
Demokratie mit Sperrliste?
Wenn politische Gegner nicht widerlegt, sondern wirtschaftlich isoliert werden sollen



Demokratie mit Sperrliste?
Wenn politische Gegner nicht widerlegt, sondern wirtschaftlich isoliert werden sollen
Campact hat rund 90 Unternehmen angeschrieben und ihnen eine Liste mit 62 YouTube-Kanälen übermittelt, auf denen aus Sicht der Kampagnenorganisation keine Werbung mehr erscheinen sollte. Betroffen sind nicht nur tatsächlich extremistische Angebote, sondern auch Medien, Journalisten, politische Influencer und oppositionelle Kanäle. Ist das legitimer Protest – oder beginnt hier eine Form wirtschaftlicher Ausgrenzung, die einer liberalen Demokratie schlecht zu Gesicht steht?
Die Kampagne
Es beginnt, wie so vieles heute beginnt: mit einem guten Zweck.
Man wolle „Hass und Hetze" bekämpfen, Rechtsextremismus zurückdrängen und verhindern, dass Unternehmen mit ihren Werbegeldern problematische Inhalte finanzieren. Wer könnte dagegen sein? Doch dann erscheint eine Liste.
Auf ihr stehen 62 YouTube-Kanäle. Dann werden Unternehmen identifiziert, deren Werbung dort automatisch ausgespielt wurde. Dann werden diese Unternehmen angeschrieben. Und ihnen wird nahegelegt, die genannten Kanäle auf eine Sperrliste zu setzen. Genau das hat die politische Kampagnenorganisation Campact e.V. im August 2026 getan. ¹
Campact selbst spricht von einer „Sensibilisierungskampagne". Rund 15.000 Unterstützer hätten mithilfe eines eigens entwickelten Tools knapp 40.000 Werbeanzeigen dokumentiert. Anschließend habe Campact rund 90 Unternehmen kontaktiert. Als Auswahlkriterien nennt die Organisation unter anderem systematische Hetze gegen Minderheiten, Falschinformationen oder Nähe beziehungsweise Unterstützung für die AfD. ¹
Die WELT berichtete am 25. August über die Liste. Nach ihrer Darstellung erhielten Unternehmen Mitte August eine E-Mail und sollten teilweise innerhalb weniger Tage Stellung nehmen. Der Mail war eine Tabelle mit 62 Kanälen beigefügt – ausdrücklich als mögliche „Grundlage für eine Sperrliste". ² ³ Und damit beginnt das eigentliche Problem.
Wer steht auf dieser Liste?
Die Liste ist ausgesprochen heterogen.
Darunter befinden sich offizielle AfD-Kanäle und Kanäle einzelner AfD-Politiker, aber ebenso publizistische Angebote und reichweitenstarke politische YouTuber.
Veröffentlicht wurden unter anderem Namen wie:
COMPACT TV, NIUS, Achtung Reichelt, Apollo News, Tichys Einblick, Weltwoche, Epoch Times, AUF1, Aktien mit Kopf, HKCM, Vermietertagebuch, Ketzer der Neuzeit, Clownswelt, Tim Kellner, Hoss & Hopf, Deutschland-Kurier sowie verschiedene AfD-Kanäle. ⁴
Campact benutzt dabei unterschiedliche Kategorien: „AfD", „AfD-nah", „rechtspopulistisch", „extrem rechts", „rechtsextrem" oder „verschwörungsideologisch". Genau darin liegt ein entscheidender Kritikpunkt: Eine politische Nähe zu einer legalen Partei, rechtspopulistische Positionen, eine falsche Tatsachenbehauptung und strafbare Volksverhetzung sind rechtlich wie journalistisch völlig unterschiedliche Kategorien. Wer diese unterschiedlichen Phänomene unter einem gemeinsamen Begriff wie „Hetzkanäle" zusammenfasst, fällt bereits ein politisches Urteil. Und dieses Urteil soll anschließend wirtschaftliche Konsequenzen haben.
Welche Unternehmen wurden angesprochen?
Nach Angaben von Campact hätten zunächst 20 Unternehmen oder Marken angekündigt, ihre Werbe-Sperrlisten anzupassen:
Aldi Süd, Kleinanzeigen, Indeed, XXXLutz, DEVK, Constantin Film, Wolt, Bergfreunde, Immowelt, Euronics, AXA, Berliner Wasserbetriebe, Milram, dm, ImmoScout, Edeka, FlixTrain, BiFi, Klosterfrau und Procter & Gamble. ¹ ⁵
Weitere Unternehmen beziehungsweise Marken wie LG Electronics, Krombacher, Rewe, Samsung, Booking, SumUp, Miniatur Wunderland, Lenor und die Sparkassen-Finanzgruppe hätten Prüfungen angekündigt. Doch hier ist Vorsicht angebracht.
Die Berliner Zeitung fragte selbst bei zahlreichen Unternehmen nach – und erhielt ein wesentlich differenzierteres Bild. ⁶
Edeka erklärte ausdrücklich, keinen „Boykott einzelner Medien" zu betreiben. LG Electronics erklärte, Bewertungen einzelner Medien durch Dritte grundsätzlich nicht zu übernehmen. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband betonte, keine Bewertung verfassungsrechtlich zulässiger politischer Meinungen vorzunehmen. ⁶
Besonders bemerkenswert: Das Miniatur Wunderland erklärte, überhaupt keine YouTube-Werbung zu schalten und die Campact-Liste keineswegs ungeprüft übernommen zu haben. Bei 15 der angeschriebenen Unternehmen konnte die Berliner Zeitung Campacts Darstellung mangels Antwort nicht unabhängig bestätigen. ⁶
Auch dm veröffentlichte inzwischen eine eigene Stellungnahme. Darin heißt es ausdrücklich, man habe nicht an einer Campact-Kampagne teilgenommen und übernehme keine ungeprüften Listen Dritter. Hinweise würden anhand eigener Kriterien bewertet. ⁷
Das gehört zur Wahrheit ebenfalls dazu. Unternehmen dürfen selbstverständlich selbst entscheiden, wo sie werben.
Aber Campact darf dann auch nicht jede eigenständige Überprüfung eines Unternehmens nachträglich als Zustimmung zur eigenen politischen Liste verkaufen.
Wer ist Campact eigentlich?
Campact wurde 2004 gegründet und versteht sich selbst als politische Kampagnenorganisation für „progressive Politik". ⁸
Geschäftsführende Vorstände sind derzeit Christoph Bautz, Dr. Felix Kolb, Dr. Astrid Deilmann und Daphne Heinsen. Bautz und Kolb gehören zu den Gründern der Organisation. Die stimmberechtigte Mitgliederversammlung des Vereins besteht – trotz der von Campact genannten Millionen Unterstützer – satzungsgemäß aus lediglich zwölf Vereinsmitgliedern. Vier repräsentieren Förderer, vier Mitarbeiter und vier weitere externe Mitglieder. ⁸ ⁹ ¹⁰
Campact spricht aktuell von mehr als 4,5 Millionen Unterstützern. Das bedeutet allerdings nicht 4,5 Millionen Vereinsmitglieder. Darunter fallen Menschen, die beispielsweise Petitionen unterzeichnet oder sich an Kampagnen beteiligt haben. Ende 2025 hatte Campact nach eigenen Angaben 145.644 regelmäßige Förderer. ¹² Politisch neutral ist Campact nicht – und behauptet das inhaltlich auch gar nicht.
Die Organisation bezeichnet sich als überparteilich, gleichzeitig aber ausdrücklich als progressiv. Wie weit diese politische Betätigung inzwischen reicht, zeigt aktuell Sachsen-Anhalt.
Für die Landtagswahl am 6. September 2026 investiert Campact nach eigenen Angaben 620.000 Euro in eine Kampagne und empfiehlt öffentlich, die Zweitstimme SPD oder Grünen zu geben, um eine AfD-Regierung zu verhindern. Die Kampagne umfasst unter anderem 13.500 Plakate, digitale Werbung, Anzeigen und Postwurfsendungen. Campact betont, dass kein Geld direkt an die Parteien fließt und es sich um eine eigenständige Parallelaktion handelt. ¹⁷ ¹⁸
Das ist legal. Aber es zeigt auch: Wir sprechen hier nicht über eine neutrale Medienbeobachtungsstelle.
Wir sprechen über einen mächtigen politischen Akteur.
Bekommt Campact Steuergelder?
Hier sollte man sauber bleiben. Für Campact e.V. gibt es derzeit keinen belastbaren Beleg für eine Finanzierung aus Steuermitteln. Im Gegenteil: Campact erklärt ausdrücklich, weder direkte noch indirekte staatliche Fördermittel zu beziehen. ¹¹
Für 2025 weist der Verein Einnahmen von 26,25 Millionen Euro aus. Davon kamen laut Transparenzbericht:
- 63 Prozent aus regelmäßigen Förderbeiträgen,
- 26,7 Prozent aus zweckgebundenen Spenden,
- 10,1 Prozent aus freien Spenden,
- 0,2 Prozent aus sonstigen Erträgen. ¹² ¹³
Das Lobbyregister des Deutschen Bundestages verzeichnet für 2025 ebenfalls keine Zuwendungen oder Zuschüsse der öffentlichen Hand über 10.000 Euro. ¹⁰ ¹³
Die Behauptung, Campact e.V. werde „vom Staat finanziert", lässt sich damit derzeit nicht seriös belegen.
Interessant ist allerdings die steuerrechtliche Konstruktion.
Campact e.V. verlor 2019 seine Gemeinnützigkeit. Der Verein kann daher für Spenden keine steuerlich abzugsfähigen Zuwendungsbescheinigungen ausstellen. ¹⁴ ¹⁵
Daneben existiert jedoch die rechtlich und finanziell eigenständige Demokratie-Stiftung Campact. Diese ist als gemeinnützig anerkannt und kann steuerbegünstigte Spenden, Zustiftungen und testamentarische Zuwendungen entgegennehmen. Die Stiftung entstand ausdrücklich im Zusammenhang mit dem Verlust der Gemeinnützigkeit des Vereins. ¹⁴ ¹⁶
Auch das sind allerdings keine „Steuergelder".
Steuerliche Begünstigung und staatliche Finanzierung sind zwei unterschiedliche Dinge.
Der Kommentar
Demokratie besteht gerade darin, dass der andere reden darf
Das Grundgesetz ist erstaunlich eindeutig. Artikel 5 garantiert jedem das Recht, seine Meinung frei zu äußern und zu verbreiten. Die Pressefreiheit wird gewährleistet. ¹⁹
Natürlich gilt auch:
- Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jede Aussage richtig ist.
- Sie schützt keine Volksverhetzung.
- Sie schützt keine Bedrohungen.
- Sie schützt nicht vor Kritik.
Und sie garantiert niemandem einen Anspruch auf Werbegelder von Aldi, Edeka oder dm.
Auch Campact darf selbstverständlich seine Meinung äußern, Unternehmen anschreiben und zu Boykotten aufrufen.
Das alles gehört ebenfalls zur Freiheit. Deshalb wäre es falsch, die Campact-Aktion juristisch einfach als „Zensur" zu bezeichnen. Eine staatliche Behörde hat bislang niemandem verboten, NIUS, Apollo News, Tichys Einblick oder die Weltwoche zu lesen. Aber Demokratie besteht aus mehr als Strafgesetzbuch und Verfassungsgericht.
Sie besteht aus einer Kultur des Pluralismus und genau dort wird es problematisch.
Wenn aus Widerspruch wirtschaftliche Ausgrenzung wird, man kann einen Journalisten kritisieren, man kann einen YouTuber widerlegen, man kann ein Medium journalistisch auseinandernehmen, man kann Faktenchecks veröffentlichen, man kann Gegenargumente liefern. Das alles ist Demokratie.
Etwas anderes ist es jedoch, zunächst politische Medien und Personen auf einer Liste zusammenzustellen, anschließend ihre Werbekunden zu erfassen und diese Unternehmen gezielt dazu aufzufordern, die wirtschaftliche Beziehung zu den Gelisteten zu beenden. Denn plötzlich lautet die Frage nicht mehr: „Ist das Argument richtig?" Sondern: „Wer finanziert diesen Menschen noch?" Das ist ein grundlegender Unterschied.
Wer nicht überzeugen kann oder will, versucht dann möglicherweise nicht mehr, den Gegner im öffentlichen Diskurs zu schlagen. Er versucht, dessen wirtschaftliche Existenzgrundlage zu schwächen. Und genau hier sollte eine Demokratie äußerst empfindlich werden. Ist das Faschismus? Der Begriff wird heute inflationär verwendet. Und gerade deshalb sollte man ihn präzise benutzen. Faschismus bezeichnet historisch eine autoritäre, antidemokratische politische Bewegung, verbunden mit Führerprinzip, Gewalt, Unterordnung des Individuums und letztlich der Zerschlagung parlamentarischer Demokratie.
Campacts Werbekampagne ist deshalb nicht „Faschismus per Definition".
Wer das behauptet, macht es Kritikern unnötig leicht, die gesamte Diskussion mit einem Hinweis auf die historische Definition abzuräumen.
Aber: Listen politischer Gegner, Kontaktschuld, wirtschaftlicher Druck und gesellschaftliche Ausgrenzung sind Methoden, die einer liberalen Demokratie zutiefst fremd sein sollten. Sie sind nicht automatisch faschistisch.
Aber sie sind illiberal und autoritär. Und die Geschichte liefert mehr als genügend Beispiele dafür, wohin eine Gesellschaft geraten kann, wenn nicht mehr Argumente, sondern Zugehörigkeit darüber entscheiden, wer gesellschaftlich und wirtschaftlich dazugehören darf.
Historische Einordnungen
Das Dritte Reich: Der Vergleich braucht eine klare Grenze
Am 1. April 1933 organisierten Nationalsozialisten in Deutschland einen reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte. ²⁰ ²¹ ²²
SA-Männer standen vor Geschäften und sollten Menschen davon abhalten, dort einzukaufen. Der Boykott war Teil einer rassistischen und schließlich mörderischen staatlichen Verfolgungspolitik, die wenig später in gesetzlichen Berufsverboten und systematischer wirtschaftlicher Entrechtung mündete. Das mit Campact gleichzusetzen wäre historisch absurd.
Es gab 1933 einen totalitären Staat, staatlich organisierte Gewalt, Rassenideologie und später millionenfachen Mord.
Nichts davon liegt heute vor. Und trotzdem enthält dieses historische Beispiel eine Warnung:
- Wirtschaftliche Ausgrenzung ist seit jeher ein wirksames politisches Instrument.
- Man muss einen Gegner nicht sofort verbieten.
- Man kann zunächst dafür sorgen, dass andere keinen Umgang mehr mit ihm pflegen.
- Keine Geschäfte.
- Keine Aufträge.
- Keine Werbung.
- Keine Bühne.
Der historische Kontext ist völlig verschieden.
Der Mechanismus gesellschaftlicher Isolation verdient trotzdem Aufmerksamkeit.
Die DDR: Erst isolieren, dann unsichtbar machen
Noch deutlicher wird die strukturelle Parallele beim Blick auf die DDR.
Das Ministerium für Staatssicherheit bezeichnete eine seiner Methoden ausdrücklich als „Zersetzung".
Laut Bundesarchiv sollte sie oppositionelle Personen und Gruppen „zersplittern, lähmen, desorganisieren" und von ihrer Umwelt isolieren. ²³ Zu den Methoden gehörten laut originaler MfS-Richtlinie unter anderem die systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes sowie die Organisation beruflicher und gesellschaftlicher Misserfolge. ²³
Auch hier gilt: Campact ist keine Stasi.
Eine private Kampagnenorganisation verfügt weder über Gefängnisse noch über Geheimdienstbefugnisse oder staatlichen Zwang.
Doch auch hier lohnt sich der Blick auf das Prinzip:
- Der politische Gegner soll nicht zwingend widerlegt werden
- Seine gesellschaftliche Wirkung soll vermindert werden
- Seine Kontakte sollen problematisch erscheinen
- Seine Unterstützer sollen überlegen, ob sie weiterhin mit ihm in Verbindung gebracht werden möchten
Das Bundesarchiv beschreibt für die DDR ausdrücklich Methoden der Rufschädigung, Isolation und beruflichen Blockade Andersdenkender. ²³ Die Dimension ist eine völlig andere. Die dahinterstehende gesellschaftliche Logik sollte uns trotzdem bekannt vorkommen.
Die vielleicht treffendste Parallele: McCarthy
Man muss für einen historischen Vergleich allerdings gar nicht in eine Diktatur gehen.
Die vielleicht passendste Analogie stammt aus einer Demokratie.
In den Vereinigten Staaten entstanden während der antikommunistischen Hysterie der späten 1940er und 1950er Jahre sogenannte Blacklists. ²⁴ ²⁵ Schauspieler, Autoren und Regisseure wurden wegen tatsächlicher oder vermuteter kommunistischer Sympathien markiert. Filmstudios wollten nicht mit politisch Verdächtigen in Verbindung gebracht werden und beschäftigten zahlreiche Betroffene nicht mehr. ²⁴
Menschen verloren ihre Arbeit, obwohl ihnen vielfach keine Straftat nachgewiesen worden war.
Der Begriff McCarthyismus steht deshalb heute geradezu exemplarisch für politische Kontaktschuld, Einschüchterung und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Das Muster war bemerkenswert:
- Eine Liste entsteht.
- Eine politische Zuschreibung folgt.
- Unternehmen bekommen Angst um ihre Reputation.
- Und plötzlich wird politische Abweichung zum wirtschaftlichen Risiko.
Das ist die historische Parallele, über die wir heute eigentlich sprechen sollten.
Die entscheidenden Fragen
Wer entscheidet künftig, welche Meinung wirtschaftlich akzeptabel ist? Heute trifft es überwiegend rechte und konservative Kanäle. Manche davon verbreiten tatsächlich Inhalte, die man mit guten Gründen scharf kritisieren kann.
Aber Demokratie wird nicht daran gemessen, wie wir mit Meinungen umgehen, die uns gefallen. Interessant wird es erst bei denen, die wir ablehnen. Denn wenn das Prinzip einmal etabliert ist, gibt es keinen vernünftigen Grund, warum es morgen nicht in die andere Richtung funktionieren sollte.
Was wäre, wenn eine konservative Organisation 15.000 Unterstützer mobilisierte, um systematisch Werbung vor Videos linker Journalisten, Klimaaktivisten, Gewerkschaften oder grüner Politiker zu dokumentieren?
Anschließend würde eine Liste entstehen. „Linksradikal." „Grünen-nah." „Antikapitalistisch." „Migrationsaktivistisch."
Dann erhielten Unternehmen Schreiben:
"Möchten Sie wirklich, dass Ihre Marke mit diesen Inhalten in Verbindung gebracht wird?"
Wäre das plötzlich demokratiefeindlich? Wenn ja, muss derselbe Maßstab heute gelten. Demokratische Prinzipien gelten nicht nur für die eigene Seite, sonst sind es keine Prinzipien.
Besonders problematisch: Kontaktschuld
Einer der gefährlichsten Begriffe in dieser Debatte ist „nah". „AfD-nah."
Was bedeutet das genau?
Ein Interview? Eine ähnliche Position zur Migration? Kritik an der Bundesregierung? Ein gemeinsamer Gast?
Eine Wahlempfehlung? Die Mitgliedschaft in der Partei?
Zwischen einem strafrechtlich relevanten Extremisten und einem Journalisten, der einen AfD-Politiker interviewt, liegen Welten. Sobald solche Grenzen verschwimmen, entsteht Kontaktschuld. Nicht mehr das Gesagte wird beurteilt, sondern die Nähe zum vermeintlich Falschen. Das ist das Gegenteil eines offenen Diskurses.
Campact geht inzwischen noch weiter
Die YouTube-Liste steht zudem nicht allein. Ende August startete Campact ein weiteres Projekt über sogenannte „Empörungsmedien". In einem Dossier werden zunächst zwölf Medien untersucht, darunter AUF1, COMPACT, Epoch Times, NachDenkSeiten, NIUS, PI-News, Tichys Einblick und Weltwoche. ²⁶ ²⁷
Campact kündigte zugleich eine Online-Werbekampagne an, damit dieses Dossier gezielt bei Suchanfragen nach den betroffenen Medien sichtbar wird. ²⁷ Auch das ist rechtlich selbstverständlich zulässig.
Aber zusammengenommen entsteht ein bemerkenswertes Modell:
- Medien politisch kategorisieren
- Werbekunden identifizieren
- Werbesperren empfehlen
- Dossiers über diese Medien erstellen
- Und anschließend Werbung schalten, damit die eigene Einordnung möglichst prominent erscheint.
Das ist weit mehr als ein spontaner Protest. Das ist professionelle politische Kampagnenarbeit gegen bestimmte publizistische Konkurrenten im Meinungskampf.
Kommentar: Demokratie braucht keine Gesinnungs-Sperrlisten
Eine wahrhaft liberale Demokratie muss etwas können, was autoritäre Systeme grundsätzlich nicht können:
den anderen aushalten.
Den Rechten. Den Linken. Den Konservativen. Den Sozialisten. Den Regierungskritiker. Den Regierungstreuen. Den Spinner.
Den Provokateur. Den Dummen. Den Journalisten, dessen Texte man für unerträglich hält. Und ja: auch den politischen Gegner. Solange er sich innerhalb der Gesetze bewegt.
Wer falsche Tatsachen behauptet, kann widerlegt werden. Wer jemanden verleumdet, kann verklagt werden.
Wer Volksverhetzung betreibt, kann strafrechtlich verfolgt werden. Dafür haben wir Gesetze, Gerichte und einen Rechtsstaat.
Aber wenn private politische Organisationen anfangen, Listen missliebiger Medien zusammenzustellen und Unternehmen dazu bewegen wollen, diesen Medien den Geldhahn zuzudrehen, entsteht etwas anderes:
ein privater Gesinnungs-TÜV für wirtschaftliche Teilhabe. Heute heißt das Etikett „AfD-nah". Morgen vielleicht „linksradikal".
Übermorgen „klimaskeptisch". Oder „regierungstreu". Das Problem ist nicht, wer gerade auf der Liste steht.
Das Problem ist, dass solche Listen überhaupt zur politischen Waffe werden.
Demokratie heißt nicht: Du darfst reden, solange niemand dich hört
Eine Gesellschaft kann formal Meinungsfreiheit besitzen und trotzdem ein Klima schaffen, in dem Menschen lernen:
- Diese Meinung kostet dich Kunden.
- Diese Meinung kostet dich Aufträge.
- Mit diesem Medium solltest du nicht reden.
- Dort solltest du nicht werben.
- Mit jenem Menschen solltest du dich besser nicht fotografieren lassen.
- Sonst wirst du ebenfalls markiert.
Das nennt man einen Chilling Effect – Menschen beginnen, sich vorsorglich selbst einzuschränken. Nicht weil ihnen jemand offiziell den Mund verbietet. Sondern weil sie die Konsequenzen fürchten, und genau deshalb ist die Campact-Kampagne eine Debatte wert.
Und Unternehmen sollten sich gut überlegen, ob sie sich von politischen Aktivisten zum Vollstrecker einer Gesinnungssortierung machen lassen wollen.
Der entscheidende Satz: Man muss Campact nicht „faschistisch" nennen, dass wäre historisch unpräzise.
Der viel unangenehmere Befund lautet: Wer vorgibt, die Demokratie zu schützen, sollte besonders darauf achten, keine Methoden zu normalisieren, die demokratischen Pluralismus durch wirtschaftliche Ausgrenzung ersetzen.
Denn eine Demokratie erkennt man nicht daran, dass alle dieselbe richtige Meinung vertreten.
Man erkennt sie daran, dass selbst die falsche, unbequeme, provozierende und oppositionelle Meinung ausgesprochen werden darf – und dass man ihr mit Argumenten begegnet.
Nicht mit schwarzen Listen, nicht mit Kontaktschuld und nicht mit der Frage: „Wer finanziert diesen Menschen noch?"
Sondern mit der einzig wirklich demokratischen Frage: „Hat er recht – oder können wir ihn widerlegen?"
Das wäre Streitkultur, das wäre Pluralismus und vor allem: Das wäre Demokratie.
Quellen
- Campact e.V.: Nach Campact-Recherche: Knapp 30 Unternehmen planen Ende von Werbung auf YouTube-Hetzkanälen, Pressemitteilung, 24.08.2026. campact.de
- Apollo News (unter Bezug auf WELT): Campact macht Druck auf 90 Unternehmen: Keine Werbung bei „Hetzkanälen" wie Apollo News. apollo-news.net
- exxpress: Linke Organisation fordert Werbe-Boykott: 62 YouTube-Kanäle auf schwarzer Liste, 25.08.2026. exxpress.at
- Deutschland-Kurier: Neuer perfider Anschlag auf die Meinungsfreiheit: Linksradikale NGO „Campact" mobilisiert zum Werbe-Boykott gegen 62 systemkritische YouTube-Kanäle!. deutschlandkurier.de
- Apollo News: Campact-Kampagne gegen 62 YouTube-Kanäle: Laut Organisation ziehen diese 20 Unternehmen Konsequenzen. apollo-news.net
- Berliner Zeitung: Kampagne gegen „Hetzkanäle": Wie Campact die Werbefreiheit beeinflusst und Unternehmen mitziehen. berliner-zeitung.de
- NIUS: Boykottaufruf gegen NIUS: Kunden wenden sich gegen dm. nius.de
- Campact e.V.: Über Campact – Der Verein. campact.de
- Campact e.V.: Vorstand. campact.de
- Lobbyregister beim Deutschen Bundestag: Registereintrag „Campact e.V.", R000726. lobbyregister.bundestag.de
- Campact e.V.: Finanzierung von Campact – so geht es ohne staatliche Förderung. campact.de
- Campact e.V.: Transparenzbericht 2025: Campact wächst trotz Angriffen auf Zivilgesellschaft, Pressemitteilung, 20.08.2026. campact.de
- Campact e.V.: So finanziert sich Campact – der Transparenzbericht. campact.de
- Wikipedia: Campact. de.wikipedia.org
- Campact e.V.: Förder*innen bei Campact. campact.de
- Demokratie-Stiftung Campact: Stiftungsorgane. demokratie-stiftung-campact.de
- Campact e.V.: Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Campact ruft zur strategischen Wahl von SPD und Grünen auf, Pressemitteilung, 14.08.2026. campact.de
- Campact e.V.: Transparenz: Campact spendet kein Geld an Parteien. campact.de
- Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 5. gesetze-im-internet.de
- Bundesarchiv: Judenboykott. bundesarchiv.de
- Anne Frank Haus: Boykott jüdischer Läden. annefrank.org
- Deutsches Historisches Museum (LeMO): Der „Geschäftsboykott" am 1. April 1933. dhm.de
- Bundesarchiv: Zersetzung (MfS-Lexikon). bundesarchiv.de
- Encyclopaedia Britannica: Hollywood blacklist. britannica.com
- The First Amendment Encyclopedia: Blacklists. firstamendment.mtsu.edu
- Campact e.V.: Empörungsmedien: Propaganda statt Information. campact.de
- Campact e.V.: Campact-Dossier: Wie Empörungsmedien arbeiten, Blog. campact.de
Für einzelne Detailangaben aus dem ursprünglichen Manuskript (u. a. die genaue Teilnehmerzahl von „15.000 Unterstützern" bei der Auswertung der Werbeanzeigen) konnte keine eigenständige Primärquelle jenseits der Campact-Pressemitteilung identifiziert werden. Die Angaben wurden unverändert übernommen, da sie sich der Sache nach mit der Selbstdarstellung von Campact decken; für eine unabhängige Bestätigung wäre eine gesonderte Anfrage bei Campact nötig.
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