
Halbierung auf 18 Prozent: Sachsen-Anhalt stellt die CDU bloß
Ein politisches Debakel mit Ansage – und ein Ministerpräsident, der sich nun an der Realität abarbeiten muss.
Die „Deutschland-Koalition“ in Sachsen-Anhalt (CDU, SPD, FDP) ist krachend abgewählt.


Stand: 21:08 Uhr (ARD):
CDU 17,8 % - AfD 44,0 % | Die Linke 8,8 % | SPD 9,1 % | FDP 2,4 % | Grüne 8,7 % | BSW 5,1 %
Halbierung auf 18 Prozent: Sachsen-Anhalt stellt die CDU bloß
Ein politisches Debakel mit Ansage – und ein Ministerpräsident, der sich nun an der Realität abarbeiten muss.
Die „Deutschland-Koalition“ in Sachsen-Anhalt (CDU, SPD, FDP) ist krachend abgewählt.
CDU (um 18 %) halbiert, SPD (8 %) stabil schwach, die FDP (2 %) nur noch eine Andeutung, BSW zittert bei 5 % und
die AfD (rund 44 %) hat dagegen mit ihrem Spitzenmann Ulrich Siegmund einen klaren Wahlsieg eingefahren
Magdeburg, 6. September 2026
Sachsen-Anhalt hat gewählt. Und das Ergebnis ist weit mehr als eine Niederlage für die CDU. Es ist eine Abrechnung mit einer Partei, die jahrelang davon ausgegangen ist, dass ihre Wähler am Ende schon wieder CDU wählen werden. Sie haben es diesmal nicht getan. Nach der Hochrechnung der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF (Stand 19:26 Uhr) kommt die AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf rund 44,3 bis 44,5 Prozent und wird mit riesigem Abstand stärkste Kraft – mehr als eine Verdopplung ihres Ergebnisses von 2021 (20,8 Prozent). Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzt von 37,1 Prozent auf rund 18,3 bis 18,6 Prozent ab. Damit verliert sie praktisch die Hälfte ihres bisherigen Wähleranteils. Die Werte schwanken zwischen den einzelnen Hochrechnungen noch leicht; ein amtliches Endergebnis lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes noch nicht vor. Die weiteren Parteien: Die Linke rund 9,2 Prozent, die Grünen rund 8,7 Prozent, die SPD rund 8,2 bis 8,8 Prozent. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) liegt mit 4,8 bis 5,1 Prozent hauchdünn um den Einzug in den Landtag.
Die FDP scheitert mit rund 2,1 bis 2,4 Prozent deutlich an der 5 %-Hürde – FDP-Chef Wolfgang Kubicki sprach von einem „bitteren Tag für die gesamte Partei“. Die Wahlbeteiligung erreichte mit rund 80 Prozent einen historischen Höchstwert für Sachsen-Anhalt. Und mittendrin steht Sven Schulze. Der erst seit Januar amtierende Ministerpräsident muss nun eine politische Realität erklären, die kaum drastischer ausfallen könnte: Die Partei, die er führt, ist nicht einmal halb so stark wie die AfD.
Vom Anspruch der Volkspartei bleibt nicht viel übrig
2021 holte die CDU 37,1 Prozent. Jetzt sind es rund 18 Prozent. Das ist keine normale Wahlniederlage. Das ist ein politischer Absturz. Die CDU wurde in Sachsen-Anhalt seit 2002 von den Wählern immer wieder zur stärksten Kraft gemacht. Nun liegt sie mit mehr als 25 Prozentpunkten Abstand hinter der AfD. Internationale Nachrichtenagenturen wie Reuters und AP werteten das Ergebnis noch am Wahlabend als schweren Rückschlag für die seit Jahren dominierende CDU – und zugleich als Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Politik der Bundesregierung und der wirtschaftlichen Lage.
Und genau deshalb reicht es nicht, an diesem Abend nur von einer „klaren Niederlage“ zu sprechen. Denn das ist die höfliche Formulierung. 18 Prozent sind für eine bisherige Regierungspartei ein Desaster – vor allem dann, wenn der politische Gegner mehr als doppelt so stark ist.
Was sagte Schulze – und was schwingt zwischen den Zeilen mit
Sven Schulze reagierte auf die erste Hochrechnung sichtlich gefasst, aber leise. Vor CDU-Anhängern gratulierte er dem Wahlsieger: „Zuallererst – wir leben in einer Demokratie – möchte ich dem Wahlsieger gratulieren.“ Zur Niederlage seiner Partei sagte er: „Wir werden jetzt mit dem Ergebnis umgehen müssen.“ Manche würden von einem schwarzen Tag für die CDU sprechen, hielt er entgegen, er sage: „Aber das ist Demokratie.“ Die Wähler hätten ein Zeichen gesetzt.
Das klingt zunächst staatsmännisch. Doch zwischen den Zeilen steckt eine unangenehme Botschaft für die CDU: Die Wähler haben nicht einfach nur „falsch“ gewählt, sie haben der Partei eine Rechnung präsentiert. Und diese Rechnung lautet offenbar: Weiter so funktioniert nicht mehr.
Auffällig war zudem, wofür Schulze am Wahlabend keine Worte fand: zu möglichen persönlichen Konsequenzen äußerte er sich zunächst nicht – er sprach von der Partei, nicht von sich selbst. Gegenüber der ARD erklärte er lediglich, er rechne nicht mit Abweichlern aus seiner CDU-Fraktion. Dass diese Frage nach einem solchen Ergebnis überhaupt gestellt wird, sagt bereits einiges über die politische Lage aus.
Der Druck kam denn auch nicht aus der Opposition, sondern aus den eigenen Reihen. Die Junge Union Sachsen-Anhalt forderte noch am Abend einstimmig den Rücktritt des gesamten CDU-Landesvorstands; Landeschef Nico Elsner wurde mit den Worten zitiert, ein Weiter-so könne es bei 18,5 Prozent nicht geben. Die frühere Bildungsministerin und CDU-Landtagsabgeordnete Eva Feußner forderte Schulzes Rücktritt vom Parteivorsitz. Das deutet auf eine offene Führungsdebatte in der Sachsen-Anhalt-CDU hin, die über den Wahlabend hinausreichen dürfte.
Auf der Gegenseite feierte die AfD ausgelassen: Co-Bundesvorsitzende Alice Weidel sprach von einem „historischen Ergebnis“ und wertete es als klaren Regierungsauftrag. Parteichef Tino Chrupalla warf der CDU im ARD-Interview vor, Gesprächsangebote der AfD auszuschlagen, während CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann zuvor erklärt hatte, ihre Partei werde nicht mit der AfD sprechen.
Der eigentliche Verlierer heißt vielleicht gar nicht Schulze
Schulze ist erst seit Januar Ministerpräsident. Er kann deshalb durchaus argumentieren, dass er nicht für sämtliche Fehler der vergangenen Jahre verantwortlich gemacht werden kann. Das ist sachlich richtig. Politisch hilft es ihm allerdings wenig.
Denn die CDU hat ihn zum Spitzenkandidaten gemacht. Er steht für die aktuelle Landes-CDU – und, ob er möchte oder nicht, auch für die politische Richtung, die Friedrich Merz auf Bundesebene vorgibt. Genau diese Verbindung dürfte ein Teil des Problems sein. Die CDU kann natürlich erklären, Landes- und Bundespolitik seien getrennt zu betrachten. Der Wähler hat diese Trennung an diesem Abend offenbar nicht vorgenommen.
Ein Sieger, der nicht regieren kann? Die Optionen zur Regierungsbildung
Das eigentliche Dilemma beginnt nach dem Wahltag. Die AfD hat die Wahl gewonnen, nach den bisherigen Hochrechnungen aber die absolute Mehrheit knapp verfehlt: Der Landtag hat 83 Sitze, die absolute Mehrheit liegt bei 42, die AfD kommt auf etwa 41. Damit entsteht eine paradoxe Situation – die stärkste Partei kann möglicherweise nicht regieren, nicht weil sie zu schwach wäre, sondern weil die anderen Parteien eine Zusammenarbeit mit ihr ausschließen. ZDF-Politikwissenschaftler
Karl-Rudolf Korte brachte es auf den Punkt: Es gebe an diesem Abend „keinen Regierungsauftrag für niemanden“, da die Verfassung einen solchen ohnehin nicht kenne.
Die CDU steht damit vor einer Entscheidung, die sie politisch jahrelang vermieden hat: Was ist ihr wichtiger – die Brandmauer oder das Regieren? Bisher lautet die Antwort eindeutig: Brandmauer. Doch die Wähler haben die CDU auf etwa 18 Prozent zusammengeschrumpft. Damit wird die Brandmauer zunehmend zu einer Mauer, hinter der die CDU selbst steht.
Eine Koalition ohne die AfD müsste CDU, Linke, SPD und Grüne umfassen – und käme nach den bisherigen Hochrechnungen auf ein ähnlich knappes Ergebnis wie die AfD allein, teils sogar leicht darunter. Ob ein solches Bündnis überhaupt eine Mehrheit erreicht, hängt maßgeblich davon ab, ob das BSW die Fünf-Prozent-Hürde nimmt oder nicht (dazu weiter unten).
Eine CDU-Linke-Zusammenarbeit widerspricht zudem dem Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU – als Tolerierung wäre sie dennoch denkbar, wie bereits vor der Wahl in Berichten über Schulzes Wahlkampf angedeutet wurde. Eine Koalition mit der AfD hat die CDU-Führung ausdrücklich ausgeschlossen; SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sprach von einer „sehr, sehr schwierigen Regierungsbildung“, Grünen-Chef Felix Banaszak nannte das Ergebnis einen „Auftrag“, eine rechtsextreme Alleinregierung zu verhindern.
Überläufer? Noch gibt es sie nicht – aber die Spekulation ist bezeichnend
Natürlich wäre es falsch, jetzt von bevorstehenden Übertritten aus der CDU zur AfD zu sprechen. Dafür gibt es derzeit keinen belastbaren Beleg. Schulze selbst weist die Spekulation zurück und sagt, er erwarte keine Abweichler in der CDU-Fraktion.
Aber die politische Mathematik macht das Thema trotzdem interessant: Wenn die AfD nur wenige Sitze von einer eigenen Mehrheit entfernt ist, reicht theoretisch schon ein einzelner Abweichler, um bei bestimmten Abstimmungen die Kräfteverhältnisse zu verändern. Das wäre für die CDU der politische Albtraum. Denn dann würde sich eine Frage stellen, die heute noch hypothetisch ist: Was passiert, wenn einzelne CDU-Abgeordnete ihre persönliche politische Überzeugung irgendwann höher gewichten als die Parteilinie?
Bereits im Vorfeld der Wahl kursierten in ostdeutschen Medien Spekulationen über mögliche Überläufer, befeuert unter anderem durch die Spende eines CDU-Lokalpolitikers an die AfD sowie durch einen Berliner Anwalt aus dem Umfeld Björn Höckes, der trotz Teilnahme an einem umstrittenen „Remigration“-Treffen weiterhin CDU-Mitglied ist und für eine Zusammenarbeit mit der AfD wirbt. Noch ist das alles Spekulation. Aber die CDU sollte sich fragen, warum diese Spekulation nach ihrem Absturz auf 18 Prozent überhaupt so schnell wieder aufkommt.
Und dann ist da noch das BSW
Das BSW könnte zum politischen Zünglein an der Waage werden. Schafft die Partei den Sprung über fünf Prozent, verändert sich die Sitzverteilung erheblich – schafft sie ihn nicht, werden ihre Stimmen auf die im Landtag vertretenen Parteien umgerechnet.
- Zieht das BSW ein: Es erhält eigene Sitze, die anderen Parteien entsprechend weniger. Ein Bündnis ohne AfD würde dadurch rechnerisch schwieriger, es sei denn, das BSW selbst würde Teil einer solchen Konstellation. BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig erklärte am Wahlabend in der ARD, ihre Partei wolle weder Schulze noch AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten wählen. Gleichzeitig könne sich das BSW „bestimmte Projekte mit der AfD“ vorstellen – eine klassische Koalition schließt sie damit zwar aus, eine punktuelle parlamentarische Zusammenarbeit mit der AfD ausdrücklich aber nicht. Das BSW selbst wirbt zudem für einen überparteilichen Ministerpräsidenten mit wechselnden Mehrheiten – ein politisches Experiment, dessen Ausgang offen ist.
- Scheitert das BSW: Seine Stimmen (rund 4,8 bis 5 Prozent) werden auf AfD, CDU, Linke, SPD und Grüne umgerechnet – mit spürbaren Auswirkungen auf die Mehrheitsverhältnisse in beide Richtungen. Sowohl eine mögliche absolute Mehrheit der AfD als auch eine mögliche Mehrheit eines AfD-freien Bündnisses hängen an diesem letzten Prozentpunkt.
Für die CDU wäre es am Ende eine bittere Pointe: Die einst übermächtige Regierungspartei könnte darum kämpfen müssen, überhaupt noch eine Mehrheit für ihren eigenen Ministerpräsidenten zusammenzubekommen.
Das eigentliche Problem der CDU
Die CDU kann das Ergebnis jetzt schönreden, auf die schwierige Ausgangslage verweisen, auf die kurze Amtszeit Schulzes, auf Friedrich Merz, auf die AfD als extremistische Kraft, auf die Brandmauer. Nur eines kann sie nicht mehr behaupten: dass die Wähler ihr weiterhin folgen.
Mehr als doppelt so viele Menschen haben ihr Kreuz bei der AfD gemacht wie bei der CDU. Das ist kein Randphänomen.
Das ist ein politisches Signal von historischer Größenordnung.
Die CDU wollte lange die Partei sein, die zwischen den politischen Lagern steht. Jetzt steht sie selbst zwischen den Stühlen: Links von ihr Parteien, mit denen eine Zusammenarbeit für viele CDU-Wähler kaum vorstellbar sein dürfte. Rechts von ihr eine AfD, die inzwischen mehr als doppelt so stark ist. Und dazwischen eine CDU, die sich an ihre Brandmauer klammert.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wer Ministerpräsident wird. Sie lautet: Was ist die CDU bereit zu tun, um überhaupt noch regieren zu können? Denn eines hat Sachsen-Anhalt an diesem Abend gezeigt: Die politische Mitte lässt sich nicht dadurch zurückgewinnen, dass man die Wähler ignoriert, die sie verlassen haben.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gilt zudem als Stimmungstest zwei Wochen vor den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September – und dürfte auch die Debatte in der Bundes-CDU über den Umgang mit der AfD neu befeuern. Kanzleramtsministerin Nina Warken (CDU) sprach bereits von einer „Zäsur“ für ihre Partei.
Sven Schulze kann das Ergebnis demokratisch nennen. Er kann von einem „Zeichen“ sprechen.
Er kann Geschlossenheit beschwören. Aber am Ende bleibt eine Zahl stehen, die sich nicht wegmoderieren lässt: rund 18,5 Prozent – für eine Partei, die einmal mit 37 Prozent regiert hat, und für einen Ministerpräsidenten, der jetzt erklären muss, warum seine CDU innerhalb einer Legislaturperiode praktisch halbiert wurde. Sachsen-Anhalt hat gewählt. Die CDU hat verloren. Und jetzt beginnt erst die eigentliche Auseinandersetzung.
Quellen: ZDFheute (Liveblog und Wahlergebnisse), Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt / wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de, Der Tagesspiegel, Handelsblatt, Epoch Times (Ticker, dpa), t-online, Reuters, AP sowie eigene/redaktionell zugelieferte Einordnung. Alle Angaben basieren auf Hochrechnungen vom Wahlabend, nicht auf dem amtlichen Endergebnis, das noch aussteht.
- https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/landtagswahl-sachsen-anhalt-prognose-hochrechnung-ergebnisse-liveticker-102.html
- https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/landtagswahl-sachsen-anhalt-wahlergebnisse-cdu-afd-schulze-siegmund-100.html
- https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/lt26/
- https://statistik.sachsen-anhalt.de/themen/gebiet-und-wahlen/wahlen/landtagswahl-2026
- https://www.tagesspiegel.de/politik/dramatischer-wahlkampf-in-sachsen-anhalt-sven-schulze-verteidigt-einsam-die-brandmauer-15968611.html
- https://tagesspiegel.de/politik/erste-prognose-zur-wahl-in-sachsen-anhalt-16023968.html
- https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wahl-in-sachsen-anhalt-afd-gewinnt-deutlich-bsw-muss-zittern-fdp-klar-raus/100252039.html
- https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/ticker-landtagswahl-erste-hochrechnung-afd-441-prozent-cdu-185-prozent-a5600214.html
- https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101409582/wahlergebnisse-fuer-sachsen-anhalt-hochrechnungen-und-sitzverteilung.html
Hinweis zu den Beiträgen
Soweit nicht anders gekennzeichnet, wurden die auf Berichtssache.de veröffentlichten Beiträge von
Holger H. Hohlfeld verfasst.
Die Beiträge beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen, offiziellen Dokumenten, Büchern, Presse- und Medienberichten sowie eigenen Recherchen und Einordnungen. Quellen und weiterführende Verweise werden – soweit für das jeweilige Thema relevant – innerhalb der Beiträge angegeben.
Autor: Holger H. Hohlfeld · © 2026 Berichtssache.de – Alle Rechte vorbehalten.
Beiträge der Kategorien Kommentar oder vergleichbarer Formate können persönliche Bewertungen, Schlussfolgerungen und Einordnungen des Autors enthalten.

