
Sahra Wagenknecht:
Das Bündnis Sahra Wagenknecht gegen das Bündnis Sahra Wagenknecht



Sahra Wagenknecht:
Das Bündnis Sahra Wagenknecht gegen das Bündnis Sahra Wagenknecht - das ICH als Koalition
SO SIEHT'S AUS - Holger H. Hohlfeld
Es gibt Parteien, die streiten über Programme. Andere streiten über Personen. Beim Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) ist man inzwischen einen Schritt weiter: Hier streitet das Bündnis Sahra Wagenknecht mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht darüber, was Sahra Wagenknecht eigentlich vom Bündnis Sahra Wagenknecht erwarten darf.
Das klingt komplizierter, als es ist, oder genauer gesagt: Es ist kompliziert.
Dabei fing alles wunderbar übersichtlich an. Im Oktober 2023 stellte Sahra Wagenknecht ihr neues politisches Projekt vor, Name: Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Eine Verwechslungsgefahr mit anderen Parteien konnte damit als ausgeschlossen gelten. Wagenknecht selbst beruhigte vorsorglich alle, die darin Anzeichen eines Personenkults vermuteten:
Der Name sei „eine Übergangslösung". Das war vor fast drei Jahren. Manche Autobahnbaustelle wird schneller fertig.
Zunächst lief es geradezu unverschämt gut
Fairerweise muss man sagen: Die Idee funktionierte. Bei der Europawahl 2024 holte das gerade gegründete BSW aus dem Stand 6,2 Prozent und sechs Mandate. Es folgten zweistellige Ergebnisse in Thüringen, Sachsen und Brandenburg
– eine Partei, die wenige Monate zuvor nicht existierte, saß plötzlich an Verhandlungstischen und entschied mit, wer Ministerpräsident werden durfte. Das muss man erst einmal schaffen.
Wagenknecht hatte eine Lücke erkannt: Wähler, die wirtschafts- und sozialpolitisch eher links dachten, bei Migration konservativer waren, Waffenlieferungen und Russlandpolitik kritisch sahen – und sich weder bei SPD und Linken noch bei Union und AfD vollständig zu Hause fühlten. Das BSW besetzte diese Lücke. Und dann geschah, was für Protestparteien traditionell unangenehm ist: Man musste regieren.
Das Problem mit der Wirklichkeit
Im Fernsehen lässt sich eine politische Linie vergleichsweise übersichtlich vertreten. Bei Markus Lanz erklärt man, was falsch läuft. Auf einem Parteitag erklärt man, warum die anderen sowieso nichts verstanden haben. In einer Landesregierung wartet dagegen am Dienstagmorgen die Frage, ob die Umgehungsstraße finanziert wird und wer im Doppelhaushalt 38 Millionen Euro einsparen muss. Das ist weniger glamourös.
Nach den ostdeutschen Landtagswahlen 2024 zeigte sich schnell ein Konstruktionsproblem: Die Bundespartei wollte eine bundespolitische Botschaft durchsetzen, während die Landesverbände plötzlich Landespolitik machen mussten.
In Sachsen scheiterten Sondierungen mit CDU und SPD an Außen- und Friedenspolitik, Migration und Finanzen.
In Thüringen dagegen wollten Katja Wolf und ihre Mitstreiter regieren.
Schon damals wurde sichtbar, was zum Dauerzustand werden sollte: Berlin erklärte, was unverzichtbar sei.
Erfurt erklärte, was machbar sei. Und beide Seiten erklärten anschließend, genau das sei selbstverständlich immer die Position des BSW gewesen.
Dann kam Alice Weidel
Im Oktober 2024 traf Wagenknecht im Fernsehen auf Alice Weidel – und demonstrierte sehr klar, dass BSW und AfD eben nicht dasselbe sind. Björn Höckes politische Vorstellungen bezeichnete sie als „gruselig" und schloss eine Koalition mit Leuten aus dem rechtsextremen Milieu ausdrücklich aus. Wirtschaftspolitisch lagen zwischen Weidel und Wagenknecht ohnehin Welten: hier stärkerer Staat und Umverteilung, dort marktwirtschaftlich-liberaler Kurs. Beim Ukrainekrieg und der Kritik an amerikanischer Politik gab es dagegen Überschneidungen.
Das war damals die politische Gebrauchsanweisung des BSW: ähnliche Fragen wie die AfD stellen dürfen – aber bitte zu anderen Antworten kommen.
Die Friedenspartei zieht in den Wahlkampf - die Koalition mit dem ICH
Im Januar 2025 wurde Wagenknecht Kanzlerkandidatin – zu einem Zeitpunkt, an dem Parteien üblicherweise eher darüber nachdenken, ob sie überhaupt in den Bundestag kommen. Aber wer eine Partei nach sich selbst benennt, kann schlecht mit dem Slogan „Sahra Wagenknecht – vielleicht Fraktionsvorsitzende" antreten, also Kanzlerkandidatin!
Der Parteitag in Bonn wurde entsprechend inszeniert: Friedenstauben, Friedensbotschaften, Friedenspolitik. Und mittendrin Wagenknecht mit dem Satz, ihr Zorn ehre und ihr Hass spornt an. Man kann der deutschen Politik vieles vorwerfen, aber eine Friedenspartei, die sich vom Hass ihrer Gegner zusätzlich motivieren lässt, muss einem sprachlich erst einmal einfallen.
Dann kam die Zahl 4,981
Der 23. Februar 2025 dürfte im BSW ungefähr den Stellenwert haben, den der Eisberg bei der White Star Line genießt:
4,981 Prozent, 2.472.947 Zweitstimmen. Zum Bundestag fehlten am Ende 9.529 Stimmen – nicht neun Prozent, nicht 95.000, sondern 9.529 Stimmen in ganz Deutschland. Das ist politisch jene Entfernung, bei der man den Bundestag bereits sehen kann, der Türsteher aber trotzdem sagt: LEIDER NEIN...
Das BSW akzeptierte das Ergebnis nicht einfach, sondern verlangte wegen möglicher Auszählungsfehler eine Neuauszählung. Der Bundestag wies die Wahleinsprüche zurück. Damit war das BSW plötzlich eine Partei, die fast im Bundestag saß, aber ganz sicher darüber diskutierte, warum sie nicht im Bundestag saß.
Sahra Wagenknecht geht – ungefähr
Ende 2025 die nächste Veränderung: Wagenknecht kündigte an, nicht erneut für den Parteivorsitz zu kandidieren.
Fabio De Masi übernahm gemeinsam mit Amira Mohamed Ali. Und Wagenknecht? Zog sich zurück – ungefähr so weit, wie man sich vom Esstisch zurückzieht, wenn man anschließend am Kopfende sitzen bleibt. Sie übernahm die neue Grundwertekommission, behielt Sitz und Stimme in wichtigen Gremien und erklärte, sie wolle sich künftig stärker um die inhaltliche Profilierung und die politische Linie kümmern. Mit anderen Worten: Den Vorsitz machen jetzt andere, aber wohin die Reise geht, möchte sie aber weiter mitbestimmen.
Passend dazu wurde beschlossen, endlich einzulösen, was 2023 versprochen war: Der Name „Bündnis Sahra Wagenknecht" war ja nur eine Übergangslösung. Der neue Name: Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft – praktischerweise ebenfalls BSW. Politisches Rebranding für Fortgeschrittene: Alles wird neu, sogar der Name, nur das Kürzel bleibt gleich. Wirksam wird das allerdings erst am 1. Oktober 2026, denn vorher stehen noch wichtige Landtagswahlen an.
Der Name Sahra Wagenknecht ist als Übergangslösung also so entbehrlich, dass man sicherheitshalber noch ein paar Wahlen mit ihm bestreitet. Marketingabteilungen nennen so etwas vermutlich Markenbekanntheit und politische Parteien nennen es Übergang.
Brandenburg probiert es mit Regieren
Dass das größte Problem des BSW nicht zwingend die anderen Parteien sein müssen, zeigte unterdessen Brandenburg.
Dort regierte das Bündnis seit Dezember 2024 mit der SPD – bis der Landesverband zunehmend in innere Auseinandersetzungen geriet, Abgeordnete die Partei verließen und Anfang Januar 2026 auch Robert Crumbach austrat: Finanzminister, stellvertretender Ministerpräsident, einer der wichtigsten BSW-Politiker Brandenburgs. Einen Tag später zog Ministerpräsident Dietmar Woidke den Stecker. Offizielle Begründung: Der Zerfall der BSW-Fraktion habe die Grundlage für eine Zusammenarbeit beseitigt.
Normalerweise zerbrechen Koalitionen daran, dass zwei Parteien nicht mehr miteinander können. Beim BSW gelang zeitweise die fortgeschrittene Variante: Eine Partei konnte nicht mehr mit sich selbst.
Und plötzlich ist da wieder die AfD
2026 beginnt das nächste Kapitel: Wagenknecht und die Bundesspitze stellen die sogenannte Brandmauer grundsätzlich infrage. Das BSW schlägt überparteiliche Ministerpräsidenten und Regierungen vor, die sich ihre Mehrheiten je nach Sachfrage im Parlament suchen – auch mit Stimmen der AfD. Das ist zunächst etwas anderes als eine Koalition. Aber es ist ebenso deutlich etwas anderes als der Satz vom Oktober 2023, man werde selbstverständlich nicht gemeinsame Sache mit der AfD machen.
Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt geht Wagenknecht noch weiter: Falls sich die übrigen Parteien einem überparteilichen Regierungsmodell verweigerten, könne sich das BSW bei einer Ministerpräsidentenwahl im dritten Wahlgang enthalten. Je nach Sitzverteilung könnte dadurch ein AfD-Kandidat gewählt werden. Wagenknecht bestreitet, damit die AfD an die Macht bringen zu wollen. Innerhalb der eigenen Partei fanden das nicht alle gleichermaßen beruhigend.
Das Bündnis meldet Widerspruch gegen sich selbst an
Katja Wolf, BSW-Landeschefin in Thüringen, geht inzwischen offen auf Distanz und wirft Wagenknecht vor, eine Grenze im Umgang mit der AfD überschritten zu haben. Klaus Ernst, ehemaliger Linkspartei-Vorsitzender und heute BSW-Landeschef in Bayern, erklärte eine mögliche Unterstützung eines AfD-Ministerpräsidenten für „nicht denkbar".
Die politische Lage damit im Überblick: Sahra Wagenknecht sagt, die Brandmauer müsse weg. Teile des BSW sagen: nicht so. Die Bundesspitze fordert mehr Distanz zur Thüringer Regierung. Das Thüringer BSW sagt: Wir bleiben drin. Und alle Beteiligten gehören weiterhin zum Bündnis Sahra Wagenknecht. Man hätte die Partei vorsorglich „Bündnis Sahra Wagenknecht – vorbehaltlich abweichender Landesregelungen" nennen sollen.
Dass es noch komplizierter geht, bewies schließlich Björn Höcke: Er bot Wagenknecht an, sie mit AfD-Stimmen zur Thüringer Ministerpräsidentin wählen zu lassen. Sie lehnte ab, mit einem der besseren Sätze ihrer Karriere: Das Amt des Thüringer Ministerpräsidenten sei kein Wanderpokal, den Herr Höcke nach Belieben vergeben könne. Stimmt. Anschließend schlug sie ihm allerdings ein Fernsehduell vor, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede von AfD und BSW herauszuarbeiten.
Vom „keine gemeinsame Sache" über das Weidel-Duell bis zum angebotenen Höcke-Duell hat sich das Verhältnis also zumindest zu einer komplizierten Gesprächsbeziehung entwickelt. Politisch nennt man das wahrscheinlich Differenzierung.
Im normalen Leben würde man sagen: Es ist derzeit schwierig.
Thüringen gegen Berlin
Der bisher schönste Höhepunkt folgt gerade jetzt: Der BSW-Bundesvorstand fordert, dass die Thüringer BSW-Fraktion ihre Unterstützung für Ministerpräsident Mario Voigt zurückzieht und die Koalition mit CDU und SPD verlässt.
Die Thüringer Fraktion sagt: Nein. Die große Mehrheit will weiterregieren. Katja Wolf erklärt, die Regierung arbeite. Wagenknecht hält die Koalition weiterhin für problematisch.
Nun soll ein Sonderparteitag entscheiden – Termin: 6. September 2026. Und weil Politik manchmal einen Sinn für Dramaturgie besitzt, findet an exakt diesem Tag auch die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt, wo das BSW derzeit erst darum kämpft, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen (aktuelle Infratest-dimap-Umfrage: vier Prozent). Während das BSW in
Sachsen-Anhalt also darum ringt, überhaupt in eine Regierungsperspektive zu kommen, diskutiert das BSW in Thüringen,
ob es die einzige Landesregierung verlassen soll, an der es noch beteiligt ist. Diese Pointe hätte sich keine Parteizentrale freiwillig ausgedacht.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem
Es wäre zu billig, alles Sahra Wagenknecht persönlich anzulasten. Ohne sie gäbe es diese Partei vermutlich überhaupt nicht. Sie gehört zu den wenigen deutschen Politikern, die aus dem Stand Millionen Menschen erreichen können, sie formuliert komplizierte wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich und hat eine politische Marktlücke erkannt, die tatsächlich existiert. Das erklärt den rasanten Aufstieg des BSW. Möglicherweise erklärt es aber zugleich seine heutigen Schwierigkeiten.
Eine Partei, die zunächst hauptsächlich über eine Person wahrgenommen wird, kann enorm schnell wachsen. Irgendwann braucht sie jedoch Landesverbände, Minister, Abgeordnete und Mitglieder, die eigene politische Verantwortung tragen.
Und dann geschieht etwas höchst Demokratisches: Sie entwickeln eigene Meinungen. Wagenknecht selbst hat Ende 2025 eingeräumt, dass die anfangs restriktive Aufnahme neuer Mitglieder ein Fehler gewesen sei und den Eindruck eines „abgeschotteten Vereins" erzeugt habe. Aus einem politischen Start-up soll eine normale Partei werden – nur lässt sich ein Start-up eben leichter zentral steuern als drei Landesverbände, zwei Ministerien und eine Handvoll Abgeordnete, die irgendwann feststellen, dass sie selbst gewählt wurden.
Das BSW sucht das BSW
Vielleicht wird aus dem Bündnis Sahra Wagenknecht doch noch eine dauerhaft etablierte Partei. Vielleicht gelingt der Übergang vom personalisierten Projekt zur eigenständigen Organisation. Vielleicht ist der aktuelle Streit sogar notwendig dafür. Bis dahin aber bietet das BSW ein Schauspiel, das in der deutschen Parteienlandschaft ziemlich einmalig sein dürfte:
Die Gründerin gibt den Vorsitz ab, bleibt aber für die politische Linie zuständig. Die Partei streicht ihren Namen, behält aber ihre Initialen. Der Bundesvorstand möchte aus einer Regierung heraus, der Landesverband möchte drinbleiben.
Ein Teil der Partei will die Brandmauer zur AfD überwinden, ein anderer Teil baut gerade eine neue.
Und über allem steht – zumindest noch bis zum 1. Oktober – der Name: Bündnis Sahra Wagenknecht. Vielleicht war die Bezeichnung also gar keine schlechte Idee. Man hätte sie nur etwas vollständiger formulieren müssen:
Bündnis Sahra Wagenknecht – gegen das Bündnis Sahra Wagenknecht.
So sieht's aus.
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