch oder wirtschaftlich aktiv wird. Das ist ein erheblicher, aber selten explizit gemachter Unterschied – und einer, dessen praktische Konsequenzen sich erst in künftigen Krisen wirklich erweisen werden. Quellen (Auswahl) U.S. Department of War: National Defense Strategy 2026 (veröffentlicht 23. Januar 2026), zitiert nach USNI News und Small Wars Journal ICDS (International Centre for Defence and Security), The Diplomat, Human Security Centre, Atlantic Council, BeHorizon: Analysen zur NDS 2026 und zur Auslassung Taiwans Foreign Policy, The Diplomat, Defense News, Korea Times, UPI, Stars and Stripes, GlobalSecurity.org: Reden und Zitate von Elbridge Colby, 2026 Stars and Stripes, USNI News, Newsweek, Army Recognition, The Diplomat: Berichterstattung zu Transits durch die Miyako-Straße und japanischer Überwachung, 2025–2026 Army Recognition, Military Times, 19FortyFive, Newsweek, Al Jazeera, Fox News: Berichterstattung zu Typhon- und NMESIS-Stationierungen auf den Philippinen GMX/dpa, ICS Research Blog, Institute for Security and Development Policy, Warsaw Institute, Atlas Institute for International Affairs, Utblick, Medium (Final Synthesis): Analysen zum chinesischen „Malakka-Dilemma“ und Alternativrouten über Gwadar und Kyaukpyu
von Holger H. Hohlfeld 14. August 2026
Sudan – der Krieg, über den die Welt kaum spricht Im Sudan vollzieht sich eine der größten humanitären Katastrophen der Gegenwart – und im Vergleich zu Kriegen wie in der Ukraine oder in Gaza erhält sie erstaunlich wenig internationale Aufmerksamkeit. Seit April 2023 kämpfen zwei ehemals verbündete Machtzentren gegeneinander: die regulären Sudanese Armed Forces (SAF) unter Abdel Fattah al-Burhan und die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) unter Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti – zwei Generäle, die Ende 2021 gemeinsam gegen die zivile Übergangsregierung putschten, ehe ihre eigene Rivalität in offenen Krieg umschlug. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mittlerweile nahezu 20 Millionen Menschen akut von Hunger bedroht, mehr als 8,9 Millionen wurden im eigenen Land vertrieben, insgesamt sprechen Hilfsorganisationen von rund 9,6 Millionen Geflüchteten; Schätzungen zur Zahl der Todesopfer schwanken zwischen 150.000 und deutlich höheren Werten, eine belastbare Gesamtzahl existiert bis heute nicht. Wer diesen Krieg lediglich als persönlichen Machtkampf zweier Generäle liest, sieht bestenfalls die Oberfläche. Dahinter liegen Gold, das Rote Meer, islamistische Netzwerke, die Muslimbruderschaft, konkurrierende Golfstaaten, Ägypten, Iran, die Türkei – und, auf eine Weise, die selten offen benannt wird, auch israelische Geheimdienstinteressen. Bis 2026 hat sich der Konflikt geografisch mehrfach verlagert: Die Armee eroberte im März 2025 Khartum von der RSF zurück, die RSF wiederum konsolidierte im Gegenzug ihre Kontrolle über weite Teile Darfurs und drängt seither in die zentralsudanesische Region Kordofan, ein Gebiet, das reich an Öl und Gold ist und strategisch zwischen beiden Machtblöcken liegt. Die Vereinigten Arabischen Emirate als zentraler externer Verdachtspunkt Bei der Frage, wer die RSF tatsächlich am Leben hält, führen praktisch alle unabhängigen Spuren nach Abu Dhabi. UN-Ermittler, Menschenrechtsorganisationen und mehrere investigative Recherchen haben Lieferwege dokumentiert, über die Waffen zur RSF gelangt sein sollen; die Emirate bestreiten offiziell jede militärische Unterstützung der Miliz. Diese Verbindungen sind inzwischen jedoch derart detailliert belegt, dass sie sich kaum noch als bloße Vermutung abtun lassen. Ein Entwurf des UN-Expertengremiums zur Überwachung des Darfur-Waffenembargos, dessen Veröffentlichung für September 2026 erwartet wird, verfolgte anhand von Satellitenbildern, Mobilfunkdaten und offenen Quellen ein Netzwerk von Boeing-727-Frachtmaschinen, die – verknüpft mit einem früheren US-Militärdienstleister – Kämpfer, ausländische Söldner, Waffen und Drohnen für die RSF transportiert haben sollen. Nach Angaben des Gremiums wurden zwischen 1.500 und 2.000 kolumbianische Söldner über die in den Emiraten ansässige Firma Global Security Services Group angeworben und in den Sudan verlegt; 2025 richteten die Vertragsunternehmen demnach in Nyala eine eigene Basis ein, von der aus sie Drohnen betrieben und die RSF-Offensive auf El Fasher militärisch mitplanten. Die Menschenrechtsorganisation Refugees International sowie die von ihr mitgetragene Conflict Insights Group dokumentierten unabhängig davon, dass durch die Emirate unterstützte Drohnenfähigkeiten und Söldner unmittelbar zu den Massenverbrechen in El Fasher im Oktober 2025 beigetragen haben – wenige Wochen nachdem Abu Dhabi öffentlichkeitswirksam 500 Millionen US-Dollar humanitäre Hilfe für den Sudan zugesagt hatte, was Kritiker offen als „aid-washing“ bezeichnen. Am 19. Februar 2026 kam die von den Vereinten Nationen eingesetzte Fact-Finding Mission zu dem Schluss, dass die dokumentierten RSF-Angriffe die „Kennzeichen eines Völkermords“ trügen. Der seit 2004 gegen Darfur verhängte, mehrfach verlängerte UN-Waffenembargo blieb dabei weitgehend wirkungslos: Recherchen der taz und deutscher Menschenrechtsgruppen verweisen zudem auf Fotos, die RSF-Kämpfer mit europäischen, teils deutschen Sturmgewehren der Typen G3 und G36 zeigen – Waffen, deren Weg über die Emirate in den Sudan als naheliegend gilt, ohne dass sich die genaue Lieferkette bislang lückenlos rekonstruieren ließe. Gold: die Kriegskasse beider Seiten Warum wären die Emirate an einer derart offenen Parteinahme interessiert? Ein zentraler Grund ist Gold. Sudan zählt zu den bedeutendsten Goldproduzenten Afrikas, und beide Kriegsparteien finanzieren ihre jeweilige Kriegsführung maßgeblich über den Verkauf dieses Edelmetalls. Nach Angaben der sudanesischen Zentralbank flossen im ersten Halbjahr 2025 rund 90 Prozent der offiziellen sudanesischen Goldexporte in die Emirate; hinzu kommt ein erheblicher, kaum quantifizierbarer Anteil an Gold aus RSF-kontrollierten Gebieten, das über Schmuggelrouten durch Tschad, Libyen, Ägypten, Südsudan und die Zentralafrikanische Republik letztlich ebenfalls überwiegend in Dubai landet. Der Rohstoffexperte Marc Ummel von der Schweizer Hilfsorganisation Swissaid beziffert die jährliche Fördermenge in RSF-kontrollierten Gebieten auf schätzungsweise zehn bis fünfzehn Tonnen; laut Berichten des Sudan Tribune schöpft die RSF seit der Eroberung der Goldmine Jebel Amer 2017 systematisch Gewinne über ein Netzwerk von schätzungsweise fünfzig ihr nahestehenden Unternehmen ab. Die US-amerikanische Rechercheplattform The Sentry brachte in Dubai ansässige Firmen konkret mit der Verschleierung illegalen sudanesischen Goldes für RSF-nahe Finanziers in Verbindung – ein Befund, der mit dazu beitrug, dass die Emirate zwischen 2022 und 2024 auf der grauen Liste der internationalen Anti-Geldwäsche-Organisation FATF geführt wurden. Bemerkenswert ist dabei die Doppelrolle Dubais: Der Handelsplatz finanziert nach übereinstimmender Einschätzung mehrerer Rechercheteams faktisch beide Kriegsparteien gleichzeitig – die reguläre Armee über offizielle, sanktionskonforme Exportkanäle und die RSF über informelle, kaum kontrollierte Schmuggelrouten. Für die Schweiz, einen der weltweit größten Goldveredelungsstandorte, ist das längst kein rein sudanesisches Problem mehr: Allein zwischen Januar und September 2025 importierte das Land nach Angaben des Tages-Anzeigers 315 Tonnen Gold aus den Emiraten im Wert von rund 27 Milliarden Franken, ohne belastbar ausschließen zu können, welcher Anteil davon ursprünglich aus dem sudanesischen Kriegsgebiet stammt. Burhan braucht eigene Partner: Ägypten, Iran und die Türkei Auch die SAF verfügt über ein Netz ausländischer Unterstützer, das in seiner Zusammensetzung auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt. Ägypten betrachtet Burhan traditionell als legitimen Partner und dementiert offiziell jede Waffenlieferung; zugleich gilt Kairo nach übereinstimmenden Regionalanalysen als wichtigster diplomatischer Rückhalt der Armee. Gleichzeitig belegten Reuters und Al Jazeera bereits 2024, dass iranische Kampfdrohnen der Armee entscheidend halfen, den RSF-Vormarsch auf Khartum zu stoppen und verlorenes Gebiet zurückzuerobern – eine Kooperation, die auch die Türkei laut mehreren Quellen mit eigenen Drohnenlieferungen ergänzt, was Ankara jedoch bestreitet. Diese Konstellation erzeugt bizarre Allianzmuster: Weil die USA die mit der SAF verbündete sudanesische Muslimbruderschaft als Empfängerin iranischer Unterstützung einstufen, finden sich Iran, Ägypten, die Türkei, Katar und Saudi-Arabien – Staaten, die regional in scharfer Konkurrenz zueinanderstehen – zumindest zeitweise auf derselben Seite des sudanesischen Konflikts wieder. Das kanadische Raoul Wallenberg Centre for Human Rights verwies gemeinsam mit einer Koalition zivilgesellschaftlicher Organisationen 2026 hochrangige Amtsträger aus den Emiraten, Iran, der Türkei und Ägypten gleichermaßen an den Internationalen Strafgerichtshof – wegen mutmaßlicher Beihilfe zu Kriegsverbrechen durch Waffen-, Söldner- und Logistiklieferungen an die jeweils von ihnen unterstützte Konfliktpartei. Damit entsteht ein klassisches Stellvertreterkriegsmuster: Die RSF stützt sich auf mutmaßliche Unterstützung aus den Emiraten, während die SAF auf ein loseres, in sich widersprüchliches Bündnis aus Ägypten, Iran und der Türkei zurückgreift. Das bedeutet nicht, dass diese Staaten den Krieg ausgelöst hätten – aber aus einem innersudanesischen Machtkampf wird durch fortlaufende externe Waffen-, Geld- und Logistikflüsse zunehmend ein dauerhaftes regionales Schlachtfeld, dessen technologische Dynamik sich zuletzt beschleunigt hat: Analysen von Al Jazeera auf Basis von ACLED-Daten dokumentieren bis Januar 2026 eine massive Zunahme von Drohnenangriffen, bei denen die RSF unter anderem chinesische Systeme des Typs Wing Loong II sowie modifizierte kommerzielle Quadrocopter mit aufgeschnallten Mörsergranaten einsetzt – eine Entwicklung, die das frühere Luftüberlegenheitsmonopol der Armee faktisch aufgehoben hat. Allein im Juni 2026 registrierte das UN-Menschenrechtsbüro im Zusammenhang mit der Belagerung von El Obeid fünfzehn Drohnenangriffe mit mindestens 45 Toten. Und Israel? Hier wird die Gemengelage besonders aufschlussreich. Noch unmittelbar vor Kriegsausbruch arbeitete Israel an einer vollständigen Normalisierung der Beziehungen zum Sudan, nachdem das Land im Oktober 2020 im Rahmen der Abraham-Abkommen formal beigetreten war; im Februar 2023 erklärten beide Seiten, eine Vereinbarung sei weitgehend vorbereitet. Bemerkenswert ist dabei, dass Israel nicht nur zu Burhan, sondern über einen zweiten, unabhängigen Kanal auch zu Hemedti Kontakt unterhielt. Nach Berichten des Portals Axios sowie mehrerer israelischer Medien pflegte das israelische Außenministerium den politischen Draht zu Burhan, während der Mossad eigenständige Beziehungen zu Hemedti aufbaute – ein Kanal, der bereits 2020 über eine von den Emiraten vermittelte geheime Begegnung zwischen Hemedti und dem damaligen Mossad-Chef Yossi Cohen zustande gekommen sein soll und sich 2021 mit einem weiteren Treffen in Khartum fortsetzte, das seinerzeit den Unmut Burhans auslöste. Diese Konstellation ist bemerkenswert: Zwei Generäle, die später gegeneinander Krieg führten, verfügten zuvor über eigenständige, teils konkurrierende Verbindungen zu unterschiedlichen Teilen desselben israelischen Staatsapparats – wobei der Mossad laut einer Analyse des Arab Center Washington DC aufgrund seiner engen Beziehung zu den Emiraten tendenziell näher an Hemedti stand, während das Außenministerium seine Normalisierungsstrategie stärker auf Burhan aufbaute. Nach Kriegsausbruch bot Israel beiden Generälen sogar an, Gespräche zwischen ihnen zu vermittelten und stellte ihnen israelisch moderierte Verhandlungen in Aussicht; Außenminister Eli Cohen stand nach eigenen Angaben seit seinem Besuch in Khartum im Februar 2023 in direktem Kontakt mit beiden Seiten. Was lässt sich daraus schließen? Dass Israel den Krieg steuert oder gar ausgelöst hat? Dafür gibt es keinen belastbaren Beleg, und die verfügbaren Quellen legen eher eine Politik des Offenhaltens beider Kanäle nahe als eine gezielte Parteinahme. Dass Israel im Sudan aber erhebliche geheimdienstliche und geostrategische Interessen verfolgt, ist angesichts der dokumentierten Doppelkanal-Struktur kaum überraschend. Warum der Sudan für Israel strategisch relevant bleibt Der Schlüssel liegt auf der Landkarte. Sudan liegt am Roten Meer: Die nördliche Route führt Richtung Suezkanal und Mittelmeer, die südliche Richtung Bab al-Mandab, Jemen und Indischer Ozean. Gegenüber liegt Saudi-Arabien, weiter südlich operieren die vom Iran unterstützten Huthi, und Teheran unterhält – wie oben beschrieben – über die SAF-nahe Muslimbruderschaft erneut Beziehungen zur Armeeseite des sudanesischen Konflikts. Für israelische Sicherheitsplaner ist ein wachsender iranischer Einfluss an der afrikanischen Seite des Roten Meeres damit ein strategisch relevantes Szenario, für das es keines geheimen Masterplans bedarf – die Geografie allein liefert bereits eine plausible Erklärung für das doppelte israelische Engagement. Und die Christen? Die Christenverfolgung im Sudan ist real und lässt sich mit mehreren unabhängigen Quellen belegen. Die christliche Minderheit – aktuell rund 4,1 Prozent der Gesamtbevölkerung – ist in dem stark islamisch geprägten Land seit Jahren erheblicher Repression ausgesetzt; das Hilfswerk Open Doors führt Sudan im Weltverfolgungsindex 2026 mit der bislang höchsten je gemessenen Punktzahl des Landes auf Platz vier von fünfzig Staaten. Seit Kriegsbeginn im April 2023 griffen nach Angaben mehrerer Hilfsorganisationen beide Kriegsparteien wiederholt gezielt christliche Einrichtungen an: Kirchen, Bibelschulen und kirchliche Unterkünfte wurden bombardiert, beschlagnahmt und teils als Militärstützpunkte genutzt. Die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity Worldwide dokumentierte Fälle systematischer Zwangskonversion in RSF-kontrollierten Dörfern sowie willkürliche Inhaftierungen religiöser und ethnischer Minderheiten durch Einheiten des sudanesischen Militärgeheimdienstes. Im Juni 2025 wurden bei RSF-Luftangriffen auf El Fasher drei Kirchen zerstört, im Juli 2025 ließen sudanesische Behörden einen Gebäudekomplex einer Pfingstgemeinde in Khartum vollständig abreißen. Die katholische Kathedrale St. Matthäus in Khartum wurde nach ihrer Rückeroberung durch Regierungstruppen mit erheblichen Zerstörungen im Altarraum vorgefunden. Doch auch hier verbietet sich eine zu einfache Lesart. Der Sudan-Krieg ist nicht primär ein Krieg von Muslimen gegen Christen. Viele der am schwersten betroffenen Opfergruppen in Darfur – etwa die nichtarabischen Bevölkerungsgruppen der Fur, Zaghawa und Massalit, gegen die sich die dokumentierten Massaker in El Fasher in besonderer Weise richteten – sind selbst mehrheitlich muslimisch. Die Gewalt der RSF besitzt eine massive ethnische Komponente mit klaren rassistischen und arabisch-suprematistischen Zügen, die Angriffe auf religiöse Minderheiten überlagert, ohne mit ihnen deckungsgleich zu sein. Christen sind dabei zusätzlich, aber nicht ausschließlich verwundbar; das Grauen des Krieges lässt sich deshalb nicht auf eine einzige Deutungskategorie reduzieren. Was dieser Krieg exemplarisch zeigt Sudan demonstriert in geradezu lehrbuchhafter Deutlichkeit, wie moderne innerstaatliche Konflikte zu regionalen Systemkriegen werden. Ein innerer Machtkampf beginnt – in diesem Fall zwischen zwei Putschgenerälen, die sich 2021 die Macht noch teilten. Dann kommen Rohstoffinteressen hinzu, insbesondere Gold und die Kontrolle über Kordofans Öl- und Bodenschätze. Es folgen konkurrierende Nachbar- und Regionalmächte: Ägypten, Iran, die Türkei, Saudi-Arabien und Katar auf der einen, die Emirate auf der anderen Seite, dazu Äthiopien als mutmaßliche neue Logistikdrehscheibe für RSF-Lieferungen, nachdem Bewegungsspielräume in Libyen, Puntland und Tschad enger geworden sind. Hinzu treten Geheimdienste – von Mossad-Kanälen bis zu US-nahen Sicherheitsfirmen –, ausländische Söldner aus Kolumbien, kommerziell verfügbare Drohnentechnologie chinesischer und iranischer Herkunft, sowie tief verwurzelte religiöse und ethnische Gegensätze, die von den Kriegsparteien instrumentalisiert, aber nicht von ihnen erfunden wurden. Am Ende dieser Kette lässt sich kaum noch trennscharf feststellen, wo der sudanesische Bürgerkrieg endet und wo der regionale Stellvertreterkrieg beginnt. Genau das macht diesen Konflikt so schwer zu kommunizieren – und genau das dürfte mit erklären, warum er, anders als geografisch nähere oder medial besser erschlossene Kriege, international vergleichsweise wenig Beachtung findet, obwohl seine humanitären Dimensionen zu den größten der Gegenwart zählen.  Quellen (Auswahl) UN Panel of Experts on Sudan: Berichtsentwurf zu Waffen- und Söldnerlieferungen an die RSF, laut Reuters/The Defense Post/Al Arabiya, Juli 2026 Refugees International / Conflict Insights Group: Bericht zur Rolle der VAE bei den Gräueltaten von El Fasher, April 2026 UN Fact-Finding Mission on Sudan: Feststellung zu „Kennzeichen eines Völkermords“, 19. Februar 2026 Human Rights Watch: Berichterstattung zum Massaker von El Fasher, Oktober 2025 Wikipedia (deutsch/englisch): Al-Faschir-Massaker / El Fasher massacre taz, Progressive International, Amnesty International Österreich, Netzwerk Friedenskooperative: Berichterstattung zu El Fasher und der Belagerung Tages-Anzeiger, RiffReporter, SRF/SWI swissinfo.ch, WOZ, Sudan Tribune, The Sentry, Washington Centre: Recherchen zum Goldhandel über Dubai Axios, Arab Center Washington DC, Israel Heute, Middle East Monitor, JNS, Al Mayadeen: Berichterstattung zu israelisch-sudanesischen Kontakten und dem Mossad-Kanal zu Hemedti ORF, Telepolis/jungle.world (Peter Laskowski), Agenzia Fides, Hersfelder Zeitung: Analysen zu Ägypten, Iran, Türkei und der Drohnenkriegsführung Open Doors (Weltverfolgungsindex 2026), Christian Solidarity Worldwide, Kirche in Not, Vatican News, idea.de: Berichterstattung zur Lage der Christen im Sudan Raoul Wallenberg Centre for Human Rights: Strafanzeige gegen Amtsträger aus VAE, Iran, Türkei und Ägypten beim Internationalen Strafgerichtshof, 2026
Vom Sondereinsatz zum Krieg? Warum Russland nach der Duma-Wahl vor einer neuen Eskalationsstufe steh
von Holger H. Hohlfeld 11. August 2026
Vom Sondereinsatz zum Krieg? Mobilmachung im Herbst´26? Seit Februar 2022 hält der Kreml offiziell an einem Begriff fest, der angesichts von inzwischen mehr als vier Jahren Krieg zunehmend surreal wirkt: "Spezielle Militäroperation." Keine Kriegserklärung. Keine vollständige Mobilisierung der russischen Gesellschaft. Keine generelle Umstellung auf einen klassischen "Volkskrieg". Doch genau dieses Modell könnte an seine Grenzen geraten. In Russland wird zunehmend darüber spekuliert, ob Wladimir Putin nach der Wahl zur Staatsduma vom 18. bis 20. September 2026 eine neue Mobilisierungsrunde zulässt. Russische Regierungs- und Verwaltungsquellen berichten über entsprechende Diskussionen, westliche Analysten sehen vorbereitende Massnahmen, ukrainische Geheimdienststellen warnen offen davor. Moskau bestreitet wiederum, dass eine solche Entscheidung gefallen sei - und zwar auf allen Ebenen, von Kremlsprecher bis Verteidigungsausschuss der Duma, wie weiter unten im Detail dokumentiert wird. Hinzu kommt eine zweite Entwicklung: Russland verändert bereits seine militärische Reaktion auf ukrainische Angriffe tief im eigenen beziehungsweise von Moskau kontrollierten Hinterland. Einer der möglichen Wendepunkte war der Angriff auf einen Bildungskomplex in Starobilsk im Mai. Und genau dort beginnt diese Geschichte. Starobilsk: von vier auf 21 Tote - und ein Zweifel aus den eigenen Reihen In der Nacht vom 21. auf den 22. Mai 2026 wurden Gebäude eines Ausbildungskomplexes in Starobilsk in der russisch kontrollierten Region Luhansk getroffen. Bemerkenswert ist bereits der Verlauf der offiziellen russischen Opferzahlen: Zunächst war laut dem russischen Nachrichtenportal News.ru von vier Toten die Rede, wenige Stunden später korrigierte Putin persönlich auf sechs Tote, 39 Verletzte und 15 Vermisste - "da die Aufräumarbeiten noch andauern", wie er es formulierte. Erst in den folgenden Tagen stieg die Zahl auf die inzwischen von der UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission bestätigten 21 zivilen Toten. Die russische Seite erklärte, ukrainische Drohnen hätten in drei Wellen mit insgesamt 16 unbemannten Fluggeräten gezielt dasselbe Gebäude getroffen - ein Studentenwohnheim des pädagogischen Colleges, in dem sich nach russischen Angaben 86 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren aufhielten. Putin erklärte gegenüber dem russischen Staatssicherheitsrat, der Angriff sei "nicht zufällig" gewesen, und wandte sich in dieser Sache sogar mit der Bitte um eine Dringlichkeitssitzung an den UN-Sicherheitsrat. Kremlsprecher Dmitri Peskow formulierte es emotional zugespitzt: "In diesem Fall gerieten Kinder ins Visier. Sie sollten nicht fremd oder eigen sein. Kinder sind immer Kinder, und Kinder sind heilig. Auf Kinder zu schiessen ist kategorisch verboten." Die verantwortlichen Kräfte, so Peskow, müsse "letztlich das Kiewer Regime" büssen. Die ukrainischen Streitkraefte bestritten diese Darstellung vollständig und erklärten, sie hätten "strikt unter Einhaltung des humanitaeren Völkerrechts" ausschliesslich militärische Infrastruktur angegriffen; in unmittelbarer Nähe des Wohnheims habe es "keinerlei Objekte militärischer Bestimmung oder von Geheimdiensten" gegeben. Reuters konnte den Ablauf unabhängig nicht abschliessend verifizieren. Hier wird die Geschichte jedoch durch eine Quelle interessanter, die man in diesem Zusammenhang selten erwartet: Igor Girkin (bekannter unter seinem Kampfnamen Strelkow), ehemaliger FSB-Offizier, "Verteidigungsminister" der selbsternannten "Volksrepublik Donezk" in den Anfangsjahren des Donbass-Konflikts und seit 2023 selbst wegen "Diskreditierung" der russischen Armee in einer russischen Strafkolonie inhaftiert, äusserte sich am 30. Mai 2026 in einem auf seinem Telegram-Kanal veröffentlichten Brief bemerkenswert zurückhaltend zu Starobilsk. Wörtlich schrieb er, er werde den Angriff "nicht kommentieren, da ich stark vermute - und nicht nur vermute -, dass dort nicht alles so sauber ist", wie es offiziell dargestellt werde, und deutete an, das College sei "von Beginn des Krieges an" auch für militaerische Zwecke genutzt worden. Girkin gilt als überzeugter russischer Nationalist und scharfer Kritiker der eigenen Militärführung von rechts - kein Sympathisant Kiews, im Gegenteil. Dass ausgerechnet er öffentlich Zweifel an der offiziellen Version streute, ist eine bemerkenswerte, in westlichen Medien kaum beachtete Randnotiz, die zumindest zur journalistischen Vorsicht mahnt, bevor man die russische Darstellung unkritisch übernimmt - ebenso wenig, wie man die ukrainische unkritisch uebernehmen sollte. Festzuhalten bleibt damit: 21 zivile Tote sind durch die UN bestätigt. Wer genau welches Ziel mit welcher Absicht angegriffen hat, bleibt dagegen umstritten - und wird es womöglich auch bleiben. Die russische Reaktion war aussergewöhnlich Putin behandelte Starobilsk nicht wie einen weiteren Angriff in einer inzwischen endlosen Reihe gegenseitiger Schläge. Er ordnete dem Militär ausdrücklich an, Optionen für Vergeltungsmassnahmen vorzulegen. Nur wenige Tage später informierte Aussenminister Sergej Lawrow US-Aussenminister Marco Rubio darüber, dass Russland nun mit "systematischen" Angriffen auf Einrichtungen in Kyiv beginnen werde, die von den ukrainischen Streitkräften genutzt würden - ausdrücklich einschliesslich jener Zentren, in denen entsprechende militärische Entscheidungen getroffen würden. Das ist bemerkenswert. Denn damit verändert sich die russische Zielbeschreibung: nicht mehr nur Depots, Flugplätze, Energieanlagen oder Rüstungsbetriebe, sondern ausdrücklich "Entscheidungszentren". Zwei Tage nach Starobilsk folgte einer der schwersten russischen Luftangriffe des Jahres. Dabei kam erneut die ballistische Oreshnik-Rakete zum Einsatz; hunderte Drohnen und zahlreiche Raketen wurden gegen ukrainische Ziele eingesetzt. UN-Generalsekretär Antonio Guterres zeigte sich anschliessend besorgt über Moskaus angekündigte Ausweitung der Angriffe auf Verteidigungsbetriebe und Entscheidungszentren in Kyiv. Hat Starobilsk die russische Bevölkerung radikalisiert? Hier muss man vorsichtig sein. Dass die Bilder von zerstörten Schulgebäuden und jungen Opfern in Russland enorme emotionale Wirkung entfaltet haben, ist nachvollziehbar und wurde von Regierung und Staatsmedien - unter anderem TASS, das den Vorfall unter der Überschrift "Tragödie in Starobilsk: Angriff auf das College, die harte Antwort Russlands und die Heuchelei des Westens" einordnete - entsprechend aufgegriffen. Aber die Behauptung, seit Starobilsk wolle die russische Bevölkerung nun den totalen Krieg, lässt sich mit verfügbaren Umfragen nicht belegen. Im Gegenteil: Das unabhängige Levada-Zentrum meldete im Juni, dass 64 Prozent der Befragten Friedensverhandlungen unterstützten, während nur 29 Prozent eine Fortsetzung der militärischen Operationen bevorzugten. Im Juli sank die allgemeine Unterstützung für die russische Militäraktion laut Levada auf etwa 66 Prozent - den niedrigsten Wert seit Beginn der grossflächigen Invasion 2022. Das ergibt ein interessanteres Bild. Russland scheint gleichzeitig zwei Entwicklungen zu erleben: Kriegsmüdigkeit - und eine zunehmende Wahrnehmung, dass der Krieg nicht mehr irgendwo im Donbass stattfindet, sondern Russland selbst erreicht. Ukrainische Drohnen treffen Raffinerien tief im Landesinneren, der Schwarzmeerhafen Noworossijsk wird angegriffen, Wohngebäude und Ferienorte werden getroffen, Menschen sterben auf russischem Territorium. Am 10. August tötete ein ukrainischer Drohnenangriff auf Nischnekamsk nach Angaben russischer Behö rden mindestens 13 Menschen, darunter ein Kind; die Ukraine bestaetigte den Angriff auf die dortige TANECO-Raffinerie. Der Krieg kommt für viele Russen damit psychologisch näher. Und jetzt taucht plötzlich das Wort Mobilmachung wieder auf Russland vermeidet seit der Teilmobilmachung vom September 2022 weitgehend eine weitere grosse öffentliche Einberufungswelle. Damals wurden rund 300.000 Reservisten einberufen. Die politische Reaktion war für den Kreml ausgesprochen unangenehm: Zehntausende Russen verliessen das Land, es entstanden Proteste, und die Mobilmachung traf erstmals grössere Teile der Bevoelkerung unmittelbar. Seitdem verfolgt Moskau ein anderes Modell: sehr hohe Handgelder, extrem hohe Soldzahlungen, regionale Rekrutierungsprogramme, Geängnisinsassen, Freiwillige, Vertragssoldaten - und zunehmend erheblichen Druck auf potentielle Rekruten. Nach aktuellen Recherchen von Financial Times und Guardian wird es fuer Russland jedoch immer schwieriger, genügend freiwillige Soldaten zu finden. Rekrutierer greifen deshalb offenbar zunehmend zu Druck, Täuschung und teilweise Zwang. Was die russischen Behörden selbst dazu sagen Und genau hier lohnt sich der Blick auf die russischen Originalquellen, die das Thema seit dem Frühjahr 2026 auffällig regelmässig dementieren müssen - was für sich genommen bereits ein Indiz dafür ist, wie hartnäckig sich die Gerüchte halten. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte bereits am 30. März 2026, das Thema Mobilmachung "stehe nicht auf der Tagesordnung". Vizesicherheitsratschef Dmitri Medwedew äusserte sich im März ähnlich und erklärte, die Zahl der Freiwilligen reiche aus, um "alle Kampfaufgaben" zu erfüllen; er bezeichnete Gerüchte über eine neue Mobilmachungsrunde später ausdrücklich als "Unsinn" und ukrainische Provokation und bezifferte die Zahl neu gewonnener Vertragssoldaten allein für das erste Halbjahr 2026 auf rund 200.000. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Andrei Kartapolow, erklärte, es gebe "keine Notwendigkeit" für eine neue Mobilmachung, da sich die Armee weiterhin überwiegend durch freiwillige Vertragssoldaten aufülle; sein Duma-Kollege Andrei Kolesnik bezeichnete die kursierenden Mobilmachungsgerüchte explizit als "Desinformation ohne Bezug zur realen Situation". Nach Recherchen mehrerer russischer Nachrichtenportale (unter anderem URA.RU und ptoday.ru) geht ein Teil der aktuell kursierenden Gerüchte sogar auf einen gehackten Telegram-Kanal sowie auf die fehlinterpretierte Randnotiz eines älteren Verwaltungserlasses zurück - ein Beispiel dafür, wie leicht sich in einem intransparenten System aus Bruchstuecken ein scheinbar plausibles Gerücht zusammensetzen lässt, in die eine wie in die andere Richtung. Das ist, für sich genommen, ein ernstzunehmendes Gegenargument, das nicht einfach als Propaganda abgetan werden sollte: Mehrere voneinander unabhängige russische Stellen - Präsidialamt, Sicherheitsrat und Parlament - bestreiten übereinstimmend, dass eine Entscheidung gefallen sei. Gleichzeitig sollte man aber auch nicht vergessen, dass exakt dieselben Institutionen im September 2022 noch wenige Tage vor der damaligen Teilmobilmachung öffentlich das Gegenteil verkündet hatten. Dementis dieser Art besitzen in Russland historisch keine hohe Halbwertszeit. Warum ausgerechnet nach der Duma-Wahl? Vom 18. bis 20. September 2026 wird die neue Staatsduma gewählt. Eine Mobilmachung unmittelbar vorher wäre innenpolitisch riskant, eine Mobilmachung unmittelbar danach wesentlich einfacher - rein politisch-kalendarisch betrachtet. Russia Matters hat die derzeit verfügbaren Hinweise zusammengetragen. Demnach erklärten mehrere Quellen aus beziehungsweise nahe der russischen Präsidialverwaltung, eine neue Mobilmachung werde "auf verschiedenen Ebenen diskutiert", ohne dass bereits eine endgültige Entscheidung gefallen sei. Eine Quelle aus einem russischen Staatskonzern sprach sogar von Vorbereitungen für etwas, das möglicherweise "niemals Mobilmachung genannt werden wird". Andere Quellen berichteten über Gerüchte, dass im Oktober, also kurz nach der Duma-Wahl, etwas geschehen könnte. Das Institute for the Study of Wa r kommt inzwischen zu einer noch deutlicheren Einschätzung und sieht Anzeichen dafür, dass Russland Voraussetzungen fuer umfangreichere unfreiwillige Reserveeinberufungen nach der Septemberwahl schafft. Auch amerikanische Regierungsvertreter sollen davon ausgehen, dass der Kreml eine weitere Einberufungsrunde zumindest prüft. An dieser Stelle sei ausdrücklich Raum für begründete Spekulation gegeben: Sollte eine solche Massnahme tatsächlich vorbereitet werden, spricht einiges dafür, dass sie - anders als 2022 - nicht mehr unter dem Namen "Mobilmachung" laufen würde, sondern in kleinere, weniger schlagzeilenträchtige Einzelmassnahmen zerlegt werden könnte: eine schrittweise Ausweitung der Wehrpflichtaltersgrenzen, verschärfte Ausreisebeschränkungen für Reservisten, eine Digitalisierung der Einberufungsbescheide über das staatliche Onlineportal Gosuslugi (ein Schritt, der bereits 2022 diskutiert, aber offiziell dementiert wurde), oder eine schlichte "Verschärfung der Vertragsbedingungen" für Männer im wehrpflichtigen Alter, die faktisch kaum noch einen Unterschied zu einer regulaeren Einberufung machen würde. Ein solches Modell hätte den politischen Vorteil, dass es sich medial schwerer zu einem einzigen, symbolisch aufgeladenen Ereignis verdichten liesse wie der Erlass vom 21. September 2022. Zelenskyj warnt vor Hunderttausenden Die ukrainische Führung geht noch wesentlich weiter. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte im August, Russland könne die Duma-Wahl anschliessend dazu benutzen, eine neue Mobilmachung zu rechtfertigen; Kyiv spricht teilweise von Hunderttausenden zusätzlichen Soldaten. Das sollte man allerdings nicht mit einer bestätigten russischen Planung verwechseln - die Ukraine hat ein offensichtliches strategisches Interesse daran, den Westen vor einer bevorstehenden russischen Eskalation zu warnen. Warnung ist nicht Beweis. Interessant wird die Sache erst dadurch, dass ähnliche Hinweise inzwischen auch aus Russland selbst und von westlichen Quellen kommen - auch wenn, wie gezeigt, dieselben russischen Quellen sie ebenso entschieden dementieren. Ein Detail macht die Sache allerdings besonders interessant Formal muesste Putin moeglicherweise gar keine vollkommen neue Mobilmachung verkünden. Der Mobilmachungserlass vom 21. September 2022 enthielt kein eindeutiges Ablaufdatum und wurde nie durch einen entsprechenden Präsidentenerlass vollständig aufgehoben. Russia Matters weist deshalb darauf hin, dass die damalige Mobilisierung de jure weiterhin eine Grundlage für weitere Massnahmen darstellen könnte. Damit wäre theoretisch auch ein Modell denkbar, das politisch gar nicht "neue Mobilmachung" heisst, sondern beispielsweise: erweiterte Reserveeinberufung, verstärkte Vertragsbindung, zusätzliche militärische Ausbildungsmassnahmen, Einziehung bestimmter Spezialisten, oder stufenweise Aktivierung vorhandener Reserven. Für den Betroffenen wäre der semantische Unterschied vermutlich überschaubar. Warum braucht Russland ueberhaupt mehr Soldaten? Weil die bisherige Strategie extrem personalintensiv ist. Westliche Schätzungen gehen derzeit von mehr als 30.000 russischen Gefallenen und Verwundeten pro Monat aus. Gleichzeitig rekrutiert Russland nach Berechnungen von Experten ungefähr 1.000 neue Vertragssoldaten pro Tag. Das bedeutet: Ein grosser Teil der Neuankömmlinge dient momentan nicht dazu, neue Armeen aufzubauen - sie ersetzen Verluste bestehender Verbände. Genau das ist strategisch problematisch. Russland besitzt enorme materielle Ressourcen und eine inzwischen stark hochgefahrene Rüstungsindustrie. Aber ohne zusätzliche Mannschaften lässt sich daraus keine wesentlich grössere Bodenoffensive erzeugen. Was könnte eine Mobilmachung militärisch bedeuten? Eine neue Mobilisierung wäre deshalb vor allem dann logisch, wenn Moskau seine bisherigen Kriegsziele nicht reduzieren, sondern erweitern beziehungsweise schneller erreichen möchte - etwa die vollständige Kontrolleüber die von Russland beanspruchten Gebiete von Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson militärisch durchzusetzen. Eine wesentlich grössere Mobilmachung könnte aber auch eine neue operative Reserve schaffen. Das wäre eine bedeutende Veränderung, denn Russland kämpft seit Jahrenüberwiegend mit ständig nachgefüllten Frontverbänden. Eine grosse Reserve im Hinterland würde dem Generalstab dagegen ermöglichen, Kräfte zu sammeln und anschliessend konzentriert an einem ausgewählten Frontabschnitt einzusetzen. Ob Russland dafür jedoch genügend Offiziere, Material und Ausbildungskapazitäten besitzt, ist offen - und dürfte, wenn man spekulativ weiterdenkt, am Ende die eigentliche Grenze jeder neuen Mobilisierungsrunde markieren: Selbst 300.000 zusätzliche Soldaten verändern die militärische Lage kaum, wenn es an Ausbildern, gepanzerten Fahrzeugen und funktionierenden Kommandostrukturen mangelt, um sie sinnvoll einzusetzen. Von der "Militäroperation" zum Krieg? Offiziell hat Moskau den Begriff bislang nicht aufgegeben. Noch Anfang August informierte Putin den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate offiziell über den Verlauf der "special military operation" . Auch Ende Juli benutzte Putin öffentlich weiterhin diese Formulierung. Es gibt also derzeit keine offizielle Umbenennung in "Krieg" und keine Kriegserklärung. Aber inhaltlich verändert sich die Sprache. Russland beschreibt den Konflikt immer stärker nicht mehr nur als Auseinandersetzung mit Kyiv, sondern als direkten Kampf gegen den kollektiven Westen. Lawrow bezeichnet die westliche Unterstützung der Ukraine regelmässig als Bestandteil eines westlichen Krieges gegen Russland. Am 14. August 2026 ging er erneut einen Schritt weiter: Russland werde seine Bemuehungen intensivieren, alles zu zerstören, was aus dem Westen zur militärischen Unterstützung der Ukraine genutzt werde. Gleichzeitig wirft Moskau den USA inzwischen vor, über Geheimdienstinformationen unmittelbar an ukrainischen Angriffen auf Russland beteiligt zu sein. Das ist eine gefährliche Veränderung. Denn damit verschiebt sich die russische Wahrnehmung von "Ukraine als Gegner" zu "Ukraine als militärisches Instrument eines grösseren westlich-russischen Konflikts". Genau deshalb könnte Starobilsk wichtiger sein, als es zunächst erscheint Nicht weil ein einzelner Angriff plötzlich die gesamte russische Gesellschaft verändert hätte - das lässt sich nicht belegen. Sondern weil er in Moskau eine bereits vorhandene Entwicklung beschleunigt haben kännte. Ukrainische Angriffe reichen inzwischen hunderte oder sogar weit über tausend Kilometer nach Russland hinein. Ölraffinerien brennen, Häfen werden getroffen, russische Kriegsschiffe werden angegriffen, Zivilisten sterben. Und russische Politiker können damit zunehmend argumentieren: Dieser Krieg findet nicht mehr nur in der Ukraine statt, Russland selbst wird angegriffen. Politisch ist das etwas völlig anderes als die ursprüngliche Erzählung einer begrenzten Militäroperation im Nachbarland. Und deshalb sollte man den Herbst 2026 genau beobachten Derzeit gibt es noch keinen unterschriebenen und öffentlich bekannten Mobilmachungserlass, keine bestätigte Zahl von 300.000 oder 500.000 Männern, keine offizielle Kriegserklärung. Wer heute behauptet, Putin werde im Oktober definitiv die Generalmobilmachung ausrufen, weiss mehr als die öffentlich zugänglichen Quellen hergeben. Aber genauso falsch wäre es, die Hinweise einfach als ukrainische Propaganda abzutun - oder umgekehrt die wiederholten, mehrfach von Peskow, Medwedew und Kartapolow einzeln bekräftigten Dementis pauschal als Lüge abzutun, ohne dafür belastbare Belege zu haben. Das ergibt noch keinen Beweis. Aber es ergibt ein Muster. Quellen Reuters, UN Human Rights Monitoring Mission in Ukraine: Bestaetigung von 21 zivilen Todesopfern in Starobilsk TASS: Berichterstattung zu Starobilsk und zur russischen Reaktion, Mai 2026 BFM.ru, News.ru, Meduza: Dokumentation der Putin- und Peskow-Erklaerungen sowie der wachsenden offiziellen Opferzahlen (4 -> 6 -> 21), Mai 2026 Currenttime.tv (RFE/RL): Erklaerung des ukrainischen Generalstabs zum Angriff auf Starobilsk Telegram-Kanal Igor Strelkow (Girkin), zitiert nach Dialog.UA, Charter97, DonPress.com: Brief vom 30. Mai 2026 mit Zweifeln an der offiziellen russischen Darstellung Levada-Zentrum: Umfragen zur Unterstuetzung von Friedensverhandlungen, Juni/Juli 2026 Financial Times, The Guardian: Recherchen zu Rekrutierungsschwierigkeiten und Zwangsmethoden Russia Matters, Institute for the Study of War (ISW): Analysen zu moeglichen Mobilisierungsvorbereitungen nach der Duma-Wahl URA.RU, ptoday.ru, ku66.ru, Megatjumen: russische Berichterstattung ueber Dementis von Peskow (30. Maerz 2026), Medwedew (Maerz 2026), Kartapolow und Kolesnik sowie ueber die Herkunft einzelner Mobilmachungsgeruechte UN-Generalsekretariat: Stellungnahme von Antonio Guterres zur russischen Ausweitung der Zielkategorien
von Holger H. Hohlfeld 11. August 2026
Ibrahim Traoré und Afrikas neue Souveränität Burkina Faso zwischen Befreiung, Russland, China und dem Bruch mit dem Westen Burkina Faso zwischen Befreiung, Personenkult, Russland, China und dem endgültigen Bruch mit dem Westen Es gibt wenige politische Figuren des Kontinents, an denen sich die Widersprüche der gegenwärtigen afrikanischen Ordnung so konzentriert zeigen wie an Ibrahim Traoré. Ein Hauptmann mit rotem Barett, geboren am 14. März 1988 im Dorf Bondokuy in der Provinz Mouhoun, der sich im September 2022 durch einen zweiten Putsch innerhalb von acht Monaten an die Spitze Burkina Fasos setzte und heute – mit rund 1,3 Millionen Followern allein auf TikTok, Hunderttausenden auf Instagram und X – zu einer der meistgesehenen Führungsfiguren des Kontinents zählt. In vielen afrikanischen Ländern, aber auch in der Diaspora, kursieren KI-generierte Musikvideos, in denen internationale Popstars ihn als Erlöser besingen; Solidaritätsdemonstrationen für ihn fanden nicht nur in Ouagadougou, sondern auch in Ghana, Kenia und darüber hinaus statt. Seine Botschaft bleibt in ihrem Kern denkbar einfach: Afrika ist nicht arm. Afrika wurde arm gehalten, weil andere seine Rohstoffe kontrollieren und einen überproportionalen Teil der daraus entstehenden Wertschöpfung abschöpfen. Diese Erzählung erklärt seine Popularität vermutlich zuverlässiger als jede klassische Links-rechts-Schablone – und sie lässt sich, das ist der eigentliche analytische Reiz des Falls, nicht auf eine einzige externe Macht zurückführen. Wer Traoré verstehen will, muss ihn gleichzeitig als Symptom eines jahrzehntealten Frankreich-Problems, als Nutznießer einer neuen russischen Sahelstrategie, als Adressat chinesischer Rüstungs- und Kapitalinteressen und als Regierungschef eines Landes lesen, in dem seit seiner Machtübernahme mehr Zivilisten durch die eigenen Sicherheitskräfte und ihnen verbündete Milizen getötet wurden als durch die islamistischen Gruppen, gegen die er formal Krieg führt. Herkunft, Studium, Inszenierung Traorés persönlicher Werdegang liefert erste Hinweise auf die Widersprüchlichkeit seiner späteren Politik. Nach der Grundschule in Bondokuy und einer Sekundarschulzeit in Bobo-Dioulasso, wo er als ruhig und außergewöhnlich talentiert galt, begann er 2006 ein Geologiestudium an der Universität Ouagadougou, das er offenbar bis zum Masterabschluss fortsetzte. Diese Ausbildung ist mehr als eine biografische Randnotiz: Geologische Feldstudien führten ihn wiederholt ins Landesinnere und in unmittelbaren Kontakt mit jenen sozialen Realitäten, auf die er sich später als Präsident beruft. Während des Studiums gehörte er zeitweise der muslimischen Studentenvereinigung der Universität an. Für eine gelegentlich kolportierte Konversion zum Christentum existiert dagegen kein belastbarer Beleg – zugleich geht seine Regierung inzwischen mit harter Hand gegen Formen des islamistischen Extremismus vor und gerät darüber sogar mit einflussreichen muslimischen Geistlichen in Konflikt. 2010 trat er der Armee bei, 2019 wechselte er zur neu gegründeten Antiterror-Spezialeinheit „Cobra“, 2020 wurde er zum Hauptmann befördert. Im Januar 2022 unterstützte er den Putsch gegen den damaligen Präsidenten Roch Marc Christian Kaboré unter Oberstleutnant Paul-Henri Sandaogo Damiba – nur um acht Monate später, im September 2022, selbst gegen Damiba zu putschen, dem er vorwarf, den islamistischen Aufstand nicht wirksam bekämpfen zu können. Seine eigentliche politische Klammer scheint dabei weniger eine religiöse oder ideologische Überzeugung im engeren Sinn zu sein als eine bestimmte Vorstellung von Souveränität – gepaart mit einer außergewöhnlich professionellen medialen Selbstinszenierung. Beobachter wie der Afrika-Experte Ulf Laessing von der Konrad-Adenauer-Stiftung verweisen auf die bewusste Anlehnung an Thomas Sankara, den 1987 ermordeten und bis heute verehrten „afrikanischen Che Guevara“: das durchgehende Auftreten in Uniform, das rote Barett, die auf den ersten Blick sankaristische Rhetorik der Eigenständigkeit. Der Politikwissenschaftler Ebenezer Obadare vom Council on Foreign Relations attestiert Traoré einen regelrechten Personenkult; die Financial Times hat ihn öffentlich in ähnlichen Begriffen beschrieben. Die Nichtregierungsorganisation Africa Check dokumentierte 2026 zudem eine wachsende Zahl KI-generierter Fake-Videos, in denen internationale Prominente Traoré huldigen – Inhalte, die trotz erkennbarer Fälschung Millionen Menschen erreichen und gezielt ein junges Publikum ansprechen, das frühere Sankara-Verklärung mit einer vermeintlichen Kontinuität in Traoré wiederzuerkennen glaubt. Gold als Testfall des neuen Wirtschaftsmodells Burkina Faso zählt mit einer Fördermenge von zuletzt rund 57 Tonnen Gold jährlich zu den bedeutendsten Goldproduzenten Afrikas – Rangangaben schwanken je nach Quelle und Jahr zwischen drittem und viertem Platz auf dem Kontinent. Hier stellt sich die für Traorés gesamtes Projekt entscheidende Frage: Was nutzt einem Land ein Milliardenvermögen unter der Erde, wenn Förderung, Finanzierung, Verarbeitung und Vermarktung überwiegend von ausländischen Unternehmen kontrolliert werden? Unter Traoré wurde der Bergbaukodex reformiert und eine eigene staatliche Bergbaugesellschaft, die Société de Participation Minière du Burkina (SOPAMIB), geschaffen. Der Prozess vollzog sich in mehreren, klar dokumentierten Schritten. Im August 2024 verstaatlichte der Staat die Minen Boungou und Wahgnion für rund 80 Millionen US-Dollar – deutlich unter dem zuvor zwischen den privaten Eignern Endeavour Mining und Lilium Mining vereinbarten Verkaufspreis von mehr als 300 Millionen US-Dollar; Endeavour erhielt im Zuge der Einigung eine Ausgleichszahlung von 60 Millionen US-Dollar sowie eine laufende Lizenzgebühr. Im Juni 2025 übertrug ein Regierungsdekret zwei weitere aktive Minen und drei Explorationslizenzen von Tochtergesellschaften derselben Unternehmen an SOPAMIB und schloss damit den im August 2024 begonnenen Prozess formal ab. Im September desselben Jahres forderte die Regierung von West African Resources zusätzlich einen Anteil von 35 Prozent an der Kiaka-Goldmine – eine Ankündigung, die an der Börse einen sofortigen Handelsstopp der Unternehmensaktie auslöste. Im Februar 2026 beschloss der Ministerrat ein weiteres Dekret zur Ausweitung staatlicher Beteiligungen an strategischen Bergbauprojekten. Parallel dazu hat die Regierung Ausfuhrgenehmigungen für Gold und andere Wertstoffe aus handwerklicher und teilmechanisierter Produktion vorerst vollständig ausgesetzt. Die dahinterliegende ökonomische Logik lässt sich knapp skizzieren: Rohstoff, staatliche Beteiligung, höhere Einnahmen, Verarbeitung im Land, eigene industrielle Basis, geringere Abhängigkeit. Ob dieses Modell tatsächlich trägt, wird sich frühestens über Jahre zeigen – Analysten der Rohstoffbranche verweisen bereits jetzt auf ein verändertes Investitionsklima: Während Ghana, Ägypten, Namibia und Botswana als vergleichsweise verlässliche Standorte gelten, meiden ausländische Bergbaukonzerne wie IAMGOLD und Nordgold zunehmend neue Engagements in Burkina Faso, und auch Nachbarländer wie Niger – das dem französischen Staatskonzern Orano im Juni 2025 die Lizenz für die Uranmine Imouraren entzog – verfolgen ähnliche Strategien. Kritiker sprechen von schleichender Enteignung unter dem Deckmantel nationaler Souveränität; Befürworter verweisen auf das strukturelle Ungleichgewicht, das dem klassischen Modell zugrunde lag – Rohstoffexport ins Ausland, Verarbeitung dort, Rückimport teurer Fertigprodukte. Der endgültige Bruch mit Paris Am deutlichsten sichtbar wurde Traorés Kurs im Verhältnis zu Frankreich, und dieser Bruch vollzog sich nicht abrupt, sondern in einer über Jahre nachvollziehbaren Eskalationskette. Bereits Anfang 2023 kündigte Ouagadougou das Militärabkommen mit Paris und verlangte den Abzug der im Rahmen der Operation Sabre stationierten französischen Spezialkräfte, die das Land daraufhin verließen. Im April 2024 erklärte die Regierung mehrere französische Diplomaten zu unerwünschten Personen und warf ihnen subversive Aktivitäten vor – ein Vorwurf, den Paris zurückwies. Parallel wurde die mediale Präsenz Frankreichs systematisch zurückgedrängt: Zunächst wurden die Sendungen von Radio France Internationale und France 24 eingestellt, im Frühjahr 2026 traf es schließlich auch TV5 Monde, das die burkinische Medienaufsicht der Desinformation und der „Verherrlichung von Terrorismus“ bezichtigte. Den vorläufigen Schlusspunkt setzte die Regierung am 26. Juni 2026, als Regierungssprecher Pingdwendé Gilbert Ouédraogo in einer Sondersendung des Staatsfernsehens den vollständigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Frankreich verkündete. Ouagadougou warf Paris darin einen „unablässigen Aktivismus gegen die Interessen des Faso“, „neokoloniale Ambitionen“ sowie die aktive Unterstützung „subversiver und terroristischer Netzwerke“ vor – Anschuldigungen, die vom Élysée als feindselig und unbegründet zurückgewiesen wurden. Bemerkenswert ist dabei, dass dieser Schritt symbolisch stärker wirkte, als er praktisch veränderte: Frankreich unterhielt zu diesem Zeitpunkt bereits keinen Botschafter mehr in Ouagadougou, seine Streitkräfte hatten das Land Jahre zuvor verlassen, die militärische Zusammenarbeit ruhte längst. Der Politikwissenschaftler und Burkina-Faso-Spezialist Frédéric Lejeal ordnete den Bruch gegenüber Radio France Internationale entsprechend als folgerichtigen, seit Langem absehbaren Schritt ein, der zugleich die Frage aufwerfe, ob er die geopolitische Neuordnung im Rahmen der Allianz der Sahelstaaten beschleunigt oder Burkina Faso international weiter isoliert. Mali und Niger, die beiden anderen AES-Mitgliedstaaten, hatten ihre diplomatischen Beziehungen zu Frankreich bereits im Januar beziehungsweise Dezember 2023 abgebrochen; mit Burkina Faso vollzog nun der dritte Sahelstaat diesen Schritt. Um die Resonanz dieser Politik in Teilen Afrikas zu verstehen, hilft ein Blick auf das, was frankophone Beobachter „Françafrique“ nennen: das Netzwerk aus Militärabkommen, Elitenkontakten, Unternehmensbeziehungen, Geheimdienstverbindungen, Währungsstrukturen und Rohstoffinteressen, das nach der formalen Unabhängigkeit vieler ehemaliger französischer Kolonien in Westafrika bestehen blieb. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Paris jeden afrikanischen Präsidenten fernsteuerte – doch die strukturelle Asymmetrie zwischen einer ehemaligen Kolonialmacht mit fortbestehenden wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen und formal souveränen, aber wirtschaftlich abhängigen Staaten lässt sich schwer bestreiten. Traoré bedient dieses historische Gefühl gezielt, wenn er fragt, warum ein Land politisch unabhängig sein solle, während zentrale wirtschafts- und sicherheitspolitische Entscheidungen weiterhin von außen mitgeprägt würden. Russland: Schutzmacht, Geschäftspartner oder neuer Patron? Russland wurde für Burkina Faso zum zentralen geopolitischen Gegenpol – und dieser Prozess lässt sich in seinen materiellen Details erstaunlich präzise nachzeichnen. Bereits im Juli 2023, beim Russland-Afrika-Gipfel, traf Traoré persönlich mit Wladimir Putin zusammen. Nach der Verhaftung mehrerer burkinischer Offiziere im September 2023, denen ein Putschversuch vorgeworfen wurde, wuchs im Umfeld Traorés offenbar das Misstrauen gegenüber den eigenen Sicherheitsstrukturen; laut Berichten der Africa Report entstand daraufhin eine kleine, von Traorés Bruder Inoussa geleitete Palastwache. Am 24. Januar 2024 landete ein rund hundertköpfiges Kontingent der „Africa Corps“ – jener Nachfolgeorganisation der wegen Massakern, Vergewaltigungen, Folter und Plünderungen international schwer belasteten Wagner-Gruppe – in Burkina Faso, offiziell mit dem Auftrag, Traoré persönlich sowie die Bevölkerung vor Terroranschlägen zu schützen; eine Aufstockung um weitere zweihundert Mann war zu diesem Zeitpunkt bereits angekündigt. Anders als die frühere Wagner-Gruppe untersteht die Africa Corps offen dem russischen Verteidigungsministerium und dem Militärgeheimdienst GRU. Begleitet wurde die militärische Kooperation von handfesten wirtschaftlichen Gesten: Russland lieferte nach übereinstimmenden Berichten 25.000 Tonnen Weizen kostenlos und vereinbarte den Bau eines Kernkraftwerks – ein Vorhaben, dessen konkreter Realisierungsstand bislang unklar bleibt. Im Januar 2026 vertieften beide Seiten die rechtliche Basis ihrer Beziehungen weiter: Der russische Botschafter in Ouagadougou und Burkina Fasos Außenminister Karamoko Jean-Marie Traoré vereinbarten die Unterzeichnung eines Grundlagenabkommens sowie die Einrichtung einer russisch-burkinischen Regierungskommission für wirtschaftliche Zusammenarbeit – ausdrücklich auch im Rahmen der von Burkina Faso zu diesem Zeitpunkt präsidierten Allianz der Sahelstaaten (AES), der Konföderation aus Burkina Faso, Mali und Niger. Hier liegt die Versuchung nahe, Russland zum „guten“ Gegenmodell zum ehemaligen Kolonialverhältnis zu erklären. So einfach liegt der Fall nicht. Russland verfolgt erkennbar eigene Interessen: militärischen Einfluss in einer strategisch bedeutsamen Region, Zugang zu Rohstoffen und Märkten, diplomatische Rückendeckung in internationalen Gremien und die Zurückdrängung westlichen Einflusses. Der Sicherheitsanalyst Héni Nsaibia vom Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) beschreibt die Umbenennung von Wagner zur Africa Corps als strategisches Rebranding, mit dem Moskau seine paramilitärischen Auslandsengagements formal unter staatliche Kontrolle stellt, nachdem der Wagner-Name nach der Meuterei und dem Tod Jewgeni Prigoschins schwer beschädigt war. Zugleich mehren sich Hinweise auf operative Grenzen dieses Engagements: Eine im Januar 2026 in Small Wars Journal veröffentlichte Analyse beschreibt wachsenden öffentlichen Unmut in der Region über die Unfähigkeit der Africa Corps, wiederkehrende Treibstoffblockaden islamistischer Gruppen zuverlässig zu durchbrechen. Entscheidend ist womöglich weniger, ob Russland Interessen verfolgt, sondern wie diese durchgesetzt werden und welchen Preis Burkina Faso politisch dafür zahlt. Wenn Moskau Waffen und Sicherheitspersonal liefert, ohne im gleichen Maß politische Reformbedingungen zu stellen, wie sie westliche Partner traditionell verknüpften, kann dies für eine Militärregierung attraktiver erscheinen als ein Bündnis mit weitreichenden politischen Auflagen. Ob daraus auf lange Sicht ein gleichberechtigtes Verhältnis oder eine neue, subtilere Abhängigkeit entsteht, lässt sich aus der gegenwärtigen Beweislage nicht abschließend beurteilen. China: der kalkulierte, unauffälligere Akteur China spielt in diesem Gefüge eine andere, möglicherweise langfristig folgenreichere Rolle. Anders als Russland kann Peking etwas anbieten, worüber Moskau nur begrenzt verfügt: Kapital in erheblichem Umfang, Infrastrukturkompetenz, industrielle Fertigungskapazität und einen der größten Absatzmärkte der Welt. Die militärische Dimension der Beziehung ist inzwischen gut dokumentiert: Bereits im Juni 2024 erhielt Burkina Fasos Armee rund hundert gepanzerte Fahrzeuge aus chinesischer Produktion. Im August 2025 und erneut im Oktober 2025 folgten weitere umfangreiche Lieferungen des staatlichen chinesischen Rüstungskonzerns Norinco – darunter VN22B-Feuerunterstützungsfahrzeuge mit 105-Millimeter-Kanonen, SR5-Mehrfachraketenwerfer, SM6-Selbstfahrmörser sowie mutmaßlich sowjetisches beziehungsweise chinesisches Nachbauartilleriegerät –, die gezielt an die schnellen Eingreifbataillone der burkinischen Armee übergeben wurden. Präsident Traoré übernahm die feierliche Übergabe dieser Ausrüstung persönlich. Wirtschaftlich ist Burkina Faso bislang nur ein kleiner Baustein in Chinas deutlich umfassenderer Afrikastrategie. Nach Angaben des Global Foreign Direct Investment Center erreichte das chinesisch-afrikanische Handelsvolumen im ersten Halbjahr 2026 rund 209 Milliarden US-Dollar, während privatwirtschaftliche chinesische Unternehmen inzwischen fast die Hälfte aller chinesischen Afrika-Investitionen tragen – ein deutlicher Wandel gegenüber der früheren, stärker staatlich gelenkten Belt-and-Road-Logik. Anfang Mai 2026 weitete China zudem seine Zollbefreiungen auf sämtliche 53 afrikanischen Staaten aus, mit denen es diplomatische Beziehungen unterhält. Ob und in welchem Umfang sich dieses neue Investitionsmuster – direkte Beteiligung an Verarbeitungsanlagen statt reinem Rohstoffexport – auch in Burkina Fasos Bergbausektor niederschlägt, ist öffentlich bislang nicht im Detail belegt; die verfügbaren Quellen dokumentieren vor allem die militärische, weniger die zivile Investitionsseite der Beziehung. Und genau hier wird sich zeigen müssen, wie konsequent Traorés Souveränitätsrhetorik tatsächlich ist. Wenn die Regel lautet, der Westen dürfe das Gold des Landes nicht zu Bedingungen fördern, die Burkina Faso benachteiligen, muss dieselbe Prüfung folgerichtig auch für chinesische und russische Akteure gelten. Afrikanische Souveränität in dem von Traoré beanspruchten Sinn kann kaum bedeuten, Paris durch Peking oder Moskau zu ersetzen; sie müsste bedeuten, dass Ouagadougou selbst die Bedingungen jeder Partnerschaft bestimmt – unabhängig von der Herkunft des Partners. Die Kehrseite der Revolution Wer Traoré ausschließlich als Befreiungsfigur porträtiert, blendet einen entscheidenden Teil der verfügbaren Faktenlage aus. Der Prozess des Abbaus demokratischer Strukturen lässt sich chronologisch präzise rekonstruieren: Im Oktober 2025 löste die Regierung die unabhängige Wahlkommission auf. Am 29. Januar 2026 beschloss der Ministerrat unter Traorés Vorsitz per Dekret die vollständige Auflösung aller politischen Parteien und Gruppierungen – einschließlich jener Parteien, die seinen eigenen Putsch im September 2022 unterstützt hatten –, beschlagnahmte deren Vermögen und leitete Gesetzesvorhaben zur Streichung sämtlicher Rechtsgrundlagen für Parteienfinanzierung und den Status des Oppositionsführers ein. Bereits zuvor, im Mai 2024, hatte die Junta ihre eigene Amtszeit nach dem Boykott landesweiter Verhandlungen durch die politische Opposition um weitere fünf Jahre bis 2029 verlängert. Anfang April 2026 erklärte Traoré in einer im Staatsfernsehen ausgestrahlten Runde mit in- und ausländischen Journalisten wörtlich, die Bevölkerung müsse „die Frage der Demokratie vergessen“, Demokratie sei „nichts für uns“ und unter Verweis auf Libyen sogar „tödlich“. Von Wahlen sei vorerst schlicht keine Rede. Nur zwei Tage zuvor, am 2. April 2026, veröffentlichte Human Rights Watch nach einer mehrjährigen Recherche mit rund 450 Interviews einen 316 Seiten starken Bericht mit dem Titel „None Can Run Away“. Er dokumentiert 57 verifizierte Vorfälle in elf Regionen des Landes zwischen Januar 2023 und August 2025 und kommt zu dem Schluss, dass burkinisches Militär, die ihm verbündeten „Freiwilligen zur Verteidigung des Vaterlandes“ (VDP) sowie die al-Qaida-nahe Gruppe JNIM seit 2023 gemeinsam mehr als 1.800 Zivilisten getötet und Zehntausende gewaltsam vertrieben haben – Handlungen, die nach Einschätzung der Organisation den Tatbestand von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfüllen. Besonders schwer wiegt dabei der Vorwurf, das Vorgehen von Militär und verbündeten Milizen gegen die überwiegend nomadisch lebende Fulani-Bevölkerung komme, so Human Rights Watch, einer ethnischen Säuberung gleich. Einer der schwersten dokumentierten Einzelvorfälle ereignete sich im Dezember 2023, als burkinisches Militär und verbündete Milizen in rund sechzehn Dörfern nach Angaben der Organisation mehr als 400 Zivilisten töteten. Nach Zahlen des Armed Conflict Location & Event Data Project wurden seit 2016 landesweit mindestens 10.600 Zivilisten getötet – eine Größenordnung, die dem Konflikt trotz seiner Schwere international bislang vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit einbrachte. Human Rights Watch betont zugleich, dass auch JNIM und der mit dem „Islamischen Staat“ verbundene IS Sahel für zahlreiche Massaker, Belagerungen und gezielte Tötungen verantwortlich sind, etwa bei einem Angriff auf Djibo im Mai 2025, bei dem hunderte Kämpfer eine Militärbasis überrannten und mindestens 26 Zivilisten exekutierten. Parallel dazu engte die Regierung den Handlungsspielraum unabhängiger Medien, ausländischer Nichtregierungsorganisationen und der Zivilgesellschaft spürbar ein, zog Burkina Faso aus der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS sowie aus dem Internationalen Strafgerichtshof zurück und verschärfte im September 2025 mit einem neuen Gesetz die strafrechtliche Verfolgung einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Beziehungen, die seither mit zwei bis fünf Jahren Haft geahndet werden können. Die internationale Reaktion auf diese Entwicklungen blieb – anders als auf die außenpolitischen Zäsuren gegenüber Frankreich – bemerkenswert verhalten; weder die Europäische Union noch die Vereinten Nationen noch die meisten westlichen Regierungen äußerten sich bislang mit vergleichbarer Deutlichkeit zu Traorés offener Abkehr von demokratischen Verfahren. Offene Fragen statt bequemer Antworten Die naheliegende, aber zu einfache Frage lautet: Ist Traoré der Befreier und Frankreich der Bösewicht dieser Geschichte? Die tatsächlich relevante Frage ist eine andere und lässt sich derzeit nicht seriös beantworten: Kann Burkina Faso wirtschaftliche und geopolitische Souveränität gewinnen, ohne dafür dauerhaft politische Freiheit und die physische Sicherheit erheblicher Teile seiner eigenen Bevölkerung zu opfern? Die verfügbare Faktenlage lässt beide Lesarten offen. Wer auf die Verstaatlichung von Goldminen, den Bruch mit Paris und die mediale Symbolkraft eines jungen, uniformierten Präsidenten blickt, sieht den Versuch eines strukturellen Neuanfangs. Wer auf die Auflösung aller Parteien, die Aussetzung von Wahlen bis mindestens 2029, den von Human Rights Watch dokumentierten Umgang mit der Fulani-Bevölkerung und die wachsende Abhängigkeit von russischer Sicherheitsinfrastruktur blickt, sieht eher die Anzeichen einer sich verfestigenden, zunehmend unkontrollierten Militärherrschaft. Beide Beobachtungen schließen einander nicht aus, und genau darin liegt vermutlich die eigentliche historische Unsicherheit dieses Falls: Die klassische Gefahr revolutionärer Souveränitätsprojekte besteht darin, dass der Kampf um nationale Unabhängigkeit irgendwann selbst zur Legitimationsgrundlage permanenter innerer Machtkonzentration wird – unabhängig davon, ob der neue außenpolitische Partner Paris, Moskau oder Peking heißt. Ob Burkina Faso diesem Muster entkommt oder ob am Ende lediglich eine alte Abhängigkeit durch mehrere neue, diffusere ersetzt wird, lässt sich aus der Gegenwart heraus nicht entscheiden. Es ist eine Frage, die erst die kommenden Jahre beantworten werden – und die Antwort dürfte weniger von der Rhetorik der Souveränität abhängen als davon, wem gegenüber diese Souveränität am Ende tatsächlich Rechenschaft ablegen muss. Quellen (Auswahl) Human Rights Watch: „None Can Run Away“: War Crimes and Crimes Against Humanity in Burkina Faso by All Sides, 2. April 2026; sowie World Report 2026, Länderkapitel Burkina Faso Al Jazeera, France 24, Euronews, Reuters (via Nachrichten.fr, Africa Live/RFI): Berichterstattung zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Frankreich, Juni 2026 Reuters (via MarketScreener, Berliner Zeitung): Berichterstattung zu Traorés Äußerungen zur Demokratie, April 2026 Mugglehead Investment Magazine, MarketScreener, Rohstoff-Welt, Klamm.de: Berichterstattung zur Verstaatlichung der Goldminen und zu SOPAMIB, 2024–2026 Table.Briefings: Hintergrundbericht zu Endeavour Mining, Lilium und dem burkinischen Goldsektor Africa Defense Forum, CNN, Foreign Policy, OSW Centre for Eastern Studies, taz, Greydynamics: Berichterstattung zur Africa Corps und russisch-burkinischer Sicherheitskooperation AllAfrica (fr.): Bericht zur russisch-burkinischen Zusammenarbeit im Rahmen der AES, Januar 2026 DefenceWeb, Jane's Defence Intelligence, The North Africa Post: Berichterstattung zu chinesischen Waffenlieferungen an Burkina Faso, 2024–2025 Berliner Zeitung: Bericht zu chinesischen Afrika-Investitionen, 2026 Web.de, Telepolis, Internationale Politik, Monde Diplomatique, Amnesty Journal, Australian Institute of International Affairs: Analysen zu Traorés medialer Inszenierung, Personenkult und panafrikanischer Symbolik Wikipedia (deutsch/englisch): biografische Eckdaten zu Ibrahim Traoré
von Holger H. Hohlfeld 1. August 2026
Die Netzwerke der Macht Was die letzten hundert Jahre über Politik, Kapital, Geheimdienste und Medien erzählen Die vielleicht größte Fehlannahme moderner politischer Bildung lautet: Macht sitze hauptsächlich im Parlament. Natürlich besitzen gewählte Regierungen Macht. Aber reale, dauerhaft wirksame Macht verteilt sich auf wesentlich mehr Knoten eines Netzwerks, das über Wahlzyklen hinweg erstaunlich stabil bleibt: Banken, Rüstungskonzerne, Geheimdienste, Medienhäuser, Stiftungen, Universitäten, Think Tanks, internationale Organisationen, Technologiekonzerne – und vor allem jene Menschen, die zwischen diesen Welten wechseln, häufig mehrfach im Laufe einer einzigen Karriere. Der Begriff der „Machtelite“ ist keine Erfindung des Internetzeitalters. Bereits 1956 veröffentlichte der amerikanische Soziologe C. Wright Mills mit „The Power Elite“ eine bis heute einflussreiche wissenschaftliche Analyse, die drei eng miteinander verflochtene Machtblöcke identifizierte: militärische, wirtschaftliche und politische Eliten. Mills' zentrale These lautete, diese drei Bereiche seien in der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft so eng personell und institutionell verzahnt, dass der einzelne Bürger – anders als es das demokratische Selbstverständnis nahelegt – gegenüber ihren gemeinsamen Entscheidungen weitgehend machtlos bleibe. Das Buch löste seinerzeit erhebliche akademische Kontroversen aus, insbesondere gegenüber der damals dominierenden pluralistischen Sozialtheorie, die Macht als breit gestreut und durch demokratische Institutionen wirksam kontrolliert beschrieb. Unabhängig davon, welcher Seite dieser Debatte man folgt, begründete Mills damit ein bis heute produktives Forschungsfeld: die sozialwissenschaftliche Analyse von Elitezirkulation und institutioneller Machtkonzentration, jenseits tagespolitischer Zuspitzung. Macht muss nicht zentral gesteuert werden Das ist vielleicht der wichtigste methodische Punkt dieser gesamten Betrachtung. Nimmt man hundert einflussreiche Personen, müssen sie sich nicht heimlich treffen und gemeinsam einen Weltplan beschließen, damit ihr Handeln koordiniert erscheint. Es genügt, wenn sie ähnliche Interessen besitzen, ähnliche Universitäten besucht haben, ähnliche Grundannahmen über Wirtschaft und Außenpolitik teilen, in überlappenden Gremien sitzen und regelmäßig miteinander kommunizieren. Aus dieser Konstellation entsteht Konvergenz ohne jede zentrale Kommandostruktur – ein Phänomen, das in der Organisationsforschung längst gut beschrieben ist und in Unternehmen als völlig selbstverständlich gilt. Warum sollte es sich in der Politik grundlegend anders verhalten? John McCloy als historisches Lehrstück Kaum eine einzelne Biografie illustriert diese Mechanik so präzise wie die des amerikanischen Juristen und Beamten John J. McCloy, dessen Lebenslauf der Journalist und Pulitzer-Preisträger Kai Bird in seiner mehr als 800 Seiten umfassenden Biografie „The Chairman: John J. McCloy and the Making of the American Establishment“ (1992) minutiös rekonstruiert hat. McCloy, als Sohn eines früh verstorbenen Versicherungsangestellten in bescheidenen Verhältnissen in Philadelphia aufgewachsen, arbeitete sich zunächst als Wall-Street-Anwalt hoch, ehe er 1941 unter Kriegsminister Henry Stimson zum stellvertretenden Kriegsminister der Vereinigten Staaten aufstieg. Es folgten, in bemerkenswerter Dichte: die Präsidentschaft der Weltbank von 1947 bis 1949, das Amt des amerikanischen Hochkommissars für das besetzte Deutschland von 1949 bis 1952 – in dieser Funktion prägte er maßgeblich die westdeutsche Nachkriegsordnung mit –, anschließend die Position des Chairman der Chase Manhattan Bank, der Hausbank der Familie Rockefeller, von 1953 bis 1961 die Chairmanship der Ford Foundation, außerdem eine Mitgliedschaft in der Warren-Kommission zur Untersuchung des Kennedy-Attentats sowie, über nahezu zwei Jahrzehnte hinweg von 1953 bis 1970, den Vorsitz des Council on Foreign Relations. Der Historiker Richard Rovere prägte für ihn die bis heute zitierte Formel vom „Chairman of the Board of the American Establishment“; ein Vertrauter Präsident Lyndon B. Johnsons, der Sicherheitsberater McGeorge Bundy, notierte 1965 in einem Memo an den Präsidenten wörtlich, der Schlüssel zu einflussreichen Unterstützern liege „bei diesen Männern – bei McCloy“. Ist das Beweis einer geheimen Schattenregierung? Nein – dafür findet sich in keiner der verfügbaren, quellenkritisch gearbeiteten Darstellungen ein belastbarer Hinweis, und Kai Bird selbst hält sich in seiner Biografie erkennbar mit weitreichenden Schlussfolgerungen zurück. Aber genau so, in Form einer über Jahrzehnte akkumulierten Ansammlung formal unabhängiger, tatsächlich aber personell eng verflochtener Spitzenämter in Finanzwesen, Diplomatie, internationalen Institutionen und ziviler Kriegsverwaltung, sieht historisch dokumentierte institutionelle Machtkonzentration aus – nicht als Verschwörung, sondern als kumulative Karrierestruktur, die einer einzelnen Person über Jahrzehnte hinweg gleichzeitigen Zugang zu mehreren der zentralen Machtzentren der westlichen Nachkriegsordnung verschaffte. Der Council on Foreign Relations Der Council on Foreign Relations (CFR), gegründet 1921 in New York, ist ein weiteres Beispiel für eine Institution, die in populären Darstellungen häufig zur mystifizierten „Weltregierung“ überhöht wird, tatsächlich aber wesentlich nüchterner zu beschreiben ist. Der CFR ist keine geheime Weltregierung – seine Mitgliederliste, seine Publikationen und ein erheblicher Teil seiner Veranstaltungen sind öffentlich einsehbar, und die Organisation selbst tritt seit Jahrzehnten offen als außenpolitischer Debattenraum auf. Aber er bringt seit mehr als hundert Jahren systematisch führende Persönlichkeiten aus Außenpolitik, Finanzwelt, Wissenschaft, Unternehmen und Medien zusammen, organisiert eigene Fachprogramme – etwa das seit 1985 nach McCloy benannte Programm für internationale Beziehungen, das ausdrücklich seinem intellektuellen Erbe gewidmet ist – und gibt mit der Zeitschrift Foreign Affairs eines der weltweit einflussreichsten außenpolitischen Fachjournale heraus. Solche Netzwerke besitzen Einfluss nicht zwangsläufig durch formelle Befehlsketten. Einfluss entsteht stattdessen durch Zugang zu Entscheidungsträgern, durch privilegierten Informationsfluss, durch akkumulierte Reputation, durch die Steuerung von Personalflüssen zwischen Regierung und Privatsektor sowie durch das, was die Politikwissenschaft „Agenda-Setting“ nennt: die Fähigkeit, mitzubestimmen, welche Themen überhaupt als diskussionswürdig gelten. Wer maßgeblich mitentscheidet, welche Experten in einer Debatte als „seriös“ und „mainstream“ gelten und welche nicht, besitzt bereits eine erhebliche, oft unterschätzte Form von Macht – eine Form, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie selten als Macht im engeren Sinne wahrgenommen wird. Medien als Verstärker Politische Macht benötigt gesellschaftliche Legitimation, und hier kommen Medien strukturell ins Spiel. Das bedeutet nicht, dass einzelne Journalisten morgens telefonische Anweisungen von Bankiers erhielten – ein solches Zerrbild würde die tatsächliche Funktionsweise moderner Medienökonomie eher verschleiern als erklären. Das System funktioniert erheblich subtiler, wie bereits 1988 die amerikanischen Wissenschaftler Edward S. Herman und Noam Chomsky in ihrer vielzitierten, empirisch mit zahlreichen Fallstudien unterlegten Studie „Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media“ herausgearbeitet haben. Ihr sogenanntes Propagandamodell beschreibt fünf strukturelle Filter, die redaktionelle Auswahlprozesse in kapitalistischen Mediensystemen prägen, ohne dass es dafür einer bewussten Steuerung bedürfte: die Eigentumsverhältnisse der Medienunternehmen selbst, ihre Abhängigkeit von Werbeeinnahmen, ihre strukturelle Angewiesenheit auf offizielle und damit meist mächtige Quellen, die Wirkung organisierter Gegenreaktionen auf unerwünschte Berichterstattung sowie – als ursprünglich fünften Filter des Kalten Krieges, den Chomsky selbst später durch die Furcht vor Terrorismus als funktional äquivalentes Ordnungsprinzip ersetzt sah – eine gemeinsame ideologische Feindbildkonstruktion, die abweichende Positionen leicht delegitimieren kann. Das Modell wurde seither in zahlreichen Ländern – darunter Großbritannien, Deutschland, Spanien und mehrere lateinamerikanische Staaten – empirisch angewendet und, trotz methodischer Kritik im Detail, in seinen Grundzügen wiederholt bestätigt. In der Praxis bedeutet das: Eigentümer entscheiden über Führungsstrukturen und personelle Besetzungen. Chefredaktionen entscheiden über Personal und redaktionelle Linien. Redaktionen entscheiden im Tagesgeschäft, welche von unzähligen möglichen Themen überhaupt Beachtung finden. Nachrichtenagenturen bestimmen maßgeblich, welche Ereignisse weltweit als berichtenswert gelten. Digitale Plattformen entscheiden schließlich über algorithmische Reichweite. Aus dieser mehrstufigen Kette entsteht ein Trichter: Von Millionen täglicher Ereignisse gelangen einige Tausend überhaupt in mediale Berichterstattung, einige Hundert davon auf prominente Startseiten, ein knappes Dutzend prägt tatsächlich den öffentlichen Tagesdiskurs. Das ist, unabhängig von jeder Verschwörungsvermutung, eine strukturell erhebliche Form von Macht. Und das "Kapital"? Kapital besitzt eine Eigenschaft, über die politische Institutionen kaum verfügen: Es kann Staatsgrenzen mühelos überschreiten und ist an keinen Wahlzyklus gebunden. Eine Regierung wird periodisch gewählt und muss regelmäßig um Legitimation ringen. Eine große Investmentgesellschaft kann demgegenüber gleichzeitig, oft über passive Indexfonds, Minderheitsanteile an Tausenden börsennotierten Unternehmen gleichzeitig halten. Ein multinationaler Großkonzern kann parallel Lobbybüros in Washington, Brüssel, London und Berlin unterhalten und seine Interessenvertretung entsprechend an lokale politische Konstellationen anpassen. Eine gut dotierte Stiftung kann über Jahrzehnte hinweg dieselben Forschungsprogramme, Think Tanks oder akademischen Lehrstühle finanzieren, während in derselben Zeitspanne zehn verschiedene Regierungen kommen und gehen. Genau aus dieser strukturellen Langlebigkeit ergibt sich, warum dauerhafte Institutionen für eine seriöse Machtanalyse häufig aufschlussreicher sind als einzelne, naturgemäß zeitlich befristete Politikerkarrieren. Kein metaphysisches Gut-Böse-Schema nötig Reinhard Mey machte die Formulierung „Halt du sie dumm, ich halte sie arm“ in seinem Lied „Sei wachsam“ populär. Als Metapher beschreibt sie ein historisch altbekanntes Machtprinzip: Ökonomische Abhängigkeit reduziert den individuellen Handlungsspielraum, während gezielte Informationskontrolle die Fähigkeit einschränkt, diese Abhängigkeit überhaupt als solche zu erkennen. Für diese Beobachtung braucht es keine Vorstellung einer „satanischen Weltregierung“ oder eines allmächtigen, im Verborgenen agierenden Geheimzirkels. Wer die beschriebenen Mechanismen spirituell als Kampf zwischen kosmischem Gut und Böse deuten möchte, kann das persönlich selbstverständlich tun – eine nüchterne historische und sozialwissenschaftliche Untersuchung benötigt dafür jedoch keine metaphysische Zusatzannahme. Bereits die empirisch sichtbaren, dokumentierten Machtstrukturen – Personalflüsse zwischen Regierung und Privatsektor, Stiftungsfinanzierung, Medieneigentum, institutionelle Netzwerke wie CFR oder vergleichbare transatlantische Foren – sind analytisch interessant genug, um sie ohne zusätzliche Verschwörungsannahmen fruchtbar zu untersuchen. Die eigentlich ergiebige investigative Frage lautet deshalb praktisch nie: „Wer kontrolliert alles?“ – eine Frage, die methodisch fast zwangsläufig ins Spekulative abgleitet, weil sie eine zentrale, monolithische Steuerungsinstanz voraussetzt, für deren Existenz sich in der seriösen Forschung kein Beleg findet. Ergiebiger ist eine deutlich bescheidenere, aber präziser beantwortbare Fragestellung: Wer finanziert wen? Wer kennt wen, und über welche gemeinsamen Institutionen? Wer profitiert konkret von welcher politischen Entscheidung? Wer erhält Zugang zu Entscheidungsträgern, und wer darf tatsächlich Entscheidungen beeinflussen, ohne dafür jemals öffentlich zur Rechenschaft gezogen zu werden? Genau an diesem Punkt – nicht bei der Suche nach einem imaginären Zentrum der Macht, sondern bei der geduldigen Kartierung realer, dokumentierbarer Verbindungen – beginnt tatsächliche, belastbare Machtanalyse. Quellen (Auswahl) C. Wright Mills: The Power Elite (Oxford University Press, 1956), zitiert nach Wikipedia, SozTheo, Marxists Internet Archive Kai Bird: The Chairman: John J. McCloy and the Making of the American Establishment (Simon & Schuster, 1992), zitiert nach Goodreads, The Free Library, MIT Press Bookstore Wikipedia (englisch): John J. McCloy, David Rockefeller, Council on Foreign Relations Council on Foreign Relations (cfr.org): „The John J. McCloy Program on International Relations“ Edward S. Herman, Noam Chomsky: Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media (Pantheon Books, 1988), zitiert nach Wikipedia (deutsch/englisch), Kontrast.at, Communication Theory, Neues Deutschland Reinhard Mey: „Sei wachsam“ (Liedtext, populäre Formulierung als Zitatquelle für das Machtprinzip)
von Holger H. Hohlfeld 31. Juli 2026
Russland kann die Ukraine nicht besiegen – aber 2029 die NATO angreifen? Der erstaunliche Widerspruch zwischen westlicher Siegesrhetorik, dem neuen Kriegs-Countdown und dem, was die zugrunde liegenden Geheimdienstanalysen tatsächlich sagen Eine Frage müsste eigentlich viel häufiger gestellt werden: Die Ukraine wird gewinnen, Russland ist militärisch erschöpft und wirtschaftlich geschwächt – aber keine Sorge: 2029 steht die russische Armee dann angeblich vor unserer Tür. Diese Logik muss man nicht verstehen. Man muss sie offenbar nur oft genug wiederholen. Deutschland. Polen. Frankreich. Großbritannien. 32 NATO-Staaten. Drei Atommächte im Bündnis. Eine Wirtschaftskraft, die jene Russlands um ein Vielfaches übersteigt. Wo ist die Logik? Denn gleichzeitig hören wir seit Monaten einen bemerkenswert präzisen Countdown: 2029 . Bis dahin müsse Deutschland „kriegstüchtig" werden. Bis 2030 müsse Europa verteidigungsbereit sein. Russland könne anschließend NATO-Gebiet angreifen. Nur: Liest man genauer, was Geheimdienste und Militärs tatsächlich sagen, verändert sich die Geschichte erheblich. Aus „Russland wird uns 2029 angreifen" wird plötzlich: Russland könnte unter bestimmten Voraussetzungen bis zum Ende des Jahrzehnts wieder genügend militärische Fähigkeiten aufgebaut haben, um einen begrenzten Angriff oder Test gegen NATO-Staaten wagen zu können – insbesondere dann, wenn der Ukrainekrieg beendet ist, die USA ihre Präsenz reduzieren und Moskau die NATO für politisch gespalten hält. Das ist etwas völlig anderes. Und genau diese Unterscheidung verschwindet erstaunlich häufig aus der politischen Kommunikation. „Russland kann diesen Krieg nicht gewinnen" Am 17. Juni 2026 erklärte die Bundesregierung ungewöhnlich deutlich: „Russland kann diesen Krieg militärisch nicht gewinnen." Sie verwies auf die ukrainische Widerstandsfähigkeit, westliche Unterstützung und wachsenden wirtschaftlichen Druck auf Russland. Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte es am 3. Juli 2026 gemeinsam mit den baltischen Staaten praktisch wortgleich und bezeichnete Russland dabei sogar als gegenwärtig schwächer als seit Jahren. Auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte klingt zeitweise geradezu spöttisch. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2026 verglich er das Tempo des russischen Vormarsches mit dem einer Gartenschnecke: „Dieser sogenannte russische Bär existiert nicht – unterm Strich bewegt sich das kaum schneller als eine Gartenschnecke." Er verwies dabei auf enorme russische Verluste – laut NATO-Angaben allein im Dezember 2025 rund 35.000 und im Januar 2026 weitere 30.000 gefallene Soldaten, kumuliert auf rund 1,3 Millionen Tote und Verwundete seit Kriegsbeginn. Im Juni ging Rutte noch weiter: Russland könne die Ukraine an der Front nicht besiegen und greife deshalb verstärkt Städte und Infrastruktur an. Halten wir also zunächst fest: Russlands Heer benötigt Jahre für vergleichsweise geringe Geländegewinne, die russische Wirtschaft steht unter erheblichem Kriegsdruck, hunderttausende Soldaten wurden getötet oder verwundet, und westliche Waffen, Aufklärung sowie ukrainische Kampfkraft verhindern einen russischen Sieg. Soweit die eine Erzählung. „2029 könnte Russland uns angreifen" Und jetzt wechseln wir praktisch ohne Übergang in dieselbe politische Debatte. Verteidigungsminister Boris Pistorius erklärte bereits 2024, Deutschland müsse bis 2029 „kriegstüchtig" sein, weil Russland auf Kriegswirtschaft umgestellt habe und langfristig auch die NATO bedrohen könne. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil präzisierte später die eigentliche Geheimdienstbewertung: Sicherheitskreise gingen davon aus, dass Putin spätestens 2029 in der Lage sein könnte, NATO-Territorium anzugreifen. Entscheidend ist ein Satz, der in der Schlagzeile meist verlorengeht: „Das heißt nicht, dass er es tut – sondern dass er es kann." Aus einer Fähigkeitsprognose wird politisch schnell eine Angriffsprognose. Der britische Premierminister Keir Starmer formulierte es am 5. Juni 2026 ähnlich dramatisch und nutzte die Einschätzung britischer und anderer NATO-Geheimdienste – Russland könne die NATO bereits 2030 angreifen – ausdrücklich zur Begründung steigender Verteidigungsausgaben und eines neuen Defence Investment Plan. Interessanterweise war die britische Militärführung zuvor deutlich vorsichtiger: Der britische Chief of the Defence Staff erklärte Ende 2025, ein größerer direkter russischer Angriff auf Großbritannien werde von Analysten weiterhin nur als „entferntes Risiko" eingeschätzt, und warnte ausdrücklich davor, komplexe Risiken auf einfache Jahreszahlen herunterzubrechen. Auch die Europäische Union hat inzwischen einen Namen dafür: „Defence Readiness 2030". Ihr Weißbuch fordert, Europa müsse bis 2030 für schwerste militärische Szenarien vorbereitet sein – mit Vorräten, Luftverteidigung, militärischer Mobilität, Drohnen und Präzisionswaffen. EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius formulierte Anfang 2026 Szenarien, wonach Geheimdienste einen möglichen russischen Test der NATO schon in wenigen Jahren für denkbar hielten. Damit entsteht ein politischer Countdown: 2029 Deutschland, 2030 Großbritannien, 2030 EU, 2030 NATO. Fast könnte man meinen, der Termin stehe bereits in Putins Kalender. Nur steht genau das in den zugrunde liegenden Geheimdienstanalysen nicht. Was die Geheimdienste tatsächlich sagen Besonders aufschlussreich ist die öffentlich zugängliche Analyse des dänischen Militärnachrichtendienstes FE. Sie beschreibt die Logik wesentlich differenzierter: Russland könne innerhalb von etwa zwei bis fünf Jahren wieder genügend konventionelle Fähigkeiten aufbauen, um eine glaubwürdige militärische Bedrohung für die NATO darzustellen. Aber dieselbe Analyse sagt auch: Solange der Krieg in der Ukraine mit hoher Intensität weitergeht, wird Russland Schwierigkeiten haben, seine Streitkräfte wieder vollständig aufzubauen – die dänischen Analysten erwarten sogar, dass Russland bei fortgesetzter Kriegsintensität Mühe haben wird, seine konventionellen Fähigkeiten überhaupt wieder auf das Niveau vor der Invasion 2022 zu bringen. Noch bemerkenswerter: Die dänischen Analysten halten es für sehr wahrscheinlich, dass Russland derzeit gerade keinen direkten Krieg mit einem NATO-Staat provozieren möchte, solange die NATO geschlossen und militärisch überlegen bleibt. Und plötzlich ergibt der berühmte 2029-Countdown einen ganz anderen Sinn. Das eigentliche Szenario: Was passiert nach der Ukraine? Die Bedrohungsanalyse basiert nicht primär auf der Vorstellung, Russland besiege morgen die Ukraine und marschiere anschließend bis Berlin. Sie basiert vielmehr auf einem Nachkriegsszenario: Der Ukrainekrieg endet oder friert ein, hunderttausende russische Soldaten werden frei, die russische Kriegsindustrie produziert weiter, Russland baut neue Verbände auf, die USA reduzieren ihre militärische Präsenz in Europa, die Europäer bleiben militärisch zerstritten – und Moskau gewinnt den Eindruck, Artikel 5 funktioniere politisch möglicherweise nicht mehr zuverlässig. Erst dann, so die eigentliche Logik, könnte Russland versuchen, die NATO zu testen. Das könnte ganz anders aussehen als eine Invasion Deutschlands: eine begrenzte Operation im Baltikum, ein Grenzzwischenfall, die Besetzung weniger Quadratkilometer, eine militärische Provokation, eine Blockade, ein Angriff auf Infrastruktur, oder die Kombination aus Cyberangriff, Sabotage und militärischem Druck. Das Ziel wäre möglicherweise nicht, Europa zu erobern, sondern herauszufinden, ob Washington tatsächlich bereit wäre, wegen Estland, Lettland oder Litauen einen Krieg mit einer Atommacht zu beginnen. Der deutsche General Alexander Sollfrank brachte genau diese Unterscheidung auf den Punkt: Ein begrenzter Angriff sei theoretisch wesentlich früher möglich als eine großangelegte Operation gegen das gesamte Bündnis. Die strategische Logik ist damit nachvollziehbar – die politische Schlagzeile „Russland greift uns 2029 an" bleibt trotzdem eine massive Verkürzung. Schwache Landstreitkräfte, intakte Rüstungsindustrie Auch hier werden in der Öffentlichkeit häufig zwei Dinge vermischt. Russlands Landstreitkräfte haben in der Ukraine erhebliche Verluste erlitten. Aber Russland besitzt weiterhin Atomwaffen, Langstreckenraketen, Luftwaffe, U-Boote, Marineeinheiten außerhalb des Schwarzen Meeres, Cyberfähigkeiten und Geheimdienste – und hat seine Rüstungsproduktion massiv hochgefahren. Der dänische Nachrichtendienst kommt zu dem Ergebnis, dass Russland 2023 und 2024 mehr Artilleriemunition produzierte als die NATO-Staaten zusammen; Rutte erklärte Ende 2025, Russland produziere monatlich tausende Angriffsdrohnen und habe seine Produktion von Marschflugkörpern und ballistischen Raketen erheblich ausgeweitet. Hier liegt deshalb kein vollständiger Widerspruch vor. Ein Land kann bei der Invasion eines großen, hoch motivierten und vom Westen massiv unterstützten Nachbarstaates scheitern und trotzdem genügend Raketen-, Luft-, Marine- oder Spezialkräfte besitzen, um einen kleineren NATO-Staat gefährlich herauszufordern. Das ist etwas anderes als die Vorstellung russischer Panzer vor Berlin. Was sagt Russland eigentlich selbst? Putin bestreitet seit Jahren ausdrücklich, NATO-Staaten angreifen zu wollen. Im Juni 2025 bezeichnete er die Behauptung, Russland plane einen Angriff auf Europa oder die NATO, als absurde Erfindung; noch im Juni 2026 fragte er öffentlich sinngemäß, warum Russland Europa oder die NATO überhaupt angreifen sollte, und wiederholte das Wort „absurd". Der Kreml erklärte im Dezember 2025, ein Angriff auf NATO-Territorium wäre angesichts der konventionellen Überlegenheit des Bündnisses aus russischer Sicht schlicht unvernünftig. Außenminister Sergej Lawrow weist dieselben Warnungen regelmäßig zurück. Liest man nur diese Aussagen, könnte man zu dem Schluss kommen, Europa produziere eine Bedrohung, die Russland selbst gar nicht formuliert. Aber das wäre zu einfach. Denn Moskau spricht gleichzeitig eine sehr andere Sprache. Putin sagte im Dezember 2025 ebenfalls, Russland wolle keinen Krieg mit Europa – „wenn Europa aber einen Krieg beginne, sei Russland bereit", und drohte dabei mit einer extrem schnellen und vernichtenden militärischen Reaktion. Lawrow bezeichnete NATO und EU zeitweise als Akteure, die über die Ukraine faktisch bereits einen „realen Krieg" gegen Russland führten. Russland erklärt ausdrücklich, dass ausländische NATO-Truppen in der Ukraine als legitime militärische Ziele betrachtet würden, und das Außenministerium warnt 2026 offen davor, eine direkte NATO-Russland-Konfrontation könne sehr schnell bis zu einem nuklearen Schlagabtausch eskalieren. Erst kürzlich drohte Putin zudem, europäische Schiffe festzusetzen, sollten europäische Staaten russische Handelsschiffe beschlagnahmen. Das klingt nicht gerade nach pazifistischer Zurückhaltung. Die Wahrheit liegt deshalb weder in „Russland bedroht niemanden" noch in „Putin hat angekündigt, 2029 die NATO anzugreifen". Das Zweite hat er schlicht nicht getan. Die Vorgeschichte: wer provoziert hier eigentlich wen? Jetzt wird es politisch unbequem. Die westliche Erzählung beginnt meist im Februar 2022, als Russland in die Ukraine einmarschierte – das ist völkerrechtlich zweifellos der zentrale Ausgangspunkt des heutigen Krieges. Doch die geopolitische Vorgeschichte reicht weiter zurück. Beim NATO-Gipfel in Bukarest 2008 beschlossen die Bündnisstaaten ausdrücklich, dass Ukraine und Georgien eines Tages NATO-Mitglieder werden sollen – das steht bis heute in den offiziellen NATO-Dokumenten. Russland bezeichnete genau diese Entwicklung über Jahre als fundamentale Sicherheitsbedrohung und legte im Dezember 2021 den USA und der NATO sogar Vertragsentwürfe vor, die eine weitere NATO-Erweiterung – insbesondere um die Ukraine – ausdrücklich ausschließen sollten. Der Westen hielt dagegen: Russland besitze kein Vetorecht darüber, welchem Bündnis ein souveräner Staat beitreten dürfe. Auch diese Position ist nachvollziehbar.  Und genau hier liegt das klassische Sicherheitsdilemma, das sich je nach Blickwinkel spiegelverkehrt liest. Aus westlicher Sicht: Polen wollte NATO-Mitglied werden, die baltischen Staaten wollten es werden, Finnland und Schweden entschieden nach Russlands Großangriff selbst, dem Bündnis beizutreten – eine freiwillige Erweiterung eines Verteidigungsbündnisses, die niemanden bedrohe, weil jeder europäische Staat selbst über seine Bündnisse entscheiden dürfe. Aus russischer Sicht sieht dieselbe Karte vollkommen anders aus: ein im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion gegründetes Militärbündnis, das sich über Jahrzehnte immer weiter nach Osten bewegt hat – Polen, Baltikum, Finnland, perspektivisch die Ukraine – und das Moskau folgerichtig als militärische Einkreisung wahrnimmt. Das erklärt den Konflikt. Es entschuldigt nicht automatisch den russischen Einmarsch. Aber wer die Vorgeschichte ignoriert, erklärt Geopolitik wie einen Kriminalfall, der erst mit dem letzten Schuss beginnt. Und der Westen kämpft längst sehr unmittelbar mit Auch die Behauptung, die NATO habe mit diesem Krieg überhaupt nichts zu tun, ist inzwischen schwer aufrechtzuerhalten. NATO-Staaten liefern Waffen, Munition, Luftverteidigung, Satelliten- und Geheimdienstinformationen, Ausbildung und Finanzierung. Rutte bestätigte im Juni 2026 ausdrücklich, dass die USA der Ukraine weiterhin kritische Geheimdienstinformationen zur Verfügung stellen. Russland wiederum wirft Washington aktuell sogar direkte Unterstützung ukrainischer Angriffe auf russisches Territorium durch Nachrichtendaten vor; Washington weist beziehungsweise relativiert Teile dieser Vorwürfe. Der Krieg ist damit militärisch weiterhin Russland gegen die Ukraine, strategisch aber längst auch Russland gegen einen von NATO-Staaten finanzierten, bewaffneten und nachrichtendienstlich unterstützten Gegner. Das erklärt, warum Moskau diesen Krieg zunehmend als Auseinandersetzung mit dem Westen selbst beschreibt. Warum die berühmte Frage trotzdem berechtigt bleibt Zurück zum Ausgangspunkt: Wenn Russland nach vier Jahren nicht einmal die Ukraine besiegen kann, warum sollte es freiwillig einen Krieg mit der gesamten NATO beginnen? Unter normalen Bedingungen wäre das militärisch irrational – Russland hätte es gleichzeitig mit den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, der Türkei, Skandinavien und zahlreichen weiteren Staaten zu tun, darunter drei Atommächten, deren konventionelle Wirtschafts- und Militärmacht die russische insgesamt erheblich übertrifft. Putin selbst verweist genau darauf, wenn er einen NATO-Angriff als absurd bezeichnet. Die richtige Frage lautet deshalb nicht „Wann greift Russland uns an?", sondern: Unter welchen Bedingungen könnte Moskau glauben, einen begrenzten Angriff riskieren zu können? Das ist militärstrategisch eine vollkommen andere Fragestellung – und sie führt zum eigentlichen Kern der NATO-Sorge. Der eigentliche Albtraum heißt nicht russische Überlegenheit – er heißt Zweifel an Artikel 5 Man stelle sich folgendes Szenario vor: Die USA ziehen einen erheblichen Teil ihrer Kräfte aus Europa ab und konzentrieren sich auf China. In Europa regieren mehrere Regierungen, die keinen Krieg mit Russland wollen. Russland provoziert einen kleinen baltischen NATO-Staat – keine Invasion mit 500.000 Soldaten, vielleicht eine begrenzte militärische Aktion. Und dann stellt Putin die entscheidende Frage: Wird ein amerikanischer Präsident wirklich New York einem russischen Atomschlag aussetzen, um wenige Quadratkilometer in Estland zurückzuerobern? Genau dort liegt der eigentliche strategische Test – nicht „Kann Russland die NATO militärisch besiegen?" (kaum), sondern: Glaubt Russland, dass die NATO politisch bereit ist zu kämpfen? Der dänische Geheimdienst nennt exakt diese Bedingung: Das Risiko steigt, wenn Russland die NATO für militärisch oder politisch nicht in der Lage hält, geschlossen zu reagieren. Damit ergibt der gesamte 2029-Komplex plötzlich wesentlich mehr Sinn. Von der Fähigkeitsprognose zur politischen Frist Und genau hier liegt die eigentliche Kritik. Wenn die tatsächliche Analyse lautet: „Russland könnte nach einem Ende des Ukrainekriegs seine Streitkräfte regenerieren und innerhalb mehrerer Jahre die Fähigkeit entwickeln, eine geschwächte oder politisch gespaltene NATO begrenzt herauszufordern", dann sollte genau das kommuniziert werden – nicht „Putin könnte uns 2029 angreifen". Diese Verkürzung produziert Angst, und Angst ist politisch ausgesprochen nützlich: Mit einer konkreten Bedrohungsfrist lassen sich höhere Verteidigungsausgaben, Schulden, Aufrüstung, Wehrdienst, neue Raketen, mehr Kompetenzen für Geheimdienste und Militärpräsenz im Osten leichter begründen. Das bedeutet nicht, dass diese Maßnahmen deshalb falsch sind – eine Versicherung wird schließlich auch nicht unnötig, nur weil das Haus wahrscheinlich nicht abbrennt. Aber Bürger haben das Recht zu erfahren, ob ihnen ein mögliches Risikoszenario oder ein erwartetes Ereignis präsentiert wird. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Vielleicht ist 2029 deshalb weniger eine Prophezeiung als ein politisches Planungsdatum. Militärs brauchen Fristen, Rüstungsunternehmen benötigen Produktionsziele, Regierungen brauchen Haushaltsplanungen, NATO-Fähigkeitsziele brauchen Zeitachsen. Deutschland will sein Verteidigungsniveau bis 2029 massiv erhöhen, Europa hat 2030 als Readiness-Ziel festgelegt – damit entsteht ein Planungszeitraum. Die Gefahr beginnt dort, wo aus einem militärischen Planungshorizont öffentlich eine quasi feststehende Kriegsfrist wird. Niemand kann heute seriös wissen, ob Russland 2029 die NATO angreifen wird. Auch die Geheimdienste behaupten das so nicht. Eine berechtigte Frage, eine komplizierte Antwort Wenn Russland die Ukraine nicht besiegen kann, warum sollte es 2029 plötzlich die NATO angreifen? Die einfache Antwort: Es wäre unter heutigen Bedingungen äußerst unlogisch, und seriöse Analysen gehen überwiegend auch nicht davon aus, dass Putin morgen einen großen Krieg gegen die gesamte NATO beginnen möchte. Die eigentliche westliche Sorge ist differenzierter: Russland könnte seine Armee nach einem Ende oder Einfrieren des Ukrainekriegs regenerieren, seine Kriegsindustrie weiterproduzieren, während Amerikas militärische Präsenz in Europa sinkt und die NATO politisch fragmentierter wird – und Moskau könnte irgendwann glauben, einen begrenzten Test der Bündnisgarantie riskieren zu können. Das ist plausibel. Aber es ist keine Gewissheit, und schon gar keine verlässliche Vorhersage für das Jahr 2029. Umgekehrt ist auch Moskaus Behauptung, ausschließlich friedlich auf eine aggressive NATO zu reagieren, kaum überzeugend: Die Invasion der Ukraine, nukleare Drohungen, die russische Kriegswirtschaft und offene Warnungen gegen europäische Staaten geben den Nachbarn reale Gründe, Russland zu misstrauen. Ein wichtiger Unterschied darf dabei nicht verschwinden: Russland hat 2022 entschieden, die Ukraine großflächig militärisch anzugreifen. NATO-Panzer standen nicht vor Moskau, die NATO marschierte nicht in Russland ein. Diese Entscheidung trägt die russische Führung – daraus folgt aber nicht, dass westliche Politik vor 2022 fehlerfrei war, dass NATO-Erweiterung geopolitisch bedeutungslos war, dass Washington und London keine eigenen Machtinteressen verfolgen, oder dass jede heutige Bedrohungsprognose automatisch objektive Wahrheit ist. Man kann Russlands Krieg ablehnen und trotzdem westliche Entscheidungen analysieren. Eigentlich sollte genau das selbstverständlich sein. Vielleicht liegt der eigentliche Wahnsinn deshalb genau in diesem Muster: Beide Seiten behaupten, nur auf die jeweils andere zu reagieren. Beide Seiten rüsten immer weiter auf. Beide Seiten erklären ihre eigene Aufrüstung zur Verteidigung und jene des Gegners zur Aggression – das klassische Sicherheitsdilemma, diesmal zwischen Atommächten. Und während Politiker bereits über 2029 oder 2030 sprechen, führen zwei nuklear bewaffnete Machtblöcke immer weniger direkte Gespräche miteinander. Die vielleicht wichtigste Frage ist deshalb nicht „Wann beginnt der Krieg mit Russland?", sondern: Wer sorgt eigentlich dafür, dass er niemals beginnt? Abschreckung braucht Stärke. Aber sie braucht ebenso Diplomatie. Wer nur noch über Kriegstüchtigkeit spricht und irgendwann aufhört, mit dem Gegner zu reden, riskiert am Ende genau das Ereignis, auf das er sich angeblich nur vorbereiten wollte.
von Holger H. Hohlfeld 10. Juni 2026
Sanktioniert ohne Urteil Wie die EU Journalisten und Publizisten wegen „Desinformation" mit Vermögenssperren belegt – und warum die Fälle Hüseyin Doğru und Jacques Baud eine Grundsatzfrage für Europas Meinungsfreiheit aufwerfen Man stelle sich folgenden Vorgang vor: Ein Journalist wird keiner Straftat angeklagt. Kein Strafgericht verurteilt ihn. Kein Staatsanwalt muss vor Gericht beweisen, dass er für einen fremden Geheimdienst arbeitet. Trotzdem werden seine Konten eingefroren, niemand darf ihm ohne Weiteres Geld oder wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung stellen und seine Bewegungsfreiheit innerhalb der Europäischen Union wird erheblich eingeschränkt. Was nach einem Instrument gegen Terroristen, Oligarchen oder Geheimdienstoffiziere klingt, trifft inzwischen auch Journalisten, Blogger und politische Publizisten . Zu den prominentesten Fällen gehören der deutsch-türkische Journalist Hüseyin Doğru , Gründer des Medienprojekts RED, und der ehemalige Schweizer Nachrichtendienst- und Militäranalyst Jacques Baud . Beiden wirft die EU im Kern keine Gewalttat vor. Es geht um Informationen, Interpretationen, politische Narrative und deren angebliche Wirkung . Und genau deshalb sind diese Fälle weit über die betroffenen Personen hinaus interessant. Denn sie stellen eine grundsätzliche Frage: Wo endet legitime Abwehr ausländischer Einflussoperationen – und wo beginnt politische Sanktionierung unerwünschter Meinungen? Ein neues Sanktionsinstrument gegen „destabilisierende Aktivitäten" Im Oktober 2024 schuf die Europäische Union ein neues Sanktionsregime gegen sogenannte destabilisierende Aktivitäten Russlands . Die Rechtsgrundlage ist weit gefasst. Sanktioniert werden können Personen, die nach Auffassung des Rates Handlungen der russischen Regierung unterstützen, erleichtern oder daran beteiligt sind, welche Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Stabilität oder Sicherheit innerhalb oder außerhalb der EU beeinträchtigen. Dazu gehören Sabotage, Cyberangriffe und Gewalt. Aber eben auch: „Informationsmanipulation und Einflussnahme". Die Verordnung erlaubt ausdrücklich die Listung von Personen, die solche Aktivitäten planen, unterstützen oder erleichtern. Das ist ein bemerkenswerter Schritt. Denn während sich ein gesprengtes Unterseekabel, ein Cyberangriff oder eine Geldzahlung an einen Agenten grundsätzlich anhand konkreter Handlungen untersuchen lässt, ist der Begriff Informationsmanipulation sehr viel stärker interpretationsabhängig. Wann wird eine falsche Aussage zur Destabilisierung? Wann wird politische Propaganda zu einer außenpolitischen Sicherheitsbedrohung? Und vor allem: Wer entscheidet darüber? Die Antwort lautet zunächst nicht: ein Gericht. Sondern der Rat der Europäischen Union . Bemerkenswert ist dabei, dass die Schweiz sich diesem im Oktober 2024 beschlossenen Sanktionsregime gegen hybride Bedrohungen ausdrücklich nicht angeschlossen hat – anders als bei den unmittelbar nach Kriegsbeginn 2022 verhängten klassischen Russland-Sanktionen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bestätigte dies später im Fall Baud öffentlich: Bern übernehme diese spezifische Sanktionsliste nicht, wodurch der Schweizer Staatsbürger Baud von seinem eigenen Heimatland rechtlich anders behandelt wird als von der EU, deren Territorium er als Anwohner Brüssels dennoch de facto kaum verlassen kann. Wie eine Person auf die EU-Sanktionsliste kommt Das Verfahren unterscheidet sich fundamental von einem Strafprozess. Der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik macht einen Vorschlag. Dieser wird in verschiedenen Arbeitsgruppen, im Politischen und Sicherheitspolitischen Komitee und im Ausschuss der Ständigen Vertreter beraten. Am Ende entscheiden die Mitgliedstaaten im Rat einstimmig . Ist eine Vermögenssperre vorgesehen, folgt zusätzlich eine unmittelbar geltende EU-Verordnung. Das Europäische Parlament wird darüber informiert – es entscheidet über die konkrete Listung jedoch nicht mit. Die Sanktion gilt anschließend praktisch sofort. Und genau darin liegt ein fundamentaler Unterschied zum Strafrecht: Erst kommt die Sanktion – danach kann der Betroffene versuchen, sie gerichtlich zu beseitigen. Der Europäische Gerichtshof hat dieses Prinzip grundsätzlich akzeptiert. Bei Vermögenssperren könne eine vorherige Anhörung wegen des notwendigen Überraschungseffekts entfallen. Gleichzeitig müssen anschließend effektive Verteidigungs- und Rechtsschutzmöglichkeiten bestehen. Das mag bei einem mutmaßlichen Terrorfinanzierer nachvollziehbar sein. Bei einem Journalisten, dessen Hauptvorwurf aus öffentlichen Aussagen besteht, wird die Sache erheblich schwieriger. Der Fall Hüseyin Doğru Am 20. Mai 2025 setzte die EU Hüseyin Doğru und seine Firma AFA Medya auf die Sanktionsliste – im Rahmen des 17. Sanktionspakets gegen Russland, mit dem der Rat insgesamt 21 weitere Personen und 6 Organisationen wegen „russischer hybrider Bedrohungen" listete. In derselben Runde trafen die Sanktionen auch den deutschen Blogger Thomas Röper und die russische Bloggerin Alina Lipp, denen der Rat eine Untergrabung des demokratischen politischen Prozesses in Estland und Deutschland vorwarf, sowie zwei russische Fischereiunternehmen, die nach Ratsangaben Spionage- und Sabotagemissionen gegen Unterseekabel durchgeführt hatten – eine Zusammenstellung, die zeigt, wie unterschiedlich die im selben Paket gelisteten Fälle in ihrer Schwere tatsächlich gelagert sind. AFA Medya betrieb das Medienprojekt RED . Die EU wirft dem Unternehmen unter anderem vor, enge finanzielle und organisatorische Beziehungen zu russischen Staatsmedien beziehungsweise Akteuren russischer Staatspropaganda unterhalten zu haben. RED habe gezielt falsche Informationen über kontroverse politische Themen verbreitet und dadurch ethnische, politische und religiöse Konflikte fördern wollen. Besonders hervorgehoben wird die Berichterstattung über die Besetzung einer deutschen Universität durch propalästinensische Demonstranten. RED-Mitarbeiter hätten mit Besetzern koordiniert und ihnen eine exklusive Medienplattform geboten. Im genauen Wortlaut der Ratsbegründung, wie ihn die taz dokumentierte, habe RED während der „gewaltsamen Besetzung einer Universität in Deutschland durch antiisraelische Randalierer" mit den Besetzern abgesprochen, Bilder des Vandalismus – auf denen auch Hamas-Symbole zu sehen gewesen seien – über die eigenen Onlinekanäle zu verbreiten und den Protest damit zu erleichtern. Konkret bezog sich dies auf die Berichterstattung von RED über die Besetzung der Humboldt-Universität im Mai 2024 im Kontext der Proteste gegen den Krieg in Gaza; laut Recherchen der World Socialist Web Site gehörten dazu auch ein Interview mit Greta Thunberg und Livestreams aus den besetzten Räumen. Der Rat leitete daraus ab, AFA Medya unterstütze Aktivitäten der russischen Regierung zur Destabilisierung Deutschlands. Doğru selbst wurde als Gründer und Vertreter des Unternehmens sanktioniert. Nach Angaben der englischsprachigen Wikipedia legte der Rat der Öffentlichkeit dabei keinerlei Beweise für die konkrete Verbindung zwischen RED und russischen Stellen vor und erhob gegen Doğru zu keinem Zeitpunkt den Vorwurf einer Straftat. Doğru selbst erklärte gegenüber Journalisten, die Sanktion sei tatsächlich eine Strafe dafür, dass er während des Gaza-Kriegs Artikel verfasst habe, die eine propalästinensische Perspektive verteidigten, und bestritt, dass RED jemals von Russland oder einer anderen ausländischen Regierung finanziert worden sei. Das deutsche Auswärtige Amt bezog im Juli 2025 demgegenüber öffentlich Stellung und erklärte, das Ziel entsprechender Kampagnen sei klar erkennbar: Russland nutze Plattformen wie RED, um durch Manipulation gesellschaftlicher Debatten, durch das Schüren von Misstrauen gegenüber Fakten, Medien und demokratischen Strukturen sowie durch die Diskreditierung staatlicher Institutionen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und Europa zu schwächen. Damit trafen ihn unmittelbar die Konsequenzen des Sanktionsrechts: Vermögenssperre. Sämtliche Gelder und wirtschaftlichen Ressourcen einer gelisteten Person innerhalb des Geltungsbereichs der EU werden eingefroren. Und noch weitergehend: Niemand darf einer gelisteten Person direkt oder indirekt Geld oder wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung stellen. Damit geht es nicht nur darum, dass jemand sein Sparkonto nicht mehr bewegen kann. Wer einer sanktionierten Person wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung stellt, muss prüfen, ob er damit gegen das Sanktionsrecht verstößt. Damit kann eine Person praktisch aus dem normalen Wirtschaftsleben herausfallen. Wie sich die Sanktion im Alltag Doğrus konkret auswirkte Die praktischen Folgen der Listung lassen sich anhand öffentlich dokumentierter Einzelfälle nachvollziehen. Bereits einen Monat nach seiner Listung berichtete Doğru öffentlich über X, seine Krankenkasse habe die Zahlungen für ihn eingestellt; seine Frau sei zu diesem Zeitpunkt im siebten Monat schwanger mit Zwillingen gewesen, während es ihm selbst untersagt war, für die eigene Versicherung zu bezahlen und gleichzeitig keine reguläre Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Nach Berichten der Tageszeitung nd-aktuell stufte die Bundesbank sogar den Versuch der Tageszeitung Junge Welt, Doğru als Mitarbeiter einzustellen, als unzulässige wirtschaftliche Beihilfe an eine sanktionierte Person ein; selbst die Annahme von Lebensmittel- oder Geldspenden könnte nach Doğrus eigener Einschätzung gegen die Sanktionsauflagen verstoßen. Mitte März 2026 wies zudem das Amtsgericht Frankfurt am Main einen Eilantrag Doğrus gegen die Sperrung seiner Konten ab. Seit seiner Listung im Mai 2025 gilt für ihn außerdem ein EU-weites Ein- und Ausreiseverbot. RED selbst gab bereits vor der offiziellen Sanktionsbekanntgabe die eigene Auflösung bekannt und begründete dies mit einer koordinierten Medienkampagne sowie staatlichem Druck, der auch die persönliche Sicherheit der Mitarbeiter gefährdet habe. Und dann wurde die Begründung nachträglich verändert Bemerkenswert ist ein weiterer Vorgang. Am 3. Oktober 2025 , Monate nach der ursprünglichen Sanktionierung, änderte der EU-Rat die offizielle Begründung für Doğrus Listung. Die neue Fassung wurde ausführlicher und konkretisierte unter anderem angebliche strukturelle Verbindungen zu russischen Medien sowie die Rolle von RED bei politischen Protesten. Der Rat sagt dazu, die Begründung sei nach einer Überprüfung angepasst worden. Das ist legal möglich. Politisch wirft es trotzdem eine interessante Frage auf: Wie belastbar war die ursprüngliche Begründung, wenn sie wenige Monate nach Beginn eines Rechtsstreits neu formuliert werden musste? Eine nachträgliche Präzisierung beweist keine Willkür. Die zeigt aber, wie ungewöhnlich dieses Verfahren im Vergleich zu einem Strafprozess ist. Doğru zieht vor Gericht Doğru akzeptierte die Sanktion nicht. Bereits am 3. Juli 2025 erhoben er und AFA Medya Klage beim Gericht der Europäischen Union in Luxemburg. Aktenzeichen: T-429/25. Seine Anwälte greifen die Sanktionen mit mehreren zentralen Argumenten an. Sie sprechen unter anderem von: vagen und unbelegten Vorwürfen Verletzung der Meinungsfreiheit Verletzung der Medienfreiheit und des Medienpluralismus Verletzung der Unschuldsvermutung Verletzung der Verteidigungsrechte und Verletzung des Rechts auf ein faires Verfahren Damit befindet sich genau die Frage vor einem europäischen Gericht, um die es gesellschaftlich geht: Darf die EU jemanden aufgrund publizistischer Tätigkeit wirtschaftlich weitgehend isolieren? Eine abschließende gerichtliche Entscheidung zu Doğrus Klage ist bislang nicht veröffentlicht. Jacques Baud: Sanktioniert für seine Analyse des Ukraine-Krieges Noch grundlegender wird die Frage im Fall Jacques Baud . Baud ist ehemaliger Oberst der Schweizer Armee und arbeitete früher als Nachrichtendienst- und Terrorismusexperte. Seine berufliche Laufbahn führte ihn darüber hinaus in den Dienst der Vereinten Nationen, und 2014 entsandte ihn die NATO als Beobachter in die Ukraine – ein biografisches Detail, das in der öffentlichen Debatte um seine Sanktionierung auffällig selten erwähnt wird, obwohl es seine spätere Position als Experten für den Konflikt zumindest teilweise erklärt. Seit Jahren analysiert er internationale Konflikte und vertritt zum Ukrainekrieg Positionen, die erheblich von der westlichen Mehrheitsdarstellung abweichen. Am 15. Dezember 2025 setzte ihn die EU auf dieselbe Sanktionsliste – als Nummer 57 einer Liste von insgesamt zwölf Personen und zwei Organisationen, die der Rat an diesem Tag zur Abwehr russischer „Informationsmanipulation und Einflussnahme" beschloss. Die zugrunde liegende Durchführungsverordnung (EU) 2025/2568, unterzeichnet von der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas, formuliert die Vorwürfe gegen Baud auf wenigen Zeilen. Und die offizielle Begründung ist bemerkenswert kurz. Der Rat schreibt, Baud sei regelmäßig Gast in prorussischen Fernseh- und Radiosendungen, fungiere als Sprachrohr prorussischer Propaganda und verbreite Verschwörungstheorien. Als konkretes Beispiel nennt die EU Bauds Darstellung, die Ukraine habe ihre eigene Invasion provoziert beziehungsweise herbeigeführt, um der NATO beizutreten. Daraus zieht der Rat den Schluss, Baud unterstütze der russischen Regierung zurechenbare Maßnahmen zur Destabilisierung der Ukraine durch Informationsmanipulation und Einflussnahme . Man kann Bauds Analysen für falsch halten. Man kann sie prorussisch nennen. Man kann ihm vorwerfen, russische Verantwortlichkeit für den Krieg herunterzuspielen. Eine rechtswissenschaftliche Einordnung auf dem Verfassungsblog räumte in diesem Zusammenhang ein, dass die gegen Baud erhobenen Vorwürfe, betrachte man die Gesamtheit seiner Publikationen und öffentlichen Auftritte, zumindest in Teilen tatsächlich zuträfen: Baud vertrete tatsächlich wiederholt die These, die Ukraine habe im Vorfeld der Invasion selbst ein Interesse an einer stärkeren Eskalation gehabt, weil sie sich davon eine beschleunigte NATO-Annäherung erhofft habe, und er habe die russische „militärische Spezialoperation" wiederholt als Reaktion auf einen zuvor intensivierten Beschuss der abtrünnigen östlichen Regionen und der Krim dargestellt. Der entscheidende juristische Streitpunkt ist damit weniger, ob Baud diese Positionen tatsächlich vertritt – das ist unbestritten –, sondern ob das bloße öffentliche Vertreten einer solchen, wissenschaftlich und politisch höchst umstrittenen Position bereits die rechtliche Schwelle einer sanktionswürdigen „Unterstützung" russischer Destabilisierungsmaßnahmen erreicht. Aber gerade deshalb ist die juristische Frage so fundamental: Seit wann reicht eine geopolitische Interpretation dazu aus, Vermögen einzufrieren? In der veröffentlichten Listungsbegründung steht jedenfalls nicht: Baud arbeite für den GRU. Baud werde vom Kreml bezahlt. Baud habe geheime russische Befehle erhalten. Baud habe Sabotage betrieben. Baud habe einen Cyberangriff organisiert. Die Begründung konzentriert sich auffällig stark auf seine öffentliche publizistische Tätigkeit . Genau das macht diesen Fall so außergewöhnlich. Die konkrete Lebenssituation Bauds nach der Sanktionierung Auch bei Baud lassen sich die praktischen Folgen der Listung im Detail nachvollziehen, unter anderem weil er sich im Sommer 2026 in einer eigenen Online-Pressekonferenz öffentlich dazu äußerte, begleitet von einem Anwaltsteam, das den Fall nach eigenen Angaben unentgeltlich und aus grundsätzlicher Sorge um Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit in der EU übernommen hat. Da Baud zum Zeitpunkt seiner Listung bereits in Brüssel wohnhaft war, führte das Einreise- beziehungsweise Ausreiseverbot zu der paradoxen Situation, dass er faktisch mittellos in der belgischen Hauptstadt festsaß, ohne nach Genf zurückkehren zu können: Es ist sanktionsrechtlich untersagt, ihm Vermögenswerte zur Verfügung zu stellen, und ohne gesonderte Transiterlaubnis durch die von der EU-Sanktion erfassten Mitgliedstaaten gestaltete sich auch eine Rückreise in die Schweiz kompliziert. Zwar sieht das Sanktionsregime grundsätzlich einen Anspruch auf Unterstützung zur Deckung der Grundbedürfnisse vor; die belgischen Behörden gaben einem entsprechenden Antrag Bauds nach seinen eigenen Angaben Anfang Februar 2026 statt, doch vergingen nach seiner Darstellung anschließend noch einmal rund drei Monate, bis auch die beteiligten Banken diese behördliche Freigabe tatsächlich umsetzten. Selbst alltägliche Ausgaben mussten nach Angaben mehrerer Berichte in dieser Zeit einzeln beantragt werden. Auch Baud klagt gegen die EU Baud hat ebenfalls den Rechtsweg eingeschlagen. Am 10. März 2026 reichte er beim Gericht der Europäischen Union Klage gegen den Rat ein. Aktenzeichen: T-169/26. Er greift nicht nur seine persönliche Listung an. Seine Anwälte stellen auch Teile der gesetzlichen Sanktionskriterien selbst infrage. Baud argumentiert unter anderem: das Sanktionskriterium verletze das Prinzip der Vorhersehbarkeit, seine Meinungsfreiheit nach Artikel 11 der EU-Grundrechtecharta werde verletzt, der Rat habe eine fehlerhafte Bewertung vorgenommen, seine Verteidigungsrechte seien verletzt worden, sein Recht auf effektiven Rechtsschutz sei beeinträchtigt, und die Sanktion sei unverhältnismäßig. Das Verfahren könnte damit weit über Bauds persönlichen Fall hinausreichen. Denn sollte das Gericht die Rechtsgrundlage enger auslegen, könnte dies Auswirkungen auf zukünftige Sanktionen gegen Publizisten haben. Nicht nur die Sanktionierten selbst geraten unter Druck Ein besonders weitreichender Aspekt wird in der öffentlichen Debatte häufig übersehen: Die Sanktionen treffen nicht nur die gelisteten Personen selbst. Nach der EU-Verordnung dürfen sanktionierten Personen weder direkt noch indirekt Gelder oder wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden . Das betrifft nicht nur Banken oder große Unternehmen. Die EU formuliert das bewusst weit: Gelder und wirtschaftliche Ressourcen dürfen weder direkt noch indirekt einer gelisteten Person oder zu deren Vorteil bereitgestellt werden. Das schafft einen enormen Abschreckungseffekt. Denn plötzlich muss nicht mehr nur der Sanktionierte selbst überlegen, was er noch tun darf. Und genau hier beginnt die Wirkung der Sanktionen weit über die einzelne Person hinauszugehen. Auch Unterstützer können selbst ins Visier geraten. Das Sanktionsregime erfasst ausdrücklich nicht nur Personen, denen die EU eine unmittelbare Durchführung destabilisierender Aktivitäten vorwirft. Erfasst werden können auch Personen oder Organisationen, die solche Aktivitäten nach Auffassung des Rates: unterstützen, erleichtern oder anderweitig daran beteiligt sind. Damit erweitert sich der mögliche Kreis erheblich. Neben dem eigentlichen Akteur können theoretisch relevant werden: Finanzierer. Mittelsmänner. Unternehmen. Organisatoren. Personen, die operative Unterstützung leisten. Hier muss man allerdings genau unterscheiden. Nicht jeder, der Jacques Baud interviewt, einen Artikel von Hüseyin Doğru teilt oder einer politischen Aussage zustimmt, wird dadurch automatisch selbst sanktionierbar. Eine solche pauschale Schlussfolgerung wäre falsch. Aber das System erzeugt trotzdem einen klaren Chilling Effect . Banken können Geschäftsbeziehungen vorsorglich beenden. Unternehmen wollen kein Sanktionsrisiko eingehen. Veranstalter können Auftritte absagen. Geschäftspartner ziehen sich zurück. Potenzielle Unterstützer überlegen zweimal, ob sie helfen. Und damit entsteht eine Art gesellschaftlicher Radius um den Sanktionierten: Nicht nur der Betroffene wird isoliert – sein Umfeld beginnt sich selbst zu isolieren. Das ist möglicherweise sogar wirkungsvoller als die eigentliche Vermögenssperre. Die Rechtsordnung friert zunächst praktisch sämtliche wirtschaftlichen Möglichkeiten einer Person ein und muss anschließend Ausnahmen schaffen, damit sie sich gegen genau diese Sanktion verteidigen kann. Formal ist das Rechtsschutz. Praktisch ist es ein erheblicher Eingriff – wie die monatelange Verzögerung bei der tatsächlichen Freigabe im Fall Baud zeigt, kann selbst die formal vorgesehene Ausnahme in der Bankenpraxis erhebliche Zeit benötigen, bevor sie tatsächlich wirksam wird. „Aber sie können doch klagen" Ja. Und dieser Punkt muss fair dargestellt werden. Es wäre falsch zu behaupten, Sanktionierte hätten überhaupt keinen Rechtsschutz. Sie können beim Rat eine Überprüfung beantragen. Sie können vor dem Gericht der Europäischen Union klagen. Europäische Gerichte haben Sanktionen in der Vergangenheit auch tatsächlich aufgehoben. Der berühmte Kadi-Fall zeigte sehr deutlich, dass die EU restriktive Maßnahmen nicht einfach auf unbelegten Behauptungen aufbauen darf. Die Gerichte verlangen eine hinreichend solide tatsächliche Grundlage . Sind die Vorwürfe nicht ausreichend belegt, kann die Listung aufgehoben werden. Wann wird eine präventive Sicherheitsmaßnahme faktisch zu einer Bestrafung für publizistische Tätigkeit?  Der entscheidende Unterschied zwischen Meinung, Propaganda und Agententätigkeit Eine Demokratie muss einen ausländischen Geheimdienstagenten selbstverständlich nicht wie einen normalen Journalisten behandeln. Wer Geld vom Kreml erhält, verdeckte Weisungen umsetzt und systematisch Einflussoperationen organisiert, kann Gegenstand harter staatlicher Maßnahmen sein. Aber genau deshalb muss die Verbindung möglichst klar nachgewiesen werden. Es sollte unterschieden werden zwischen: Meinung „Die NATO trägt Mitverantwortung an der Eskalation." Falschaussage „Dieses konkrete Ereignis hat nie stattgefunden." Propaganda systematische Kommunikation zugunsten einer politischen Seite. Jacques Baud – kurzer beruflicher Überblick Karrierestationen: 1983–1990/93–2000 (Angaben schwanken je nach Quelle): Analyst beim Schweizerischen Strategischen Nachrichtendienst, zuständig für die Streitkräfte des Warschauer Pakts – in dieser Zeit lernte er auch Russisch. Mitte/Ende der 1990er: UNHCR-Einsatz in Ost-Zaire (heute Kongo) während der Ruanda-Krise; Tätigkeit für das UN-Department of Peacekeeping Operations (DPKO) in New York. Gründer des Internationalen Zentrums für Humanitäre Minenräumung in Genf (CIGHD) sowie eines Informationsmanagementsystems für Minenräumung; leitete Minenräumprogramme im Tschad, Sudan, in Somalia und Äthiopien. 2005/06: Leiter des ersten integrierten UN-Analysezentrums (JMAC) im Sudan, zuständig für die Sicherheit der dortigen UN-Friedensmission. 2009–2011: Leiter der Abteilung „Friedenspolitik und Doktrin" beim UN-Department of Peacekeeping Operations in New York. 2012–2017: Bei der NATO in Brüssel Leiter einer kleinen Einheit gegen die Verbreitung von Kleinwaffen. In diese Zeit fällt auch der Beginn der Ukraine-Krise 2014 – hier entstand seine erste intensivere fachliche Beschäftigung mit dem Donbass-Konflikt. Manche Quellen sprechen zusätzlich von einer NATO-Beobachterfunktion in der Ukraine 2014. Erreichte im schweizerischen Generalstab den Rang eines Obersten. N ach seiner Pensionierung lebt Baud in Brüssel und schreibt Bücher über Geheimdienstarbeit, asymmetrische Kriegsführung, Terrorismus und Desinformation – unter anderem zum Ukraine-Krieg und zum Nahostkonflikt. Was genau wirft ihm die EU vor? Nicht Spionage, nicht Sabotage, nicht eine Straftat im engeren Sinn, sondern öffentliche Äußerungen. Laut der Durchführungsverordnung vom 15. Dezember 2025 sei Baud: regelmäßiger Gast in prorussischen Fernseh- und Radioprogrammen, „Sprachrohr für prorussische Propaganda", Verbreiter von „Verschwörungstheorien" – konkret genannt wird seine These, die Ukraine habe ihre eigene Invasion provoziert bzw. herbeigeführt, um der NATO beizutreten, sowie seine Darstellung, der Krieg sei durch verstärkten ukrainischen Beschuss der abtrünnigen Ostregionen und der Krim mitausgelöst worden. Bemerkenswert: Selbst ein kritisch-rechtswissenschaftlicher Kommentar (Verfassungsblog) räumt ein, dass Baud diese Positionen inhaltlich tatsächlich vertritt – das ist also unstrittig. Der eigentliche Streitpunkt vor Gericht ist, ob das bloße öffentliche Vertreten einer solchen geopolitischen Deutung bereits die Schwelle einer sanktionswürdigen „Unterstützung russischer Destabilisierung" erreicht – ohne dass ihm Finanzierung durch Moskau, geheime Weisungen oder eine organisatorische Verbindung zu russischen Stellen nachgewiesen wurden. Der Fall Jacques Baud ist gerade deshalb problematisch, weil die öffentlich bekannte Listungsbegründung den Sprung von öffentlichen Äußerungen und Medienauftritten hin zur Unterstützung russischer Destabilisierungsaktivitäten relativ schnell vollzieht. Ob die EU intern darüber hinausgehende belastbare Beweise besitzt, dürfte im Gerichtsverfahren entscheidend werden. Heute Russland – morgen welches Thema? Hier liegt die langfristige Gefahr. Die europäische Argumentation lautet: Russland führt hybride Informationsoperationen gegen Europa. Das ist keineswegs frei erfunden. Russische Propaganda, Einflusskampagnen, Cyberaktivitäten und verdeckte Operationen sind dokumentiert. Ein demokratischer Staat muss sich dagegen schützen können. Aber Rechtsinstrumente leben länger als der Konflikt, für den sie geschaffen wurden. Wenn sich einmal das Prinzip etabliert: Eine politische Aussage kann als sicherheitsgefährdende Informationsmanipulation bewertet und ihr Sprecher deshalb wirtschaftlich sanktioniert werden Damit wirkt eine einzige Listung unter Umständen weit über den Betroffenen hinaus. Man benötigt nicht zwingend hundert weitere Sanktionen. Es reicht, wenn hundert Menschen denken: „Mit dieser Person möchte ich lieber nichts mehr zu tun haben." Das ist der klassische Chilling Effect . Und gerade bei Publizisten kann genau dieser Effekt tief in die öffentliche Debatte hineinreichen. Eine Demokratie zeigt ihre Stärke gerade bei unbequemen Meinungen Man muss Jacques Baud nicht zustimmen. Man muss RED nicht mögen. Man muss russische Propaganda nicht verharmlosen. Und selbstverständlich darf Europa echte russische Geheimdienst-, Sabotage- und Einflussoperationen bekämpfen. Gerade deshalb muss aber zwischen einem Agenten und einem Publizisten mit einer unerwünschten oder falschen Meinung eine möglichst klare Linie bestehen. Bei Hüseyin Doğru behauptet die EU organisatorische und finanzielle Verbindungen seines Medienunternehmens zu russischen Propagandastrukturen und weitere operative Aktivitäten. Diese Vorwürfe müssen gerichtlich geprüft werden. Bei Jacques Baud stützt sich die öffentlich bekannte Begründung dagegen auffällig stark auf seine Äußerungen und Medienauftritte. Genau deshalb besitzt sein Verfahren erhebliche grundrechtliche Bedeutung. Das europäische System ist nicht rechtsschutzlos. Aber es besitzt eine problematische Reihenfolge: Zuerst entscheidet die Politik. Dann werden Konten eingefroren. Dann greifen Verbote und wirtschaftliche Isolation. Geschäftspartner und Unterstützer beginnen Abstand zu halten. Und erst danach prüft ein Gericht, ob die tatsächliche Grundlage ausreichend war. Wenn das Gericht Jahre später feststellt, dass die EU falsch lag, kann die Sanktion aufgehoben werden. Aber die verlorenen Aufträge? Die zerstörten Geschäftsbeziehungen? Der Reputationsschaden? Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Freiheit ist Europa bereit aufzugeben, um seine Freiheit zu verteidigen? Eine Demokratie beweist ihre Überlegenheit gegenüber autoritären Systemen nicht dadurch, dass sie nur die richtigen Meinungen schützt. Sie beweist sie dadurch, dass auch falsche, unbequeme und provokante Meinungen zunächst Meinungen bleiben – solange nicht belastbar nachgewiesen ist, dass dahinter tatsächlich eine fremdstaatliche Operation steht. Quellen (Auswahl) Rat der Europäischen Union (Consilium): Pressemitteilung „Russische hybride Bedrohungen: EU listet weitere 21 Personen und 6 Organisationen", 20. Mai 2025; Durchführungsverordnung (EU) 2025/2568, 15. Dezember 2025 Wikipedia (deutsch/englisch, Hüseyin Doğru): biografische Angaben und Dokumentation der Listungsbegründung taz.de, World Socialist Web Site, nd-aktuell, GlobalBridge, Die Gerechtigkeitspartei, RT DE: Berichterstattung zum Fall Doğru, 2025/2026 NZZ, SRF, Foraus, taz, Verfassungsblog, Weltwoche, Ansage.org, Bluewin/Keystone-SDA: Berichterstattung und rechtliche Einordnung zum Fall Jacques Baud, Dezember 2025 – Juli 2026 Gericht der Europäischen Union: Urteil vom 27. Juli 2022, Rechtssache T-125/22 (RT France/Rat); dokumentiert über LTO, Nau.ch, Euronews, Institut für Europäisches Medienrecht, Mainzer Medieninstitut EU-Grundrechtecharta, Artikel 11 (Freiheit der Meinungsäußerung und Informationsfreiheit), dokumentiert über die Grundrechteagentur der EU (FRA)
von Holger H. Hohlfeld 7. Juni 2026
Victoria Nuland, Robert Kagan und das Netzwerk der amerikanischen Außenpolitik Wenn Familie, Think Tanks und Regierung dieselbe Weltanschauung teilen Es wäre unseriös zu behaupten, eine einzelne Familie kontrolliere die amerikanische Außenpolitik. Genauso unseriös wäre es jedoch, so zu tun, als seien Familien-, Think-Tank- und Karrierenetzwerke in Washington politisch bedeutungslos. Kaum ein Beispiel lässt sich derart lückenlos anhand öffentlich dokumentierter Fakten nachzeichnen wie das Netzwerk um Victoria Nuland und Robert Kagan – ein Netzwerk, das sich über mehr als ein Vierteljahrhundert, zwei Generationen und mehrere der einflussreichsten außenpolitischen Institutionen Washingtons erstreckt. Nuland: drei Jahrzehnte im Zentrum des Staatsapparats Victoria Nuland, geboren 1961 in New York als Tochter des Chirurgen und Bioethik-Professors Sherwin B. Nuland, absolvierte ihren Abschluss an der Brown University und trat anschließend in den diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten ein – ihre erste Station war, biografisch bemerkenswert unspektakulär, eine Position als Konsularbeamtin im chinesischen Guangzhou. Es folgte eine Karriere, die sich über sechs Präsidentschaften und zehn Außenminister erstreckte: Nuland diente unter anderem als US-Botschafterin bei der NATO von 2005 bis 2008, als Assistant Secretary of State für europäische und eurasische Angelegenheiten von 2013 bis 2017 – jene Position, in der sie 2013/14 die ukrainische Krise diplomatisch begleitete – und schließlich, nach ihrer Rückkehr in den Staatsdienst unter Präsident Biden, als Staatssekretärin für politische Angelegenheiten von 2021 bis 2024, zeitweise sogar als geschäftsführende Vizeaußenministerin. In dieser letzten Funktion galt sie neben Außenminister Antony Blinken und Sicherheitsberater Jake Sullivan als eine der drei zentralen Gestalterinnen der amerikanischen Außenpolitik unter Biden, mit besonders großem Einfluss auf die Russlandpolitik. Bei einer Kongressanhörung Anfang 2023 sorgte sie zudem für Aufsehen, als sie sich zur Zerstörung der Nord-Stream-2-Pipeline im Jahr zuvor sichtlich zufrieden äußerte – eine Aussage, die international als bemerkenswert unverblümt registriert wurde. Nuland trat im März 2024 offiziell zurück; das Außenministerium würdigte in seiner Rücktrittserklärung insbesondere ihren Beitrag zur Ukraine-Politik. Kagan: der intellektuelle Architekt Ihr Ehemann, Robert Kagan, gehört zu den prominentesten amerikanischen Vordenkern einer aktiven, global führenden Rolle der Vereinigten Staaten. 1996 verfasste er gemeinsam mit dem Publizisten William Kristol einen vielbeachteten Aufsatz in der Fachzeitschrift Foreign Affairs, in dem beide Autoren argumentierten, amerikanische Konservative seien außenpolitisch orientierungslos geworden und benötigten eine „erhabenere Vision“ der internationalen Rolle des Landes – im Kern eine Position „wohlwollender globaler Hegemonie“. Auf dieser Grundlage gründeten Kristol und Kagan im Juni 1997 das Project for the New American Century (PNAC), dessen erklärtes Ziel es war, „amerikanische globale Führung zu fördern“, verbunden mit dem Bekenntnis zu einer „Reaganitischen Politik militärischer Stärke und moralischer Klarheit“. Von den 25 Unterzeichnern des PNAC-Gründungsdokuments traten später zehn in die Regierung von George W. Bush ein, darunter so einflussreiche Figuren wie der spätere Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und sein Stellvertreter Paul Wolfowitz. PNAC wird von zahlreichen politikwissenschaftlichen Analysen eine erhebliche intellektuelle Vorarbeit für die amerikanische Irak-Politik nach 2001 zugeschrieben; die Organisation selbst löste sich 2006 formal auf, nachdem Kristol und Kagan bereits ab 2009 mit der Foreign Policy Initiative eine Art Nachfolgeorganisation gegründet hatten. Finanziert wurde PNAC nach Recherchen mehrerer unabhängiger Beobachter maßgeblich durch Mittel aus dem Rüstungssektor, organisiert unter anderem durch den damaligen Lockheed-Martin-Manager Bruce P. Jackson, der zugleich im PNAC-Vorstand saß. Das allein ist keine Verschwörung. Es ist, in seiner Offenheit dokumentierte, politische Ideologie mit erheblicher institutioneller Reichweite. Die Arbeitsteilung eines Ehepaars Interessant wird an diesem Punkt weniger die Existenz der jeweiligen Karrieren als deren Zusammenspiel. Robert Kagan formulierte über Jahrzehnte hinweg – als Historiker, Kolumnist der Washington Post und Fellow verschiedener Institutionen wie der Carnegie Endowment for International Peace und später der Brookings Institution – die intellektuellen Argumente für eine starke amerikanische Machtprojektion. Victoria Nuland arbeitete währenddessen genau in jenem Staatsapparat, der amerikanische Außenpolitik praktisch umsetzt. Das bedeutet nicht, dass der eine dem anderen Weisungen erteilte – dafür findet sich in keiner der verfügbaren Quellen auch nur ein Hinweis. Aber Ehepartner sprechen miteinander, teilen Milieus, Freundeskreise, Konferenzeinladungen und intellektuelle Grundannahmen. Das ist, in der politikwissenschaftlichen Terminologie, klassische Netzwerkmacht: keine Befehlskette, sondern eine strukturelle Nähe, die Weltanschauungen wechselseitig verstärkt, ohne dass dafür eine einzige explizite Absprache nötig wäre. Die Familie Kagan erweitert sich Robert Kagans Bruder, Frederick Kagan, ist selbst Militärhistoriker mit langjähriger Verankerung im Umfeld des American Enterprise Institute, eines der einflussreichsten konservativen Washingtoner Think Tanks. Seine Ehefrau, Kimberly Kagan – promovierte Militärhistorikerin mit Lehrtätigkeit unter anderem an der US-Militärakademie West Point, in Yale und Georgetown –, gründete 2007 als Reaktion auf die damalige Stagnation der Kriege im Irak und in Afghanistan das Institute for the Study of War (ISW) und leitet es seither als Präsidentin. Das ISW beschreibt seine eigene Mission als Verbesserung des „informierten Verständnisses militärischer Angelegenheiten durch verlässliche Forschung, vertrauenswürdige Analyse und innovative Bildung“, mit dem ausdrücklichen Ziel, die Fähigkeit der Vereinigten Staaten zur Durchführung militärischer Operationen zu verbessern und damit „strategische Ziele der USA“ zu erreichen – eine Formulierung, die das Institut selbst nicht als neutrale Grundlagenforschung, sondern als sicherheitspolitisches Advocacy-Instrument ausweist. Nach Recherchen des unabhängigen Rechercheprojekts Militarist Monitor auf Basis öffentlich einsehbarer Steuerunterlagen erhielt das ISW allein zwischen 2007 und 2009 rund 700.000 US-Dollar von gemeinnützigen Stiftungen, darunter rund 180.000 US-Dollar von der neokonservativ ausgerichteten Foundation for Defense of Democracies. Nach Angaben der deutschen Wikipedia sowie mehrerer englischsprachiger Fachportale wird die laufende Arbeit des Instituts zudem durch Beiträge von Rüstungs- und Technologieunternehmen wie General Dynamics, Microsoft und zeitweise L3 Technologies mitgetragen – eine Finanzierungsstruktur, die dem Institut in Fachkreisen wiederholt den Vorwurf mangelnder Unabhängigkeit eingebracht hat, ohne dass sich daraus im Einzelfall ein direkter kausaler Einfluss auf konkrete Publikationen nachweisen ließe. Im Vorstand des ISW sitzen neben Kimberly Kagan unter anderem der pensionierte General Jack Keane als Vorsitzender, der frühere Vier-Sterne-General und CIA-Direktor David Petraeus sowie William Kristol, der Mitbegründer von PNAC. Seit dem Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 veröffentlicht das ISW tägliche Lageberichte zum Kriegsverlauf, die weltweit von Nachrichtenagenturen, Regierungsstellen und militärischen Analysten zitiert werden – ein Umstand, der dem Institut binnen weniger Wochen zu einer Reichweite verhalf, wie sie zuvor kaum ein anderer amerikanischer Think Tank im Bereich der Kriegsberichterstattung erreicht hatte. Seit Oktober 2023 erstellt das ISW in gleicher Form tägliche Berichte zum Gaza-Krieg, seit 2026 zusätzlich zum Iran-Krieg. Damit ergibt sich eine ungewöhnlich kompakte institutionelle Konstellation: Nuland in Diplomatie und Regierung, Robert Kagan in außenpolitischer Theorie und Think-Tank-Gründung, Frederick Kagan in militärstrategischer Beratung, Kimberly Kagan an der Spitze der weltweit meistzitierten Kriegsanalyse-Institution zur Ukraine. Das beweist keine geheime Steuerung im Sinne einer Verschwörung – dafür findet sich in keiner der zugänglichen Quellen ein belastbarer Beleg, und mehrere kritische Kommentatoren, die diese familiäre Nähe scharf thematisieren, bewegen sich dabei explizit im Bereich polemischer Zuspitzung statt dokumentierter Tatsachenbehauptung. Was die Konstellation aber zeigt, ist etwas empirisch Belegbares: wie klein die Welt der amerikanischen außenpolitischen Elite tatsächlich sein kann, und wie sich institutionelle Reichweite über familiäre und freundschaftliche Netzwerke verdichten lässt, ohne dass es dafür einer zentralen Absprache bedürfte. Warum der Nuland-Anruf so aufschlussreich ist – aus einem anderen Grund als meist behauptet Das vielzitierte, im Februar 2014 öffentlich gewordene Telefonat zwischen Nuland und dem damaligen US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, wird in vielen kritischen Darstellungen als Beleg für einen von der CIA gesteuerten Putschplan präsentiert. Der tatsächliche, von der BBC 2014 veröffentlichte Wortlaut zeigt jedoch etwas Alltäglicheres – und, aus analytischer Sicht, möglicherweise Interessanteres: Zwei Diplomaten einer Großmacht erörtern sachlich, welcher der drei ukrainischen Oppositionsführer für welche politische Rolle in einer denkbaren Übergangsregierung am besten geeignet erscheint. Genau das tun Großmächte in ihren jeweiligen Einflusssphären, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung: Russland tut es, wie die dokumentierte Unterstützung separatistischer Strukturen im Donbass seit 2014 zeigt. China tut es in seiner Nachbarschaftspolitik. Großbritannien tat es über Jahrhunderte in seinem Empire. Die Vereinigten Staaten tun es ebenfalls, und der Nuland-Pyatt-Mitschnitt macht diese sonst meist diskret gehaltene Praxis lediglich ausnahmsweise öffentlich nachvollziehbar. Das eigentliche Problem entsteht nicht dadurch, dass Großmächte auf diese Weise Einfluss nehmen – das ist historisch die Regel, nicht die Ausnahme –, sondern dadurch, dass diese Form machtpolitischer Einflussnahme der eigenen Öffentlichkeit gegenüber häufig als reiner, uneigennütziger Altruismus im Dienst universeller Werte verkauft wird. Die Diskrepanz zwischen offizieller Rhetorik und dokumentierter diplomatischer Praxis ist dabei der eigentliche Befund – nicht die bloße Tatsache, dass Einflussnahme überhaupt stattfindet. Profitierte Robert Kagan finanziell vom Krieg? Hier ist analytische Sauberkeit geboten. Für die verbreitete Behauptung, Robert Kagan habe persönlich über Rüstungsbeteiligungen, Aktienpakete oder vergleichbare Strukturen erhebliche Summen am Ukrainekrieg verdient, existiert in den öffentlich zugänglichen Quellen kein belastbarer Nachweis; entsprechende Behauptungen finden sich vor allem in polemisch zugespitzten, teils erkennbar verschwörungstheoretisch gefärbten Online-Publikationen ohne nachprüfbare Quellenbasis. Das bedeutet jedoch nicht, dass am Gesamtsystem keine wirtschaftlichen Profiteure existierten. Rüstungsunternehmen profitieren objektiv und dokumentiert von steigenden Beschaffungsvolumina – General Dynamics und weitere Konzerne, die zugleich zu den Geldgebern des ISW zählen, gehören zu den größten Nutznießern westlicher Ukraine-Militärhilfe. Lobbyisten verdienen an entsprechenden Beschaffungsaufträgen, Think Tanks erhalten dafür Projektfinanzierung, einzelne Experten gewinnen an medialer Sichtbarkeit und politischem Einfluss, Nachrichtenmedien an Aufmerksamkeit für ein dauerhaft nachgefragtes Thema. Daraus ergibt sich ein analytisch wichtiger Punkt: Ein System kann durchaus Gewinner hervorbringen, ohne dass diese Gewinner den zugrundeliegenden Konflikt geplant, gewollt oder gar herbeigeführt haben müssten. Das ist ein strukturell erheblich plausibleres Erklärungsmodell als die Vorstellung eines geheimen Hinterzimmers, in dem eine Handvoll Personen den Kriegsverlauf zentral steuert – und zugleich ein Modell, das die reale Verantwortung für den völkerrechtswidrigen russischen Einmarsch von 2022 in keiner Weise relativiert oder auf westliche Netzwerke verlagert. Macht als geteiltes Weltbild Der interessanteste Mechanismus institutioneller Einflussnahme ist häufig gar keine explizite Weisung. Er besteht vielmehr darin, dass alle relevanten Akteure ähnliche Universitäten besuchen, dieselben Think-Tank-Publikationen lesen, sich auf denselben Konferenzen begegnen, dieselben Berater beschäftigen und im Laufe ihrer Karrieren wiederholt zwischen Regierungsämtern und außenpolitischen Institutionen wechseln – ein in der amerikanischen Hauptstadt seit Langem als „revolving door“ bekanntes Phänomen, das keineswegs auf das Nuland-Kagan-Umfeld beschränkt ist, dort aber besonders dicht und über mehrere Institutionen hinweg dokumentiert vorliegt. Am Ende dieses Prozesses erscheint eine bestimmte außenpolitische Option nicht mehr als eine unter mehreren legitimen Alternativen, sondern schlicht als die einzig „vernünftige“ – nicht, weil sie erzwungen worden wäre, sondern weil der intellektuelle Raum, in dem über Alternativen überhaupt nachgedacht wird, bereits durch ein gemeinsames Set an Institutionen, Karrieren und familiären Beziehungen vorstrukturiert ist. Genau an diesem Punkt beginnt die eigentlich interessante Netzwerkforschung – jenseits sowohl der naiven Vorstellung völlig unabhängiger Einzelakteure als auch der ebenso naiven Vorstellung einer zentral gesteuerten Verschwörung. Quellen (Auswahl) Wikipedia (deutsch/englisch): Victoria Nuland, Robert Kagan, Kimberly Kagan, Institute for the Study of War, Project for the New American Century Militarist Monitor (Right Web / Center for International Policy): Rechercheprofile zu PNAC und ISW, inklusive Auswertung öffentlicher Steuerunterlagen (Form 990) SourceWatch, Grokipedia, AALEP (Association of Accredited Public Policy Advocates to the EU): Hintergrundrecherchen zur Finanzierung und personellen Verflechtung von PNAC und ISW BBC (7. Februar 2014): Ursprüngliche Dokumentation und Transkript des Nuland-Pyatt-Telefonats Reference.org, Factually.co, Telepolis, Berliner Zeitung, Tages-Anzeiger, Agenzianova: Biografische Stationen und Rücktritt Victoria Nulands, inklusive der Nord-Stream-Kongressaussage 2023 International Relations Center (Tom Barry, 2006): „Rise and Demise of the New American Century“
von Holger H. Hohlfeld 1. Juni 2026
John J. McCloy – der Mann zwischen Wall Street und Adenauer Wie ein Amerikaner die deutsche Nachkriegsordnung mitprägte Wer die frühe Bundesrepublik jenseits der bekannten Kanzlernamen verstehen will, stößt irgendwann auf einen Namen, den heute erstaunlich wenige Deutsche kennen: John Jay McCloy. Das ist historisch bemerkenswert, denn McCloy war keineswegs irgendein austauschbarer amerikanischer Verwaltungsbeamter. Er gehörte zu jener seltenen Kategorie von Personen, die gleichzeitig privilegierten Zugang zu Wall Street, Washington, dem Militärapparat, dem internationalen Bankwesen, Deutschland, großen Stiftungen und den zentralen außenpolitischen Netzwerken ihrer Zeit besaßen – und die diesen Zugang über Jahrzehnte hinweg systematisch zu nutzen wusste, ohne dass dafür je ein einzelnes, spektakuläres politisches Amt im engeren Sinne nötig gewesen wäre. Vom Anwalt zum Kriegsministerium McCloy arbeitete zunächst als Wall-Street-Anwalt und entwickelte in dieser Funktion, unter anderem durch Mandate für die Familie Rockefeller, früh eine ausgeprägte Deutschland-Expertise. 1940 wechselte er unter Kriegsminister Henry Stimson in das US-Kriegsministerium und wurde dort 1941 stellvertretender Kriegsminister. Während des Zweiten Weltkriegs war er maßgeblich an zentralen Fragen amerikanischer Kriegs- und Besatzungspolitik beteiligt – eine Zuständigkeit, deren dunkelste Seite die historische Forschung ihm bis heute anlastet: McCloy gehörte zu den treibenden Kräften hinter der Internierung japanischstämmiger Amerikaner ab 1942, setzte sich zugleich aber, anders als viele Kollegen im Kriegsministerium, gegen die von manchen erwogene atomare Bombardierung bestimmter ziviler Ziele ein. Nach Kriegsende wurde er 1947 Präsident der Weltbank – eine Position, die er bis 1949 innehatte, in der prägenden Frühphase des Marshallplans. 1949 folgte dann der für die deutsche Geschichte entscheidende Schritt: die Ernennung zum US High Commissioner for Germany. Damit war McCloy von 1949 bis 1952 der höchste zivile amerikanische Repräsentant in der jungen Bundesrepublik, ausgestattet mit weitreichenden, nahezu diskretionären Vollmachten. Sein eigenes, später vielfach zitiertes politisches Leitmotiv lautete sinngemäß, Deutschland müsse vom besiegten Gegner zu einem verlässlichen westlichen Partner transformiert werden – eine Formel, die sich rückblickend als programmatischer Kern seiner gesamten Amtszeit lesen lässt. McCloy und Adenauer McCloy führte während seiner Amtszeit intensive, in amerikanischen Akten detailliert dokumentierte Gespräche mit Bundeskanzler Konrad Adenauer über Westintegration, die schrittweise Wiedererlangung deutscher Souveränität, die Frage der Wiederbewaffnung und den Aufbau europäischer Sicherheitsstrukturen. Diese Gespräche waren keine bloße diplomatische Formalität, sondern das eigentliche Zentrum der westdeutschen Außenpolitik jener Jahre. Adenauers Grundentscheidung lautete unmissverständlich Westbindung; McCloys Grundinteresse lautete, Deutschland fest und dauerhaft in das amerikanisch geführte westliche Bündnissystem zu integrieren. Diese beiden Interessen passten, historisch betrachtet, nahezu reibungslos zusammen – ein Umstand, der die deutsch-amerikanischen Beziehungen der 1950er Jahre erheblich erleichterte, zugleich aber auch bedeutete, dass innenpolitische deutsche Alternativen zur strikten Westbindung von Beginn an mit begrenztem außenpolitischem Handlungsspielraum rechnen mussten. Die erstaunliche Familienverbindung Eine bemerkenswerte, historisch gut dokumentierte Randnotiz dieser Beziehung betrifft eine familiäre Verflechtung, die weit über das rein Diplomatische hinausgeht. McCloys Ehefrau hieß Ellen Zinsser, Tochter des Chemieunternehmers Frederick G. Zinsser. Ihre Schwester Margaret „Peggy“ Zinsser war mit Lewis W. Douglas verheiratet, einem einflussreichen amerikanischen Politiker und späteren US-Botschafter in Großbritannien von 1947 bis 1950 – womit McCloy und Douglas zu Schwägern wurden, die zeitgleich zwei der zentralen amerikanischen Nachkriegsvertretungen in Europa besetzten. Noch bemerkenswerter ist eine zweite, genealogisch verwandte Verbindung: Konrad Adenauers zweite Ehefrau, Auguste „Gussie“ Zinsser, entstammte einem eng verwandten Zweig derselben Familie – ihr Vater, der Kölner Dermatologe Ferdinand Zinsser, hatte selbst einen Teil seiner Kindheit in den Vereinigten Staaten verbracht, ehe die Familie nach Köln zurückkehrte und dort, in unmittelbarer Nachbarschaft der Familie Adenauer im Kölner Stadtteil Lindenthal, ein freundschaftliches Verhältnis zu den Adenauers pflegte. Gussie Zinsser und Konrad Adenauer, dessen erste Frau Emma 1916 gestorben war, näherten sich in den folgenden Jahren über die gemeinsame Liebe zu Musik und Gartenarbeit an und heirateten 1919, kurz nach Adenauers Wahl zum Kölner Oberbürgermeister; Gussie Adenauer starb bereits 1948, ein Jahr vor McCloys Amtsantritt als Hochkommissar, sodass die beiden Zinsser-Verwandten – anders als gelegentlich suggeriert – während McCloys eigentlicher Amtszeit nicht mehr gleichzeitig lebten. Der amerikanische Schriftsteller und Journalist William Zinsser, selbst ein Cousin sowohl Ellen McCloys als auch Gussie Adenauers, beschrieb diese doppelte verwandtschaftliche Nähe später selbst in seinen autobiografischen Schriften mit der pointierten Feststellung, es sei so gekommen, dass ausgerechnet die beiden Männer, die am engsten am Aufbau des neuen Deutschlands zusammenarbeiteten, über Zinsser-Verwandte miteinander verbunden gewesen seien. Das beweist selbstverständlich nicht, dass Adenauer durch familiäre Beziehungen zum Kanzler gemacht oder dass die deutsch-amerikanische Nachkriegspolitik ursächlich durch diese Verwandtschaft bestimmt worden wäre – die politische Karriere Adenauers war bereits vor seiner zweiten Ehe fest etabliert. Aber die Verbindung illustriert exemplarisch, wie eng gesellschaftliche Eliten diesseits und jenseits des Atlantiks bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts personell verflochten sein konnten – lange bevor irgendjemand ahnen konnte, dass genau diese beiden Familien einmal an zentraler Stelle der deutschen Nachkriegsordnung stehen würden. Eric Warburg – der nächste Schlüsselmann Noch aufschlussreicher für das Verständnis konkreter politischer Entscheidungsprozesse ist die Rolle des deutsch-amerikanischen Bankiers Eric M. Warburg. Warburg entstammte der Hamburger Bankiersfamilie Warburg, deren 1798 gegründetes Bankhaus die Familie infolge der nationalsozialistischen „Arisierungs“- und Enteignungspolitik 1938 verlor; Warburg selbst emigrierte in die Vereinigten Staaten, diente während des Krieges als Offizier der US-Armee und blieb Deutschland, insbesondere seiner Heimatstadt Hamburg, dennoch persönlich eng verbunden. Nach dem Krieg wurde er zu einem der engsten Vertrauten und Berater McCloys. 1949 argumentierte Warburg gegenüber McCloy mit Nachdruck, die fortgesetzte, von den Alliierten ursprünglich beschlossene Demontage deutscher Industrieanlagen sei strategisch gefährlich: Sie könne Deutschland wirtschaftlich dauerhaft schwächen, nationalistische Ressentiments befeuern oder das Land im schlimmsten Fall in Richtung kommunistischer Einflussnahme treiben. Nach überlieferten Berichten bat McCloy Warburg daraufhin persönlich, binnen kürzester Frist eine Liste jener Industrieanlagen zusammenzustellen, die von der Demontage ausgenommen werden sollten. Das ist Netzwerkpolitik in nahezu reiner Form: kein Gesetz, kein parlamentarisches Verfahren, keine Wahl – ein vertrauter Berater, ein einflussreicher Entscheidungsträger, ein informelles Gespräch, und daraus potenziell weitreichende wirtschaftliche Folgen für ganze Industrieregionen. Krupp und die neue Logik des Kalten Krieges Am 31. Januar 1951 verkündete McCloy in seiner Funktion als Hochkommissar seine abschließenden Entscheidungen über Gnadengesuche für 89 in Landsberg inhaftierte, in den Nürnberger Militärtribunalen verurteilte deutsche Kriegsverbrecher. Von fünfzehn verhängten Todesurteilen bestätigte er nach detaillierter Prüfung durch ein eigens eingerichtetes Gnadengremium fünf – vor allem gegen Angehörige der Einsatzgruppen, jener SS-Formationen, die für die systematische Ermordung Zehntausender Juden in Osteuropa verantwortlich waren; vier dieser Verurteilten wurden am 7. Juni 1951 in Landsberg hingerichtet, die letzten Exekutionen an diesem Ort überhaupt. Bei den übrigen 78 Fällen gewährte er Strafmilderungen unterschiedlichen Ausmaßes; in Kombination mit angerechneter Untersuchungshaft und Bewährungszeit ermöglichte dies die sofortige Freilassung von rund 32 Häftlingen. Unter den Freigelassenen befand sich der Industrielle Alfried Krupp, der wegen des Einsatzes und Missbrauchs von Zwangsarbeitern sowie der Plünderung besetzter Gebiete zu zwölf Jahren Haft und der vollständigen Konfiszierung seines auf rund 45 Millionen Dollar geschätzten Firmenvermögens verurteilt worden war. McCloy reduzierte nicht nur Krupps Strafe auf die bereits verbüßte Zeit, sondern ordnete zugleich die Rückgabe seines gesamten konfiszierten Vermögens an – eine in ihrer Kombination bemerkenswerte Entscheidung, die selbst zeitgenössische amerikanische Nürnberger Ankläger als eklatante Abweichung von üblichen Rechtsverfahren kritisierten; einer von ihnen, der Richter Hu C. Anderson, hielt in einem persönlichen Brief an McCloy fest, er sei überzeugt gewesen, politische Opportunität – konkret die Berlin-Blockade und die sowjetische Bedrohungslage – habe die Entscheidung maßgeblich bestimmt. Historische Aufarbeitungen verweisen zudem darauf, dass Adenauer selbst am 5. Dezember 1950 in einem persönlichen Brief an McCloy ausdrücklich um Gnade für Krupp gebeten hatte, unter anderem mit Verweis auf den innenpolitischen Popularitätsverlust seiner eigenen, wiederbewaffnungsfreundlichen Regierung gegenüber der damals erstarkenden Sozialdemokratie. Das ist, aus heutiger Perspektive betrachtet, moralisch schwer verdaulich – ein verurteilter Kriegsverbrecher, dessen Unternehmen nachweislich KZ-Zwangsarbeiter beschäftigt hatte, erhielt binnen weniger Jahre nicht nur seine Freiheit, sondern auch sein gesamtes Firmenimperium zurück, das er in den folgenden Jahren erfolgreich wiederaufbaute. Geopolitisch ist die Entscheidung jedoch, ohne sie damit moralisch zu rechtfertigen, in ihrer strategischen Logik nachvollziehbar: 1945 war Deutschland der besiegte Feind. 1951 war die Sowjetunion der neue, mit Nachdruck verfolgte Hauptgegner des Westens. Plötzlich benötigte der Westen deutsche Industrie, perspektivisch deutsche Soldaten, deutsche Ingenieure und deutsche Wirtschaftskraft für den Wiederaufbau eines stabilen westeuropäischen Bollwerks. Das Feindbild hatte sich binnen weniger Jahre fundamental verschoben – und mit ihm, in bemerkenswerter Geschwindigkeit, die praktische amerikanische Besatzungspolitik. Atlantik-Brücke und American Council on Germany 1952, im Jahr nach den Landsberg-Entscheidungen, entstanden nahezu zeitgleich auf beiden Seiten des Atlantiks zwei neue, bis heute aktive Netzwerkorganisationen. In Deutschland gründeten der Bankier Eric Warburg gemeinsam mit dem Unternehmer und Politiker Erik Blumenfeld, der Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, dem Publizisten Ernst Friedlaender sowie weiteren Hamburger Persönlichkeiten die zunächst „Transatlantik-Brücke“ genannte Organisation mit Sitz in Bonn, die seit 1956 als Atlantik-Brücke firmiert. In den Vereinigten Staaten wurde im selben Jahr in New York der American Council on Germany (ACG) als private, gemeinnützige Organisation ins Leben gerufen. Zu dessen Gründungsmitgliedern gehörten neben Warburg der frühere amerikanische Militärgouverneur General Lucius D. Clay, der Publizist Christopher Emmet sowie – als eine der Unterzeichnerinnen der Gründungsurkunde und langjährige Direktorin der Organisation – Ellen Z. McCloy, John McCloys Ehefrau. John McCloy selbst übernahm den Gründungsvorsitz des ACG und behielt dieses Amt bis 1987, mehr als drei Jahrzehnte lang. Das erklärte Ziel beider Schwesterorganisationen war von Beginn an offen kommuniziert und keineswegs geheim: deutsche und amerikanische Eliten aus Politik, Finanzwelt, Medien, Wissenschaft und Unternehmertum dauerhaft, über einzelne Regierungswechsel hinweg, persönlich miteinander zu verbinden. Zwischen beiden Organisationen besteht bis heute ein regelmäßiger, institutionalisierter Personen- und Informationsaustausch, unter anderem über die seit 1959 jährlich abwechselnd in Deutschland und den USA stattfindenden Deutsch-Amerikanischen Konferenzen sowie, seit 1973, das „Young Leaders“-Programm der Atlantik-Brücke, das gezielt aufstrebende Nachwuchskräfte beider Länder zusammenbringt.  Das ist keine geheime Verschwörung im engeren Sinn – die Gründungsdokumente, Mitgliederlisten und Programme beider Organisationen sind seit jeher öffentlich einsehbar, und ihr Zweck wurde nie verschleiert. Es ist, präziser beschrieben, institutionalisierte, über Jahrzehnte bewusst gepflegte Elitenvernetzung mit einem klaren, offen benannten geopolitischen Ziel: die feste, dauerhafte Westbindung der jungen Bundesrepublik. Und genau aus dieser Kombination – Wall-Street-Karriere, militärische Kriegsverwaltung, Weltbank-Präsidentschaft, Hochkommissariat, Landsberg-Entscheidungen, familiäre Zinsser-Verbindung und die Gründung institutionalisierter transatlantischer Netzwerke, die bis heute fortbestehen – ergibt sich, warum McCloy zu Recht als eine der einflussreichsten, zugleich aber öffentlich erstaunlich wenig bekannten Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte gelten muss. Quellen (Auswahl) Thomas Alan Schwartz: „John J. McCloy and the Landsberg Cases“, in: America's Germany: John J. McCloy and the Federal Republic of Germany (Harvard University Press), sowie separat zitiert nach Cambridge Core The National WWII Museum (New Orleans): „The Nuremberg Military Tribunals and 'American Justice'“ LegalClarity, JSTOR („After Nuremberg: American Clemency for Nazi War Criminals“), Krupp Trial Archive der Vanderbilt University Library, Spartacus Educational: Detaildokumentation der Landsberg-Begnadigungen 1951 Kai Bird: The Chairman: John J. McCloy and the Making of the American Establishment (Simon & Schuster, 1992) Konrad-Adenauer-Stiftung, Kölner Frauengeschichtsverein, Kölner Frauen*Stadtplan: biografische Rekonstruktion Auguste „Gussie“ Adenauers, geb. Zinsser Wikipedia (englisch): William Zinsser, Peggy Zinsser Douglas, John J. McCloy American Council on Germany (acgusa.org): offizielle Gründungsgeschichte Atlantik-Brücke e.V. (atlantik-bruecke.org): offizielle Gründungsgeschichte Transatlantic Perspectives (transatlanticperspectives.org), Academia.edu (Aufsatz zur gemeinsamen Geschichte von Atlantik-Brücke und ACG 1952–1974), Wikipedia (deutsch): Atlantik-Brücke, American Council on Germany
von Holger H. Hohlfeld 29. Mai 2026
Whitney Webb und das Epstein-Netzwerk Warum die US-Journalistin Jeffrey Epstein nicht als Einzeltäter betrachtet – und welches Machtgeflecht sie hinter Sex, Geld, Geheimdiensten, Erpressung und Überwachung sieht Wer sich mit Jeffrey Epstein beschäftigt, landet früher oder später bei Namen. Bill Clinton. Donald Trump. Prince Andrew. Bill Gates. Ehud Barak. Leslie Wexner. Leon Black. Wissenschaftler, Banker, Unternehmer, Politiker. Whitney Webb hält genau diese Fixierung auf die berühmten Namen für einen der größten Fehler bei der Aufarbeitung des Falls. Ihre zentrale Frage lautet nicht: Wer flog mit Epstein? Sondern: Wer machte Jeffrey Epstein überhaupt möglich? Wer verschaffte einem ehemaligen Lehrer ohne Universitätsabschluss Zugang zu Milliardären? Woher kamen sein Geld und seine außergewöhnliche gesellschaftliche Macht? Warum konnte ein bereits verurteilter Sexualstraftäter weiterhin mit Politikern, Wissenschaftlern, Milliardären und Spitzenmanagern verkehren? Warum ignorierten Banken jahrelang Warnsignale? Und vor allem: War Epstein wirklich der Chef seines Systems – oder lediglich ein besonders sichtbarer Knoten eines wesentlich älteren Netzwerkes? Diese Frage beschäftigt die amerikanische Investigativjournalistin Whitney Webb seit Jahren. Webb arbeitet seit 2016 als Autorin und investigative Journalistin, war von 2017 bis 2020 bei MintPress News tätig und ist heute Herausgeberin beziehungsweise zentrale Autorin von Unlimited Hangout . Ihr monumentales zweibändiges Werk One Nation Under Blackmail erschien 2022 und umfasst rund 900 Seiten. Ihre These ist radikal: Jeffrey Epstein sei nicht als isolierter Sexualstraftäter zu verstehen. Hinter seinem Aufstieg habe sich ein historisch gewachsenes Geflecht aus organisiertem Verbrechen, Geheimdiensten, Finanzwelt, Politik und Methoden sexueller Erpressung befunden. Bewiesen ist diese große Gesamttheorie bis heute nicht. Aber einiges von dem, worauf Webb seit Jahren hinweist, ist inzwischen erheblich weniger spekulativ, als es bei Veröffentlichung ihrer ersten Epstein-Serie 2019 erschien. Webb beginnt nicht bei Epstein – sondern Jahrzehnte früher Das vielleicht Wichtigste an ihrer Arbeit ist ihre Perspektive. Während nahezu jede Epstein-Dokumentation mit Palm Beach, Ghislaine Maxwell oder dem berühmten Privatjet beginnt, startet Webb ihre Geschichte ungefähr ein halbes Jahrhundert früher . In ihrer Darstellung entsteht der Epstein-Komplex aus einer langen historischen Verbindung zwischen amerikanischem organisiertem Verbrechen und staatlichen Nachrichtendiensten. Der Ausgangspunkt ist unter anderem die Zusammenarbeit amerikanischer Behörden mit der Mafia während des Zweiten Weltkriegs und danach. Webb verfolgt von dort Netzwerke um organisierte Kriminalität, politische Korruption und sexuelle Erpressung über Persönlichkeiten wie Meyer Lansky, Lewis Rosenstiel und Roy Cohn bis hinein in die amerikanische Politik des Kalten Krieges. Ihre These: Sexuelle Erpressung war lange vor Epstein ein Machtinstrument. Menschen werden in kompromittierende Situationen gebracht. Sexuelle Begegnungen werden dokumentiert. Das Material kann anschließend als Druckmittel dienen. Geheimdienste kennen dieses Prinzip als klassische Honeypot-Operation . Organisierte Kriminalität kennt Erpressung ohnehin. Webbs zentrale historische Hypothese lautet, dass diese beiden Welten in den USA über Jahrzehnte immer wieder miteinander verschmolzen seien. Das ist der Schlüssel zum Verständnis ihrer Arbeit: Epstein erfindet nach Webb das System nicht. Er übernimmt beziehungsweise modernisiert ein bereits vorhandenes Modell. Roy Cohn – einer der wichtigsten Männer in Webbs Geschichte Ein Name taucht in Webbs Arbeit immer wieder auf: Roy Cohn. Cohn war Staatsanwalt im Umfeld der McCarthy-Ära, später einer der einflussreichsten New Yorker Anwälte und Berater zahlreicher Unternehmer, Politiker und Personen aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität. Donald Trump bezeichnete Cohn später als einen wichtigen Mentor seiner frühen Karriere. Webb betrachtet Cohn als Bindeglied zwischen: Politik → organisierter Kriminalität → Geheimdienstmilieus → kompromittierenden sexuellen Netzwerken. In ihrer 2019 veröffentlichten Serie Government by Blackmail versucht sie nachzuzeichnen, wie sexuelle Erpressungsstrukturen rund um Cohn und verwandte Kreise bis in höchste politische Ebenen hineinreichen konnten. Nicht jede Verbindung, die Webb hier rekonstruiert, besitzt dieselbe Beweisqualität. Manches beruht auf Gerichtsunterlagen und historischen Dokumenten. Anderes auf Aussagen ehemaliger Beteiligter, Journalisten, Biografien oder späteren Zeugenaussagen. Gerade deshalb sollte man ihre Arbeit weniger als abschließend bewiesenes Strafverfahren lesen denn als: riesige Netzwerkkarte mit unterschiedlich starken Verbindungslinien. Dann erscheint Leslie Wexner Wenn Webb einen Menschen neben Epstein selbst als besonders entscheidend betrachtet, ist es wahrscheinlich Leslie Wexner . Der milliardenschwere Unternehmer baute ein Handelsimperium auf, zu dem zeitweise Victoria's Secret, The Limited und Abercrombie & Fitch gehörten. Und genau Wexner verschaffte Epstein etwas, das dieser vorher nicht besaß: Zugang zu wirklichem Milliardenvermögen. Epstein wurde Ende der 1980er-Jahre Wexners Finanzberater. 1991 erhielt er eine außergewöhnlich weitreichende Power of Attorney , also Vollmacht über Wexners finanzielle Angelegenheiten. Epstein wurde zudem in Wexners Stiftungsstrukturen eingebunden und gelangte in den Besitz beziehungsweise die Verfügung über enorm wertvolle Vermögenswerte. Die enge Beziehung zwischen beiden ist umfangreich dokumentiert. Genau deshalb sagt Webb sinngemäß: Wer verstehen will, wie Epstein von einem kaum bekannten Finanzberater zum Besitzer riesiger Immobilien, Flugzeuge und eines internationalen Netzwerkes wurde, müsse vor allem Wexner untersuchen . Und diese Frage ist 2026 aktueller denn je. Wexner sagte im Februar 2026 vor dem US-Kongress aus. Er bezeichnete Epstein als einen „world-class con man“, erklärte, er sei von ihm getäuscht worden, und bestritt jede Kenntnis oder Beteiligung an dessen Sexualverbrechen. Wexner ist wegen Epsteins Straftaten nicht angeklagt worden. Gleichzeitig bestätigte seine Aussage erneut, wie weitreichend die finanzielle Macht war, die er Epstein über Jahre eingeräumt hatte. Damit bleibt Webbs Frage bestehen: Warum vertraute einer der reichsten Unternehmer Amerikas ausgerechnet Jeffrey Epstein derart umfassend? Die Mega Group Von Wexner führt Webb zum nächsten Netzwerk. In den 1990er-Jahren gründeten Wexner und Charles Bronfman eine informelle philanthropische Gruppe vermögender jüdischer Unternehmer, die später als Mega Group bekannt wurde. Ihre Mitglieder engagierten sich insbesondere für jüdische Bildungs-, Wohltätigkeits- und Israel-Projekte. Die Existenz dieser Gruppe ist nicht geheim und ihre Mitgliedschaft ist selbstverständlich kein Hinweis auf kriminelles Verhalten . Webb interessiert sich für die Gruppe aus einem anderen Grund: Einige Personen ihres Umfelds überschnitten sich mit Epsteins Geschäfts-, Politik- und Kontaktwelt sowie mit hochrangigen israelischen Persönlichkeiten. Daraus rekonstruiert Webb ein Netzwerk zwischen amerikanischem Großkapital, israelischer Politik, Geheimdienstkontakten und Personen aus Epsteins unmittelbarer Umgebung. Dabei ist eine wichtige Präzisierung notwendig. Webb schreibt selbst nicht, die Beweise zeigten schlicht: „Mossad → Epstein.“ Ihre Formulierung ist differenzierter. Sie beschreibt vielmehr „ein Netz“ , in dem Geschäftsleute, Politiker, organisierte Kriminalität sowie amerikanische und israelische Geheimdienstmilieus miteinander verbunden seien. Das ist ein bedeutender Unterschied. Robert Maxwell – der nächste entscheidende Knoten Dann kommt Robert Maxwell . Vater von Ghislaine Maxwell • Medienunternehmer • Milliardär • International hervorragend vernetzt. Nach seinem mysteriösen Tod 1991 erhielt Maxwell in Israel ein außergewöhnlich hochrangiges Begräbnis, an dem führende israelische Politiker teilnahmen. Über seine möglichen Verbindungen zum israelischen Geheimdienst wurde jahrzehntelang geschrieben. Webb stützt sich dabei unter anderem auf frühere Veröffentlichungen sowie Aussagen des früheren israelischen Geheimdienstmitarbeiters und Waffenhändlers Ari Ben-Menashe . Ben-Menashe behauptete gegenüber dem Journalisten Zev Shalev ausdrücklich, Robert Maxwell habe Epstein in ein israelisches Nachrichtendienstumfeld eingeführt und Epsteins spätere Tätigkeit habe auch der Sammlung kompromittierender Informationen gedient. Das ist eine spektakuläre Behauptung. Aber: Sie ist keine gerichtlich festgestellte Tatsache. Ben-Menashes Glaubwürdigkeit und einzelne seiner früheren Behauptungen sind seit Jahrzehnten umstritten. Genau hier muss man zwischen Webbs Recherche und dem Beweisstatus unterscheiden. Webb betrachtet diese Aussagen als Baustein innerhalb eines größeren Indizienbildes. Ein Beweis dafür, dass Epstein offiziell für den Mossad arbeitete, ist daraus bislang nicht entstanden. „Epstein gehörte zum Geheimdienst“. Noch berühmter ist eine andere Geschichte. 2019 berichtete die Journalistin Vicky Ward , der frühere Staatsanwalt Alexander Acosta habe während seiner Überprüfung für das Amt des US-Arbeitsministers gesagt, man habe ihm während der ursprünglichen Epstein-Ermittlungen erklärt, Epstein „gehöre zum Geheimdienst“, weshalb er sich zurückhalten solle. Dieser Satz wurde zu einem der zentralen Argumente für die Intelligence-Theorie. Auch Webb verweist darauf. Nur gibt es ein Problem: Acosta bestritt später gegenüber einer offiziellen Untersuchung des US-Justizministeriums, Kenntnis davon gehabt zu haben, dass Epstein ein Geheimdienst-Asset gewesen sei. Der ursprüngliche Satz stammt aus Wards Bericht unter Berufung auf eine anonyme Quelle. Damit ist dieser berühmte Satz: interessant – aber nicht bewiesen. Und genau das zeigt die Schwierigkeit des gesamten Falls. Aber dann sind da die Kameras Die Blackmail-Theorie würde natürlich wesentlich plausibler, wenn Epstein seine Gäste systematisch überwachte. Und hier wird es interessant. Opfer und ehemalige Mitarbeiter berichteten über Kameras in seinen Häusern. Bei der Durchsuchung seines New Yorker Hauses fanden FBI-Agenten zudem große Mengen elektronischer Datenträger und Festplatten. Beim Maxwell-Prozess wurde öffentlich, dass ein aufgesägter Safe unter anderem Festplatten und Datenträger enthielt. Das beweist noch nicht, dass Epstein ein systematisches staatliches Erpressungsarchiv führte. Das US-Justizministerium erklärte nach einer umfassenden Überprüfung 2025 sogar ausdrücklich, es habe keine glaubwürdigen Beweise dafür gefunden, dass Epstein prominente Personen systematisch erpresste . Ebenso habe man keine belastende „Client List“ gefunden. Das ist der stärkste offizielle Widerspruch zu Webbs zentraler Blackmail-These. Man sollte ihn nicht unterschlagen. Allerdings ist auch das nicht automatisch das Ende der Diskussion. Mehrere Personen mit Zugang zu den beschlagnahmten Daten erklärten 2025 gegenüber Business Insider ebenfalls, sie hätten keinen Hinweis auf eine Geheimdienstoperation oder ein systematisches Honeypot-Programm gefunden. Damit stehen derzeit zwei sehr unterschiedliche Interpretationen nebeneinander: Whitney Webb: Das historische Netzwerk, Epsteins Kontakte, Überwachung, Finanzierung und Geheimdienstverbindungen ergeben zusammen das Bild eines Blackmail-Systems. DOJ/FBI: bDie überprüften Beweismittel liefern keinen glaubwürdigen Nachweis eines systematischen Erpressungsprogramms oder einer Geheimdienstbeziehung. Diese Differenz ist zentral. Und dann kommt Ghislaine Maxwell Was dagegen überhaupt nicht mehr spekulativ ist: Ghislaine Maxwell war nicht lediglich Epsteins gesellschaftliche Begleiterin. Eine amerikanische Jury verurteilte sie 2021 wegen ihrer Rolle bei der Rekrutierung und sexuellen Ausbeutung minderjähriger Mädchen. 2022 erhielt sie eine Haftstrafe von 20 Jahren. Damit ist eine Kernannahme früherer Epstein-Recherchen endgültig bestätigt: Epstein arbeitete nicht allein. Es existierte zumindest ein organisiertes System der Rekrutierung und sexuellen Ausbeutung. Die entscheidende offene Frage lautet lediglich: Wie weit reichte dieses System darüber hinaus? Webb interessiert sich deshalb kaum für die berühmte „Kundenliste“ Das unterscheidet sie von einem großen Teil der öffentlichen Epstein-Debatte. Die Öffentlichkeit will: Namen. Webb will: Infrastruktur. Wer finanzierte Epstein? Wer führte ihn in die Elite ein? Welche Banken ließen ihn jahrelang arbeiten? Welche Anwälte schützten ihn? Welche Unternehmen profitierten von seinen Kontakten? Welche Geheimdienst- und Sicherheitsstrukturen kreuzten sich mit seinem Umfeld? Welche Institutionen öffneten ihm nach seiner Verurteilung weiterhin ihre Türen? Das ist eine wesentlich unangenehmere Fragestellung. Denn eine „Kundenliste“ könnte das Problem auf zwanzig böse Männer reduzieren. Webbs Modell sagt dagegen: Das Problem könnte institutionell gewesen sein. Die Banken: Einer der stärksten Punkte ihrer Argumentation Hier bekam die Vorstellung eines umfassenderen Ermöglichungsnetzwerkes später erhebliche Unterstützung aus Gerichtsverfahren. Epstein war ungefähr 15 Jahre Kunde von JPMorgan Chase . Interne Warnungen über ihn wurden bekannt. 2023 zahlte JPMorgan rund 290 Millionen Dollar , um eine Sammelklage von Epstein-Opfern beizulegen. Später zahlte die Bank weitere 75 Millionen Dollar in einem Verfahren der US Virgin Islands. JPMorgan bestritt, von Epsteins Straftaten gewusst zu haben. Nachdem JPMorgan Epstein als Kunden beendet hatte , wechselte er zur Deutschen Bank . Auch sie zahlte 2023 75 Millionen Dollar , um eine Klage von Epstein-Opfern beizulegen, die der Bank vorgeworfen hatten, Warnsignale ignoriert zu haben. Die Bank erkannte mit dem Vergleich keine strafrechtliche Beteiligung an. Für Webbs Grundthese ist das wichtig. Denn damit wird zumindest die Aussage schwer bestreitbar: Epstein konnte nur deshalb über Jahrzehnte derart operieren, weil mächtige Institutionen immer wieder mit ihm Geschäfte machten. Das beweist keine Geheimdienststeuerung. Aber es zerstört das Bild des isolierten Einzelgängers. Epstein, Ehud Barak und Carbyne Ein weiterer Teil von Webbs früher Recherche wirkt heute bemerkenswert aktuell. Bereits 2019 schrieb sie ausführlich über Epsteins Beziehungen zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten und früheren Militärgeheimdienstchef Ehud Barak sowie über die Sicherheits- und Überwachungsfirma Carbyne , früher Reporty. Webb stellte dabei eine Verbindung zwischen Epstein, Barak, israelischen Geheimdiensttechnologien und einem zunehmend privatisierten Überwachungsmarkt her. Damals wirkte diese Geschichte für viele Leser wie ein gewaltiger spekulativer Sprung. 2026 lieferten neu veröffentlichte Unterlagen jedoch zusätzliche Fakten: Forbes berichtete anhand der Epstein-Akten, Epstein habe über Barak rund eine Million Dollar in die spätere Carbyne investiert. Das Unternehmen entwickelt Technologien für Notruf-, Standort- und Sicherheitskommunikation. Damit ist Webbs weitergehende Interpretation nicht automatisch bewiesen. Aber: Die finanzielle Verbindung Epstein → Barak → Überwachungstechnologie war real. Und genau deshalb sollte man ihre älteren Arbeiten heute noch einmal lesen. Von sexueller Überwachung zu digitaler Überwachung Hier erweitert Webb ihre These erheblich. Sie argumentiert: Die klassische Form von Macht durch kompromittierendes Material habe sich technologisch weiterentwickelt. Früher: Hotelzimmer → Kamera → kompromittierendes Video. Heute: Smartphone → Standortdaten → Kommunikation → Finanztransaktionen → Gesichtserkennung → Cloud → künstliche Intelligenz. Für Webb besteht deshalb eine Verbindung zwischen ihrer Epstein-Recherche und ihren heutigen Arbeiten über: Palantir Peter Thiel digitale Identitäten Stablecoins Überwachungstechnologie private Nachrichtendienstunternehmen und öffentlich-private Sicherheitsstrukturen Ihre These lautet vereinfacht: Wer alles über einen Menschen weiß, benötigt möglicherweise überhaupt keinen klassischen Sexfilm mehr, um Macht über ihn auszuüben. Das erklärt, warum sie den Epstein-Komplex nicht als abgeschlossenes Kapitel betrachtet. Epstein ist tot - das Machtmodell , das sie untersucht, ist es ihrer Ansicht nach nicht. Harvard, MIT und die Welt der Wissenschaft Webb untersucht außerdem Epsteins erstaunlichen Zugang zu Wissenschaft und Universitäten. Epstein pflegte nach seiner ersten strafrechtlichen Verurteilung weiterhin Kontakte zu Wissenschaftlern und Institutionen. Webb schrieb unter anderem über: Harvard, MIT, Bill Gates, Noam Chomsky und Wissenschaftler aus Bereichen wie künstliche Intelligenz, Genetik und Transhumanismus. 2023 untersuchte sie beispielsweise ausführlich die später bekannt gewordenen Treffen zwischen Epstein und Noam Chomsky und argumentierte, Epstein habe gezielt intellektuelle Netzwerke aufgebaut, die mit seinen Interessen an Genetik, Eugenik und Transhumanismus zusammenhingen. Wieder gilt: Ein Treffen mit Epstein beweist keine Beteiligung an seinen Straftaten. Gerade bei diesem Fall ist Kontakt nicht gleich Schuld . Aber Webbs Frage bleibt interessant: Warum suchte ein verurteilter Sexualstraftäter derart intensiv die Nähe zu führenden Wissenschaftlern – und warum ließen sich viele weiterhin auf ihn ein? Bill Gates und Microsoft Webb widmete auch dem Verhältnis von Epstein zu Bill Gates umfangreiche Recherchen. Sie argumentiert dabei, die öffentliche Darstellung der Gates-Epstein-Beziehung sei lange zu eng auf persönliche Treffen fokussiert worden und übersehe ältere institutionelle beziehungsweise geschäftliche Verbindungen im Microsoft- und Technologiekontext. Ihre weitergehende Interpretation ist umstritten. Unstrittig ist inzwischen jedoch, dass Gates Epstein nach dessen Verurteilung mehrfach traf – etwas, das Gates später selbst als Fehler bezeichnete. Auch hier folgt Webb demselben Muster: Sie interessiert sich weniger für die Frage: „War Gates auf Epsteins Insel?“ als: „Warum konnte Epstein nach seiner Verurteilung weiterhin als Vermittler zwischen Milliardären, Wissenschaft, Philanthropie und Technologie auftreten?“ Das ist die eigentlich interessante Frage. Webb weigert sich, Epstein parteipolitisch zu betrachten Das dürfte einer der Gründe sein, warum sie weder im klassischen linken noch rechten politischen Lager problemlos einzuordnen ist. Ihre Epstein-Serie beschäftigt sich mit: Trump Clinton George W. Bush jr. israelischen Politikern Wall Street Silicon Valley amerikanischen Geheimdiensten. organisierter Kriminalität Sie argumentiert ausdrücklich, das Netzwerk könne nicht sinnvoll einer einzelnen Partei oder einem einzelnen Staat zugerechnet werden. In ihrer 2019er Serie formuliert sie es sinngemäß als ein System, das Nationalitäten und Parteigrenzen überschreitet . Das ist möglicherweise eine ihrer wichtigsten Beobachtungen. Denn tatsächliche Machteliten wechseln nicht zwangsläufig alle vier Jahre, nur weil der Präsident wechselt. Und Donald Trump? Webb hat deshalb auch Trump nie aus ihrer Epstein-Recherche herausgelassen. Das ist bemerkenswert, weil ein großer Teil der alternativen amerikanischen Medienlandschaft den Epstein-Komplex lange fast ausschließlich mit Bill Clinton und Demokraten verband. Webb betrachtet Trumps jahrzehntelanges soziales Umfeld in New York und Florida dagegen ebenfalls als relevanten Untersuchungsgegenstand. 2025 startete Unlimited Hangout beispielsweise die Serie „First Friends“ , die Personen aus Trumps langjährigem Umfeld untersucht, die zugleich Verbindungen zu Epstein oder Maxwell besaßen. Auch hier gilt selbstverständlich: Bekanntschaft mit Epstein ist kein Beweis sexuellen oder sonstigen kriminellen Fehlverhaltens. Webbs Argument lautet vielmehr: Wenn man wirklich das Netzwerk untersucht, darf man die Untersuchung nicht abbrechen, sobald sie das eigene politische Lager erreicht. Der neue Epstein-Aktenberg Seit Webbs Büchern hat sich die Quellenlage erheblich verändert. Am 30. Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium mehr als drei Millionen zusätzliche Seiten. Zusammen mit vorherigen Veröffentlichungen umfasst die offizielle Veröffentlichung inzwischen fast: 3,5 Millionen Seiten, 2.000 Videos und 180.000 Bilder. Die Unterlagen stammen unter anderem aus den Ermittlungen gegen Epstein und Maxwell, Untersuchungen zu Epsteins Tod und mehreren FBI-Verfahren. Doch das DOJ warnt selbst: Unter dem Material befinden sich auch Dokumente und Hinweise, die Bürger beim FBI eingereicht haben und die falsch oder gefälscht sein können . Deshalb gilt: Ein Name in den Epstein-Files beweist zunächst überhaupt nichts. Das ist bei der kommenden Auswertung entscheidend. Die offizielle Epstein Library wird weiterhin aktualisiert und war zuletzt im Juli 2026 ergänzt worden. Interessanterweise holen die neuen Akten teilweise Webbs alte Themen wieder ein Leslie Wexner musste 2026 vor dem Kongress aussagen. Epsteins Carbyne-Investment wurde genauer dokumentiert. Neue Dokumente zeigen weitere Details seiner Beziehungen zu Banken, Unternehmern und Investoren. Und dennoch bleibt die große Frage nach einer nachrichtendienstlich gesteuerten Erpressungsoperation weiterhin offen. Das ist vielleicht die fairste Zwischenbilanz zu Whitney Webb: Einige ihrer Netzwerklinien werden mit jeder Veröffentlichung konkreter. Ihre große Gesamthypothese ist dadurch aber noch nicht vollständig bewiesen. Wo ihre Arbeit besonders stark ist: Webbs große Stärke besteht meines Erachtens darin, dass sie eine Frage stellt, die in vielen Mainstream-Berichten lange fehlte: Nicht: „Mit welchen Prominenten war Epstein befreundet?“ Sondern: „Welche Systeme ermöglichten Epstein?“ Das führt zwangsläufig zu: Banken, Stiftungen, Geheimdiensten, Unternehmen, Anwaltskanzleien, Politik, Universitäten und Technologie. Und damit wird aus einer True-Crime-Geschichte eine Untersuchung über Machtstrukturen . Gerade die späteren Verfahren gegen JPMorgan und Deutsche Bank zeigen, dass dieser institutionelle Blick keineswegs absurd war. Wo man bei Webb vorsichtig sein muss Eine andere Eigenschaft ihrer Arbeit ist gleichzeitig Stärke und Schwäche: Sie arbeitet extrem stark mit Netzwerken. Person A kennt Person B. B arbeitete mit C. C finanzierte Unternehmen D. D hatte Kontakte zu Geheimdienst E. Diese Methode kann Strukturen sichtbar machen, die bei der Betrachtung einzelner Personen unsichtbar bleiben. Aber sie birgt eine Gefahr: Nähe ist noch keine Komplizenschaft. Ein Kontakt ist kein Agentenverhältnis. Eine Investition ist kein Geheimdienstauftrag. Eine gemeinsame Organisation beweist keine gemeinsame Straftat. Und ein Mensch kann Epstein getroffen haben, ohne irgendetwas über seine Verbrechen zu wissen. Deshalb muss man bei Webbs Arbeit ständig unterscheiden zwischen: Dokumentierter Verbindung und Interpretation dieser Verbindung. Der größte Streitpunkt: War Epstein tatsächlich ein Geheimdienst-Asset? Hier muss der Artikel eindeutig sein: Öffentlich bewiesen ist es bis heute nicht. Das DOJ und FBI erklärten 2025 ausdrücklich, keinen glaubwürdigen Nachweis für ein systematisches Blackmail-System gefunden zu haben. Mehrere Personen mit direktem Zugang zu beschlagnahmten FBI-Unterlagen erklärten ebenfalls, sie hätten dort keinen Hinweis auf eine amerikanische oder ausländische Geheimdienstbeziehung entdeckt. Acosta bestritt Kenntnis von einer Intelligence-Beziehung. Andererseits existieren: die Maxwell-Familiengeschichte, Ben-Menashes Behauptungen, Epsteins Beziehungen zu ehemaligen Geheimdienst- und Regierungschefs, seine Investitionen in Überwachungstechnologie, sein ungewöhnlicher Schutz durch mächtige Institutionen, und die schwer erklärbare Entwicklung seines Vermögens und Einflusses. Genau aus dieser Kombination baut Webb ihre These. Ob daraus irgendwann ein gerichtsfester Beweis wird, ist eine andere Frage. Vielleicht ist „Für welchen Geheimdienst arbeitete Epstein?“ ohnehin die falsche Frage Und genau hier wird Webbs Analyse besonders interessant. Sie argumentiert letztlich nicht für das klassische James-Bond-Modell: Epstein erhält morgens vom Mossad einen Umschlag und meldet sich abends bei seinem Führungsoffizier. Ihr Modell ist wesentlich diffuser. Alle können zeitweise dieselben Personen und Strukturen benutzen , ohne dass eine einzige Institution vollständige Kontrolle besitzt. Das wäre dann weniger eine Geheimdienstoperation im klassischen Sinn. Sondern: eine private Machtstruktur, die staatliche und kriminelle Netzwerke miteinander verbindet. Und genau das meint der T itel ihres Buches: One Nation Under Blackmail. Ihre Arbeit endet deshalb nicht mit Epsteins Tod 2025 untersuchte Webb gemeinsam mit anderen Autoren mögliche Überschneidungen zwischen dem Umfeld von Sean „Diddy“ Combs und Netzwerken, die sie bereits aus ihrer Epstein-Recherche kannte. Dabei argumentiert Unlimited Hangout, sexuelle Ausbeutung, Aufzeichnungen kompromittierender Begegnungen und der Schutz mächtiger Personen könnten auch in anderen Teilen der Unterhaltungsindustrie nach ähnlichen Mustern funktionieren. Die weitergehenden Netzwerkbehauptungen dieser Serie sind allerdings wiederum nicht gerichtlich festgestellt und müssen als Recherchehypothesen behandelt werden. 2026 arbeitet Webb gleichzeitig weiter an Leslie Wexners Strukturen und untersuchte mit Mark Goodwin, wie Wexners Stadtentwicklungsprojekt New Albany, Ohio , später zu einem bedeutenden Standort für Big-Tech-, Rechenzentrums- und KI-Infrastruktur wurde. Damit wird klar: Epstein ist für Webb inzwischen eher eine Eingangstür in ein wesentlich größeres Forschungsgebiet. Denn ihre Arbeit besitzt genau dort den größten Wert, wo sie Leser zwingt, aus der üblichen Prominentenperspektive auszusteigen. Der Epstein-Komplex war nie nur: Ein reicher Pädophiler kannte berühmte Menschen. Ghislaine Maxwells Verurteilung beweist ein organisiertes Rekrutierungs- und Missbrauchssystem. Die Bankenvergleiche zeigen institutionelles Versagen beziehungsweise zumindest massive rechtliche Risiken aufgrund ihrer Geschäftsbeziehungen zu Epstein. Wexners außergewöhnliche finanzielle Beziehung zu Epstein ist dokumentiert. Epsteins Investition in Überwachungstechnologie gemeinsam mit Ehud Barak ist inzwischen ebenfalls konkreter dokumentiert. Und Millionen neuer Akten zeigen, wie gewaltig der Umfang des Ermittlungsstoffs tatsächlich ist. Der vielleicht wichtigste Satz ihrer gesamten Recherche Webb schrieb bereits 2019 sinngemäß, die vorliegenden Verbindungen deuteten nicht einfach auf einen einzigen Geheimdienst , sondern auf ein Netzwerk aus Politik, organisierter Kriminalität, Kapital und nachrichtendienstlichen Interessen. Das ist vermutlich der Punkt, an dem ihre Arbeit häufig missverstanden wird. Sie sucht nicht nach einem Mann hinter dem Vorhang . Sie sucht nach einem System. Und vielleicht erklärt genau das, warum der Fall Epstein trotz Millionen veröffentlichter Dokumente noch immer nicht wirklich abgeschlossen wirkt. Denn Jeffrey Epstein ist tot und Ghislaine Maxwell sitzt im Gefängnis. Aber viele der Institutionen, Finanzstrukturen, politischen Netzwerke und Technologien, die Whitney Webb seit Jahren untersucht, bestehen weiter. Die eigentliche Frage lautet deshalb möglicherweise nicht mehr: Wer war Jeffrey Epstein? Sondern: Was war Jeffrey Epstein – und wem nützte das System, in dem er jahrzehntelang operieren konnte? Quellen Whitney Webb – Autorenprofil: https://unlimitedhangout.com/author/whitney-webb/ Hidden in Plain Sight: The Shocking Origins of the Jeffrey Epstein Case: https://unlimitedhangout.com/2019/07/investigative-series/hidden-in-plain-sight-the-shocking-origins-of-the-jeffrey-epstein-case/ Government by Blackmail: Jeffrey Epstein, Trump’s Mentor and the Dark Secrets of the Reagan Era: https://unlimitedhangout.com/2019/07/investigative-series/government-by-blackmail-jeffrey-epstein-trumps-mentor-and-the-dark-secrets-of-the-reagan-era/ Mega Group, Maxwells and Mossad: https://unlimitedhangout.com/2019/08/investigative-series/mega-group-maxwells-and-mossad-the-spy-story-at-the-heart-of-the-jeffrey-epstein-scandal/ From Spook Air to the Lolita Express: https://unlimitedhangout.com/2019/08/investigative-series/from-spook-air-to-the-lolita-express-the-genesis-and-evolution-of-the-jeffrey-epstein-bill-clinton-relationship/ How the CIA, Mossad and the Epstein Network Are Exploiting Mass Shootings: https://unlimitedhangout.com/2019/09/investigative-series/how-the-cia-mossad-and-the-epstein-network-are-exploiting-mass-shootings-to-create-an-orwellian-nightmare/ Former Israeli Intel Official Claims Jeffrey Epstein, Ghislaine Maxwell Worked for Israel: https://unlimitedhangout.com/2019/10/investigative-series/former-israeli-intel-official-claims-jeffrey-epstein-ghislaine-maxwell-worked-for-israel/ Leslie Wexner’s Young Global Leaders: https://unlimitedhangout.com/2022/08/investigative-reports/leslie-wexners-young-global-leaders/ Unraveling the Epstein-Chomsky Relationship: https://unlimitedhangout.com/2023/05/investigative-reports/unraveling-the-epstein-chomsky-relationship/ First Friends – Part 1: https://unlimitedhangout.com/2025/07/investigative-series/first-friends-part1/ Technate, Ohio – New Albany: https://unlimitedhangout.com/2026/03/investigative-reports/technate-ohio-new-albany/ Unlimited Hangout – Epstein Archiv: https://unlimitedhangout.com/epstein/ DOJ – Ghislaine Maxwell Sentenced to 20 Years: https://www.justice.gov/usao-sdny/pr/ghislaine-maxwell-sentenced-20-years-prison-conspiring-jeffrey-epstein-sexually-abuse DOJ/FBI Memorandum zu Epstein 2025: https://www.justice.gov/opa/media/1407001/dl DOJ – 3,5 Millionen Seiten Epstein Files veröffentlicht: https://www.justice.gov/opa/pr/department-justice-publishes-35-million-responsive-pages-compliance-epstein-files DOJ – Epstein Library: https://www.justice.gov/epstein DOJ – Epstein Disclosures: https://www.justice.gov/epstein/doj-disclosures US House Oversight – Leslie Wexner Deposition Video: https://oversight.house.gov/release/oversight-committee-releases-les-wexner-deposition-video/ AP – Leslie Wexner nennt Epstein „world-class con man“: https://apnews.com/article/epstein-wexner-congress-subpoena-733833f6d648c09e6b3473eb1cd4009d Reuters – Wexner sagt vor Kongress zu Epstein aus: https://www.reuters.com/world/us/billionaire-wexner-says-he-visited-epsteins-island-denies-knowledge-financiers-2026-02-19/ Reuters – JPMorgan zahlt 290 Millionen Dollar im Epstein-Vergleich: https://www.reuters.com/legal/jpmorgan-agrees-settle-with-epstein-victim-class-action-suit-2023-06-12/ Reuters – Deutsche Bank zahlt 75 Millionen Dollar im Epstein-Vergleich: https://www.reuters.com/legal/us-judge-approves-deutsche-bank-75-million-settlement-with-epstein-accusers-2023-10-20/ Forbes – Epstein, Ehud Barak und Carbyne: https://www.forbes.com/sites/thomasbrewster/2026/02/10/epstein-police-surveillance-investments-with-ehud-barak/ Business Insider – Was Jeffrey Epstein a Spy?: https://www.businessinsider.com/jeffrey-epstein-spy-epstein-files-intelligence-asset-trump-bondi-2025-7 AP – FBI-Auswertung der Epstein-Akten: https://apnews.com/article/049c96080a2ca2c12c84ac506437e50b
von Holger H. Hohlfeld 1. Mai 2026
Wem gehören unsere Medien? Familien, Industrie, Milliardäre und die Macht hinter den Schlagzeilen  Wenn Menschen über „die Medien" sprechen, klingt es oft so, als handle es sich um einen einzigen, homogenen Block. Das stimmt nicht. ARD ist nicht Bild. Bild ist nicht Spiegel. CNN ist nicht Fox. Reuters ist nicht TikTok. Diese Unterschiede in Ausrichtung, Publikum und journalistischem Selbstverständnis sind real und bedeutsam. Ebenso falsch wäre allerdings die gegenteilige Vorstellung, die westliche Medienlandschaft bestehe aus Tausenden vollkommen unabhängigen Einzelunternehmen, die zufällig ähnliche Themen behandeln. Hinter vielen großen Marken stehen tatsächlich relativ wenige Eigentümergruppen – Familien, Industriekonzerne, Investmentfonds, Milliardäre, Parteien, staatliche Aufsichtsstrukturen. Und manche der daraus entstehenden Verbindungen sind, sobald man sie systematisch zusammenträgt, durchaus erstaunlich. Die Wurzeln nach 1945: Lizenzpresse als Ausgangspunkt Um die heutige deutsche Medienlandschaft zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf ihren eigentlichen Ursprung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verboten die vier alliierten Besatzungsmächte sämtliche Zeitungen und Zeitschriften des NS-Regimes. In der als „Stunde Null der deutschen Presse" bezeichneten Phase zwischen 1945 und der Gründung der Bundesrepublik 1949 durfte in Deutschland keine Zeitung ohne eine ausdrückliche Lizenz der jeweiligen Besatzungsmacht erscheinen. Diese Lizenzen wurden gezielt an Personen vergeben, die während des Nationalsozialismus nachweislich nicht in der Presselandschaft tätig gewesen waren, um eine personelle Kontinuität zur NS-Propaganda zu verhindern. Aus dieser Phase gingen einige der bis heute bedeutendsten deutschen Titel hervor: Die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau, Die Welt, Die Zeit, Der Spiegel und der Tagesspiegel erhielten allesamt ihre erste Erscheinungsgenehmigung von amerikanischen, britischen oder französischen Presseoffizieren. In der sowjetischen Zone entstand auf vergleichbarem Weg unter anderem die Berliner Zeitung. Diese frühe Startbedingung hatte einen dauerhaften strukturellen Effekt: Weil die Lizenzblätter bereits am Markt etabliert waren, bevor mit der Aufhebung der Lizenzpflicht 1949 auch Neugründungen ohne alliierte Genehmigung möglich wurden, verschafften sie sich einen Wettbewerbsvorsprung, den spätere Konkurrenten in der Regel nicht mehr aufholen konnten. Ein erheblicher Teil der bis heute meinungsbildenden deutschen Presselandschaft geht damit unmittelbar auf diese besatzungspolitisch gesteuerte Gründungsphase zurück – ein historischer Fakt, der in rechtsextremen und rechtsradikalen Kreisen seit Jahrzehnten polemisch zum Kampfbegriff „Lizenzpresse" verkürzt wird, um die Legitimität etablierter Medien pauschal infrage zu stellen. Historisch korrekt beschrieben ist die Lizenzvergabe jedoch zunächst schlicht das, was sie war: ein von den Siegermächten kontrolliertes, zeitlich befristetes Instrument des demokratischen Neuaufbaus, das mit der vollen Pressefreiheit ab 1949 endete – dessen strukturelle Nachwirkungen auf die heutige Verlagslandschaft aber real und bis in die Gegenwart nachweisbar sind. Deutschland: Bertelsmann als Sonderfall Bertelsmann gehört zu den größten Medienkonzernen Europas. Über die RTL Group stehen zahlreiche Fernsehsender sowie weitere Medienaktivitäten unter seinem Dach, ergänzt um den Buchverlag Random House und weitere Unternehmensbereiche. Die Eigentumsstruktur ist dabei ungewöhnlich konstruiert: 80,9 Prozent des Kapitals der Bertelsmann SE & Co. KGaA werden mittelbar von mehreren Stiftungen gehalten – der Bertelsmann Stiftung, der Reinhard Mohn Stiftung sowie zwei weiteren Stiftungen der Familie –, während 19,1 Prozent unmittelbar der Familie Mohn zugerechnet werden. Entscheidend ist jedoch eine zweite, davon unabhängige Ebene: Sämtliche Stimmrechte auf den Hauptversammlungen von Bertelsmann SE & Co. KGaA und der geschäftsführenden Bertelsmann Management SE werden vollständig von der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) kontrolliert, deren Lenkungsgremium wiederum mehrheitlich mit Angehörigen der Familie Mohn besetzt ist. Das ist ein Unterschied, der in öffentlichen Debatten häufig übersehen wird: Kapitalbesitz und tatsächliche Stimmrechtskontrolle sind rechtlich zwei vollständig getrennte Kategorien, und wer nur auf die Kapitalquote schaut, unterschätzt regelmäßig, wo die eigentliche unternehmerische Kontrolle liegt. Deutschland: die SPD als einzige Partei mit eigenem Medienimperium Ein in der öffentlichen Debatte selten thematisierter Sonderfall ist die Sozialdemokratische Partei Deutschlands selbst. Über ihre zu 100 Prozent im Parteieigentum stehende Beteiligungsgesellschaft, die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg) mit Sitz in Berlin, hält die SPD Anteile an einer größeren Zahl regionaler Tageszeitungen, als vielen Lesern bewusst sein dürfte. Größte Einzelbeteiligung ist mit rund 23 Prozent die Madsack Mediengruppe, zu der unter anderem die Hannoversche Allgemeine Zeitung, die Leipziger Volkszeitung, die Kieler Nachrichten, die Lübecker Nachrichten, die Ostsee-Zeitung, die Märkische Allgemeine Zeitung sowie – seit 2024 – die Sächsische Zeitung gehören, zusammengefasst unter der überregionalen Redaktion des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). Hinzu kommen die vollständig im Parteibesitz befindliche Berliner Vorwärts Verlagsgesellschaft, Herausgeberin des Parteiorgans Vorwärts, sowie kleinere Rundfunkbeteiligungen. Historisch reicht dieses Beteiligungsnetzwerk bis in die 1970er Jahre zurück und wurde 2004 durch die vielbeachtete, seinerzeit von CDU und FDP kritisierte Übernahme großer Teile des Verlagshauses der Frankfurter Rundschau noch einmal spürbar ausgeweitet. Die ddvg selbst betont auf ihrer Website den Anspruch redaktioneller und journalistischer Unabhängigkeit gegenüber sämtlichen Beteiligungen und verweist darauf, keinen beherrschenden Einfluss auf einzelne Redaktionen auszuüben – ein Argument, das auch von Unionspolitikern im Bundestag geteilt wurde, als sie feststellten, dass die konkreten Beteiligungsquoten für sich genommen keine redaktionelle Kontrolle ermöglichten. Kritiker verweisen demgegenüber darauf, dass die SPD als bislang einzige deutsche Partei überhaupt ein derart umfangreiches Medienbeteiligungsnetzwerk unterhält, und sehen darin ein strukturelles Näheverhältnis, das zumindest die Möglichkeit einer wohlwollenderen Berichterstattung schafft – unabhängig davon, ob diese Möglichkeit im Einzelfall tatsächlich genutzt wird. Diese Debatte lässt sich, wie schon bei den übrigen in diesem Artikel behandelten Eigentümerstrukturen, nicht durch bloßen Verweis auf formale Unabhängigkeitserklärungen abschließend klären, sondern nur durch die kontinuierliche, fallbezogene Beobachtung der tatsächlichen Berichterstattung. ARD und ZDF: der begrenzte, aber real fortbestehende Parteieneinfluss Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst ist von der Frage nach politischem Einfluss nicht ausgenommen, auch wenn seine Finanzierung über den Rundfunkbeitrag ihn strukturell von Werbekunden und privaten Eigentümern unabhängig macht. Die Aufsichtsgremien von ARD und ZDF – Rundfunkrat beziehungsweise Fernsehrat – setzen sich traditionell aus Vertretern gesellschaftlich relevanter Gruppen zusammen: Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, Sportverbänden – aber eben auch aus unmittelbar von Bundesländern, Bund, Kommunen und politischen Parteien entsandten Mitgliedern. Am Beispiel des ZDF-Fernsehrats wurde dieser Einfluss 2014 höchstrichterlich vermessen: Das Bundesverfassungsgericht stellte in seinem vielbeachteten Urteil zum ZDF-Staatsvertrag fest, dass der Anteil staatlicher und staatsnaher Mitglieder im damaligen 77-köpfigen Gremium – 16 Ländervertreter, drei Bundesvertreter, zwölf Parteienvertreter und drei Kommunalvertreter – zusammengenommen rund 44 Prozent erreichte und damit die verfassungsrechtlich zulässige Grenze deutlich überschritt. Das Gericht verlangte eine Begrenzung dieses Anteils auf höchstens ein Drittel und untersagte zudem, dass Vertreter der Regierungen bestimmenden Einfluss auf die Auswahl der übrigen, formal „staatsfernen" Mitglieder nehmen dürfen. Besonders aufschlussreich ist dabei eine Detailfeststellung des Gerichts, die über die reine Sitzverteilung hinausgeht: Im ZDF-Fernsehrat hätten sich, außerhalb jeder gesetzlichen Grundlage, zwei informelle „Freundeskreise" etabliert – ein CDU/CSU-naher und ein SPD-naher –, denen nach den Feststellungen des Gerichts nahezu jedes einzelne Ratsmitglied angehöre. Diese Freundeskreise träfen sich üblicherweise am Vortag der eigentlichen Ratssitzungen und stimmten die im Gesamtgremium zu treffenden Beschlüsse informell bereits im Vorfeld ab – eine Praxis, die weit über die formale Sitzquote hinausgeht und zeigt, wie sich parteipolitischer Einfluss auch dann fortsetzen kann, wenn er formal-rechtlich begrenzt wurde. In der Folge des Urteils reduzierten die Bundesländer 2015 die Zahl der unmittelbaren Staats- und Parteivertreter im Fernsehrat auf 20 von künftig 60 Sitzen; der CDU-Politiker und damalige Fernsehratsvorsitzende Ruprecht Polenz äußerte sich dabei selbst skeptisch, ob der vollständige Verzicht auf eigene Parteientsendungen tatsächlich der richtige Weg zur gebotenen Staatsferne sei. Der Verfassungsrichter Andreas Paulus vertrat in einem Sondervotum sogar die Gegenposition, wonach schon die verbleibende Drittelquote für exekutivnahe Mitglieder zu hoch angesetzt sei. Auch bei der ARD gilt strukturell Vergleichbares: Die Rundfunkräte der einzelnen Landesanstalten sind je nach Bundesland unterschiedlich zusammengesetzt, enthalten aber ebenfalls durchweg Vertreter von Landesregierungen, Landtagsfraktionen und damit mittelbar der jeweils regierenden Parteien. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist damit weder ein staatlich gelenktes Regierungsmedium, wie ihm gelegentlich unterstellt wird, noch vollständig frei von organisierter parteipolitischer Präsenz in seinen eigenen Kontrollgremien – beides lässt sich anhand der genannten Fakten belegen, und beides schließt einander nicht aus. Axel Springer: von der Publikumsgesellschaft zurück in Familienhand Bei Axel Springer verlief die Entwicklung der vergangenen Jahre in die entgegengesetzte Richtung – von einer breiteren Investorenstruktur zurück zu einer sehr personenbezogenen Konzentration. Nachdem der US-Finanzinvestor KKR bereits 2019 eine bedeutende Beteiligung übernommen und das Unternehmen 2020 von der Börse genommen hatte, verständigten sich Vorstandschef Mathias Döpfner und KKR im September 2024 auf eine grundlegende Neuaufteilung des Konzerns: Die margenstarken, aber journalistisch irrelevanten Rubrikengeschäfte – das Jobportal Stepstone und die Immobilienplattform Aviv – gingen mehrheitlich an KKR und den kanadischen Pensionsfonds CPP Investments über, während sämtliche publizistischen Marken vollständig an die Familie zurückfielen. Seit Abschluss dieser Transaktion am 29. April 2025 ist Axel Springer schuldenfrei und erstmals seit 1985 wieder vollständig in Familienbesitz: Friede Springer, die Witwe des Verlagsgründers, und Mathias Döpfner halten gemeinsam 95 Prozent der Anteile, die restlichen fünf Prozent liegen bei einem Enkel des Firmengründers sowie der Friede-Springer-Stiftung. Zum publizistischen Portfolio zählen unter anderem Bild, Welt, Politico und Business Insider. Im März 2026 kündigte Axel Springer zudem den Erwerb der britischen Telegraph Media Group vom bisherigen Eigentümer RedBird IMI für 575 Millionen Pfund an – nach jahrelangem politischen Tauziehen um die vorherige, von der britischen Regierung aus Sorge vor ausländischer Staatseinflussnahme blockierte Übernahme durch ein von Abu Dhabi mitfinanziertes Konsortium. Die Transaktion wurde am 30. Juni 2026 nach Freigabe der Wettbewerbsbehörden in Großbritannien, Irland und Österreich abgeschlossen. Döpfner erklärte, man wolle den Telegraph zum führenden bürgerlich-konservativen Medium der englischsprachigen Welt ausbauen und dabei gezielt die eigenen US-Marken Politico und Business Insider nutzen, um die Expansion in den amerikanischen Markt voranzutreiben. Damit entstand ein bemerkenswerter, in dieser Form neuartiger transatlantischer Medienblock unter einheitlicher Familienkontrolle. ProSiebenSat.1: Kontrollwechsel unter europäischen Vorzeichen Bei ProSiebenSat.1 hat sich die Machtstruktur gerade erst grundlegend verschoben. Der italienisch geprägte Konzern MFE – MediaForEurope, kontrolliert von der Familie Berlusconi um Pier Silvio und Marina Elvira Berlusconi, baute seine Beteiligung über mehrere Jahre schrittweise aus – von rund 30 Prozent der Stimmrechte auf 43,6 Prozent im August 2025 und schließlich, nach Abschluss eines freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebots Anfang September 2025, auf 75,61 Prozent. Möglich wurde dieser Sprung nicht zuletzt dadurch, dass der bisherige zweitgrößte Ankeraktionär, der tschechische Investor PPF, seine eigene Beteiligung von rund 15,7 Prozent in das MFE-Angebot einlieferte, statt sich der Übernahme entgegenzustellen. Mit mehr als 75 Prozent der Stimmrechte kann MFE seither sämtliche weitreichenden unternehmerischen Entscheidungen im Alleingang treffen. Damit befinden sich heute erhebliche Teile des deutschen Privatfernsehens unter einer europäischen, aber ausdrücklich nicht deutschen Kontrollmehrheit – ein Umstand, der in deutschen Medien zeitweise mit einem Verweis auf die politisch nicht unumstrittene Vergangenheit Silvio Berlusconis kommentiert wurde. Frankreich: wo Industrie und Medien unmittelbar aufeinandertreffen In kaum einem westeuropäischen Land treffen klassische Schwerindustrie, Rüstung, Luxusgüterproduktion und Nachrichtenmedien so unmittelbar aufeinander wie in Frankreich. Der Bau- und Telekommunikationskonzern Bouygues kontrolliert seit Langem den Fernsehsender TF1. Die Dassault-Gruppe, bekannt vor allem durch ihre Luftfahrt- und Rüstungssparte, besitzt das Medienhaus rund um Le Figaro. Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung um Bernard Arnault, den Vorstandsvorsitzenden des Luxuskonzerns LVMH und zeitweise reichsten Mann der Welt. Über LVMH kontrolliert Arnault inzwischen ein umfangreiches Medienportfolio: die Wirtschaftszeitung Les Echos, die Tageszeitung Le Parisien, den Radiosender Radio Classique sowie, seit dem formellen Eigentümerwechsel im Oktober 2024, das Wochenmagazin Paris Match, das LVMH für 120 Millionen Euro vom bisherigen Eigentümer – dem konservativen Medienunternehmer Vincent Bolloré – übernahm. Dieser Themenkomplex ist nicht rein theoretisch geblieben. Bereits im März 2023 hatte Arnault den Chefredakteur von Les Echos, Nicolas Barré, entlassen, was unter den Journalisten des Hauses Protest auslöste. Im Herbst 2024 wurde zudem bekannt, dass Arnault seinen LVMH-Führungskräften per interner Anweisung verboten hatte, mit Journalisten einer Reihe namentlich benannter, kritisch berichtender Medien zu sprechen – eine Anweisung, gegen die sich französische Journalisten, darunter auch Mitarbeiter der ihm selbst gehörenden Titel Les Echos und Le Parisien, in einem gemeinsamen offenen Brief öffentlich wandten. Im Sommer 2026 eskalierte der Konflikt zwischen Arnault und der Tageszeitung Le Monde nach einer Serie kritischer LVMH-Recherchen erneut, als Arnault öffentlich, mit erkennbarer Ironie, nach der „genauen Geometrie der französischen Redaktionsunabhängigkeit" fragte. Ob ein solcher öffentlicher Streit tatsächlich auf eine unproblematische Trennung von Eigentum und Redaktion hindeutet oder eher das Gegenteil belegt, bleibt dabei naturgemäß eine Frage der Perspektive – dokumentiert und damit einer öffentlichen Bewertung zugänglich ist der Vorgang in jedem Fall. Ein weiteres, noch jüngeres Beispiel liefert der Reeder Rodolphe Saadé. Sein Unternehmen CMA CGM gehört zu den größten Container- und Logistikkonzernen der Welt. Im März 2024 einigte sich die hoch verschuldete Altice-Gruppe des Unternehmers Patrick Drahi mit CMA CGM auf den Verkauf ihrer kompletten Mediensparte Altice Media – darunter die reichweitenstarken Sender BFM TV und der Radiosender RMC sowie deren zahlreiche Ableger – für 1,55 Milliarden Euro in bar, finanziert zu 80 Prozent durch den Konzern selbst und zu 20 Prozent durch Saadés Familienholding Merit France. Hinzu kommen die bereits zuvor von CMA CGM gehaltenen Regionalzeitungen La Provence, Corse Matin sowie die Wirtschaftstitel La Tribune und La Tribune Dimanche. Mit rund 13 Millionen täglichen Zuschauern und Zuhörern verschaffte sich damit ein global tätiger Logistikunternehmer binnen weniger Monate Zugriff auf einen wesentlichen Teil der französischen Nachrichteninfrastruktur. Kann das vollkommen unproblematisch sein? Möglicherweise. Sollte man es dennoch systematisch untersuchen und öffentlich nachvollziehbar dokumentieren? Unbedingt. USA: Eigentum und Stimmrechte fallen oft auseinander In den Vereinigten Staaten sind sogenannte Dual-Class-Aktienstrukturen weit verbreitet, die es Gründerfamilien erlauben, ihre Kontrolle weit über ihren tatsächlichen wirtschaftlichen Kapitalanteil hinaus abzusichern. Bei Comcast, dem Mutterkonzern zahlreicher Medien- und Entertainmentaktivitäten, hält der Gründersohn Brian Roberts über eine besondere Aktiengattung einen Stimmrechtsanteil von rund einem Drittel, während sein tatsächlicher wirtschaftlicher Kapitalanteil am Unternehmen erheblich geringer ausfällt. Auch dieses Beispiel bestätigt: Wer allein auf den wirtschaftlichen Aktienanteil eines Eigentümers blickt, versteht die tatsächliche unternehmerische Kontrollstruktur nicht vollständig. Die Familie Murdoch steht seit Jahrzehnten hinter zwei eigenständigen, aber eng verwandten Medienkonzernen: der Fox Corporation, zu der unter anderem Fox News gehört, sowie der News Corp, unter deren Dach sich das Wall Street Journal, die New York Post sowie – in Großbritannien – Times, Sunday Times und Sun befinden. Nach einem jahrelangen, öffentlich ausgetragenen Nachfolgestreit, der medial wiederholt mit der Fernsehserie „Succession" verglichen wurde, einigte sich die Familie im September 2025 auf eine Neuordnung: Rupert Murdochs ältere Kinder Prudence, Elisabeth und James schieden gegen eine Abfindung von jeweils rund 1,1 Milliarden US-Dollar als Begünstigte des Familientrusts aus, während eine neue, bis mindestens 2050 laufende Treuhandstruktur Lachlan Murdoch gemeinsam mit seinen jüngeren Halbschwestern Grace und Chloe fortan 36 Prozent der stimmberechtigten Fox-Aktien und rund 33 Prozent der entsprechenden News-Corp-Aktien sichert. Damit ist die politisch konservative Ausrichtung insbesondere von Fox News nach dem Tod des inzwischen betagten Patriarchen Rupert Murdoch vertraglich auf Jahrzehnte hinaus abgesichert. Auch die New York Times ist zwar börsennotiert, verfügt aber über eine vergleichbare Sonderstruktur: Der sogenannte Ochs-Sulzberger Trust kontrolliert den weit überwiegenden Teil der stimmrechtsstarken Class-B-Aktien und sichert der Gründerfamilie dadurch, unabhängig vom breiten Streubesitz der übrigen Aktien, eine langfristige Governance-Macht über die Redaktion. Elon Musk und X: der selbsterklärte Kampf um Meinungsfreiheit Kein Eigentümerwechsel der vergangenen Jahre wurde so explizit ideologisch begründet wie Elon Musks Übernahme von Twitter. Nach einer mehrmonatigen, zeitweise vor Gericht ausgetragenen Auseinandersetzung übernahm Musk die Plattform im Oktober 2022 für 44 Milliarden US-Dollar und erklärte öffentlich, freie Meinungsäußerung sei das Fundament einer funktionierenden Demokratie und Twitter der digitale Marktplatz, auf dem die für die Menschheit wichtigen Fragen verhandelt würden. Er bezeichnete sich selbst als „Free Speech Absolutist" und formulierte seine praktische Leitlinie später präziser als „Redefreiheit, aber keine Freiheit der Reichweite" – gemeint war damit, dass Inhalte fortan seltener aktiv gelöscht, aber algorithmisch weniger stark verbreitet werden sollten, sofern sie gegen Plattformregeln verstießen. In der Praxis reduzierte Musk binnen der ersten sechs Monate die Belegschaft um rund 80 Prozent, löste weite Teile der bisherigen Teams für Plattformsicherheit, Desinformationsbekämpfung und Wahlintegrität auf und stellte zahlreiche zuvor gesperrte Accounts wieder frei, darunter Donald Trump. Kritiker verwiesen früh darauf, dass Musk selbst kein neutraler Beobachter des von ihm proklamierten freien Diskurses blieb, sondern als meistgefolgter Nutzer der eigenen Plattform aktiv politische Positionen verstärkte – von Kommentaren zu Migration über angebliche Wahlmanipulation bis zur offenen Unterstützung rechter und rechtspopulistischer Parteien in mehreren europäischen Ländern. Besonders deutlich wurde dies im deutschen Bundestagswahlkampf 2025: Musk äußerte sich wiederholt abfällig über Bundeskanzler Scholz, Bundespräsident Steinmeier und den damaligen Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck, veröffentlichte im Dezember 2024 einen Gastbeitrag in der Welt am Sonntag mit einer Wahlempfehlung für die AfD und führte am 9. Januar 2025 ein live auf X übertragenes, rund einstündiges Gespräch mit der AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel, in dem er erklärte, nur die AfD könne Deutschland retten. Die Bundesregierung sprach in diesem Zusammenhang öffentlich von einer versuchten „Einmischung" in den Wahlkampf; CDU-Chef Friedrich Merz sah darin einen beispiellosen Eingriff, während die Grünen-Politikerin Claudia Roth und der damalige SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich Musk ebenfalls scharf kritisierten. Umfragen zeigten in dieser Phase eine deutliche parteipolitische Spaltung der öffentlichen Wahrnehmung: Anhänger von SPD und Grünen erwarteten mehrheitlich einen realen Wahlvorteil der AfD durch Musks Auftritte, während AfD-Anhänger selbst diesen Effekt überwiegend verneinten; unabhängige Wahlforscher wie Matthias Kettemann verwiesen zugleich darauf, dass sich ein kausaler Zusammenhang zwischen einzelnen Online-Inhalten und tatsächlichem Wahlverhalten methodisch nur schwer nachweisen lasse. Befürworter Musks hielten dem entgegen, es handle sich schlicht um die freie Meinungsäußerung eines in Deutschland unternehmerisch aktiven ausländischen Staatsbürgers, die ihm ebenso zustehe wie jedem anderen. Auf europäischer Ebene erhielt diese Debatte eine zusätzliche rechtliche Dimension. Die EU-Kommission eröffnete bereits im Dezember 2023 das erste förmliche Verfahren nach dem neuen Digital Services Act überhaupt – gegen X, wegen möglicher Verstöße bei Risikomanagement, Inhaltsmoderation, Werbetransparenz und dem irreführenden blauen Verifizierungshäkchen. Ende 2025 verhängte Brüssel deswegen eine Geldbuße von 120 Millionen Euro, die erste Sanktion dieser Art unter dem neuen Digitalgesetz; Musk reagierte öffentlich mit der Forderung, die EU solle abgeschafft werden, bevor X im Frühjahr 2026 doch Nachbesserungen anbot. Anfang 2026 eröffnete die Kommission ein weiteres Verfahren, diesmal wegen sexualisierter, durch den in X integrierten KI-Chatbot Grok erzeugter Bilder – parallel dazu ermittelten auch die britische Medienaufsicht Ofcom sowie die Pariser Staatsanwaltschaft, letztere unter anderem wegen des Verdachts algorithmischer Bevorzugung rechtsextremer Inhalte. Aus Sicht der beteiligten Behörden handelt es sich dabei um die konsequente Durchsetzung bereits zuvor demokratisch beschlossener Plattformregeln, denen sich jedes Unternehmen unabhängig von der politischen Ausrichtung seines Eigentümers zu unterwerfen habe. Aus Sicht Musks und seiner Unterstützer handelt es sich um den Versuch etablierter politischer Institutionen, eine Plattform zu disziplinieren, die sich ihrer bisherigen inhaltlichen Steuerung entzogen hat. Beide Beschreibungen sind mit realen, überprüfbaren Fakten belegt – welche davon die zutreffendere Gesamtdeutung liefert, bleibt eine Frage politischer Wertung, die dieser Artikel bewusst nicht abschließend beantwortet. Das Pentagon und die Steuerung des Informationszugangs Eigentumsverhältnisse sind jedoch nur die eine Seite der Macht über Nachrichten. Wer überhaupt Zugang zu Informationen erhält, bestimmt eine zweite, oft übersehene Ebene – und in den Vereinigten Staaten lässt sich diese Dynamik derzeit in Echtzeit beobachten. Nachrichtenagenturen wie Associated Press, Reuters und Bloomberg beziehen einen erheblichen Teil ihrer Regierungsberichterstattung traditionell aus sogenannten Presse-Pools: rotierenden, eng begrenzten Journalistengruppen mit privilegiertem Zugang zu Präsident, Weißem Haus und Verteidigungsministerium, deren Berichte anschließend an die gesamte übrige Medienlandschaft weitergegeben werden. Im Frühjahr 2025 entzog das Weiße Haus der traditionell für die Zusammensetzung dieses Pools zuständigen Korrespondentenvereinigung ihre Kontrolle, nachdem sich Associated Press geweigert hatte, die von der Regierung verfügte Umbenennung des Golfs von Mexiko in ihrer Berichterstattung zu übernehmen. Etablierte Agenturen wie AP, Reuters und Bloomberg verloren daraufhin ihre festen Poolplätze; an ihre Stelle traten zunehmend Blogger und Social-Media-Influencer aus dem der Regierung nahestehenden Spektrum. Im Herbst 2025 verschärfte sich dieser Konflikt am Pentagon weiter. Das Verteidigungsministerium legte den dort akkreditierten Journalisten ein neues, 21-seitiges Regelwerk vor, das ihnen untersagte, ohne ausdrückliche ministerielle Genehmigung Informationen zu veröffentlichen – bei Zuwiderhandlung drohte der Entzug der Akkreditierung. Nahezu sämtliche etablierten US-Medienhäuser, von ABC über CNN bis zur New York Times, sowie mindestens 30 Nachrichtenorganisationen einschließlich Reuters weigerten sich, dieses Regelwerk zu unterzeichnen, gaben ihre Presseausweise zurück und räumten ihre Arbeitsplätze im Pentagon. An ihre Stelle berief das Ministerium ein neues, mehr als 60 Personen umfassendes Pressekorps aus überwiegend regierungsnahen „neuen Medien" und unabhängigen Reportern. Die New York Times reichte daraufhin Klage gegen das Verteidigungsministerium wegen einer Verletzung verfassungsrechtlich geschützter Pressefreiheit ein; ein Bundesrichter erklärte die Richtlinien im weiteren Verlauf für teilweise verfassungswidrig, woraufhin das Pentagon mit weiter verschärften, aber formal abgeänderten Zugangsregeln reagierte. Dieser Vorgang zeigt exemplarisch, dass die Frage, wer Nachrichten produziert, untrennbar mit der zweiten Frage verbunden ist, wer überhaupt Zugang zu den zugrunde liegenden Informationen erhält – und dass sich diese Zugangssteuerung, anders als die Eigentumsfrage, häufig kurzfristig und ohne jede Marktentscheidung verändern lässt. Großbritannien: keine einheitliche Struktur, aber wenige Muster Auch in Großbritannien dominieren große, historisch gewachsene Eigentümerstrukturen. Die Daily Mail gehört über den börsennotierten Mutterkonzern DMGT letztlich dem Rothermere- beziehungsweise Harmsworth-Familienkomplex, der das Unternehmen in den vergangenen Jahren schrittweise wieder privatisiert hat. Times und Sun gehören, wie bereits erwähnt, zum Murdoch-Imperium. Der Telegraph gehört seit Sommer 2026 zu Axel Springer. Die Financial Times wiederum steht seit ihrem Verkauf 2015 im Eigentum des japanischen Medienkonzerns Nikkei – ein seltenes Beispiel außereuropäischer Kontrolle über ein traditionsreiches britisches Leitmedium. Der Guardian schließlich verfügt mit dem gemeinnützigen Scott Trust über ein deutlich anderes, explizit auf redaktionelle Unabhängigkeit von Einzelinteressen ausgerichtetes Eigentumsmodell ohne private Gewinnausschüttung. Es gibt in Großbritannien also erkennbar keine einheitliche Eigentümerstruktur über alle großen Titel hinweg – wohl aber ein wiederkehrendes Muster aus Familiendynastien, internationalen Konzernen und, als vergleichsweise seltene Ausnahme, gemeinnützigen Stiftungskonstruktionen. Die zweite Machtstufe: Distribution statt Produktion Selbst wenn man sämtliche Eigentümerverflechtungen der klassischen Medienhäuser sorgfältig kartiert hat, bleibt eine zweite, strukturell mindestens ebenso bedeutsame Frage offen: Wer entscheidet eigentlich, was überhaupt Reichweite erhält? Google, YouTube, Meta mit Facebook und Instagram, X, TikTok, Apple und Microsoft kontrollieren heute jene digitalen Kanäle, über die der überwiegende Teil der Bevölkerung Nachrichten tatsächlich konsumiert. Damit lassen sich in der Medienlandschaft der Gegenwart mindestens drei getrennte Ebenen unterscheiden: die eigentlichen Medienproduzenten – Zeitungsredaktionen und Sender –, ihre jeweiligen Eigentümer aus Familien, Konzernen oder Investmentgesellschaften, und schließlich die davon rechtlich vollständig unabhängige Distributionsebene aus Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und Plattformbetreibern. Über allen drei Ebenen wiederum stehen Werbekunden, Finanzierungsstrukturen, Nutzerdaten und die algorithmischen Kriterien, nach denen Inhalte ausgespielt oder unterdrückt werden. Landesmedienanstalten und die neuen Gegenspieler des klassischen Systems Genau auf dieser Distributionsebene ist in Deutschland in den vergangenen Jahren eine neue Kategorie reichweitenstarker Angebote entstanden, die sich bewusst außerhalb der klassischen, lizenzpressegeprägten Verlagsstrukturen positioniert und sich vorrangig über YouTube, TikTok und eigene Websites verbreitet. Prominentestes Beispiel ist Nius, ein 2022 gegründetes Onlineportal unter Chefredaktion des früheren Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt, das in der Medienforschung überwiegend als rechtspopulistisches beziehungsweise rechtskonservatives Angebot eingeordnet wird und mitunter mit Fox News verglichen wird. Reichelts Betreibergesellschaft hält zudem 77 Prozent des österreichischen Boulevardportals exxpress, an dem sich 2024/25 zusätzlich der Investor Frank Gotthard beteiligte. Aus dem ursprünglichen Nius-Umfeld entstand 2023, nach einem internen Richtungsstreit über journalistische Qualitätsstandards, das eigenständige Portal Apollo News. Alle drei Angebote erreichen inzwischen Millionenpublika, die zumindest zeitweise über der Reichweite mancher etablierter Regionalzeitungen liegen, und finanzieren sich über eine Mischung aus Werbung, Spenden und, im Fall von Nius, gezielten Investorenbeteiligungen. Ergänzt wird dieses Feld durch Formate, die sich selbst nicht primär als Journalismus, sondern als Gesprächs- oder Interviewformat verstehen – wie den YouTube- und Podcast-Kanal „Ben Ungeskriptet" des Kölner Betreibers Ben Berndt, der 2026 bundesweit Aufsehen erregte, nachdem er den AfD-Politiker Björn Höcke über mehrere Stunden interviewt hatte, ohne dessen Aussagen durchgehend kritisch zu hinterfragen. Die damalige SPD-Ko-Vorsitzende Saskia Esken kritisierte das Format öffentlich scharf und regte an, Unternehmen sollten erwägen, in solchen Formaten keine Werbung mehr zu schalten – ein Vorstoß, den Kritiker als Eingriff in die Meinungsfreiheit werteten, während Befürworter argumentierten, eine Demokratie müsse zwar kontroverse Auftritte aushalten, private Unternehmen aber keineswegs verpflichtet seien, sie finanziell zu unterstützen. Die Landesanstalt für Medien NRW wandte sich in der Folge mit einem Schreiben an Ben Berndts Betreibergesellschaft und verwies auf die seit dem Medienstaatsvertrag 2020 geltenden journalistischen Sorgfaltspflichten für sogenannte rundfunkähnliche Telemedien; sie bezeichnete diesen ersten Schritt selbst ausdrücklich als „mildestes Mittel" innerhalb eines gestuften Verfahrens, das erst bei fortgesetzten Verstößen zu förmlichen Beanstandungen oder Untersagungen führen kann. Kritiker des Vorgehens, darunter der Fachjournalist Stefan Niggemeier, warnten vor dem Eindruck, Aufsichtsbehörden könnten sich vorrangig gegen Angebote richten, die mit der amtierenden Regierungspolitik besonders hart ins Gericht gehen; die Medienanstalt selbst betonte demgegenüber, keine politischen Bewertungen vorzunehmen, sondern lediglich als ausführendes Organ eines von den Bundesländern demokratisch beschlossenen Gesetzes zu handeln. Auch Nius selbst befindet sich in einem parallelen, grundsätzlicheren Rechtsstreit mit der für seine bundesweite Rundfunkzulassung zuständigen Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB), die bis Ende 2025 mehrere Verfahren wegen einzelner Inhalte des Portals führte; eine gerichtliche Klärung der grundsätzlichen Frage, wie weit die Aufsichtsbefugnisse der Landesmedienanstalten gegenüber derartigen Online-Angeboten reichen, steht nach Einschätzung des zuständigen Verwaltungsgerichts noch aus. Der politische Grundsatzkonflikt trat besonders deutlich zutage, als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) in der ZDF-Sendung „Markus Lanz" öffentlich erklärte, an Nius-Artikeln, mit denen er selbst befasst gewesen sei, stimme in der Regel nichts. Reichelt konterte scharf und warf Günther an, sich eine Deutungshoheit über den Journalismusbegriff anzumaßen, die der Politik in einer Demokratie gerade nicht zustehe; der Deutsche Journalisten-Verband stellte sich in der Sache hinter diesen Einwand und verwies auf das grundgesetzlich verankerte Zensurverbot. Ein von Nius daraufhin gegen das Land Schleswig-Holstein angestrengter Eilantrag auf gerichtliche Unterlassung wurde vom Verwaltungsgericht mit der Begründung abgewiesen, Günther habe sich in der Sendung erkennbar als Parteipolitiker und nicht als Amtsträger geäußert. An diesem Beispiel wird eine Debatte sichtbar, die sich kaum auf eine einzige richtige Seite verkürzen lässt. Aus Sicht der Kritiker dieser neuen Angebote fehlt ihnen häufig die redaktionelle Sorgfalt klassischer Nachrichtenmedien – etablierte Rechercheformate wie NDR Zapp oder Belltower.news haben wiederholt einzelne Artikel als tendenziös, unvollständig eingeordnet oder in Teilen faktenwidrig kritisiert, und laut Recherchen von Medium Magazin verfügte im März 2025 keiner der damals fest angestellten Apollo-News-Redakteure über eine formale journalistische Ausbildung. Aus Sicht der Betreiber und ihrer Unterstützer handelt es sich hingegen um ein legitimes, bewusst außerhalb der etablierten, historisch aus der alliierten Lizenzvergabe hervorgegangenen Verlagsstrukturen aufgebautes Gegenangebot, dessen wachsende Reichweite gerade deshalb als politisch unbequem empfunden werde, weil es klassische redaktionelle Gatekeeper umgeht – und das folgerichtig, so die eigene Deutung, mit verschärfter behördlicher und politischer Aufmerksamkeit konfrontiert werde. Beide Lesarten sind mit realen, dokumentierten Fakten unterlegt, und keine von ihnen lässt sich allein durch Verweis auf die jeweils andere widerlegen; auch die von der EU-Kommission im Rahmen des Digital Services Act verfolgten Transparenz- und Moderationspflichten für große Plattformen, auf denen sich diese Angebote maßgeblich verbreiten, werden von den Betroffenen selbst wahlweise als notwendiger Verbraucherschutz oder als Vorstufe politisch motivierter Zensur eingeordnet. Bedeutet Eigentum automatisch redaktionelle Kontrolle? Nein, keineswegs zwangsläufig. Ein Unternehmer kann ein Medienhaus besitzen und dessen Redaktion faktisch vollständig unabhängig arbeiten lassen – für dieses Modell gibt es in der Medienlandschaft durchaus glaubwürdige Beispiele. Aber Eigentum schafft, selbst wenn es nie aktiv ausgeübt wird, stets potenzielle Macht. Der Eigentümer eines Medienunternehmens bestimmt am Ende, wer im Vorstand sitzt, wie Budgets verteilt werden, welche Investitionen getätigt oder unterlassen werden, ob und an wen Unternehmensteile verkauft werden, wie die Personalstruktur aussieht und welche strategische Gesamtausrichtung das Unternehmen langfristig verfolgt. Genau deshalb ist Transparenz über konkrete Medienbesitzverhältnisse keine Verschwörungstheorie, sondern eine elementare Grundvoraussetzung funktionierender demokratischer Öffentlichkeit – ein Prinzip, dem sich kaum jemand ernsthaft entgegenstellen würde, wenn man es losgelöst von konkreten Einzelfällen formuliert. Das eigentliche Problem liegt tiefer Die naheliegende Frage bei jeder einzelnen Nachricht lautet gewöhnlich: Ist diese Meldung wahr? Das bleibt selbstverständlich die wichtigste und unverzichtbare journalistische Grundfrage. Ergänzend lohnt sich jedoch häufiger eine zweite, seltener gestellte Frage: Warum wird ausgerechnet diese Meldung heute prominent platziert, und eine andere, möglicherweise ebenso relevante, nicht? Wem gehört das jeweilige Medium? Wer finanziert es, direkt oder über Werbeeinnahmen? Welche wirtschaftlichen Interessen verfolgt der Eigentümer außerhalb seines Medienengagements – in der Rüstungsindustrie, im Baugewerbe, in der Logistik, im Luxusgütersektor? Welche politische Partei steht mittelbar dahinter, und wer sitzt in den Aufsichtsgremien öffentlich-rechtlicher Sender? Und welche Personen sitzen gleichzeitig in Vorständen, einflussreichen Think Tanks und politischen Beratungsgremien? Erst mit der systematischen Beantwortung dieser Fragen beginnt tatsächliche, belastbare Medienanalyse jenseits bloßer Inhaltskritik – eine Analyse, die sich im Übrigen auf klassische Verlagshäuser und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ebenso anwenden lässt wie auf private Plattformen wie X und die neuen, reichweitenstarken YouTube- und Onlineformate, die das etablierte System inzwischen herausfordern. Denn moderne publizistische Macht funktioniert nur noch selten so simpel, wie es sich populäre Vorstellungen ausmalen: „Ruf den Chefredakteur an und sag ihm, was er schreiben soll." Ein solches plumpes Modell wäre zudem leicht nachweisbar und würde jede Redaktion, die sich derart behandeln ließe, rasch unglaubwürdig machen. Erheblich wirksamer – und strukturell schwerer zu greifen – ist ein System, in dem am Ende niemand mehr anrufen muss, weil sämtliche Beteiligten, vom Eigentümer über die Chefredaktion bis zur einzelnen Journalistin, bereits aus eigener beruflicher Erfahrung wissen, welche Entscheidungen innerhalb der jeweiligen Unternehmensstruktur belohnt und welche mit Karrierenachteilen sanktioniert werden. Diese stille, selten explizit ausgesprochene Selbstregulierung ist es, die eine sorgfältige Untersuchung von Eigentumsstrukturen so aufschlussreich macht – nicht, weil sie automatisch Manipulation beweist, sondern weil sie zeigt, unter welchen strukturellen Rahmenbedingungen Berichterstattung überhaupt entsteht. Quellen (Auswahl) Planet Wissen, Wikipedia (Lizenzzeitung), Tagesspiegel, Journalistikon, GRIN-Fachaufsätze: Dokumentation der alliierten Lizenzpresse 1945–1949 Bertelsmann SE & Co. KGaA: offizielle Angaben zur Aktionärs- und Stimmrechtsstruktur (bertelsmann.com/de, bertelsmann.com/en) Wikipedia (Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft), ddvg.de, Das Parlament, NBB Government, Connections News: Dokumentation der SPD-Medienbeteiligungen über die ddvg Bundesverfassungsgericht (Urteil vom 25. März 2014, 1 BvF 1/11), Wikipedia (ZDF-Fernsehrat), Tagesspiegel: Dokumentation des Staatsferne-Urteils und der ZDF-Gremienreform BDZV, Meedia, KKR, Handelsblatt: Berichterstattung zur Neuordnung und Telegraph-Übernahme von Axel Springer, 2024–2026 ProSiebenSat.1 Media SE (Investor Relations), Wikipedia (MFE – MediaForEurope), DWDL.de, Meedia: Dokumentation der MFE-Übernahme 2025 Fortune, Journal du Net, Le Blog du Communicant, Wikipedia (Les Echos): Berichterstattung zu Bernard Arnaults Medienportfolio und den Konflikten um redaktionelle Unabhängigkeit Ozap/Puremédias, CB News, RTS, La Revue du Digital: Berichterstattung zum Erwerb von Altice Media durch CMA CGM/Rodolphe Saadé, März 2024 Reuters, Forbes, NBC News, PBS, Seeking Alpha: Berichterstattung zur Beilegung des Murdoch-Nachfolgestreits, September 2025 Tagesspiegel, Ars Technica, Euronews, Al Jazeera, CEMAS/btw2025, t-online, Statista: Dokumentation zu Musks Twitter-Übernahme, seinen Äußerungen zur Meinungsfreiheit und seinem Engagement im deutschen Wahlkampf 2025 Europäische Kommission (Vertretung Deutschland), LTO, RiffReporter, WirtschaftsWoche, CBS News, Tom's Guide, Euronews: Dokumentation der DSA-Verfahren gegen X, 2023–2026 Reuters, NPR, Horizont, SWI swissinfo.ch, Nau.ch: Berichterstattung zur Neuordnung der Presse-Pools im Weißen Haus und am Pentagon, 2025/2026 Wikipedia (Nius, Apollo News, Julian Reichelt), kress.de, LTO (Legal Tribune Online), Übermedien, t-online, Berliner Zeitung, tkp.at: Dokumentation zu Nius, Apollo News, exxpress, „Ben Ungeskriptet" sowie den Auseinandersetzungen mit Landesmedienanstalten und Politik (Günther, Esken)
Okkulte Machteliten? Der verborgene Kampf zwischen Jesus und Satan
von Holger H. Hohlfeld 15. April 2026
Die Schatten hinter der Macht: Okkultismus, Eliten und der Kampf zwischen Gut und Böse: Epstein, Pizzagate, Okkultismus, Popkultur, institutionelles Versagen in den USA, Großbritannien, Belgien und Deutschland – und die Frage, ob hinter politischen Machtkämpfen ein viel älterer Konflikt steht Vielleicht betrachten wir viele Ereignisse unserer Zeit durch die falsche Brille. Wir diskutieren über Links gegen Rechts, Russland gegen NATO, Kapital gegen Arbeit, Globalisten gegen Nationalstaaten, Konzerne gegen Bürger . Wir analysieren Geldströme, Geheimdienste, Lobbyisten und Elitennetzwerke. Aber was, wenn diese Ebenen aus christlicher Sicht nicht die höchste Ebene darstellen? Das Neue Testament formuliert den Gedanken radikaler. Paulus schreibt im Epheserbrief, der eigentliche Kampf richte sich nicht lediglich gegen Menschen, sondern gegen „Mächte", „Gewalten" und geistige Kräfte des Bösen . Johannes beschreibt den Teufel als Vater der Lüge, Paulus warnt davor, dass Satan sich sogar als „Engel des Lichts" präsentieren könne. Für einen Christen ist die Vorstellung eines übergeordneten geistlichen Konfliktes deshalb keine moderne Verschwörungstheorie. Sie gehört zum Kern der eigenen Religion. Die schwierigere Frage lautet: Lassen sich in unserer realen Welt Hinweise erkennen, die mit diesem christlichen Weltbild zumindest vereinbar wären? Und hier beginnt eine Geschichte, die zwischen eindeutig belegten Verbrechen, tatsächlichen Elitennetzwerken, offen satanischer Symbolik, Okkultismus, kultureller Provokation – und weitreichenden Theorien verläuft, für die bis heute der entscheidende Beweis fehlt. Diese erweiterte Fassung zieht bewusst Beispiele aus den USA, Großbritannien, Belgien und Deutschland heran – nicht um eine internationale Verschwörung zu belegen, sondern um zu zeigen, dass das zugrunde liegende Muster institutionellen Versagens, das Täter über Jahrzehnte schützt, in ganz unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Institutionen unabhängig voneinander auftritt. Epstein: Die Verschwörung, die keine Theorie war Wer verstehen will, weshalb Menschen Behauptungen über korrupte Eliten heute weniger schnell vom Tisch wischen als noch vor zwanzig Jahren, kommt an Jeffrey Epstein nicht vorbei. Denn im Kern des Epstein-Komplexes stand etwas, was zuvor wie das Drehbuch eines schlechten Thrillers geklungen hätte: Ein extrem vermögender Mann bewegt sich über Jahrzehnte in Kreisen von Milliardären, Wissenschaftlern, Politikern, Adel und Prominenten – und betreibt gleichzeitig ein System sexueller Ausbeutung minderjähriger Mädchen. Das ist keine Theorie. Epstein wurde 2019 wegen Sexhandels mit Minderjährigen und Verschwörung zum Sexhandel angeklagt. Ghislaine Maxwell wurde später wegen ihrer Beteiligung an der Rekrutierung und sexuellen Ausbeutung Minderjähriger verurteilt und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Interessante daran ist nicht lediglich das Verbrechen. Es ist das gesellschaftliche Umfeld , in dem es jahrelang möglich war. Epstein hatte bereits 2007/08 einen außergewöhnlich günstigen sogenannten Non-Prosecution-Deal erhalten, der eine umfassendere Bundesstrafverfolgung beendete. Das US-Justizministerium untersuchte später selbst, wie es zu dieser Vereinbarung kommen konnte. Dann starb Epstein 2019 im Gefängnis. Offizielle Untersuchungen kamen zum Ergebnis, dass er Suizid beging. Gleichzeitig dokumentierte der Inspector General des US-Justizministeriums zahlreiche und schwere Versäumnisse : Epstein war über Stunden unbeobachtet, hatte entgegen psychologischer Empfehlung keinen Zellengenossen und das Gefängnispersonal verletzte mehrere Sicherheitsvorschriften. Man muss deshalb keine Mordtheorie vertreten, um festzustellen: Das institutionelle Versagen war außergewöhnlich. 3,5 Millionen Seiten – und trotzdem bleiben Fragen Der Epstein-Komplex ist 2026 keineswegs verschwunden. Das US-Justizministerium veröffentlichte im Januar 2026 mehr als drei Millionen zusätzliche Seiten; zusammen mit vorherigen Veröffentlichungen umfasst die Produktion inzwischen rund 3,5 Millionen Seiten , mehr als 2.000 Videos und rund 180.000 Bilder. Dabei ist allerdings ein entscheidender Warnhinweis notwendig. Das DOJ erklärt ausdrücklich, dass die Veröffentlichung auch Material enthält, das Bürger irgendwann an das FBI geschickt haben. Deshalb befinden sich darunter möglicherweise gefälschte oder falsche Behauptungen . Ein Name in einer Akte ist somit kein Schuldbeweis. Noch interessanter ist der offizielle DOJ/FBI-Befund von 2025. Nach eigener Darstellung fanden die Behörden bei ihrer Überprüfung: keine belastende geheime „Kundenliste", keine glaubwürdigen Beweise für ein systematisches Erpressungsprogramm prominenter Personen, und keine ausreichenden Beweise für Strafverfahren gegen bislang nicht angeklagte Dritte. Das sollte man ernst nehmen. Man darf aber ebenso fragen, ob staatliche Ermittlungsbehörden nach dem vorherigen institutionellen Versagen automatisch als letzte Instanz der Wahrheit betrachtet werden müssen. Skepsis ist legitim. Sie ersetzt aber Beweise nicht. Was Epstein nicht beweist Und hier müssen wir einen entscheidenden Schritt machen. Epstein beweist: Eliten können in kriminelle sexuelle Netzwerke verwickelt sein. Er beweist: Reichtum und gesellschaftlicher Zugang können Täter sehr lange schützen. Er beweist: Prominente Kontakte allein sagen noch nichts darüber aus, wer von Straftaten wusste oder daran beteiligt war. Was Epstein bislang nicht beweist: dass dieses Netzwerk satanistisch organisiert war, dass Kinder rituell geopfert wurden, oder dass eine weltweite luziferische Elite Epsteins System kontrollierte. Es gibt beispielsweise auf Little St. James tatsächlich ein merkwürdiges tempelartiges Gebäude, das seit Jahren Stoff für Spekulationen liefert. Es existiert aber bislang kein belastbarer Nachweis, dass dieses Gebäude für satanische Menschenopfer verwendet wurde. Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen: „Das sieht merkwürdig aus" und „Wir wissen, was darin geschah." Großbritannien: der Fall Jimmy Savile als Blaupause institutionellen Versagens Wer verstehen will, wie ein Muster wie das Epsteins auch außerhalb der USA und ohne jeden okkulten Bezug entstehen kann, findet in Großbritannien ein zweites, unabhängig dokumentiertes Beispiel: den BBC-Moderator Sir Jimmy Savile. Savile war über Jahrzehnte einer der bekanntesten britischen Fernsehpersönlichkeiten, moderierte die Musiksendung Top of the Pops sowie die Kindersendung „Jim'll Fix It", engagierte sich öffentlichkeitswirksam für zahlreiche Wohltätigkeitsorganisationen, wurde 1990 von der Queen zum Ritter geschlagen und pflegte enge Kontakte zu Politikern, dem Königshaus und der Führungsebene der BBC. Nach seinem Tod 2011 begannen Ermittlungen, die ein Ausmaß an Missbrauch offenlegten, das Scotland Yard offiziell als „Missbrauch in bislang nicht dagewesenem Ausmaß" bezeichnete: Ein 2013 veröffentlichter Ermittlungsbericht der Polizei dokumentierte mindestens 214 Sexualstraftaten zwischen 1955 und 2009, begangen unter anderem auf dem Gelände der BBC, in Krankenhäusern und in einer psychiatrischen Hochsicherheitsklinik. Zwei separate, von der BBC selbst in Auftrag gegebene Untersuchungsberichte – unter Leitung des Journalisten Nick Pollard 2012 und der ehemaligen Richterin Dame Janet Smith 2016 – kamen zu dem Schluss, dass BBC-Verantwortliche über Jahrzehnte systematisch weggeschaut hatten und eine „Atmosphäre der Angst" innerhalb der Organisation kritische Nachfragen verhinderte; ein leitender BBC-Journalist verlor zudem seinen Posten, nachdem herauskam, dass ein bereits recherchierter Enthüllungsbeitrag zu Savile vor seinem Tod aus der Sendung genommen worden war. Der Fall Savile zeigt damit exakt jenes Muster, das auch beim Epstein-Komplex sichtbar wird: gesellschaftlicher Status, öffentlichkeitswirksame Wohltätigkeit und enge Verbindungen zu mächtigen Institutionen schützen einen Täter über Jahrzehnte vor Konsequenzen, obwohl innerhalb der jeweiligen Institution bereits Hinweise vorlagen. Auch hier gilt jedoch dieselbe Vorsicht wie bei Epstein: Belegt ist ein eklatantes institutionelles Versagen der BBC und weiterer britischer Einrichtungen. Nicht belegt ist eine koordinierte, okkult motivierte Vertuschung durch ein organisiertes Netzwerk – die vorliegenden Untersuchungsberichte sprechen durchgehend von Organisationsversagen, Autoritätsscheu und Angst vor Reputationsschäden, nicht von einer geplanten Verschwörung mit rituellem Hintergrund. Belgien: die Affäre Dutroux und die Grenzen des Nachweisbaren Ein drittes, europäisches Beispiel liegt in Belgien und zeigt zugleich exemplarisch, wo die Grenze zwischen dokumentiertem Versagen und unbewiesener Spekulation verläuft. 1996 wurde der verurteilte Vergewaltiger Marc Dutroux wegen der Entführung, sexuellen Ausbeutung und Ermordung mehrerer Mädchen verhaftet; die Ermittlungspannen waren derart gravierend – unter anderem wurden zwei noch lebende Mädchen bei einer Hausdurchsuchung übersehen –, dass eine belgische Parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt wurde, die 1997 einen eigenen Abschlussbericht vorlegte und tiefgreifende strukturelle Mängel bei Polizei und Justiz feststellte, darunter mangelnde Kommunikation zwischen Behörden und die vorzeitige Freilassung Dutroux' aus einer früheren Haftstrafe. In der belgischen Öffentlichkeit entstanden im Umfeld des Falls parallel weitreichende Theorien über ein angebliches, bis in Politik, Justiz und Adel reichendes organisiertes Netzwerk („X-Dossiers"), das Dutroux gedeckt oder sogar beauftragt haben soll. Die parlamentarische Untersuchungskommission konnte für diese weitergehenden Netzwerktheorien nach eigener Aussage keine hinreichenden Beweise finden, auch wenn sie die dokumentierten Ermittlungsfehler scharf kritisierte. Der Fall zeigt damit in besonders klarer Form das wiederkehrende Muster dieses Themenfeldes: ein zweifelsfrei reales, abscheuliches Verbrechen, ein zweifelsfrei dokumentiertes institutionelles Versagen der Ermittlungsbehörden – und eine parallel entstandene, bis heute nicht bewiesene Elitennetzwerk-Theorie, die sich aus dem berechtigten Misstrauen gegenüber den Behörden speiste, aber über das hinausgeht, was die offizielle Untersuchung selbst belegen konnte. Deutschland: die MHG-Studie und institutionelle Vertuschung ohne okkulten Hintergrund Auch Deutschland liefert ein eigenes, umfassend wissenschaftlich untersuchtes Beispiel dafür, wie mächtige Institutionen sexuellen Missbrauch über Jahrzehnte ermöglichen können – diesmal völlig ohne jeden Bezug zu Okkultismus oder Satanismus, was gerade deshalb lehrreich ist. Von 2014 bis 2018 untersuchte ein Forschungsverbund der Universitäten beziehungsweise Institute in Mannheim, Heidelberg und Gießen im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz 38.156 Personalakten katholischer Priester, Diakone und Ordensangehöriger für den Zeitraum von 1946 bis 2014. Die im September 2018 vorgestellte sogenannte MHG-Studie kam zu dem Ergebnis, dass 4,4 Prozent der untersuchten Kleriker – insgesamt 1.670 mutmaßliche Täter – des sexuellen Missbrauchs an mindestens 3.677 überwiegend männlichen Minderjährigen beschuldigt worden waren; die Autoren selbst betonten ausdrücklich, dass diese Zahlen nur das sogenannte Hellfeld dokumentierter Fälle abbilden und die tatsächliche Betroffenenzahl mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich höher liegt. Der heutige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, bezeichnete die Studie später selbst als Beleg dafür, dass sexueller Missbrauch in der Kirche „nur die Spitze eines [umfassenderen] Machtmissbrauchs" gewesen sei. Auch hier lässt sich das gleiche Grundmuster erkennen wie bei Epstein, Savile und Dutroux: eine geschlossene, hierarchische Institution mit hohem gesellschaftlichem Ansehen, asymmetrische Machtverhältnisse zwischen Tätern und Opfern, und ein über Jahrzehnte wirksamer institutioneller Selbstschutz, der Aufklärung erschwerte. Bezeichnenderweise fanden vergleichbare Studien in den USA (rund 4 Prozent beschuldigter Kleriker) und Australien (rund 7 Prozent) strukturell ähnliche Ausmaße – ein Hinweis darauf, dass es sich um ein systemisches, institutionell bedingtes Problem handelt, nicht um eine spezifisch deutsche oder gar okkult motivierte Erscheinung. Der entscheidende Punkt für die Gesamtthese dieses Artikels ist folgender: Diese vier Fälle – Epstein in den USA, Savile in Großbritannien, Dutroux in Belgien, die katholische Kirche in Deutschland – sind institutionell, kulturell und rechtlich vollständig unabhängig voneinander. Keiner von ihnen weist einen belegten Bezug zu Satanismus, Okkultismus oder einer koordinierten übernationalen Verschwörung auf. Und dennoch tritt in allen vier Fällen dasselbe strukturelle Muster auf: Macht, Prestige und institutionelle Geschlossenheit schaffen Räume, in denen Missbrauch über Jahrzehnte unentdeckt oder ungeahndet bleiben kann. Wer nach einem „Warum ist die Welt so, wie sie ist" fragt, findet hier möglicherweise eine nüchternere, aber nicht weniger beunruhigende Antwort als in der Vorstellung einer zentral gesteuerten satanischen Elite: Menschliche Institutionen neigen, unabhängig von ihrer religiösen oder weltanschaulichen Ausrichtung, dazu, die eigene Reputation über den Schutz der Schwächsten zu stellen, wenn Kontrollmechanismen fehlen oder Autoritäten nicht infrage gestellt werden. Aus christlich-theologischer Perspektive ließe sich das durchaus als Wirken einer über Menschen und Institutionen hinausgehenden zerstörerischen Kraft deuten, wie es der weitere Verlauf dieses Artikels noch ausführt – als empirischer Beleg für eine organisierte satanistische Struktur taugt es jedoch nicht, weil das wiederkehrende Muster gerade unabhängig von jeder okkulten Ausrichtung auftritt. Pizzagate: Die Theorie, die durch Epstein rückwirkend plausibler wirkte – aber nicht bewiesen wurde 2016 entstand nach der Veröffentlichung gehackter Podesta-E-Mails die sogenannte Pizzagate-Theorie . Internetnutzer interpretierten teilweise ungewöhnlich wirkende Formulierungen in E-Mails als angebliche Codes für Kindesmissbrauch und konstruierten daraus die Behauptung, rund um die Pizzeria Comet Ping Pong in Washington existiere ein Kindersexring hochrangiger Demokraten. Für diese zentrale Behauptung wurde bis heute kein belastbarer Beweis gefunden . Auch das FBI hat Pizzagate nicht nachträglich bestätigt. 2016 fuhr schließlich Edgar Welch bewaffnet zur Pizzeria, um angeblich gefangene Kinder zu befreien. Er fand keine. Er gab später auf und wurde verurteilt. Damit ist Pizzagate als konkreter behaupteter Kindersexring unter Comet Ping Pong nicht belegt. Aber hier passiert psychologisch etwas Interessantes: Dann kam Epstein. Plötzlich wussten Millionen Menschen: Ein prominenter Mann hatte tatsächlich Minderjährige sexuell ausgebeutet. Er hatte tatsächlich Zugang zu extrem mächtigen Menschen. Er verfügte tatsächlich über private Anwesen und eine Insel. Und eine Frau aus seinem engsten Umfeld wurde tatsächlich wegen ihrer Beteiligung an einem Sexhandelsnetzwerk verurteilt. Damit entstand das Gefühl: „Wenn Epstein jahrelang möglich war – welche anderen Dinge könnten ebenfalls möglich sein?" Diese Frage ist vollkommen legitim. Der Fehler wäre nur: Weil Epstein wahr war, muss Pizzagate ebenfalls wahr sein. So funktioniert Beweisführung nicht. Wie die Fälle Savile, Dutroux und der katholischen Kirche zeigen, lässt sich das reale Grundmuster institutionellen Missbrauchsschutzes empirisch belegen – die zusätzliche, spezifischere Behauptung eines organisierten, satanistisch codierten Kindersexrings an einem konkreten Ort erfordert jedoch einen eigenen, bislang nicht erbrachten Beweis. Satanische Organisationen existieren wirklich Auch hier lohnt sich eine bemerkenswerte Trennung zwischen Realität und Legende. Die Church of Satan existiert tatsächlich. Anton LaVey gründete sie 1966 in San Francisco. Sie verwendet: Baphomet Satan Lucifer Rituale „Satanic Bible" schwarze Zeremonien und eine bewusst antichristliche beziehungsweise transgressive Ästhetik. Aber ausgerechnet die Church of Satan selbst behauptet: "Wir glauben überhaupt nicht an einen real existierenden Satan" - der Teufel lebt die Täuschung, ist hier kein Argument. Nach ihrer offiziellen Glaubensdarstellung sind ihre Mitglieder Atheisten. Satan ist für sie ein Symbol für Ego, Individualismus, Stolz, Freiheit und Selbstvergöttlichung – nicht ein übernatürliches Wesen. Menschenopfer und Kindesmissbrauch lehnt die Organisation offiziell ausdrücklich ab. Auch The Satanic Temple , eine davon getrennte Organisation, erklärt ausdrücklich, weder an Satan noch überhaupt an Übernatürliches zu glauben. Satan dient dort als literarisches Symbol des Rebellen gegen Autorität. Das führt zu einem geradezu theologischen Paradox. Gibt es eine satanistische Machtelite? Genau hier wird die Beweislage dünn. Es gibt reale: Elitennetzwerke, Geheimgesellschaften u.a. Skull & Bones (Yale University), exklusive Clubs, okkulte Gruppen, esoterische Orden und satanistische Organisationen. Aber der Nachweis eines zentral koordinierten weltweiten Satanistennetzwerks , das Filmindustrie, Musik, Politik, Banken und Konzerne kontrolliert, ist bisher nicht gelungen. Auch frühere Ermittlungen zu den in den 1980er- und 1990er-Jahren verbreiteten Behauptungen riesiger satanischer Missbrauchsnetzwerke fanden keine belastbare Evidenz für die behaupteten flächendeckenden Systeme aus Menschenopfern, Kinderzucht und kultischer Weltverschwörung. FBI-Ermittler Kenneth Lanning warnte zugleich ausdrücklich davor, dass reale sexuelle Kindesmissbrauchsfälle durch spektakuläre, nicht belegbare Ritualbehauptungen sogar schwieriger strafrechtlich verfolgbar werden können. In Großbritannien kam eine 1994 im Auftrag des Innenministeriums durchgeführte Untersuchung unter der Sozialforscherin Jean La Fontaine zu einem strukturell identischen Ergebnis: In keinem der untersuchten britischen Fälle angeblichen „satanischen Ritualmissbrauchs" ließ sich ein organisiertes satanistisches Netzwerk nachweisen, auch wenn realer, teils schwerer Kindesmissbrauch in einigen der untersuchten Fälle tatsächlich stattgefunden hatte. Das bedeutet nicht: Es gibt niemals rituelle Verbrechen. Es bedeutet: Aus einzelnen realen Verbrechen kann man kein weltweites System beweisen. Dann gibt es allerdings Orte wie Bohemian Grove Und genau deshalb verschwinden diese Theorien nie vollständig. Denn mächtige Menschen veranstalten tatsächlich manchmal Dinge, die von außen äußerst befremdlich wirken. Ein berühmtes Beispiel ist der Bohemian Grove in Kalifornien. Seit dem 19. Jahrhundert treffen sich dort einflussreiche Männer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zum traditionellen Programm gehört die sogenannte „Cremation of Care" : eine ritualisierte Zeremonie vor einer riesigen Eulenstatue, bei der symbolisch eine menschlich wirkende Effigie verbrannt wird. Dass diese Zeremonie existiert, ist kein Geheimnis. Ist das ein satanisches Menschenopfer? Nein. Dafür gibt es keine belastbare Evidenz. Kann man verstehen, warum Bilder vermummter oder kostümierter Eliten vor einer gigantischen Eule und einer brennenden Menschenfigur Spekulationen erzeugen? Selbstverständlich. Und hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem der Macht: Wer extreme Geheimhaltung mit bizarrer Ritualsymbolik verbindet, darf sich nicht darüber wundern, dass Menschen fragen, was dort eigentlich passiert. In Europa existiert mit dem Bilderberg-Treffen ein strukturell ähnliches, wenn auch inhaltlich anders gelagertes Beispiel: Seit 1954 kommen jährlich rund 130 führende Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft zu einer nichtöffentlichen Konferenz zusammen, deren Teilnehmerliste inzwischen offiziell veröffentlicht wird, deren konkrete Gesprächsinhalte jedoch vertraulich bleiben. Auch hier gilt: Die Geheimhaltung selbst ist dokumentiert und real, ein Beleg für okkulte oder gar satanistische Inhalte der Treffen existiert dagegen nicht. Popmusik und Okkultismus: Hier ist die Verbindung real Bei der Musikindustrie wird die Debatte besonders interessant. Denn dass Okkultismus einen erheblichen Einfluss auf Teile der Pop- und Rockgeschichte hatte, ist historisch gut dokumentiert. Der britische Okkultist Aleister Crowley beeinflusste verschiedene Musiker und Subkulturen. Musikhistoriker haben die Linie von Crowley über Rockmusik bis in moderne Popkultur ausführlich untersucht. Jimmy Page von Led Zeppelin interessierte sich intensiv für Crowley und kaufte sogar dessen ehemaliges Anwesen Boleskine House am Loch Ness. Crowley ist außerdem auf dem berühmten Cover von Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band der Beatles zu sehen. Das alles ist real. Was daraus nicht folgt: Led Zeppelin oder die Beatles gehörten deshalb zu einer satanistischen Weltregierung. Es zeigt aber: Okkulte Ideen waren und sind kein Randphänomen der Popkultur. Ein besonders extremes, europäisches Kapitel dieser Verbindung schrieb Anfang der 1990er Jahre die norwegische Black-Metal-Szene um Bands wie Mayhem und Burzum. Mehrere Mitglieder dieser Szene, insbesondere der später wegen Mordes verurteilte Varg Vikernes, bekannten sich offen zu antichristlichen und teils explizit satanistischen beziehungsweise später neuheidnischen Positionen und waren nachweislich für eine Serie von mindestens 50 Kirchenbrandstiftungen in Norwegen zwischen 1992 und 1996 verantwortlich, dokumentiert unter anderem durch norwegische Gerichtsverfahren und zeitgenössische Presseberichterstattung. Dieser Fall unterscheidet sich von den übrigen in diesem Artikel behandelten Beispielen dadurch, dass hier tatsächlich eine explizit satanistisch motivierte, kleine, unabhängig agierende Tätergruppe mit realen Gewalttaten nachweisbar ist – allerdings ohne jede Verbindung zu einem größeren, koordinierten Elitennetzwerk. Marilyn Manson und die Church of Satan Noch direkter wird es bei Marilyn Manson . Manson hatte persönlichen Kontakt zu Anton LaVey. Die Church of Satan stellte später klar, dass Manson kein ordinierter Geistlicher der Organisation gewesen sei, LaVey ihm aber eine ehrenhalber verliehene Priestertitel-Auszeichnung gegeben hatte. Mansons gesamtes künstlerisches Konzept spielte zudem bewusst mit: Antichristentum, Satanismus, religiöser Umkehrung, Blasphemie und gesellschaftlicher Provokation. Auch hier muss man unterscheiden: Symbol verwenden ist nicht automatisch übernatürliche Gottheit anbeten . Aber man kann kaum behaupten, die satanische Ästhetik sei lediglich eine Erfindung christlicher Kritiker. Die Künstler selbst verwenden sie. „Ich habe meine Seele dem Teufel verkauft" Noch faszinierender sind die zahlreichen Aussagen von Musikern über einen angeblichen „Deal mit dem Teufel". Der berühmteste Mythos beginnt lange vor moderner Popmusik mit dem Bluesmusiker Robert Johnson , der angeblich an einer Straßenkreuzung seine Seele gegen außergewöhnliches musikalisches Können verkauft habe. Historiker betrachten diese Geschichte überwiegend als Mythos. Aber die Metapher blieb. Auch Eminem, DMX und andere Künstler verwendeten in ihren Texten ausdrücklich die Vorstellung, ihre Seele dem Teufel verkauft zu haben. Bei DMX war der Konflikt zwischen christlichem Glauben, Versuchung und „Teufel" sogar ein zentraler Bestandteil seiner künstlerischen Persona. Bob Dylan sagte wiederum 2004 in einem berühmten 60 Minutes-Interview, er habe vor langer Zeit einen „bargain" geschlossen, der ihn dorthin gebracht habe, wo er heute sei. Auf die Frage, mit wem, antwortete er kryptisch mit dem „Chief Commander". Das Interview sagt allerdings nicht eindeutig, dass Dylan damit Satan meinte. Genau hier sollte man nicht mehr behaupten, als man weiß. Ein Künstler kann vom Verkauf seiner Seele sprechen als: Metapher für Plattenverträge, Preis des Ruhms, moralischen Kompromiss, bewusstes religiöses Symbol oder tatsächlich persönlichen okkulten Glauben. Ohne zusätzliche Evidenz kennen wir die Bedeutung nicht. Warum aber ständig satanische Symbolik? Das ist vielleicht die interessantere Frage. Warum tauchen immer wieder auf: umgedrehte Kreuze Pentagramme Hörner Baphomet-Anspielungen dämonische Wesen Blutrituale Augensymbolik (ein Auge) schwarze Messen sexuelle Sakralisierung Gefallene Engel? Eine Erklärung lautet: Marketing. Das Christentum war über Jahrhunderte die moralische Grundlage westlicher Gesellschaften. Wer schockieren will, greift deshalb genau die Symbole an, die diese Kultur als heilig betrachtet. Satan verkauft sich hervorragend. Blasphemie erzeugt Aufmerksamkeit. Provokation erzeugt Klicks. Aber ein Christ könnte hier eine andere Frage stellen: Wenn eine Kultur über Jahrzehnte immer wieder das Böse ästhetisiert, das Heilige verspottet und christliche Symbole invertiert – ist irgendwann noch relevant, ob jeder Künstler persönlich an Satan glaubt? Vielleicht liegt der kulturelle Effekt gerade in der Normalisierung . Halloween: Satanisches Fest oder Kinderparty? Auch hier muss man zwischen Fakt und Legende unterscheiden. Die Church of Satan betrachtet Halloween tatsächlich als einen ihrer wichtigen Feiertage. Ihre eigenen Materialien nennen nach dem persönlichen Geburtstag insbesondere Walpurgisnacht und Halloween als bedeutend. Häufig wird Anton LaVey der Satz zugeschrieben, er freue sich, dass christliche Eltern ihren Kindern wenigstens einmal im Jahr erlaubten, den Teufel anzubeten . Dieser Satz kursiert seit Jahrzehnten. Ich konnte allerdings keine belastbare zeitgenössische Primärquelle finden , die zweifelsfrei belegt, dass LaVey ihn exakt so gesagt hat. Man sollte ihn deshalb nicht als gesichertes historisches Zitat präsentieren. Was hingegen belegt ist: Die Church of Satan feiert Halloween und interpretiert den Tag ausdrücklich als Gelegenheit, bei der gewöhnliche Menschen ihre „dunkleren" oder normalerweise verborgenen Seiten durch Kostümierung ausleben. Heißt das, ein sechsjähriges Kind im Feuerwehrkostüm bete Satan an? Natürlich nicht. Eine christliche Kritik an Halloween müsste deshalb differenzieren zwischen: Süßigkeiten und Kostümfest und bewusstem Umgang mit Nekromantie, Geisterbeschwörung, Hexerei oder satanischer Ritualik. Tarot, Orakel und Wahrsagerei - ein Zeichen an den Teufel? Hier ist die traditionelle christliche Position wesentlich eindeutiger. Die Bibel warnt ausdrücklich vor: Wahrsagerei Zauberei Zeichendeutung Geisterbeschwörung Hellseher und dem Versuch, Tote beziehungsweise übernatürliche Kräfte zu konsultieren. Aus dieser theologischen Perspektive sind Tarotkarten, Pendeln, Spirit Boards, Channeling und Orakel problematisch, wenn sie dazu eingesetzt werden, verborgenes Wissen oder zukünftige Ereignisse aus einer spirituellen Quelle zu erhalten . Dabei sagt die Bibel natürlich nichts über „Tarotkarten" – sie entstanden viel später. Die christliche Ablehnung ergibt sich aus dem Zweck der Praxis , nicht aus dem Karton. Ein Tarotdeck als Kunstobjekt ist etwas anderes als der bewusste Versuch, durch das Deck Kontakt zu einer übernatürlichen Wissensquelle herzustellen. Ob dabei tatsächlich Dämonen antworten, ist eine Glaubensfrage. Dass traditionelle christliche Theologie solche Praktiken ablehnt, ist dagegen eindeutig. Und jetzt Coca-Cola Hier haben wir ein ausgesprochen aktuelles Beispiel dafür, wie schnell aus einem technischen Vorgang eine kulturelle Grundsatzfrage entstehen kann. Im August 2026 gingen Videos viral, in denen Coca-Colas Online-Personalisierungsprogramm positive Aussagen über Jesus offenbar ablehnte, während bestimmte satanische oder antireligiöse Formulierungen im Vorschausystem akzeptiert wurden. Nach Tests, über die Fox News Digital beziehungsweise anschließend andere Medien berichteten, wurden beispielsweise christliche Formulierungen blockiert, während unter anderem antitheistische beziehungsweise satanisch klingende Aussagen durch den Preview-Filter gelangen konnten. Das ist tatsächlich passiert. Aber nun kommt der entscheidende zweite Teil. Coca-Cola sagt: Das war nicht unsere Freigabepolitik. Das Unternehmen erklärte, im Vorschausystem habe ein technisches Problem bestanden. Coca-Cola deaktivierte daraufhin die Vorschaufunktion und pausierte vorübergehend neue Personalisierungsbestellungen. Die offizielle Coca-Cola-Regel lautet nämlich, dass personalisierte Produkte nach der Bestellung noch manuell geprüft werden und religiöse wie politische Botschaften grundsätzlich nicht produziert werden sollen . „Jesus is King“ ❌ abgelehnt „Satan is King“ ✅ Vorschau wurde zugelassen „Jesus is good“ ❌ abgelehnt „Satan is good“ ✅ Vorschau wurde zugelassen „I love Jesus“ ❌ abgelehnt „I love Satan“ ✅ Vorschau wurde zugelassen „Jesus is evil“ ✅ Vorschau wurde zugelassen „Jesus is bad“ ✅ Vorschau wurde zugelassen „Coca-Cola erlaubt Satan, verbietet positives über Jesus." Sondern: Das automatisierte Vorschausystem produzierte 2026 auffällig inkonsistente Ergebnisse, bei denen positive christliche Botschaften blockiert wurden, während manche satanisch beziehungsweise antireligiös formulierten Inhalte durchkamen. Coca-Cola bezeichnete dies als technischen Fehler und erklärt, dass echte Bestellungen mit religiösen Botschaften ohnehin nicht freigegeben werden sollen. Ist das weniger provokant? Vielleicht. Aber genau diese Präzision macht die Kritik belastbarer. Denn man kann anschließend immer noch fragen: Warum funktionierte der Filter ausgerechnet in diese Richtung? Fehlerhafte Daten? Schlecht programmierte Moderationsregeln? Kulturelle Voreingenommenheit der Entwickler? Zufall? Das sind legitime Fragen. Ein Beweis für eine satanische Coca-Cola-Unternehmensführung ist es nicht. Vielleicht suchen wir den Satanismus an der falschen Stelle und damit kommen wir zur eigentlichen These. Vielleicht muss man überhaupt keine geheime Karte besitzen, auf der alle Satanisten der Welt miteinander verbunden sind. Wenn man das christliche Weltbild ernst nimmt, wäre Satans Einfluss ohnehin nicht zwangsläufig so plump. Paulus beschreibt Satan nicht als Wesen, das ausschließlich mit Hörnern, Pentagrammen und schwarzer Kapuze auftritt. Im Gegenteil: Er warnt davor, dass Satan sich sogar als „Engel des Lichts" präsentiert. Jesus verbindet das Böse wiederum mit Lüge und Mord . Daraus ließe sich eine völlig andere Definition satanischen Einflusses ableiten: Nicht: „Trägt jemand ein Pentagramm?" Sondern: Fördert ein System Lüge, Entmenschlichung, Ausbeutung, Selbstvergöttlichung, sexuelle Zerstörung, Hass und Verachtung des Heiligen? Das ist wesentlich anspruchsvoller. Genau nach diesem Maßstab betrachtet, liefern die eingangs geschilderten Fälle aus den USA, Großbritannien, Belgien und Deutschland – unabhängig davon, ob irgendwo ein Pentagramm auftaucht – möglicherweise die aussagekräftigeren Belege: Nicht die Symbolik einzelner Popkünstler, sondern die wiederkehrende Bereitschaft mächtiger Institutionen, Lüge und Vertuschung dem Schutz der Schwachen vorzuziehen. Der stärkste Hinweis wäre dann nicht das Symbol, sondern die Umkehrung Betrachtet man westliche Kultur aus einer traditionellen christlichen Perspektive, findet tatsächlich eine bemerkenswerte Umwertung statt. Was früher heilig war, wird häufig verspottet. Was früher als Sünde bezeichnet wurde, wird teilweise gefeiert. Selbstbeschränkung wird durch Selbstverwirklichung ersetzt. Demut durch Selbstoptimierung. Gott durch das eigene Ich. Das bedeutet nicht, dass jede gesellschaftliche Veränderung satanisch ist. Aber gerade LaVeys Satanismus ist hier interessant: Die Church of Satan erklärt selbst, dass der Mensch gewissermaßen zum Gott seines eigenen subjektiven Universums wird. Das ist fast die perfekte Gegenposition zum Christentum. Christentum: Nicht mein Wille, sondern Gottes Wille. LaVeyanischer Satanismus: Das eigene Selbst steht im Mittelpunkt. Vielleicht liegt genau dort der eigentliche Konflikt. Aber wo bleiben die Menschenopfer? Hier muss man besonders vorsichtig sein. Rituelle Morde und bizarr religiös motivierte Tötungen hat es historisch tatsächlich gegeben. Was dagegen nicht bewiesen ist, ist ein systematisches Netzwerk westlicher Politiker, Musiker, Hollywoodstars und Unternehmer, das heimlich Menschen für Satan opfert. Gerade die sogenannte „Satanic Panic" der 1980er und frühen 1990er Jahre zeigte, wie schnell reale Fälle sexuellen Missbrauchs mit nicht belegbaren Erzählungen über gigantische Menschenopfer-Netzwerke vermischt werden können. FBI-Spezialist Kenneth Lanning warnte davor, dass genau diese Vermischung sogar reale Täter schützen könne, weil ein ansonsten belegbarer Missbrauchsfall durch unhaltbare Zusatzbehauptungen unglaubwürdig wird. Die bereits erwähnte britische La-Fontaine-Untersuchung von 1994 kam, wie oben dargestellt, zu einem strukturell identischen Ergebnis. Das ist eine wichtige Lehre für Epstein, Savile, Dutroux und die MHG-Studie gleichermaßen. Die tatsächlichen Verbrechen sind schlimm genug. Man sollte sie nicht mit unbeweisbaren Behauptungen schwächen. Was ist also wirklich - offiziell - belegt? Belegt ist: Epstein und Maxwell betrieben beziehungsweise unterstützten ein reales System sexueller Ausbeutung Minderjähriger. Savile beging über Jahrzehnte hinweg mindestens 214 dokumentierte Sexualstraftaten, gedeckt durch systematisches institutionelles Wegschauen der BBC. Belgische Ermittlungsbehörden versagten im Fall Dutroux nach den Feststellungen einer eigens eingesetzten Parlamentskommission auf gravierende Weise – für die parallel entstandenen Netzwerktheorien fand die Kommission jedoch keine hinreichenden Beweise. Die katholische Kirche in Deutschland ermöglichte laut der MHG-Studie über Jahrzehnte sexuellen Missbrauch durch Kleriker in einem Ausmaß, das strukturell mit vergleichbaren Studien aus den USA und Australien übereinstimmt. Epstein verfügte über außergewöhnliche Kontakte zu mächtigen und prominenten Menschen. Das beweist jedoch keine Schuld dieser Kontakte. Die Church of Satan und The Satanic Temple existieren und verwenden bewusst Satan als zentrale Identifikationsfigur beziehungsweise Symbol. Occultismus und satanische Symbolik haben Teile von Rock, Pop, Film und Kunst nachweislich beeinflusst. Einige prominente Künstler besitzen tatsächliche persönliche Verbindungen zu okkulten oder satanistischen Persönlichkeiten beziehungsweise Organisationen. Marilyn Manson und Jimmy Page sind dafür konkrete Beispiele; die norwegische Black-Metal-Szene um Varg Vikernes liefert zudem einen dokumentierten Fall tatsächlicher, wenn auch isolierter satanistisch motivierter Gewalttaten. Elitäre geschlossene Gesellschaften wie Bohemian Grove oder das Bilderberg-Treffen existieren und verwenden teils ritualisierte Symbolik beziehungsweise strikte Vertraulichkeit. Die traditionelle christliche Lehre lehnt Wahrsagerei, Geisterbeschwörung und okkulte Divination ab. Nicht belegt ist: eine zentrale satanistische Weltregierung, eine einheitliche luziferische Befehlskette durch Hollywood, Politik und Banken, systematische satanische Menschenopfer westlicher Eliten, Pizzagate als konkretes Kinderhandelsnetzwerk, eine koordinierte Steuerung der Fälle Epstein, Savile oder Dutroux durch ein gemeinsames okkultes Netzwerk, oder dass jeder Musiker mit satanischer Symbolik tatsächlich Satan anbetet. Und trotzdem bleibt die religiöse Frage bestehen Denn Religion beschäftigt sich gerade mit Dingen, die sich nicht wie eine Banküberweisung oder ein Fingerabdruck beweisen lassen. Wer nicht an Satan glaubt, wird sämtliche kulturellen Entwicklungen psychologisch, ökonomisch oder soziologisch erklären. Wer christlich glaubt, kann dieselben Ereignisse zusätzlich geistlich interpretieren. Und das Neue Testament fordert Christen ausdrücklich dazu auf. Paulus schreibt nicht: Unser Kampf besteht ausschließlich aus Steuersätzen und Regierungsprogrammen. Sondern er beschreibt einen Kampf gegen geistige Kräfte des Bösen . Johannes schreibt, die Welt liege unter dem Einfluss des Bösen. Aus dieser Perspektive wäre es sogar denkbar, dass Menschen einem zerstörerischen geistigen Prinzip dienen, ohne jemals an einer schwarzen Messe teilgenommen zu haben. Man muss dafür nicht Mitglied einer Satanistenloge sein. Gier kann dienen Lüge kann dienen Machtmissbrauch kann dienen Sexuelle Ausbeutung kann dienen Menschenverachtung kann dienen Institutioneller Selbstschutz auf Kosten von Kindern – in einer amerikanischen Finanzelite, einem britischen Staatssender, belgischen Ermittlungsbehörden oder einer deutschen Bistumsverwaltung – kann dienen, ganz ohne dass irgendjemand der Beteiligten sich selbst als Satanist verstünde. Und genau hier wird die Frage plötzlich wesentlich größer als Epstein, Hollywood oder irgendein Musikvideo. Jesus vs. Satan – vielleicht ist das tatsächlich die eigentliche Frontlinie Die moderne westliche Öffentlichkeit betrachtet Religion überwiegend als private Angelegenheit. Die Bibel tut das nicht. Aus christlicher Perspektive ist Geschichte auch ein Kampf darum: Wem vertraut der Mensch? Gott? oder sich selbst? Wahrheit? oder Lüge? Dienst? oder Herrschaft? Liebe? oder Ausbeutung? Jesus? oder dem Prinzip, das Christus selbst als seinen Gegenspieler beschreibt? Vielleicht ist deshalb die interessanteste Frage nicht: „Welche Stars sind heimlich Satanisten?" Diese Frage produziert schnell Listen, Verdächtigungen und Fantasie. Die viel unbequemere Frage lautet: Welche Werte unserer Gesellschaft ähneln inzwischen stärker der christlichen Botschaft – und welche stärker deren bewusster Umkehrung? Dann braucht man keine geheime Mitgliederliste mehr. Man kann die Früchte betrachten. Zwischen Verschwörung und Glaubensfrage Es wäre unseriös, heute zu behaupten: „Wir haben bewiesen, dass eine globale satanische Elite unsere Gesellschaft kontrolliert." Diesen Beweis gibt es nicht – auch nicht, wenn man die Fälle aus vier verschiedenen Ländern nebeneinanderlegt. Ebenso oberflächlich wäre aber: „Satanismus, Okkultismus, Elitenrituale und antichristliche Symbolik sind alles nur Erfindungen verrückter Verschwörungstheoretiker." Auch das stimmt erkennbar nicht. Die Organisationen existieren. Die Rituale existieren. Die Symbolik existiert. Die okkulten Einflüsse auf Popkultur existieren. Die kriminellen Netzwerke rund um Epstein existierten. Die institutionellen Versagen rund um Savile, Dutroux und die MHG-Studie existierten, unabhängig voneinander, in drei verschiedenen Ländern. Die Verflechtung mächtiger Menschen existiert. Was nicht geklärt ist, ist die große verbindende Behauptung: Gibt es hinter diesen einzelnen Phänomenen tatsächlich ein zusammenhängendes spirituelles oder organisatorisches System? Empirisch können wir das bislang nicht beweisen – die vier untersuchten Fälle sprechen im Gegenteil eher für unabhängig voneinander entstandenes, strukturell ähnliches menschliches Versagen als für eine gemeinsame Steuerung. Theologisch beantwortet das Christentum die Frage jedoch bereits seit zweitausend Jahren anders: Der Kampf zwischen Gut und Böse findet nicht erst dort statt, wo jemand offen „Satan" sagt. Er findet überall dort statt, wo Wahrheit gegen Lüge, Würde gegen Ausbeutung und Christus gegen die Vergöttlichung des Menschen stehen. Vielleicht ist das letztlich die spannendere These. Nicht jede Verschwörung braucht ein Hinterzimmer. Und wenn die christliche Vorstellung eines geistlichen Kampfes wahr ist, würde das Böse vermutlich gerade dann am erfolgreichsten arbeiten, wenn die Mehrheit längst aufgehört hat, überhaupt an seine Existenz zu glauben – und wenn Institutionen, gleich welcher Weltanschauung, lieber ihre eigene Reputation schützen als die Wahrheit ans Licht zu bringen. Quellen (Auswahl) US-Justizministerium (DOJ), FBI: Berichte und Dokumentenveröffentlichungen zum Epstein-Komplex, 2025/2026 BBC, Wikipedia (deutsch/englisch, Jimmy Savile): Untersuchungsberichte von Nick Pollard (2012) und Dame Janet Smith (2016) zur Rolle der BBC Belgische Parlamentarische Untersuchungskommission (1997): Abschlussbericht zur Affäre Dutroux Deutsche Bischofskonferenz, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, Deutsches Ärzteblatt, katholisch.de: MHG-Studie (2018) und Folgeberichterstattung Church of Satan, The Satanic Temple: offizielle Selbstdarstellungen Kenneth Lanning (FBI): Analysen zur „Satanic Ritual Abuse"-Panik der 1980er/1990er Jahre Jean La Fontaine: Untersuchung im Auftrag des britischen Innenministeriums zu „satanic ritual abuse", 1994 Norwegische Gerichtsdokumentation und zeitgenössische Presseberichterstattung zu den Kirchenbrandstiftungen der Black-Metal-Szene, 1992–1996 Fox News Digital und Nachfolgeberichterstattung zum Coca-Cola-Personalisierungssystem, August 2026 Die Bibel
von Holger H. Hohlfeld 15. April 2026
Über das schleichende Ende des westlichen Finanzsystems, die Verschiebung der Weltmachtachse und warum Papierversprechen ihren Preis zahlen werden. Der Erste Kalte Krieg endete mit dem Triumph der liberalen Marktwirtschaft. Der Zweite beginnt leiser — mit Lieferketten, Währungsreserven und Handelsrouten. Chinas Belt-and-Road-Initiative (die sogenannte Neue Seidenstraße) ist dabei weit mehr als ein Infrastrukturprogramm: Sie ist die materialistische Infrastruktur eines geopolitischen Anspruchs. Über 140 Staaten haben Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet. Häfen in Sri Lanka, Äthiopien, Pakistan, dem Nahen Osten — überall entstehen Knotenpunkte eines parallelen Weltsystems.
von Holger H. Hohlfeld 10. April 2026
Ukraine – das geopolitische Schachfeld Europas Mackinder, Brzeziński und ein Konflikt, dessen Vorgeschichte nicht 2022 begann Der Ukrainekrieg begann nicht am 24. Februar 2022. An diesem Tag begann die russische Vollinvasion – ein singuläres, völkerrechtlich eindeutig zu bewertendes Verbrechen der Aggression. Der geopolitische Konflikt um die Ukraine als Raum reicht jedoch wesentlich weiter zurück: mindestens bis zur Annexion der Krim 2014, im Grunde bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991, und gedanklich noch erheblich weiter. Um diese Tiefendimension zu verstehen, lohnt sich der Blick auf einen Mann, der bereits vor mehr als hundert Jahren über Eisenbahnen, Geografie und Weltmacht schrieb. Mackinders Heartland und seine Wiederkehr Der britische Geograf Halford Mackinder veröffentlichte 1919, unter dem unmittelbaren Eindruck des Ersten Weltkriegs und der russischen Revolution, sein Buch „Democratic Ideals and Reality“. Sein sogenanntes Heartland-Modell rückte Osteuropa und den eurasischen Kernraum ins Zentrum globaler Machtpolitik und mündete in die vielzitierte Formel, wonach herrsche, wer Osteuropa beherrsche, das Heartland kontrolliere, und wer das Heartland kontrolliere, die Weltinsel beherrsche – und damit letztlich die Welt. Mackinders Theorie ist kein Naturgesetz, und sie wurde seither vielfach kritisiert, relativiert und für unterschiedlichste politische Zwecke instrumentalisiert. Ihr analytischer Kern bleibt jedoch bestechend einfach: Wer den eurasischen Kontinent dominiert, vereinigt in einer Hand enorme Bevölkerungsmasse, Rohstoffreichtum, industrielle Kapazität und militärische strategische Tiefe – eine Kombination, gegen die seegestützte Mächte wie das britische Empire und später die Vereinigten Staaten historisch nur schwer ein Gegengewicht bilden konnten. Für maritime Mächte ist die Verhinderung eines solchen dominanten eurasischen Machtzentrums deshalb seit mehr als einem Jahrhundert ein strukturelles strategisches Anliegen, unabhängig davon, welche konkrete Regierung gerade in Washington oder London amtiert. Brzezińskis Modernisierung: die Ukraine als „geopolitischer Pivot“ 1997, mehr als ein Jahrzehnt vor der Krim-Annexion und siebzehn Jahre vor dem Maidan, veröffentlichte der ehemalige Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński sein einflussreiches Buch „The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives“ – auf Deutsch bezeichnenderweise unter dem Titel „Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ erschienen. Brzeziński beschrieb Eurasien darin als das zentrale geopolitische Schachbrett amerikanischer Macht und identifizierte die Ukraine ausdrücklich als einen von mehreren „geopolitischen Pivots“ – Staaten, deren Bedeutung sich nicht aus eigener Macht, sondern aus ihrer sensiblen geografischen Lage und den Konsequenzen ihrer potenziellen Verwundbarkeit für das Verhalten der umliegenden Großmächte ergibt. Seine zentrale These lautete, dass die bloße Existenz einer unabhängigen Ukraine Russlands Machtposition fundamental verändere: Ohne die Ukraine, mit ihren damals rund 52 Millionen Einwohnern, ihren Ressourcen und ihrem Zugang zum Schwarzen Meer, könne Russland kein eurasisches Imperium im klassischen Sinn mehr sein, sondern würde zu einem vorwiegend asiatisch ausgerichteten Staat, der eher in Konflikte mit selbstbewussten zentralasiatischen Nachbarn geriete. Gewänne Moskau hingegen die Kontrolle über die Ukraine zurück, verfüge Russland automatisch wieder über die Mittel, ein mächtiges, Europa und Asien überspannendes imperiales Staatswesen zu werden. Das steht, in dieser Deutlichkeit, bereits 1997 geschrieben – lange vor Wladimir Putins Amtsantritt, lange vor dem Maidan, lange vor der Krim-Annexion. Das ist historisch aufschlussreich, weil es eine verbreitete Annahme widerlegt: Die strategische Bedeutung der Ukraine wurde in Washington keineswegs erst entdeckt, nachdem Russland 2014 oder 2022 militärisch eingriff. Sie war bereits ein Jahrzehnt zuvor fester Bestandteil des außenpolitischen Denkens einflussreicher amerikanischer Strategen – wobei sich aus dieser Feststellung allein noch keine Aussage darüber ableiten lässt, in welchem Ausmaß Brzezińskis Analyse tatsächlich handlungsleitend für die praktische US-Politik der folgenden Jahrzehnte wurde. 2008: Bukarest und ein sorgfältig ausgehandelter Kompromisssatz Beim NATO-Gipfel im rumänischen Bukarest im April 2008 kam es zu einer der folgenreichsten diplomatischen Formulierungen der jüngeren europäischen Sicherheitsgeschichte. US-Präsident George W. Bush drängte energisch darauf, der Ukraine und Georgien den sogenannten Membership Action Plan – eine konkrete Vorstufe zur NATO-Mitgliedschaft – zu gewähren. Deutschland und Frankreich, unterstützt von den Niederlanden und Italien sowie im Ergebnis auch von Großbritannien, lehnten dies ab; Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy befürchteten eine dauerhafte Verschlechterung der Beziehungen zu Russland sowie – im Fall Georgiens – eine zusätzliche Eskalation der bereits offenen Territorialkonflikte um Abchasien und Südossetien. Am Rande des Gipfels lieferten sich der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier und sein polnischer Amtskollege Radosław Sikorski einen scharfen verbalen Schlagabtausch über die richtige Russland-Politik. Aus diesem Dissens entstand ein diplomatischer Kompromiss, der in seiner Zweideutigkeit bis heute nachwirkt: Merkel schlug kurz vor der Plenarsitzung vor, der Ukraine und Georgien zwar keinen Membership Action Plan zu gewähren, dafür aber eine Formulierung in die Abschlusserklärung aufzunehmen, wonach beide Länder NATO-Mitglieder werden würden – ohne Zeitplan, ohne konkreten Mechanismus. Diese Formel wurde nahezu wortgleich in das Gipfelkommuniqué übernommen. Am folgenden Tag traf Wladimir Putin in Bukarest zu einer Sitzung des NATO-Russland-Rates ein. Aus westlicher, insbesondere völkerrechtlicher Perspektive lautet die naheliegende Argumentation: Jeder souveräne Staat besitzt das Recht, sein Bündnis selbst zu wählen, und Russland steht dabei kein Vetorecht zu – eine Position, die Bush auf der Pressekonferenz in Bukarest wörtlich vertrat. Aus russischer, realpolitisch geprägter Sicht liest sich derselbe Vorgang jedoch anders: Eine als feindlich wahrgenommene Militärallianz verschiebt ihre Infrastruktur beständig näher an das eigene Kernland heran. Beide Aussagen können gleichzeitig zutreffen, ohne dass eine die andere widerlegt – und genau daraus entsteht das klassische, in der Sicherheitsforschung seit Langem beschriebene Sicherheitsdilemma: Was die eine Seite als rein defensive Absicherung ihrer Souveränität begreift, empfindet die andere unweigerlich als offensive Bedrohung ihres eigenen strategischen Vorfelds. 2013/14: Washington als kein neutraler Beobachter Im Dezember 2013, mitten in den beginnenden Euromaidan-Protesten, erklärte die damalige US-Staatssekretärin für europäische und eurasische Angelegenheiten, Victoria Nuland, bei einer Konferenz der U.S.-Ukraine Foundation in Washington, die Vereinigten Staaten hätten seit der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 mehr als fünf Milliarden Dollar in den Aufbau demokratischer Institutionen, Zivilgesellschaft, wirtschaftlicher Reformen und weiterer Bereiche in der Ukraine investiert. Diese Aussage wurde in den folgenden Jahren, insbesondere in russischen und pro-russischen Medien, wiederholt zu der Behauptung verkürzt, Washington habe gezielt fünf Milliarden Dollar in die Organisation des Maidan gesteckt – eine Zuspitzung, die mehrere Faktenprüfungen, unter anderem von PolitiFact, als irreführend eingestuft haben, da sich die Summe auf mehr als zwei Jahrzehnte kumulativer Förderung bezog und nicht gezielt den Protesten selbst galt. Diese Einordnung bedeutet jedoch nicht im Umkehrschluss, Washington sei ein uninteressierter, passiver Zuschauer der ukrainischen Krise gewesen. Besonders deutlich wurde das Ausmaß amerikanischer Einflussnahme durch ein im Februar 2014 öffentlich gewordenes, mutmaßlich abgehörtes Telefonat zwischen Nuland und dem damaligen US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt – von der BBC am 7. Februar 2014 dokumentiert, zwei Wochen vor dem Sturz Wiktor Janukowytschs. Darin erörterten beide Spitzendiplomaten konkret und im Detail, welcher der drei Oppositionsführer – Arsenij Jazenjuk, Vitali Klitschko oder Oleh Tjahnybok – für welche Rolle in einer künftigen ukrainischen Übergangsregierung am besten geeignet sei; Nuland äußerte darin eine klare Präferenz für Jazenjuk aufgrund seiner wirtschafts- und regierungspolitischen Erfahrung, während Klitschko ihrer Einschätzung nach eher außerhalb der Regierung positioniert bleiben solle. Das Gespräch wurde zusätzlich dadurch bekannt, dass Nuland darin unverblümte Kritik an der Vermittlungsrolle der Europäischen Union äußerte. Das ist, in der Terminologie der internationalen Politik, unzweifelhaft aktive diplomatische Einflussnahme auf die Zusammensetzung einer künftigen ausländischen Regierung. Es belegt jedoch nicht, dass die Vereinigten Staaten den Maidan als Ereignis „gemacht“ oder die spontanen Proteststrukturen von außen gesteuert hätten – die Massenproteste selbst entzündeten sich nachweislich an Janukowytschs überraschender, unter russischem Druck erfolgter Abkehr vom geplanten EU-Assoziierungsabkommen im November 2013. Was das Telefonat jedoch zuverlässig widerlegt, ist die naive Vorstellung, Großmächte würden bei derartigen innenpolitischen Umbrüchen benachbarter Staaten lediglich passiv zuschauen. Und die Rolle Russlands? Auch die russische Seite war in diesem Zeitraum selbstverständlich kein passiver Beobachter. Im Frühjahr 2014 annektierte Russland die Krim in einem international nahezu einhellig als völkerrechtswidrig eingestuften Vorgang und begann parallel, separatistische Strukturen in den ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk militärisch, finanziell und logistisch zu unterstützen – ein Konflikt, der in den folgenden acht Jahren trotz der Minsker Vereinbarungen von 2014 und 2015 nie vollständig eingefroren wurde. Im Februar 2022 entschied Wladimir Putin schließlich, diesen begrenzten Konflikt durch eine groß angelegte militärische Vollinvasion drastisch zu eskalieren. Diese Entscheidung lag, das lässt sich völkerrechtlich und faktisch nicht relativieren, allein bei Russland. Dass westliche Politik – von der Bukarester Formel über die westliche Unterstützung des Maidan bis zur fortgesetzten militärischen und finanziellen Kooperation mit Kiew nach 2014 – zur Verschärfung einer bereits bestehenden Eskalationsspirale beigetragen haben könnte, nimmt Russland nicht die Verantwortung für den völkerrechtswidrigen Einmarsch selbst. Umgekehrt macht der russische Einmarsch die westliche Vorgeschichte nicht ungeschehen und entbindet nicht von der Notwendigkeit, sie sachlich zu rekonstruieren. Beides gleichzeitig zu denken – klare rechtliche und moralische Verantwortungszuschreibung einerseits, nüchterne Rekonstruktion einer jahrzehntelangen strukturellen Eskalationsdynamik andererseits – erscheint in der gegenwärtigen, stark polarisierten öffentlichen Debatte fast schon als ungewöhnlicher intellektueller Kraftakt. Bereits 1997, im Vorfeld der ersten NATO-Osterweiterungsrunde um Polen, Ungarn und Tschechien, hatte der als einer der einflussreichsten amerikanischen Russland-Kenner des 20. Jahrhunderts geltende Diplomat George F. Kennan in der New York Times gewarnt, eine Erweiterung des Bündnisses bis an die russische Grenze wäre der folgenschwerste Fehler amerikanischer Politik der gesamten Nachkriegszeit; sie werde nationalistische, antiwestliche und militaristische Tendenzen in Russland eher befeuern als eindämmen. Kennans Warnung, die sich noch nicht spezifisch auf die Ukraine bezog, wurde in Washington weitgehend überhört – der US-Senat billigte die erste Erweiterungsrunde 1998 mit deutlicher Mehrheit. Ob und in welchem Maß sich diese frühe Warnung im Rückblick als zutreffend erweist, bleibt naturgemäß Gegenstand fortdauernder, kaum abschließend zu klärender historischer Debatte. Das eigentliche Drama Der Ukrainekrieg zeigt in seiner Grundstruktur ein klassisches, in der Geschichte immer wieder auftretendes Problem kleinerer Staaten zwischen konkurrierenden Großmächten. Die Ukraine wollte, das ist durch demoskopische Daten und den Verlauf der Maidan-Bewegung selbst hinreichend belegt, aus der russischen Einflusszone heraustreten und sich stärker an Europa orientieren. Der Westen ermutigte diese Bewegung – zunächst wirtschaftlich und diplomatisch, seit 2014 zunehmend auch militärisch. Russland wiederum wollte den Verlust seines historisch beanspruchten strategischen Vorfelds um jeden Preis verhindern. Und am Ende dieser jahrzehntelangen Gemengelage aus geografischer Zwangslage, konkurrierenden Sicherheitsinteressen und wechselseitiger Einflussnahme wird der eigentliche Krieg – seit über vier Jahren, mit einer inzwischen weitgehend erstarrten, mehr als 1.200 Kilometer langen Front und bislang gescheiterten Vermittlungsversuchen von Kasachstan bis zu gemeinsamen europäischen Initiativen im Sommer 2026 – nahezu ausschließlich auf ukrainischem Territorium ausgetragen, mit ukrainischen Städten und überwiegend ukrainischem Leben bezahlt.  Genau deshalb bleibt Mackinders mehr als hundert Jahre alte geopolitische Grundeinsicht so hartnäckig aktuell: Geografie besitzt keine Moral. Sie verschwindet nicht, weil Politiker – gleich auf welcher Seite – von einer „regelbasierten Ordnung“ sprechen, und sie lässt sich auch nicht durch nachträgliche moralische Eindeutigkeit vollständig auflösen, so notwendig diese moralische Eindeutigkeit hinsichtlich der Verantwortung für den Einmarsch selbst bleibt. Quellen (Auswahl) Halford Mackinder: Democratic Ideals and Reality (1919) Zbigniew Brzeziński: The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives (1997), zitiert nach Goodreads-Quotensammlung, The Philosophy Room, Forum for Democracy International George F. Kennan: „A Fateful Error“, The New York Times, 5. Februar 1997, zitiert nach Baltimore Sun, World Analytics, PI-News Wikipedia (deutsch), Tagesspiegel, bpb, AIES Wien: Dokumentation des NATO-Gipfels Bukarest 2008 Victoria Nuland: Rede bei der U.S.-Ukraine Foundation, Dezember 2013; PolitiFact und EUvsDisinfo: Einordnung der „Fünf-Milliarden-Dollar“-Aussage BBC (7. Februar 2014) sowie Internet Archive, CSMonitor: Transkript und Einordnung des Nuland-Pyatt-Telefonats bpb (Ukraine-Analysen), LpB Baden-Württemberg, Wikipedia: Chronik der Verhandlungs- und Vermittlungsinitiativen 2022–2026 Nordkurier, IPG Journal: Berichterstattung zum aktuellen Frontverlauf und Verhandlungsstand, Sommer 2026
von Holger H. Hohlfeld 1. April 2026
Wie BRICS die Weltordnung neu schreiben Ein Analyse-Essay über geopolitische Tektonik, den schleichenden Tod des Petrodollars und was das für uns alle bedeutet. Prolog: Das Ende einer Ära beginnt leise Revolutionen kündigen sich selten mit Fanfaren an. Die vielleicht größte Machtverschiebung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vollzieht sich nicht auf Schlachtfeldern, sondern in Währungsswap-Abkommen, in Hafenbauverträgen am Indischen Ozean und in den Sitzungssälen von Zentralbanken, die still und stetig ihre Dollarreserven verkaufen. Der amerikanische Dollar hat seit den 1970er Jahren als globale Leitwährung fungiert – gesichert durch das sogenannte Petrodollar-System, das Öl an den Dollar band und damit eine künstliche, aber mächtige Nachfrage nach US-Währung und US-Anleihen erzeugte. Dieses System beginnt zu bröckeln. Und die Konsequenzen – wirtschaftlich, militärisch, geopolitisch – werden die Welt der kommenden Jahrzehnte prägen. Teil I: BRICS – Die Koalition der Unzufriedenen Vom Fünfer-Club zur globalen Gegenmacht Ursprünglich von Goldman-Sachs-Analyst Jim O'Neill als rein ökonomische Kategorie für aufstrebende Märkte geprägt (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), hat sich BRICS in den vergangenen Jahren zu einem ernsthaften geopolitischen Projekt entwickelt. Die Erweiterungsrunde 2023–2025 macht dies unübersehbar: Ägypten, Äthiopien, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien sind beigetreten. Im Januar 2025 folgten Thailand, Malaysia und Indonesien als erstes ASEAN-Mitglied. Acht weitere Länder – darunter die Türkei, Nigeria und Kasachstan – haben den Status von Partnernationen erhalten. Was verbindet eine Gruppe so heterogener Staaten wie Brasilien, Iran und Indonesien? Vor allem eines: die kollektive Erschöpfung mit einem Weltfinanzsystem, das nach westlichen Regeln gespielt wird – und in dem die USA Sanktionen als außenpolitisches Werkzeug einsetzen, während der Dollar als strukturelle Waffe fungiert. Die BRICS-Gruppe repräsentiert heute etwa 32 % der globalen Erdgasproduktion und 43 % der weltweiten Rohölförderung. Damit hat das Bündnis nicht nur wirtschaftliches Gewicht, sondern strategische Energie-Dominanz. Hinzu kommt die schiere Bevölkerungsgröße: Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt in BRICS-Staaten. De-Dollarisierung: Schritt für Schritt aus dem Dollar-Käfig Die konkreteste Aktivität des Bündnisses ist der koordinierte Versuch, die Abhängigkeit vom US-Dollar zu reduzieren. Dies geschieht auf mehreren Ebenen: Bilaterale Währungsabkommen: China und Russland wickeln inzwischen den Großteil ihres bilateralen Handels in Yuan und Rubel ab. Brasilien und China unterzeichneten 2023 ein Yuan-Real-Handelsabkommen. Indien kauft russisches Öl in Rupien. Alternative Zahlungssysteme: Chinas grenzüberschreitendes Interbanken-Zahlungssystem (CIPS) hat Stand Januar 2025 bereits 1.467 indirekte Teilnehmer in 119 Ländern und verbindet 4.800 Banken in 185 Ländern. Es ist kleiner als SWIFT, wächst aber rasant. Die New Development Bank (NDB): 2014 gegründet, vergibt sie Kredite zunehmend in Lokalwährungen – ohne die politischen Konditionalitäten des IWF. Gold statt Dollar: Zentralbanken weltweit haben 2024 zum dritten Mal in Folge über 1.000 Tonnen Gold gekauft. Polen führte mit 90 Tonnen. Diese Goldakkumulation ist kein Zufall, sondern eine koordinierte Strategie zur Reservediversifikation. Eine gemeinsame BRICS-Währung bleibt vorerst eine Diskussion, kein Plan. Beim Gipfel in Rio de Janeiro im Juli 2025 wurde das Thema aus der Abschlusserklärung gestrichen. Selbst Putin distanzierte sich öffentlich davon – nicht zuletzt, um Trumps Strafzölle abzuwenden. Was bleibt, ist die pragmatischere, aber nicht minder bedeutsame Strategie: Handelsabwicklung in Lokalwährungen für spezifische Transaktionen. Langsam, aber stetig. Teil II: Das Petrodollar-System und sein schleichendes Ende Wie ein Handschlag von 1974 die Welt formte Um 1971 hatte Nixon die Golddeckung des Dollars aufgehoben. Die Welt stellte sich die Frage: Warum sollte man noch Dollar halten? Die Antwort kam 1974, als die Nixon-Administration mit Saudi-Arabien einen stillen Deal schloss: Öl wird ausschließlich in Dollar gehandelt, die USA garantieren im Gegenzug die Sicherheit des Königreichs. Das Petrodollar-System war geboren. Die Folgen waren epochal. Jedes Land, das Öl kaufen wollte, musste zunächst Dollar erwerben. Das schuf eine globale und dauerhafte Nachfrage nach US-Währung. Die USA konnten ihr Handelsdefizit mit selbst gedrucktem Geld finanzieren – ein Privileg, das manche Ökonomen als "exorbitantes Privileg" bezeichnet haben. Der arabische Raum dreht sich Heute steht das Petrodollar-System unter ernstem Druck. Saudi-Arabien, das Herzstück des Systems, diskutiert offen die Diversifikation: Ein Teil der Ölexporte wird bereits in Yuan abgewickelt. Der Beitritt Saudi-Arabiens zu BRICS liegt auf dem Tisch – das Königreich hat eine Einladung erhalten und verhält sich "strategisch abwartend". Die VAE sind vollständiges BRICS-Mitglied. Der Iran – obwohl unter Sanktionen – treibt die De-Dollarisierung mit maximaler Motivation voran. Das paradoxe Bild: Innerhalb von BRICS sitzen Rivalen wie Iran und VAE, verbunden durch den gemeinsamen Nenner der Dollar-Skepsis. Das Petrodollar-System ist nicht tot. Aber die Erosion ist real und messbar. Der Anteil des Dollars an globalen Devisenreserven ist von 71 % im Jahr 2001 auf rund 57–59 % im Jahr 2024/25 gefallen. Teil III: China und der US-Anleihenmarkt – Eine gefährliche Abhängigkeit Vom größten Gläubiger zum strategischen Verkäufer China war lange der weltgrößte Halter amerikanischer Staatsanleihen. Auf dem Höhepunkt im November 2013 hielt die Volksrepublik US-Treasuries im Wert von 1,316 Billionen Dollar. Stand April 2025 sind es noch rund 760 Milliarden Dollar – ein Rückgang von über 40 % vom Höchststand. Dieser Verkauf ist kein Marktsignal, sondern ein geopolitisches Manöver. China diversifiziert seine Reserven systematisch: in Gold, in Yuan-Vermögenswerte, in Realwirtschaftsinvestitionen weltweit. Die Doppelschneidigkeit des Dollar-Schwertes Hier liegt eine der größten strategischen Spannungen unserer Zeit. China hat das Mittel, US-Anleihen in großem Stil zu verkaufen – was die US-Zinsen explodieren lassen würde, den Dollar schwächen und die US-Staatsfinanzen belasten würde. Aber China würde sich damit selbst schaden: Der Wert seiner verbleibenden Dollar-Bestände würde sinken, die chinesische Exportwirtschaft würde unter einem schwachen Dollar leiden. Es ist ein nukleares Patt im Finanzbereich: Jeder kann den Abzug drücken, aber niemand möchte das als Erster tun. Was tatsächlich passiert, ist subtiler und langfristiger: langsame, kontrollierte Diversifikation. Wenn diese über Jahre fortgesetzt wird und andere Länder – Japan, Golfstaaten, Schwellenländer – mitziehen, entsteht ein struktureller Nachfragerückgang nach US-Treasuries, der die USA langfristig zu höheren Zinsen und steigenden Schuldenkosten zwingen würde. Teil IV: Chinas Doktrin in Afrika – Der neue Kolonialismus oder die neue Seidenstraße? Die Belt and Road Initiative: Globale Ambitionen in Beton gegossen 2013 verkündete Xi Jinping die Neue Seidenstraße – die Belt and Road Initiative (BRI). Bis heute haben 53 von 54 afrikanischen Ländern Absichtserklärungen unterzeichnet. Kumulativ hat China seit 2013 über 1,175 Billionen Dollar in BRI-Länder investiert. 2025 war Afrika mit 61,2 Milliarden Dollar der Spitzenreiter der BRI-Investitionen – ein Plus von 283 % gegenüber dem Vorjahr. China baut Eisenbahnen, Häfen, Straßen, Kraftwerke und Datenzentren auf einem Kontinent, der laut Afrikanischer Entwicklungsbank unter einem massiven Infrastrukturdefizit leidet. Die Projekte kommen mit einem Versprechen: keine politischen Konditionen. Keine Forderungen nach Demokratie, Menschenrechten oder Governance-Reformen. Das unterscheidet China fundamental von westlichen Finanzierern wie dem IWF oder der Weltbank. Die chinesische Doktrin: Fünf Prinzipien und strategische Absicht Chinas Engagement in Afrika folgt erkennbaren Mustern: Ressourcensicherung: Die großen BRI-Projekte sind häufig ressourcengedeckte Deals – Infrastruktur im Tausch gegen Öl, Gas und Mineralien. Nigeria, Kongo, Sambia – überall wo wichtige Rohstoffe lagern, findet sich chinesisches Kapital. Markterschließung: Afrika mit 1,4 Milliarden Menschen ist ein Absatzmarkt der Zukunft. Chinesische Konsumgüter, Technologie und Dienstleistungen dringen tief in den Kontinent ein. Geopolitische Allianzbildung: In UN-Abstimmungen tendieren afrikanische Länder mit starker chinesischer Präsenz häufiger zu China-freundlichen Positionen. 53 BRI-Unterzeichner bedeuten 53 potenzielle Stimmen in internationalen Gremien. Infrastruktur als Machtinstrument: Chinesisch gebaute Häfen, Telecoms-Netze (Huawei dominiert den afrikanischen Markt) und Eisenbahnen schaffen langfristige technologische und logistische Abhängigkeiten. Schulden-Leverage: Wenn Länder ihre Kredite nicht bedienen können – Sambia, Ghana, Äthiopien haben alle Schuldenrestrukturierungen durchlaufen – sitzt China am Verhandlungstisch und hat Druckmittel. Die dunkle Seite der Seidenstraße Die Schulden afrikanischer Länder gegenüber China übersteigen in manchen Fällen die Tragbarkeitsgrenze. Sambias chinesisch gehaltener Schuldenanteil liegt bei 65,8 %. Sri Lanka musste 2017 den strategisch wichtigen Hambantota-Hafen für 99 Jahre an China verpachten – ein Präzedenzfall, der als "Schuldenfalle" in die geopolitische Literatur eingegangen ist. China baut außerdem überwiegend mit chinesischen Arbeitern und chinesischen Materialien, was lokale Beschäftigung und Technologietransfer begrenzt. Gleichzeitig wäre es unfair, das Bild zu vereinfachen: Manche afrikanischen Länder haben chinesische BRI-Kredite in solide makroökonomische Programme integriert. Die Erfahrungen sind heterogen. Die Kontroverse aber ist real. Teil V: Konsequenzen für Europa – Zwischen zwei Feuern Europas strategische Zwickmühle Europa steht vor einer strukturellen Herausforderung, die sich in den kommenden Jahren dramatisch zuspitzen könnte. Der Kontinent ist tief in das Dollar-System eingebunden: Öl und Gas werden in Dollar gehandelt, europäische Banken arbeiten mit SWIFT, europäische Staatsanleihen werden oft in Dollar bewertet. Eine De-Dollarisierung der Weltwirtschaft trifft Europa nicht wie die USA – aber sie trifft Europa dennoch empfindlich: Energiepreise: Verschiebt sich das Ölpreissystem weg vom Dollar, entstehen Wechselkursrisiken für europäische Importeure. Ein schwacher Dollar würde Öl-Importe verteuern, wenn diese in Yuan oder einem Korb anderer Währungen abgerechnet werden. Kapitalmarkt: Steigende US-Zinsen – ausgelöst durch nachlassende ausländische Nachfrage nach US-Treasuries – würden auch europäische Kapitalmärkte belasten. Die transatlantische Zinsdivergenz würde den Euro unter Druck setzen. Exportmärkte: China ist Europas größter Handelspartner. Ein eskalierender US-China-Konflikt, der Europa zum Ergreifen einer Seite zwingt, würde Exportmärkte gefährden. Deutschland, dessen Wirtschaftsmodell auf Industrieexporten nach China basiert, ist dabei besonders verwundbar. Rüstung und Sicherheit: Die Rückkehr Europas zu größerer Verteidigungsautonomie – sichtbar in den NATO-Debatten und dem europäischen Rüstungsschub seit 2022 – ist auch eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass die USA als Schutzmacht unzuverlässiger werden könnten. Das Euro-Dilemma Europa hat seine eigene Antwort auf das Dollar-System: den Euro. Aber der Euro deckt nur einen Bruchteil der globalen Devisenreserven ab. Die Fragmentierung der EU, der Mangel an echten Euro-Staatsanleihen als sicherem Vermögenswert (trotz des EU-Wiederaufbaufonds) und die fehlende politische Union schwächen den Euro als Dollar-Alternativkandidat. Langfristig könnte eine schwächere Dollar-Dominanz sogar dem Euro nützen – wenn Europa die politische Reife entwickelt, die Lücke zu füllen. Das ist aber ein großes "wenn". Teil VI: Militärische Gefahren – wenn Währungskriege heiß werden Die Verbindung zwischen Finanz- und Sicherheitspolitik Geschichte lehrt: Wenn Hegemonialmächte ihren wirtschaftlichen Einfluss schwinden sehen, reagieren sie häufig mit militärischer Kraftdemonstration. Die USA haben ihre globale Militärpräsenz mit 800 Stützpunkten in über 80 Ländern historisch genutzt, um ihre wirtschaftliche Weltordnung zu sichern. Konkrete Risikozonen: Taiwan: Chinas zunehmende wirtschaftliche Stärke und die Rivalität mit den USA machen Taiwan zur gefährlichsten geopolitischen Bruchstelle der Welt. Ein militärischer Konflikt würde die globalen Halbleiterketten zerreißen und Europa in einen Wirtschaftsschock stürzen, der 2008 und Covid kombiniert wie Vorspeisen wirken würden. Südchinesisches Meer: China beansprucht weite Teile des Südchinesischen Meeres, durch das 30 % des weltweiten Seehandels fließt. Spannungen hier könnten Lieferketten global stören. Naher Osten/Arabischer Raum: Die Erosion des Petrodollar-Systems könnte US-Sicherheitsgarantien für Golfstaaten untergraben. Eine saudische Abkehr von den USA würde das geopolitische Gleichgewicht in einer der energiereichsten Regionen der Welt drastisch verschieben. Afrika als neue Frontlinie: Chinesische und westliche Einflussinteressen treffen in Afrika direkt aufeinander. Die Russland-Afrika-Beziehungen (Wagner-Gruppe, jetzt Africa Corps) und chinesische Investitionen konkurrieren mit dem schwindenden westlichen Einfluss. Das Dilemma der Sanktionen Ein zunehmendes Problem: US-Sanktionen verlieren an Wirksamkeit, wenn Länder außerhalb des Dollar-Systems handeln können. Die Sanktionen gegen Russland nach 2022 haben zwar geschmerzt, aber Russland hat über BRICS-Kanäle, Yuan-Handel und Parallelstrukturen überlebt. Das wird künftige US-Administrationen dazu verleiten, früher zu militärischen statt zu ökonomischen Druckmitteln zu greifen – was das Konfliktpotenzial erhöht. Teil VII: Der optimistische Ausblick – Warum mehr Multipolarität auch mehr Frieden bedeuten könnte Das Ende des hegemonialen Friedens? Die optimistische These klingt kontraintuitiv: Könnte eine Welt, in der die USA nicht mehr alleinige Ordnungsmacht sind, friedlicher sein? Das Argument: Viele der Kriege und Destabilisierungen der vergangenen Jahrzehnte – Irak, Libyen, Syrien, Afghanistan – wurden von westlicher Seite initiiert oder befeuert, oft mit dem Ziel, Regionen im Dollar-System zu halten oder strategische Kontrolle zu sichern. Ein System mit mehreren Gewichtszentren macht einseitige Interventionen schwieriger. Warum Multipolarität Potenzial für Stabilität hat Geringere Abhängigkeit schafft Verhandlungsmacht: Wenn Länder des Globalen Südens nicht mehr auf westliche Institutionen angewiesen sind, können sie auf Augenhöhe verhandeln. Das reduziert strukturelle Ressentiments. Wirtschaftliche Integration schafft Interdependenz: Je mehr Länder miteinander handeln – in beliebigen Währungen – desto mehr haben sie gemeinsam zu verlieren in einem Konflikt. Handelsnetzwerke sind historisch Friedensnetzwerke. BRICS als multilaterales Forum: Anders als die NATO ist BRICS keine Militärallianz. Es ist ein Wirtschaftsforum, das auf Nichteinmischung in innere Angelegenheiten setzt. Das schränkt die Neigung zu militärischen Abenteuern strukturell ein. Technologischer Wohlstand: Chinas Investitionen in Solarenergie, Elektromobilität und Digitalisierung – auch in Afrika – könnten Energiearmut bekämpfen. Energiezugang ist einer der stärksten Korrelatoren mit wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Stabilität. Afrika als Gewinn: Ein Afrika, das Infrastruktur bekommt – auch wenn die Konditionen diskutabel sind – ist langfristig stabiler als ein Afrika, das ignoriert wird. Die Frage ist nicht ob, sondern wie und zu welchen Bedingungen gebaut wird. Europa und der Westen müssen hier eigene, bessere Angebote machen. Die Chance für Europa Eine multipolare Welt eröffnet Europa eine Rolle, die es lange aufgegeben hat: die des ehrlichen Maklers. Europa muss weder US-Vasall noch China-Partner werden. Als größter Binnenmarkt der Welt mit einer starken Rechtsstaatlichkeitstradition kann Europa: Handelsabkommen mit BRICS-Staaten schließen, die auf echte Gegenseitigkeit setzen In Afrika eine Alternative zur chinesischen Schuldenfinanzierung anbieten – der EU Global Gateway-Plan zielt darauf ab, aber braucht mehr politischen Willen und Kapital Eine eigene Außen- und Sicherheitspolitik entwickeln, die auf Deeskalation und Diplomatie setzt Den Euro als Teilreservewährung stärken, um die Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren Epilog: Der lange Abschied vom Dollar-Zeitalter Was wir erleben, ist kein schneller Kollaps, sondern eine langsame tektonische Verschiebung. Der Dollar wird nicht morgen sterben. Noch immer werden 57–59 % der globalen Devisenreserven in Dollar gehalten. Noch immer ist SWIFT das dominierende Zahlungssystem. Noch immer sind US-Treasuries der Benchmark für "sichere Anlage". Aber die Richtung ist klar. Auf jede Generation fällt eine Ordnung, die die vorherige ablöst. Das Britische Pfund verlor seine Leitrolle an den Dollar – von 1945 bis 1980 fiel sein Reserveanteil von 50 % auf 2 %. Es dauerte Jahrzehnte. Die aktuelle Verschiebung dürfte ähnlich langsam sein – aber sie ist real. Die entscheidende Frage für unsere Generation ist nicht, ob diese Verschiebung kommt. Sie ist, ob sie friedlich verläuft oder in Konflikt mündet. Das hängt davon ab, ob die abgelöste Macht – die USA – und die aufstrebenden Kräfte – China, Indien, die arabische Welt – Institutionen und Mechanismen aufbauen, in denen Konflikte ausgetragen werden ohne Schüsse. Europa, das in seiner Geschichte Krieg und Frieden, Hegemonie und Kooperation so nah erlebt hat wie kein anderer Kontinent, sollte dabei keine Zuschauerrolle einnehmen. Die Stille Revolution verlangt laute Diplomatie. Dieser Artikel ist eine Analyse, die faktische Grundlagen mit spekulativen Schlussfolgerungen verbindet. Quellen: IMF COFER-Daten, BRICS-Gipfelerklärungen, Green Finance & Development Center (BRI Investment Reports 2024/2025), Brookings Institution, Carnegie Endowment for International Peace, Council on Foreign Relations, Chicago Policy Review. Der Artikel wurde am 01.04.2026 veröffentlicht
von Holger H. Hohlfeld 28. Februar 2026
Corona vor Corona? R ockefeller „Lock Step“, Event 201, ID2020 und das Netzwerk der globalen Gesundheitspolitik Kaum ein Themenfeld wird in öffentlichen Debatten so schnell emotional aufgeladen wie die Frage, ob die Corona-Pandemie in irgendeiner Form vorbereitet oder gar geplant war. Die seriöse Antwort hängt entscheidend davon ab, was mit „geplant“ gemeint ist – und genau diese begriffliche Unschärfe ist der Kern der meisten öffentlichen Fehlwahrnehmungen zu diesem Thema. War eine schwere globale Pandemie vor 2020 bereits Gegenstand umfangreicher institutioneller Vorsorgeszenarien? Ja, nachweislich und in erheblichem Umfang. Waren Quarantänemaßnahmen, Massentestungen, digitale Kontaktverfolgung, neue Impfstoffplattformen und enge staatlich-private Kooperationsmodelle bereits vor der Pandemie Gegenstand konkreter Planungsdokumente? Ebenfalls ja. Beweist diese dokumentierte Vorplanung, dass SARS-CoV-2 absichtlich erzeugt oder gezielt freigesetzt wurde, um genau diese vorbereiteten Pläne in die Tat umzusetzen? Dafür existiert, nach heutigem Stand der öffentlich zugänglichen Quellenlage, kein belastbarer Beleg. Dieser Unterschied zwischen dokumentierter institutioneller Vorbereitung einerseits und einer gezielten Verursachung des konkreten Ereignisses andererseits ist analytisch entscheidend und wird in vielen populären Darstellungen systematisch verwischt. Rockefeller – das „Lock Step“-Szenario 2010 veröffentlichte die Rockefeller Foundation gemeinsam mit dem kalifornischen Beratungsunternehmen Global Business Network (GBN) einen 54-seitigen Bericht mit dem Titel „Scenarios for the Future of Technology and International Development“, verfasst maßgeblich vom GBN-Mitgründer Peter Schwartz, einem der Pioniere der klassischen Szenarioplanung. Der Bericht entwarf, methodisch bewusst als Denkübung angelegt, vier alternative, einander ergänzende – nicht konkurrierende – Zukunftsszenarien für die Wechselwirkung von Technologie und globaler Entwicklung bis zum Jahr 2030: „Lock Step“, „Clever Together“, „Hack Attack“ und „Smart Scramble“. Das „Lock Step“-Szenario beschreibt darin eine fiktive, schwere globale Pandemie, ausgelöst durch einen hochansteckenden, mutierten Vogelgrippestamm. Im Szenariotext reagieren Regierungen mit Grenzschließungen, verpflichtenden Quarantänemaßnahmen und einer insgesamt zunehmenden staatlichen Kontrolle über das öffentliche Leben; China wird darin explizit als jenes Land beschrieben, das am konsequentesten und mit dem größten Erfolg autoritäre Eindämmungsmaßnahmen durchsetzt. Die Bevölkerung akzeptiert im Szenarioverlauf zunächst ein erhebliches Maß an zusätzlicher Überwachung und Freiheitseinschränkung im Austausch gegen Sicherheit; erst im weiteren, mehrjährigen Verlauf des fiktiven Szenarios entstehen wachsende gesellschaftliche Widerstände gegen die dauerhaft gewordene autoritäre Kontrolle. Der Bericht selbst warnt ausdrücklich, dass keines der vier Szenarien als Vorhersage zu verstehen sei, sondern als methodisches Werkzeug, um unterschiedliche mögliche Zukünfte durchzudenken. Die damalige Rockefeller-Präsidentin Judith Rodin räumte 2020 öffentlich ein, gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem zehn Jahre zuvor verfassten Szenario und dem tatsächlichen Verlauf der Corona-Pandemie wirkten im Rückblick durchaus bemerkenswert – betonte aber im selben Atemzug, es habe sich um eine methodische Denkübung und ausdrücklich nicht um eine Vorhersage gehandelt. Das ist die seriöse, quellenkritische Einordnung dieses Dokuments; unabhängige Faktenprüfungen wie Snopes haben zugleich mehrfach belegt, dass populär kursierende Versionen des Szenarios – etwa unter dem tatsächlich nicht existierenden Titel „Operation Lockstep“ – häufig um zusätzliche, im Originaldokument nicht enthaltene Details wie manipulierte Sterbeurkunden oder gezielte Fallzahlenfälschung ergänzt und damit inhaltlich verfälscht wurden. Event 201 – Oktober 2019 Am 18. Oktober 2019, rund drei Monate vor den ersten öffentlich bekannten Fällen der neuen Coronavirus-Erkrankung, fand im New Yorker Hotel Pierre eine gut dreieinhalbstündige, teils live gestreamte Tabletop-Übung namens Event 201 statt. Organisiert wurde sie gemeinsam vom Johns Hopkins Center for Health Security, dem Weltwirtschaftsforum und der Bill & Melinda Gates Foundation, vor einem Publikum von knapp 130 geladenen Gästen. Das durchgespielte Szenario behandelte den fiktiven Ausbruch eines neuartigen Coronavirus mit dem Kürzel CAPS, das im Szenario von Schweinen auf brasilianischen Farmen auf Menschen übersprang, sich zunächst unter Landarbeitern und in dicht besiedelten einkommensschwachen Stadtvierteln ausbreitete und in der fiktiven Modellrechnung binnen achtzehn Monaten weltweit rund 65 Millionen Todesopfer forderte.  Nur wenige Wochen später wurden in der chinesischen Stadt Wuhan die ersten bekannten Fälle einer tatsächlichen neuen Coronavirus-Erkrankung identifiziert. Diese zeitliche Nähe ist zweifellos bemerkenswert und hat seither zahlreiche Spekulationen ausgelöst. Mehrere Faktoren relativieren jedoch eine direkte kausale Verbindung, wie unter anderem das Johns Hopkins Center for Health Security selbst in einer offiziellen Stellungnahme sowie unabhängige Faktenprüfungen von FactCheck.org, Full Fact und Science Feedback übereinstimmend dokumentiert haben: Event 201 war ein öffentliches, im Vorfeld angekündigtes und live übertragenes Format, dessen vollständiges Material die Organisatoren selbst unmittelbar im Anschluss veröffentlichten. Das Szenario setzte in Brasilien an, nicht in China, verlief epidemiologisch in zentralen Punkten – etwa der angenommenen Übertragungskette über Schweine und der modellierten Sterblichkeitsrate – deutlich anders als die reale COVID-19-Pandemie, und Coronaviren galten unter Epidemiologen aufgrund der vorangegangenen SARS- und MERS-Ausbrüche bereits seit Jahren als naheliegender Kandidat für eine künftige Pandemie, was die Wahl des fiktiven Erregertyps weniger prophetisch als methodisch plausibel erscheinen lässt. Interessanter als der bloße Zeitpunkt sind deshalb weniger die zeitliche Koinzidenz als die konkrete Teilnehmerliste der Übung, die exemplarisch zeigt, welche institutionellen Akteure im Bereich globaler Pandemievorsorge bereits 2019 eng vernetzt zusammenarbeiteten. Unter den insgesamt fünfzehn Rollenspiel-Teilnehmern befanden sich unter anderem George F. Gao, damaliger Direter der chinesischen Gesundheitsbehörde China CDC, Stephen Redd von der amerikanischen CDC, Adrian Thomas von Johnson & Johnson, Vertreter der Impfallianz CEPI sowie weitere Repräsentanten internationaler Unternehmen, Medien- und Kommunikationsorganisationen. Auch Avril Haines nahm teil – zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr in offizieller Regierungsfunktion, sondern in ihrer Rolle an der Columbia University, nachdem sie zuvor als stellvertretende CIA-Direktorin gedient hatte und Jahre später, ab 2021, unter Präsident Biden zur Director of National Intelligence ernannt wurde. Das ist, unabhängig von jeder Verschwörungsvermutung, eine real dokumentierte und historisch bemerkenswerte Netzwerküberschneidung zwischen Gesundheitspolitik, privater Philanthropie, Pharmaindustrie und Nachrichtendiensten. Gavi Die internationale Impfstoffallianz Gavi (ursprünglich Global Alliance for Vaccines and Immunization) wurde bereits im Jahr 2000 gegründet, also zwei Jahrzehnte vor der Corona-Pandemie. Zu ihrem Gründungsnetzwerk gehörten von Beginn an die Weltgesundheitsorganisation, das UN-Kinderhilfswerk UNICEF, die Weltbank sowie, mit erheblichem finanziellem Engagement, die Bill & Melinda Gates Foundation, die zu den größten privaten Einzelgeldgebern der Organisation zählt. Gavis erklärtes Ziel war und ist die Verbesserung des Zugangs zu Impfstoffen in einkommensschwachen Ländern – eine Aufgabe, die bereits lange vor Corona eine feste institutionelle Infrastruktur mit globaler Reichweite erforderte. CEPI 2016/2017 folgte, als organisatorisch jüngeres Glied desselben Netzwerks, die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), formell im Januar 2017 beim Weltwirtschaftsforum in Davos gegründet, mit einer Startphase, die bereits im August 2016 unter Federführung der norwegischen Regierung begann. Zu den Gründungsakteuren zählten die Regierungen Norwegens und Indiens, die Bill & Melinda Gates Foundation, der britische Wellcome Trust sowie das Weltwirtschaftsforum selbst; im weiteren Verlauf traten unter anderem Japan, Deutschland und die Europäische Kommission als zusätzliche Geldgeber hinzu. Das erklärte Ziel: Impfstoffe gegen neu auftretende, kommerziell für die klassische Pharmaindustrie oft unattraktive Krankheitserreger deutlich schneller zur Marktreife zu bringen, als es reguläre Entwicklungszyklen normalerweise erlauben. Das klingt, aus heutiger Perspektive gelesen, unmittelbar nach den Erfahrungen von 2020 – entstand institutionell jedoch mehr als drei Jahre vor Ausbruch der tatsächlichen Pandemie. COVAX Während der Corona-Pandemie liefen diese bereits bestehenden, jeweils für sich genommen unspektakulären Netzwerke faktisch zusammen. Die internationale Impfstoffverteilungsinitiative COVAX, die vor allem auf einen gerechteren globalen Zugang zu COVID-19-Impfstoffen abzielte, wurde maßgeblich von genau jenen vier Organisationen getragen, die bereits seit Jahren beziehungsweise Jahrzehnten in diesem Politikfeld zusammenarbeiteten: Gavi, CEPI, die Weltgesundheitsorganisation und UNICEF. Das ist der eigentliche, strukturell interessante Befund: Das globale institutionelle Pandemiesystem musste 2020 nicht von Grund auf neu erfunden werden. Ein erheblicher Teil der organisatorischen, finanziellen und personellen Infrastruktur existierte bereits, was die außergewöhnlich schnelle globale Koordinationsfähigkeit im Frühjahr 2020 zumindest teilweise erklärt, ohne dass diese Erklärung eine gezielte Vorausplanung der Pandemie selbst voraussetzen würde. ID2020 und digitale Identität Seit spätestens 2016 arbeitete die ID2020 Alliance – ein öffentlich-privates Bündnis mit Gründungspartnern wie Microsoft, dem Beratungsunternehmen Accenture, dem Designstudio IDEO.org, der Rockefeller Foundation und, als Verbindungsglied zum Impfstoffbereich, Gavi selbst – an technischen Standards für digitale Identitätslösungen, insbesondere für die geschätzt mehr als eine Milliarde Menschen weltweit ohne jede Form offizieller Identitätsdokumente. Bereits im September 2019, also noch vor Event 201 und lange vor Ausbruch der Pandemie, kündigte ID2020 gemeinsam mit der Regierung Bangladeschs und Gavi ein konkretes Pilotprojekt an, das bestehende Impf- und Geburtsregistrierungssysteme nutzen sollte, um Neugeborenen eine dauerhafte, biometrisch verknüpfte digitale Identität zu verschaffen. Während der Pandemie entstand 2021 zusätzlich die Good Health Pass Collaborative, an der nach eigenen Angaben von ID2020 mehr als 125 Organisationen aus Gesundheitswesen, Technologiebranche und Reiseindustrie beteiligt waren und die sich mit der technischen Interoperabilität digitaler Gesundheitsnachweise – etwa Impfzertifikaten – befasste. Auch hier gilt dieselbe methodische Sorgfaltspflicht wie beim gesamten Themenfeld: Digitale Identität als politisches und technisches Anliegen existierte bereits Jahre vor Corona als eigenständiges Politikfeld mit eigener institutioneller Infrastruktur. Digitale Gesundheitsnachweise wurden während der Pandemie erkennbar auf diese bereits vorhandene technische und organisatorische Basis aufgesetzt. Das beweist nicht automatisch, dass die Pandemie erzeugt oder instrumentalisiert wurde, um digitale Identitätssysteme einzuführen. Es zeigt aber sehr konkret, wie bereits bestehende technologische und organisatorische Projekte in einer akuten Krisensituation binnen weniger Monate eine politische Dringlichkeit und Reichweite gewinnen können, die ihnen zuvor jahrelang verwehrt geblieben war. Rockefeller 2020: Testen, Tracing, Daten Im April 2020, nach Ausbruch der Pandemie und nicht davor, veröffentlichte die Rockefeller Foundation einen nationalen amerikanischen Aktionsplan zum Ausbau von COVID-Tests und Kontaktverfolgung. Vorgeschlagen wurden darin unter anderem ein massiver Ausbau der Testkapazitäten, ein umfassendes Contact-Tracing-System, der Aufbau eines eigens zu schaffenden „Gesundheitskorps“ zur Unterstützung der Nachverfolgung, eine neue digitale Dateninfrastruktur sowie ein sogenannter „Data Commons“-Ansatz zur zentralisierten Zusammenführung gesundheitsbezogener Informationen über verschiedene Institutionen hinweg. Dass diese Veröffentlichung zeitlich erst nach dem tatsächlichen Ausbruch der Pandemie erfolgte, ist dabei von zentraler analytischer Bedeutung: Anders als die zuvor beschriebenen, teils Jahre älteren Vorsorgestrukturen handelte es sich hier um eine erkennbar reaktive, auf die konkrete Krisensituation zugeschnittene Politikempfehlung – kein vorab existierendes Blaupausen-Dokument. Was bleibt und nun? Die naheliegende, aber empirisch nicht hinreichend gestützte These lautet: „Event 201 beweist, dass Corona geplant wurde.“ Dafür reicht die verfügbare Beweislage, wie die vorangegangenen Abschnitte im Detail zeigen, eindeutig nicht aus – weder die zeitliche Nähe noch die inhaltlichen Übereinstimmungen mit dem „Lock Step“-Szenario oder Event 201 lassen sich in eine belastbare Kausalkette überführen, und die jeweiligen Organisationen haben ihre methodischen Vorbehalte selbst wiederholt öffentlich dokumentiert. Die analytisch deutlich stärkere und bislang nach Einschätzung vieler Beobachter unzureichend diskutierte Frage lautet stattdessen: Wie konnte ein vergleichsweise kleines, seit Jahren eng miteinander vernetztes Ökosystem aus privaten Stiftungen, internationalen Organisationen, Pharmaunternehmen, einzelnen nationalen Regierungen, Technologiekonzernen und Nichtregierungsorganisationen binnen weniger Monate einen derart bestimmenden Einfluss auf die globale Pandemiepolitik gewinnen – bei gleichzeitig vergleichsweise begrenzter direkter demokratischer Rechenschaftspflicht gegenüber der Weltbevölkerung, deren Gesundheitspolitik sie maßgeblich mitprägten? Diese Frage ist legitim, empirisch untersuchbar, und sie betrifft weniger die Ursprungsfrage der Pandemie selbst als die grundsätzlichere, weit über Corona hinausreichende Frage nach der demokratischen Legitimität privat-öffentlicher Gesundheitsgovernance im 21. Jahrhundert. Quellen (Auswahl) The Rockefeller Foundation / Global Business Network: Scenarios for the Future of Technology and International Development (Mai 2010), Volltext dokumentiert u. a. über Internet Archive Snopes.com: „Was the COVID-19 Pandemic Planned in Rockefeller's 'Operation Lockstep'?“ (Faktencheck) Johns Hopkins Center for Health Security (centerforhealthsecurity.org): offizielle Dokumentation zu Event 201, inklusive Teilnehmerliste und Szenariobeschreibung FactCheck.org, Full Fact, Science Feedback, WCNC/ABC10 (VERIFY): unabhängige Einordnungen zu Event 201 und der zeitlichen Nähe zu COVID-19 Devex, Wikipedia (englisch): Gründungsgeschichte von CEPI Tidsskrift for Den norske legeforening: „Norway and the Coalition for Epidemic Preparedness Innovation“ PR Newswire, OECD Observatory of Public Sector Innovation, Grokipedia: Gründungsgeschichte und Partnerstruktur von ID2020 sowie des Bangladesch-Pilotprojekts mit Gavi The Rockefeller Foundation: „National COVID-19 Testing & Tracing Action Plan“ (April 2020)