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Full-Spectrum Dominance: Die US-Strategie nach dem Kalten Krieg und ihre Folgen


Full-Spectrum Dominance:
Die US-Strategie nach dem Kalten Krieg und ihre Folgen
Die von Ihnen angesprochene Entwicklung bezieht sich vor allem auf drei miteinander verbundene Dokumente bzw. Debatten:
- „Joint Vision 2020“ des US-Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2000 mit dem Ziel der „Full-Spectrum Dominance“.
- „Rebuilding America's Defenses“ des neokonservativen Think-Tanks Project for the New American Century (PNAC), ebenfalls von September 2000.
- Die National Security Strategy der USA von September 2002, die als Bush-Doktrin bekannt wurde und wesentliche Elemente dieser vorherigen strategischen Debatten in die offizielle Regierungspolitik überführte.
Die häufig erwähnte „Sieben-Länder-“ oder „Sieben-Kriege-in-fünf-Jahren“-Aussage stammt jedoch nicht aus dem PNAC-Bericht von 2000 und ist auch kein nachgewiesener offizieller Bestandteil der US-Nationalen Sicherheitsstrategie. Sie geht hauptsächlich auf eine spätere Aussage des ehemaligen NATO-Oberbefehlshabers Wesley Clark zurück, der von einem Pentagon-Memorandum nach den Anschlägen vom 11. September 2001 berichtete. Für die Existenz und den genauen Inhalt dieses Memorandums gibt es öffentlich keinen unabhängig bestätigten Primärbeleg.
Diese erweiterte Fassung ergänzt den ursprünglichen Bericht um drei Aspekte: erstens, wie der 11. September 2001 die vorbereitete Doktrin politisch erst durchsetzbar machte; zweitens, was diese Geopolitik für die betroffenen Länder in Wirtschaft, staatlicher Ordnung und Menschenleben tatsächlich bedeutete; drittens, wie der Westen dieselben völkerrechtlichen Maßstäbe, die er gegenüber Russland in der Ukraine anlegt, bei eigenen Kriegen häufig nicht an sich selbst angelegt hat – und wie Politik und Medien mit dieser Diskrepanz umgehen.
Der geopolitische Hintergrund
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 endete die bipolare Weltordnung. Die USA waren wirtschaftlich, technologisch und militärisch die mit Abstand stärkste Macht. In Washington entstand deshalb die strategische Frage, wie diese außergewöhnliche Stellung dauerhaft erhalten werden konnte.
Die zentrale Überlegung lautete nicht zwingend, die USA müssten ständig neue Kriege beginnen. Vielmehr ging es darum,
- keinen gleichwertigen strategischen Rivalen entstehen zu lassen,
- die weltweite militärische Bewegungsfreiheit zu bewahren,
- wichtige Regionen und Handelswege abzusichern,
- die technologische Überlegenheit der US-Streitkräfte auszubauen,
- potenzielle Gegner frühzeitig abzuschrecken oder notfalls präventiv zu bekämpfen.
Eine zeitgenössische Analyse des österreichischen Verteidigungsministeriums fasste die Leitidee der späteren Bush-Doktrin mit den Begriffen militärische Dominanz und Prävention zusammen. Zugleich wies sie darauf hin, dass diese Entwicklung bereits vor George W. Bush begonnen hatte und nicht erst 2001 entstanden war.
„Joint Vision 2020“ und Full-Spectrum Dominance
Das US-Verteidigungsministerium veröffentlichte im Jahr 2000 die strategische Leitvision „Joint Vision 2020“. Verantwortlich für das Dokument war General Henry Hugh Shelton, damals Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff (der höchste ranghabende Militär der USA unterhalb der politischen Führung), der es am 30. Mai 2000 unterzeichnete und der Öffentlichkeit vorstellte.
Es handelte sich nicht um das Werk einer einzelnen Person, sondern um ein institutionelles Planungsdokument des Generalstabs, das die vorherige Fassung „Joint Vision 2010“ ablöste. Ihr Kernbegriff war „Full-Spectrum Dominance“, also die Fähigkeit, in allen wesentlichen militärischen Bereichen überlegen zu sein:
- zu Land,
- zur See,
- in der Luft,
- im Weltraum,
- später zunehmend auch im Cyberraum.
Das Dokument zielte auf die Fähigkeit, weltweit schnell militärische Macht einzusetzen. Die USA sollten ihre Überlegenheit nicht nur gegenüber konkreten Feinden, sondern auch gegenüber potenziellen zukünftigen Konkurrenten bewahren.
„Joint Vision 2020“ war ein offizielles militärisches Planungsdokument, aber kein Kriegsplan mit einer Liste von sieben Staaten. Es beschrieb Fähigkeiten, Organisationsformen und technologische Prioritäten der US-Streitkräfte. Die verbreitete Aussage, dieses Dokument habe sieben konkrete Kriege geplant, lässt sich daraus nicht ableiten.
Der PNAC-Bericht von 2000
Das Project for the New American Century, kurz PNAC, wurde 1997 von neokonservativen Politikern und Publizisten gegründet. Zu den bekannten Mitgliedern und Unterstützern gehörten unter anderem William Kristol, Robert Kagan, Donald Rumsfeld,
Paul Wolfowitz, Richard Perle und Lewis „Scooter“ Libby.
3.1 Federführende Personen und Institutionen
Gründer und Leitung des PNAC. Das PNAC wurde im Frühjahr 1997 von William Kristol (Chefredakteur der Zeitschrift „The Weekly Standard“, zuvor Stabschef von Vizepräsident Dan Quayle) und Robert Kagan gegründet. Kristol fungierte als Vorsitzender („Chairman“) der Organisation. Als Direktoren des als Ableger des „New Citizenship Project“ geführten Think Tanks fungierten neben Kagan auch Devon Gaffney Cross, Bruce P. Jackson und John R. Bolton, der spätere UN-Botschafter unter Präsident Bush. Die operative Leitung als Executive Directors übernahmen im Zeitverlauf die Sicherheitsexperten Gary Schmitt, Eliot A. Cohen und Thomas Donnelly, der später vom Rüstungskonzern Lockheed Martin beschäftigt wurde.
Verfasser des Berichts „Rebuilding America's Defenses“ (2000). Als Projekt-Ko-Vorsitzende („Project Co-Chairmen“) zeichneten Donald Kagan (Historiker, Vater von Robert Kagan) und Gary Schmitt verantwortlich; als Hauptautor („Principal Author“) wird im Bericht selbst Thomas Donnelly genannt. Der Bericht listet zusätzlich 27 weitere Mitwirkende und Teilnehmer an den zugrunde liegenden Arbeitssitzungen auf, von denen mehrere später hohe Ämter in der Bush-Regierung übernahmen.
Die 25 Unterzeichner des „Statement of Principles“ von 1997. Das Gründungsdokument des PNAC vom 3. Juni 1997 trägt die Unterschriften von: Elliott Abrams, Gary Bauer, William J. Bennett, Jeb Bush, Dick Cheney, Eliot A. Cohen, Midge Decter, Paula Dobriansky, Steve Forbes, Aaron Friedberg, Francis Fukuyama, Frank Gaffney, Fred C. Iklé, Donald Kagan, Zalmay Khalilzad,
I. Lewis „Scooter“ Libby, Norman Podhoretz, Dan Quayle, Peter W. Rodman, Stephen P. Rosen, Henry S. Rowen, Donald Rumsfeld, Vin Weber, George Weigel und Paul Wolfowitz.
Von diesen 25 Unterzeichnern übernahmen mindestens zehn nach Amtsantritt von Präsident George W. Bush 2001 zentrale Regierungsposten, darunter:
- Dick Cheney – Vizepräsident der Vereinigten Staaten (2001–2009)
- Donald Rumsfeld – Verteidigungsminister (2001–2006)
- Paul Wolfowitz – Stellvertretender Verteidigungsminister (2001–2005)
- I. Lewis „Scooter“ Libby – Stabschef des Vizepräsidenten (2001–2005)
- Zalmay Khalilzad – US-Botschafter in Afghanistan, im Irak und bei den Vereinten Nationen (2003–2009)
- Elliott Abrams – Sonderassistent des Präsidenten und Senior Director im Nationalen Sicherheitsrat, später Nationaler Sicherheitsberater für den Nahen Osten
- Peter W. Rodman – Assistant Secretary of Defense for International Security Affairs
- Paula Dobriansky – Unterstaatssekretärin im Außenministerium
- Jeb Bush – zu dieser Zeit Gouverneur von Florida
Weitere Unterzeichner der ergänzenden PNAC-Briefe (unter anderem der Irak-Briefe von 1998) und Mitwirkende am Bericht von 2000, die ebenfalls Regierungsämter übernahmen, waren etwa Richard Perle (Vorsitzender des Defense Policy Board),
Dov S. Zakheim (Rechnungsprüfer des Pentagons/Comptroller) und David Wurmser (Nahost-Berater im Büro des Vizepräsidenten).
Der Think Tank war in Washington D.C. im selben Gebäude wie das mit ihm eng verbundene American Enterprise Institute ansässig und wurde 2006 aufgelöst. 2009 gründeten Kristol und Kagan mit der Foreign Policy Initiative eine Nachfolgeorganisation mit ähnlicher Ausrichtung, die bis 2017 bestand.
Im September 2000 veröffentlichte PNAC den Bericht:
Rebuilding America's Defenses: Strategy, Forces and Resources for a New Century
Der Bericht war kein offizielles Regierungsdokument, hatte aber erheblichen politischen Einfluss. Mehrere Personen aus dem PNAC-Umfeld übernahmen später hohe Positionen in der Regierung von George W. Bush.
Zentrale Aussagen des Berichts
Der Bericht argumentierte im Wesentlichen:
- Die USA befänden sich nach dem Ende des Kalten Krieges in einer einzigartig günstigen Machtposition.
- Diese Position solle langfristig erhalten und ausgebaut werden.
- Die amerikanischen Streitkräfte müssten weltweit einsatzfähig bleiben.
- Die USA müssten ihre militärische Präsenz in strategisch wichtigen Regionen aufrechterhalten.
- Technologische Überlegenheit und militärische Transformation seien entscheidend.
- Raketenabwehr, Weltraumfähigkeiten, Präzisionswaffen und globale Machtprojektion müssten ausgebaut werden.
Besonders häufig zitiert wird folgende Passage:
Der Prozess der militärischen Transformation werde wahrscheinlich langwierig sein, sofern es nicht zu einem „katastrophalen und katalysierenden Ereignis – wie einem neuen Pearl Harbor“ komme.
Diese Formulierung steht im Zusammenhang mit der Frage, wie eine umfassende militärische Modernisierung politisch und gesellschaftlich beschleunigt werden könnte. Sie ist zweifellos bemerkenswert, weil sie ein Jahr vor den Anschlägen vom
11. September 2001 veröffentlicht wurde. Daraus folgt jedoch kein belastbarer Beweis, dass PNAC die Anschläge geplant oder vorhergesehen hätte. Die Passage beschreibt im unmittelbaren Kontext vor allem ein politisches Hindernis für die militärische Transformation.
Die Bush-Doktrin von 2002
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 veröffentlichte die Bush-Regierung am 17. September 2002 ihre
National Security Strategy of the United States of America. Dieses Dokument wurde zum zentralen Ausdruck der sogenannten Bush-Doktrin.
Die offizielle Strategie verband mehrere Elemente:
- weltweite Bekämpfung terroristischer Organisationen,
- Verhinderung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen,
- Förderung von Demokratie und freien Märkten,
- Ausbau von Bündnissen und „Koalitionen der Willigen“,
- militärische Prävention beziehungsweise Präemption,
- Beibehaltung der überwältigenden US-Militärmacht.
Die Regierung erklärte, die USA dürften nicht warten, bis eine Bedrohung vollständig entstanden sei. Vielmehr müsse Washington gegen bestimmte Gefahren handeln, bevor sie sich unmittelbar materialisierten. Die offizielle Begründung bezog sich vor allem auf Terrorismus, sogenannte Schurkenstaaten, Massenvernichtungswaffen und die Gefahr einer Verbindung dieser Faktoren.
Die Strategie stellte zugleich ausdrücklich fest, dass die USA über eine beispiellose militärische Stärke und einen außergewöhnlichen politischen und wirtschaftlichen Einfluss verfügten. Diese Macht solle nach offizieller Darstellung nicht zur einseitigen Bereicherung, sondern zur Schaffung einer internationalen Ordnung genutzt werden, die Freiheit und Demokratie begünstige.
Kritiker sahen darin dagegen eine Doktrin, die der einzigen verbliebenen Supermacht ein weitreichendes Recht zur militärischen Intervention einräumte. Eine zeitgenössische Analyse des österreichischen Bundesministeriums für Landesverteidigung beschrieb die Leitprinzipien als Überlegenheit und Prävention und wies auf die völkerrechtlichen Probleme vorbeugender Militärschläge hin.
Wie der 11. September 2001 die Doktrin begünstigte
Die strategischen Grundideen – militärische Dominanz, Ablehnung gleichwertiger Rivalen, Bereitschaft zu präventivem Handeln – existierten bereits vor den Anschlägen. „Joint Vision 2020“ und der PNAC-Bericht datieren beide aus dem Jahr 2000.
Politisch waren diese Konzepte zu diesem Zeitpunkt jedoch kaum mehrheitsfähig: Eine derart weitreichende Umverteilung von Verteidigungsausgaben, eine derart offensive Neuausrichtung der Außenpolitik und die Bereitschaft, ohne unmittelbaren Anlass militärisch präventiv zu handeln, ließen sich in einer Gesellschaft ohne akutes Bedrohungsgefühl politisch kaum durchsetzen.
Genau diese Lücke schlossen die Anschläge vom 11. September 2001. Sie lieferten das, was der PNAC-Bericht selbst als Voraussetzung für eine schnelle militärische Transformation benannt hatte: ein „katastrophales und katalysierendes Ereignis“. Dadurch veränderten sich mehrere Rahmenbedingungen gleichzeitig:
- Gesellschaftliche Zustimmung. Die Bevölkerung und der Kongress akzeptierten in den Monaten nach den Anschlägen deutlich höhere Verteidigungsausgaben, weitreichende Vollmachten für den Präsidenten (etwa die „Authorization for Use of Military Force“ vom September 2001) und Eingriffe in Bürgerrechte (Patriot Act), die zuvor politisch kaum durchsetzbar gewesen wären.
- Legitimationsrahmen. Der „Krieg gegen den Terror“ bot eine flexible, kaum geografisch oder zeitlich begrenzte Rechtfertigung für Militäreinsätze, verdeckte Operationen und Drohnenprogramme in zahlreichen Ländern, ohne dass für jeden einzelnen Einsatz eine neue öffentliche Debatte über die zugrunde liegende Großstrategie nötig gewesen wäre.
- Personelle Kontinuität. Zentrale Autoren des PNAC-Berichts – darunter Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und Lewis Libby
– besetzten nach 2001 hohe Positionen in der Bush-Regierung und konnten die zuvor formulierten strategischen Vorstellungen direkt in Regierungspolitik umsetzen. - Beschleunigte Umsetzung bestehender Ziele. Ein Regimewechsel im Irak war innerhalb neokonservativer Kreise bereits vor 2001 im Gespräch – unter anderem in einem offenen Brief einiger späterer PNAC-Mitunterzeichner an Präsident Clinton 1998. Nach dem 11. September ließ sich dieses bereits bestehende Ziel in die neue, breit akzeptierte Erzählung vom „Krieg gegen den Terror“ einfügen, obwohl eine direkte operative Verbindung zwischen dem Irak unter Saddam Hussein und den Anschlägen selbst nie belastbar nachgewiesen wurde.
In diesem Sinn „begünstigten“ die Anschläge die Doktrin nicht, indem sie neue Ziele schufen, sondern indem sie ein politisches Zeitfenster öffneten, in dem bereits vorbereitete strategische Konzepte auf eine ungewöhnlich geringe gesellschaftliche und parlamentarische Widerstandsschwelle trafen. Die Bush-Doktrin von 2002 ist insofern weniger eine Reaktion allein auf den
11. September als die Verschmelzung einer älteren machtpolitischen Agenda mit der durch das Trauma des Anschlags erzeugten politischen Handlungsfreiheit.
Zweifel an der offiziellen Version: False-Flag-Thesen zum 11. September
Gerade weil die Anschläge eine derart weitreichende politische Wirkung entfalteten, entstand von Anfang an eine parallele Debatte darüber, ob die offizielle Darstellung – Planung und Ausführung durch al-Qaida unter Osama bin Laden – tatsächlich vollständig ist. Diese Debatte reicht von seriöser Kritik an einzelnen Ermittlungslücken bis zu weitreichenden „False-Flag“-Thesen, wonach Teile der US-Regierung oder verbündeter Dienste von den Anschlägen im Vorfeld wussten, sie bewusst geschehen ließen oder sogar selbst inszenierten, um die anschließende Doktrin der militärischen Prävention politisch durchsetzbar zu machen.
Prominente Beispiele für offizielle beziehungsweise öffentlich bekannte Stimmen, die die offizielle Version in Zweifel zogen, sind:
- Andreas von Bülow, ehemaliger deutscher Bundesminister (SPD) und zuvor Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, vertrat in seinem 2003 erschienenen Buch „Die CIA und der 11. September“ die These, die Anschläge seien ohne geheimdienstliche Beteiligung nicht durchführbar gewesen, und stellte offen die Verantwortung von al-Qaida infrage. Sein Buch stieß in der deutschen Fachöffentlichkeit überwiegend auf scharfe Kritik; Rezensenten bemängelten unzureichende Quellenbelege und bezeichneten seine Thesen als verschwörungstheoretisch geprägt.
- Tucker Carlson, einflussreicher US-amerikanischer Moderator und ehemaliger Fox-News-Anchor, veröffentlichte 2025 die mehrteilige Serie „The 9/11 Files“, in der er unter anderem den Einsturz von WTC 7 (das durch keinen Flugzeugeinschlag getroffen wurde), mögliches Vorwissen ausländischer Regierungen – insbesondere Israels – sowie angeblich unzureichend untersuchte Trümmerbeseitigung thematisierte. Carlson formuliert seine Zweifel überwiegend fragend („ich frage nur“) und vermeidet eine explizite Festlegung auf eine bestimmte Theorie wie die einer gezielten Sprengung, wiederholt damit aber zentrale, seit den 2000er-Jahren kursierende „Truther“-Narrative. Beobachter und Medienwissenschaftler weisen darauf hin, dass insbesondere die Behauptungen zu angeblichem israelischem Vorwissen historisch eng mit antisemitischen Verschwörungserzählungen verknüpft sind.
Diesen Zweifeln steht eine umfangreiche offizielle und wissenschaftliche Aufarbeitung gegenüber: Der Abschlussbericht der von der US-Regierung eingesetzten, parteiübergreifend besetzten „9/11 Commission“ (2004) sowie mehrere technische Untersuchungen des staatlichen Instituts NIST zum Einsturz aller drei WTC-Gebäude kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die Anschläge von al-Qaida geplant und durchgeführt wurden und dass die Gebäudeeinstürze durch die Kombination aus Flugzeugeinschlägen, Treibstoffbränden und struktureller Beschädigung beziehungsweise – im Fall von WTC 7 – durch unkontrollierte Brände infolge herabfallender Trümmer erklärbar sind. Diese Untersuchungen fanden keine Belege für eine kontrollierte Sprengung. Fachjournalistische Aufarbeitungen sowie Faktenchecks halten insbesondere die technischen Kernargumente der Sprengungsthese (etwa zur angeblich benötigten Vorbereitungszeit oder zu Sprengstoffresten) für widerlegt.
Öffentliche Zweifel an der offiziellen Version wurden und werden von einzelnen ehemaligen Amtsträgern, Publizisten und reichweitenstarken Medienfiguren geäußert. Einige tatsächliche Ungereimtheiten der offiziellen Aufarbeitung – etwa die rasche Beseitigung der Trümmer, die eine unabhängige forensische Untersuchung erschwerte – werden auch von Kritikern der False-Flag-These eingeräumt. Die weitergehende Behauptung eines gezielten „Inside Job“ der US-Regierung oder verbündeter Dienste gilt nach dem Stand der öffentlich zugänglichen Untersuchungen als nicht belegt und wird von der überwiegenden Mehrheit der mit dem Fall befassten Wissenschaftler, Ingenieure und Ermittlungsbehörden zurückgewiesen.
Die These von den „sieben Kriegen“
Die oft zitierte Liste lautet:
- Irak
- Syrien
- Libanon
- Libyen
- Somalia
- Sudan
- Iran
Diese Darstellung wurde vor allem durch den ehemaligen US-General und früheren NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark bekannt. Clark berichtete in Interviews, er habe wenige Wochen nach dem 11. September 2001 von einem Pentagon-Offizier von einem Memo erfahren, wonach sieben Länder innerhalb von fünf Jahren „ausgeschaltet“ beziehungsweise deren Regierungen gestürzt werden sollten. Die Liste habe mit dem Irak begonnen und mit Iran geendet.
Was ist daran belegt?
Belegt ist:
- Wesley Clark hat diese Geschichte öffentlich erzählt.
- Die von ihm genannte Reihenfolge und Länderliste ist vielfach dokumentiert.
- Die USA führten 2003 Krieg gegen den Irak.
- Später waren mehrere der genannten Staaten Schauplätze direkter US-Militäroperationen, Luftangriffe, verdeckter Operationen oder umfangreicher militärischer Einflussnahme.
Nicht belegt ist dagegen:
- der vollständige Originaltext des angeblichen Memos
- die Identität des Verfassers
- eine formelle Billigung durch Präsident Bush
- ein offizieller Beschluss des US-Kongresses
- die Existenz eines einheitlichen, tatsächlich umgesetzten Sieben-Kriege-Plans
- eine direkte Verbindung zwischen diesem behaupteten Memo und dem PNAC-Bericht aus dem Jahr 2000.
Was tatsächlich umgesetzt wurde
Die Realität war komplexer als ein linearer Sieben-Staaten-Plan.
Irak: 2003 US-geführte Invasion und Sturz Saddam Husseins. Die behaupteten irakischen Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden.
Syrien: Keine vollständige US-Invasion. Unterstützung bestimmter oppositioneller Kräfte, militärische Einsätze gegen den Islamischen Staat und begrenzte Angriffe gegen syrische Ziele.
Libanon: Keine US-Invasion. Einflussnahme vor allem politisch und diplomatisch; der Libanon war zugleich Schauplatz regionaler Konflikte.
Libyen: 2011 NATO-Luftkrieg mit maßgeblicher US-Beteiligung und Sturz Muammar al-Gaddafis.
Somalia: Langjährige US-Drohnenangriffe, Spezialoperationen und Unterstützung lokaler sowie afrikanischer Sicherheitskräfte.
Sudan: Sanktionen, diplomatischer und wirtschaftlicher Druck; keine US-Invasion.
Iran: Dauerhafte Sanktions-, Abschreckungs- und Einflussstrategie; kein umfassender Krieg gegen Iran.
Einige Länder wurden tatsächlich militärisch angegriffen, andere waren Gegenstand begrenzter Operationen oder politischen Drucks, während ein geplanter Regimesturz nicht stattfand. Die Entwicklung entspricht eher einer breiten US-Strategie zur Aufrechterhaltung globaler Handlungsfähigkeit und zur Eindämmung potenzieller Gegner als einem öffentlich nachgewiesenen, strikt abgearbeiteten Sieben-Kriege-Programm.
Ein wiederkehrendes Muster: verdeckte CIA-Unterstützung islamistischer Kämpfer
Neben der offiziellen, öffentlich benannten Strategie gibt es einen zweiten, gut dokumentierten Strang US-amerikanischer Politik, der die Frage nach der „Dominanzsicherung“ zusätzlich einordnet: die wiederholte verdeckte Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung islamistischer bewaffneter Gruppen durch die CIA, deren Verbindungen zu späterem internationalem Terrorismus im Nachhinein belegt sind.
Operation Cyclone (Afghanistan, 1979–1992). Ab Juli 1979 finanzierte, bewaffnete und trainierte die CIA in enger Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI afghanische Mudschaheddin im Kampf gegen die von der Sowjetunion gestützte Regierung und später gegen die sowjetischen Besatzungstruppen. Das Programm war eine der teuersten und am längsten laufenden verdeckten CIA-Operationen überhaupt; die jährlichen Mittel stiegen von 20 bis 30 Millionen
US-Dollar 1980 auf rund 630 Millionen US-Dollar 1987. Es bevorzugte gezielt islamistisch-militante Gruppen gegenüber weniger ideologisch ausgerichteten afghanischen Widerstandsgruppen. Aus diesen Netzwerken gingen später sowohl die Taliban als auch al-Qaida hervor; ein direkter persönlicher Kontakt der CIA zu Osama bin Laden ist zwar nicht belegt, doch gilt unter Historikern und selbst in CIA-nahen Darstellungen als unbestritten, dass die durch das Programm aufgebauten Strukturen, Waffenbestände und Netzwerke einen wesentlichen Beitrag zum späteren Aufstieg des internationalen Dschihadismus leisteten – ein Effekt, den Geheimdienste selbst als „Blowback“ bezeichnen.
Timber Sycamore (Syrien, 2013–2017). Im syrischen Bürgerkrieg autorisierte Präsident Obama ab 2013 ein CIA-geführtes Programm zur Bewaffnung und Ausbildung syrischer Rebellengruppen gegen die Regierung Assads, koordiniert mit Saudi-Arabien, weiteren Golfstaaten und der Türkei. Mehrere unabhängige Untersuchungen und Recherchen belegen, dass ein erheblicher Teil der gelieferten Waffen in die Hände der al-Qaida-nahen al-Nusra-Front und in der Folge auch des „Islamischen Staates“ gelangte, unter anderem weil von der CIA unterstützte Gruppen im Feld faktisch mit al-Nusra kooperierten oder personell kaum von ihr zu trennen waren. Ein im August 2012 verfasstes, später durch eine Klage der Organisation Judicial Watch freigegebenes Dokument des US-Militärgeheimdienstes DIA sagte die Möglichkeit eines „Salafistischen Fürstentums“ in Ostsyrien voraus und hielt fest, genau dies sei das Ziel der die Opposition unterstützenden Mächte – des Westens, der Golfstaaten und der Türkei –, um das syrische Regime zu isolieren.
Die Interpretation dieses DIA-Dokuments ist allerdings umstritten und sollte nicht unkritisch übernommen werden. Der frühere DIA-Direktor Michael Flynn erklärte später öffentlich, es habe sich um eine „bewusste Entscheidung“ der Obama-Regierung gehandelt, die Warnung vor dem Entstehen eines islamistischen Herrschaftsgebiets in Kauf zu nehmen. Faktenchecks etwa der Rechercheorganisation Correctiv sowie der Wikipedia zugrunde liegende akademische Aufarbeitungen kommen dagegen zu dem Schluss, dass aus dem Dokument selbst keine Absicht der US-Regierung hervorgeht, den Islamischen Staat gezielt aufzubauen oder zu unterstützen; belegt sei vielmehr, dass ein Teil der über Timber Sycamore gelieferten Waffen unbeabsichtigt – durch Diebstahl, Schmuggel und das Nebeneinanderkämpfen unterschiedlicher Gruppen im Feld – in die Hände von IS- und al-Nusra-Kämpfern gelangte, ohne dass dies nachweislich Ziel einer Anweisung Präsident Obamas oder seiner Regierung gewesen wäre.
Unabhängig davon, ob eine bewusste Förderung des Islamischen Staates vorlag oder ob es sich um billigend in Kauf genommene, aber nicht beabsichtigte Kollateraleffekte handelte, zeigen sowohl Operation Cyclone als auch Timber Sycamore ein wiederkehrendes strukturelles Muster: Die kurzfristige geopolitische Zweckmäßigkeit, einen gemeinsamen Gegner
(die Sowjetunion, das Assad-Regime) mit Hilfe islamistischer bewaffneter Gruppen zu schwächen, wurde wiederholt höher gewichtet als das langfristige Risiko, dass genau diese Gruppen zur Grundlage neuer, auch gegen die USA selbst gerichteter terroristischer Strukturen wurden.
Menschliche, wirtschaftliche und politische Folgen für die betroffenen Länder
Unabhängig davon, ob ein formeller „Sieben-Kriege-Plan“ existierte, lässt sich die tatsächliche Bilanz der Interventionen seit 2001 anhand unabhängiger Forschung nachzeichnen. Die umfassendste laufende Erhebung stammt vom
„Costs of War“-Projekt der Brown University, das seit 2010 von mehreren Dutzend Wissenschaftlern, Menschenrechtsexperten und Ärzten getragen wird.
Menschliche Opfer
- Für den Zeitraum 2001–2023 geht das Projekt von über 940.000 direkt durch Kriegsgewalt getöteten Menschen in Irak, Afghanistan, Syrien, Jemen und Pakistan aus, davon mehr als 432.000 Zivilisten. Indirekt – durch zerstörte Gesundheitssysteme, Infrastruktur und Wirtschaft – seien weitere 3,6 bis 3,8 Millionen Menschen gestorben, was eine Gesamtzahl von mindestens 4,5 bis 4,7 Millionen Toten ergibt.
- Für den engeren „Krieg gegen den Terror“ bezifferte dasselbe Projekt 2021 den direkten Tod von rund 897.000 bis 929.000 Menschen und Gesamtkosten von etwa 8 Billionen US-Dollar.
- Speziell für den Irak reichen die Schätzungen weit auseinander: Das Projekt Iraq Body Count zählte auf Basis von Medienberichten zunächst rund 22.800 bis 25.800, später bis zu 65.000 getötete Zivilisten; eine 2004 in The Lancet veröffentlichte Studie schätzte rund 100.000 Todesfälle bis dahin, eine Folgestudie von 2006 unter Leitung der Johns-Hopkins-Universität kam auf einen Mittelwert von etwa 655.000 zusätzlichen Todesfällen infolge von Krieg und Besatzung. Die britische Umfrageorganisation Opinion Research Business schätzte 2007 sogar über eine Million Tote. Die Methodik der Lancet-Studien war international umstritten, wurde aber unter anderem vom wissenschaftlichen Chefberater des britischen Verteidigungsministeriums als methodisch robust bezeichnet.
- In Libyen zerstörte der Sturz Gaddafis 2011 den libyschen Staat als funktionierende Ordnungsmacht. Nach Schätzungen des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung gelangten bis zu 700.000 Waffen aus den ehemaligen Armeebeständen in Umlauf; das Land zerfiel in konkurrierende Regierungen und Milizen, was internationale Beobachter und selbst der damalige US-Präsident Barack Obama später als eigenes Politikversagen einräumten.
- In Somalia, Sudan und dem Jemen (als Nebenschauplatz der gleichen Strategie) verstärkten Jahrzehnte an Drohnenkrieg, Sanktionen und Stellvertreterkonflikten bestehende humanitäre Krisen, ohne dass in diesen Ländern stabile staatliche Ordnungen entstanden.
Wirtschaftliche und ordnungspolitische Kosten
- Die US-Gesamtausgaben für die Kriege seit 2001 werden vom Costs-of-War-Projekt auf rund 8 Billionen US-Dollar geschätzt, einschließlich künftiger Versorgungskosten für Veteranen von über 2,2 Billionen US-Dollar bis 2050.
- In den betroffenen Ländern selbst führten die Kriege zu massiver Zerstörung von Infrastruktur, Gesundheits- und Bildungssystemen sowie zu Millionen Vertriebenen: Frühe Schätzungen aus Irak und Afghanistan allein gingen bereits 2011 von rund acht Millionen Vertriebenen aus; aktuelle Zahlen des Costs-of-War-Projekts für die Konflikte seit Oktober 2023 in Gaza, Iran, Israel, Libanon und dem Westjordanland kommen zusätzlich auf über 5,2 Millionen Vertriebene.
- In mehreren Ländern (Irak, Libyen, Somalia) begünstigte der Zusammenbruch staatlicher Strukturen das Entstehen neuer bewaffneter und terroristischer Gruppen – im Irak etwa den späteren Aufstieg des „Islamischen Staates“ –, wodurch die ursprünglich zur Terrorbekämpfung begonnenen Interventionen mittelbar zu neuen Sicherheitsproblemen beitrugen.
- Die offiziell genannten Kriegsgründe erwiesen sich mehrfach als nicht haltbar. Am folgenreichsten war dies im Irak, wo die zentrale Begründung – der Besitz von Massenvernichtungswaffen – sich nach der Invasion als unzutreffend herausstellte, was der gesamten Doktrin der militärischen Prävention international erheblich an Glaubwürdigkeit kostete.
Die häufig verwendete Rechtfertigungssprache von „Demokratieförderung“ und „Stabilisierung“ steht im Gegensatz zu den tatsächlichen Ergebnissen: In keinem der genannten Länder entstand in der Folge eine stabile, prowestlich ausgerichtete Demokratie; mehrere galten Jahre nach der jeweiligen Intervention offiziell oder faktisch als gescheiterte oder stark instabile Staaten.
Verhältnis zwischen PNAC und Bush-Regierung
Der Einfluss des PNAC war real, sollte aber nicht übertrieben oder vereinfacht dargestellt werden.
Überschneidungen
Zwischen PNAC und der Bush-Regierung bestanden deutliche personelle und inhaltliche Überschneidungen:
- Vorrang der amerikanischen militärischen Überlegenheit,
- dauerhafte globale US-Führungsrolle,
- Skepsis gegenüber einer rein defensiven Außenpolitik,
- Bereitschaft zu präventiven oder vorbeugenden Maßnahmen,
- Regimewechsel im Irak als strategisches Ziel bestimmter neokonservativer Kräfte,
- Ausbau der Streitkräfte und militärischer Technologie.
Das PNAC-Papier forderte bereits vor dem 11. September eine aktivere und langfristig angelegte US-Strategie. Nach den Terroranschlägen entstand dann ein politisches Umfeld, in dem diese Vorschläge leichter durchsetzbar waren.
Unterschiede
PNAC war jedoch:
- kein Ministerium,
- kein offizielles Organ der US-Regierung,
- nicht identisch mit dem Pentagon,
- nicht automatisch mit der gesamten republikanischen Partei gleichzusetzen,
- nicht der alleinige Urheber der US-Außenpolitik.
Die offizielle National Security Strategy von 2002 enthielt zudem auch diplomatische, wirtschaftliche, entwicklungspolitische und bündnispolitische Elemente. Sie war nicht ausschließlich ein militärisches Eroberungsprogramm. Die zentrale Kritik richtet sich allerdings zu Recht gegen die sehr weit gefasste Definition vorbeugender Selbstverteidigung und gegen die Bereitschaft, notfalls ohne breite internationale Zustimmung zu handeln.
Rechtliche und politische Kritik
Die Bush-Doktrin veränderte das traditionelle Verständnis von Abschreckung und Selbstverteidigung. Klassischerweise wurde ein militärischer Angriff als Reaktion auf eine konkrete, unmittelbar bevorstehende Gefahr verstanden. Die neue Doktrin ließ dagegen auch militärisches Handeln gegen eine vermutete zukünftige Bedrohung zu.
Das führte zu mehreren Problemen:
- Wie konkret muss eine Bedrohung sein?
- Reicht der Besitz bestimmter Technologien aus?
- Darf ein Staat ein anderes Regime stürzen, weil es möglicherweise künftig gefährlich werden könnte?
- Wer entscheidet, ob eine Bedrohung „unmittelbar“ oder nur potenziell ist?
- Was geschieht, wenn Geheimdienstinformationen falsch sind?
Der Irakkrieg von 2003 wurde zum wichtigsten Beispiel dieser Problematik. Die behaupteten irakischen Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden. Damit erlitt die zentrale Begründung der Invasion einen schweren Glaubwürdigkeitsverlust.
Kritiker sahen in der Doktrin deshalb weniger eine klassische Verteidigungsstrategie als den Versuch, die militärische Vormachtstellung der USA in eine dauerhafte globale Ordnungsfunktion umzuwandeln. Befürworter argumentierten hingegen, nach 9/11 könnten Terrornetzwerke und schwache Staaten Gefahren erzeugen, die mit traditionellen Mitteln der Abschreckung nicht ausreichend kontrolliert würden.
Die Doppelmoral des Westens: Völkerrecht als Instrument selektiver Anwendung
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 bezeichnen westliche Regierungen, Medien und Kommentatoren diesen Krieg fast einhellig und zu Recht als eklatanten und offenkundigen Bruch des völkerrechtlichen Gewaltverbots. Genau an diesem Punkt setzt eine seit Jahren geführte, zunehmend lauter werdende Kritik an: dass derselbe Maßstab an die eigenen Kriege des Westens – allen voran den Irakkrieg 2003 – öffentlich kaum in vergleichbarer Schärfe angelegt wird.
Die juristische Argumentation
Der Völkerrechtler Kai Ambos, Lehrstuhlinhaber für internationales Strafrecht in Göttingen und Richter am Kosovo-Sondertribunal, hat diese Kritik in seinem Buch „Doppelmoral – Der Westen und die Ukraine“ (2022) systematisch aufgearbeitet. Sein zentrales Argument: Der Westen wirft Russland zu Recht einen eklatanten Bruch des Gewaltverbots vor, hat sich selbst aber insbesondere bei der Irak-Invasion nicht an diese Norm gehalten – aus seiner Sicht das wichtigste Beispiel westlicher Doppelmoral im Völkerrecht der Gegenwart. Unterschiede zwischen der russischen Invasion und westlichen Kriegen wie dem Irak oder Afghanistan seien, so Ambos, bestenfalls graduell, nicht aber prinzipieller Natur.
Auch jenseits des engeren juristischen Diskurses wird dieser Befund breit geteilt. Eine Analyse der Zeitschrift „Internationale Politik“ beschreibt, wie Länder des Globalen Südens dem Westen vorwerfen, eine universalistische Rhetorik regelbasierter Ordnung zu vertreten, während die eigene Bilanz bei der Einhaltung genau dieser Prinzipien – vom Irakkrieg über Migrationsabkommen mit autoritären Regimen bis zur ungleichen Verteilung von Impfstoffen während der Pandemie – erheblich von diesem Anspruch abweicht. Seit der russischen Invasion habe sich diese Kritik verschärft, weil westliche Regierungen die Welt zunehmend binär in regelbrechende Autokratien und regeltreue Demokratien einteilten, ohne die eigene Geschichte in diese Erzählung einzubeziehen.
Wie Politik und Medien mit dieser Diskrepanz umgehen
Bemerkenswert ist weniger die Existenz der Doppelmoral selbst als der Umgang damit in öffentlicher Debatte und Berichterstattung:
- Sprachliche Asymmetrie. Der russische Angriff wird in Politik und Leitmedien konsequent als „völkerrechtswidrig“, „Angriffskrieg“ und „imperialistisch“ benannt. Der Irakkrieg 2003, dessen Völkerrechtswidrigkeit unter Fachjuristen kaum bestritten wird, wurde und wird in vergleichbaren Kontexten deutlich seltener mit derselben Begrifflichkeit belegt – häufiger ist von „Fehler“, „Intervention“ oder „umstrittenem Einsatz“ die Rede.
- Der Whataboutism-Vorwurf als Abwehrmechanismus. Wer beide Kriege nebeneinanderstellt, sieht sich in deutschen Leitmedien regelmäßig dem Vorwurf des „Whataboutism“ ausgesetzt – dem Versuch, von eigenen Verstößen durch Verweis auf fremde abzulenken. Ein Beitrag im „Tagesspiegel“ zum 20. Jahrestag des Irakkriegs macht diesen Mechanismus explizit sichtbar, hält zugleich aber fest, dass sich das „Debakel“ Irak weder abmoderieren noch verschweigen lasse. Die Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ beschreibt, dass genau dieses Muster – selektive Anwendung von Normen kombiniert mit dem Whataboutism-Vorwurf gegen jeden Vergleich – die internationale Debatte über Völkerrechtsverletzungen seit den 1990er-Jahren strukturell präge, und zwar auf beiden Seiten: bei westlichen Kommentatoren gegenüber Russland ebenso wie umgekehrt bei russischer Rechtfertigungsrhetorik.
- Folgenlosigkeit statt Aufarbeitung. Weder für den Irakkrieg noch für den völkerrechtlich ebenfalls ohne UN-Mandat geführten NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien 1999 gab es eine dem öffentlichen Umgang mit Russland vergleichbare Konsequenz – etwa in Form von Sanktionen gegen die verantwortlichen Staaten, einer vergleichbaren medialen Dauerpräsenz oder einer strafrechtlichen Aufarbeitung vor internationalen Gerichten. Die „taz“ zitiert Ambos mit der Einschätzung, gerade dieser Umstand untergrabe die Glaubwürdigkeit westlicher Forderungen nach Völkerrechtstreue erheblich, insbesondere gegenüber Staaten des Globalen Südens, die sich einer eindeutigen Verurteilung Russlands größtenteils verweigern.
- Selektive mediale Aufmerksamkeit für Kriegsfolgen. Auch die humanitären Folgen eigener Kriege werden in westlichen Leitmedien häufig zurückhaltender aufgearbeitet als die russischer oder anderer gegnerischer Kriegsführung.
Die katastrophale Entwicklung Libyens nach der NATO-Intervention 2011 – der Zerfall staatlicher Ordnung, die Verbreitung von Kleinwaffen, der spätere Aufbau offener Sklavenmärkte für Migranten – wurde in der Rückschau von Beobachtern und selbst vom damaligen US-Präsidenten Obama als Politikversagen eingeräumt, ohne dass daraus eine grundlegende öffentliche Debatte über die Legitimität ähnlicher künftiger „humanitärer“ Interventionen entstanden wäre.
Gegenargumente
Mehrere Einwände gegen die Gleichsetzung beider Fälle werden von Völkerrechtlern und Kommentatoren ebenfalls vorgebracht:
- Der Irakkrieg 2003 zielte offiziell nicht auf territoriale Annexion, während Russland ukrainische Gebiete formell annektiert hat; Kritiker der Doppelmoral-These halten dies für einen graduellen, andere für einen prinzipiellen Unterschied.
- Die NATO-Intervention in Libyen 2011 erfolgte auf Grundlage einer UN-Sicherheitsratsresolution (1973), was rechtlich einen relevanten Unterschied zu einem Angriff ohne jedes UN-Mandat darstellt – auch wenn Kritiker bemängeln, dass das Mandat zum Schutz von Zivilisten faktisch zum Regimesturz ausgeweitet wurde.
- Manche Kommentatoren warnen ausdrücklich davor, Kriege oder Kriegsverbrechen gegeneinander „aufzurechnen“, da jeder Fall eigene Tatumstände, Opferzahlen und Verantwortlichkeiten habe und ein reiner Vergleich die jeweilige individuelle Schuld verwässern könne.
Diese Einwände ändern jedoch nichts an dem von Ambos und anderen herausgearbeiteten Kernbefund: Auch unter Berücksichtigung solcher Unterschiede bleibt die Diskrepanz zwischen dem Anspruch, eine regelbasierte Völkerrechtsordnung kompromisslos zu verteidigen, und der eigenen historischen Bilanz bestehen – und genau diese Diskrepanz wird von Politik und großen Teilen der westlichen Medien im Alltag der Berichterstattung eher verwaltet als aufgearbeitet.
Bewertung der zentralen These
Die USA entwickelten um das Jahr 2000 eine Strategie zur Sicherung ihrer globalen Dominanz:
- Das US-Verteidigungsministerium plante langfristige militärische Überlegenheit.
- PNAC forderte eine dauerhafte amerikanische Führungsrolle.
- Die Bush-Regierung überführte wesentliche Gedanken in die offizielle Sicherheitsstrategie.
- Der Irakkrieg wurde zu einem praktischen Ausdruck dieser Politik.
- Die Doktrin akzeptierte präventive Militäraktionen in einem Umfang, der völkerrechtlich und politisch stark umstritten war.
- Die menschlichen und wirtschaftlichen Kosten dieser Politik für die betroffenen Länder waren immens und stehen in einem auffälligen Missverhältnis zu den offiziell verkündeten Zielen von Demokratisierung und Stabilisierung.
Die stärkere Behauptung, bereits 2000 sei ein verbindlicher Plan für sieben konkrete Kriege innerhalb von fünf Jahren beschlossen worden, ist dagegen nicht ausreichend belegt. Sie beruht hauptsächlich auf Wesley Clarks späterer Schilderung eines angeblichen geheimen Pentagon-Memos. Eine Verbindung dieses Memos mit dem PNAC-Bericht lässt sich aus den verfügbaren Primärquellen nicht zweifelsfrei nachweisen.
Um die Jahrtausendwende entwickelte sich in den USA ein einflussreicher strategischer Konsens zugunsten dauerhafter militärischer Überlegenheit, globaler Machtprojektion und einer aktiveren, gegebenenfalls präventiven Außenpolitik.
Das PNAC-Papier von 2000 war ein wichtiges ideologisches und strategisches Dokument dieser Richtung.
Die Anschläge vom 11. September 2001 lieferten das politische Zeitfenster, in dem diese zuvor kaum mehrheitsfähigen Ideen zu offizieller Regierungspolitik wurden. Wesentliche Elemente davon wurden Bestandteil der Bush-Doktrin von 2002. Die konkrete Behauptung eines verbindlichen Plans, innerhalb von fünf Jahren sieben Länder anzugreifen, ist öffentlich nicht in gleicher Weise dokumentiert wie die übergeordnete Strategie der amerikanischen Vormachtssicherung. Die nachweisbare Bilanz der tatsächlich geführten Kriege – Hunderttausende bis Millionen Tote, zerstörte Staaten, Billionen an Kosten – zeigt ein gravierendes Missverhältnis zwischen offizieller Rechtfertigung und realer Folge. Dieses Missverhältnis wird zusätzlich dadurch politisch brisant, dass derselbe Westen, der diese eigene Bilanz nur zurückhaltend aufarbeitet, gegenüber Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine auf einer konsequenten Durchsetzung des Völkerrechts besteht – ohne die eigene Doppelmoral in Politik und öffentlicher Debatte mit vergleichbarer Konsequenz zum Thema zu machen.
Quellenlage
- Rebuilding America's Defenses, Project for the New American Century, September 2000.
- Joint Vision 2020, US Department of Defense, unterzeichnet von General Henry Hugh Shelton, Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, 30. Mai 2000. de.wikipedia, dvidshub
- PNAC „Statement of Principles“ (3. Juni 1997) mit den 25 Unterzeichnern sowie Angaben zu Gründern, Direktoren und Executive Directors des PNAC. en.wikipedia, de.wikipedia
- Autorenangaben zu „Rebuilding America's Defenses“ (Donald Kagan und Gary Schmitt als Projekt-Ko-Vorsitzende, Thomas Donnelly als Hauptautor). archive.org
- The National Security Strategy of the United States of America, White House, 17. September 2002. georgewbush-whitehouse.archives
- Zeitgenössische Analyse der Nationalen Sicherheitsstrategie durch das österreichische Bundesministerium für Landesverteidigung, 2002. bmlv.gv
- Wesley Clarks spätere Interviews zur Behauptung „Seven Countries in Five Years“. globaldashboard
- Costs of War Project, Watson Institute, Brown University: Human Costs; Findings. costsofwar.watson.brown, costsofwar.watson.brown
- Brown University Pressemitteilung „Costs of the 20-year war on terror“, 2021. brown.edu
- Übersicht zu Opferzahlen des Irakkriegs (Iraq Body Count, Lancet-Studien 2004/2006, ORB-Umfrage 2007). de.wikipedia
- Konrad-Adenauer-Stiftung, „Intervention ohne Ziel“, zu den Folgen der Libyen-Intervention. kas.de
- Kai Ambos, „Doppelmoral – Der Westen und die Ukraine“, 2022, sowie Interviews dazu in Telepolis und taz. telepolis, taz
- „Westliche Doppelstandards: Prinzipien unter Beschuss“, Internationale Politik, 2024. internationalepolitik
- „20 Jahre Irakkrieg: Ein fatales historisches Erbe“, Der Tagesspiegel, 2023; „Ein Jahr Ukraine-, 20 Jahre Irakkrieg“, Blätter für deutsche und internationale Politik, 2023. tagesspiegel, blaetter
- Operation Cyclone (CIA-Finanzierung der afghanischen Mudschaheddin 1979–1992). de.wikipedia, deutsches-spionagemuseum
- Timber Sycamore (CIA-Programm zur Bewaffnung syrischer Rebellen 2013–2017) sowie das freigegebene DIA-Dokument von August 2012 und dessen Einordnung. de.wikipedia, irregularwarfare, correctiv
- Andreas von Bülow, „Die CIA und der 11. September“, 2003, sowie Rezensionen und Interviews dazu. de.wikipedia, perlentaucher, heise/telepolis
- Tucker Carlson, „The 9/11 Files“, 2025, sowie journalistische Einordnungen dazu. politifact, poynter, spiked-online, city-journal































