Aktuelle Berichte & Analysen
Mackinders: Heartland-Doktrin


Das Herzland der Welt: Wie Mackinders Geopolitik von 1871 über zwei Weltkriege
bis zur Ukraine und China fortwirkt.
Von Deutschlands industriellem Aufstieg, Tirpitz' Flottenbau und der Bagdadbahn bis zu Russland, NATO, Belt and Road und dem amerikanischen Kampf um das Gleichgewicht Eurasiens.
Was die Heartland-Doktrin überhaupt ist
Bevor man ihre Wirkungsgeschichte versteht, braucht es die Kurzfassung: Die
Heartland- oder Herzland-Theorie des britischen Geografen Halford J. Mackinder ist eine geopolitische Grundthese, wonach die Kontrolle über das eurasische Kernland – den kaum von See aus erreichbaren, ressourcenreichen Innenraum zwischen Osteuropa, Russland und Zentralasien – über Jahrhunderte den entscheidenden Hebel zur Weltmacht darstellt. Mackinder formulierte sie 1904 erstmals als Reaktion auf ein technologisches Ereignis: die Eisenbahn, die es kontinentalen Landmächten erstmals erlaubte, ihre Ressourcen und Armeen so effizient zu bewegen, dass sie mit den bis dahin überlegenen Seemächten wie Großbritannien konkurrieren konnten. 1919 verdichtete er den Gedanken zur bis heute meistzitierten geopolitischen Formel überhaupt:
„Who rules East Europe commands the Heartland; who rules the Heartland commands the World-Island; who rules the World-Island commands the World."
Wer Osteuropa beherrscht, kontrolliert das Herzland; wer das Herzland kontrolliert, besitzt den Hebel über Eurasien – und damit über die Welt. Die Formel klingt wie eine Gebrauchsanweisung für Weltpolitik, und genau deshalb ist sie seit über hundert Jahren Gegenstand von Interpretation, Übernahme und Streit: von der britischen Sorge vor einem deutsch-russischen Kontinentalblock über die amerikanische Eindämmungspolitik im Kalten Krieg bis zur heutigen russischen Neo-Eurasianismus-Ideologie und der amerikanischen China-Strategie.
Wichtig vorab: Mackinders Denken hat westliche und russische Geopolitik nachweislich beeinflusst. Eine durchgehend verbindliche „Mackinder-Doktrin" einer einzelnen Regierung lässt sich dagegen nicht belegen.
Was sich zeigen lässt, ist ein wiederkehrendes strategisches Muster: Keine einzelne kontinentale Macht soll Europa und Asien zu einem politisch-militärischen Machtzentrum vereinigen können. Diese Recherche verfolgt dieses Muster von
1871 bis in die Gegenwart.
1871: Das Herzland existiert noch nicht – aber das strategische Problem entsteht
Mackinder formulierte seine Theorie erst 1904, in seinem Vortrag The Geographical Pivot of History vor der Royal Geographical Society, zunächst als „Pivot Area". Zum eigentlichen Heartland entwickelte er den Gedanken erst nach dem Ersten Weltkrieg weiter. Die Jahreszahl 1871 markiert trotzdem den eigentlichen Ausgangspunkt der Geschichte: Mit der Gründung des Deutschen Reichs entstand im Zentrum Europas erstmals ein politisch geeinter Staat, der große Bevölkerung, leistungsfähige Wissenschaft, riesige Kohle- und Stahlregionen, moderne Industrie und eine strategisch zentrale Lage vereinte. Eisenbahn, Kohle, Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik und Stahlproduktion expandierten rasant; bis 1913 hatten die deutschen Stahlexporte die britischen überholt.
Für Großbritannien entstand damit ein neuartiges Problem. Die britische Macht beruhte auf einem ganzen System – Welthandel, Finanzzentrum London, Kolonialreich, maritime Transportwege, Versicherungswesen, Telegraphie, Häfen und die Fähigkeit, über die Weltmeere militärische Macht auszuüben. Deutschland besaß dagegen eine Stärke, die Großbritannien geografisch niemals besitzen konnte: Es saß mitten auf dem europäischen Kontinent. Sollte diese industrielle Macht mit den Ressourcen Osteuropas und Russlands oder mit Verkehrswegen Richtung Balkan, Osmanisches Reich und Persischer Golf verbunden werden, entstand zumindest theoretisch ein riesiger kontinentaler Wirtschafts- und Machtblock. Genau vor einer solchen Verbindung sollte Mackinder später warnen.
Die Eisenbahn verändert die Geopolitik
Jahrhundertelang besaß Seemacht einen entscheidenden Vorteil: Schiffe transportierten Menschen, Rohstoffe und Waffen über große Entfernungen wesentlich effizienter als Armeen über Land – Großbritannien war die Verkörperung dieses Prinzips. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderte die Eisenbahn dieses Verhältnis fundamental. Die Transsibirische Eisenbahn erschloss Russland in bis dahin unvorstellbarer Dimension; Eisenbahnnetze verbanden die Industriegebiete Europas und erlaubten, Armeen, Kohle, Getreide, Stahl und Waffen tief im Kontinent-Inneren mit neuer Geschwindigkeit zu bewegen. Der US-Historiker Hal Brands beschreibt genau diesen Zusammenhang: Als Mackinder 1904 seinen Vortrag hielt, stand die Transsibirische Eisenbahn unmittelbar vor ihrer Vollendung – die neue Mobilität des Landverkehrs veränderte das jahrhundertealte Verhältnis zwischen Land- und Seemacht.
Mackinder selbst verstand seine Theorie dabei keineswegs als absoluten geografischen Determinismus. In seinem Originaltext von 1904 schrieb er: „Man and not nature initiates, but nature in large measure controls." Der Mensch entscheidet – die Geografie setzt ihm Rahmenbedingungen. Diese Einschränkung ist für das Verständnis seiner gesamten Theorie zentral.
In seinem Modell von 1904 teilte Mackinder die Welt in konzentrische Räume: im Zentrum die schwer über See erreichbare Pivot Area, darum die dichter besiedelten Randgebiete Europas, des Nahen Ostens, Indiens und Ostasiens, außerhalb die großen See- und Inselmächte – Großbritannien, Japan, später die USA. Seine strategische Sorge lautete: Was geschieht, wenn eine hochindustrialisierte europäische Macht die Ressourcen und den Raum des eurasischen Inneren kontrollieren kann? Besonders gefährlich erschien ihm eine mögliche Verbindung deutscher industrieller Leistungsfähigkeit mit russischem Raum und russischen Ressourcen – Eisenbahnen könnten einem kontinentalen Großreich ermöglichen, große Teile Eurasiens zu verbinden, ohne dass eine Seemacht diese Verkehrsströme blockieren könnte.
Deutschland baut eine Flotte – der aus britischer Sicht entscheidende Fehler
Das Deutsche Reich war zunächst eine reine Kontinentalmacht; unter Bismarck bestand wenig Interesse, die britische Seemacht frontal herauszufordern. Das änderte sich mit Wilhelm II. und der deutschen Weltpolitik. Mit Alfred von Tirpitz begann ab 1898 der massive Ausbau der Kaiserlichen Marine; die Flottengesetze von 1898 und 1900 schufen die Grundlage einer Schlachtflotte, deren entscheidender Einsatzraum die Nordsee sein sollte. Tirpitz' Risikotheorie besagte: Die deutsche Flotte musste Großbritannien nicht vollständig besiegen können – sie musste nur so stark sein, dass ein britischer Sieg derart hohe Verluste kostete, dass London anschließend gegenüber anderen Seemächten verwundbar wäre. Die Flotte sollte Großbritannien politisch unter Druck setzen.
Das Ergebnis war das Gegenteil: Der deutsche Flottenbau verschärfte die britische Bedrohungswahrnehmung erheblich. Die 1914-1918 Online International Encyclopedia bezeichnet das deutsch-britische Flottenwettrüsten als wichtigen Faktor auf dem Weg zum Ersten Weltkrieg – ausdrücklich nicht als alleinige oder unmittelbare Kriegsursache. Die Differenzierung ist entscheidend: Deutschland konnte Großbritannien industriell herausfordern, Europa wirtschaftlich dominieren, eine gewaltige Armee unterhalten – als es zusätzlich eine Flotte baute, die Großbritanniens strategische Lebensversicherung bedrohte, verband sich für London kontinentale Stärke mit maritimer Herausforderung. Aus britischer Perspektive war genau diese Kombination am gefährlichsten.
Die Bagdadbahn: Eisenbahnprojekt oder geopolitische Bombe?
Ein heute selten erwähntes, aber aufschlussreiches Projekt ist die Berlin-Bagdad-Bahn – tatsächlich kein einzelner Streckenbau, sondern die Weiterentwicklung eines Netzes, das über bestehende mitteleuropäische und osmanische Bahnverbindungen Deutschland mit Konstantinopel, Anatolien, Mesopotamien und perspektivisch dem Persischen Golf verbinden konnte. 1903 erhielt eine von der Deutschen Bank dominierte Gesellschaft die Konzession für den Ausbau Richtung Bagdad. Für das Osmanische Reich versprach das Projekt bessere Kontrolle und Erschließung entlegener Provinzen, für Deutschland wirtschaftliche Chancen und politischen Einfluss – für Großbritannien berührte eine kontinentale Verbindung von Mitteleuropa bis zum Persischen Golf unmittelbar britische Interessen in Mesopotamien, Persien und dem Zugang nach Indien. Der britische Widerstand gegen das Projekt wurde entsprechend erheblich.
Auf der Landkarte sah das Projekt geradezu wie die praktische Umsetzung von Mackinders Sorge aus: Industriezentrum Mitteleuropa, verbunden über Eisenbahn mit dem Osmanischen Reich, dem Nahen Osten und dem Persischen Golf.
Die populäre These, die Bagdadbahn sei vor allem zur Sicherung mesopotamischen Erdöls gebaut worden und deshalb unmittelbar eine Ursache des Ersten Weltkriegs, hält der neueren Forschung nicht stand – Erdöl besaß zum Zeitpunkt der ursprünglichen Planung noch nicht die spätere strategische Bedeutung. Bemerkenswert: Kurz vor Kriegsausbruch 1914 gelang London und Berlin sogar ein weitreichender Interessenausgleich über die Bagdadbahn und wirtschaftliche Einflusszonen. Die Bahn erklärt den Ersten Weltkrieg also nicht – sie zeigt aber, warum Verkehrswege bereits damals zu geopolitischen Machtfragen geworden waren.
War der Erste Weltkrieg ein Krieg um das Heartland?
Nein, jedenfalls nicht in dieser einfachen Form. Der Krieg von 1914 entstand aus einer komplexen Kombination von Bündnissystemen, Nationalismus, dem österreichisch-serbischen Konflikt, russischer Mobilmachung, deutschen Entscheidungen, französischen Sicherheitsinteressen, militärischen Operationsplänen, imperialer Konkurrenz und dem gescheiterten Krisenmanagement der Julikrise. Die historiografische Debatte reicht von Fritz Fischers starker Betonung deutscher Verantwortung bis zu Christopher Clark und T. G. Otte, die die Verantwortung auf mehrere Akteure und die gesamte Eskalationsdynamik verteilen; ein monokausales Modell gilt als unzureichend. Mackinder erklärt damit nicht die Ursache des Krieges, sondern die größere strategische Konstellation dahinter: Eine wirtschaftlich hochentwickelte
Macht im Zentrum Europas konnte bei Expansion nach Osten oder Südosten Zugang zu enormen zusätzlichen Ressourcen, Bevölkerung und strategischer Tiefe erhalten – eine Möglichkeit, die eine maritime Weltmacht wie Großbritannien zwingend berücksichtigen musste.
1919: Aus dem Pivot wird das Heartland – und Osteuropa rückt ins Zentrum
Nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Mackinder Democratic Ideals and Reality. Osteuropa erhielt jetzt eine zentrale Funktion als Übergangsraum zwischen Deutschland und Russland, daraus entstand die berühmte dreistufige Heartland-Formel. Dahinter stand ein konkretes Szenario: Was würde geschehen, wenn deutsche organisatorische und industrielle Fähigkeiten mit russischer Größe und Ressourcenbasis verbunden würden? Eigenständige Staaten zwischen Deutschland und Russland konnten aus Mackinders Sicht eine strategische Trennung beider Machtzentren bilden.
Das bedeutet nicht, dass Mackinder persönlich die Versailler Ordnung entwarf oder seine Theorie zur verbindlichen Blaupause der britischen Regierung wurde – eine Untersuchung von T. L. Knutsen weist sogar darauf hin, dass Democratic Ideals and Reality auf die Entscheidungsträger der Friedensordnung zunächst deutlich weniger Einfluss hatte, als später oft angenommen. Hier beginnt bereits der Unterschied zwischen Mackinders tatsächlichem
Einfluss und dem späteren Mackinder-Mythos.
Zwischen den Weltkriegen: Karl Haushofer dreht Mackinders Warnung um
In Deutschland griff Karl Haushofer geopolitische Ideen Mackinders auf, entwickelte daraus aber eine eigene Vorstellung eines eurasischen Kontinentalblocks: Deutschland, Sowjetunion und Japan sollten eine kontinentale Kombination bilden, die den angloamerikanischen Seemächten widerstehen könnte. Damit kehrte Haushofer
Mackinders Warnung praktisch um – was Mackinder als Gefahr für die britische Weltposition beschrieben hatte,
erschien Haushofer als mögliche Grundlage deutscher Großmachtstellung.
Um dieses Thema wurde später erhebliche Mythologie produziert. Die vereinfachte Erzählung „Mackinder → Haushofer → Hitler → Lebensraum → Zweiter Weltkrieg" ist historisch nicht haltbar: Neuere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass keine belastbaren Belege existieren, dass Mackinders Heartland-Theorie oder Haushofer entscheidenden Einfluss auf die konkrete nationalsozialistische Expansionspolitik hatten. Hitlers Ideologie des Lebensraums im Osten besaß eigene völkische, rassistische und imperialistische Wurzeln. Die Ähnlichkeiten auf der Landkarte bleiben trotzdem frappierend – und, wie sich unten zeigt, entfaltete gerade diese Denkfigur Jahrzehnte später in Russland eine sehr viel direktere, gut dokumentierte politische Wirkung.
Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 entstand ein Kriegsschauplatz, der aus Mackinders Perspektive kaum bedeutender hätte sein können – Ukraine, Kaukasus, Schwarzes Meer, Getreidegebiete, Industriezentren und Ölressourcen wurden strategisch entscheidend. Auch hier gilt: Die Wehrmacht marschierte nicht nach Osten, weil Hitler Mackinder gelesen hatte. Nationalsozialistische Rassenideologie, Lebensraumvorstellungen, Antibolschewismus, wirtschaftliche Interessen und militärstrategische Überlegungen bildeten den unmittelbaren Hintergrund.
Interessanter ist, was parallel in den USA geschah: Während des Zweiten Weltkriegs wurde Mackinder dort plötzlich populär. Eine 2023 veröffentlichte Untersuchung des Geografen Oliver Krause zeigt, wie der Heartland-Begriff während des Krieges in amerikanischen Medien, Universitäten, militärischen Debatten und politischen Diskussionen verbreitet wurde und zunehmend als strategisches Deutungsmuster für die Bedrohung durch kontinentale Großmächte diente.
1948 sprach Senator J. William Fulbright im US-Kongress bereits selbstverständlich vom „Heartland" und
der „World Island" – Mackinders Begriffswelt war in Washington angekommen.
1943 veröffentlichte Mackinder selbst in Foreign Affairs den Aufsatz „The Round World and the Winning of the Peace",
in dem er auf Luftmacht, moderne Kriegführung und die gewachsene Bedeutung Nordamerikas reagierte: Statt einer simplen Vorstellung vom unbesiegbaren eurasischen Kernland gewann jetzt auch der nordatlantische Raum zwischen Nordamerika und Westeuropa enorme Bedeutung. Schon Mackinder selbst verstand seine Theorie also nicht als unveränderliches Naturgesetz – Technologie verändert nicht die Geografie, aber ihre strategische Bedeutung.
Nach 1945: Mackinder wird amerikanisch – aber Spykman ist mindestens ebenso wichtig
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand genau die Konstellation, vor der Mackinder gewarnt hatte: Die Sowjetunion kontrollierte riesige Teile des eurasischen Kernraums und dominierte zusätzlich Osteuropa. Theoretisch hätte jetzt Mackinders Prognose eintreten müssen. Sie trat nicht ein – die Sowjetunion beherrschte über den Warschauer Pakt jahrzehntelang große Teile des Heartland, dominierte aber trotzdem nicht die Welt. Dieser Befund zählt zu den
stärksten Einwänden gegen eine buchstäbliche Interpretation der Theorie.
George F. Kennan, der intellektuelle Vater der amerikanischen Containment-Politik, leitete seine Strategie nicht ausdrücklich von Mackinder ab – Heartland- und später Rimland-Konzepte passten aber hervorragend in die
öffentliche und strategische Legitimation der Eindämmungspolitik. Für die praktische amerikanische Strategie wichtiger wurde Nicholas Spykman, der Mackinder in einem entscheidenden Punkt widersprach: Nicht das dünn besiedelte Zentrum Eurasiens sei der wichtigste Machtbereich, sondern der Rimland – der dicht besiedelte, wirtschaftlich
produktive Küstengürtel Eurasiens (Westeuropa, Mittelmeerraum, Naher Osten, Südasien, Ostasien). Genau dort entstanden später die wichtigsten amerikanischen Bündnisstrukturen: NATO in Europa, Partnerschaften im Nahen Osten, Japan und Südkorea in Ostasien. Die amerikanische Strategie nach 1945 lässt sich deshalb besser als Mischung aus Mackinder, Spykman, Mahan und klassischer Balance-of-Power-Politik verstehen als als reine Heartland-Doktrin.
1997: Brzezinski bringt Mackinder zurück
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien die alte Geopolitik zunächst erledigt. Dann veröffentlichte
Zbigniew Brzezinski 1997 The Grand Chessboard sowie den Foreign-Affairs-Aufsatz „A Geostrategy for Eurasia" mit dem Satz: „Eurasia is the world's axial supercontinent." Der frühere Sicherheitsberater Jimmy Carters argumentierte,
die globale Stellung der USA hänge wesentlich davon ab, welche Machtkonstellation sich in Eurasien herausbildet
– eine Macht, die Europa und Asien dominieren könnte, würde zwangsläufig die amerikanische Position herausfordern. Das ist unverkennbar Mackinder, wie das American Foreign Policy Council ausdrücklich feststellt: Brzezinski zitierte Mackinders Heartland-Theorie direkt, um die Tragweite der damaligen russischen geopolitischen Bewegungen zu unterstreichen.
Auch hier eine wichtige Klarstellung: Brzezinskis Buch war keine geheime Regierungsdirektive, sondern die strategische Analyse eines außerordentlich einflussreichen außenpolitischen Intellektuellen, kein offizielles nationales Strategiedokument. Bemerkenswert ist trotzdem, wie stark seine Begriffswelt spätere Entwicklungen berührt: Die Ukraine erhielt bei Brzezinski eine besonders wichtige geopolitische Bedeutung – er betrachtete eine unabhängige Ukraine als entscheidende Begrenzung russischer imperialer Wiederherstellung, worauf bereits Carnegie 2012 verwies.
Die russische Gegenseite: Wie Mackinder zur Ideologie des Kreml wurde
Während die westliche Rezeption Mackinders – wie gezeigt – meist indirekt, akademisch und nie zu einer offiziellen Staatsdoktrin verdichtet blieb, verlief die russische Rezeption anders: direkter, ideologisch aufgeladener und mit deutlich besser dokumentierten Verbindungen bis in den engsten Kreml-Zirkel.
Der zentrale Name ist Alexander Dugin. Der russische Philosoph und Geopolitiker veröffentlichte 1997 sein Hauptwerk Osnovy Geopolitiki („Grundlagen der Geopolitik"), das laut mehreren Analysen – unter anderem von Foreign Policy, dem American Foreign Policy Council und der Australian Institute of International Affairs – explizit auf Mackinders
Heartland-Theorie aufbaut. Dugins Kernthese: Geografie, nicht Ökonomie, sei die entscheidende Ursache von Weltmacht, und Russland falle allein aufgrund seiner geografischen Lage eine zentrale globale Rolle zu. Er stellte den USA als „Atlantizismus" verkörperter Hauptfeind ein von Russland geführtes „Eurasisches Reich" gegenüber, das sich
– in Anlehnung an den belgischen Faschisten Jean-François Thiriart – idealerweise „von Dublin bis Wladiwostok" erstrecken sollte. Dugin kombinierte dabei Mackinders geopolitische Analyse mit dem Denken Karl Haushofers, mit dem russischen Eurasianismus der 1920er-Jahre (Lev Gumilev) sowie mit Versatzstücken der europäischen Neuen Rechten und faschistischer Denker wie Julius Evola – eine nach Einschätzung mehrerer Analysen bewusst eklektische, esoterisch aufgeladene Mischung.
Entscheidend ist die Frage nach dem tatsächlichen Einfluss. Der Journalist Charles Clover, der Dugins Wirken für
Foreign Policy und in seinem Buch Black Wind, White Snow über Jahre recherchierte, dokumentierte, dass Dugins Werk nach Putins Amtsantritt 2000 in der russischen Führungsschicht „in Mode" kam. Besonders aufschlussreich:
Nikolai Patruschew, langjähriger Chef des russischen Sicherheitsrats – derselbe Patruschew, der auch in der aktuellen Debatte um Russlands Schattenflotte und maritime Machtpolitik eine zentrale Rolle spielt –, soll laut Clover die Heartland-Terminologie direkt von Dugin übernommen haben: „Der Mann, der Mackinder ohne jeden Zweifel auf Patruschews Zunge legte, war Alexander Dugin", schreibt Clover. Auch Igor Setschin, Chef des Staatskonzerns Rosneft, gehörte zu den Förderern dugin-naher Publizisten. Eine akademische Untersuchung (RussianTellurocracy, 2022) zitiert Clover mit dem Satz, dank Dugin „scheint die [Heartland-]Theorie das Kreml-Denken durchdrungen zu haben".
Wichtig für eine seriöse Einordnung bleibt trotzdem die Zurückhaltung, die auch die Fachliteratur einhält:
Dugins Neo-Eurasianismus ist nicht die offizielle Doktrin des Kreml, und wie weit sein direkter Einfluss auf konkrete Entscheidungen reicht, bleibt in der Forschung umstritten – Dugin selbst hat nie ein offizielles Regierungsamt bekleidet. Was sich dagegen belastbar zeigen lässt: Seine Begriffswelt zirkuliert breit unter russischen Eliten und hat maßgeblich geprägt, wie viele in Russland die eigene Rolle in der Welt verstehen. Das European Conservative sowie die Australian Institute of International Affairs verweisen zusätzlich darauf, dass Mackinders Werk in den 1990er-Jahren ins Russische übersetzt wurde und seither fester Bestandteil des akademischen und politischen Diskurses in Russland ist
– wobei Analysten wie Kolossov und Turovsky zeigen, dass Mackinder dort bewusst „neu bezeichnet" (re-signified) wurde, um ihn für die russische Gegenwart nutzbar zu machen: aus der ursprünglich britischen Warnung vor Russland wurde eine russische Rechtfertigung der eigenen weltpolitischen Rolle.
Mehrere Analysen – darunter der Beitrag der europäisch-konservativen Denkfabrik The Rest sowie das Mises Institute
– ziehen ausdrücklich die Linie von Dugins Neo-Eurasianismus zu Russlands Vorgehen in Georgien 2008, der Krim-Annexion 2014 und dem Ukrainekrieg seit 2022: Russlands Handeln, insbesondere der Versuch, eine Einflusssphäre im postsowjetischen „inneren Heartland" – organisiert unter anderem in der Eurasischen Union – zu konsolidieren, folge einem Muster, das geopolitische Theoretiker bereits Jahrzehnte zuvor vorausgesagt hätten. Auch hier gilt dieselbe Vorsicht wie bei Haushofer: Eine direkte, monokausale Erklärung „Dugin hat Putins Ukraine-Entscheidung verursacht" wäre unseriös. Aber anders als bei Hitler und Haushofer, wo eine solche Verbindung von der Forschung inzwischen weitgehend verworfen wird, ist die Verbindung zwischen Mackinder, Dugin und dem russischen Führungszirkel um Putin und Patruschew ungewöhnlich gut dokumentiert – eine der direktesten nachweisbaren Linien von Mackinders akademischer Theorie zu konkreter Großmachtpolitik des 21. Jahrhunderts überhaupt.
Die Think Tanks entdecken das Heartland erneut
Wer prüfen möchte, ob Mackinder heute noch relevant ist, sollte auf die Veröffentlichungen der großen außenpolitischen Institute schauen – dort findet man ihn erstaunlich häufig.
Atlantic Council – China und die neue Seidenstraße: Bereits 2017 analysierte der Thinktank Chinas Belt and Road Initiative ausdrücklich mit Mackinders Theorie: Das Netz aus Bahnlinien, Straßen, Pipelines, Häfen und Handelsverbindungen könne Europa und Asien wirtschaftlich enger verbinden und dadurch einen stärkeren eurasischen Wirtschaftsraum schaffen – ein erfolgreicher Ausbau könne, so der Council wörtlich, „in gewisser Weise Mackinders Vorstellung Realität werden lassen". Bemerkenswert: Genau jene Technologie, die Mackinder 1904 beschäftigte – kontinentale Infrastruktur –, steht auch hinter Chinas Strategie, nur heute nicht mehr allein als Eisenbahn, sondern als Schienennetze, Autobahnen, Pipelines, Energieversorgung, Häfen, Glasfasernetze, digitale Zahlungssysteme, Lieferketten, Industrieinvestitionen und politische Abhängigkeiten zusammengenommen.
RAND – die russisch-chinesische Verbindung: Eine umfangreiche RAND-Studie zur chinesisch-russischen Zusammenarbeit analysierte das Verhältnis ausdrücklich unter dem Gesichtspunkt des Balance of Power: Peking und Moskau arbeiten demnach tendenziell stärker zusammen, wenn ihre kombinierte Macht gegenüber den USA wächst und beide Washington stärker als Bedrohung wahrnehmen; seit 2014 habe sich die Zusammenarbeit deutlich intensiviert. Das ist nicht Mackinder im engen Sinne, berührt aber seine zentrale Sorge: Russland verfügt über Rohstoffe, territoriale Tiefe und nukleare Fähigkeiten, China über industrielle Kapazität, Bevölkerung, Kapital, Technologie und wachsende militärische Macht – eine dauerhafte strategische Verbindung beider wäre bedeutsamer als Russland oder China isoliert betrachtet. RAND warnt allerdings ausdrücklich vor Übertreibung: Die Interessen Moskaus und Pekings sind keineswegs identisch, wirtschaftliche und politische Konkurrenz bleibt bestehen.
CSIS, Carnegie, CFR: Das Center for Strategic and International Studies veröffentlichte 2022 den Beitrag „Musk versus Mackinder" zur Frage, wie neue Technologien die klassische Bedeutung geografischer Macht verändern. Carnegie diskutierte bereits 2001 ausdrücklich Mackinders „Eurasian Heartland" im Zusammenhang mit Russland und China. 2025 widmete der Council on Foreign Relations dem Historiker Hal Brands ein ausführliches Gespräch über die „Eurasia Challenge"; Brands' Kernsatz: „Eurasia has really been the strategic center of the world for a long time." Seine Begründung entspricht im Kern Mackinder – der Großteil von Bevölkerung, Wirtschaftsressourcen und militärischem Potenzial liegt auf dem eurasischen Kontinent, weshalb seit Beginn des 20. Jahrhunderts wiederholt eurasische Mächte versucht hätten, große Teile dieses Raums zu dominieren, während Großbritannien und später die USA als „offshore powers" eine solche Dominanz zu verhindern suchten. Brands nennt vier historische Konstellationen: das kaiserliche Deutschland im Ersten Weltkrieg, die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg, die Sowjetunion im Kalten Krieg – und heute China, Russland, Iran und Nordkorea als kooperierende revisionistische Mächte. Eine moderne Neuformulierung der Heartland-Problematik, ausdrücklich als Analyse eines Historikers, nicht als Beweis einer geheimen amerikanischen Doktrin.
Die Ukraine: Mackinders Theorie auf der Landkarte
Kaum ein aktueller Konflikt lässt sich so unmittelbar durch eine Mackinder-Karte lesen wie die Ukraine: Sie liegt zwischen Russland und Mitteleuropa, besitzt Zugang zum Schwarzen Meer, verbindet beziehungsweise trennt Russland und Mitteleuropa, liegt an zentralen Verkehrs-, Energie- und Handelsachsen – und gehört genau zu jenem osteuropäischen Raum, dem Mackinder 1919 besondere strategische Bedeutung zuschrieb. Heartland-Denken taucht deshalb sowohl in westlichen als auch russischen Interpretationen des Krieges auf. Der französische Historiker und Ifri-Direktor Thomas Gomart bezeichnete die Ukraine 2026 als Verbindungsbereich zwischen Heartland und Rimland und betonte ihre historische Schlüsselposition in den europäischen Machtkonflikten.
Russische Vertreter argumentieren teils, NATO-Osterweiterung und westliche Ukraine-Unterstützung seien letztlich Umsetzungen einer alten angloamerikanischen Strategie, Russland vom europäischen Machtzentrum fernzuhalten
– eine Argumentation, die sich, wie oben gezeigt, direkt aus der Dugin-Rezeption speist. Der Atlantic Council setzte sich 2023 ausdrücklich mit dieser russischen Mackinder-Interpretation auseinander: Sie unterschätze die eigenständigen Entscheidungen Polens, der baltischen Staaten und anderer osteuropäischer Länder, die selbst eine NATO-Mitgliedschaft anstrebten. Das ist für eine seriöse Analyse der entscheidende Punkt: Geografie erklärt Interessen – sie löscht die Handlungsfähigkeit kleinerer Staaten nicht aus. Polen ist nicht nur ein Feld zwischen Deutschland und Russland, die Ukraine nicht nur ein Feld zwischen Washington und Moskau. Staaten verfolgen eigene Interessen, eigene historische Erfahrungen, eigene Entscheidungen.
Ist der Ukrainekrieg also ein „Mackinder-Krieg"? Als alleinige Erklärung nein, als geopolitische Ebene des Konflikts durchaus. Russlands Kriegsentscheidung lässt sich nicht seriös auf den Wunsch reduzieren, „das Heartland zu kontrollieren" – historische Identitätsvorstellungen, russische Sicherheitsdoktrin, NATO-Fragen, die Entwicklung der Ukraine seit 1991, Machtpolitik, innenpolitische Faktoren und imperiale Vorstellungen spielen ebenso Rollen, wie oben
am Beispiel Dugin gezeigt. Ebenso wenig erklärt sich westliche Unterstützung schlicht damit, Washington wolle „das Heartland erobern". Aber die strategische Geografie auszublenden wäre naiv: Eine Ukraine dauerhaft im russischen Machtbereich verändert das Kräfteverhältnis in Osteuropa; eine Ukraine dauerhaft in westliche Strukturen integriert verändert es ebenfalls. Mackinder liefert dafür keine vollständige Erklärung – aber eine bemerkenswert brauchbare Landkarte der Interessen.
Großbritannien 2025/26 und die USA 2026: klassische Balance-of-Power, aber unterschiedlich gewichtet
In der britischen National Security Strategy 2025 wird die Wiederherstellung von Stabilität und Sicherheit im euroatlantischen Raum ausdrücklich als überragende Priorität bezeichnet, beginnend mit der Unterstützung der
Ukraine – ihre Zukunft gilt als wesentlicher Bestandteil der kollektiven Sicherheit im euroatlantischen Raum, das Ziel sei, weitere russische Aggression zu verhindern. Das ist keine offizielle Berufung auf Mackinder, aber geografisch betrachtet ist die Kontinuität auffällig: Großbritannien bleibt eine vorgelagerte Seemacht, deren elementares Sicherheitsinteresse darin besteht, dass keine feindliche Macht das europäische Festland militärisch dominieren kann – eine Logik, die älter ist als Mackinder, der sie lediglich systematisiert hat.
Die amerikanische National Defense Strategy 2026 widerlegt dagegen die zu einfache Behauptung, Washington folge bis heute unverändert einer „Heartland-Doktrin": Ihre klare Priorität sind
China und der Indo-Pazifik – vor Russland und Europa. Die Strategie formuliert ausdrücklich das Ziel, zu verhindern, dass China oder eine andere Macht die USA oder deren Verbündete dominieren kann:
„prevent anyone, including China, from being able to dominate us or our allies." Besonders bemerkenswert ist die geplante militärische Konzentration entlang der First Island Chain – Japan, Ryūkyū-Inseln, Taiwan, Philippinen.
Der Schwerpunkt liegt damit nicht in Mackinders Heartland, sondern genau in jenem maritimen Randbereich Eurasiens, dem Spykman und Mahan besondere Bedeutung zuschrieben.
Russland wird in der Strategie 2026 dagegen ausdrücklich als „persistent but manageable threat" für die östlichen NATO-Mitglieder beschrieben; Europa solle einen größeren Teil seiner eigenen Verteidigung übernehmen, während Washington Heimatverteidigung und China priorisiert. Wäre die klassische Heartland-Theorie heute unverändert verbindliche amerikanische Doktrin, müsste Russland beziehungsweise Osteuropa das Zentrum der US-Strategie bilden.
Das tut es aktuell nicht – China und der maritime Indo-Pazifik stehen deutlich weiter oben.
China: Bestätigung und Widerlegung Mackinders zugleich
China ist möglicherweise der faszinierendste Testfall der gesamten Theorie. Einerseits baut Peking mit Belt and Road genau das, wovor Mackinder warnte: ein immer dichteres Netz kontinentaler Wirtschaftsverbindungen durch Eurasien. Andererseits verdankt China einen erheblichen Teil seiner wirtschaftlichen Macht gerade dem Seehandel – Shanghai, Shenzhen, Ningbo, Tianjin, Südchinesisches Meer, Straße von Malakka, Indischer Ozean. Chinas Macht ist deshalb weder reine Land- noch reine Seemacht, sondern versucht beides zu verbinden: Kontinentale Eisenbahnen und Pipelines vermindern maritime Verwundbarkeit, während gleichzeitig die chinesische Marine wächst und die maritime Seite der Wirtschaftsinteressen sichert. Der heutige Konflikt zwischen den USA und China lässt sich deshalb am ehesten durch eine Kombination aus Mackinder, Mahan und Spykman verstehen: Mackinder erklärt Eurasien, Mahan die Ozeane, Spykman die Küstenräume – und die heutige Weltmachtpolitik findet gleichzeitig in allen drei Räumen statt.
Was Mackinder unterschätzte – und was er richtig erkannte
Die Heartland-Theorie zwingt dazu, eine Landkarte anzusehen. Ihre Schwäche: Eine Karte erklärt noch keine Geschichte. Mackinder konnte Atomwaffen, Interkontinentalraketen, strategische Bomber, Satelliten, Cyberkrieg, globale Finanzmärkte, Containerverkehr, Halbleiterabhängigkeiten und digitale Kommunikationsnetze nicht vorhersehen.
Eine moderne Großmacht kann deshalb über gewaltiges Territorium verfügen und trotzdem wirtschaftlich oder technologisch schwach sein – die Sowjetunion lieferte dafür das historische Beispiel. Der Atlantic Council bezeichnet
eine deterministische Lesart Mackinders entsprechend als „too simplistic and doctrinaire" – eine berechtigte Kritik.
Trotzdem wäre es ebenso falsch, die Theorie als überholtes Relikt des britischen Imperialismus abzutun. Drei Grundgedanken haben bemerkenswert gut überlebt: Erstens, Geografie verschwindet nicht – Technologie verändert Entfernungen, aber nicht die Position Polens zwischen Deutschland und Russland, die Lage der Ukraine am Schwarzen Meer, die chinesische Abhängigkeit von maritimen Zugängen oder die amerikanische Insellage zwischen Atlantik und Pazifik. Zweitens, Infrastruktur ist Macht – 1904 war es die Eisenbahn, heute sind es Eisenbahnen, Pipelines, Häfen, Stromnetze, Seekabel, Satelliten, Lieferketten und digitale Infrastruktur. Drittens, die Vereinigten Staaten können Weltmacht nur bleiben, solange keine konkurrierende Macht einen überwältigenden Teil der wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen Eurasiens kontrolliert – ein Gedanke, der bei Brzezinski 1997 ebenso auftaucht wie bei
heutigen Strategen, auch wenn sie ihn nicht zwingend Mackinder nennen.
Die wichtigste Kontinuität: Deutschland – Russland – China
Damit schließt sich der Kreis zurück zu 1871. Mackinders eigentliche Angst galt nie einfach Russland – sie galt der Kombination von Raum und industrieller Macht. Um 1900 bedeutete das vor allem Deutschland plus Russland. Heute verschiebt sich die Gleichung zu Russland plus China: Russland besitzt Raum, Rohstoffe, Energie, militärische Fähigkeiten und strategische Tiefe, China industrielle Produktionskapazität, Technologie, Kapital und leistungsfähige Infrastruktur. Genau deshalb betrachten amerikanische Institute die zunehmende chinesisch-russische Kooperation mit erheblicher Aufmerksamkeit – RAND hält Veränderungen im globalen Kräfteverhältnis und die gemeinsame Wahrnehmung amerikanischen Drucks für wesentliche Treiber dieser Annäherung. Was Mackinder vermutlich besonders interessieren würde: Die politische und wirtschaftliche Verbindung zwischen Russland und China wird heute ausgerechnet durch Eisenbahnen, Pipelines, Energiehandel und kontinentale Infrastruktur verstärkt. Die Technik ist moderner. Die strategische Fragestellung ist erstaunlich ähnlich.
Zitatesammlung: Die Heartland-Idee in wenigen Sätzen
Halford Mackinder, 1904: „Man and not nature initiates, but nature in large measure controls." – Der Mensch macht Politik, aber innerhalb geografischer Grenzen.
Halford Mackinder, 1919: „Who rules East Europe commands the Heartland; who rules the Heartland commands the World-Island; who rules the World-Island commands the World." – die berühmteste Zusammenfassung seiner Theorie.
Alexander Dugin, 1997 (sinngemäß, nach Analyse mehrerer Quellen): Geografie, nicht Ökonomie, sei die eigentliche Ursache von Weltmacht – Russland falle durch seine Lage eine primäre globale Rolle zu, die USA verkörperten den „Atlantizismus" als Hauptgegner.
Zbigniew Brzezinski, 1997: „Eurasia is the world's axial supercontinent." – fast achtzig Jahre nach Mackinder bleibt Eurasien für einen der einflussreichsten amerikanischen Strategen der entscheidende Raum.
Atlantic Council, 2017: Chinas Belt and Road Initiative könne durch wirtschaftliche Integration Eurasiens „in gewisser Weise Mackinders Vorstellung Realität werden lassen".
Atlantic Council, 2023: „too simplistic and doctrinaire" – die notwendige Gegenposition: Mackinder als Analysewerkzeug, kein Naturgesetz.
Hal Brands/CFR, 2025: „Eurasia has really been the strategic center of the world for a long time." – eine moderne Neuinterpretation klassischer Geopolitik.
US National Defense Strategy, 2026: „prevent anyone, including China, from being able to dominate us or our allies." – nicht Heartland im engeren Sinn, aber klassische Balance-of-Power-Logik.
Die Historiker und Autoren hinter der Debatte
Halford J. Mackinder bleibt die Primärquelle: The Geographical Pivot of History (1904), Democratic Ideals and Reality (1919), The Round World and the Winning of the Peace (1943). Brian Blouet, Gerry Kearns, Gearóid Ó Tuathail, Pascal Venier und T. L. Knutsen gehören zu den Forschern, die Mackinders Werk und seine Rezeption untersucht haben;
Oliver Krauses 2023 erschienene Arbeit rekonstruiert detailliert, wie Heartland-Denken in Deutschland und den USA popularisiert wurde. Für die russische Rezeption sind Charles Clover (Black Wind, White Snow, sowie sein
Foreign-Policy-Essay von 2016) und die akademischen Analysen zu Dugins „Tellurokratie" zentral. Für Karl Haushofer korrigiert die neuere Forschung den lange verbreiteten Mythos, er habe als geopolitischer Mastermind Hitlers Expansion geplant – dafür findet sich keine belastbare Grundlage. Für die deutsche Entwicklung vor 1914 sind Arbeiten über Weltpolitik, Flottenrüstung und deutsch-britische Beziehungen entscheidend – die Forschungen von Dirk Bönker,
Matthew Seligmann und anderen zeigen, dass der deutsche Flottenbau für die britische Bedrohungswahrnehmung tatsächlich relevant war, ohne eine monokausale Erklärung für den Ersten Weltkrieg zu liefern. Zur deutschen Wirtschaftsgeschichte zeigen Arbeiten von Stephen Broadberry, Carsten Burhop, Nikolaus Wolf und Robert C. Allen
die außergewöhnliche industrielle Entwicklung des Kaiserreichs zwischen 1871 und 1914. Und zur Kriegsschuldfrage bleibt die Spannbreite von Fritz Fischer über Annika Mombauer bis Christopher Clark und T. G. Otte wichtig – gerade diese Kontroverse zeigt, warum man geopolitische Großtheorien niemals mit einer vollständigen historischen
Ursachenanalyse verwechseln sollte.
Keine geheime Weltformel – aber eine erstaunlich langlebige Logik
Wer in Mackinders Heartland-Theorie den geheimen Schlüssel sucht, mit dem sich jeder Krieg seit 1914 erklären lässt, gelangt zu einfachen Antworten und verliert dabei historische Realität. Wer sie vollständig ignoriert, begeht möglicherweise den gegenteiligen Fehler. Mackinder erkannte etwas Grundsätzliches: Weltpolitik findet nicht auf einer leeren Fläche statt. Industrie braucht Ressourcen, Armeen brauchen Verkehrswege, Wirtschaftsmächte brauchen Märkte, Seemächte brauchen Häfen, Kontinentalmächte brauchen Zugänge zu den Weltmeeren – und Großmächte versuchen seit Jahrhunderten zu verhindern, dass ein Konkurrent eine derart große Konzentration aus Bevölkerung, Industrie, Rohstoffen und militärischer Macht erreicht, dass das internationale Gleichgewicht nicht mehr herstellbar ist.
1871 entstand im Zentrum Europas eine Macht, deren wirtschaftlicher Aufstieg das europäische Gleichgewicht veränderte. Ab 1898 ergänzte Deutschland diese Stärke durch eine Flotte, die Großbritannien unmittelbar herausforderte. Die Bagdadbahn zeigte das geopolitische Potenzial kontinentaler Infrastruktur. 1904 erkannte Mackinder, dass Eisenbahn und Industrialisierung die jahrhundertealte Überlegenheit der Seemächte verändern könnten; 1919 rückte er Osteuropa ins Zentrum. Im Zweiten Weltkrieg wurde seine Theorie in den USA wiederentdeckt, im Kalten Krieg lebte ihre Grundidee in Containment und Rimland-Strategie weiter. In Russland wurde sie über Dugin zur direkten ideologischen Zutat der Führungselite um Putin und Patruschew. 1997 formulierte Brzezinski Eurasien erneut als entscheidendes geopolitisches Schachbrett. Heute baut China über Belt and Road neue kontinentale Verbindungen, Russland und China vertiefen ihre Zusammenarbeit, in der Ukraine wird um die politische Ordnung Osteuropas gekämpft, und die USA versuchen gleichzeitig, im Indo-Pazifik eine chinesische Vormachtstellung zu verhindern.
Das bedeutet nicht, dass Washington, London, Moskau oder Peking täglich nach Mackinders Landkarte handeln. Es bedeutet etwas Interessanteres: Mehr als 120 Jahre nach seinem Vortrag stellen Strategen noch immer fast dieselbe Frage wie Mackinder – was geschieht, wenn eine Macht die gewaltigen Ressourcen Eurasiens so miteinander verbinden kann, dass keine andere Macht sie mehr ausbalancieren kann? Die Antwort darauf hat sich seit 1904 verändert. Die Frage erstaunlich wenig.
Quellenbasis und weiterführende Literatur
Primärquellen: Halford J. Mackinder, The Geographical Pivot of History (The Geographical Journal, 1904); Mackinder, Democratic Ideals and Reality (1919); Mackinder, The Round World and the Winning of the Peace (Foreign Affairs, 1943).
Deutsches Kaiserreich und Wirtschaft: Robert C. Allen, International Competition in Iron and Steel, 1850–1913; Stephen Broadberry und Carsten Burhop zur britisch-deutschen Produktivitäts- und Reallohnentwicklung; neuere Cambridge-Forschung zur deutschen Hochindustrialisierung.
Flottenrüstung und Weltpolitik: 1914-1918 Online – International Encyclopedia of the First World War, Beiträge zur deutsch-britischen Naval Race, Imperialismus, deutscher und britischer Vorkriegsplanung.
Bagdadbahn: 1914-1918 Online sowie Erik Grimmer-Solem und weitere neuere Forschungen zu deutscher Weltpolitik, Osmanischem Reich, Mesopotamien und den deutsch-britischen Verhandlungen von 1914.
Rezeption Mackinders (westlich): Oliver Krause, Mackinder's "heartland" – legitimation of US foreign policy in World War II and the Cold War of the 1950s, Geographica Helvetica, 2023.
Rezeption Mackinders (russisch): Charles Clover, Black Wind, White Snow: The Rise of the New Russian Nationalism; Clover, „The Unlikely Origins of Russia's Manifest Destiny", Foreign Policy, 2016; „In Moscow, A New Eurasianism", StopFake, 2015; American Foreign Policy Council, „It's Time to Drop 'Eurasia'"; Australian Institute of International Affairs, „Eurasianism Debates in Post-Soviet Russia", 2019; Kolossov/Turovsky, „Russian Geopolitics at the Fin-de-Siècle", Geopolitics, 2001; „RussianTellurocracy: Considering Alexander Dugin's Mackinderian Influence", ResearchGate/Academia.edu, 2022; The Rest Journal, „Russia's Ukraine Revanchism: Dugin, Neo-Eurasianism, and the Emerging World Order", 2023; Mises Institute, „Understanding Russia's War: The Strange Philosophy of Aleksandr Dugin", 2024.
Neuere strategische Debatte: Zbigniew Brzezinski, A Geostrategy for Eurasia, Foreign Affairs 1997; RAND, China-Russia Cooperation; Atlantic Council zu Belt and Road und Heartland; Council on Foreign Relations/Hal Brands zur Eurasia Challenge; CSIS, Musk versus Mackinder.
Aktuelle offizielle Strategiepapiere: britische National Security Strategy 2025 und amerikanische National Defense Strategy 2026 – beide besonders aufschlussreich, weil sie zeigen, wo Mackinder-ähnliche Balancepolitik tatsächlich erkennbar ist und wo die heutige Strategie längst stärker von Indo-Pazifik, Seemacht und Rimland geprägt wird.





















