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US-Journalistin Whitney Webb und das Epstein-Netzwerk


Whitney Webb und das Epstein-Netzwerk
Warum die US-Journalistin Jeffrey Epstein nicht als Einzeltäter betrachtet – und welches Machtgeflecht sie hinter Sex, Geld, Geheimdiensten, Erpressung und Überwachung sieht
Wer sich mit Jeffrey Epstein beschäftigt, landet früher oder später bei Namen. Bill Clinton. Donald Trump. Prince Andrew. Bill Gates. Ehud Barak. Leslie Wexner. Leon Black. Wissenschaftler, Banker, Unternehmer, Politiker.
Whitney Webb hält genau diese Fixierung auf die berühmten Namen für einen der größten Fehler bei der Aufarbeitung des Falls. Ihre zentrale Frage lautet nicht: Wer flog mit Epstein?
Sondern:
Wer machte Jeffrey Epstein überhaupt möglich?
Wer verschaffte einem ehemaligen Lehrer ohne Universitätsabschluss Zugang zu Milliardären?
Woher kamen sein Geld und seine außergewöhnliche gesellschaftliche Macht?
Warum konnte ein bereits verurteilter Sexualstraftäter weiterhin mit Politikern, Wissenschaftlern, Milliardären und Spitzenmanagern verkehren? Warum ignorierten Banken jahrelang Warnsignale?
Und vor allem:
War Epstein wirklich der Chef seines Systems – oder lediglich ein besonders sichtbarer Knoten eines wesentlich älteren Netzwerkes?
Diese Frage beschäftigt die amerikanische Investigativjournalistin Whitney Webb seit Jahren.
Webb arbeitet seit 2016 als Autorin und investigative Journalistin, war von 2017 bis 2020 bei MintPress News tätig und ist heute Herausgeberin beziehungsweise zentrale Autorin von Unlimited Hangout. Ihr monumentales zweibändiges Werk One Nation Under Blackmail erschien 2022 und umfasst rund 900 Seiten.
Ihre These ist radikal:
Jeffrey Epstein sei nicht als isolierter Sexualstraftäter zu verstehen. Hinter seinem Aufstieg habe sich ein historisch gewachsenes Geflecht aus organisiertem Verbrechen, Geheimdiensten, Finanzwelt, Politik und Methoden sexueller Erpressung befunden. Bewiesen ist diese große Gesamttheorie bis heute nicht.
Aber einiges von dem, worauf Webb seit Jahren hinweist, ist inzwischen erheblich weniger spekulativ, als es bei Veröffentlichung ihrer ersten Epstein-Serie 2019 erschien.
Webb beginnt nicht bei Epstein – sondern Jahrzehnte früher
Das vielleicht Wichtigste an ihrer Arbeit ist ihre Perspektive.
Während nahezu jede Epstein-Dokumentation mit Palm Beach, Ghislaine Maxwell oder dem berühmten Privatjet beginnt, startet Webb ihre Geschichte ungefähr ein halbes Jahrhundert früher.
In ihrer Darstellung entsteht der Epstein-Komplex aus einer langen historischen Verbindung zwischen amerikanischem organisiertem Verbrechen und staatlichen Nachrichtendiensten.
Der Ausgangspunkt ist unter anderem die Zusammenarbeit amerikanischer Behörden mit der Mafia während des Zweiten Weltkriegs und danach.
Webb verfolgt von dort Netzwerke um organisierte Kriminalität, politische Korruption und sexuelle Erpressung über Persönlichkeiten wie Meyer Lansky, Lewis Rosenstiel und Roy Cohn bis hinein in die amerikanische Politik des Kalten Krieges. Ihre These: Sexuelle Erpressung war lange vor Epstein ein Machtinstrument.
Menschen werden in kompromittierende Situationen gebracht. Sexuelle Begegnungen werden dokumentiert.
Das Material kann anschließend als Druckmittel dienen. Geheimdienste kennen dieses Prinzip als klassische
Honeypot-Operation. Organisierte Kriminalität kennt Erpressung ohnehin.
Webbs zentrale historische Hypothese lautet, dass diese beiden Welten in den USA über Jahrzehnte immer wieder miteinander verschmolzen seien. Das ist der Schlüssel zum Verständnis ihrer Arbeit:
Epstein erfindet nach Webb das System nicht. Er übernimmt beziehungsweise modernisiert ein bereits vorhandenes Modell.
Roy Cohn – einer der wichtigsten Männer in Webbs Geschichte
Ein Name taucht in Webbs Arbeit immer wieder auf: Roy Cohn.
Cohn war Staatsanwalt im Umfeld der McCarthy-Ära, später einer der einflussreichsten New Yorker Anwälte und Berater zahlreicher Unternehmer, Politiker und Personen aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität.
Donald Trump bezeichnete Cohn später als einen wichtigen Mentor seiner frühen Karriere.
Webb betrachtet Cohn als Bindeglied zwischen:
Politik
→ organisierter Kriminalität
→ Geheimdienstmilieus
→ kompromittierenden sexuellen Netzwerken.
In ihrer 2019 veröffentlichten Serie Government by Blackmail versucht sie nachzuzeichnen, wie sexuelle Erpressungsstrukturen rund um Cohn und verwandte Kreise bis in höchste politische Ebenen hineinreichen konnten.
Nicht jede Verbindung, die Webb hier rekonstruiert, besitzt dieselbe Beweisqualität.
Manches beruht auf Gerichtsunterlagen und historischen Dokumenten.
Anderes auf Aussagen ehemaliger Beteiligter, Journalisten, Biografien oder späteren Zeugenaussagen.
Gerade deshalb sollte man ihre Arbeit weniger als abschließend bewiesenes Strafverfahren lesen denn als:
riesige Netzwerkkarte mit unterschiedlich starken Verbindungslinien.
Dann erscheint Leslie Wexner
Wenn Webb einen Menschen neben Epstein selbst als besonders entscheidend betrachtet, ist es wahrscheinlich Leslie Wexner. Der milliardenschwere Unternehmer baute ein Handelsimperium auf, zu dem zeitweise Victoria's Secret, The Limited und Abercrombie & Fitch gehörten.
Und genau Wexner verschaffte Epstein etwas, das dieser vorher nicht besaß:
Zugang zu wirklichem Milliardenvermögen.
Epstein wurde Ende der 1980er-Jahre Wexners Finanzberater. 1991 erhielt er eine außergewöhnlich
weitreichende Power of Attorney, also Vollmacht über Wexners finanzielle Angelegenheiten. Epstein wurde zudem in Wexners Stiftungsstrukturen eingebunden und gelangte in den Besitz beziehungsweise die Verfügung über enorm wertvolle Vermögenswerte. Die enge Beziehung zwischen beiden ist umfangreich dokumentiert.
Genau deshalb sagt Webb sinngemäß:
Wer verstehen will, wie Epstein von einem kaum bekannten Finanzberater zum Besitzer riesiger Immobilien, Flugzeuge und eines internationalen Netzwerkes wurde, müsse vor allem Wexner untersuchen. Und diese Frage ist 2026 aktueller denn je.
Wexner sagte im Februar 2026 vor dem US-Kongress aus. Er bezeichnete Epstein als einen „world-class con man“, erklärte, er sei von ihm getäuscht worden, und bestritt jede Kenntnis oder Beteiligung an dessen Sexualverbrechen. Wexner ist wegen Epsteins Straftaten nicht angeklagt worden. Gleichzeitig bestätigte seine Aussage erneut, wie weitreichend die finanzielle Macht war, die er Epstein über Jahre eingeräumt hatte.
Damit bleibt Webbs Frage bestehen:
Warum vertraute einer der reichsten Unternehmer Amerikas ausgerechnet Jeffrey Epstein derart umfassend?
Die Mega Group
Von Wexner führt Webb zum nächsten Netzwerk.
In den 1990er-Jahren gründeten Wexner und Charles Bronfman eine informelle philanthropische Gruppe vermögender jüdischer Unternehmer, die später als Mega Group bekannt wurde.
Ihre Mitglieder engagierten sich insbesondere für jüdische Bildungs-, Wohltätigkeits- und Israel-Projekte.
Die Existenz dieser Gruppe ist nicht geheim und ihre Mitgliedschaft ist selbstverständlich kein Hinweis auf kriminelles Verhalten.
Webb interessiert sich für die Gruppe aus einem anderen Grund:
Einige Personen ihres Umfelds überschnitten sich mit Epsteins Geschäfts-, Politik- und Kontaktwelt sowie mit hochrangigen israelischen Persönlichkeiten. Daraus rekonstruiert Webb ein Netzwerk zwischen amerikanischem Großkapital, israelischer Politik, Geheimdienstkontakten und Personen aus Epsteins unmittelbarer Umgebung.
Dabei ist eine wichtige Präzisierung notwendig.
Webb schreibt selbst nicht, die Beweise zeigten schlicht: „Mossad → Epstein.“
Ihre Formulierung ist differenzierter.
Sie beschreibt vielmehr „ein Netz“, in dem Geschäftsleute, Politiker, organisierte Kriminalität sowie amerikanische und israelische Geheimdienstmilieus miteinander verbunden seien.
Das ist ein bedeutender Unterschied.
Robert Maxwell – der nächste entscheidende Knoten
Dann kommt Robert Maxwell. Vater von Ghislaine Maxwell • Medienunternehmer • Milliardär • International hervorragend vernetzt. Nach seinem mysteriösen Tod 1991 erhielt Maxwell in Israel ein außergewöhnlich hochrangiges Begräbnis, an dem führende israelische Politiker teilnahmen. Über seine möglichen Verbindungen zum israelischen Geheimdienst wurde jahrzehntelang geschrieben. Webb stützt sich dabei unter anderem auf frühere Veröffentlichungen sowie Aussagen des früheren israelischen Geheimdienstmitarbeiters und Waffenhändlers Ari Ben-Menashe.
Ben-Menashe behauptete gegenüber dem Journalisten Zev Shalev ausdrücklich, Robert Maxwell habe Epstein in ein israelisches Nachrichtendienstumfeld eingeführt und Epsteins spätere Tätigkeit habe auch der Sammlung kompromittierender Informationen gedient. Das ist eine spektakuläre Behauptung. Aber: Sie ist keine gerichtlich festgestellte Tatsache.
Ben-Menashes Glaubwürdigkeit und einzelne seiner früheren Behauptungen sind seit Jahrzehnten umstritten.
Genau hier muss man zwischen Webbs Recherche und dem Beweisstatus unterscheiden.
Webb betrachtet diese Aussagen als Baustein innerhalb eines größeren Indizienbildes.
Ein Beweis dafür, dass Epstein offiziell für den Mossad arbeitete, ist daraus bislang nicht entstanden. „Epstein gehörte zum Geheimdienst“. Noch berühmter ist eine andere Geschichte.
2019 berichtete die Journalistin Vicky Ward, der frühere Staatsanwalt Alexander Acosta habe während seiner Überprüfung für das Amt des US-Arbeitsministers gesagt, man habe ihm während der ursprünglichen Epstein-Ermittlungen erklärt, Epstein „gehöre zum Geheimdienst“, weshalb er sich zurückhalten solle.
Dieser Satz wurde zu einem der zentralen Argumente für die Intelligence-Theorie.
Auch Webb verweist darauf. Nur gibt es ein Problem: Acosta bestritt später gegenüber einer offiziellen Untersuchung des US-Justizministeriums, Kenntnis davon gehabt zu haben, dass Epstein ein Geheimdienst-Asset gewesen sei. Der ursprüngliche Satz stammt aus Wards Bericht unter Berufung auf eine anonyme Quelle.
Damit ist dieser berühmte Satz: interessant – aber nicht bewiesen.
Und genau das zeigt die Schwierigkeit des gesamten Falls. Aber dann sind da die Kameras
Die Blackmail-Theorie würde natürlich wesentlich plausibler, wenn Epstein seine Gäste systematisch überwachte.
Und hier wird es interessant. Opfer und ehemalige Mitarbeiter berichteten über Kameras in seinen Häusern.
Bei der Durchsuchung seines New Yorker Hauses fanden FBI-Agenten zudem große Mengen elektronischer Datenträger und Festplatten. Beim Maxwell-Prozess wurde öffentlich, dass ein aufgesägter Safe unter anderem Festplatten und Datenträger enthielt. Das beweist noch nicht, dass Epstein ein systematisches staatliches Erpressungsarchiv führte.
Das US-Justizministerium erklärte nach einer umfassenden Überprüfung 2025 sogar ausdrücklich, es habe keine glaubwürdigen Beweise dafür gefunden, dass Epstein prominente Personen systematisch erpresste. Ebenso habe man keine belastende „Client List“ gefunden. Das ist der stärkste offizielle Widerspruch zu Webbs zentraler Blackmail-These. Man sollte ihn nicht unterschlagen. Allerdings ist auch das nicht automatisch das Ende der Diskussion.
Mehrere Personen mit Zugang zu den beschlagnahmten Daten erklärten 2025 gegenüber Business Insider ebenfalls, sie hätten keinen Hinweis auf eine Geheimdienstoperation oder ein systematisches Honeypot-Programm gefunden.
Damit stehen derzeit zwei sehr unterschiedliche Interpretationen nebeneinander:
Whitney Webb: Das historische Netzwerk, Epsteins Kontakte, Überwachung, Finanzierung und Geheimdienstverbindungen ergeben zusammen das Bild eines Blackmail-Systems. DOJ/FBI: bDie überprüften Beweismittel liefern keinen glaubwürdigen Nachweis eines systematischen Erpressungsprogramms oder einer Geheimdienstbeziehung. Diese Differenz ist zentral.
Und dann kommt Ghislaine Maxwell
Was dagegen überhaupt nicht mehr spekulativ ist:
Ghislaine Maxwell war nicht lediglich Epsteins gesellschaftliche Begleiterin.
Eine amerikanische Jury verurteilte sie 2021 wegen ihrer Rolle bei der Rekrutierung und sexuellen Ausbeutung minderjähriger Mädchen. 2022 erhielt sie eine Haftstrafe von 20 Jahren.
Damit ist eine Kernannahme früherer Epstein-Recherchen endgültig bestätigt:
Epstein arbeitete nicht allein. Es existierte zumindest ein organisiertes System der Rekrutierung und sexuellen Ausbeutung. Die entscheidende offene Frage lautet lediglich:
Wie weit reichte dieses System darüber hinaus?
Webb interessiert sich deshalb kaum für die berühmte „Kundenliste“
Das unterscheidet sie von einem großen Teil der öffentlichen Epstein-Debatte.
Die Öffentlichkeit will: Namen. Webb will: Infrastruktur.
Wer finanzierte Epstein?
Wer führte ihn in die Elite ein?
Welche Banken ließen ihn jahrelang arbeiten?
Welche Anwälte schützten ihn?
Welche Unternehmen profitierten von seinen Kontakten?
Welche Geheimdienst- und Sicherheitsstrukturen kreuzten sich mit seinem Umfeld?
Welche Institutionen öffneten ihm nach seiner Verurteilung weiterhin ihre Türen?
Das ist eine wesentlich unangenehmere Fragestellung.
Denn eine „Kundenliste“ könnte das Problem auf zwanzig böse Männer reduzieren. Webbs Modell sagt dagegen:
Das Problem könnte institutionell gewesen sein.
Die Banken: Einer der stärksten Punkte ihrer Argumentation
Hier bekam die Vorstellung eines umfassenderen Ermöglichungsnetzwerkes später erhebliche Unterstützung aus Gerichtsverfahren. Epstein war ungefähr 15 Jahre Kunde von JPMorgan Chase.
Interne Warnungen über ihn wurden bekannt. 2023 zahlte JPMorgan rund 290 Millionen Dollar, um eine Sammelklage von Epstein-Opfern beizulegen. Später zahlte die Bank weitere 75 Millionen Dollar in einem Verfahren der US Virgin Islands. JPMorgan bestritt, von Epsteins Straftaten gewusst zu haben. Nachdem JPMorgan Epstein als Kunden beendet hatte, wechselte er zur Deutschen Bank. Auch sie zahlte 2023 75 Millionen Dollar, um eine Klage von Epstein-Opfern beizulegen, die der Bank vorgeworfen hatten, Warnsignale ignoriert zu haben. Die Bank erkannte mit dem Vergleich keine strafrechtliche Beteiligung an.
Für Webbs Grundthese ist das wichtig. Denn damit wird zumindest die Aussage schwer bestreitbar:
Epstein konnte nur deshalb über Jahrzehnte derart operieren, weil mächtige Institutionen immer wieder mit ihm Geschäfte machten. Das beweist keine Geheimdienststeuerung. Aber es zerstört das Bild des isolierten Einzelgängers.
Epstein, Ehud Barak und Carbyne
Ein weiterer Teil von Webbs früher Recherche wirkt heute bemerkenswert aktuell.
Bereits 2019 schrieb sie ausführlich über Epsteins Beziehungen zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten und früheren Militärgeheimdienstchef Ehud Barak sowie über die Sicherheits- und Überwachungsfirma Carbyne, früher Reporty. Webb stellte dabei eine Verbindung zwischen Epstein, Barak, israelischen Geheimdiensttechnologien und einem zunehmend privatisierten Überwachungsmarkt her.
Damals wirkte diese Geschichte für viele Leser wie ein gewaltiger spekulativer Sprung.
2026 lieferten neu veröffentlichte Unterlagen jedoch zusätzliche Fakten:
Forbes berichtete anhand der Epstein-Akten, Epstein habe über Barak rund eine Million Dollar in die spätere Carbyne investiert. Das Unternehmen entwickelt Technologien für Notruf-, Standort- und Sicherheitskommunikation.
Damit ist Webbs weitergehende Interpretation nicht automatisch bewiesen.
Aber: Die finanzielle Verbindung Epstein → Barak → Überwachungstechnologie war real.
Und genau deshalb sollte man ihre älteren Arbeiten heute noch einmal lesen.
Von sexueller Überwachung zu digitaler Überwachung
Hier erweitert Webb ihre These erheblich.
Sie argumentiert: Die klassische Form von Macht durch kompromittierendes Material habe sich technologisch weiterentwickelt.
Früher:
Hotelzimmer
→ Kamera
→ kompromittierendes Video.
Heute:
Smartphone
→ Standortdaten
→ Kommunikation
→ Finanztransaktionen
→ Gesichtserkennung
→ Cloud
→ künstliche Intelligenz.
Für Webb besteht deshalb eine Verbindung zwischen ihrer Epstein-Recherche und ihren heutigen Arbeiten über:
- Palantir
- Peter Thiel
- digitale Identitäten
- Stablecoins
- Überwachungstechnologie
- private Nachrichtendienstunternehmen
- und öffentlich-private Sicherheitsstrukturen
Ihre These lautet vereinfacht: Wer alles über einen Menschen weiß, benötigt möglicherweise überhaupt keinen klassischen Sexfilm mehr, um Macht über ihn auszuüben. Das erklärt, warum sie den Epstein-Komplex nicht als abgeschlossenes Kapitel betrachtet. Epstein ist tot - das Machtmodell, das sie untersucht, ist es ihrer Ansicht nach nicht.
Harvard, MIT und die Welt der Wissenschaft
Webb untersucht außerdem Epsteins erstaunlichen Zugang zu Wissenschaft und Universitäten.
Epstein pflegte nach seiner ersten strafrechtlichen Verurteilung weiterhin Kontakte zu Wissenschaftlern und Institutionen.
Webb schrieb unter anderem über: Harvard, MIT, Bill Gates, Noam Chomsky und Wissenschaftler aus Bereichen wie künstliche Intelligenz, Genetik und Transhumanismus.
2023 untersuchte sie beispielsweise ausführlich die später bekannt gewordenen Treffen zwischen Epstein und Noam Chomsky und argumentierte, Epstein habe gezielt intellektuelle Netzwerke aufgebaut, die mit seinen Interessen an Genetik, Eugenik und Transhumanismus zusammenhingen.
Wieder gilt: Ein Treffen mit Epstein beweist keine Beteiligung an seinen Straftaten. Gerade bei diesem Fall ist Kontakt nicht gleich Schuld. Aber Webbs Frage bleibt interessant:
Warum suchte ein verurteilter Sexualstraftäter derart intensiv die Nähe zu führenden Wissenschaftlern – und warum ließen sich viele weiterhin auf ihn ein?
Bill Gates und Microsoft
Webb widmete auch dem Verhältnis von Epstein zu Bill Gates umfangreiche Recherchen.
Sie argumentiert dabei, die öffentliche Darstellung der Gates-Epstein-Beziehung sei lange zu eng auf persönliche Treffen fokussiert worden und übersehe ältere institutionelle beziehungsweise geschäftliche Verbindungen im Microsoft- und Technologiekontext. Ihre weitergehende Interpretation ist umstritten.
Unstrittig ist inzwischen jedoch, dass Gates Epstein nach dessen Verurteilung mehrfach traf – etwas, das Gates später selbst als Fehler bezeichnete. Auch hier folgt Webb demselben Muster: Sie interessiert sich weniger für die Frage:
„War Gates auf Epsteins Insel?“ als: „Warum konnte Epstein nach seiner Verurteilung weiterhin als Vermittler zwischen Milliardären, Wissenschaft, Philanthropie und Technologie auftreten?“
Das ist die eigentlich interessante Frage. Webb weigert sich, Epstein parteipolitisch zu betrachten
Das dürfte einer der Gründe sein, warum sie weder im klassischen linken noch rechten politischen Lager problemlos einzuordnen ist.
Ihre Epstein-Serie beschäftigt sich mit:
- Trump
- Clinton
- George W. Bush jr.
- israelischen Politikern
- Wall Street
- Silicon Valley
- amerikanischen Geheimdiensten.
- organisierter Kriminalität
Sie argumentiert ausdrücklich, das Netzwerk könne nicht sinnvoll einer einzelnen Partei oder einem einzelnen Staat zugerechnet werden.
In ihrer 2019er Serie formuliert sie es sinngemäß als ein System, das Nationalitäten und Parteigrenzen überschreitet.
Das ist möglicherweise eine ihrer wichtigsten Beobachtungen.
Denn tatsächliche Machteliten wechseln nicht zwangsläufig alle vier Jahre, nur weil der Präsident wechselt.
Und Donald Trump?
Webb hat deshalb auch Trump nie aus ihrer Epstein-Recherche herausgelassen. Das ist bemerkenswert, weil ein großer Teil der alternativen amerikanischen Medienlandschaft den Epstein-Komplex lange fast ausschließlich mit Bill Clinton und Demokraten verband. Webb betrachtet Trumps jahrzehntelanges soziales Umfeld in New York und Florida dagegen ebenfalls als relevanten Untersuchungsgegenstand.
2025 startete Unlimited Hangout beispielsweise die Serie „First Friends“, die Personen aus Trumps langjährigem Umfeld untersucht, die zugleich Verbindungen zu Epstein oder Maxwell besaßen.
Auch hier gilt selbstverständlich: Bekanntschaft mit Epstein ist kein Beweis sexuellen oder sonstigen kriminellen Fehlverhaltens. Webbs Argument lautet vielmehr: Wenn man wirklich das Netzwerk untersucht, darf man die Untersuchung nicht abbrechen, sobald sie das eigene politische Lager erreicht.
Der neue Epstein-Aktenberg
Seit Webbs Büchern hat sich die Quellenlage erheblich verändert. Am 30. Januar 2026 veröffentlichte das
US-Justizministerium mehr als drei Millionen zusätzliche Seiten. Zusammen mit vorherigen Veröffentlichungen umfasst die offizielle Veröffentlichung inzwischen fast: 3,5 Millionen Seiten, 2.000 Videos und 180.000 Bilder.
Die Unterlagen stammen unter anderem aus den Ermittlungen gegen Epstein und Maxwell, Untersuchungen zu Epsteins Tod und mehreren FBI-Verfahren. Doch das DOJ warnt selbst:
Unter dem Material befinden sich auch Dokumente und Hinweise, die Bürger beim FBI eingereicht haben und die falsch oder gefälscht sein können.
Deshalb gilt: Ein Name in den Epstein-Files beweist zunächst überhaupt nichts. Das ist bei der kommenden Auswertung entscheidend. Die offizielle Epstein Library wird weiterhin aktualisiert und war zuletzt im Juli 2026 ergänzt worden.
Interessanterweise holen die neuen Akten teilweise Webbs alte Themen wieder ein
Leslie Wexner musste 2026 vor dem Kongress aussagen. Epsteins Carbyne-Investment wurde genauer dokumentiert.
Neue Dokumente zeigen weitere Details seiner Beziehungen zu Banken, Unternehmern und Investoren.
Und dennoch bleibt die große Frage nach einer nachrichtendienstlich gesteuerten Erpressungsoperation weiterhin offen.
Das ist vielleicht die fairste Zwischenbilanz zu Whitney Webb:
Einige ihrer Netzwerklinien werden mit jeder Veröffentlichung konkreter.
Ihre große Gesamthypothese ist dadurch aber noch nicht vollständig bewiesen.
Wo ihre Arbeit besonders stark ist: Webbs große Stärke besteht meines Erachtens darin, dass sie eine Frage stellt, die in vielen Mainstream-Berichten lange fehlte:
Nicht: „Mit welchen Prominenten war Epstein befreundet?“
Sondern: „Welche Systeme ermöglichten Epstein?“
Das führt zwangsläufig zu: Banken, Stiftungen, Geheimdiensten, Unternehmen, Anwaltskanzleien, Politik,
Universitäten und Technologie.
Und damit wird aus einer True-Crime-Geschichte eine Untersuchung über Machtstrukturen.
Gerade die späteren Verfahren gegen JPMorgan und Deutsche Bank zeigen, dass dieser institutionelle Blick keineswegs absurd war.
Wo man bei Webb vorsichtig sein muss
Eine andere Eigenschaft ihrer Arbeit ist gleichzeitig Stärke und Schwäche: Sie arbeitet extrem stark mit Netzwerken.
Person A kennt Person B. B arbeitete mit C. C finanzierte Unternehmen D. D hatte Kontakte zu Geheimdienst E.
Diese Methode kann Strukturen sichtbar machen, die bei der Betrachtung einzelner Personen unsichtbar bleiben.
Aber sie birgt eine Gefahr: Nähe ist noch keine Komplizenschaft. Ein Kontakt ist kein Agentenverhältnis.
Eine Investition ist kein Geheimdienstauftrag. Eine gemeinsame Organisation beweist keine gemeinsame Straftat.
Und ein Mensch kann Epstein getroffen haben, ohne irgendetwas über seine Verbrechen zu wissen.
Deshalb muss man bei Webbs Arbeit ständig unterscheiden zwischen: Dokumentierter Verbindung
und Interpretation dieser Verbindung.
Der größte Streitpunkt: War Epstein tatsächlich ein Geheimdienst-Asset?
Hier muss der Artikel eindeutig sein: Öffentlich bewiesen ist es bis heute nicht.
Das DOJ und FBI erklärten 2025 ausdrücklich, keinen glaubwürdigen Nachweis für ein systematisches Blackmail-System gefunden zu haben. Mehrere Personen mit direktem Zugang zu beschlagnahmten FBI-Unterlagen erklärten ebenfalls,
sie hätten dort keinen Hinweis auf eine amerikanische oder ausländische Geheimdienstbeziehung entdeckt.
Acosta bestritt Kenntnis von einer Intelligence-Beziehung.
Andererseits existieren: die Maxwell-Familiengeschichte, Ben-Menashes Behauptungen,
Epsteins Beziehungen zu ehemaligen Geheimdienst- und Regierungschefs, seine Investitionen in Überwachungstechnologie, sein ungewöhnlicher Schutz durch mächtige Institutionen, und die schwer erklärbare Entwicklung seines Vermögens und Einflusses. Genau aus dieser Kombination baut Webb ihre These.
Ob daraus irgendwann ein gerichtsfester Beweis wird, ist eine andere Frage.
Vielleicht ist „Für welchen Geheimdienst arbeitete Epstein?“ ohnehin die falsche Frage
Und genau hier wird Webbs Analyse besonders interessant. Sie argumentiert letztlich nicht für das klassische James-Bond-Modell: Epstein erhält morgens vom Mossad einen Umschlag und meldet sich abends bei seinem Führungsoffizier.
Ihr Modell ist wesentlich diffuser.
Alle können zeitweise dieselben Personen und Strukturen benutzen, ohne dass eine einzige Institution vollständige Kontrolle besitzt. Das wäre dann weniger eine Geheimdienstoperation im klassischen Sinn.
Sondern: eine private Machtstruktur, die staatliche und kriminelle Netzwerke miteinander verbindet.
Und genau das meint der Titel ihres Buches: One Nation Under Blackmail.
Ihre Arbeit endet deshalb nicht mit Epsteins Tod
2025 untersuchte Webb gemeinsam mit anderen Autoren mögliche Überschneidungen zwischen dem Umfeld von Sean „Diddy“ Combs und Netzwerken, die sie bereits aus ihrer Epstein-Recherche kannte. Dabei argumentiert Unlimited Hangout, sexuelle Ausbeutung, Aufzeichnungen kompromittierender Begegnungen und der Schutz mächtiger Personen könnten auch in anderen Teilen der Unterhaltungsindustrie nach ähnlichen Mustern funktionieren. Die weitergehenden Netzwerkbehauptungen dieser Serie sind allerdings wiederum nicht gerichtlich festgestellt und müssen als Recherchehypothesen behandelt werden.
2026 arbeitet Webb gleichzeitig weiter an Leslie Wexners Strukturen und untersuchte mit Mark Goodwin, wie Wexners Stadtentwicklungsprojekt New Albany, Ohio, später zu einem bedeutenden Standort für Big-Tech-, Rechenzentrums- und KI-Infrastruktur wurde.
Damit wird klar:
Epstein ist für Webb inzwischen eher eine Eingangstür in ein wesentlich größeres Forschungsgebiet.
Denn ihre Arbeit besitzt genau dort den größten Wert, wo sie Leser zwingt, aus der üblichen Prominentenperspektive auszusteigen.
Der Epstein-Komplex war nie nur: Ein reicher Pädophiler kannte berühmte Menschen.
Ghislaine Maxwells Verurteilung beweist ein organisiertes Rekrutierungs- und Missbrauchssystem.
Die Bankenvergleiche zeigen institutionelles Versagen beziehungsweise zumindest massive rechtliche Risiken aufgrund ihrer Geschäftsbeziehungen zu Epstein.
Wexners außergewöhnliche finanzielle Beziehung zu Epstein ist dokumentiert.
Epsteins Investition in Überwachungstechnologie gemeinsam mit Ehud Barak ist inzwischen ebenfalls konkreter dokumentiert. Und Millionen neuer Akten zeigen, wie gewaltig der Umfang des Ermittlungsstoffs tatsächlich ist.
Der vielleicht wichtigste Satz ihrer gesamten Recherche
Webb schrieb bereits 2019 sinngemäß, die vorliegenden Verbindungen deuteten nicht einfach auf einen einzigen Geheimdienst, sondern auf ein Netzwerk aus Politik, organisierter Kriminalität, Kapital und nachrichtendienstlichen Interessen. Das ist vermutlich der Punkt, an dem ihre Arbeit häufig missverstanden wird. Sie sucht nicht nach einem Mann hinter dem Vorhang. Sie sucht nach einem System.
Und vielleicht erklärt genau das, warum der Fall Epstein trotz Millionen veröffentlichter Dokumente noch immer nicht wirklich abgeschlossen wirkt. Denn Jeffrey Epstein ist tot und Ghislaine Maxwell sitzt im Gefängnis.
Aber viele der Institutionen, Finanzstrukturen, politischen Netzwerke und Technologien, die Whitney Webb seit Jahren untersucht, bestehen weiter. Die eigentliche Frage lautet deshalb möglicherweise nicht mehr: Wer war Jeffrey Epstein? Sondern: Was war Jeffrey Epstein – und wem nützte das System, in dem er jahrzehntelang operieren konnte?
Quellen
- Whitney Webb – Autorenprofil: https://unlimitedhangout.com/author/whitney-webb/
- Hidden in Plain Sight: The Shocking Origins of the Jeffrey Epstein Case: https://unlimitedhangout.com/2019/07/investigative-series/hidden-in-plain-sight-the-shocking-origins-of-the-jeffrey-epstein-case/
- Government by Blackmail: Jeffrey Epstein, Trump’s Mentor and the Dark Secrets of the Reagan Era: https://unlimitedhangout.com/2019/07/investigative-series/government-by-blackmail-jeffrey-epstein-trumps-mentor-and-the-dark-secrets-of-the-reagan-era/
- Mega Group, Maxwells and Mossad: https://unlimitedhangout.com/2019/08/investigative-series/mega-group-maxwells-and-mossad-the-spy-story-at-the-heart-of-the-jeffrey-epstein-scandal/
- From Spook Air to the Lolita Express: https://unlimitedhangout.com/2019/08/investigative-series/from-spook-air-to-the-lolita-express-the-genesis-and-evolution-of-the-jeffrey-epstein-bill-clinton-relationship/
- How the CIA, Mossad and the Epstein Network Are Exploiting Mass Shootings: https://unlimitedhangout.com/2019/09/investigative-series/how-the-cia-mossad-and-the-epstein-network-are-exploiting-mass-shootings-to-create-an-orwellian-nightmare/
- Former Israeli Intel Official Claims Jeffrey Epstein, Ghislaine Maxwell Worked for Israel: https://unlimitedhangout.com/2019/10/investigative-series/former-israeli-intel-official-claims-jeffrey-epstein-ghislaine-maxwell-worked-for-israel/
- Leslie Wexner’s Young Global Leaders: https://unlimitedhangout.com/2022/08/investigative-reports/leslie-wexners-young-global-leaders/
- Unraveling the Epstein-Chomsky Relationship: https://unlimitedhangout.com/2023/05/investigative-reports/unraveling-the-epstein-chomsky-relationship/
- First Friends – Part 1: https://unlimitedhangout.com/2025/07/investigative-series/first-friends-part1/
- Technate, Ohio – New Albany: https://unlimitedhangout.com/2026/03/investigative-reports/technate-ohio-new-albany/
- Unlimited Hangout – Epstein Archiv: https://unlimitedhangout.com/epstein/
- DOJ – Ghislaine Maxwell Sentenced to 20 Years: https://www.justice.gov/usao-sdny/pr/ghislaine-maxwell-sentenced-20-years-prison-conspiring-jeffrey-epstein-sexually-abuse
- DOJ/FBI Memorandum zu Epstein 2025: https://www.justice.gov/opa/media/1407001/dl
- DOJ – 3,5 Millionen Seiten Epstein Files veröffentlicht: https://www.justice.gov/opa/pr/department-justice-publishes-35-million-responsive-pages-compliance-epstein-files
- DOJ – Epstein Library: https://www.justice.gov/epstein
- DOJ – Epstein Disclosures: https://www.justice.gov/epstein/doj-disclosures
- US House Oversight – Leslie Wexner Deposition Video: https://oversight.house.gov/release/oversight-committee-releases-les-wexner-deposition-video/
- AP – Leslie Wexner nennt Epstein „world-class con man“: https://apnews.com/article/epstein-wexner-congress-subpoena-733833f6d648c09e6b3473eb1cd4009d
- Reuters – Wexner sagt vor Kongress zu Epstein aus: https://www.reuters.com/world/us/billionaire-wexner-says-he-visited-epsteins-island-denies-knowledge-financiers-2026-02-19/
- Reuters – JPMorgan zahlt 290 Millionen Dollar im Epstein-Vergleich: https://www.reuters.com/legal/jpmorgan-agrees-settle-with-epstein-victim-class-action-suit-2023-06-12/
- Reuters – Deutsche Bank zahlt 75 Millionen Dollar im Epstein-Vergleich: https://www.reuters.com/legal/us-judge-approves-deutsche-bank-75-million-settlement-with-epstein-accusers-2023-10-20/
- Forbes – Epstein, Ehud Barak und Carbyne: https://www.forbes.com/sites/thomasbrewster/2026/02/10/epstein-police-surveillance-investments-with-ehud-barak/
- Business Insider – Was Jeffrey Epstein a Spy?: https://www.businessinsider.com/jeffrey-epstein-spy-epstein-files-intelligence-asset-trump-bondi-2025-7
- AP – FBI-Auswertung der Epstein-Akten: https://apnews.com/article/049c96080a2ca2c12c84ac506437e50b


















