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Weil die Parteien so tun, als würde ihnen das Land gehören


Weil die Parteien so tun, als würde ihnen das Land gehören
Wie sich deutsche Politik von der Problemlösung zur Selbstverteidigung des politischen Systems entwickelt hat
Es gibt einen bemerkenswerten Wandel in der deutschen Politik, der sich nicht an einem einzelnen Gesetz, einer Regierung oder einer Partei festmachen lässt. Er betrifft die politische Kultur selbst.
Parteien sind längst nicht mehr nur Organisationen, die um Mehrheiten werben. Sie sind zugleich Personalreservoir, Medienakteur, Kommunikationsapparat, Interessenvermittler und Teil des staatlichen Machtgefüges. Wer Politik organisiert, Ämter besetzt und aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, entwickelt zwangsläufig ein Interesse am Erhalt des eigenen Systems. Irgendwann kann aus politischem Wettbewerb etwas anderes werden: die Verteidigung von Positionen, Netzwerken, Deutungsmacht und Besitzständen.
Dann entsteht der Eindruck, den inzwischen viele Bürger kennen: Die Parteien verhalten sich, als gehöre ihnen das Land. Nicht der Bürger steht im Mittelpunkt, sondern das politische System selbst.
Wie tief dieser Eindruck reicht, zeigen die Zahlen dieses Herbstes. Nach einer Allensbach-Umfrage vom September 2026 haben nur noch sieben Prozent der Deutschen großes Vertrauen in die Politik. In Sachsen-Anhalt erreichte die AfD am 6. September 43,8 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern scheiterte die CDU zwei Wochen später erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik an der Fünf-Prozent-Hürde eines Landtags. Dieser Text fragt, wie es dazu kommen konnte – und warum die Antwort größer ist als jede einzelne Partei.
Mitwirken, nicht besitzen: Parteien und Staat
Das Grundgesetz weist den Parteien eine zentrale, aber begrenzte Rolle zu. Nach Artikel 21 „wirken“ sie bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Das Wort ist bewusst gewählt: Die Parteien sind Mitwirkende, nicht Eigentümer dieses Prozesses. Faktisch haben sie dennoch eine herausragende Stellung erreicht, vor allem bei der Auswahl des politischen Personals – vom Gemeinderat bis zur Bundesregierung.
Die Kritik an dieser Entwicklung ist nicht neu, und sie kam nicht von den Rändern. Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte im Juni 1992 in einem Gespräch mit der Zeit, der deutsche Parteienstaat sei „machtversessen auf den Wahlsieg und machtvergessen bei der Wahrnehmung der inhaltlichen und konzeptionellen Führungsaufgabe“. Er warf den Parteien vor, ihren Verfassungsauftrag weit über das Vorgesehene ausgedehnt zu haben. Das Wort des Jahres 1992 lautete „Politikverdrossenheit“.
Die Verflechtung mit dem Staat lässt sich in Zahlen fassen. Für 2026 liegt die absolute Obergrenze der staatlichen Parteienfinanzierung bei 232.370.659 Euro, 3,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Pro Wählerstimme zahlt der Staat 1,24 Euro für die ersten vier Millionen Stimmen und 1,02 Euro für jede weitere. Die Obergrenze steigt seit 2013 automatisch mit einem eigenen „Parteien-Index“ aus Verbraucherpreisen und Tarifgehältern im öffentlichen Dienst.
Hinzu kommen die parteinahen Stiftungen. Ihr Gesamtbudget lag 2019 nach Berechnungen der Otto-Brenner-Stiftung, die das Bundesverfassungsgericht zitiert, bei 699,8 Millionen Euro; davon stammten 659,7 Millionen Euro vom Bund. Die Stiftungen vergeben unter anderem Stipendien, die nach Darstellung der AfD vor Gericht eine Schlüsselrolle für die Nachwuchsförderung der jeweiligen Partei spielen.
Wie sensibel das Thema ist, zeigte das Bundesverfassungsgericht am 22. Februar 2023. Es entschied, dass die jahrzehntelange Förderpraxis ohne eigenes Gesetz die AfD in ihrer Chancengleichheit verletzt hatte, weil deren Desiderius-Erasmus-Stiftung leer ausging. Der Bundestag reagierte mit dem Stiftungsfinanzierungsgesetz, das seit Dezember 2023 gilt. Es knüpft die Förderung unter anderem daran, dass die nahestehende Partei zum dritten Mal in Folge in Fraktionsstärke im Bundestag sitzt – eine Schwelle, die die AfD mit der Wahl 2025 erreicht hat. Die Desiderius-Erasmus-Stiftung beantragte daraufhin 2025 Fördermittel für das Jahr 2026; die Frage ist politisch wie rechtlich umstritten.
Nichts davon ist illegal, und vieles ist verfassungsrechtlich ausdrücklich zulässig. Das Bundesverfassungsgericht hält den Staat für berechtigt, aber nicht verpflichtet, Parteien zu fördern. Doch die Konstruktion hat eine Folge: Wer über die Regeln entscheidet, profitiert zugleich von ihnen.
Das Ende der großen Bindungen
Die Bundesrepublik war lange von einem überschaubaren Parteiensystem geprägt. In den 1970er-Jahren vereinten SPD,
CDU/CSU und FDP bei Bundestagswahlen mehr als 90 Prozent der Zweitstimmen. Die großen Parteien waren tief in gesellschaftlichen Milieus verankert: Gewerkschaften, Kirchen, Verbände, Unternehmen, Vereine und lokale Organisationen bildeten ein dichtes Netz zwischen Gesellschaft und Politik.
Diese Welt existiert nur noch in Resten. Die CDU hatte 1983 mehr als 734.000 Mitglieder, die SPD 1976 sogar mehr als eine Million. Ende 2021 lagen beide bei rund 384.000 beziehungsweise 394.000. Seit 1990 hat sich die Mitgliedschaft von SPD und CDU nach den Langzeitdaten des Berliner Politikwissenschaftlers Oskar Niedermayer halbiert; der Anteil der in Bundestagsparteien organisierten Bevölkerung sank von rund 3,7 auf etwa 1,7 Prozent.
Bemerkenswert ist die jüngste Bewegung. Nach der Bundestagsabstimmung über den Fünf-Punkte-Plan der Union zur Migration am 29. Januar 2025, der mit Stimmen der AfD eine Mehrheit fand, meldeten Linke und Grüne einen Ansturm neuer Mitglieder. Die Linke wuchs bis Ende 2025 auf über 123.000, die Grünen auf 184.000 Mitglieder. SPD und CDU verloren im selben Zeitraum jeweils gut zwei Prozent. Parteipolitisches Engagement ist also nicht verschwunden – es wandert.
Gleichzeitig ist das Parteiensystem zersplittert. Grüne, Linke, AfD und zuletzt das BSW haben neue Wählerschichten mobilisiert. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielten CDU und CSU zusammen 28,6 Prozent, die SPD 16,4 Prozent – die frühere Große Koalition kam gemeinsam nur noch auf 45,0 Prozent. Die AfD erreichte 20,8 Prozent, die Grünen 11,6 und die Linke 8,8 Prozent.
Die Landtagswahlen 2026 haben diese Verschiebung verschärft. In Sachsen-Anhalt wurde die AfD am 6. September mit
43,8 Prozent stärkste Kraft und verfehlte mit 39 von 83 Sitzen nur knapp die absolute Mehrheit; die CDU fiel auf 17,2 Prozent, ihr schlechtestes Ergebnis in diesem Land. Am 20. September kam die AfD in Mecklenburg-Vorpommern auf 38,2 Prozent vor der SPD mit 35,5 Prozent. Die CDU scheiterte dort mit 4,9 Prozent an der Sperrklausel. In beiden Ländern lag die Wahlbeteiligung
mit 77,8 beziehungsweise 78,1 Prozent auf Rekordniveau – von politischer Gleichgültigkeit kann keine Rede sein.
Der Wähler ist freier geworden. Und damit für die Parteien schwerer berechenbar.
Vermitteln statt entscheiden
Früher konnte eine Partei auf gewachsene Bindungen zurückgreifen. Heute muss sie Aufmerksamkeit erzeugen. Professionelle Kommunikation, Meinungsforschung, soziale Medien, Zielgruppenansprache und Personalisierung gehören zu einer modernen Demokratie. Aber sie verändern die Anreize.
Die Frage lautet dann nicht mehr nur: Welche Politik ist notwendig? Sondern zunehmend: Wie lässt sie sich vermitteln? Und am Ende: Welche Politik lässt sich vermitteln, ohne Stimmen zu verlieren?
Daraus entsteht ein struktureller Widerspruch, denn notwendige Politik ist häufig unpopulär. Eine Rentenreform ist kompliziert, eine Haushaltskonsolidierung bedeutet Einschnitte. Migrationspolitik muss humanitäre Verpflichtungen, Rechtsstaatlichkeit, Integrationsfähigkeit, Arbeits- und Wohnungsmarkt, Kommunalfinanzen und Sicherheit zugleich berücksichtigen. Kein Wahlkampfslogan löst solche Zielkonflikte.
Das Wahlplakat zeigt das Problem im Kleinen: ein Gesicht, ein Name, ein kurzer Satz, eine Farbe. Mehr passt kaum an eine Laterne. Kommunikationswissenschaftlich ist das nachvollziehbar, Plakate dienen der Mobilisierung und der Wiedererkennung. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ lautete 2017 der Slogan der CDU. Die Kampagne setzte stark auf Angela Merkel und vermied konkrete Angriffsflächen; die Wahlforschung beschreibt diese Strategie als „asymmetrische Demobilisierung“. Das ist professioneller Wahlkampf. Eine politische Auseinandersetzung ist es noch nicht.
Die Wahlprogramme schließen diese Lücke nicht. Die Universität Hohenheim misst seit Jahren deren formale Verständlichkeit auf einer Skala von 0 bis 20. Zur Bundestagswahl 2025 erreichten die Programme im Schnitt 7,3 Punkte – besser als 2021 mit
5,6 Punkten, aber weiterhin schwer verständlich. Am besten schnitt die Union mit 10,5 Punkten ab, am schlechtesten die AfD mit 5,1 Punkten. Die Forscher bemängelten unter anderem Sätze mit bis zu 69 Wörtern und Wortungetüme wie „Telekommunikationsnetzausbaubeschleunigungsgesetz“. Zum Vergleich: Haushaltsreden im Bundestag erreichen rund 15 Punkte. Das Ergebnis ist paradox. Auf dem Plakat wird Politik zu simpel, im Programm zu kompliziert. Dazwischen steht der Bürger.
Der Politiker als Produkt seiner Karriere
Ohne Parteibuch sind die meisten Mandate und Spitzenämter kaum erreichbar. Politische Karrieren beginnen häufig in der Kommune oder in der Parteiorganisation und führen von dort über Landtag und Bundestag in Regierungsämter. Politische Erfahrung ist wertvoll. Problematisch wird es dort, wo sie mit allgemeiner Führungskompetenz verwechselt wird.
Das Peter-Prinzip – die These, dass Menschen in Hierarchien so lange befördert werden, bis sie eine Position erreichen, für die sie nicht mehr geeignet sind – stammt nicht aus der Politikwissenschaft. Als Denkmodell ist es dennoch aufschlussreich. Ein guter Parteifunktionär ist nicht automatisch ein guter Wirtschaftsminister, ein erfolgreicher Kommunalpolitiker nicht zwangsläufig in der Lage, ein Bundesministerium mit Tausenden Beschäftigten zu führen.
Niemand kann in jedem Sachgebiet Fachmann sein, das verlangt auch niemand. Das Problem beginnt, wenn ein System fachliche Kompetenz nicht mehr ausreichend ergänzt und Loyalität, Kommunikationsgeschick und innerparteiliche Durchsetzungsfähigkeit zum entscheidenden Karrierekapital werden.
Die Zusammensetzung des 2025 gewählten Bundestags zeigt, woher das Personal kommt. Nach der Statistik der Bundeswahlleiterin entfallen 459 der 630 Abgeordneten, also 73 Prozent, auf den Berufsbereich „Unternehmensorganisation, Recht, Verwaltung“. Aus Rohstoffgewinnungs-, Produktions- und Fertigungsberufen kommen 20 Abgeordnete, aus kaufmännischen Dienstleistungen, Vertrieb und Tourismus 16.
Noch deutlicher wird das Bild in der Auswertung von Kürschners Politikkontakte (Stand Mai 2025). Danach waren 179 Abgeordnete zuvor im öffentlichen Dienst tätig und 124 bei politischen oder gesellschaftlichen Organisationen beziehungsweise als Mitarbeiter von Abgeordneten. Als Selbstständige aus der Wirtschaft wurden 27 Abgeordnete erfasst.
Das ist keine Anklage gegen Juristen oder Verwaltungsfachleute. Es ist eine Frage der Repräsentation: Wie viele Menschen im politischen Betrieb haben über Jahre Unternehmen aufgebaut, Arbeitsplätze geschaffen, Investitionen verantwortet oder außerhalb politischer Organisationen große Verantwortung getragen? Eine Demokratie braucht keine Unternehmerregierung. Aber sie braucht Politiker, die die Realität außerhalb des politischen Betriebs kennen.
Die Brandmauer und ihre Grenzen
Eine Demokratie lebt vom Wettbewerb unterschiedlicher Vorstellungen. Der politische Gegner ist kein Betriebsunfall, sondern Bestandteil des Systems. Mit dem Aufstieg der AfD hat sich diese Logik verändert. Die übrigen Parteien müssen nicht nur ihre Positionen bekämpfen, sondern entscheiden, wie sie mit einer Partei umgehen, die bei der Bundestagswahl 2025 zweitstärkste Kraft wurde und in Umfragen Anfang 2026 bundesweit bei 24 bis 25 Prozent lag.
Die Antwort der Union ist die sogenannte Brandmauer. Ihr Fundament ist ein Beschluss des CDU-Parteitags vom 8. Dezember 2018 in Hamburg: Die Partei lehnt Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit sowohl mit der AfD als auch mit der Linken ab. Präsidium und Bundesvorstand bekräftigten dies am 24. Juni 2019 nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, das Präsidium erneut am 7. Februar 2020 nach der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen. Wie brüchig die Linie im Alltag ist, zeigte der 29. Januar 2025: Ein Antrag der Union zur Migrationspolitik fand im Bundestag eine Mehrheit mit den Stimmen der AfD und löste bundesweite Proteste aus.
Parallel läuft die rechtliche Auseinandersetzung. Am 2. Mai 2025 stufte das Bundesamt für Verfassungsschutz die gesamte AfD als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ ein. Die Partei klagte. Am 26. Februar 2026 untersagte das Verwaltungsgericht Köln dem Amt im Eilverfahren vorläufig, diese Einstufung anzuwenden oder zu verbreiten, bis in der Hauptsache entschieden ist. Das Gericht sah zwar hinreichende Gewissheit, dass innerhalb der AfD Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verfolgt werden, und hielt das in der Partei vorherrschende ethnisch-abstammungsmäßige Volksverständnis für unvereinbar mit ihr. Diese Bestrebungen prägten das Gesamtbild der Partei nach der im Eilverfahren möglichen Prüfung aber derzeit nicht. Die Entscheidung kann vor dem Oberverwaltungsgericht Münster angefochten werden. In Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg stufen die Landesämter die jeweiligen Landesverbände weiterhin als gesichert rechtsextremistisch ein; in Sachsen-Anhalt und Brandenburg klagen diese dagegen.
Was die Brandmauer praktisch bedeutet, zeigt Sachsen-Anhalt. Nach der Wahl vom 6. September wäre eine Regierung ohne die AfD rechnerisch nur möglich, wenn CDU, SPD, Grüne, Linke und BSW zusammenarbeiten. Die CDU hat eine Koalition mit der Linken jedoch per Parteitagsbeschluss ebenso ausgeschlossen wie mit der AfD. Das BSW lehnte eine Koalition mit der AfD ab, zeigte sich aber offen für Zusammenarbeit in Sachfragen. Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) kündigte im Deutschlandfunk an, sich an einer „Brandmauer-Koalition“ nicht zu beteiligen. Im dritten Wahlgang genügt im Magdeburger Landtag die einfache Mehrheit für die Wahl des Regierungschefs. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen verfügen SPD, Linke und Grüne gemeinsam über 39 der 71 Sitze; dort stellt sich die Frage vorerst nicht.
Die Brandmauer ist politisch umstritten, und beide Seiten haben ernsthafte Argumente. Ihre Befürworter halten eine klare Grenze für geboten gegenüber einer Partei, deren Teile sie als extremistisch und demokratiegefährdend ansehen; sie verweisen auf Einschätzungen der Verfassungsschutzbehörden und darauf, dass Zusammenarbeit eine solche Partei normalisiere. Kritiker halten dagegen, dass der kategorische Ausschluss einer Partei, die in zwei Ländern mehr als ein Drittel der Stimmen erhält, die Repräsentation ihrer Wähler faktisch beschränkt, instabile Mehrheiten erzwingt und der AfD die Rolle des einzigen Gegenpols zu allen anderen zuspielt.
Die eigentliche demokratische Frage lautet deshalb nicht: Darf man die AfD mögen? Sondern: Wie geht eine parlamentarische Demokratie mit einer Partei um, die von Millionen Bürgern gewählt wird und deren Positionen teilweise fundamental abgelehnt werden? Darauf braucht es eine institutionell überzeugende Antwort. Denn eines darf nicht passieren: dass nicht mehr zwischen der Ablehnung einer Partei und der Missachtung ihrer Wähler unterschieden wird.
Symptom, nicht Ursache: das Beispiel Migration
Hier biegt die Debatte häufig falsch ab. Die AfD ist nicht die Ursache aller Probleme des Parteiensystems, sie ist auch ein Symptom. Ihre Stärke lässt sich nicht allein mit ihrer eigenen Politik erklären. Sie profitiert dort, wo andere Parteien Themen nicht überzeugend beantworten. Die Migration ist dafür das deutlichste Beispiel.
Deutschland hat zwei reale Herausforderungen zugleich: eine alternde Bevölkerung und einen wachsenden Bedarf an Arbeitskräften. 2024 lebten 51,2 Millionen Menschen im Erwerbsalter zwischen 20 und 66 Jahren im Land. Nach der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts vom Dezember 2025 sinkt diese Zahl bis 2035 je nach Zuwanderung um 3,2 bis 4,9 Millionen. Ohne Nettozuwanderung wären es rund 6,2 Millionen. Um den Rückgang vollständig auszugleichen, müssten bis 2035 per Saldo jährlich etwa 570.000 Menschen im Erwerbsalter zuwandern. Schon 2035 wird jede vierte Person 67 Jahre oder älter sein.
Migration ist also wirtschaftlich relevant. Daraus folgt aber nicht, dass jede Form von Migration arbeitsmarktpolitisch sinnvoll ist. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat die 2015 eingereisten Schutzsuchenden über ein Jahrzehnt verfolgt. Ihre Beschäftigungsquote stieg von unter zehn Prozent im ersten Jahr auf 64 Prozent neun Jahre nach dem Zuzug; in der Gesamtbevölkerung lag sie 2024 bei 70 Prozent. Hinter dem Durchschnitt stehen große Unterschiede: 76 Prozent bei Männern, 35 Prozent bei Frauen. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt lag die Quote fünf bis neun Jahre nach Zuzug bei 49 Prozent, in Baden-Württemberg bei 66 Prozent. Die Verdienste der Vollzeitbeschäftigten erreichten rund 70 Prozent des mittleren Verdienstes, knapp über der Niedriglohnschwelle. 34 Prozent der 2015 Zugezogenen bezogen weiterhin Leistungen.
Das IAB nennt auch, was die Integration bremst: lange Asylverfahren, unsichere Bleibeperspektiven, Beschäftigungsverbote in der ersten Zeit, Wohnsitzauflagen und eingeschränkter Zugang zu bestimmten Berufen. Das sind politische Stellschrauben, keine Naturgesetze.
Genau hier wäre seriöse Politik gefragt. Welche Migration braucht Deutschland, und welche Qualifikationen fehlen? Wie schnell lassen sich Anerkennung, Sprache und Ausbildung organisieren? Wie werden Asylverfahren beschleunigt und Ausreisepflichten tatsächlich durchgesetzt? Was können Kommunen finanziell und organisatorisch leisten? Das sind konkrete Fragen mit messbaren Antworten.
Stattdessen wird die Debatte oft moralisch aufgeladen. Dann stehen sich keine Konzepte mehr gegenüber, sondern Etiketten: „humanitär“ gegen „unmenschlich“, „weltoffen“ gegen „rechts“, „Haltung“ gegen „Populismus“. Das Problem wird damit nicht gelöst. Es wird politisch markiert.
Energiepolitik: Wenn ein Ziel zum System wird
Ähnlich zeigt sich das Problem in der Energiepolitik. Klimaschutz ist kein ideologischer Sonderwunsch, sondern verfassungsrechtlich verankert. Das Bundesverfassungsgericht stellte im März 2021 fest, dass Artikel 20a des Grundgesetzes den Staat zum Klimaschutz verpflichtet. Zugleich hielt es fest, dass der Klimaschutz keinen absoluten Vorrang vor anderen Verfassungsgütern genießt, sondern mit ihnen in Ausgleich gebracht werden muss.
Der zweite Teil ist der entscheidende. Deutschland braucht Klimaschutz, aber ebenso bezahlbare Energie, Versorgungssicherheit, leistungsfähige Netze und Speicher, industrielle Wettbewerbsfähigkeit, Investitionssicherheit und technologische Offenheit. Politik muss diese Ziele verbinden, nicht gegeneinander ausspielen.
Wie weit Anspruch und Umsetzung auseinanderliegen, beschrieb der Bundesrechnungshof im März 2024 in einem Sonderbericht. Sein Präsident Kay Scheller zog die Bilanz, die Bundesregierung sei bei der Stromversorgung nicht auf Kurs.
Der Netzausbau lag nach dem Bericht sieben Jahre und 6.000 Kilometer hinter der Planung. Allein für die Stromnetze seien bis 2045 Investitionen von mehr als 460 Milliarden Euro nötig, mehr als viermal so viel wie von 2007 bis 2023. Bei der Windenergie an Land konnte 2023 nur rund die Hälfte der geplanten Leistung vergeben werden. Die Prüfer forderten, die Systemkosten der Energiewende offen zu benennen und zu definieren, was die Regierung unter bezahlbarem Strom versteht. Das damals zuständige Wirtschaftsministerium wies die Kritik zurück.
Die Belastung ist keine historische Momentaufnahme. Private Haushalte zahlten im zweiten Halbjahr 2025 laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich 40,55 Cent je Kilowattstunde Strom. Das war zwar 1,6 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, aber
noch immer 23,4 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2021, vor dem russischen Angriff auf die Ukraine.
Die Schlussfolgerung lautet nicht automatisch: Energiewende falsch. Sie lautet: Eine Energiewende muss als Gesamtsystem funktionieren. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Wenn Haltung die Prüfung ersetzt
Vielleicht ist das die größte Schwäche moderner Politik: Sie betrachtet Probleme zunehmend einzeln. Ein Gesetz löst ein Problem, eine Förderung ein anderes, eine Kampagne ein drittes. Doch Gesellschaft funktioniert nicht in Ressorts. Energiepolitik beeinflusst die Industrie, die Industrie die Arbeitsplätze, Arbeitsplätze die Steuereinnahmen und diese die Sozialausgaben. Demografie bestimmt die Rente. Migration wirkt auf Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Bildung und Kommunalfinanzen. Wohnungsmangel treibt die Mieten, Mieten die Löhne, Löhne die Wettbewerbsfähigkeit.
Politik, die diese Zusammenhänge nicht berücksichtigt, kann in jedem einzelnen Ressort vernünftig aussehen und als Gesamtsystem trotzdem scheitern. Das ist keine Frage von links oder rechts, sondern von Regierungsfähigkeit.
Noch schwieriger wird es, wenn Haltung zum Ersatz für empirische Prüfung wird. Eine demokratische Gesellschaft braucht Werte: Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Rechtsstaatlichkeit, Verantwortung für kommende Generationen. Aber Werte beantworten nicht, wie ein konkretes Problem gelöst wird. „Wir müssen klimaneutral werden“ ist ein Ziel, noch keine Energiepolitik. „Wir müssen Menschen in Not helfen“ ist ein Grundsatz, noch keine Migrationspolitik. „Wir müssen soziale Gerechtigkeit schaffen“ ist ein Wert, noch keine Rentenreform. „Wir müssen Deutschland modernisieren“ ist ein Anspruch, noch kein Konzept für Infrastruktur, Digitalisierung oder Verwaltung.
Politik beginnt dort, wo aus einem Wert eine überprüfbare Entscheidung wird. An diesem Punkt muss sie sich messen
lassen – nicht an der moralischen Reinheit ihrer Absicht, sondern an ihren Ergebnissen.
Dabei hat sich eine eigene Sprache entwickelt. Man spricht von Haltung, von Zeichen, von klaren Grenzen, von der richtigen Seite. Das kann legitim sein, macht Entscheidungen aber nicht automatisch richtig. Eine Regierung kann eine gute Absicht
haben und trotzdem schlechte Politik machen. Eine Partei kann eine überzeugende moralische Begründung liefern und die ökonomischen Nebenwirkungen unterschätzen. Und ein politischer Gegner kann eine falsche Forderung vertreten und trotzdem ein reales Problem benennen.
Nicht jede richtige Frage kommt von der richtigen Partei. Und nicht jede falsche Antwort macht die Frage überflüssig. Gerade im Umgang mit der AfD scheint das häufig verloren zu gehen. Greift sie ein Thema auf, wird reflexhaft zuerst die Partei bewertet und erst danach das Problem. Die Reihenfolge müsste umgekehrt sein: Ist das Problem real? Welche Ursachen hat es? Welche Lösungen wirken? Und erst danach: Welche Partei vertritt welche Lösung?
Misstrauen gegenüber der Praxis, nicht gegenüber der Demokratie
Wie weit sich Bürger und Parteien voneinander entfernt haben, zeigen aktuelle Umfragen. Im Standard-Eurobarometer der
EU-Kommission vom Herbst 2024 gaben rund 32 Prozent der Deutschen an, den politischen Parteien eher zu vertrauen;
rund 66 Prozent vertrauten ihnen eher nicht.
Noch deutlicher fällt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus,
erhoben vom 4. bis 16. September 2026 unter 1.051 Personen. Nur sieben Prozent haben danach großes Vertrauen in die Politik, 53 Prozent nur begrenztes. Auf die Frage, wie sehr sie darauf vertrauen, dass die Politik die Probleme in den Griff bekommt, antworteten 32 Prozent mit „gar nicht“.
Bemerkenswert ist, was die Umfrage nicht zeigt: eine generelle Abkehr von der Demokratie. Zwei Drittel der Bevölkerung
halten sie weiterhin für die beste Staatsform; mit der demokratischen Grundordnung unzufrieden ist nur eine Minderheit.
Anders unter den Anhängern der AfD: Von ihnen halten nur 37 Prozent die Demokratie für die beste Staatsform, 73 Prozent sehen im bestehenden System eine Scheindemokratie ohne echte Mitsprache, 83 Prozent wollen es grundlegend verändern. Diese Haltung ist laut Allensbach in Ostdeutschland und in schwächeren sozialen Schichten überdurchschnittlich verbreitet.
Die Mehrheit der Bürger misstraut also nicht der Demokratie, sondern der Art, wie sie betrieben wird. Das ist die eigentliche Warnung an alle Parteien: Wer dieses Misstrauen allein den Rändern zuschreibt, übersieht, dass es längst in der Mitte angekommen ist.
Der Staat gehört keiner Partei
Das eigentliche Problem ist größer als die AfD. Es betrifft das Verhältnis zwischen Parteien und Staat. Parteien sind für die Demokratie unverzichtbar. Aber sie sind nicht der Staat, sie sind nicht das Land, und sie besitzen die Bürger nicht.
Der Staat gehört weder der Union noch der SPD, weder den Grünen noch der Linken, weder der AfD noch einer künftigen Partei. Er gehört auch nicht denjenigen, die gerade regieren. Er gehört der Verfassungsordnung und den Bürgern, die sie tragen.
Das Grundgesetz hat diese Balance bewusst angelegt. Parteien sollen gesellschaftliche Interessen bündeln und politische Alternativen anbieten. Es ist nicht ihre Aufgabe, Konkurrenz dauerhaft aus dem Wettbewerb zu entfernen. Umgekehrt hat keine Oppositionspartei Anspruch darauf, recht zu haben, nur weil sie die anderen kritisiert.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Politik konservativer, liberaler, grüner, sozialdemokratischer oder rechter werden soll. Sie lautet: Funktioniert das Land? Funktionieren Verwaltung, Infrastruktur, Energieversorgung und Bildungssystem? Funktionieren Wohnungsmarkt, Einwanderungspolitik und Abschiebungen, Rente, Staatshaushalt und Digitalisierung? Und wenn etwas nicht funktioniert: Wer übernimmt Verantwortung? Nicht in Form einer Pressekonferenz, eines neuen Arbeitskreises oder des Hinweises auf die Vorgängerregierung. Sondern Verantwortung für das Ergebnis.
Politik wird immer professioneller organisiert und zugleich immer weniger als offener Wettbewerb um die beste Lösung verstanden. Parteien bauen Kommunikationsstrategien, definieren rote Linien, verteidigen Koalitionen, schützen ihre Marke und bekämpfen Konkurrenz. Währenddessen warten draußen die Probleme. Eine marode Brücke interessiert sich nicht für Parteiprogramme. Ein fehlender Hausarzt nicht für Haltung. Ein hoher Strompreis nicht für politische Moral. Ein Rentner kann von einer guten Absicht keine Rechnung bezahlen, ein Unternehmer von einem moralischen Anspruch keinen Arbeitsplatz finanzieren, und ein junger Mensch kann von einem Wahlplakat keine Wohnung bauen.
Politik muss wieder an dem gemessen werden, was sie bewirkt. Nicht daran, wie überzeugend sie ihre moralische Position formuliert, wie geschickt sie Gegner etikettiert oder wie erfolgreich sie ihre eigene Macht organisiert.
Demokratie bedeutet Wettbewerb: um bessere Argumente, bessere Konzepte, bessere Ergebnisse – und manchmal zwischen unbequemen Fragen und unbequemen Antworten. Das ist anstrengender als eine Brandmauer, ein Wahlplakat oder ein moralisches Etikett. Aber genau dafür gibt es sie.
Weizsäckers Befund von 1992 ist mehr als drei Jahrzehnte alt. Dass er heute aktueller klingt als damals, sollte allen Parteien zu denken geben. Denn am Ende gehört das Land nicht den Parteien. Es gehört den Menschen, die in ihm leben. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Politik sich an ihren Auftrag erinnert: Nicht das Land zu besitzen. Sondern ihm zu dienen.































