Halbierung auf 18 Prozent: Sachsen-Anhalt stellt die CDU bloß

Ein politisches Debakel mit Ansage – und ein Ministerpräsident, der sich nun an der Realität abarbeiten muss.
Die „Deutschland-Koalition“ in Sachsen-Anhalt (CDU, SPD, FDP) ist krachend abgewählt.


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Sachsen-Anhalt nach der Wahl: Der Kampf um die Regierungsbildung beginnt


Magdeburg/Berlin, 8. September 2026


Zwei Tage nach der Landtagswahl ist klar: Das eigentliche Ringen um die Macht in Sachsen-Anhalt hat gerade erst begonnen. Im Mittelpunkt stehen ein offener Machtkampf in der CDU, die Frage nach der Rolle des BSW bei der Ministerpräsidentenwahl – und eine seltene verfassungsrechtliche Drohung aus Berlin.


Das Ergebnis in Zahlen

Die AfD kam auf 43,8 Prozent der Stimmen und stellt mit 39 der 83 Landtagssitze künftig die stärkste Fraktion. Die CDU erreichte 17,2 Prozent und 15 Sitze. Die SPD kam auf 9,3 Prozent und 8 Sitze, die Grünen auf 8,9 Prozent und ebenfalls 8 Sitze, die Linke auf 8,6 Prozent und 8 Sitze. Das BSW schaffte mit 5,3 Prozent den Einzug und stellt 5 Abgeordnete. Insgesamt hat der neue Landtag 83 Sitze, die absolute Mehrheit liegt bei 42 Stimmen. Die AfD verfehlt sie mit ihren 39 Sitzen um drei Mandate.


Der Machtkampf in der CDU

Sven Schulze hat am Wahlabend angekündigt, beim für Ende November oder Anfang Dezember geplanten Sonderparteitag nicht erneut für den CDU-Landesvorsitz zu kandidieren. Er begründete das damit, „auch persönlich meine Verantwortung für dieses Wahlergebnis" zu übernehmen.

Zugleich hat Schulze sich in einer Kampfabstimmung der CDU-Landtagsfraktion mit 8 zu 7 Stimmen gegen den bisherigen Fraktionschef Guido Heuer durchgesetzt und übernimmt damit den Fraktionsvorsitz im Landtag. Er bleibt außerdem bis zur Bildung einer neuen Landesregierung geschäftsführend im Amt des Ministerpräsidenten.

Für den frei werdenden Landesvorsitz hat der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Sepp Müller seine Kandidatur angekündigt. Er begründet dies mit dem Ziel, „Glaubwürdigkeit" durch „Prinzipientreue" zurückzugewinnen. Müller hatte bereits drei Tage vor der Wahl öffentlich gesagt, dass die AfD bei einem entsprechenden Ergebnis den Regierungsauftrag habe – eine Äußerung, für die ihn Kanzler Merz im Bundesvorstand kritisierte. In der Sache vertritt Müller eine doppelte Abgrenzung: keine Zusammenarbeit mit der AfD, aber ebenso keine mit der Linken. Zwischen Schulze und Müller gilt das Verhältnis als angespannt; beide haben Unterstützer innerhalb der Landes-CDU, und weitere Namen werden parteiintern gehandelt.


Schulze verzichtet auf MPK-Vorsitz

Sachsen-Anhalt hätte turnusgemäß zum 1. Oktober 2026 für ein Jahr den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) übernehmen sollen. Schulze bat die bisherige Vorsitzländer Rheinland-Pfalz und den Co-Vorsitz Niedersachsen in einem Brief, davon abzusehen. Zur Begründung verwies er auf die „Ungewissheit über den Fortgang der Regierungsbildung" nach der Wahl, wodurch eine „einwandfreie technische und inhaltliche Vorbereitung" der Jahres-MPK nicht gewährleistet sei.


Das Verfahren zur Ministerpräsidentenwahl

Der neue Landtag muss spätestens am 6. Oktober zusammentreten. Für die Wahl des Ministerpräsidenten gilt: Im ersten und zweiten Wahlgang ist die absolute Mehrheit von 42 Stimmen erforderlich. Kommt auch im zweiten Wahlgang keine Mehrheit zustande, entscheidet ein möglicher dritter Wahlgang mit der Mehrheit der abgegebenen Stimmen – Enthaltungen zählen dabei nicht als Nein-Stimmen. Ein ähnliches Verfahren hatte 2024 in Thüringen dazu geführt, dass Bodo Ramelow (Linke) erst im dritten Wahlgang mit Stimmen von Rot-Rot-Grün gewählt wurde, nachdem der AfD-Kandidat zuvor zweimal alle Fraktionsstimmen erhalten, aber keine Mehrheit erreicht hatte.

Für Sachsen-Anhalt bedeutet das rechnerische Bild: AfD und ein mögliches Vier-Parteien-Bündnis aus CDU, SPD, Grünen und Linken kommen jeweils auf ähnlich knappe Sitzzahlen. CDU, SPD und Grüne allein kämen nur auf 31 Sitze, mit dem BSW auf 36 – für eine Mehrheit von 42 fehlen dann noch sechs Stimmen. Erst mit der Linken zusammen kämen alle fünf nicht-AfD-Fraktionen auf 44 Sitze.


Der entscheidende Sonderfall: Sachsen-Anhalt kennt keine Frist für die Ministerpräsidentenwahl

Ein Punkt wird in der öffentlichen Debatte bislang oft übersehen, ist aber verfassungsrechtlich zentral: Anders als in den meisten anderen Bundesländern gibt es in Sachsen-Anhalt keine Frist mehr, bis wann der neue Landtag einen Ministerpräsidenten wählen muss. Bis zur siebten Wahlperiode musste der erste Wahlgang noch innerhalb von 14 Tagen nach der konstituierenden Landtagssitzung stattfinden. Im Zuge einer Parlamentsreform 2020 wurde diese Frist aus Artikel 65 Absatz 1 der Landesverfassung ausdrücklich gestrichen. Nach Recherchen des Verfassungsblogs geschah dies mit Blick auf die damals bereits erstarkte AfD und die Sorge, eine zweiwöchige Frist könnte sich „in bestimmten politischen Konstellationen als zu kurz erweisen". Übrig geblieben ist lediglich die Pflicht, dass sich der neue Landtag spätestens 30 Tage nach der Wahl – also bis zum 6. Oktober – konstituieren muss. Wann er anschließend über einen neuen Ministerpräsidenten abstimmt, schreibt die Verfassung nicht mehr vor.

Die praktische Folge: Bis zur Wahl eines Nachfolgers bleibt die amtierende Regierung unter Sven Schulze geschäftsführend im Amt, damit kein Machtvakuum entsteht – so ist es auch im Grundgesetz für den Bund vorgesehen. Weil es in Sachsen-Anhalt aber keine Frist gibt, bis wann diese Wahl erfolgen muss, könnte eine geschäftsführende Regierung theoretisch sehr lange amtieren, wenn sich im Landtag keine Mehrheit für einen Kandidaten findet. Schulze selbst hatte bereits im Juli, in der ZDF-Sendung von Markus Lanz, offen angesprochen, dass es „wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum erst mal keine Wahl des Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt geben" werde, sollte sich aus der politischen Mitte keine Mehrheit finden. Er selbst würde in diesem Fall als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt bleiben.

Einschränkungen gibt es dabei dennoch: Eine geschäftsführende Regierung unterliegt nach juristischer Einschätzung dem sogenannten Versteinerungsprinzip – sie darf laufende Geschäfte fortführen, aber das bestehende Kabinett nicht mehr grundlegend umbilden oder neue politische Weichen stellen. Zudem kann der Landtag der Situation nicht einfach durch seine eigene Selbstauflösung entgehen: Eine solche Auflösung ist nach Artikel 60 Absatz 2 der Landesverfassung ausdrücklich ausgeschlossen, solange nicht zuvor ein Ministerpräsident gewählt wurde, und für eine reguläre Auflösung ist ohnehin eine Zweidrittelmehrheit der Abgeordneten nötig – eine hohe Hürde angesichts der aktuellen Kräfteverhältnisse. Rechtswissenschaftler wie Robert Böttner (Verfassungsblog) betonen daher, dass die fehlende Frist zwar theoretisch eine geschäftsführende Regierung bis zur nächsten regulären Wahl 2031 ermöglichen würde, dies aber nicht bedeutet, dass es tatsächlich so kommen muss oder wird.


Das BSW als Königsmacher

Damit rückt die Position des BSW mit seinen 5 Sitzen in den Mittelpunkt. Die Partei äußert sich dazu nicht ganz einheitlich, die Grundlinie ist aber inzwischen erkennbar:

BSW-Bundesvorsitzende Amira Mohamed Ali erklärte im Sender phoenix unmissverständlich: „Wir werden Herrn Siegmund nicht wählen." Das BSW sei offen, mit allen Parteien über Sachfragen zu sprechen, werde aber „keine Koalitionsgespräche führen". Zugleich bestätigte sie, dass sich das BSW in einem möglichen dritten Wahlgang enthalten werde – das mache die Partei aus ihrer Sicht nicht zum „Steigbügelhalter" der AfD, weil dadurch zunächst „eine Pattsituation" entstehe: Nur wenn auch aus der CDU niemand die AfD wähle, bliebe Siegmund am Ende ohne Mehrheit. Der sachsen-anhaltische BSW-Spitzenkandidat Thomas Schulze bekräftigte im Deutschlandfunk, das BSW werde „keine Brandmauer"-Politik mitmachen und stehe für Gespräche mit allen Parteien offen; er wies den Vorwurf des Steigbügelhalter-Vorwurfs zurück und verwies stattdessen auf andere Parteien. Das BSW will zudem eine eigene, parteiübergreifende Person für das Ministerpräsidentenamt vorschlagen. Parteigründerin Sahra Wagenknecht zeigte sich offen dafür, „mit jedem" über einen politischen Kurswechsel zu sprechen – etwa in der Energiepolitik oder bei den Russland-Sanktionen –, lehnte eine Übernahme des AfD-Programms aber ab.

Andere Parteien lehnen jede Form der Zusammenarbeit mit der AfD weiterhin kategorisch ab; das gilt sowohl für die CDU-Spitze um Merz und Müller als auch für SPD, Grüne und Linke.


Merz bringt Bundeszwang ins Spiel

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte eine Äußerung von Kanzler Merz nach den Beratungen von Präsidium und Bundesvorstand: „Das Grundgesetz gilt auch für Sachsen-Anhalt." Sollten dort „Grenzen überschritten" werden, werde die Bundesregierung „alles tun, um das zu korrigieren"; das Grundgesetz kenne eine „Pflicht zur Bundestreue". Als Beispiel nannte er die Einwanderungs- und Ausländerpolitik. Zuvor hatte bereits FDP-Chef Wolfgang Kubicki ein entschiedenes Eingreifen des Bundes angedeutet, sollte eine AfD-geführte Landesregierung Bundesrecht unterlaufen.

Gemeint ist damit der sogenannte Bundeszwang nach Artikel 37 des Grundgesetzes, der dem Bund mit Zustimmung des Bundesrats ein Weisungsrecht gegenüber einem Bundesland einräumt. Das Instrument wurde in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie angewendet und gilt unter Verfassungsjuristen als „rostiges Schwert". Es greift zudem ausdrücklich nur dort, wo ein Land geltendes Bundesrecht missachtet – eine vollständige Entmachtung einer gewählten Landesregierung, wie sie in manchen Kommentaren anklingt, ist damit nicht gedeckt. Der Verfassungsrechtler Oscar Prust (Universität Halle) mahnte, der Bundeszwang sei „das letzte Mittel", das man „nicht leichtfertig ziehen" solle; zuvor stünden dem Bund mildere Mittel wie die Rechtsaufsicht bei der Ausführung von Bundesgesetzen oder eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht zur Verfügung. Umgekehrt warnte der Staatsrechtler Rupert Scholz davor, ein demokratisches Wahlergebnis vorschnell politisch oder administrativ infrage zu stellen. Wie weit Merz' Äußerung tatsächlich reicht, ist unter Verfassungsjuristen selbst umstritten: Ausdrücklich mit dem Begriff „Bundeszwang" hat der Kanzler bislang nicht operiert.


Was die AfD plant

Ulrich Siegmund kündigte an, mit anderen Fraktionen und auch mit einzelnen Abgeordneten Gespräche über eine stabile Mehrheit führen zu wollen; die AfD-Fraktion verschickt inzwischen Einladungen zu Sondierungsgesprächen, ausdrücklich auch an die CDU. Nach Reuters-Recherchen liegt bereits ein 100-Tage-Sofortprogramm vor, das unter anderem eine Neuordnung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, eine deutlich restriktivere Migrations- und Abschiebepolitik samt zusätzlicher Abschiebekapazitäten, separate Beschulung für geflüchtete Kinder sowie eine Aufarbeitung der Corona-Politik vorsieht. Zu Spekulationen über mögliche CDU-Überläufer gibt es weiterhin keinen belastbaren Beleg; Sepp Müller hat solche Übertritte ausdrücklich ausgeschlossen.


Die möglichen Szenarien

Auf Basis der aktuellen Sitzverteilung und Aussagen der Beteiligten zeichnen sich mehrere mögliche Wege ab:

  1. AfD erreicht die absolute Mehrheit. Käme es zu einzelnen Stimmen aus anderen Fraktionen für Siegmund – etwa 39 AfD-Stimmen plus drei weitere –, könnte die AfD im ersten oder zweiten Wahlgang eine Alleinregierung bilden. Voraussetzung wären Abweichler aus anderen Fraktionen, für die es bislang keine Belege gibt.
  2. Siegmund wird im dritten Wahlgang gewählt, ohne dass AfD und BSW formal koalieren. Stimmen die 39 AfD-Abgeordneten für Siegmund, enthält sich das BSW wie angekündigt, und votiert auch aus keiner anderen Fraktion jemand aktiv dagegen beziehungsweise gelingt kein gemeinsamer Gegenkandidat, könnte die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen im dritten Wahlgang für Siegmund ausreichen.
  3. AfD-Minderheitsregierung mit wechselnden, punktuellen Mehrheiten. Statt einer klassischen Koalition könnte eine AfD-geführte Minderheitsregierung von Fall zu Fall Unterstützung suchen – etwa beim BSW zu einzelnen Sachthemen. AfD-Bundeschef Tino Chrupalla hat ein solches Modell öffentlich angesprochen.
  4. Ein Bündnis aus CDU, SPD, Grünen, Linken und BSW. Rechnerisch die einzige Konstellation ohne AfD, die eine Mehrheit (44 Sitze) erreichen würde – politisch aber voraussetzungsreich, unter anderem weil die CDU eine Zusammenarbeit mit der Linken bislang ausschließt und auch innerhalb des BSW für einen überparteilichen statt einen CDU-nahen Ministerpräsidenten geworben wird.
  5. Ein länger andauernder Patt ohne mehrheitsfähige Regierung – mit der Möglichkeit, dass die Landesverfassung am Ende ein Verfahren zur vorzeitigen Neuwahl eröffnet, sollte auch nach mehreren Wahlgängen keine tragfähige Mehrheit zustande kommen. Auch die AfD selbst hat eine Neuwahl bereits als mögliches Szenario benannt.

Welcher dieser Wege tatsächlich eintritt, dürfte sich in den Wochen bis zur konstituierenden Sitzung am 6. Oktober entscheiden.



Vorläufiges amtliches Endergebnis - 03:27 Uhr

CDU 17,2 % - AfD 43,8 % | Die Linke 8,6 % | SPD 9,3 % | FDP 2,6 % | Grüne 8,9 % | BSW 5,3 %


Update: Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt – die Stimmen, die Zahlen, die Optionen


Magdeburg/Berlin, 7. September 2026


Ein Tag nach der Landtagswahl zeichnet sich das Bild schärfer ab: Die AfD hat mit rund 43,8 Prozent klar gewonnen, die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze ist auf rund 17,2 Prozent abgestürzt – ein Verlust von fast 20 Prozentpunkten gegenüber 2021 (37,1 Prozent). Bemerkenswert: Die CDU hat nach vorläufigen Zahlen der Landeswahlleitung in keinem einzigen der 41 Wahlkreise ein Direktmandat gewonnen. Die Linke, die Grünen und die SPD liegen jeweils um die 8 bis 9 Prozent, wobei die Grünen ihr bislang bestes Landtagswahl-Ergebnis in Sachsen-Anhalt einfahren. Das BSW schafft nach den vorliegenden Zahlen knapp den Einzug in den Landtag, die FDP scheitert und verpasst damit nach dem Bundestag auch den Wiedereinzug ins Magdeburger Parlament. Ein amtliches Endergebnis lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht vor; die genannten Werte basieren auf dem vorläufigen Ergebnis der Landeswahlleitung.


Die Sitzverteilung – und warum das BSW zum Schlüssel wird

Nach vorläufiger Sitzverteilung entfallen von den 83 Landtagssitzen rund 39 auf die AfD, 15 auf die CDU, jeweils 8 auf SPD, Grüne und Linke sowie 5 auf das BSW. Die absolute Mehrheit liegt bei 42 Sitzen.

Das Bemerkenswerte an dieser Verteilung: Sowohl die AfD allein als auch ein Bündnis aus CDU, SPD, Grünen und Linken kämen jeweils auf etwa 39 Sitze – exakt drei zu wenig für eine eigene Mehrheit. Erst mit dem BSW an Bord käme ein Vier- oder Fünf-Parteien-Lager gegen die AfD auf eine denkbare Mehrheit. Eine Regierungsbildung gegen die AfD wäre damit rechnerisch nur möglich, wenn CDU, SPD, Grüne, Linke und BSW zusammenarbeiten – eine Konstellation, die als äußerst ungewöhnlich, sehr kompliziert und kaum vorstellbar gilt, zumal die CDU eine Zusammenarbeit mit der Linken per Parteitagsbeschluss ausgeschlossen hat.


Die Stimmen der Parteien

AfD: Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sprach am Wahlabend in der ARD von einem historischen Erfolg: „Wir haben in diesem Land Geschichte geschrieben.“ Das Ergebnis sei „ein Zeichen, das könnte kaum deutlicher sein“, und meldete den Anspruch auf eine grundlegende politische Wende in Sachsen-Anhalt an. Für den Fall, dass sich keine Mehrheit für ihn findet, drohte er unverblümt mit Neuwahlen: „Im Notfall würde es halt Neuwahlen geben, dann haben wir halt 50 oder 55 Prozent.“ Co-Bundesvorsitzende Alice Weidel sprach von einem „historischen Ergebnis“ und einem „ganz klaren Regierungsauftrag“, betonte zugleich Gesprächsbereitschaft („Unsere Hand ist immer ausgestreckt“) und deutete gegenüber der Funke Mediengruppe eine mögliche Bundespolitik-Karriere für Siegmund an. Co-Chef Tino Chrupalla stichelte in Richtung Kanzler Merz: „Friedrich Merz wollte uns halbieren, wir haben jetzt die CDU halbiert“ – und brachte eine von der AfD geführte Minderheitsregierung ins Spiel, die sich vom BSW dulden lassen und mit wechselnden Mehrheiten arbeiten könnte.

CDU: Sven Schulze räumte die Niederlage in der ARD unumwunden ein: „Es ist für uns eine Niederlage.“ Vor Anhängern sprach er zugleich staatsmännisch von Demokratie und einem Zeichen der Wähler. Innerparteilich wächst der Druck: Die Junge Union Sachsen-Anhalt forderte den Rücktritt des gesamten Landesvorstands, Landeschef Nico Elsner erklärte, ein Weiter-so könne es bei diesem Ergebnis nicht geben, und die frühere Bildungsministerin Eva Feußner verlangte Schulzes Rücktritt als Parteichef. Kanzler und Bundes-CDU-Chef Friedrich Merz wollte sich am Montagnachmittag gemeinsam mit Schulze der Presse stellen – unter erschwerten Bedingungen: Laut ZDF-Politbarometer sagen drei Viertel der Befragten, Merz habe dem Abschneiden der CDU geschadet, auch fast die Hälfte der eigenen Anhängerschaft sieht das so.

SPD: Parteichef und Vizekanzler Lars Klingbeil wertete das Ergebnis als „Zäsur“ und schloss jede Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch aus: „Wir werden der AfD nicht die Hand ausstrecken. […] Wir setzen uns mit der AfD nicht an einen Tisch.“ Die SPD selbst blieb mit rund 8 bis 9 Prozent in etwa auf dem Niveau von 2021.

Grüne: Bundesvorsitzender Felix Banaszak zeigte sich bestürzt über das AfD-Ergebnis und sprach von „dramatischen Zuständen“ – reagierte aber zugleich sichtlich stolz auf das für seine Partei beste Landtagswahl-Ergebnis in Sachsen-Anhalt.

Linke: Parteichefin Ines Schwerdtner richtete den Ball an die CDU: „Es liegt bei der CDU, zu sagen: Wer übernimmt jetzt die Verantwortung.“ Zugleich schloss sie flexible Mehrheiten mit der AfD kategorisch aus: „Es muss ganz klar sein, dass es keine wechselnden Mehrheiten mit der AfD gibt.“ Inhaltlich verwies sie unter anderem auf den Ausbau von Kita-Plätzen als Bedingung für Gespräche.

FDP: Bundeschef Wolfgang Kubicki sprach von einem „bitteren Tag für die gesamte Partei“ – die FDP bleibt nach dem Bundestag nun auch im Magdeburger Landtag außen vor.

BSW: Die Partei zeigt sich in der Frage der AfD-Nähe intern nicht ganz einheitlich. Spitzenkandidatin Claudia Wittig schloss eine punktuelle Zusammenarbeit mit der AfD nicht aus und sagte in der ARD, bei 44 Prozent AfD-Stimmen wäre es „völlig undemokratisch“, die Partei nicht in irgendeiner Form an der Regierung zu beteiligen. Bundesvorsitzende Amira Mohamed Ali erklärte dagegen am Wahlabend klar: „Wir werden weder Herrn Schulze noch Herrn Siegmund wählen.“ Parteigründerin Sahra Wagenknecht zeigte sich grundsätzlich offen für einen „politischen Neuanfang“ und wirbt für ein eigenes Modell: einen überparteilichen Ministerpräsidenten, der mit wechselnden Mehrheiten regiert – ausdrücklich auch unter Einschluss der AfD. Bislang unterstützt keine andere Partei diese Idee.


Wie geht es jetzt konkret weiter?

Am Montag werteten zunächst die Parteivorstände in Berlin das Ergebnis aus, mit einer Serie von Pressekonferenzen: FDP (11 Uhr), AfD (10:15 Uhr), Linke (12:45 Uhr), CDU/Merz mit Schulze (13:30 Uhr) sowie SPD und Grüne (jeweils 14 Uhr). Am Montagabend tagte zudem der CDU-Landesvorstand in Sachsen-Anhalt – dort dürfte es auch um Schulzes politische Zukunft gegangen sein.

Rechtlich gilt: Der neue Landtag muss laut Landesverfassung spätestens 30 Tage nach der Wahl erstmals zusammentreten, also bis zum 6. Oktober. Die Amtszeit von Ministerpräsident und Kabinett endet formal mit der ersten Sitzung, sie bleiben aber bis zur Wahl von Nachfolgern geschäftsführend im Amt. Die erste Sitzung leitet der Alterspräsident, bis ein neuer Landtagspräsident gewählt ist; nach der jüngsten Parlamentsreform hat dabei nur im ersten Wahlgang die stärkste Fraktion das alleinige Vorschlagsrecht.

Der Ministerpräsident wird geheim und ohne Aussprache gewählt, eine feste Frist dafür gibt es nicht. Kommt im ersten Wahlgang keine Mehrheit der Mitglieder zustande, muss binnen sieben Tagen ein zweiter Wahlgang folgen. Scheitert auch dieser, entscheidet der Landtag innerhalb von vierzehn Tagen, ob die Wahlperiode vorzeitig beendet wird – geschieht das nicht, reicht in einem weiteren Wahlgang die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen.


Wie könnte eine Regierungsbildung gelingen?

Drei Szenarien werden derzeit diskutiert:

  1. Ein breites Bündnis gegen die AfD aus CDU, SPD, Grünen, Linken und BSW – rechnerisch die einzige Mehrheit ohne die AfD, politisch aber wegen des CDU-Ausschlusses der Linken sowie der uneinheitlichen BSW-Position als kaum realistisch eingeschätzt.
  2. Eine geduldete Minderheitsregierung. Sowohl für eine CDU-geführte als auch für eine von der AfD geführte Variante wird über Tolerierung durch Dritte spekuliert – im Fall der AfD etwa durch das BSW, wie Chrupalla andeutete; im Fall der CDU müssten Linke oder BSW punktuell mitziehen, was Schwerdtner für die Linke aber ausdrücklich an feste Bedingungen knüpft.
  3. Neuwahlen, sollte sich in mehreren Wahlgängen keine Mehrheit für einen Ministerpräsidenten finden – ein Szenario, das Siegmund selbst offen als Drohung formuliert hat, weil er sich davon ein noch besseres AfD-Ergebnis verspricht.


Überläufer aus der CDU zur AfD?

Spekulationen über mögliche Fraktionswechsel einzelner CDU-Abgeordneter zur AfD halten sich seit Monaten. Einzelne AfD-Politiker berichten von Gesprächen mit CDU-Landtagsabgeordneten über einen möglichen Seitenwechsel – Namen oder Belege dafür liegen bislang nicht vor. Auch Siegmund selbst hält sich bei konkreten Namen bedeckt, ließ aber am Wahlabend rhetorisch die Frage im Raum stehen, ob es „einzelne Abgeordnete“ gebe, die „das doch möglich machen“, oder eine Partei, die „den eigenen Kurswechsel herbeiführt“. Ministerpräsident Schulze wies die Spekulationen zurück und sagte, er rechne nicht mit Abweichlern in seiner Fraktion. Klar ist: Auf möglichen Überläufern würde ein erheblicher öffentlicher Druck lasten, gerade weil schon ein einzelner Wechsel angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse politisch entscheidend werden könnte.


Tolerierung durch das BSW – wie realistisch ist das?

Die entscheidende offene Frage bleibt die Haltung des BSW, das mit seinen rund 5 Sitzen in beiden denkbaren Lagern den Ausschlag geben könnte. Die Partei selbst spricht dabei nicht mit einer Stimme: Landesspitzenkandidatin Wittig hält eine projektbezogene Zusammenarbeit mit der AfD ausdrücklich für möglich und argumentiert mit dem Wählerwillen. Bundeschefin Mohamed Ali positioniert sich dagegen mit der klaren Absage, weder Schulze noch Siegmund zum Ministerpräsidenten zu wählen. Und Parteigründerin Wagenknecht bringt mit dem Modell eines überparteilichen Ministerpräsidenten mit wechselnden Mehrheiten – AfD eingeschlossen – eine dritte, strukturell ganz andere Variante ins Spiel. Welche dieser Linien sich in der

BSW-Fraktion durchsetzt, dürfte für die Regierungsbildung in Magdeburg mitentscheidend sein.


Weitere Reaktionen

  • Arbeitgeberverbände warnten nach der Wahl vor einem „Klima der Abschottung“, das dringend benötigte Fachkräfte von Sachsen-Anhalt fernhalten könnte. International sorgte das Ergebnis ebenfalls für Reaktionen – US-Unternehmer Elon Musk gratulierte auf X knapp mit „Gut gemacht!“. In der Bundespolitik gilt die Wahl als Stimmungstest zwei Wochen vor den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September und dürfte die Debatte in der Bundes-CDU über den Umgang mit der AfD neu befeuern.

Halbierung auf 18 Prozent: Sachsen-Anhalt stellt die CDU bloß

Ein politisches Debakel mit Ansage – und ein Ministerpräsident, der sich nun an der Realität abarbeiten muss.


Die „Deutschland-Koalition“ in Sachsen-Anhalt (CDU, SPD, FDP) ist krachend abgewählt.

CDU (um 18 %) halbiert, SPD (8 %) stabil schwach, die FDP (2 %) nur noch eine Andeutung, BSW zittert bei 5 % und

die AfD (rund 44 %) hat dagegen mit ihrem Spitzenmann Ulrich Siegmund einen klaren Wahlsieg eingefahren


Magdeburg, 6. September 2026


Sachsen-Anhalt hat gewählt. Und das Ergebnis ist weit mehr als eine Niederlage für die CDU. Es ist eine Abrechnung mit einer Partei, die jahrelang davon ausgegangen ist, dass ihre Wähler am Ende schon wieder CDU wählen werden. Sie haben es diesmal nicht getan. Nach der Hochrechnung der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF (Stand 19:26 Uhr) kommt die AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf rund 44,3 bis 44,5 Prozent und wird mit riesigem Abstand stärkste Kraft – mehr als eine Verdopplung ihres Ergebnisses von 2021 (20,8 Prozent). Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzt von 37,1 Prozent auf rund 18,3 bis 18,6 Prozent ab.  Damit verliert sie praktisch die Hälfte ihres bisherigen Wähleranteils. Die Werte schwanken zwischen den einzelnen Hochrechnungen noch leicht; ein amtliches Endergebnis lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes noch nicht vor. Die weiteren Parteien: Die Linke rund 9,2 Prozent, die Grünen rund 8,7 Prozent, die SPD rund 8,2 bis 8,8 Prozent. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) liegt mit 4,8 bis 5,1 Prozent hauchdünn um den Einzug in den Landtag.

Die FDP scheitert mit rund 2,1 bis 2,4 Prozent deutlich an der 5 %-Hürde – FDP-Chef Wolfgang Kubicki sprach von einem „bitteren Tag für die gesamte Partei“. Die Wahlbeteiligung erreichte mit rund 80 Prozent einen historischen Höchstwert für Sachsen-Anhalt. Und mittendrin steht Sven Schulze. Der erst seit Januar amtierende Ministerpräsident muss nun eine politische Realität erklären, die kaum drastischer ausfallen könnte: Die Partei, die er führt, ist nicht einmal halb so stark wie die AfD.


Vom Anspruch der Volkspartei bleibt nicht viel übrig

2021 holte die CDU 37,1 Prozent. Jetzt sind es rund 18 Prozent. Das ist keine normale Wahlniederlage. Das ist ein politischer Absturz. Die CDU wurde in Sachsen-Anhalt seit 2002 von den Wählern immer wieder zur stärksten Kraft gemacht. Nun liegt sie mit mehr als 25 Prozentpunkten Abstand hinter der AfD. Internationale Nachrichtenagenturen wie Reuters und AP werteten das Ergebnis noch am Wahlabend als schweren Rückschlag für die seit Jahren dominierende CDU – und zugleich als Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Politik der Bundesregierung und der wirtschaftlichen Lage.

Und genau deshalb reicht es nicht, an diesem Abend nur von einer „klaren Niederlage“ zu sprechen. Denn das ist die höfliche Formulierung. 18 Prozent sind für eine bisherige Regierungspartei ein Desaster – vor allem dann, wenn der politische Gegner mehr als doppelt so stark ist.


Was sagte Schulze – und was schwingt zwischen den Zeilen mit

Sven Schulze reagierte auf die erste Hochrechnung sichtlich gefasst, aber leise. Vor CDU-Anhängern gratulierte er dem Wahlsieger: „Zuallererst – wir leben in einer Demokratie – möchte ich dem Wahlsieger gratulieren.“ Zur Niederlage seiner Partei sagte er: „Wir werden jetzt mit dem Ergebnis umgehen müssen.“ Manche würden von einem schwarzen Tag für die CDU sprechen, hielt er entgegen, er sage: „Aber das ist Demokratie.“ Die Wähler hätten ein Zeichen gesetzt.

Das klingt zunächst staatsmännisch. Doch zwischen den Zeilen steckt eine unangenehme Botschaft für die CDU: Die Wähler haben nicht einfach nur „falsch“ gewählt, sie haben der Partei eine Rechnung präsentiert. Und diese Rechnung lautet offenbar: Weiter so funktioniert nicht mehr.

Auffällig war zudem, wofür Schulze am Wahlabend keine Worte fand: zu möglichen persönlichen Konsequenzen äußerte er sich zunächst nicht – er sprach von der Partei, nicht von sich selbst. Gegenüber der ARD erklärte er lediglich, er rechne nicht mit Abweichlern aus seiner CDU-Fraktion. Dass diese Frage nach einem solchen Ergebnis überhaupt gestellt wird, sagt bereits einiges über die politische Lage aus.

Der Druck kam denn auch nicht aus der Opposition, sondern aus den eigenen Reihen. Die Junge Union Sachsen-Anhalt forderte noch am Abend einstimmig den Rücktritt des gesamten CDU-Landesvorstands; Landeschef Nico Elsner wurde mit den Worten zitiert, ein Weiter-so könne es bei 18,5 Prozent nicht geben. Die frühere Bildungsministerin und CDU-Landtagsabgeordnete Eva Feußner forderte Schulzes Rücktritt vom Parteivorsitz. Das deutet auf eine offene Führungsdebatte in der Sachsen-Anhalt-CDU hin, die über den Wahlabend hinausreichen dürfte.

Auf der Gegenseite feierte die AfD ausgelassen: Co-Bundesvorsitzende Alice Weidel sprach von einem „historischen Ergebnis“ und wertete es als klaren Regierungsauftrag. Parteichef Tino Chrupalla warf der CDU im ARD-Interview vor, Gesprächsangebote der AfD auszuschlagen, während CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann zuvor erklärt hatte, ihre Partei werde nicht mit der AfD sprechen.


Der eigentliche Verlierer heißt vielleicht gar nicht Schulze

Schulze ist erst seit Januar Ministerpräsident. Er kann deshalb durchaus argumentieren, dass er nicht für sämtliche Fehler der vergangenen Jahre verantwortlich gemacht werden kann. Das ist sachlich richtig. Politisch hilft es ihm allerdings wenig.

Denn die CDU hat ihn zum Spitzenkandidaten gemacht. Er steht für die aktuelle Landes-CDU – und, ob er möchte oder nicht, auch für die politische Richtung, die Friedrich Merz auf Bundesebene vorgibt. Genau diese Verbindung dürfte ein Teil des Problems sein. Die CDU kann natürlich erklären, Landes- und Bundespolitik seien getrennt zu betrachten. Der Wähler hat diese Trennung an diesem Abend offenbar nicht vorgenommen.


Ein Sieger, der nicht regieren kann? Die Optionen zur Regierungsbildung

Das eigentliche Dilemma beginnt nach dem Wahltag. Die AfD hat die Wahl gewonnen, nach den bisherigen Hochrechnungen aber die absolute Mehrheit knapp verfehlt: Der Landtag hat 83 Sitze, die absolute Mehrheit liegt bei 42, die AfD kommt auf etwa 41. Damit entsteht eine paradoxe Situation – die stärkste Partei kann möglicherweise nicht regieren, nicht weil sie zu schwach wäre, sondern weil die anderen Parteien eine Zusammenarbeit mit ihr ausschließen. ZDF-Politikwissenschaftler

Karl-Rudolf Korte brachte es auf den Punkt: Es gebe an diesem Abend „keinen Regierungsauftrag für niemanden“, da die Verfassung einen solchen ohnehin nicht kenne.

Die CDU steht damit vor einer Entscheidung, die sie politisch jahrelang vermieden hat: Was ist ihr wichtiger – die Brandmauer oder das Regieren? Bisher lautet die Antwort eindeutig: Brandmauer. Doch die Wähler haben die CDU auf etwa 18 Prozent zusammengeschrumpft. Damit wird die Brandmauer zunehmend zu einer Mauer, hinter der die CDU selbst steht.

Eine Koalition ohne die AfD müsste CDU, Linke, SPD und Grüne umfassen – und käme nach den bisherigen Hochrechnungen auf ein ähnlich knappes Ergebnis wie die AfD allein, teils sogar leicht darunter. Ob ein solches Bündnis überhaupt eine Mehrheit erreicht, hängt maßgeblich davon ab, ob das BSW die Fünf-Prozent-Hürde nimmt oder nicht (dazu weiter unten).

Eine CDU-Linke-Zusammenarbeit widerspricht zudem dem Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU – als Tolerierung wäre sie dennoch denkbar, wie bereits vor der Wahl in Berichten über Schulzes Wahlkampf angedeutet wurde. Eine Koalition mit der AfD hat die CDU-Führung ausdrücklich ausgeschlossen; SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sprach von einer „sehr, sehr schwierigen Regierungsbildung“, Grünen-Chef Felix Banaszak nannte das Ergebnis einen „Auftrag“, eine rechtsextreme Alleinregierung zu verhindern.


Überläufer? Noch gibt es sie nicht – aber die Spekulation ist bezeichnend

Natürlich wäre es falsch, jetzt von bevorstehenden Übertritten aus der CDU zur AfD zu sprechen. Dafür gibt es derzeit keinen belastbaren Beleg. Schulze selbst weist die Spekulation zurück und sagt, er erwarte keine Abweichler in der CDU-Fraktion.

Aber die politische Mathematik macht das Thema trotzdem interessant: Wenn die AfD nur wenige Sitze von einer eigenen Mehrheit entfernt ist, reicht theoretisch schon ein einzelner Abweichler, um bei bestimmten Abstimmungen die Kräfteverhältnisse zu verändern. Das wäre für die CDU der politische Albtraum. Denn dann würde sich eine Frage stellen, die heute noch hypothetisch ist: Was passiert, wenn einzelne CDU-Abgeordnete ihre persönliche politische Überzeugung irgendwann höher gewichten als die Parteilinie?

Bereits im Vorfeld der Wahl kursierten in ostdeutschen Medien Spekulationen über mögliche Überläufer, befeuert unter anderem durch die Spende eines CDU-Lokalpolitikers an die AfD sowie durch einen Berliner Anwalt aus dem Umfeld Björn Höckes, der trotz Teilnahme an einem umstrittenen „Remigration“-Treffen weiterhin CDU-Mitglied ist und für eine Zusammenarbeit mit der AfD wirbt. Noch ist das alles Spekulation. Aber die CDU sollte sich fragen, warum diese Spekulation nach ihrem Absturz auf 18 Prozent überhaupt so schnell wieder aufkommt.


Und dann ist da noch das BSW

Das BSW könnte zum politischen Zünglein an der Waage werden. Schafft die Partei den Sprung über fünf Prozent, verändert sich die Sitzverteilung erheblich – schafft sie ihn nicht, werden ihre Stimmen auf die im Landtag vertretenen Parteien umgerechnet.

  • Zieht das BSW ein: Es erhält eigene Sitze, die anderen Parteien entsprechend weniger. Ein Bündnis ohne AfD würde dadurch rechnerisch schwieriger, es sei denn, das BSW selbst würde Teil einer solchen Konstellation. BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig erklärte am Wahlabend in der ARD, ihre Partei wolle weder Schulze noch AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten wählen. Gleichzeitig könne sich das BSW „bestimmte Projekte mit der AfD“ vorstellen – eine klassische Koalition schließt sie damit zwar aus, eine punktuelle parlamentarische Zusammenarbeit mit der AfD ausdrücklich aber nicht. Das BSW selbst wirbt zudem für einen überparteilichen Ministerpräsidenten mit wechselnden Mehrheiten – ein politisches Experiment, dessen Ausgang offen ist.
  • Scheitert das BSW: Seine Stimmen (rund 4,8 bis 5 Prozent) werden auf AfD, CDU, Linke, SPD und Grüne umgerechnet – mit spürbaren Auswirkungen auf die Mehrheitsverhältnisse in beide Richtungen. Sowohl eine mögliche absolute Mehrheit der AfD als auch eine mögliche Mehrheit eines AfD-freien Bündnisses hängen an diesem letzten Prozentpunkt.

Für die CDU wäre es am Ende eine bittere Pointe: Die einst übermächtige Regierungspartei könnte darum kämpfen müssen, überhaupt noch eine Mehrheit für ihren eigenen Ministerpräsidenten zusammenzubekommen.


Das eigentliche Problem der CDU

Die CDU kann das Ergebnis jetzt schönreden, auf die schwierige Ausgangslage verweisen, auf die kurze Amtszeit Schulzes, auf Friedrich Merz, auf die AfD als extremistische Kraft, auf die Brandmauer. Nur eines kann sie nicht mehr behaupten: dass die Wähler ihr weiterhin folgen.

Mehr als doppelt so viele Menschen haben ihr Kreuz bei der AfD gemacht wie bei der CDU. Das ist kein Randphänomen.

Das ist ein politisches Signal von historischer Größenordnung.

Die CDU wollte lange die Partei sein, die zwischen den politischen Lagern steht. Jetzt steht sie selbst zwischen den Stühlen: Links von ihr Parteien, mit denen eine Zusammenarbeit für viele CDU-Wähler kaum vorstellbar sein dürfte. Rechts von ihr eine AfD, die inzwischen mehr als doppelt so stark ist. Und dazwischen eine CDU, die sich an ihre Brandmauer klammert.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wer Ministerpräsident wird. Sie lautet: Was ist die CDU bereit zu tun, um überhaupt noch regieren zu können? Denn eines hat Sachsen-Anhalt an diesem Abend gezeigt: Die politische Mitte lässt sich nicht dadurch zurückgewinnen, dass man die Wähler ignoriert, die sie verlassen haben.

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gilt zudem als Stimmungstest zwei Wochen vor den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September – und dürfte auch die Debatte in der Bundes-CDU über den Umgang mit der AfD neu befeuern. Kanzleramtsministerin Nina Warken (CDU) sprach bereits von einer „Zäsur“ für ihre Partei.

Sven Schulze kann das Ergebnis demokratisch nennen. Er kann von einem „Zeichen“ sprechen.
Er kann Geschlossenheit beschwören. Aber am Ende bleibt eine Zahl stehen, die sich nicht wegmoderieren lässt: rund 18,5 Prozent – für eine Partei,  die einmal mit 37 Prozent regiert hat, und für einen Ministerpräsidenten, der jetzt erklären muss, warum seine CDU innerhalb einer Legislaturperiode praktisch halbiert wurde. Sachsen-Anhalt hat gewählt. Die CDU hat verloren. Und jetzt beginnt erst die eigentliche Auseinandersetzung.


Quellen: ZDFheute (Liveblog und Wahlergebnisse), Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt / wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de, Der Tagesspiegel, Handelsblatt, Epoch Times (Ticker, dpa), t-online, Reuters, AP sowie eigene/redaktionell zugelieferte Einordnung. Alle Angaben basieren auf Hochrechnungen vom Wahlabend, nicht auf dem amtlichen Endergebnis, das noch aussteht.

  • https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/landtagswahl-sachsen-anhalt-prognose-hochrechnung-ergebnisse-liveticker-102.html
  • https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/landtagswahl-sachsen-anhalt-wahlergebnisse-cdu-afd-schulze-siegmund-100.html
  • https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/lt26/
  • https://statistik.sachsen-anhalt.de/themen/gebiet-und-wahlen/wahlen/landtagswahl-2026
  • https://www.tagesspiegel.de/politik/dramatischer-wahlkampf-in-sachsen-anhalt-sven-schulze-verteidigt-einsam-die-brandmauer-15968611.html
  • https://tagesspiegel.de/politik/erste-prognose-zur-wahl-in-sachsen-anhalt-16023968.html
  • https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wahl-in-sachsen-anhalt-afd-gewinnt-deutlich-bsw-muss-zittern-fdp-klar-raus/100252039.html
  • https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/ticker-landtagswahl-erste-hochrechnung-afd-441-prozent-cdu-185-prozent-a5600214.html
  • https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101409582/wahlergebnisse-fuer-sachsen-anhalt-hochrechnungen-und-sitzverteilung.html

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