SO SIEHT’S AUS
Hier stehen die
Protagonisten selbst im Mittelpunkt. Wir schauen genauer hin: auf Aussagen, Entscheidungen, Widersprüche, öffentliche Auftritte – und auf das, was zwischen den Zeilen sichtbar wird. Nicht nur, was jemand sagt, sondern welches Gesamtbild sich daraus ergibt. Kritisch, pointiert und durchaus unterhaltsam – mit einem Augenzwinkern, aber ohne den Blick für die Fakten zu verlieren.

Die fabelhafte Welt des Felix Banaszak

Vom Dachgeschoss-Tod, grüner Männlichkeit und anderen rhetorischen Klimazonen


SO SCHAUT'S AUS


Es gibt Politiker, die beantworten Fragen. Es gibt Politiker, die weichen Fragen aus. Und dann gibt es Felix Banaszak.

Bei ihm wird aus einer Frage nach Klimaanpassung binnen weniger Sätze eine existenzielle Entscheidung zwischen staatlichen Milliardeninvestitionen und Menschen, die – Zitat – „elendig in ihren Dachgeschosswohnungen verrecken". Willkommen in der fabelhaften Welt des Felix Banaszak.


Ein Land, in dem die politische Temperatur grundsätzlich etwas höher liegt als draußen. In dem der Verbrennerfahrer neuerdings wieder umarmt werden darf, solange er versteht, dass sein Lebensstil strukturell überwunden gehört.

In dem man Deutschland vielleicht nicht unbedingt lieben muss, Duisburg aber auf jeden Fall.

In dem die Grünen nicht mehr moralisieren wollen, weshalb sie erklären, wie richtige Männlichkeit aussehen könnte.

Und in dem man gelegentlich vor der Frage steht, ob man eigentlich Recht haben oder gewinnen möchte.


Felix Banaszak, Jahrgang 1989, gebürtiger Duisburger, ist seit November 2024 gemeinsam mit Franziska Brantner Bundesvorsitzender der Grünen und seit 2021 Bundestagsabgeordneter, dort Mitglied im Wirtschafts- und im Haushaltsausschuss. Er studierte Sozial- und Kulturanthropologie sowie Politikwissenschaft und war zuvor Bundessprecher der Grünen Jugend sowie Landesvorsitzender der NRW-Grünen. Und spätestens seit seiner Wahl zum Parteichef arbeitet er an etwas, das man wohl als grüne Neuerzählung bezeichnen darf. Das Problem dabei: Manchmal erzählt Felix so begeistert, dass die Geschichte interessanter wird als die Wirklichkeit.


Dachgeschoss oder Tod – dazwischen wird es kompliziert

Beginnen wir mit dem jüngsten Meisterstück. WELT TV spricht mit Banaszak über Hitzeschutz, ein vollkommen ernstes Thema – das Robert Koch-Institut schätzt allein bis Kalenderwoche 31 des Jahres 2026 rund 12.500 hitzebedingte Sterbefälle. Über besseren Schutz alter und kranker Menschen, Verschattung, Stadtbegrünung und Vorsorge zu diskutieren, ist keineswegs absurd. Dann kommt Felix. Er fordert mehr staatliche Mittel für Klimaanpassung – auch das ließe sich sachlich diskutieren. Doch Sachlichkeit ist bekanntlich nur eine von mehreren verfügbaren Temperaturen.

Die Alternative, erklärt Banaszak, könne schließlich nicht sein, dass ältere Menschen nicht mehr auf die Straße gingen oder Menschen „elendig in ihren Dachgeschosswohnungen verrecken". Man möchte dem durchschnittlichen Dachgeschossbewohner zunächst zur Anschaffung eines Ventilators raten und dann vorsichtig nachfragen, ob zwischen mehr kommunalen Hitzeschutzprogrammen und elendig verrecken vielleicht noch der eine oder andere politische Aggregatzustand existiert. Nicht: Wir sollten Hitzeschutz verbessern. Sondern: Was wollt ihr eigentlich – Investitionen oder Leichen unterm Veluxfenster? Das hat etwas angenehm Übersichtliches.


Auch die politische Einordnung folgt demselben Prinzip. Wer Klimapolitik anders gewichtet als die Grünen, ist bei Banaszak nicht einfach anderer Auffassung – der „Ideologieverdacht hat die Seite gewechselt", erklärte er, die Bundesregierung betreibe Politik, als existiere die klimatische Realität nicht. Das Faszinierende daran: Früher beklagten die Grünen jahrelang, ihre Politik werde zu Unrecht als ideologisch bezeichnet. Die Lösung scheint nun gefunden. Ideologie gibt es weiterhin. Sie wohnt jetzt nur woanders. Praktisch.


Felix entdeckt die Klimaanlage

Noch schöner wird die Geschichte, weil Banaszak gerade versucht, seiner Partei einen gewissen rhetorischen Wellnessbereich einzurichten. Die Grünen sollen künftig weniger beschämen, keine „Umweltsau"-Moral mehr, keine penetrante Belehrung des Verwandten beim Weihnachtsessen. In seinem eigenen Strategiepapier räumt

Banaszak sogar ein, der Vorwurf, die Grünen seien bevormundend und glaubten häufig, es besser zu wissen, habe einen „wahren Kern". Das verdient Anerkennung. Nur folgt darauf Felix' spezielles Kunststück: Er will die Leute nicht mehr belehren. Er möchte ihnen jetzt erklären, warum die Grünen aufhören müssen, sie zu belehren. Auch das muss einem erst einmal einfallen.


2025: Lieben Sie Deutschland, Herr Banaszak? – Nun ja, Duisburg auf jeden Fall

Bereits das ARD-Sommerinterview 2025 lieferte einen frühen Einblick in die Mechanik des Banaszakschen Antwortgenerators. Eine Zuschauerfrage erinnerte an Robert Habecks frühere Äußerung zur Vaterlandsliebe und wollte wissen, wie Banaszak selbst zu Deutschland stehe – eigentlich eine recht einfache Frage. Felix antwortete zunächst, er liebe seine Frau und seine Tochter. Danach erklärte er, Deutschland solle für alle Menschen Heimat sein. Auf erneute Nachfrage wurde es konkreter: Duisburg liebe er, sein konkretes Umfeld ebenfalls, beim abstrakten Begriff der Liebe zu einem Land tue er sich dagegen schwer. Nur hatte der Interviewer leider nicht gefragt: „Herr Banaszak, wen lieben Sie privat und wie stehen Sie zu Duisburg?"

Der Moment ist symptomatisch: Eine Frage kommt herein, wird zunächst moralisch eingerahmt, dann gesellschaftspolitisch erweitert, dann biografisch veredelt – und ungefähr drei Ausfahrten später erinnert man sich daran, dass irgendwo noch eine Antwort fehlen könnte. Zum Abschluss diagnostizierte Banaszak Deutschland auch noch eine Art „Kollektivdepression": Das Land sehe überall nur Probleme, er wünsche sich mehr Mut, Zuversicht und Solidarität. Ein Jahr später erklärt derselbe Politiker, die Bundesregierung ignoriere die Realität aus Hitze, Dürre und Waldbränden, und Menschen könnten in Dachwohnungen elendig sterben. Die deutsche Kollektivdepression scheint also heilbar zu sein. Mit den richtigen Problemen.


2026: Selbstkritik – aber bitte nicht bei Robert

Das ZDF-Sommerinterview vom 16. August 2026 hat diese Kunstform weiter perfektioniert. Moderator Wulf Schmiese fragt sinngemäß, ob Robert Habeck mit seiner Energie- und Klimapolitik womöglich einen Anteil daran habe, dass die Grünen trotz eines heißen Sommers politisch kaum davon profitieren. Oder kürzer: Hat Habeck es versemmelt? Banaszak antwortet – nur eben nicht auf Habeck. Stattdessen erklärt er, die Grünen hätten sich bundesweit bei 14 bis 16 Prozent stabilisiert. Politische Selbstkritik in ihrer modernsten Form: Man hat sie sehr stark verinnerlicht, deshalb muss man sie nicht unbedingt aussprechen. Das ZDF überprüfte die Umfrageaussage anschließend selbst: Die Grünen lagen tatsächlich bei mehreren Instituten auf Rang drei, teilweise nur knapp, beim ZDF-Politbarometer sogar nur bei 13 Prozent, bei Allensbach gleichauf mit der SPD. Felix liegt also nicht zwingend falsch. Er erzählt die Realität nur gern in der Version mit etwas besserer Beleuchtung.


Dieselbe Beleuchtungstechnik nutzte er wenige Minuten später bei der Frage nach dem Osten. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, zwei Landtagswahlen im September 2026, beide Umfragen sehen die Grünen bei mageren fünf Prozent – exakt an der Hürde, hinter der es politisch keine Rolle mehr spielt, ob man überhaupt angetreten ist. Banaszak erklärt trotzdem kämpferisch, man gebe „weder Brandenburg noch andere Teile des Ostens verloren",

er habe eigens ein Regionalbüro in Brandenburg an der Havel eröffnet, das sei „eine der besten Entscheidungen"

gewesen, die er bisher getroffen habe. Seinen Amtsvorgängern wirft er vor, sich zu wenig um den Osten gekümmert zu haben, wobei er das in einem bemerkenswert verschachtelten Satz formuliert: 2024 sei die Lage nicht so gewesen,

 „dass man dem Parteivorsitzenden oder der Gesamtpartei vorgeworfen hätte, sich zu intensiv um den Osten bemüht

zu haben". Das muss man zweimal lesen, um zu verstehen, dass damit eigentlich nur „zu wenig" gemeint ist.

Aber vielleicht ist genau das Banaszaks eigentliches Talent: selbst simple Kritik so lange grammatikalisch zu

verschachteln, bis sie niemandem mehr wehtut.


Die Energiewende – und die wundersame Abwesenheit ihrer Kosten

Besonders schön wurde es beim Strompreis. Banaszak wurde im ZDF mit der Kritik des Evonik-Chefs Christian Kullmann

an den enormen Kosten der Energiewende konfrontiert. Seine erste Reaktion: „Das ist Unsinn." Anschließend erklärte er,

die hohen Strompreise seien nicht wegen der Energiewende so hoch, Wind und Sonne seien günstig, das eigentliche Problem seien unter anderem unzureichend ausgebaute Netze – die Strompreise würden künftig sogar eigentlich sinken.

Das ZDF kam in seinem eigenen Faktencheck zu einer differenzierteren Bewertung: Bei den Erzeugungskosten hat Banaszak einen Punkt, Wind und Solar können günstig produzieren. Gleichzeitig entstehen aber gerade durch den für die Energiewende nötigen Netzausbau erhebliche Kosten, und Netzentgelte machen einen beträchtlichen Teil des Endkundenpreises aus. Oder in der fabelhaften Welt: Die Energiewende macht Strom nicht teuer. Nur einige Dinge, die wegen der Energiewende nötig sind, kosten Geld. Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant erklären: Das Essen kostet nur zwölf Euro. Die 27 Euro für Küche, Kellner und Strom gehören schließlich nicht zum Schnitzel.


Wohnungsnot? Felix hat da noch ein Büro übrig

Berlin hat zu wenig Wohnungen. Die Linke fordert Enteignungen großer Wohnungskonzerne, auch der Berliner Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf steht dem offen gegenüber. Im ZDF-Sommerinterview versucht Banaszak zunächst auszuweichen: Man solle „vor einer Wahl nicht zu viele Bedingungen" formulieren. Nach mehrmaligem Nachhaken legt er sich fest: „Wenn die Berliner das so entscheiden und wenn die Berliner Grünen das für eine kluge Idee halten, dann sollen sie das tun." Sehr beruhigend. Der Bundesvorsitzende hat damit erfolgreich festgestellt, dass Berlin in Berlin liegt.

Als praktischere Lösung schlägt er vor, leerstehende Büroflächen in Wohnungen umzuwandeln – grundsätzlich sinnvoll, nur zeigt ausgerechnet der ZDF-Faktencheck die Grenze des schönen Bildes: Von den bundesweit rund elf Millionen Quadratmetern leerstehender Bürofläche ist laut einer zitierten ifo-Untersuchung nur etwa ein Drittel technisch grundsätzlich umnutzbar, wirtschaftlich sinnvoll wiederum nur ein Teil davon. Aber „einige geeignete Büroimmobilien könnten einen Beitrag leisten" klingt natürlich weniger nach Parteivorsitz. Also: Überall stehen Hochhäuser herum – Wohnungen draus, Problem zumindest schneller reduziert. Städtebau kann so befreiend unkompliziert sein.


Die Linke? Jetzt nicht so historisch werden

Auch beim Verhältnis zur Linkspartei hat Banaszak eine erfrischend pragmatische Geschichtsauffassung entwickelt.

Er erklärte, er verstehe Teile der Union nicht, die die Linke grundsätzlich verdammten. Im ZDF darauf angesprochen,

dass die CDU die historische Verantwortung der SED und der daraus hervorgegangenen politischen Tradition anführt, antwortete Banaszak: Heidi Reichinnek wolle weder die Berliner Mauer wiedererrichten noch massenhaft Menschen aus Deutschland ausweisen, sie wolle „nicht am Ende die Grundfesten der Demokratie einreißen". Im Zweifel müssten demokratische Parteien gegen eine aus seiner Sicht verfassungsfeindliche AfD zusammenstehen, deren „Verfassungsfeinde von außerhalb des demokratischen Spektrums" keinen Zugriff auf Schulen, Kitas, Polizei und Justiz erhalten dürften.

Das ist politisch eine legitime Position. Nur besitzt sie eine gewisse charmante Asymmetrie. Bei politischen Gegnern rechts der Mitte arbeitet Banaszak gern mit Traditionslinien, historischen Warnungen und Analogien bis in die Zeit des Nationalsozialismus – im Februar 2026 warnte er im Ronzheimer-Podcast vor einer schleichenden Machtübertragung an die AfD und sagte, bestimmte Entwicklungen weckten bei ihm Erinnerungen an das Auftreten von SA und SS vor Hitlers Machtübernahme. Bei der Linken lautet die historische Methode dagegen ungefähr: Heidi baut doch die Mauer nicht

wieder auf. Geschichtsunterricht kann sehr verschieden lang dauern.


Von der „Kollektivdepression" zum „Scheiß"

Banaszak möchte eine freundlichere politische Kultur. Augenhöhe. Respekt. Menschen ernst nehmen, nicht beschämen.

In seinem eigenen Strategiepapier fordert er ausdrücklich eine Sprache, die Menschen „mitnimmt und nicht abschreckt".

Das hindert ihn keineswegs daran, gelegentlich selbst den rhetorischen Vorschlaghammer auszupacken. Michael Kretschmers Nord-Stream-Idee nannte er 2025 einen „überdurchschnittlich dummdreisten Vorschlag". Friedrich Merz

sollte nach der Kehrtwende bei der Schuldenpolitik „ganz, ganz kleine Brötchen" backen. Im Juni 2026 wurde es dann vollständig ruhrgebietskompatibel: Merz habe den Menschen politisch „einen Scheiß" erzählt, sagte Banaszak auf einem Grünen-Landesparteitag. Auch eine schärfere Migrationspolitik der Bundesregierung bezeichnete er im selben Sommerinterview kurzerhand als „unmenschlich". Man erkennt das kommunikative Konzept: Politik braucht Freundlichkeit. Außer natürlich, Felix ist gerade anderer Meinung. Dann darf sie auch dummdreist sein.


Steuern zahlen – aber bitte nach eigenem Ermessen

Ein Kapitel, das sich in Banaszaks eigener „Menschen-müssen-ihren-fairen-Anteil-zahlen"-Rhetorik besonders unangenehm liest, betrifft ihn selbst. Der Grünen-Parteichef räumte ein, seit 2022 versehentlich zu wenig Zweitwohnsitzsteuer gezahlt zu haben – über drei Jahre lang, wohlgemerkt, während seine Partei parallel höhere Steuern auf Vermögen, Erbschaften und hohe Einkommen forderte und Banaszak selbst wiederholt betonte, gesellschaftliche Solidarität bedeute eben auch,

dass jeder seinen Beitrag leiste. Er entschuldigte sich, kündigte eine Nachzahlung an und kooperiere inzwischen mit den Behörden. Das ist ehrlich, das ist anständig, und vermutlich war es tatsächlich ein Versehen. Nur hat ausgerechnet der Mann, der öffentlich moralische Kategorien wie Fairness, gesellschaftlichen Beitrag und Solidarität so gern bemüht, drei Jahre gebraucht, um festzustellen, dass er selbst nicht ganz vollständig einzahlt. Man könnte fast sagen: eine sehr persönliche Version des Merit-Order-Prinzips, bei dem am Ende immer irgendwer die Differenz übernimmt. In diesem Fall eben verspätet er selbst.


Die Grünen entdecken den Mann

Zu den kurioseren Kapiteln gehört Banaszaks Feldstudie über das männliche Geschlecht. Im Februar 2026 gab der

Grünen-Chef ausgerechnet dem Playboy ein Interview über moderne Männlichkeit – kein Unfall, wie er anschließend auf seiner eigenen Webseite erklärte: Junge Männer entfernten sich politisch von den Grünen, deshalb müsse seine Partei

auch dorthin gehen, wo diese Männer tatsächlich erreichbar seien. Die Grundidee ist nachvollziehbar, der Unterhaltungswert entstand eher beim Inhalt. Banaszak möchte vermitteln, dass moderne Männlichkeit sehr vieles sein darf: Fitnessstudio, lackierte Fingernägel, Lastenrad oder SUV – entscheidend sei letztlich anständiges Verhalten.

Im Frühjahr erklärte er zudem gegenüber WELT, Frauen könnten aufgrund gesellschaftlicher Erfahrungen Männern durchaus misstrauen, Männer könnten auch ohne eigenes Täterverhalten Teil problematischer Strukturen sein. Kurz

darauf diskutierten führende Grüne öffentlich über ein positiveres Männerbild; ein Manifest kritisierte, die Partei habe

lange hervorragend beschrieben, was Männer nicht sein sollten, aber zu wenig davon, was gute Männlichkeit eigentlich sein könne.

Und da steht man nun als deutscher Mann. Jahrelang wusste man gar nicht, dass einem politisch ein Männlichkeitsangebot gefehlt hat. Zum Glück kümmert sich jetzt eine Partei darum. Man darf also weiterhin BMW fahren. Das ist schön. Vermutlich nur nicht zu schnell.


Felix möchte die Menschen dort abholen, wo sie sind – jetzt sogar wirklich

Banaszaks neues Lieblingsmotiv lautet: Politik müsse bei der Lebensrealität der Menschen beginnen, nicht moralisieren, zuhören, Menschen dort erreichen, wo sie sind. Inzwischen hat er diese Metapher konsequenterweise wörtlich genommen und fährt im ostdeutschen Landtagswahlkampf mit einem „Banaszak-Taxi" herum – Interessierte können sich mit ihm verabreden und sich fahren lassen, während man über Politik spricht. Dafür gibt es tatsächlich Sympathiepunkte. Denn zum ersten Mal seit Jahren kann niemand behaupten, die Grünen würden die Menschen nicht abholen. Felix hat jetzt ein Auto.


Recht haben oder gewinnen?

Vielleicht der interessanteste Banaszak-Satz stammt aus seinem eigenen Strategiepapier nach Cem Özdemirs Wahlerfolg in Baden-Württemberg: Die Grünen müssten sich entscheiden, „ob sie Recht haben oder gewinnen wollen". Gemeint ist damit nicht, dass Fakten egal seien – Banaszak argumentiert, politische Kampagnen dürften nicht hauptsächlich der eigenen moralischen Selbstbestätigung dienen, man müsse über Themen sprechen, die Menschen tatsächlich interessieren. Eigentlich eine ausgesprochen vernünftige Erkenntnis. Nur hat der Satz für eine Partei, die ihren politischen Gegnern über Jahre besonders gern erklärte, dass die Wissenschaft, die Moral, die Zukunft und gelegentlich auch die Geschichte auf ihrer Seite stünden, eine gewisse unfreiwillige Komik. Denn plötzlich lautet die revolutionäre Erkenntnis: Der Wähler möchte vielleicht nicht nur hören, warum die Grünen Recht haben. Er möchte möglicherweise sogar selbst gefragt werden.

Man stelle sich das vor.


Das rhetorische Betriebssystem Banaszak

Legt man seine Auftritte der vergangenen Jahre nebeneinander, erkennt man eine Art Felix-Betriebssystem. Er spricht häufig von Lebensrealitäten, Augenhöhe, Mut, Zuversicht, Solidarität, Respekt, Heimat, Gerechtigkeit. Dagegen stehen

die wiederkehrenden Gegenspieler: Moralisierung, Bevormundung, Ideologie, soziale Kälte, Rechtsextremismus, Stillstand. Interessant ist weniger, dass ein Politiker solche Begriffe benutzt – interessant ist, wie flexibel ihre Bedeutung wird.

Wenn Grüne Menschen verändern wollen, heißt das Transformation. Wenn andere Politik verändern wollen, kann es Ideologie sein. Wenn die eigene Seite emotionalisiert, erzählt sie Geschichten; wenn die andere Seite emotionalisiert, betreibt sie Kulturkampf. Wenn die eigene Partei unbequeme Botschaften formuliert, ist das Ehrlichkeit. Wenn Friedrich Merz etwas verspricht, das Banaszak für unrealistisch hält, erzählt er den Leuten den bereits erwähnten Scheiß.

Und wenn die Grünen früher als moralisch wahrgenommen wurden, war daran teilweise die politische Konkurrenz schuld. Aber auch ein bisschen die Grünen. So viel Selbstkritik muss sein.


Felix' größte Begabung: Wirklichkeit als Erzählung

Man sollte Banaszak dabei nicht unterschätzen. Er ist kein politischer Tollpatsch, der zufällig von einer kuriosen Formulierung in die nächste stolpert. Seine eigenen Texte zeigen, dass er sich sehr intensiv mit politischer Kommunikation beschäftigt und verstanden hat, dass Wahlen nicht allein mit Programmen gewonnen werden, sondern mit Geschichten, Identität, Emotionen und Personen – genau das beschreibt er nach dem Erfolg Cem Özdemirs ausdrücklich.

Das erklärt zugleich seine Stärke und seine Schwäche. Banaszak sieht Politik häufig als Erzählung. Und manchmal

braucht eine gute Erzählung eben einen Bösewicht: die Ideologen, die Rechten, den moralisierenden Teil des eigenen Milieus, Friedrich Merz, Markus Söder, den nicht ausgebauten Strommast – oder im Notfall das Dachgeschoss.

Die Realität ist kompliziert. Eine Geschichte braucht dagegen einen klaren Konflikt.


SO SCHAUT'S AUS

Felix Banaszak möchte die Grünen verändern: weniger moralisch, mehr menschlich, weniger belehrend, mehr Augenhöhe, weniger Kulturkampf, mehr Lebensrealität. Das klingt gut. Nun müsste er diese neue Linie gelegentlich nur noch über die vollständige Dauer eines Interviews durchhalten – oder über die vollständige Dauer einer Steuererklärung.

Denn solange ein Politiker einerseits erklärt, Menschen sollten nicht beschämt und nicht belehrt werden, andererseits politische Konflikte binnen Sekunden zwischen Ideologie und Realität, Demokratie und Gefahr oder gar Investitionen

und elendigem Verrecken im Dachgeschoss aufspannt – und dabei selbst über Jahre hinweg beim eigenen Finanzamt etwas großzügiger kalkuliert, als er es öffentlich von anderen verlangt –, bleibt ein kleiner Verdacht: Vielleicht ist die

alte grüne Welt gar nicht verschwunden. Vielleicht hat Felix lediglich die Vorhänge gewechselt. Und falls irgendwann doch Zweifel aufkommen, gibt es immer noch Mut, Zuversicht und Solidarität.

Oder das Banaszak-Taxi. Es holt uns alle ab. Ob wir wollen oder nicht.


Heidi Reichinnek – Faust hoch, Fakten später?

Wie man den Kapitalismus abschafft: Sozialismus, diesmal mit besserem Content



SO SCHAUT'S AUS


Es gibt Politiker, die betreten ein Fernsehstudio und wirken, als hätten sie vorher noch einmal die Zahlen geprüft.

Und es gibt Heidi Reichinnek. Bei ihr hat man gelegentlich den Eindruck, Zahlen seien eher etwas für Menschen,

die ihre revolutionäre Grundstimmung bereits verloren haben.

Das wäre trotzdem ungerecht, denn Reichinnek kann Dinge, die im politischen Betrieb inzwischen ausgesprochen wertvoll sind: reden, mobilisieren, Social Media, einen Saal hochfahren – und, wie wir spätestens vom Parteitag wissen, offenbar auch die „Internationale" mitsingen, Faust ungefähr auf Höhe des linken oberen Bildrandes. Bühnenpräsenz: vorhanden. Bei der volkswirtschaftlichen Anschlussprüfung wird es dann gelegentlich komplizierter. Und genau deshalb ist sie eine der interessantesten Politikerinnen der Republik.


Die Revolution hat jetzt einen TikTok-Account

Reichinnek, Jahrgang 1988, studierte Nahoststudien sowie Politik und Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens,

sitzt seit 2021 im Bundestag und ist heute Co-Vorsitzende der Linksfraktion. Sie gehört zu jener seltenen Sorte Politiker,

bei der man schon nach wenigen Sekunden weiß: jetzt passiert Politik. Nicht das alte Modell

– „Wir müssen zunächst die unterschiedlichen Interessen sorgfältig gegeneinander abwägen" –, sondern eher:

Da sind die Reichen, dort die Armen, dazwischen ein Problem, und jetzt bitte alle einmal die Faust hoch. Das ist erheblich fernsehtauglicher.

Und es funktioniert politisch: Die Linke verdankt ihren Wiederaufstieg nicht zuletzt einer Social-Media-Strategie,

bei der Reichinnek eine zentrale Rolle spielte – selbst das ZDF bezeichnete sie nach der Bundestagswahl als maßgeblich verantwortlich für den überraschenden Erfolg ihrer Partei. Während andere Politiker auf Instagram aussehen,

als hätte ihnen der Referatsleiter Digitalisierung erklärt, wo sich die Kamera befindet, wirkt Reichinnek dort tatsächlich

wie jemand, der weiß, dass hinter dem Bildschirm Menschen sitzen. Das Problem beginnt erst, wenn aus dem

45-Sekunden-Clip eine 45-Minuten-Diskussion wird.


Lanz entdeckt das gefährlichste Instrument des Kapitalismus: die Nachfrage

Am 29. April 2025 saß Reichinnek bei Markus Lanz, Thema unter anderem Wohnungspolitik – ein Heimspiel, könnte man meinen. Die Linke fordert Mietendeckel, mehr Regulierung, mehr sozialen Wohnungsbau; Reichinnek nennt das Einfrieren von Mieten ausdrücklich als Ziel auch für 2026. Dann stellte Lanz Fragen. Nicht nach Rosa Luxemburg, nicht nach gesellschaftlicher Solidarität, nicht einmal nach Klassenkampf. Sondern: Wie viele Mietwohnungen gibt es in Deutschland? Reichinnek wusste es nicht genau. Wie viele davon gehören privaten Kleinvermietern? Schwierig.

Wie hoch ist deren durchschnittliche Rendite? Noch schwieriger.


Reichinnek empfand die Fragerei schließlich als eine Art „Schulabfrage" und verwies auf ihre Migräne; am Ende räumte sie selbst ein, sie müsse sich beim nächsten Mal besser vorbereiten. Das ist menschlich, Migräne erst recht, und kein Politiker muss jede Statistik auswendig kennen. Nur entsteht ein gewisses dramaturgisches Problem, wenn man einen Markt grundlegend regulieren möchte und die elementaren Größen dieses Marktes gleichzeitig als lästige Detailfrage empfindet.

Lanz bezifferte in der Sendung den Bestand auf rund 42 bis 43 Millionen Wohnungen, davon etwa 23 Millionen Mietwohnungen, größtenteils in der Hand privater Kleinvermieter mit Renditen häufig im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Über Mieterschutz, Mietwucher, fehlenden Wohnungsbau, Baulandpreise, Zinsen und Baukosten kann man einen ganzen Abend diskutieren. Aber genau hier zeigt sich Reichinneks Grundmuster: Sie argumentiert häufig von der moralischen Schlussfolgerung rückwärts. Die Miete ist hoch, also muss jemand schuld sein, der Vermieter besitzt die Wohnung, die Rollenverteilung ist damit schon einmal erfreulich übersichtlich – jetzt fehlt nur noch dramatische Musik.


Ökonomie funktioniert leider weniger kooperativ: Wenn Investitionen unattraktiver werden, wird nicht automatisch mehr gebaut. Wenn Baukosten steigen, verschwinden sie nicht per Bundestagsbeschluss. Eine Wohnung lässt sich eben nicht mit einem #Hashtag fertigstellen.


Der demokratische Sozialismus – diesmal klappt's

Beim großen Entwurf wird es noch interessanter. Reichinneks politisches Ziel ist ein „demokratischer Sozialismus", öffentliche Daseinsvorsorge – Wohnen, Verkehr, Gesundheit, Bildung – solle stärker in staatliche Hand zurückkehren.

Zur DDR sagte sie, diese sei nicht der Sozialismus gewesen, den ihre Partei anstrebe. Das ist eine bemerkenswerte Konstruktion, denn Sozialismus besitzt damit einen argumentativen Vorteil, um den ihn jedes privatwirtschaftliche Geschäftsmodell beneiden dürfte: Wenn er funktioniert, war es Sozialismus. Wenn er scheitert, war es offenbar keiner.

Die DDR? Nicht richtig gemacht. Die Sowjetunion? Schwierige Umsetzung. Venezuela? Andere Rahmenbedingungen.

Der nächste Versuch? Diesmal demokratisch.


Hier endet dann auch, kurz die Fröhlichkeit: Die SED-Opferbeauftragte des Bundestages, Evelyn Zupke, nahm die

Aussage im April 2026 ernst und lud Reichinnek zu einem Besuch der ehemaligen Frauenhaftanstalt Hoheneck ein,

damit sie sich mit den Erfahrungen der Opfer der SED-Diktatur auseinandersetzt. Über die konkrete Ausgestaltung

eines demokratischen Sozialismus kann man politisch streiten. Die historische Erfahrung sozialistischer Systeme

lässt sich allerdings nicht mit dem Satz erledigen, das sei eben nicht der richtige Sozialismus gewesen.


Von denen da oben: das politische Kinderzimmer

Reichineks größte kommunikative Stärke liegt darin, Politik auf einfache Konfliktlinien herunterzubrechen:

oben gegen unten, reich gegen arm, Mieter gegen Vermieter, Volk gegen Lobbyisten. Politisches Fast Food – es schmeckt sofort, man versteht die Verpackung, und niemand verlangt vor dem Verzehr eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Alles braucht dabei einen Bösewicht, einen moralisch Guten, Empörung, ein Video. Der Milliardär ist böse, der Konzern verdächtig, der Vermieter kassiert – der Staat dagegen erscheint erstaunlicherweise regelmäßig als jener wohlmeinende Onkel, der nur endlich genug Geld und Kompetenzen benötigt, damit alles funktioniert. Das ist ungefähr die politische Version von „Papa, Geld kommt aus dem Automaten" – nur dass Papa in diesem Fall Steuerzahler heißt.


Dabei sind viele der Probleme, auf die Reichinnek zeigt, real: hohe Wohnkosten in Ballungsräumen, eine legitime Vermögensverteilungsdebatte, Kinderarmut, klamme Kommunen, ein strukturell angeschlagenes Gesundheitssystem.

Sie fordert eingefrorene Mieten, mehr sozialen Wohnungsbau, die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel, stärkere Beteiligung hoher Einkommen. Darüber darf und soll gestritten werden.

Was regelmäßig fehlt, ist die zweite Hälfte des Satzes: Und was passiert danach? Wer investiert, wer baut,

welche Anreize bleiben, welche Ausweichreaktionen löst eine Steuer aus, was bedeutet eine Maßnahme für Wachstum

und Beschäftigung? Politik beginnt schließlich dort, wo der Applaus endet.


Bei Lanz kritisierte Reichinnek die Berufung ehemaliger Manager ins Kabinett Merz mit dem – zutreffenden – Argument,

die Fähigkeit, ein Unternehmen zu führen, garantiere noch keine volkswirtschaftliche Kompetenz.

BWL und VWL seien unterschiedliche Disziplinen. Nur lädt diese Erkenntnis zur Gegenfrage ein: Warum gilt diese intellektuelle Vorsicht eigentlich nur in eine Richtung? Wer ein Unternehmen führt, versteht deshalb nicht automatisch

eine Volkswirtschaft – einverstanden. Aber wer eine flammende Rede gegen Vermieter halten kann, versteht deshalb ebenfalls nicht automatisch einen Wohnungsmarkt. Wer „Umverteilung" sagen kann, hat noch keinen Staatshaushalt finanziert.  Und wer beim Parteitag die Faust hebt, besitzt dadurch noch keine Industrie. Es wäre ausgesprochen fortschrittlich, diese Erkenntnis parteiübergreifend anzuwenden.


Faust hoch – jetzt wird gerechnet

Im Juni 2026 trat Reichinnek beim Parteitag der Linken in Potsdam auf, Phoenix übertrug ihre Rede unter dem Titel

„Wir sind zurück!". Und zurück ist einiges: Klassenkampf-Rhetorik, Sozialismus, die Internationale, geballte Fäuste

– nur der Trabant fehlt noch auf dem Parkplatz, wobei man den inzwischen vermutlich wegen seiner CO₂-Bilanz nicht mehr durch den Parteitagsbeschluss bekäme. Passenderweise war ohnehin ein anderes Fahrzeug schon wenige Monate zuvor Thema geworden: Im Februar 2026 wurde Reichinnek bei einer Wahlkampfveranstaltung in Koblenz neben einem Audi A8 fotografiert, Listenpreis je nach Ausstattung zwischen 100.000 und 150.000 Euro, Kennzeichen mit ihren Initialen und ihrem Geburtsdatum. Die Fraktion stellte umgehend klar, es handele sich um einen geleasten Dienstwagen der Linksfraktion, nicht um Reichinneks Privatbesitz – „privat besitzt Frau Reichinnek kein Auto", ließ ein Sprecher wissen.

Das mag stimmen. Nur klingt „Ich besitze keinen Sechsstellig-Audi, ich werde nur regelmäßig darin durch den Wahlkampf gefahren" für eine Partei, die den Kapitalismus abschaffen möchte, nicht wesentlich glaubwürdiger.

Der Trabant wäre, bei aller berechtigten Umwelt-Kritik, wenigstens klassenkampf-kompatibler gewesen.


Beim traditionellen Absingen der „Internationale" steht Reichinnek sichtbar mit erhobener Faust in der Parteigemeinschaft, und man muss ihr ausdrücklich ein Kompliment machen: Sie singt engagiert, Text sicher, Faust sitzt, Tonlage offenbar gleich einem Goldkehlchen. Wenn volkswirtschaftliche Zusammenhänge künftig einmal ebenso prägnant vorgetragen werden, dürfte selbst Markus Lanz rhetorisch in Not geraten.


SO SIEHT'S AUS

Heidi Reichinnek ist nicht deshalb erfolgreich, weil sie komplizierte politische und wirtschaftliche Zusammenhänge besonders differenziert erklärt. Sie ist erfolgreich, weil sie sie radikal vereinfacht: Aus Wirtschaftspolitik wird Gerechtigkeit, aus Eigentum wird Macht, aus Vermietern werden Miethaie, aus Wohlhabenden werden diejenigen, bei denen

„etwas zu holen" ist – und aus einer Faktenfrage wird im ungünstigsten Moment eine Schulabfrage.

Das funktioniert ausgezeichnet, solange niemand zu lange nachfragt. Bei Lanz dauerte es ungefähr bis zur Frage nach der Zahl der Mietwohnungen, dann hatte die Revolution kurz Migräne - Schwamm drüber.

Beim nächsten Parteitag ist die Welt wieder übersichtlich, die "Internationale" erklingt, die Faust geht hoch,

alle wissen, wer die Guten sind.
Für 2026 formulierte Reichinnek selbst den vielleicht ehrlichsten Satz ihrer Karriere:

Die größte Aufgabe sei es,  „Hoffnung zu organisieren". Das klingt fast poetisch, und es beschreibt ihre Politik tatsächlich ziemlich präzise.  Andere organisieren Kapital, Unternehmen organisieren Produktion, Bauunternehmen organisieren Baustellen  – und Heidi Reichinnek organisiert Hoffnung. Irgendjemand muss es schließlich machen.

Problematisch wird es nur in dem Moment, in dem diejenigen, die tatsächlich Kapital, Wohnungen und Arbeitsplätze organisieren, am Ende auch noch die Rechnung für die organisierte Hoffnung bekommen.

Und wenn irgendwann jemand fragt, wie das alles finanziert werden soll, bleibt immer noch die bewährte Antwort:

Bitte keine Schulabfrage.  Wir organisieren hier gerade Hoffnung.


Tegernsee: Der Kanzler macht Sommerpause
465 Tage Merz: Handicap Kanzleramt


SO SCHAUT'S AUS


Wie man in gut vierhundert Tagen jeden Saal enttäuscht

Es gibt Sätze, die schreibt einem kein Kabarettist besser. Friedrich Merz, vor 450 Familienunternehmern im Adlon, wirft seinem Publikum vor, zu selten in Talkshows zu sitzen – und schiebt zur Begründung nach: „Ich treffe jedenfalls am Sonntag mehr Leute auf dem Golfplatz als abends in den Talkshows." Sein Appell: „Sie müssen raus."

Müssen. Sagt der Mann, der sonntags offenbar zwischen Bunker und Grün pendelt, während er anderen die Zumutung öffentlicher Debatte predigt. Das ist keine Rede mehr, das ist ein Geständnis mit Verstärkeranlage. Und es ist, mit Verlaub, die ehrlichste Aussage dieser gesamten Kanzlerschaft: Wo Merz wirklich hinwill, wenn's ungemütlich wird, weiß man jetzt amtlich. Ausgerechnet dieser Kanzler warnt an anderer Stelle eindringlich vor „schlechten Witzen" – als handele es sich um eine nationale Sicherheitsbedrohung. Was daran besonders komisch ist: Kaum jemand liefert derzeit zuverlässiger Pointen als er selbst, nur eben unfreiwillig.

Der Fehlstart

Am 6. Mai 2025 reichte die eigene Koalitionsmehrheit im ersten Wahlgang nicht – 18 Abgeordnete aus den eigenen Reihen straften ihren Kandidaten ab, bevor er auch nur eine Akte unterschrieben hatte. Zweiter Wahlgang, dann klappte es doch noch, wie bei einem Elfmeter, der erst im Nachschuss reingeht. Grünen-Politikerin Anna Lührmann sagte damals, diese Regierung sei „handwerklich gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hat". Selten hat eine Prognose sich so eilig selbst bestätigt.

Der Versprechen-Grabverkäufer

Die Schuldenbremse: im Februar 2025 im TV-Duell „von dieser Stelle aus" ausdrücklich verteidigt, wenige Wochen später von der eigenen Fraktion höchstpersönlich beerdigt – noch bevor Merz überhaupt vereidigt war. Ergebnis: 500 Milliarden Sondervermögen, 98 Milliarden neue Schulden allein 2026. Merz selbst gab zu, dafür „einen sehr hohen Kredit… auch was meine persönliche Glaubwürdigkeit betrifft" verpulvert zu haben. Redlicher Buchhalter, dieser Mann – nur leider auf eigene Rechnung.

Die Grenzkontrollen ab Tag eins, per Richtlinienkompetenz, wortwörtlich versprochen: geschmolzen zu „in Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn", was auf Deutsch heißt: gar nichts. FDP-Mann Rülke: „Merz ist als Tiger gesprungen, und keine zwei Wochen später sind nur noch zwei Bettvorleger übrig."

Stromsteuer für alle senken wurde zur Gasspeicherumlage umetikettiert. Das Klimageld, 200 Euro im TV-Duell versprochen, verwandelte sich in den Satz, das Thema stehe „derzeit nicht auf der Tagesordnung" – Politiker-Deutsch für: nie wieder. Bürgergeld-Reform: 1,7 Prozent des angekündigten Einsparvolumens erreicht. Heizungsgesetz-Abschaffung: angekündigt, vertagt, während die EU wegen Umsetzungsverzugs bereits klagt. Man könnte weitermachen. Man muss aber nicht – der Rhythmus ist klar.

Die Wirtschaft, die nicht mitspielte

Angetreten mit dem Anspruch der „wirtschaftspolitischen Wende", lieferte Merz: 0,1 Prozent Wachstum 2025 (IWF), Euroraum-Schlusslicht hinter nur Österreich, 0,9 Prozent Prognose für 2026 – weiterhin unteres Tabellendrittel. Der Rentenbeitrag klettert Richtung 20,4 Prozent bis 2030, der Steuerzuschuss liegt schon bei 127,8 Milliarden.

Die „Wende" fand offenbar auf einem anderen Golfplatz statt.

Zwei Reden, ein Kanzler, null Konsistenz

Im Juni 2026, vor den Familienunternehmern: Lobeshymnen auf Risikofreude, 3.500 Start-up-Gründungen bejubelt, Warnung vor der „Wohlstandsillusion". Der Mann als Unternehmerfreund.

Im Mai 2026, vor dem DGB-Bundeskongress, erster Kanzlerauftritt dort seit Merkel 2018: „Die Kosten in diesem Land sind zu hoch. Es sind die Steuern und Abgaben, es sind die Bürokratie- und Energiekosten." Für den Satz, das alles sei „keine Bösartigkeit", erntete er höhnisches Gelächter; der Rest der Rede ging in Pfiffen unter.

Dieselbe Diagnose, zweimal verkauft: dem einen Saal als Kompliment, dem anderen als Rüge – verpackt in warme „Sozialpartnerschaft"-Vokabeln, die so klangen, als glaube er selbst nicht recht daran. Wer beim Umschalten zwischen Publikum A und Publikum B die Botschaft komplett wechselt, sollte sich nicht wundern, wenn am Ende beide das Kleingedruckte suchen. Konsequent ist daran höchstens die Inkonsequenz.

Waldbrände zuerst, Pointen später

CSD-Anschlag in Berlin, Nacht zum 26. Juli 2026, eine Tote, 29 Verletzte. Merz meldete sich am Tatabend zunächst zu Waldbränden in Frankreich. Bei der Trauerfeier tags darauf philosophierte er dann über „dumme Redensarten, schlechte Witze" als Teil der Gewalt – ein Timing, das selbst geübte Redenschreiber nicht retten konnten. Applaus von einigen, Kopfschütteln von allen anderen, links wie rechts.

Belém tanzt, Trump pöbelt

Auf dem Handelskongress erzählte Merz launig, keiner seiner Journalisten habe nach der Klimakonferenz in Belém bleiben wollen. Brasiliens Präsident Lula konterte, Merz solle lieber tanzen gehen statt sich über seine Gastgeberstadt lustig zu machen. Und der einst gelobten „großartigen Beziehung" zu Trump folgte: „völlig wirkungslos", „kaputtes Land" – frisch von Truth Social, mit der Chronistenpflicht direkt vom US-Präsidenten persönlich zugestellt.

Selbst die eigenen Leute steigen aus

Kramp-Karrenbauer gewinnt eine Kampfabstimmung gegen den Merz-Kandidaten. SPD-Fraktionschef Miersch, immerhin der eigene Koalitionspartner, nennt ihn öffentlich „einen impulsiven Menschen" und stellt fest: „So kann man eigentlich kein Kanzleramt führen." Wenn selbst die Leute, mit denen man morgens Kaffee trinkt, so reden – wozu noch Opposition?

Selbstmitleid als Regierungsprogramm

Im April 2026, Spiegel-Interview: „Kein Bundeskanzler vor mir" habe so viel Anfeindung ertragen müssen wie er. Adenauer baute ein zerbombtes Land wieder auf. Kohl überlebte die Spendenaffäre. Brandt trat wegen eines Spions im Kabinett zurück. Merz leidet unter Kommentarspalten. Im selben Gespräch: „Ob das am Ende des Tages wirklich gelingt, weiß ich heute noch nicht." Ein Satz, den man sich normalerweise nur vom Praktikanten wünscht, nicht vom Regierungschef.

Die Quittung

ARD-DeutschlandTrend, August 2026: 14 Prozent Zufriedenheit mit dem Kanzler, 13 mit der Koalition. Selbst der Kabinettsumbau vor der Sommerpause überzeugte nur 12 Prozent – noch nicht mal die eigene PR-Abteilung wirkt begeistert. Zum Vergleich: Juli 2025 lag man bei 39 Prozent, bei der eigenen Klientel bei 82. In der Sonntagsfrage führt die AfD mit 28 Prozent inzwischen sieben Punkte vor der Union (21 Prozent) – jener Partei, die gestartet war, um die AfD zu halbieren. Halbiert wurde stattdessen die eigene Zustimmung.

Auch der Praktikant zeigt Einsatz

Dass Pannen im Umfeld dieses Kanzlers offenbar Teamgeist entwickeln, bewies der Account @bundeskanzler höchstpersönlich. Nach dem deutschen WM-Aus gegen Paraguay am 30. Juni 2026 – drei verschossene Elfmeter, ein Turnier zum Vergessen – postete das Kanzleramt bei X und Instagram: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch." Comedian Oliver Pocher brachte die allgemeine Verwirrung auf den Punkt:
„Ich hoffe der Account ist gehackt worden. Aber das passt zu Situation in diesem Land." Eine Nutzerin fragte schlicht, ob der Verfasser „sich ein anderes Spiel angeguckt" habe; ein User rechnete vor, bei vergleichbarer Arbeitsleistung hätte Deutschland „ein negatives BIP". Regierungssprecher Kornelius musste anschließend erklären, der Post sei „unpassend getextet" gewesen und beziehe sich eigentlich auf das gesamte Turnier, nicht nur das Ausscheiden – eine Rettung, die selbst als Rettungsversuch scheiterte.

Es fügt sich beinahe zu schön in dieses Kanzleramt: Offenbar übt dort nicht nur der Regierungschef selbst das Prinzip „daneben, aber mit vollem Selbstbewusstsein vorgetragen" – auch der jüngste Social-Media-Praktikant scheint es längst verinnerlicht zu haben. Verlässlichkeit gibt es hier durchaus, nur eben ausschließlich beim Verfehlen.


Par für den Kurs, Bogey für das Land - SO SIEHT'S AUS

Ein Kanzler, der die Schuldenbremse bricht, die er zur Parteireligion erklärt hatte. Der Migrationsversprechen macht und sie am ersten Tag zurücknimmt. Der Unternehmern Risikofreude predigt und Gewerkschaftern dieselbe Botschaft als Vorwurf serviert. Der öffentlich zugibt, lieber zu golfen, als sich selbst der Zumutung zu stellen, die er anderen aufbürdet.

Der bei einer Trauerfeier über „schlechte Witze" doziert. Und der sich am Ende beschwert, wie ungerecht ihm das alles zugestoßen sei. Man könnte sagen: Friedrich Merz führt Deutschland wie eine Golfrunde bei schlechtem Wetter – viele Schläge, wenig Fortschritt, und am Ende die feste Überzeugung, dass eigentlich der Wind schuld war.

Die nächste reguläre Bundestagswahl ist 2029. Die Umfragen deuten an: Es könnte früher ein Abschlag werden.


Deutsche Bahn: Mittelmäßiger Anspruch, große Ziele

Wie man mit sinkender Pünktlichkeit trotzdem steigende Boni rechtfertigt – ein Lehrstück in konzerninterner Mathematik


SO SCHAUT'S AUS


Es gibt Unternehmen, die scheitern leise. Die Deutsche Bahn scheitert mit Ansage, mit Pressemitteilung, mit Fahrplanauskunft in Echtzeit – und trotzdem irgendwie erfolgreich genug, dass am Ende des Jahres wieder Boni fließen. Das ist die eigentliche Ingenieursleistung dieses Konzerns: nicht die Züge pünktlich zu machen, sondern das Scheitern buchhalterisch so zu verpacken, dass es sich am Jahresende wie ein Erfolg liest.


Die Zahlen, roh und ungeschönt

Im Januar 2022 kamen noch rund 81 Prozent der Fernzüge pünktlich an. Seitdem ging es, mit gelegentlichen Verschnaufpausen, steil bergab: November 2023 ein Tiefpunkt von 52 Prozent, 2024 im Schnitt 62,5 Prozent, 2025 nur noch 60,1 Prozent – mit einem neuen Rekordtief im Oktober 2025 von 51,5 Prozent. Der Winter 2026 begann mit 52,1 Prozent im Januar, und auch das erste Halbjahr 2026 rettete mit mageren 58,7 Prozent nicht viel. Zur Erinnerung: „Pünktlich" heißt bei der Bahn bereits alles unter sechs Minuten Verspätung – wer diese großzügige Definition zugrunde legt und trotzdem nur knapp über die Hälfte der Züge durchbringt, hat ein Problem, das sich nicht mehr schönrechnen lässt - zumindest theoretisch.


Boni trotz Bankrott der Pünktlichkeit

Praktisch geht das nämlich sehr wohl. Der langjährige Bahnchef Richard Lutz erhielt für das Jahr 2022 eine feste Vergütung von knapp einer Million Euro – plus eine variable Vergütung von 1,261 Millionen Euro obendrauf.

Und das, obwohl die Ziele für „Pünktlichkeit" und „Kundenzufriedenheit" laut Konzernangaben ausdrücklich verfehlt wurden. Die Rettung kam aus einer anderen Ecke der Zielvereinbarung: Kategorien wie „Frauen in Führung" und „Mitarbeitenden-Zufriedenheit" wurden erfüllt oder übererfüllt, und so wanderten die verpassten Pünktlichkeitsziele einfach in die Verrechnung – am Ende blieb unterm Strich ein Bonus in Millionenhöhe übrig.

Man muss diesen Vorgang zweimal lesen, um seine ganze Eleganz zu erfassen: Die Züge kamen nicht an, aber die Zielvereinbarung schon. Es ist, als würde ein Restaurant seine miese Küchenbewertung mit einer hervorragenden Bewertung für die Servietten ausgleichen und dem Koch trotzdem die volle Prämie zahlen.


Die Neue an der Spitze: gleiches Problem, ehrlichere Sprache

Im April 2026 übernahm Evelyn Palla das Ruder – und immerhin: Sie spricht Klartext, wo ihr Vorgänger noch verrechnete. „Wir hatten auch im Jahr 2025 einen deutlich sinkenden Trend bei der Pünktlichkeit insbesondere im Fern- und Regionalverkehr", räumte sie ein. „Es gilt nun, diesen fallenden Trend zu stabilisieren." Das ist bemerkenswert ehrlich formuliert für eine Konzernchefin – „stabilisieren" heißt hier ausdrücklich nicht „verbessern", sondern lediglich:

das Fallen verlangsamen, bevor man überhaupt ans Steigen denkt. Eine Erwartungshaltung, die selbst hartgesottene Bahnkunden inzwischen zu schätzen wissen, weil sie wenigstens keine falschen Hoffnungen mehr weckt.

Pallas eigenes Pünktlichkeitsziel für 2026 liegt bei bescheidenen 60 Prozent im Fernverkehr – erreicht wurde im ersten Halbjahr nicht einmal das. Die Bundesregierung hält derweil offiziell an einem Zielwert von 70 Prozent bis Ende 2029 fest. Zwischen der Ehrlichkeit der neuen Chefin und der Zuversicht der Bundesregierung liegen also gut zehn Prozentpunkte Wunschdenken, die irgendjemand in den kommenden dreieinhalb Jahren noch einfahren müsste.

Auf einem Streckennetz, das laut eigener Einschätzung als „marode" gilt und seit Jahren kaum erneuert wird, während die Nachfrage gleichzeitig steigt.


Strukturreform als Standardantwort

Um das Ruder herumzureißen, kündigte Palla an, die Konzernzentrale in Berlin zu verschlanken: Von den 43 Führungsstellen unterhalb des Vorstands soll etwa die Hälfte gestrichen werden, mehr Verantwortung soll in die Fläche wandern, zu regionalen Managern. Das ist grundsätzlich eine vernünftige Idee. Nur hat die Bahn in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits mehrere Reformrunden, Sanierungsprogramme und „Zukunftsbündnisse" hinter sich gebracht,

ohne dass sich am grundlegenden Muster viel änderte: Ankündigung, Reorganisation, neue Zielmarke, verfehlte Zielmarke, nächste Reorganisation. Man könnte fast meinen, die eigentliche Kernkompetenz des Konzerns liegt nicht im Schienenverkehr, sondern im Verfassen neuer Strategiepapiere, sobald das alte sein Ziel verpasst hat.


Anspruch und Wirklichkeit auf getrennten Gleisen

Die Deutsche Bahn ist damit ein fast schon poetisches Sinnbild deutscher Großprojekte: hohe Ziele, ambitionierte Zahlen, ehrliche Absichtserklärungen – und eine Realität, die sich beharrlich weigert mitzuspielen. Der Unterschied zu anderen gescheiterten Ambitionen liegt nur darin, dass hier niemand ernsthaft überrascht ist. Wenn im Halbjahresbericht wieder eine Pünktlichkeitsquote knapp über 50 Prozent steht, zuckt inzwischen kaum noch jemand mit der Schulter – man hat sich längst darauf eingerichtet, dass „pünktlich" bei der Bahn eher eine philosophische Kategorie ist als ein verlässliches Versprechen.


Und wer sich fragt, warum sich an diesem Muster über Jahrzehnte so wenig ändert, muss nur einen Blick auf die Personalie werfen, statt auf den Fahrplan. Denn während sich die Republik über Verspätungsminuten aufregt, entschied über Jahre eher das Parteibuch als die Fachkompetenz, wer den Konzern eigentlich führen durfte. Otto Wiesheu, Ronald Pofalla, Merkels langjähriges „Mädchen für alles", bestellte als Bundestagsabgeordneter 39 Montblanc-Luxusfüller für knapp 15.000 Euro als „Büromaterial", ehe er in den DB-Infrastrukturvorstand wechselte und nach seinem Abgang prompt bei einem Immobilienentwickler landete – mit der Aufgabe, marode DB-Bahnhöfe zu sanieren. Der Mann, der jahrelang für die Infrastruktur zuständig war, verdient jetzt daran, sie zu reparieren. Zirkulärer geht Wirtschaft kaum.


Auch sonst liest sich die Besetzungsliste wie ein Absolvententreffen der Bundespolitik: Der frühere NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers erhielt einen gut dotierten Beraterposten, der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Gatzer war zuvor Staatssekretär im Finanzministerium, sein Stellvertreter Martin Burkert saß fünfzehn Jahre für die SPD im Bundestag,

ehe er zum Gewerkschaftschef und damit erneut zum Bahn-Aufseher wurde. Sechs von zehn Anteilseignervertretern im Aufsichtsrat haben laut Recherchen direkte politische Verbindungen. Der Bahnexperte Christian Böttger bringt es unverblümt auf den Punkt: Echte Strukturreformen scheitern nicht zuletzt an genau jenen Kräften aus Gewerkschaft und SPD-Regierungsvertretung, die selbst tief im System verankert sind und an grundlegender Umgestaltung erkennbar kein Interesse haben. Der Bock, könnte man sagen, gärtnert hier nicht nur mit, er hat auch noch das Gartenamt gepachtet.


Selbst der Abgang von Richard Lutz wurde am Ende zur Pointe: Als bekannt wurde, dass der Bahnchef trotz eines eigentlich bis 2027 laufenden Vertrags vorzeitig gehen muss, kommentierte die Grünen-Politikerin Ricarda Lang bei Instagram trocken: „Muss er 'gehen', weil der Zug nicht kam?" – ein Satz, der binnen Stunden hunderte

Applaus-Kommentare sammelte, weil er in sieben Worten präziser traf als jeder Quartalsbericht des Konzerns.

Vielleicht ist das am Ende die eigentliche Leistung des Konzerns: Er hat es geschafft, die eigene Unzuverlässigkeit so tief im kollektiven Bewusstsein zu verankern, dass selbst eine Pünktlichkeitsquote von 58,7 Prozent nicht mehr für Aufregung, sondern höchstens noch für ein müdes Nicken sorgt. Wer so tief fällt, dass am Ende jede Stabilisierung schon wie ein Erfolg wirkt – der hat, rein rhetorisch betrachtet, sein Ziel womöglich längst erreicht. Nur eben nicht das, das ursprünglich auf dem Fahrplan stand. Und wessen Namen als Nächstes auf dem Türschild der Konzernzentrale steht, entscheidet sich am Ende ohnehin seltener im Bewerbungsgespräch als in der Fraktionssitzung - gute Reise, SO SIEHT'S AUS


Freiheit stirbt zentimeterweise

– ein Plädoyer für Widerspruch, Toleranz und offenen Diskurs


Ein Kommentar


Deutschland ist keine Diktatur. Man kann die Regierung kritisieren, demonstrieren, Oppositionsparteien wählen.

Niemand landet im Gefängnis, weil er eine unpopuläre Meinung vertritt. Das muss am Anfang jedes Textes über bedrohte Freiheit stehen – sonst macht man denselben Fehler wie jene, die jede gesellschaftliche Ächtung mit staatlicher Zensur verwechseln. Aber Freiheit ist mehr als die Abwesenheit von Zensur. Sie braucht Menschen, die widersprechen können, ohne vorher ihre beruflichen und sozialen Risiken durchzurechnen. Und genau an dieser Stelle ist in Deutschland etwas ins Rutschen geraten.

Eine Zahl, die man ernst nehmen sollte

Das Institut für Demoskopie Allensbach fragt seit Jahrzehnten, ob man seine politische Meinung frei sagen kann. 1991 antworteten 78 Prozent mit Ja. 2003 waren es noch 72 Prozent. Im Oktober 2025: nur noch 46 Prozent. 44 Prozent hielten es für klüger, vorsichtig zu sein.

Das bedeutet nicht, dass diese Menschen staatliche Verfolgung fürchten. Allensbach selbst verweist auf gesellschaftliche Sanktionen und ein verändertes Meinungsklima als Ursache. Eine Erhebung der Friedrich-Naumann-Stiftung bestätigt das Bild: 60 Prozent sind heute vorsichtiger, weil sie negative Reaktionen fürchten. Nur 41 Prozent fühlen sich frei, überall zu sagen, was sie denken. Und 82 Prozent erleben die öffentliche Debatte inzwischen als zunehmend hasserfüllt.

Das ist keine Zensur. Aber es ist auch nicht nichts.

„Freiheit stirbt immer zentimeterweise"

Am 13. Mai 2011 hielt Guido Westerwelle als scheidender FDP-Vorsitzender eine Rede, die heute fast prophetisch klingt.

Er zitierte den liberalen Publizisten Karl-Hermann Flach: „Freiheit stirbt immer zentimeterweise." Seine eigentliche Botschaft ging tiefer: Freiheitsverlust in einer Demokratie kommt selten mit einem Knall. Er kommt schleichend, mit guten Gründen, mit Sicherheitsargumenten – und wird erst gefährlich, wenn die Bürger ihr „Immunsystem" gegen genau diese Argumente verlieren.

Genau dieses Immunsystem ist das Thema dieses Textes: die Fähigkeit, bei jeder neuen Einschränkung noch zu fragen: Moment mal – darf man das wirklich nicht mehr sagen?

Vom Argument zur Identität

Früher stritten Menschen über eine Position. Heute stehen sich zunehmend Identitäten gegenüber. Aus „Ich halte deine Migrationspolitik für falsch" wird „Du bist rechts". Aus Kritik an der Klimapolitik wird „Klimaleugner". Aus einer abweichenden Corona-Haltung wird „Schwurbler". Aus der Frage nach Verhandlungen mit Russland wird „Putinversteher"

– ein Begriff, der schon 2015, sieben Jahre vor dem russischen Großangriff, im Deutschlandfunk als Stigmatisierungsvokabel diskutiert wurde. Und selbstverständlich funktioniert dasselbe Muster spiegelverkehrt:

„linksgrün versifft", „Systemling", „Lügenpresse".

Das Vokabular wechselt, die Methode bleibt: Man widerlegt nicht mehr die Aussage, man definiert den Sprecher.

Ist er erst einmal einer Gruppe zugeordnet, muss man sich mit seinem Argument nicht mehr beschäftigen. Das ist bequem – aber das Gegenteil einer liberalen Diskussionskultur.

Diese Entwicklung zieht sich durch die vergangenen 25 Jahre wie ein roter Faden: der Ausbau der Sicherheitsgesetze nach 2001, die moralische Aufladung der Migrationsdebatte ab 2015, die Spaltung während Corona, der neue Loyalitätstest nach dem russischen Angriffskrieg 2022, und seit dem 7. Oktober 2023 der Nahostkonflikt. Unterschiedliche Themen, immer dasselbe Muster: Ein komplexer Konflikt wird zur moralischen Bekenntnisfrage verkürzt.

„Haltung" – ein schönes Wort mit gefährlicher Nebenwirkung

Kaum ein Begriff beschreibt diesen Wandel besser als „Haltung". Zunächst klingt er gut: Wer Haltung hat, ist nicht beliebig. Problematisch wird er erst, wenn er nicht mehr bedeutet „Ich habe Werte", sondern „Zu dieser Frage gibt es eine moralisch richtige Position – und wer sie nicht teilt, muss sich erklären".

Das betrifft nicht nur Journalismus, wo die Reihenfolge eigentlich klar sein sollte – erst Recherche, dann Fakten, dann Einordnung, dann Meinung, niemals umgekehrt. Es betrifft auch Unternehmen, Universitäten und Verbände, die zunehmend öffentlich „Haltung zeigen" und ein "Signal setzen". Irgendwann fragt niemand mehr: Welche Haltung eigentlich – und darf ich eine andere haben?

Cancel Culture: kein Phänomen einer einzigen Seite

Nicht jede Kritik ist Cancel Culture, nicht jede ausgeladene Person wird zensiert – niemand hat ein Grundrecht auf eine Bühne. Aber es gibt Fälle, in denen aus Protest mehr wird als Widerspruch: gestörte Vorlesungen des Ökonomen Bernd Lucke 2019, die zurückgezogene Einladung Nancy Fraser an die Universität zu Köln 2024, der Versuch, ein

Roger-Waters-Konzert 2023 zu verhindern.

Das Muster trifft nicht nur eine politische Seite. Mal die Rechte, mal die Linke, mal Künstler, mal Wissenschaftler.

Die Überzeugung dahinter ist immer dieselbe: Diese Position sei moralisch so verwerflich, dass man sie nicht mehr diskutieren müsse.

Warum Empörung zur Währung wurde

Social Media hat jedem Bürger eine Reichweite gegeben, für die früher ein Verlag nötig war – eine enorme Demokratisierung. Aber der Algorithmus fragt nicht, ob etwas richtig oder fair ist, sondern ob Menschen reagieren.

Eine Studie zu 25.292 TikTok-Videos deutscher Politiker vor der Bundestagswahl 2025 zeigt: Wut, Ekel und Feindseligkeit gegenüber politischen Gegnern erzeugen deutlich mehr Engagement als differenzierte Botschaften. Wer zuerst empört ist, gewinnt Reichweite. Wer differenziert, braucht Platz und Zeit, die ihm niemand mehr gibt.

Konformismus braucht keine Zentrale

Das größte Missverständnis ist die Suche nach einem Verantwortlichen: Wer verbietet diese Meinung, wer gibt die Anweisung? Die unbequeme Antwort: niemand muss es zentral steuern. Ein Journalist weiß, welche Formulierung in seiner Redaktion Ärger macht. Ein Wissenschaftler weiß, bei welchem Thema ein Shitstorm droht. Ein Arbeitnehmer weiß, welche Äußerung auf LinkedIn der Karriere schadet. Ein Unternehmer weiß, welche Position Kunden kosten könnte. Und ein Bürger weiß irgendwann, bei welchem Thema er beim Abendessen lieber sagt: „Ach, lassen wir das."

So entsteht Selbstzensur nicht durch Befehl, sondern durch Erfahrung – und genau das ist Westerwelles „Zentimeter":

Ein Begriff wird unangenehm, eine Frage verdächtig, eine Einladung zurückgezogen, ein Kollege schweigt. Jeder einzelne Vorgang wirkt harmlos.

Freiheit heißt, den Falschen auszuhalten

Der wahre Test einer freien Gesellschaft lautet nicht: Darf ich sagen, was ich denke? Sondern: Darf derjenige reden, den ich nicht ausstehen kann? Der Rechte, der Linke, der Israel-Kritiker, der Israel-Unterstützer, der Geimpfte, der Ungeimpfte? Solange sich jemand innerhalb der gesetzlichen Grenzen bewegt, muss die Antwort Ja lauten. Und danach: Jetzt widersprich ihm – nicht: melde ihn, isoliere ihn, erkläre ihn zum Feind.

Das ist immerhin ein Grund zur Hoffnung: In derselben Umfrage, die das schwindende Sicherheitsgefühl beim Sprechen zeigt, sagen 81 Prozent, sie würden sich dafür einsetzen, dass auch andere ihre Meinung frei äußern dürfen – selbst wenn sie inhaltlich widersprechen. Das Immunsystem ist geschwächt. Aber es ist noch da.

Der eigentliche Gradmesser

Der wichtigste Gradmesser für die Freiheit einer Gesellschaft ist nicht der lauteste Aktivist. Es ist der unauffällige Bürger in der Mitte, der keinen Ärger will, arbeitet, wählen geht – und irgendwann entscheidet: „Meine Meinung behalte ich lieber für mich." Wenn dieser Bürger schweigt, sehen wir öffentlich nicht mehr die tatsächliche Gesellschaft, sondern nur noch die, die keine Angst vor Konsequenzen haben: die Lautesten, die Wütendsten, die am meisten Überzeugten. Und wir wundern uns, warum es angeblich nur noch Extreme gibt.

Was eine Demokratie wirklich braucht

Eine Demokratie braucht nicht zuerst mehr Haltung. Sie braucht mehr Gelassenheit gegenüber abweichender Haltung. Menschen, die sagen können: Ich halte deine Meinung für falsch, vielleicht sogar für absurd – aber ich will wissen, warum du sie hast. Und ich werde nicht versuchen, dich gesellschaftlich zu vernichten, nur damit ich mich mit deinem Argument nicht auseinandersetzen muss. Das ist liberal im ursprünglichen Sinn. Nicht links, nicht rechts, nicht woke, nicht konservativ.

Freiheit stirbt selten durch ein Zensurgesetz oder eine große Verschwörung. Sie stirbt Zentimeter für Zentimeter: wenn jemand schweigt, obwohl er sprechen dürfte. Wenn eine unbequeme Frage bereits als verdächtig gilt. Wenn aus dem politischen Gegner ein moralisch minderwertiger Mensch wird. Wenn „Haltung" wichtiger wird als Wahrheit.

Und wenn wir all das irgendwann nicht mehr bemerkenswert finden.

Westerwelles Warnung war größer als eine Warnung vor Überwachung. Sie war eine Warnung vor Gewöhnung.

Die entscheidende Frage unserer Zeit lautet deshalb vielleicht nicht: „Hast du die richtige Haltung?"

Sondern: „Hältst du es aus, wenn ich eine andere habe?"



Baerbock & Habeck: Rückblick auf ein Traumduo in der Kompetenzfalle


SO SCHAUT'S AUS


Es gibt Duos, die man automatisch zusammen denkt: Batman und Robin, Pinky und Brain, Baerbock und Habeck. Inzwischen ist die grüne Doppelspitze allerdings Geschichte. Robert Habeck legte nach dem enttäuschenden Wahlergebnis von 11,6 Prozent im September 2025 sein Bundestagsmandat nieder und verabschiedete sich komplett aus der aktiven Politik – mit dem bemerkenswerten Satz, er wolle „nicht wie ein Gespenst über die Flure laufen". Annalena Baerbock wiederum verlor ihr Außenamt bereits im Mai 2025 an ihren Nachfolger Johann Wadephul, gab ihr Bundestagsmandat auf und tauschte das Auswärtige Amt gegen ein neues Podium: Seit September 2025 sitzt sie als Präsidentin der

UN-Generalversammlung in New York rum – ein Amt mit viel Protokoll, wenig Macht, aber ordentlichem Symbolwert.

Zeit also, zurückzublicken. Denn auch wenn beide inzwischen andere Wege gehen, ihre Amtszeiten hinterließen

ein Best-of aus Pannenshow und guten Vorsätzen, das so schnell keiner vergisst.


Annalena Baerbock: Von der Ostkokain zur UN-Präsidentschaft

Fangen wir dort an, wo Deutschland Baerbock kennenlernte: bei ihren Versprechern. 2022 verwechselte die damalige Außenministerin bei einer Rede die „Ostukraine" mit „Ostkokaine". Man könnte das für einen einmaligen Ausrutscher halten – wäre da nicht 2023 die Wiederholung passiert, diesmal bei einer Pressekonferenz mit ihrer rumänischen Amtskollegin,

als Baerbock sich für den Ausbau der Infrastruktur bedankte, die den Export von „kokainischem" statt ukrainischem Getreide ermögliche. Zweimal derselbe Lapsus, im Abstand eines Jahres, live vor internationalem Publikum. Man nennt

so etwas normalerweise keinen Zufall mehr, sondern ein Markenzeichen.


Karriere macht man damit trotzdem – zumindest in den Vereinten Nationen. Nach der verlorenen Bundestagswahl

2025 sicherte sich Baerbock den Posten der UN-Generalversammlungspräsidentin. Nur: Ursprünglich war dafür die erfahrene Spitzendiplomatin Helga Schmid vorgesehen. Der frühere Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz,

Christoph Heusgen, nannte den Wechsel eine „Unverschämtheit" und bezeichnete Baerbock unverblümt als „Auslaufmodell". Auch der frühere Außenminister Sigmar Gabriel äußerte offene Skepsis. Wolfgang Ischinger machte sie später sogar für ein außenpolitisches Debakel Deutschlands mitverantwortlich und sprach von einem „power grab",

der international „wenig zusätzliche Sympathien" für Deutschland ausgelöst habe.


Selbst Russland fand die Personalie so unpassend, dass es eine geheime Abstimmung erzwang – ein seltenes Verfahren, das normalerweise gewählten Kandidatinnen erspart bleibt. Moskau unterstellte Baerbock „eklatante Voreingenommenheit". Am Ende gewann sie trotzdem mit 167 von 193 Stimmen, was zeigt: Auch mit mittelmäßigem Ruf lässt sich in New York noch eine ordentliche Mehrheit organisieren, wenn der Rest der Welt keine Lust auf Streit hat.

In ihrer Antrittsrede versprach Baerbock, dass Frauen „gleichberechtigt mit am Tisch sitzen" müssten, unter dem Motto „Better Together". Afrikanische Diplomaten sahen darin allerdings weniger diplomatisches Fingerspitzengefühl als

vielmehr fortgesetzt belehrendes Verhalten – ein Vorwurf, der Baerbock schon als Außenministerin regelmäßig begleitete,

wenn ihre feministische Außenpolitik auf Länder traf, die für erhobene Zeigefinger aus Berlin wenig übrighatten.

Die NZZ brachte es unter der Überschrift „Herablassend und respektlos" auf den Punkt. Man könnte sagen: Baerbock wollte der Welt zeigen, wie man Diplomatie richtig macht – und die Welt fand, sie solle das vielleicht erst einmal an der eigenen Aussprache üben. Ihre einjährige Amtszeit in New York läuft im September 2026 aus; was danach kommt,

hat sie bislang nicht verraten.


Robert Habeck: „Wir als Staat" gegen den Rest der Republik

Wenn Baerbock die Königin des Versprechers war, war Habeck der Champion der ökonomischen Selbstironie

– nur ohne, dass er selbst merkte, wie komisch das ist. In seinem Weihnachtsvideo 2023 erklärte der damalige Wirtschaftsminister den Deutschen, warum sie sich über die EEG-Umlage keine Sorgen machen müssten:

„Wichtig war mir eine soziale Balance zu wahren und wichtige Entlastungen abzusichern, zum Beispiel, dass wir als Staat die EEG-Umlage bezahlen und nicht die Bürgerinnen und Bürger."

Der Satz wurde binnen Stunden zum Volksfest der Häme. Denn woher, fragten sich Millionen Deutsche unisono, nimmt

„der Staat" eigentlich sein Geld, wenn nicht von genau jenen Bürgerinnen und Bürgern, die angeblich verschont bleiben? Der Ökonom Alexander Dilger formulierte es süffisant: Habeck wisse ganz genau, dass jeder Cent, der dem Bürger bleibt, „eine versteckte Staatsausgabe" sei – und benutze diese Erkenntnis munter zur eigenen Verschleierung.

Womit wir bei der Trauzeugenaffäre wären, jenem Lehrstück deutscher Personalpolitik, das zeigt:

Auch Grüne können Filz. Habecks Staatssekretär Patrick Graichen hatte maßgeblich mitentschieden, dass sein eigener Trauzeuge Michael Schäfer Chef der bundeseigenen Energieagentur Dena wurde. Habeck verteidigte seinen Vertrauten zunächst mit den Worten, Graichen müsse „wegen dieses Fehlers nicht gehen" – um ihn wenige Tage später doch in den einstweiligen Ruhestand zu schicken, nachdem herauskam, dass auch Graichens Geschwister in einträglichen Positionen bei ministeriumsnahen Institutionen saßen, eines davon verheiratet mit einem weiteren Staatssekretärskollegen.

Eine Familie, drei Fördertöpfe, ein Ministerium – wer hätte gedacht, dass „Energiewende" auch bedeuten kann:

Wende dich an deine Verwandtschaft.


Nachlegen musste Habeck später noch bei Northvolt, wo ihm ein CDU-Abgeordneter vorwarf, im Haushaltsausschuss Informationen unterdrückt und ihm sogar mit einer Klage gedroht zu haben – Habeck wies das zurück, aber der Ruf des transparenten grünen Vorzeigeministers hatte da schon spürbar gelitten. Und kurz vor dem Ende seiner Amtszeit fiel noch die „Operation Abendsonne" auf: eine Serie von Blitzbeförderungen in seinem Haus, geschickt auf Probe befristet, damit sie formal nicht als klassische Versorgung des eigenen Netzwerks durchgingen.

Die CDU-Politikerin Julia Klöckner sprach unverblümt von „Trickserei".

Als Kanzlerkandidat der Grünen erreichte Habeck bei der Bundestagswahl 2025 nur 11,6 Prozent

– „kein gutes Ergebnis, wir wollten mehr", räumte er selbstkritisch ein. Ende August 2025 verkündete er dann per Instagram-Video und taz-Interview seinen kompletten Rückzug: Mandat abgegeben, Amt beendet, „ganz oder gar nicht". Mehr als 450.000 Menschen unterschrieben eine Petition, die ihn zum Bleiben bewegen sollte – vergeblich. Es hat schon Symbolkraft, wenn ein Minister sein Amt so verlässt, wie er es geführt hat: mit einer klugen Formulierung, die auf dem Papier alles erklärt und in der Praxis doch alle etwas ratlos zurücklässt.


Das Traumduo, vereint in der Kompetenzfalle

Was verbindet die beiden am Ende? Beide traten mit dem Anspruch an, Politik grundlegend anders, ehrlicher, moderner zu machen. Beide scheiterten dann regelmäßig an genau jenen Basics, die man von Regierungsmitgliedern eigentlich erwarten dürfte: korrekte Aussprache bei Baerbock, korrekte Grundrechenarten bei Habeck. Beide gerieten in Affären,

bei denen persönliche Nähe – zu Diplomatenposten, zu Trauzeugen, zu Geschwistern – wichtiger schien als die Sache selbst. Und beide verließen am Ende die deutsche Innenpolitik: der eine komplett, in Richtung ungewisser „neuer Perspektiven", die andere in ein New Yorker Amt mit besserer Aussicht, aber ähnlich begrenztem Einfluss.

Zum Abschied noch zwei Fußnoten, die zeigen, dass beide auch abseits ihrer Paradedisziplinen für Aufsehen sorgen konnten. Baerbock erklärte am 24. Januar 2023 vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats wörtlich:

„We are fighting a war against Russia" – ein Satz, der international sofort als mögliches Eingeständnis deutscher Kriegsbeteiligung gelesen wurde und den ihr eigenes Auswärtiges Amt anschließend hastig als Verweis auf einen

„Krieg gegen die europäische Friedensordnung" umdeuten musste. Diplomatisches Fingerspitzengefühl sieht anders aus, aber immerhin: konsequent geblieben ist sie sich treu.


Habeck wiederum lieferte sein eigenes Kapitel zur ökonomischen Bodenhaftung, als er im September 2022 bei „Maischberger" auf die Frage nach einer drohenden Insolvenzwelle antwortete: „Nein, das tue ich nicht"

– schließlich würden manche Branchen wie Bäckereien oder Blumenläden ja nicht insolvent, sondern

„einfach erstmal aufhören zu produzieren". Der Forschungsleiter der Auskunftei Creditreform kommentierte trocken, Habeck „scheine als Wirtschaftsminister die Definition einer Insolvenz nicht zu kennen" – ein Betrieb, der nichts mehr verkaufen könne, aber weiterlaufe, sei nach geltendem Recht schlicht insolvenzpflichtig. Zwei Jahre später, im dritten Quartal 2024, verzeichnete Deutschland mit knapp 4.000 Firmenpleiten den höchsten Stand seit 2010. Die Bäckereien und Blumenläden hatten offenbar doch nicht einfach nur Pause gemacht.


Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Duos: Sie wollten Deutschland zeigen, wie Politik mit Haltung geht.

Am Ende zeigten sie vor allem, wie schnell Haltung zur Selbstüberschätzung wird, wenn niemand mehr nachfragt, wer eigentlich die Rechnung bezahlt – sei es die EEG-Umlage oder der Ruf der eigenen Partei.

Die Grünen jedenfalls mussten sich nach dieser Doppelspitze erst einmal neu sortieren. Und die beiden Titelfiguren?

Die eine leitet Sitzungen am East River, der andere schreibt vermutlich gerade an seinem nächsten Buch.

Am Ende bleibt vor allem der Verdacht, dass hier über Jahre der Dunning-Kruger-Effekt in Doppelspitzen-Format regiert hat: Je größer die Selbstgewissheit, desto kleiner offenbar die Ahnung von dem, worüber gerade gesprochen wurde.


❝Wer nicht hinterfragt, muss glauben.❞