Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: "Demokratie kostet Sendezeit"

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk "Demokratie kostet Sendezeit"

– Reformieren, bis alles so bleibt


SO SIEHT'S AUS - Holger H. Hohlfeld


Demokratie kostet Sendezeit: Deutschland besitzt eine Institution, die praktisch jeden Abend erklärt, was in diesem Land nicht funktioniert: die Bundesregierung, die Opposition, die Bahn, die Schulen, die Verwaltung, die Wirtschaft, Donald Trump, Elon Musk – und natürlich das Wetter. Dabei wird gern übersehen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk besitzt auch eine hervorragende interne Fallstudie. Sich selbst.

ARD und ZDF sollen informieren, bilden, einordnen, kontrollieren, Vielfalt sichern und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Ein anspruchsvoller Auftrag. Und er kostet: 2025 nahm der Beitragsservice 8,72 Milliarden Euro ein, davon gingen 8,56 Milliarden an ARD, ZDF und Deutschlandradio. Für die Beitragsperiode 2025 bis 2028 erkennt die unabhängige KEF einen Gesamtaufwand von rund 42 Milliarden Euro an. 42 Milliarden. Dafür kann man einiges erwarten. Zum Beispiel, dass Borkum in der Nordsee liegt.


Beginnen wir mit den guten Nachrichten

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Tagesschau und ZDF heute gehören weiterhin zu den vertrauenswürdigsten Nachrichtenmarken Deutschlands, eine ARD-Erhebung weist für beide einen Vertrauenswert von 6,4 aus – Spitzenplätze im Vergleich. Wer also behauptet, niemand glaube ARD und ZDF mehr, behauptet etwas, das die Daten schlicht nicht hergeben.

Ebenso wenig trägt die pauschale Gegenbehauptung, öffentlich-rechtliche Nachrichten seien eine links-grüne Propagandamaschine. Eine Mainzer Studie untersuchte fast 10.000 Beiträge: Sozialstaatliche Perspektiven waren stärker vertreten als marktliberale, in sieben von neun Formaten überwogen liberal-progressive gegenüber konservativen Sichtweisen – aber ähnliche Tendenzen fanden sich auch bei privaten Vergleichsmedien. Eine außergewöhnliche Einseitigkeit ließ sich daraus gerade nicht ableiten. Es gibt also Anlass zur Diskussion über Perspektivenvielfalt, aber keinen wissenschaftlichen Freifahrtschein für „Tagesschau = Parteizeitung". Schade eigentlich. Das wäre wesentlich einfacher.


Und nun zu den Korrekturen

ARD und ZDF veröffentlichen mittlerweile eigene Korrekturseiten – ausdrücklich positiv. Journalismus ohne Fehler gibt es nicht, und wer täglich Tausende Meldungen, Beiträge, Live-Schalten und Social-Media-Posts produziert, wird Fehler machen. Entscheidend ist: Korrigiert man sie? Ja. Nur entwickelt sich beim Lesen dieser Seiten irgendwann ein gewisser Unterhaltungswert. Das ZDF formuliert selbst, wer rund um die Uhr sende, dem unterlaufen Fehler. Stimmt. Was anschließend folgt, liest sich stellenweise allerdings wie eine Pannenshow der eigenen Nachrichtenredaktion.

Die leichte Kategorie, im Schnelldurchlauf: Am 9. April 2025 vergrößerte das ZDF die SPD-Mitgliederzahl von rund 365.000 auf „knapp vier Millionen" – Faktor elf, für ein paar Sekunden dürfte Lars Klingbeil Vorsitzender einer politischen Volksbewegung gewesen sein, von der er selbst noch nichts wusste. Im September 2025 verwandelte das ZDF eine 900.000-Euro-Brücke in Radeburg in ein 900-Millionen-Projekt – drei Nullen zu viel, was bei einer Restaurantrechnung unangenehm wäre und beim Wirtschaftsthema „Korrektur" heißt. Im April 2026 machte ZDFheute aus Finanzminister Christian Lindner einen Vizekanzler – das Amt hatte Robert Habeck; Lindner bekam damit wenigstens nachträglich einen Titel, den ihm Olaf Scholz während der Ampel nie verliehen hatte. Im August 2026 wurde im Sommerinterview „jedes zweite Auto in Wien" zum Elektroauto erklärt – gemeint waren die Neuzulassungen, vierzehn fehlende Buchstaben mit dem Unterschied zwischen „Wien hat seine Flotte revolutioniert" und „bei Neuzulassungen ändert sich der Antriebsmix". Und im Mai 2026 verlegte das ZDF beim Bericht über Katzenhaie die Insel Borkum kurzerhand von der Nordsee in die Ostsee. Kein Skandal. Einfach schön: Irgendwo in einer Redaktion mit Milliardenbudget saß mindestens ein Mensch und dachte: Borkum? Klar. Ostsee.


Jetzt wird es ernster. Am 10. März 2026 machte „Frontal" aus 400.869 erwachsenen Bürgergeld-Leistungsbeziehern mit EU-Herkunft 800.000 – und aus 3,25 Milliarden Euro Kosten sechs Milliarden. Beides korrigiert, aber bei Migration und Sozialleistungen entscheiden Zahlen maßgeblich über die politische Wahrnehmung eines Themas. 400.000 oder 800.000 ist keine Geschmacksfrage. Frontal hat das Thema, man könnte sagen, besonders frontal gerechnet.

Im Juli 2025 berichtete das „heute journal" über angebliche Falschmeldungen zur Kandidatur von Frauke Brosius-Gersdorf fürs Bundesverfassungsgericht – zeigte dabei zwei Artikel als Beispiele, die selbst keine Falschmeldungen waren, und schrieb dem Chefredakteur von Apollo News eine Forderung zu, die tatsächlich von Julian Reichelt stammte. Beides korrigiert. Damit hatte man einen bemerkenswerten Zustand erreicht: Eine Sendung über Falschmeldungen enthielt falsche Angaben darüber, wer Falschmeldungen verbreitet hatte. Mediale Selbstreferenz auf einem Niveau, für das man normalerweise Kunstförderung beantragen müsste.


Im September 2025 erklärte ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen bei „Markus Lanz" sinngemäß, der US-Aktivist Charlie Kirk habe gefordert, Homosexuelle zu steinigen. Das ZDF stellte später selbst klar: So hatte Kirk das nicht gesagt – er hatte eine Bibelstelle zitiert und in eine Diskussion über selektive Bibelauslegung eingebettet, die Darstellung war verkürzt und missverständlich. Man muss Kirk nicht mögen, seine Ansichten nicht teilen. Man muss Menschen aber möglichst zuschreiben, was sie tatsächlich gesagt haben. Der unangenehme Teil des Journalismus.

Auch AfD-Politiker genießen diesen Anspruch: Im August 2024 berichtete „Frontal", Björn Höcke sei wegen Volksverhetzung verurteilt worden. Falsch – verurteilt wurde er wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach § 86a StGB. Man kann Höcke kritisieren, dafür gibt es genug tatsächliche Vorgänge. Man muss ihm nicht noch ein anderes Delikt dazu buchen. Auch Kritik hat Buchführungspflicht.


Damit nicht der Eindruck entsteht, Mainz habe das Monopol: Beim „Bericht aus Berlin" wurden im November 2025 die Zustimmungswerte für Friedrich Merz vertauscht – gesagt wurde, 22 Prozent fänden, er mache keine gute Arbeit, tatsächlich waren 22 Prozent zufrieden, 76 Prozent nicht. Interessant: Der Fehler war für Merz sogar freundlicher als die Wahrheit. Selbst der Fehler wollte dem Kanzler offenbar noch etwas Hoffnung lassen. Im Februar 2026 zeigte die ARD-Berichterstattung vom CDU-Parteitag Angela Merkel applaudierend – angeblich zur Wiederwahl von Friedrich Merz, tatsächlich stammte das Bild von früher, direkt nach seiner Rede. Die ARD entfernte die Sequenz. Klingt klein, ist es aber nicht: „Merkel applaudiert der Wiederwahl" ist eine andere Aussage als „Merkel hat irgendwann geklatscht".

Bei Kriegsberichterstattung wird es dann endgültig ernst. Die ARD zeigte eine Grafik mit „mindestens 56.500 getöteten ukrainischen Zivilisten" – laut OHCHR waren es 56.500 getötete oder verwundete Zivilisten, korrigiert. Kein Tippfehler, ein erheblicher Unterschied. Im Juni 2025 zeigte die Tagesschau-App zu einem Beitrag über Teheran Bilder aus Israel, entfernt. Beim ZDF wurde im September 2024 eine angeblich in Haifa aufgenommene Explosion gezeigt, die es nicht war, und eine als aktuell aus dem Libanon präsentierte Krankenhausszene stammte tatsächlich aus Gaza, aus dem Jahr 2023. Bildverifikation im Krieg ist schwierig. Gerade deshalb ist sie so wichtig.


Der bisher schwerste Fall: Am 15. Februar 2026 sendete das „heute journal" einen Beitrag über die US-Einwanderungsbehörde ICE mit KI-generiertem Videomaterial sowie einer weiteren, aus dem Kontext gerissenen Sequenz – ungekennzeichnet. Das ZDF bewertete das selbst als so schwerwiegenden Verstoß gegen die eigenen Standards, dass die zuständige New-York-Korrespondentin sofort abberufen wurde; die Chefredaktion verabschiedete anschließend einen Maßnahmenkatalog für Bildverifikation und den Umgang mit KI-Material. Das ist wichtig – der Fehler wurde nicht kleingeredet, es folgten personelle und organisatorische Konsequenzen. Die Pointe lässt sich trotzdem kaum vermeiden: Eine Sendung, die vor Desinformation und KI-Fakes warnen soll, sendet selbst einen KI-Fake. Das ist wie die Stiftung Warentest, die beim Toaster-Test versehentlich ein Lagerfeuer verwendet.


Konsequenz daraus: 2025 gründete die ARD ein senderübergreifendes Faktencheck-Netzwerk aus Tagesschau, Landesrundfunkanstalten, Deutschlandradio und Deutsche Welle. Grundsätzlich sinnvoll. Vielleicht sollte eine Unterabteilung sicherheitshalber ausschließlich für Faktenchecks über die Faktenchecks zuständig sein.

Fehler sind nicht das eigentliche Strukturproblem

Die Zahl der Korrekturen beweist keine systematische Manipulation – im Gegenteil, dass sie veröffentlicht werden, ist Ausdruck journalistischer Selbstkontrolle. Private Medien machen ebenfalls Fehler. Wir auch. Jeder, der ernsthaft publiziert, wird irgendwann korrigieren müssen. Interessanter ist die Frage: Was passiert, wenn der Anspruch besonders groß ist? ARD und ZDF begründen ihre gesellschaftliche Sonderstellung mit Verlässlichkeit, Unabhängigkeit, Vielfalt und demokratischer Funktion. Je höher der Anspruch, desto auffälliger jeder Verstoß dagegen. Wer für sich beansprucht, das Qualitätsgeländer der Demokratie zu sein, sollte nicht regelmäßig selbst darüberstolpern.


Dann kam der rbb

Und plötzlich ging es nicht mehr um Journalismus, sondern um Geld, Dienstwagen, Berater, Abendessen, Bonuszahlungen, Verträge und ein digitales Medienhaus. Die Affäre um die damalige rbb-Intendantin Patricia Schlesinger erschütterte 2022 die gesamte ARD: fragwürdige Beraterverträge, eine Gehaltserhöhung auf 303.000 Euro, variable Vergütungen, Bewirtungskosten, Renovierung der Chefetage. Eine externe Untersuchung stellte fest, dass mehrere Abendessen nicht abrechnungsfähig waren und Dienstverträge Mängel aufwiesen – andere Vorwürfe, etwa zur privaten Nutzung des Dienstwagens mit Massagesitzen, erwiesen sich als unbegründet. Ende 2025 erhob die Generalstaatsanwaltschaft Anklage gegen Schlesinger und weitere frühere Führungspersonen, unter anderem wegen rund 933.500 Euro pflichtwidrig ausgezahlter Vergütungen. Es gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

Verheerend war der Vorgang auch deshalb, weil das Kontrollsystem selbst nicht funktioniert hatte. Die Institution, deren Journalisten jeden Abend anderen erklären, warum Kontrolle wichtig ist, hatte offenbar Schwierigkeiten damit, sich selbst zu kontrollieren.


Gehalt, Pensionen, Beitrag – die Zahlen dahinter

ZDF-Intendant Norbert Himmler erhielt 2024 laut Transparenzangaben 382.560 Euro Jahresbezüge plus Sachbezüge, gesamt 391.177,43 Euro. Das darf ein öffentlich-rechtlicher Intendant verdienen. Man kann darüber diskutieren – nur sollte man sich nicht wundern, wenn Beitragszahler es ebenfalls tun, gerade wenn parallel erklärt wird, man müsse sparen. Beim ZDF heißt Sparen offenbar nicht kleiner denken, sondern größer denken, aber günstiger als angemeldet.

Für die Altersversorgung der ARD stellt die KEF für 2025 bis 2028 einen Nettoaufwand von 1,845 Milliarden Euro fest – rund 461 Millionen Euro pro Jahr. Keine „Verschwendung" per se, es sind vertragliche Verpflichtungen. Aber 461 Millionen jährlich für Pensionen besitzen einen gewissen Erklärungsbedarf, wenn dieselbe Organisation gleichzeitig diskutiert, ob sich noch ein Radioprogramm einsparen lässt. Man könnte die Altersversorgung natürlich auch digitalisieren. Leider werden Pensionäre davon nicht jünger.


Der Rundfunkbeitrag liegt weiterhin bei 18,36 Euro monatlich. Die KEF hatte eine Erhöhung auf 18,94 Euro ab 2025 empfohlen, die Länder setzten sie nicht um – ARD und ZDF zogen deshalb vors Bundesverfassungsgericht, im Juni 2026 wurde mündlich verhandelt. Inzwischen empfiehlt die KEF ab Januar 2027 einen Beitrag von 18,64 Euro. Ein bemerkenswertes System: Die Sender melden ihren Bedarf, eine unabhängige Kommission prüft ihn, die Politik entscheidet, und wenn sie nicht ausreichend erhöht, gehen die Sender vors Verfassungsgericht. Der Beitragszahler verfolgt das interessiert. Er sitzt allerdings nicht mit am Tisch. Er bekommt später die Bankverbindung.

Für 2025 bis 2028 erkennt die KEF Gesamtaufwendungen von rund 42,01 Milliarden Euro an – ARD 29,9 Milliarden, ZDF knapp elf, Deutschlandradio gut 1,1 Milliarden. Das sind nicht einfach 42 Milliarden Rundfunkbeitrag, es gibt weitere Erträge. Aber die Größenordnung zeigt: Wir reden hier nicht über einen kleinen Kulturbetrieb, sondern über einen Medienkomplex mit den finanziellen Dimensionen eines Großkonzerns.


Reformieren, bis alles so bleibt

Im Dezember 2025 trat der Reformstaatsvertrag in Kraft: effizienter, digitaler, moderner, weniger Doppelstrukturen, mehr Zusammenarbeit. Die ARD leitete daraus knapp 40 Aufträge ab. Das ist deutsch: Man reduziert Bürokratie am zuverlässigsten, indem man zunächst 40 Aufgaben zur Bürokratieverringerung definiert. Wahrscheinlich gibt es inzwischen auch eine Arbeitsgruppe zur Koordination der Arbeitsgruppen.

Hier wäre reiner Spott allerdings unfair, denn es passiert tatsächlich etwas: Bis Ende 2026 werden die linearen Kanäle ARD alpha, tagesschau24 und ONE eingestellt, weitere Spartenangebote gebündelt, die terrestrischen ARD-Radiowellen sollen bis 2027 auf höchstens 53 reduziert werden. Das ist echte Strukturveränderung. Nur ist die Ausgangslage bemerkenswert: Wenn eine Reform darin besteht, die Radiowellen auf höchstens 53 zu reduzieren, fragt sich ein normaler Mensch zunächst, wie viele es denn vorher waren. Antwort: ungefähr 70. Bei 16 Bundesländern sind das rechnerisch mehr als vier öffentlich-rechtliche Radiowellen pro Bundesland. Offenbar kann Demokratie sehr unterschiedliche Musikgeschmäcker haben.

Im März 2026 verkündeten ARD und ZDF ihre neue Spartenstruktur: drei lineare Programme verschwinden, andere werden zusammengeführt. ZDF-Intendant Himmler sprach von einem „großen Wurf". Man sollte das ernst nehmen – drei Programme abzuschalten ist für ein System, das traditionell eher neue Angebote gründet als alte beendet, tatsächlich bemerkenswert. In anderen Branchen würde man sagen: Wir haben ein paar Niederlassungen geschlossen. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk: medienpolitische Zeitenwende.


Staatsfern. Mit Staatsministern im Fernsehrat.

Dann gibt es noch ein besonders deutsches Konstrukt: Staatsferne. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll staatsfern organisiert sein. Das Bundesverfassungsgericht musste sich 2014 intensiv mit dem ZDF befassen, weil staatliche und staatsnahe Vertreter in den Kontrollgremien zu viel Einfluss besaßen – es begrenzte deren Anteil auf höchstens ein Drittel. Besonders reizvoll: Im ZDF-Fernsehrat existierten damals informelle „CDU-Freundeskreise" und „SPD-Freundeskreise", in denen Entscheidungen vor Sitzungen abgestimmt wurden. Das Verfassungsgericht befasste sich also mit der Staatsferne eines Senders, dessen Aufsichtsgremium informell nach Parteifreundeskreisen organisiert war. Man muss deutsche Institutionen lieben. Anders hält man das auf Dauer nicht aus.

Heute dürfen staatliche und staatsnahe Vertreter höchstens ein Drittel der Gremien ausmachen – politische Repräsentanten gibt es aber weiterhin, im Fernsehrat sitzen etwa Vertreter der Bundesländer, darunter Minister und Staatssekretäre. Rechtlich zulässig und ausdrücklich vorgesehen. Deshalb ist die Behauptung, das ZDF werde von der Bundesregierung gesteuert, nicht belegt. Die Behauptung, Politik habe mit den Kontrollstrukturen überhaupt nichts zu tun, wäre allerdings ebenfalls etwas sportlich. Staatsfern heißt eben nicht staatsfrei – ein Unterschied, der vermutlich nur in Deutschland einen eigenen Staatsvertrag besitzt.


Und dann kam „KLAR"

2025 starteten NDR und BR das Reportageformat „KLAR": Themen aufgreifen, bei denen sich Teile des Publikums unterrepräsentiert fühlen. Moderatorin Julia Ruhs präsentierte unter anderem eine Ausgabe über Migration, dann kam Kritik. Der NDR ließ Ruhs künftig nicht mehr für seine Ausgaben moderieren, beim BR sollte sie weitermachen – worauf wiederum massive Kritik folgte, diesmal wegen mangelnder Meinungsvielfalt. Der NDR-Rundfunkrat stellte selbst fest, die erste Ausgabe habe Probleme bei der Perspektivenvielfalt und zu starke Emotionalisierung gehabt, wies die Programmbeschwerde aber zurück.

Damit schloss sich der Kreis: Man entwickelt ein Format gegen den Vorwurf mangelnder Perspektivenvielfalt. Es entsteht Streit, ob das Format selbst zu einseitig ist. Die Moderatorin wird teilweise ausgetauscht. Darauf folgt der Vorwurf mangelnder Perspektivenvielfalt. Deutschland kann Kreislaufwirtschaft.


Das eigentliche Problem ist nicht links oder rechts

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird von rechts beschuldigt, zu links zu sein. Von links, zu konservativ. Von Regierungen, zu kritisch. Von Oppositionen, zu regierungsnah. Von Privatsendern, zu marktmächtig. Von Zeitungsverlagen, zu textlastig. Von jungen Menschen, zu alt. Von älteren, zu jung. Und vom Beitragszahler, zu teuer. Das bedeutet nicht automatisch, dass er alles richtig macht. Aber vielleicht, dass das Problem komplexer ist als die Idee, irgendeine Parteizentrale bestelle morgens um halb neun die Tagesschau.

Es gibt hervorragende Journalisten bei ARD und ZDF: Auslandskorrespondenten, Investigativredaktionen, Dokumentationen, regionale Berichterstattung, Kultur, Wissenschaft, Phoenix, Arte, Deutschlandfunk – Reportagen, für die private Anbieter oft weder Geld noch Publikum hätten. Das gehört zur Wahrheit. Ebenso gehört dazu: Ein System mit jährlich gesicherten Milliardeneinnahmen muss sich höhere Ansprüche gefallen lassen als ein YouTube-Kanal mit einem Mikrofon aus dem Elektromarkt. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst sagt, Glaubwürdigkeit sei sein höchstes Gut, darf das Publikum antworten: Gut. Dann passen Sie besonders darauf auf.


Vielleicht weniger Haltung. Mehr Handwerk.

Das größte Risiko für ARD und ZDF ist deshalb vermutlich gar nicht die nächste Beitragserhöhung. Es ist der Eindruck, dass gelegentlich schon vor der Recherche feststeht, wie eine Geschichte erzählt werden soll. Genau deshalb sind die Fehler bei Höcke, Charlie Kirk, Brosius-Gersdorf oder beim ICE-Beitrag so problematisch – nicht weil sie beweisen, dass „alles manipuliert" ist. Das tun sie nicht. Sondern weil sie bestätigen können, was Teile des Publikums ohnehin vermuten: Erst kommt die Erzählung, dann die Prüfung. Diesen Eindruck kann sich ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk langfristig nicht leisten. Egal wie viele Faktencheck-Netzwerke man gründet.

Die vielleicht wichtigste Reform kostet dabei keinen Cent. Keine neue Mediathek, kein neuer Staatsvertrag, kein Medienrat, keine gemeinsame Plattform, keine Arbeitsgruppe, keine 40 Reformaufträge. Sondern: Unsicherheit zulassen. Wenn etwas nicht gesichert ist, sagen, dass es nicht gesichert ist. Wenn ein Video nicht verifiziert wurde, nicht senden. Wenn zwei Zahlen möglich sind, erklären, warum. Wenn eine Aussage politisch umstritten ist, nicht so tun, als sei die redaktionelle Bewertung bereits die Tatsache. Wenn ein Gesprächspartner Unsinn sagt, widersprechen. Wenn er recht hat, ebenfalls sagen, dass er recht hat – selbst wenn er aus der falschen Partei kommt. So kompliziert wäre es eigentlich nicht.


Demokratie kostet Sendezeit

Vielleicht braucht eine Demokratie tatsächlich einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk – dieses Argument halte ich für überzeugender als viele seiner Kritiker. Gerade in einer Welt voller KI-Fakes, algorithmischer Echokammern, Propaganda, Interessenmedien und milliardenschwerer Plattformkonzerne kann ein unabhängiges, dauerhaft finanziertes Informationsangebot einen erheblichen Wert besitzen. Aber genau deshalb darf die Antwort auf Kritik nicht lauten „Wir sind wichtig", sondern „Wir werden besser". Und zwar sichtbar. Nicht nur im Organigramm.

ARD alpha verschwindet, ONE verschwindet, tagesschau24 verschwindet als eigener linearer Kanal, Radiowellen werden reduziert, Kooperationen wachsen – das ist mehr Reform als nur Kosmetik. Gleichzeitig liegt der von der KEF anerkannte Aufwand bis 2028 weiterhin bei rund 42 Milliarden Euro. Die Intendanten bleiben. Die Anstalten bleiben. Die Gremien bleiben. Die Finanzierung bleibt im Kern. Der Rundfunkbeitrag bleibt – nur über seine Höhe wird vor dem Bundesverfassungsgericht gestritten. Und irgendwo entsteht vermutlich gerade ein Papier darüber, wie man zukünftig noch effizienter Papiere erstellt.

Man sollte ARD und ZDF also nicht abschaffen, weil einmal Borkum in der Ostsee gelandet ist. Man sollte ihnen auch keine Manipulationsabsicht unterstellen, nur weil Zahlen vertauscht werden. Aber man sollte ebenso wenig so tun, als dürfe man ein milliardenschweres öffentliches System nicht mit derselben Härte prüfen, mit der dessen Journalisten jeden Abend andere Institutionen prüfen. Das Gegenteil ist richtig: Gerade weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk wichtig sein will, muss er Kritik aushalten. Gerade weil er Vertrauen beansprucht, muss er Fehler besonders ernst nehmen. Gerade weil er Unabhängigkeit fordert, muss er politische Nähe besonders transparent machen. Und gerade weil er Reformen verspricht, darf irgendwann auch einmal etwas verschwinden.


Außer natürlich der Rundfunkbeitrag. Der läuft weiter. 18,36 Euro. Monatlich. Für Demokratie. Für Information. Für Kultur.

Für Unterhaltung. Für Reformen. Für Faktenchecks. Und gelegentlich: für die Korrektur des Faktenchecks.

Demokratie kostet Sendezeit. SO SIEHT'S AUS.

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