
Nord Stream: Die Spur führt in die Ukraine – aber auch nach Washington zeigen Finger


+++ Update | 19.08.26: Zweite Festnahme im Fall des Nord-Stream-Anschlags +++
Nord Stream:
Die Spur führt in die Ukraine – aber auch nach Washington zeigen Finger
Deutsche Ermittler sprechen von einer staatlich gesteuerten Operation. Ein ukrainischer Ex-Offizier ist angeklagt.
Polen verweigerte die Auslieferung eines weiteren Verdächtigen. Geheimdienste wussten Monate vorher von einem ukrainischen Anschlagsplan. Ein Pulitzer-Preisträger sagt, es war die US-Navy, befohlen vom Präsidenten persönlich. Eine hochrangige US-Diplomatin nannte die zerstörte Pipeline öffentlich einen „Klumpen Metall", über den sie
„sehr erfreut" sei. Und während Deutschland weiter Milliarden an die Ukraine zahlt, will die Bundesregierung über politische Konsequenzen nicht einmal hypothetisch sprechen.
Diese Recherche versammelt die dokumentierten Fakten, die offiziellen Ermittlungsergebnisse und die konkurrierenden Theorien verschiedener Quellen – deutscher Ermittler, ukrainischer Behörden, US-amerikanischer Journalisten und Politiker. Sie trifft bewusst keine abschließende Bewertung, wo die Faktenlage selbst keine zulässt. Der Leser soll sich anhand der vorliegenden Aussagen und Dokumente sein eigenes Bild machen.
In jener Nacht wurde mehr als eine Pipeline gesprengt
Am 26. September 2022 erschütterten mehrere Explosionen den Grund der Ostsee nahe der dänischen Insel Bornholm.
Drei von vier Strängen der Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 wurden zerstört. Riesige Gasblasen stiegen tagelang an die Wasseroberfläche. Die beiden Systeme hätten zusammen jährlich bis zu 110 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland nach Deutschland transportieren können; Nord Stream 2 allein hatte rund elf Milliarden Dollar gekostet. Heute steht fest: Es handelte sich um vorsätzliche Sabotage. Wer sie beging, ist bis heute juristisch nicht abschließend geklärt – wohl aber inzwischen Gegenstand einer förmlichen deutschen Anklage.
Verdächtiger Nr. 1: Die USA – der erste öffentliche Verdacht
Noch bevor irgendein Ermittler eine einzige Spur gesichert hatte, zeigte die öffentliche Debatte in eine bestimmte Richtung – und das nicht nach Moskau. Nur Stunden nach Bekanntwerden der Explosionen schrieb der ehemalige polnische Außenminister und heutige Sejm-Marschall Radosław Sikorski auf X einen Satz, der um die Welt ging: „Thank you, USA." Der Tweet, von einem hochrangigen NATO- und EU-Politiker verfasst, war die erste prominente öffentliche Anschuldigung überhaupt – noch bevor irgendeine Ermittlungsbehörde auch nur eine erste Spur gesichert hatte. Sikorski erklärte später, der Tweet sei „spekulativ" gewesen; gelöscht hat er ihn nicht.
Der Grund, warum der erste öffentliche Verdacht ausgerechnet auf Washington fiel, lag auf der Hand: Kein anderer Akteur hatte sich jahrelang so offen, so hochrangig und so wiederholt gegen Nord Stream 2 positioniert wie die US-Regierung
– von Sanktionsdrohungen über Kongressanhörungen bis zu Präsident Bidens eigener öffentlicher Ankündigung, dem Projekt ein Ende zu setzen (siehe unten). Damit war die USA rein rhetorisch der Akteur mit dem am offensichtlichsten dokumentierten Motiv – lange bevor eine ukrainische Spur überhaupt öffentlich diskutiert wurde. Genau das ist der Grund, warum diese Version eine eigene Kategorie verdient: Sie war nicht irgendeine von mehreren Theorien unter vielen.
Sie war die erste.
Am 8. Februar 2023 erhielt der Verdacht dann seinen bis heute prominentesten Fürsprecher: Seymour Hersh,
Pulitzer-Preisträger und einer der bekanntesten Investigativjournalisten der USA, veröffentlichte auf Substack den Artikel
„How America Took Out the Nord Stream Pipeline". Seine zentrale Behauptung, gestützt auf eine einzige anonyme Quelle
„mit direkter Kenntnis der operativen Planung": US-Navy-Taucher hätten im Juni 2022, getarnt durch das NATO-Manöver BALTOPS 22, ferngezündeten C4-Sprengstoff an den Pipelines angebracht – mit Unterstützung Norwegens, dessen Marine einen Minenjäger der Alta-Klasse gestellt habe. Am 26. September 2022 habe ein norwegisches P8-Aufklärungsflugzeug bei einem scheinbar routinemäßigen Flug eine Sonarboje abgeworfen, die den Sprengsatz auslöste.
Die Entscheidung zur Operation sei nach einer neunmonatigen internen Debatte direkt von Präsident Joe Biden getroffen worden, unter Einbeziehung von CIA-Direktor William Burns. Geplant worden sei die Operation demnach bereits ab Dezember 2021 – also Monate vor dem russischen Großangriff. Hersh erklärte in einem Interview mit Democracy Now!,
das Motiv sei gewesen, die europäischen Verbündeten fest an die Unterstützung der Ukraine zu binden, zu einem Zeitpunkt, an dem manche zu wanken begannen: „The fear was Europe would walk away from the war."
Bemerkenswert an Hershs Darstellung ist zudem ein technisches Detail: Die eingesetzten Navy-Taucher hätten demnach nicht dem Special Operations Command unterstanden, dessen verdeckte Operationen dem Kongress gemeldet werden müssten – ein Konstruktionsmerkmal, das Hersh als bewusste Umgehung der parlamentarischen Kontrolle deutet.
Das Weiße Haus reagierte umgehend und nannte den Bericht „complete fiction"; eine CIA-Sprecherin bezeichnete ihn als „completely and utterly false". Das norwegische Außenministerium erklärte, die Behauptungen seien falsch. Zahlreiche etablierte Medien wiesen zudem darauf hin, dass Hershs gesamte Darstellung auf einer einzigen, nicht überprüfbaren anonymen Quelle beruhe.
Unabhängig davon, wie man Hershs Bericht bewertet, gehören mehrere öffentlich dokumentierte Aussagen hochrangiger US-Vertreter in diesen Zusammenhang, weil sie seither immer wieder als Kontext oder vermeintliche Bestätigung herangezogen werden: Bereits am 7. Februar 2022 – gut zwei Wochen vor dem russischen Großangriff
– sagte Präsident Biden bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Olaf Scholz im Weißen Haus wörtlich, sollte Russland einmarschieren, werde es „nicht länger Nord Stream 2 geben" – „we will bring an end to it".
Auf die Nachfrage eines Journalisten, wie das gehen solle, wenn das Projekt doch unter deutscher Kontrolle stehe, antwortete Biden knapp: „We will, I promise you, we'll be able to do it."
Fast ein Jahr nach den Explosionen, im Januar 2023, sagte Victoria Nuland, Unterstaatssekretärin im
US-Außenministerium, bei einer Anhörung des Senate Foreign Relations Committee auf eine Frage von
Senator Ted Cruz zur Zukunft der Sanktionen gegen Nord Stream 2: „Senator Cruz, like you, I am, and I think the administration is, very gratified to know that Nord Stream 2 is now, as you like to say, a hunk of metal at the bottom of the sea." Bereits im März 2022 hatte Nuland öffentlich erklärt, sie glaube, dass Nord Stream 2 „tot" sei und niemals wiederbelebt werde.
Diese Aussagen beweisen für sich genommen keine amerikanische Tatbeteiligung – sie belegen ausdrücklich politischen Willen und öffentlich geäußerte Genugtuung über das Ergebnis, nicht Urheberschaft der Tat selbst. Aber sie sind der Grund, warum die Verdachtsrichtung USA auch mehr als drei Jahre später nicht verschwunden ist, sondern von manchen als indirekte Bestätigung gelesen wird, von anderen als bloßer Zufall der Rhetorik.
Ergänzend berichtete die New York Times im Dezember 2022, Russland habe begonnen, kostspielige Reparaturarbeiten an den Pipelines vorzunehmen – ein Vorgang, den Hersh und ihm folgende Kommentatoren als Widerspruch zur These werten, Russland habe seine eigene Infrastruktur selbst gesprengt.
Erst rund anderthalb Jahre nach Sikorskis Tweet und rund ein Jahr nach Hershs Artikel verschob sich der öffentliche Ermittlungsschwerpunkt überhaupt erstmals sichtbar in Richtung Ukraine – mit der Festnahme des ersten Verdächtigen 2024. Diese zeitliche Reihenfolge ist selbst Teil der Geschichte: Der erste öffentlich genannte, prominent vertretene und höchstrangig kommentierte Verdächtige war nicht die Ukraine. Es waren die Vereinigten Staaten.
Am 30. Juni 2026 erhob der Generalbundesanwalt vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg Anklage gegen den ukrainischen Staatsangehörigen Serhii K. Der frühere ukrainische Armeeoffizier soll 2022 gemeinsam mit anderen Militärangehörigen die Zerstörung von Nord Stream 1 und 2 geplant haben – vorgeworfen werden ihm unter anderem ein Kriegsverbrechen durch Angriff auf zivile Objekte, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, Zerstörung von Bauwerken und Störung öffentlicher Betriebe.
Nach Darstellung der Ermittler bestand die Gruppe aus professionellen Tauchern, einem Schiffsführer, einem Sprengstoffexperten und dem Koordinator Serhii K. Mit gefälschten Dokumenten sei eine Segelyacht gechartert worden; die Gruppe habe militärischen Sprengstoff durch die Ostsee transportiert, Ladungen in 70 bis 80 Metern Tiefe angebracht und mit Zeitzündern versehen. Auf der später identifizierten Yacht Andromeda fanden Ermittler Spuren militärischen Sprengstoffs.
Der Bundesgerichtshof verwarf Ende 2025 eine Haftbeschwerde von Serhii K. und bestätigte den dringenden Tatverdacht. Bemerkenswert an der juristischen Bewertung: Selbst wenn der Anschlag im Auftrag eines fremden Staates oder Geheimdienstes ausgeführt worden wäre, könne sich ein Beteiligter bei einem verdeckten Gewaltakt gegen die Souveränität eines anderen Staates nicht ohne Weiteres auf funktionelle Immunität berufen – die Pipelines seien zivile Objekte gewesen. Deutschlands höchstes Strafgericht behandelt den Fall damit als möglichen
verdeckten staatlichen Gewaltakt. ZDF frontal konnte die 108-seitige Anklageschrift einsehen. Dort steht der Satz:
„Es liegen hinreichende Verdachtsmomente vor, dass die Sabotageakte im Auftrag staatlicher Stellen der Ukraine begangen und durch diese gesteuert wurden."
Laut Anklageschrift sprach Serhii K. in abgehörten Gesprächen während seiner Auslieferungshaft über einen
„Kommandeur Roman". Man habe erwogen, öffentlich zu erklären, es habe sich um eine offizielle militärische Operation gehandelt. K. soll außerdem Sorge geäußert haben, er und sein Kommandeur könnten wie zwei eigenmächtig handelnde Militärs erscheinen, und sich beklagt haben, von seinem Land und seinem Präsidenten im Stich gelassen worden zu sein.
Medienberichte bringen seit längerem den früheren ukrainischen Geheimdienstoffizier
Roman Tscherwinsky
als möglichen Koordinator und den damaligen Oberkommandierenden
Walerij Saluschnyj
als möglichen militärischen Entscheider ins Spiel. Beide bestreiten entsprechende Vorwürfe; eine gerichtliche Feststellung dazu gibt es bislang nicht.
Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft erklärte am 9. Juli 2026, ihre eigenen Ermittlungen hätten keine Hinweise auf eine Beteiligung des ukrainischen Staates oder von Amtsträgern ergeben, und schlug Deutschland ein gemeinsames Ermittlungsteam vor. Serhii K. selbst bestreitet seine Beteiligung. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eine staatliche Beteiligung wiederholt zurückgewiesen. Für Serhii K. gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung;
die behauptete staatliche Steuerung ist Gegenstand der Anklage, keine gerichtlich festgestellte Tatsache.
Die Warnung, die es schon vorher gab
Bereits im Juni 2022 – rund drei Monate vor den Explosionen – erhielt der niederländische Militärgeheimdienst MIVD
nach Medienberichten Informationen über einen ukrainischen Plan, Nord Stream zu sprengen, und informierte die CIA. Washington soll Kyiv daraufhin vor einer solchen Operation gewarnt haben. Die Washington Post berichtete unter Berufung auf geleakte Geheimdienstinformationen von einem sechsköpfigen ukrainischen Spezialkräfteteam,
das dem CIA bekannt geworden sei. Reuters dokumentierte sowohl die niederländische Warnung als auch
entsprechende Geheimdienstberichte. Auch Deutschland und weitere Verbündete sollen informiert worden sein.
Im Februar 2026 ging der Spiegel unter Berufung auf ukrainische Quellen noch weiter: CIA-Vertreter hätten bereits im Frühjahr 2022 mit ukrainischen Spezialisten über einen möglichen Anschlag gesprochen, dabei seien sogar technische Einzelheiten Thema gewesen. Washington habe die Operation dann ausdrücklich abgelehnt und Kyiv gewarnt.
Die CIA wies das zurück.
Die Frage, die daraus folgt, ist bislang unbeantwortet:
Wenn westliche Nachrichtendienste Monate vorher von einem konkreten Plan wussten – weshalb gelang es nicht, eine der wichtigsten Energieinfrastrukturen Europas zu schützen?
Wurde die Aufklärung blockiert?
Schweden stellte seine Ermittlungen Anfang 2024 mangels eigener Zuständigkeit ein und übergab das Material an Deutschland. Dänemark kam nach eigener Untersuchung ebenfalls zu dem Ergebnis, es habe sich um vorsätzliche Sabotage gehandelt, sah aber keine Grundlage für ein eigenes Strafverfahren.
Deutschland stellte bereits 2024 einen Europäischen Haftbefehl gegen den in Polen lebenden ukrainischen Tauchlehrer Wolodymyr Z. aus. Nach Angaben polnischer Staatsanwälte hatten deutsche Behörden seinen Namen nicht rechtzeitig ins Schengener Fahndungssystem eingetragen – der polnische Grenzschutz habe deshalb keine Handhabe für eine
Festnahme gehabt, und der Mann konnte in die Ukraine ausreisen. Deutsche Medien berichteten zusätzlich über erhebliche Kooperationsprobleme mit polnischen Behörden und den Verdacht, der Mann könnte gewarnt worden sein; für Letzteres gibt es keinen öffentlich belegten Beweis. Berichtet wurde außerdem, der Verdächtige habe Polen in einem Fahrzeug mit ukrainischen Diplomatenkennzeichen verlassen.
Spätestens 2025 wurde daraus eine offen politische Angelegenheit. Polens Ministerpräsident
Donald Tusk
erklärte öffentlich, es liege nicht im Interesse Polens, den Verdächtigen an Deutschland auszuliefern – das Problem Europas sei nicht gewesen, dass Nord Stream 2 gesprengt wurde, sondern dass die Pipeline überhaupt gebaut worden sei. Ein polnisches Gericht verweigerte die Auslieferung. Tusk begrüßte das Urteil und erklärte, die Sache sei erledigt. Ein EU-Mitgliedstaat erklärte damit öffentlich, dass die Strafverfolgung eines mutmaßlichen Saboteurs deutscher Infrastruktur nicht seinen politischen Interessen entspreche.
Deutschland: Milliardenhilfe – aber keine politische Antwort
Am 3. Juli 2026 wurde die Bundesregierung in ihrer eigenen Pressekonferenz mit der Anklage konfrontiert. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte, die Bundesregierung kommentiere die Anklage nicht; die Ermittlungsbehörden arbeiteten, der Rechtsstaat nehme seinen Lauf, Berlin warte die Ergebnisse ab.
Auch die allgemeinere Frage, ob die Sprengung kritischer deutscher Energieinfrastruktur durch Angehörige eines Partnerstaates grundsätzlich politische Konsequenzen haben müsse, wollte die Bundesregierung nicht beantworten. Kornelius betonte, die Strafverfolgungsbehörden arbeiteten unabhängig, es gebe keine politische Absprache über das Verfahren.
Deutschland hat seit Beginn des russischen Großangriffs nach Regierungsangaben rund 39 Milliarden Euro zivile und rund 55 Milliarden Euro militärische Unterstützung für die Ukraine geleistet beziehungsweise bereitgestellt; für 2027 sind weitere 11,6 Milliarden Euro vorgesehen.
Eine Anklage ist noch kein Urteil, und selbst eine bewiesene Beteiligung ukrainischer Soldaten würde noch nicht automatisch eine Anordnung durch die politische Führung beweisen. Aber es bleibt ein struktureller Interessenkonflikt: Deutschland hat ein elementares strategisches Interesse daran, dass die Ukraine dem russischen Angriff standhält
– eine offene Staatskrise mit Kyiv wäre geopolitisch ein Gewinn für Moskau. Deutschland möchte demnach einen möglichen Angriff auf die eigene kritische Infrastruktur aufklären und zugleich den möglichen Auftraggeber
weiter massiv unterstützen. Beides kann gleichzeitig zutreffen. Beides schließt sich aber auch nicht gegenseitig als Erklärung für die auffällige Zurückhaltung aus.
Der wirtschaftliche Schaden – und eine notwendige zeitliche Einordnung
Die Explosionen haben nicht die deutsche Energiekrise ausgelöst: Nord Stream 1 transportierte zum Zeitpunkt des Anschlags bereits kein Gas mehr (Russland hatte die Lieferungen Ende August/Anfang September 2022 eingestellt),
und Nord Stream 2 war zwar fertiggestellt, aber nie in Betrieb gegangen – Deutschland hatte das Zertifizierungsverfahren bereits am 22. Februar 2022 gestoppt. Der strategische Effekt lag woanders: Ein politisch reversibler Lieferstopp wurde in einen physisch irreversiblen Zustand überführt. Nach Darstellung der deutschen Bundesanwaltschaft war genau das auch das Ziel: Russische Gaslieferungen über Nord Stream sollten dauerhaft unmöglich gemacht und Moskau Kriegsfinanzierung entzogen werden.
Europa baute seine Energieversorgung in der Folge massiv um: Die europäischen LNG-Importe stiegen 2022 um rund
64 Milliarden Kubikmeter beziehungsweise mehr als 60 Prozent. Im ersten Quartal 2026 stammten 57,4 Prozent der
LNG-Importe der EU aus den USA; bei Pipelinegas stellte Norwegen 2025 rund 54,4 Prozent der EU-Einfuhren.
Deutschland selbst bezog 2024 fast die Hälfte seines Pipelinegases aus Norwegen; von dem direkt an deutschen
LNG-Terminals angelandeten Flüssiggas kamen laut BDEW 91 Prozent aus den USA. Reuters berichtete im Juli 2026,
die Produktion energieintensiver Industrien in Deutschland sei zwischen 2022 und 2026 um insgesamt etwa 15 Prozent zurückgegangen – ein Effekt, der sich nicht allein auf Nord Stream zurückführen lässt, in dem der Wegfall günstiger russischer Pipelineenergie aber ein erheblicher Faktor war.
Cui bono – wem nützte die Zerstörung?
Mehrere Akteure hatten einen erkennbaren Vorteil, ohne dass daraus automatisch ihre Beteiligung folgt:
Ukraine: Nord Stream umging das ukrainische Transitnetz und bedrohte erhebliche Transitgebühren; noch im April 2022 versuchte Kyiv, Verbündete zur Umleitung russischer Gasströme auf ukrainische Leitungen zu bewegen. Die Bundesanwaltschaft sieht das Tatmotiv vor allem in der Reduzierung russischer Kriegsfinanzierung. Aktuell gibt es hierzu die konkretesten deutschen Ermittlungsergebnisse.
Polen und Teile Osteuropas: Warschau bekämpfte Nord Stream seit Jahren als Instrument russischer Einflussnahme auf Deutschland und Europa. Tusks spätere Äußerungen zeigen die Grundsätzlichkeit dieser Ablehnung. Ein Beweis polnischer Beteiligung an der Sprengung existiert nicht.
USA: Washington bekämpfte Nord Stream 2 jahrelang politisch und mit Sanktionen, Biden kündigte im Februar 2022 öffentlich dessen „Ende" an, Nuland äußerte sich nach der Sprengung „gratified". Die USA waren, wie oben ausgeführt,
der erste öffentlich genannte Verdächtige und wurden anschließend zum mit Abstand wichtigsten LNG-Lieferanten Europas.
Norwegen: wurde zu einem der größten Gewinner der europäischen Marktneuordnung und Deutschlands wichtigstem Pipelinegaslieferanten; auch hier bleibt jeder wirtschaftliche Vorteil ohne Tatnachweis.
Russland: verlor einen milliardenschweren Absatzweg und langfristig erheblichen Einfluss auf Deutschland.
Frühe Theorien einer russischen Selbstsprengung gelten angesichts der deutschen Ermittlungsspur inzwischen als deutlich weniger plausibel als 2022; ausgeschlossen sind sie durch das noch ausstehende Hauptverfahren nicht endgültig.
Ein Strang von Nord Stream 2 blieb unbeschädigt – Wladimir Putin erklärte im Juni 2026, Russland könne darüber theoretisch kurzfristig wieder bis zu 28 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich liefern, sofern Berlin dies wolle.
Die Nord Stream 2 AG klagt inzwischen gegen das EU-Recht, das den vollständigen Ausstieg aus russischem Gas bis Ende 2027 vorschreibt, und wertet das Verbot als faktische Enteignung.
Die offenen Fragen
Fast vier Jahre nach den Explosionen sind es diese konkreten Fragen, an denen sich eine vollständige Aufklärung messen lassen muss:
- Wer gab den endgültigen Befehl zur Operation – und auf welcher Seite?
- Welche ukrainische staatliche Stelle soll die Operation nach Auffassung der Bundesanwaltschaft gesteuert haben?
- Welche Rolle spielte der erwähnte „Kommandeur Roman"?
- Wusste Walerij Saluschnyj davon? Wusste Wolodymyr Selenskyj davon – oder wurde ohne sein Wissen operiert?
- Was genau wussten CIA, MIVD, BND und Bundesregierung vor dem 26. September 2022, und warum konnte ein bekannter Anschlagsplan nicht verhindert werden?
- War Hershs anonyme Quelle glaubwürdig – und warum hat bislang kein Medium sie unabhängig identifizieren können?
- Was genau meinte Biden im Februar 2022 mit „we will bring an end to it" – politische Sanktionierung oder mehr?
- Warum feierte Victoria Nuland die Zerstörung öffentlich als „gratifying", wenn die USA keine Rolle dabei spielten?
- Wurde Wolodymyr Z. bei seiner Flucht aus Polen unterstützt – und wenn ja, von wem?
- Warum verweigerte Polen die Auslieferung eines Mannes, den die deutsche Justiz wegen eines Anschlags auf deutsche Infrastruktur sucht?
- Welche politischen Konsequenzen zieht Berlin, sollte eine staatliche Steuerung – gleich welcher Seite – gerichtsfest bewiesen werden?
Verschwörung oder Verschwörungstheorie?
Der Begriff „Verschwörungstheorie" wurde in den vergangenen Jahren oft benutzt, um jede Vermutung staatlicher Geheimoperationen pauschal abzuwerten. Nord Stream zeigt, warum das zu kurz greift: Nach heutigem Ermittlungsstand besteht der ernsthafte Verdacht, dass mehrere Personen verdeckt, arbeitsteilig, unter falschen Identitäten und möglicherweise im Auftrag eines Staates eine zivile Infrastruktur zerstörten. Das wäre im Wortsinn eine Verschwörung
– unabhängig davon, welche der konkurrierenden Versionen zutrifft.
Was vorliegt: eine deutsche Anklage gegen einen ukrainischen Ex-Offizier mit dem ausdrücklichen Verdacht staatlicher ukrainischer Steuerung; mehrere weitere ukrainische Tatverdächtige; forensische und digitale Spuren; Geheimdienstwarnungen vor einem ukrainischen Anschlagsplan Monate vor der Tat; ein detaillierter, aber auf einer einzigen anonymen Quelle beruhender Bericht eines Pulitzer-Preisträgers, der die US-Regierung unter Bidens persönlicher Anordnung verantwortlich macht; öffentliche Äußerungen hochrangiger US-Vertreter, die sich über das Ergebnis unverhohlen freuten; und einen EU-Partner, der die Auslieferung eines Verdächtigen ausdrücklich auch aus politischen Erwägungen ablehnte.
Was nicht vorliegt: ein gerichtlicher Beweis für irgendeine der konkurrierenden Versionen in voller Tiefe der Befehlskette.
Kann ein Staat einen Angriff auf seine eigene kritische Infrastruktur konsequent aufklären, wenn jede der bislang erwogenen Spuren zu einem geopolitisch bedeutsamen Verbündeten führt? Die deutschen Ermittler haben trotz enormer geopolitischer Brisanz Haftbefehle erwirkt, einen Verdächtigen nach Deutschland geholt und Anklage erhoben
– das spricht gegen die These einer vollständig politisch gesteuerten Vertuschung. Gleichzeitig beginnt genau dort,
wo die strafrechtliche Aufklärung endet, die politische Verantwortung. Und dort herrscht bislang, gleich in welche Richtung sich der Verdacht am Ende erhärtet, auffällige Zurückhaltung: in Berlin, in Washington und in Warschau.
Ob Nord Stream am Ende als ukrainische Operation, als amerikanische Operation oder als etwas dazwischen in die Geschichtsbücher eingeht, wird ein Gericht klären müssen – oder auch nicht. Die vorliegenden Fakten, Zitate und Dokumente sprechen für sich. Was der Leser daraus macht, ist seine Entscheidung.
Stand: 16. August 2026. Für Serhii K. gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung.
Die in der Anklage behauptete staatliche Steuerung der Operation ist Gegenstand des Verfahrens, keine rechtskräftige gerichtliche Feststellung. Gleiches gilt für alle in diesem Artikel wiedergegebenen, nicht gerichtlich festgestellten Theorien und Zuschreibungen – sie werden als Aussagen der jeweiligen Quelle (Ermittler, Journalisten, Politiker) referiert.
Quellen: Bundesanwaltschaft/Anklageschrift (zitiert nach ZDF frontal); Bundesgerichtshof; Reuters; Washington Post; Der Spiegel; Seymour Hersh, „How America Took Out the Nord Stream Pipeline" (Substack, 8.2.2023); Democracy Now!; Senate Foreign Relations Committee (Anhörung Nuland/Cruz, Januar 2023); Weißes Haus/CIA/norwegisches Außenministerium (Dementis); New York Times; Snopes; Reuters (Industrieproduktion, Juli 2026); BDEW; Regierungsangaben zur Ukraine-Hilfe; Aussagen von Donald Tusk, Wolodymyr Selenskyj und der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft.
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