
Was hält eine Gesellschaft noch zusammen?



Essay: Was hält eine Gesellschaft noch zusammen?
Vom Verlust gemeinsamer Bindungen – über Glaube, Verantwortung und Freiheit bis zu Identitätspolitik, Überwachung, Corona und einer neuen Sprache des Krieges
Essay von Holger H. Hohlfeld
Eine Gesellschaft besteht nicht allein aus Gesetzen, Behörden, Steuereinnahmen und einer funktionierenden Infrastruktur. Sie lebt von etwas, das wesentlich schwieriger zu messen ist: von gemeinsamen Vorstellungen darüber, was richtig und falsch ist, welche Verantwortung der Einzelne für andere trägt, was Freiheit bedeutet und welche Grenzen Macht haben sollte.
Deutschland hatte dafür über Jahrzehnte mehrere gesellschaftliche Anker. Christliche Traditionen prägten Moralvorstellungen und soziale Einrichtungen. Familien und Vereine vermittelten Verantwortung. Wehr- und Zivildienst konfrontierten junge Menschen mit der Vorstellung, dass ein Gemeinwesen nicht nur Rechte gewährt, sondern auch Pflichten kennt. Gewerkschaften, Kirchen, Parteien und lokale Zeitungen schufen Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander umgehen mussten. Eine kritische Presse verstand sich zumindest ihrem Anspruch nach als Kontrolle der Macht.
Viele dieser Strukturen existieren noch. Aber ihre Bedeutung hat sich verändert.
Gleichzeitig sind neue politische und gesellschaftliche Leitbegriffe entstanden: Klimaneutralität, Diversität, Identität, Sicherheit, Resilienz, Desinformation, Schutz vor Hass und Schutz vulnerabler Gruppen. Viele der dahinterliegenden Anliegen sind nachvollziehbar und notwendig.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die alte Gesellschaft gut und die neue schlecht war. Sie lautet:
Was geschieht, wenn gemeinsame Bindungen verschwinden, während gleichzeitig der Staat immer stärker versucht, gesellschaftliches Verhalten zu steuern?
Inhaltsübersicht
I. Fundament: Verantwortung und Pflicht
1. „Verantwortung vor Gott und den Menschen" – und was daraus folgt
2. Deutschland verliert seine christliche Selbstverständlichkeit
3./4. Vom Dienst an der Gesellschaft zum Anspruch an die Gesellschaft / Rechte ohne Pflichten funktionieren auf Dauer nicht
II. Wenn Politik moralisch wird
5. Klimapolitik als moralische Frage
6. „Woke" – ein Begriff, unter dem inzwischen fast alles verstanden wird
7. Vom Christopher Street Day zur globalen Pride-Industrie
8. Unternehmen zwischen Haltung und Rückzug
9. Wenn die Kirche dem Zeitgeist folgt – oder sich gesellschaftlicher Realität stellt
10. Christentum und Islam: Dialog oder Selbstaufgabe?
III. Freiheit oder Sicherheit – die alte Frage in neuer technischer Form
11. Digitale Regulierung, Chatkontrolle und function creep
12. Die Sprache des Friedens verändert sich
13. Orwell und die Umkehrung der Sprache 14. Corona als Stresstest
15. Das Problem war auch der gesellschaftliche Umgang
IV. Institutionen unter Druck
16. Was geschah mit der „vierten Gewalt"?
17. Politisches Versagen ohne Konsequenz
18. Verantwortung beginnt dort, wo Fehler Konsequenzen haben
V. Synthese
19. Der gemeinsame Nenner
20. Eine freie Gesellschaft braucht keine einheitliche Meinung
21. Was wir verloren haben – und was wir nicht zurückholen sollten
22. Nicht zurück – sondern neu begründen
23. Freiheit braucht Verantwortung – und Verantwortung braucht Freiheit
_____________________________________________
I. Fundament: Verantwortung und Pflicht
1. „Verantwortung vor Gott und den Menschen" – und was daraus folgt
Bereits die Präambel des Grundgesetzes beginnt mit einer Formulierung, die heute beinahe aus einer anderen Epoche zu stammen scheint:
„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen."
Dieser Gottesbezug sollte Deutschland nicht zu einem christlichen Staat machen. Der Bundestag beschreibt seine historische Bedeutung vielmehr als bewusste Absage an die totalitäre Hybris des Nationalsozialismus: Politisches Handeln sollte sich seiner Begrenztheit und Bindung an sittlich-ethische Werte bewusst sein.
Das ist ein bedeutender Gedanke. Denn „Verantwortung vor Gott" bedeutet im politischen Sinne gerade nicht, dass eine Regierung religiöse Vorschriften durchsetzen soll. Es bedeutet: Der Staat ist nicht die höchste moralische Instanz. Über ihm stehen unverfügbare Rechte des Menschen.
Daraus folgt unmittelbar Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar."
Nicht die Regierung verleiht diese Würde. Nicht eine Mehrheit. Nicht eine Partei. Nicht eine Behörde. Der Mensch besitzt sie. Das ist ein entscheidender Unterschied zu politischen Systemen, in denen Rechte letztlich nur das sind, was der Staat gerade gewährt.
Rechte ohne Pflichten funktionieren jedoch auf Dauer nicht. Eine freiheitliche Gesellschaft lebt selbstverständlich von individuellen Rechten. Aber sie kann nicht ausschließlich aus Ansprüchen bestehen.
Jemand muss Steuern zahlen. Jemand muss Kinder unterrichten. Jemand muss Angehörige pflegen. Jemand muss nachts einen Rettungswagen fahren. Jemand muss ein Ehrenamt übernehmen. Und im äußersten Fall muss jemand bereit sein, das Land zu verteidigen, dessen Freiheit alle anderen genießen.
Der moderne Staat spricht sehr viel über Rechte, Leistungen und Schutzansprüche. Vielleicht hat er zu selten darüber gesprochen, dass eine Gesellschaft ebenso Verantwortung, Selbstbegrenzung und gegenseitige Verpflichtung benötigt.
2. Deutschland verliert seine christliche Selbstverständlichkeit
Das religiöse Fundament der deutschen Gesellschaft erodiert seit Jahrzehnten.
Ende 2025 gehörten noch rund 19,2 Millionen Menschen der katholischen und 17,4 Millionen der evangelischen Kirche an.¹ Zusammen entspricht das inzwischen weniger als der Hälfte der Bevölkerung. Die beiden großen Kirchen verloren allein 2025 durch Austritte, Sterbefälle und andere Veränderungen mehr als eine Million Mitglieder.¹
Man kann diesen Rückgang unterschiedlich bewerten. Kirchenaustritte haben nachvollziehbare Ursachen: Missbrauchsskandale, institutionelles Versagen, Kirchensteuer, gesellschaftliche Säkularisierung und ein zunehmender Abstand vieler Menschen von kirchlichen Lehrmeinungen.
Trotzdem verschwindet damit mehr als Gottesdienstbesuch. Kirchen waren über Generationen soziale Infrastruktur: Kindergärten, Krankenhäuser, Altenpflege, Jugendgruppen, Nachbarschaftshilfe, Seelsorge, Bildungsarbeit und Ehrenamt. Die EKD verweist bis heute auf diese gesellschaftlichen Funktionen; die katholische Kirche zählt allein rund 600.000 Ehrenamtliche.
Man muss nicht religiös sein, um deshalb eine Frage zu stellen:
Wer übernimmt die gemeinschaftsstiftende Funktion, wenn traditionelle Institutionen verschwinden?
Der Staat? Social Media? Unternehmen? Politische Bewegungen? Influencer? Oder bleibt am Ende nur das Individuum?
3. Vom Dienst an der Gesellschaft zum Anspruch an die Gesellschaft
Eine ähnliche Veränderung lässt sich am Wehr- und Zivildienst beobachten.
Bis 2011 war es für einen erheblichen Teil einer Generation selbstverständlich, mehrere Monate für eine gesellschaftliche Institution tätig zu sein. Wer zur Bundeswehr ging, wurde mit Landesverteidigung, Kameradschaft, Disziplin und staatlicher Pflicht konfrontiert. Wer verweigerte, arbeitete häufig in Krankenhäusern, Altenheimen, Rettungsdiensten oder Behinderteneinrichtungen.
Das System hatte erhebliche Schwächen. Es betraf überwiegend junge Männer, griff massiv in Lebensplanung ein und war keineswegs automatisch eine Schule guter Staatsbürger. Aber es erzeugte etwas, das heute seltener geworden ist: eine verpflichtende Begegnung mit Menschen und Lebenswirklichkeiten außerhalb der eigenen sozialen Blase.
Nach der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 entstand der Bundesfreiwilligendienst. Mehr als 400.000 Menschen haben ihn seither genutzt; das Familienministerium beschreibt ausdrücklich die Förderung von Verantwortungsbewusstsein und gesellschaftlichem Miteinander als Ziel.
Auch deshalb wäre es falsch, Deutschland schlicht eine zunehmende Verantwortungslosigkeit zu attestieren. Im Jahr 2024 waren noch immer 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert – rund 27 Millionen Menschen. Allerdings lag der Anteil 2019 mit 39,7 Prozent etwas höher.
Das Gemeinwesen ist also keineswegs zusammengebrochen. Aber die politische Debatte darüber, ob junge Menschen wieder einen gesellschaftlichen Dienst leisten sollten, zeigt, dass etwas vermisst wird.
Seit Januar 2026 gilt deshalb wieder ein neuer Wehrdienst.² Die Bundesregierung spricht dabei ausdrücklich von „staatsbürgerlicher Verantwortung". Für Männer wird die Wehrerfassung schrittweise wieder verbindlich; sollte die Zahl freiwilliger Rekruten nicht ausreichen, kann der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht beschließen. Ziel ist ein Anstieg der aktiven Truppenstärke von zuletzt rund 183.000 auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten sowie 200.000 Reservistinnen und Reservisten.²
Bemerkenswert ist die Rückkehr eines Begriffs, der lange nahezu verschwunden war: Pflicht.
II. Wenn Politik moralisch wird
Parallel zum Rückgang traditioneller Bindungen hat sich politische Sprache verändert. Politische Fragen werden zunehmend nicht nur als Interessenkonflikte, sondern als moralische Entscheidungen präsentiert.
5. Klimapolitik als moralische Frage
Das lässt sich besonders deutlich bei Klimapolitik beobachten.
Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ist keine Erfindung einer politischen Bewegung. Er ist ausdrücklich in
Artikel 20a des Grundgesetzes verankert. Und auch gesellschaftlich besteht weiterhin breite Unterstützung: 54 Prozent der Bevölkerung bezeichneten Umwelt- und Klimaschutz 2024 als „sehr wichtig".
Gleichzeitig sinkt seine relative Bedeutung. Gesundheitswesen, Bildung und wirtschaftliche Entwicklung werden inzwischen häufig als dringlicher angesehen.
Interessant wird es dort, wo aus einer politischen Sachfrage eine Frage moralischer Zugehörigkeit wird. Wer konkrete Klimaschutzmaßnahmen kritisiert, bestreitet deshalb nicht automatisch den Klimawandel. Wer ein Verbrennerverbot ablehnt, ist nicht zwangsläufig gegen Umweltschutz. Wer hohe CO₂-Preise befürwortet, besitzt deshalb nicht automatisch die moralisch bessere Position.
Politik beginnt problematisch zu werden, wenn nicht mehr über Kosten, Nutzen, Geschwindigkeit und Alternativen gestritten wird, sondern darüber, welche Seite zu den „Guten" gehört.
Das DIW beschreibt inzwischen selbst eine deutliche politische Polarisierung der Klimadebatte. Besonders Verteilungsfragen – wer bezahlt die Transformation, welche Unternehmen werden belastet und welche gesellschaftlichen Gruppen tragen Kosten – beeinflussen die Akzeptanz erheblich.
Klimaschutz verliert nichts von seiner Notwendigkeit, wenn man über seine Folgen diskutiert. Im Gegenteil: Demokratische Politik beginnt dort, wo auch ein richtiges Ziel über den richtigen Weg streiten darf.
6. „Woke" – ein Begriff, unter dem inzwischen fast alles verstanden wird
Ähnlich schwierig ist der Begriff „Wokeness".
Ursprünglich bezeichnete „woke" Aufmerksamkeit für Rassismus und gesellschaftliche Diskriminierung. Heute wird das Wort so inflationär verwendet, dass es vom geschlechtergerechten Sprachgebrauch über Diversitätsprogramme bis zur gesamten progressiven Kulturpolitik nahezu alles umfassen kann.
Die interessante Entwicklung liegt deshalb nicht im Begriff selbst. Sie liegt darin, dass Unternehmen, Universitäten, Verwaltungen und Institutionen in kurzer Zeit politische und kulturelle Themen übernommen haben, die früher hauptsächlich Gegenstand gesellschaftlicher Bewegungen waren.
Dadurch verändert sich deren Charakter. Aus einer Bürgerrechtsbewegung kann eine institutionelle Politik werden. Aus gesellschaftlicher Anerkennung kann Marketing werden. Und aus berechtigtem Schutz vor Diskriminierung kann im schlechtesten Fall die Erwartung entstehen, eine bestimmte gesellschaftspolitische Interpretation ebenfalls übernehmen zu müssen.
7. Vom Christopher Street Day zur globalen Pride-Industrie
Ein anschauliches Beispiel ist die LGBTQ+-Bewegung. Ihr historischer Kern war elementar: Homosexuelle Menschen sollten nicht kriminalisiert, verfolgt, ausgegrenzt oder ihrer grundlegenden Rechte beraubt werden.
Dass Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht diskriminiert oder angegriffen werden dürfen, gehört inzwischen zu den selbstverständlichen Errungenschaften einer liberalen Gesellschaft. Gerade deshalb lohnt es sich, zwischen diesem Anliegen und allem zu unterscheiden, was sich inzwischen darum entwickelt hat.
Der Christopher Street Day ist heute vielerorts gleichzeitig: politische Demonstration, Straßenfest, Unternehmensveranstaltung, Marketingplattform, Party, Drag-Show, Familienangebot und teilweise Veranstaltung mit deutlich sexualisierter Erwachsenenästhetik.
Der Münchner CSD 2025 beispielsweise veranstaltete über 80 Einzelveranstaltungen, Drag-Shows, Gottesdienste und ein Angebot für Regenbogenfamilien – gleichzeitig aber auch eine eigene FetischArea. Mehr als 200 Gruppen und zahlreiche Unternehmen beteiligten sich an der Parade.
Das ist zunächst eine Beschreibung und kein Beweis eines Jugendschutzverstoßes. Aber es eröffnet eine legitime Debatte:
Muss eine Bürgerrechtsdemonstration gleichzeitig Familienveranstaltung, Unternehmensmarketing und sexualisierte Subkultur präsentieren?
Wer diese Frage stellt, stellt damit nicht die Würde homosexueller oder transgeschlechtlicher Menschen infrage. Ebenso legitim ist die Gegenposition: Gerade die Sichtbarkeit unterschiedlicher Lebensweisen sei Teil des ursprünglichen emanzipatorischen Anspruchs.
Die notwendige Grenze sollte deshalb nicht zwischen „queer" und „nicht queer" verlaufen. Sie sollte dort verlaufen, wo sie bei allen gesellschaftlichen Veranstaltungen verläuft: zwischen erwachsenengerechter Sexualität und altersgerechten Angeboten für Kinder und Jugendliche.
8. Unternehmen zwischen Haltung und Rückzug
Bemerkenswert ist die wirtschaftliche Entwicklung. Über Jahre färbten internationale Konzerne im Juni ihre Logos in Regenbogenfarben, finanzierten Pride-Veranstaltungen und etablierten umfangreiche Diversity-Programme.
Inzwischen dreht sich der Trend teilweise. Der internationale Ipsos Pride Report zeigt: Die Unterstützung dafür, dass Unternehmen öffentlich LGBT-Gleichstellung fördern, sank im untersuchten Länderdurchschnitt von 49 Prozent 2021 auf 41 Prozent 2025. Auch die Zustimmung zu mehr LGBT-Darstellungen in Werbung, Film und Fernsehen ging zurück.
Das kann Ausdruck eines konservativen Backlash sein. Es kann aber ebenso darauf hindeuten, dass Teile der Bevölkerung zwischen Gleichberechtigung und permanenter politischer Markenkommunikation unterscheiden.
Dass Unternehmen gesellschaftliche Minderheiten respektieren, sollte selbstverständlich sein. Ob Shampoohersteller, Banken oder Automobilkonzerne dafür gesellschaftspolitische Erziehungsaufträge übernehmen müssen, ist eine andere Frage.
9. Wenn die Kirche dem Zeitgeist folgt – oder sich gesellschaftlicher Realität stellt
Besonders sichtbar ist der Wandel innerhalb der Kirchen.
Die katholische Kirche in Deutschland veröffentlichte 2025 Empfehlungen für Segensfeiern von Paaren unterschiedlicher sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität. Ebenfalls 2025 erschien ein kirchliches Schuldokument zur Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.
Befürworter sehen darin eine notwendige Öffnung einer Institution, die Menschen jahrzehntelang ausgegrenzt habe. Kritiker stellen eine andere Frage:
Was bleibt von einer Glaubensgemeinschaft, wenn sie ihre eigenen theologischen Überzeugungen immer stärker an gesellschaftliche Veränderungen anpasst?
Diese Auseinandersetzung reicht weit über Sexualität hinaus. Eine Kirche muss nicht gesellschaftlich rückwärtsgewandt sein. Aber sie verliert ihre Funktion als moralischer Gegenpol, wenn ihre Position zu jeder gesellschaftlichen Frage nur noch lautet: Wir vertreten, was ohnehin gerade gesellschaftlicher Konsens ist.
10. Christentum und Islam: Dialog oder Selbstaufgabe?
Ähnlich emotional wird über das Verhältnis von Christentum und Islam gesprochen.
Deutschland ist religiös pluralistischer geworden. Der Islam ist inzwischen nach dem Christentum die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Die katholische Kirche intensivierte 2026 ausdrücklich den christlich-muslimischen Dialog.
Gleichzeitig benennt sie islamistische ebenso wie islamfeindliche Entwicklungen als Gefahren für das Zusammenleben.
Das Grundgesetz gibt darauf eigentlich eine klare Antwort. Muslime besitzen dieselbe Religionsfreiheit wie Christen, Juden oder Menschen ohne Religion. Aber Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiöse Vorstellungen über dem Grundgesetz stehen. Das gilt für jede Religion.
Wo islamistische Vorstellungen mit Gleichberechtigung, individueller Freiheit, Religionswechsel, Meinungsfreiheit oder der Trennung von Religion und Staat kollidieren, muss eine liberale Gesellschaft ihre eigenen Regeln selbstbewusst vertreten.
Die EKD benennt selbst fundamentalistische Strömungen im Islam und Konflikte etwa mit Gleichberechtigung, Trennung von Religion und Staat sowie religiöser Toleranz. Gleichzeitig warnt sie zu Recht vor einer pauschalen Übertragung dieser Kritik auf alle Muslime. Das ist die entscheidende Balance:
Toleranz bedeutet nicht Unterwerfung. Aber Selbstbehauptung bedeutet ebenso wenig Feindseligkeit gegenüber einer Religion.
Eine freiheitliche Gesellschaft muss beides können. Sie muss Moscheen ermöglichen, wenn sie Kirchen ermöglicht. Sie muss aber ebenso Religionskritik schützen. Sie muss Muslimen Religionsfreiheit garantieren. Sie darf gleichzeitig verlangen, dass die Rechtsordnung des demokratischen Staates über religiösen Vorschriften steht.
III. Freiheit oder Sicherheit – die alte Frage in neuer technischer Form
11. Digitale Regulierung, Chatkontrolle und function creep
Während traditionelle Bindungen schwächer werden, wachsen gleichzeitig die technischen Möglichkeiten staatlicher Kontrolle.
Der Digital Services Act der EU verpflichtet große Plattformen, systemische Risiken zu analysieren und Maßnahmen unter anderem gegen illegale Inhalte, Desinformation und Gefahren für Minderjährige zu ergreifen. Die EU betont zugleich ausdrücklich, dass dabei Meinungs- und Informationsfreiheit geschützt werden müssen.
Genau hier liegt das Spannungsfeld. Ein Gesetz muss nicht Zensur beabsichtigen, um eine Infrastruktur hervorzubringen, die später für weitergehende Kontrolle verwendet werden könnte.
Besonders deutlich wird dies bei der europäischen Debatte um die Bekämpfung sexuellen Kindesmissbrauchs im Internet. Der Rat der EU hat sich auf einen Rechtsrahmen verständigt, nach dem Plattformen Risiken bewerten müssen, Behörden Entfernung oder Sperrung bestimmter Inhalte anordnen können und ein neues europäisches Zentrum entstehen soll. Gleichzeitig soll die Möglichkeit freiwilliger automatisierter Erkennung entsprechenden Materials dauerhaft ermöglicht werden. Über den endgültigen Rechtsrahmen wird weiterhin verhandelt.
Auch eine europäische Infrastruktur zur Altersverifikation wird vorbereitet; der Europäische Datenschutzausschuss hat dafür bereits grundrechtliche Anforderungen formuliert.
Der Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch ist kein vorgeschobenes Problem. Er ist eine der zwingendsten Aufgaben eines Staates. Die demokratische Frage lautet dennoch:
Welche technischen Möglichkeiten schaffen wir dafür – und können wir garantieren, dass ihre Verwendung auf diesen Zweck beschränkt bleibt?
Dieses Problem nennt man function creep. Ein Instrument wird für einen allgemein akzeptierten Zweck geschaffen und später auf andere Zwecke ausgeweitet.
Der Schutz der Freiheit verlangt deshalb nicht weniger Kinderschutz. Er verlangt enge Gesetze, unabhängige Kontrolle, Verhältnismäßigkeit und technische Grenzen staatlicher Macht.
12. Die Sprache des Friedens verändert sich
Kaum ein Bereich zeigt den gesellschaftlichen Wandel so deutlich wie die Sicherheitspolitik.
Deutschland war nach 1945 über Jahrzehnte von einer tiefen Skepsis gegenüber militärischer Macht geprägt. „Nie wieder Krieg" gehörte zum moralischen Selbstverständnis der Bundesrepublik.
Heute verwendet die Bundesregierung Formulierungen wie: „Heute den Frieden von morgen verteidigen."
Für 2026 sind rund 108 Milliarden Euro für Verteidigung vorgesehen.² Die Bundeswehr soll langfristig auf rund 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten anwachsen.² Bundeskanzler und Verteidigungsminister formulieren inzwischen wieder ausdrücklich: Frieden und Freiheit gibt es nicht umsonst. Auch Deutschland hat sich im NATO-Rahmen zu deutlich höheren Verteidigungsausgaben bekannt.
Man kann diese Entwicklung wegen des russischen Angriffskrieges für notwendig halten. Trotzdem ist der sprachliche Wandel bemerkenswert.
Waffenlieferungen werden als Beitrag zum Frieden bezeichnet. Aufrüstung wird Friedenssicherung. Militärische Stärke wird Voraussetzung für Diplomatie. Die Begriffe sind nicht zwangsläufig widersprüchlich: Abschreckung kann tatsächlich Krieg verhindern. Aber eine demokratische Öffentlichkeit sollte aufmerksam werden, wenn politische Begriffe ihre traditionelle Bedeutung verändern.
13. Orwell und die Umkehrung der Sprache
George Orwell formulierte in 1984 die berühmten Parolen: „Krieg ist Frieden." „Freiheit ist Sklaverei." „Unwissenheit ist Stärke."
Unsere heutige Gesellschaft ist nicht Orwells totalitärer Staat. Dieser Unterschied ist entscheidend. Wir besitzen freie Wahlen, unabhängige Gerichte, oppositionelle Parteien, freie Medien und die Möglichkeit, die Regierung öffentlich massiv zu kritisieren.
Orwell bleibt trotzdem relevant. Nicht als Beschreibung Deutschlands. Sondern als Warnung vor einer politischen Technik:
Wer die Sprache kontrolliert, beeinflusst die Grenzen dessen, was gedacht werden kann.
Wenn eine Regierung Überwachung „Sicherheit" nennt, wird Überwachung dadurch nicht automatisch falsch. Wenn Waffen „Frieden" sichern sollen, sind Waffen dadurch nicht automatisch Kriegstreiberei. Wenn Einschränkungen „Schutz" heißen, können sie notwendig sein. Aber die Begriffe dürfen niemals die Prüfung der Sache ersetzen.
Demokratie beginnt mit dem Recht, hinter das Etikett zu schauen.
14. Corona als Stresstest
Kaum ein Ereignis hat das Verhältnis zwischen Schutz und Freiheit deutlicher sichtbar gemacht als die Corona-Pandemie.
Kontaktbeschränkungen. Ausgangssperren. Geschlossene Schulen. Geschlossene Geschäfte und Restaurants. Beschränkungen von Demonstrationen und Gottesdiensten. Zugangsregeln nach Impf- oder Genesenenstatus.
Deutschland erlebte Grundrechtseingriffe in einem Umfang, den sich wenige Jahre zuvor kaum jemand vorgestellt hätte.
Das Bundesverfassungsgericht erklärte zentrale Maßnahmen der Bundesnotbremse angesichts der damaligen Gefahrenlage für verhältnismäßig und verfassungsgemäß. Bemerkenswert ist jedoch auch die andere Hälfte der Urteile: Das Gericht bezeichnete Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen ausdrücklich als erhebliche Grundrechtseingriffe. Bei Schulschließungen erkannte Karlsruhe erstmals überhaupt ein eigenständiges Recht von Kindern und Jugendlichen auf schulische Bildung an und bezeichnete die Eingriffe als schwerwiegend.
Damit ist eine vereinfachende Darstellung falsch: Weder war Corona schlicht eine Abschaffung des Grundgesetzes. Noch waren die Maßnahmen grundrechtlich belanglos.
15. Das Problem war auch der gesellschaftliche Umgang
Die inzwischen laufende Corona-Enquete des Bundestages zeigt, dass viele Probleme heute offiziell diskutiert werden, die während der Pandemie oft wesentlich schärfer umstritten waren.
Im Mai 2026 stellte eine Sachverständige für Gesundheitskommunikation vor der Kommission fest, abwertende Bewertungen abweichender Meinungen hätten eher Widerstand provoziert; auch Furchtappelle könnten kontraproduktiv sein. Eine weitere Anhörung kam zu dem Ergebnis, dass in künftigen Krisen eine bessere Balance zwischen Exekutive und Parlament erforderlich sei.
Genau hier liegt die Lehre. Ein Staat darf in einer außergewöhnlichen Gefahrensituation außergewöhnliche Maßnahmen treffen. Aber gerade dann braucht er: Widerspruch.
Wissenschaftliche Unsicherheit muss benannt werden. Minderheitsmeinungen müssen geprüft und nicht automatisch moralisch abgewertet werden. Experten dürfen beraten. Sie dürfen Politik aber nicht ersetzen. Und Journalisten müssen gerade dann fragen, wenn gesellschaftlicher Druck am größten ist.
IV. Institutionen unter Druck
16. Was geschah mit der „vierten Gewalt"?
Die Presse bezeichnet sich traditionell als kontrollierende vierte Gewalt. Das ist kein verfassungsrechtlicher Status, sondern ein Selbstverständnis.
Journalismus soll nicht Regierungskommunikation verlängern. Er soll fragen: Stimmt das? Wer profitiert davon? Welche Alternative gibt es? Welche Information fehlt? Was wurde verschwiegen? Wer widerspricht – und warum?
Gerade in Krisenzeiten entsteht jedoch ein strukturelles Problem. Regierungen liefern täglich Zahlen. Ministerien organisieren Pressekonferenzen. Behörden stellen Experten bereit. Redaktionen arbeiten unter erheblichem Zeitdruck. Dadurch kann aus notwendiger Berichterstattung leicht institutionelle Nähe entstehen.
Das bedeutet nicht, dass „die Medien" gesteuert wären. Die Daten sprechen gegen ein solches Pauschalurteil. 2026 erklärten 46 Prozent der Deutschen, den Nachrichten im Allgemeinen zu vertrauen. Öffentlich-rechtliche Nachrichten und regionale Tageszeitungen genießen weiterhin die höchsten Vertrauenswerte.
Aber ebenso bemerkenswert: Seit 2015 ist das allgemeine Medienvertrauen in Deutschland laut Reuters Institute deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig meiden inzwischen 40 Prozent Nachrichten zumindest gelegentlich oder häufig.
Die zentrale Gefahr für Journalismus besteht deshalb vielleicht weniger darin, zum „Handlanger der Macht" zu werden. Sie besteht darin, vom Publikum so wahrgenommen zu werden. Verlorenes Vertrauen lässt sich nur durch sichtbare Distanz, offene Quellen, Korrekturen und echte Kontroverse zurückgewinnen.
17. Politisches Versagen ohne Konsequenz
Auch die Wahrnehmung politischer Kompetenz hat sich verändert.
Deutschland besitzt weiterhin eine robuste demokratische Grundordnung. Der Demokratiemonitor 2026 zeigt: 82 Prozent unterstützen demokratische Werte überdurchschnittlich stark. Das Problem liegt nicht bei der grundsätzlichen Akzeptanz der Demokratie. Es liegt bei ihrer praktischen Umsetzung.
Besonders drastisch ist die Bewertung der Parteien: 77 Prozent bejahen deren demokratische Funktion – aber nur 17 Prozent sind mit ihrem tatsächlichen Funktionieren zufrieden.
Auch die OECD kommt für Deutschland zu einem erheblichen Vertrauensgefälle: 64 Prozent vertrauen der Polizei, 58 Prozent den Gerichten, aber nur 25 Prozent den politischen Parteien.
Das ist ein entscheidender Befund. Die Menschen lehnen nicht zwangsläufig Demokratie ab. Sie zweifeln zunehmend daran, ob ihre politischen Institutionen noch gut funktionieren.
18. Verantwortung beginnt dort, wo Fehler Konsequenzen haben
In Unternehmen galt lange ein vergleichsweise einfacher Grundsatz: Wer dauerhaft schlechte Ergebnisse produziert, verliert Verantwortung.
In der Politik ist dieser Zusammenhang komplizierter. Großprojekte können Milliarden teurer werden. Digitalisierung kann jahrelang verschleppt werden. Infrastrukturen können verfallen. Behörden können an Überregulierung leiden. Reformen können angekündigt und nicht umgesetzt werden.
Trotzdem verteilt sich Verantwortung häufig so stark auf Koalitionen, Ministerien, Bund, Länder und Vorgängerregierungen, dass am Ende niemand persönlich verantwortlich erscheint. Das erzeugt eine gefährliche politische Kultur: Jeder war beteiligt – also war niemand verantwortlich.
Demokratie benötigt deshalb nicht nur Wahlen. Sie benötigt eine nachvollziehbare Verbindung zwischen: Entscheidung – Ergebnis – Verantwortung.
V. Synthese
19. Der gemeinsame Nenner
Auf den ersten Blick haben Kirchenaustritte, Wehrdienst, Klimapolitik, Pride, Corona, Islam, Medien, Chatkontrolle und Ukrainekrieg wenig miteinander zu tun. Doch darunter liegt möglicherweise dieselbe gesellschaftliche Frage:
Wer trägt Verantwortung – und wem übertragen wir Macht?
Früher wurde Verantwortung stärker über traditionelle Institutionen vermittelt: Familie, Kirche, Gemeinde, Verein, Arbeit, Wehrdienst, Zivildienst.
Heute übernimmt häufiger der Staat die Rolle des gesellschaftlichen Organisators. Er reguliert Gesundheit. Er reguliert Kommunikation. Er reguliert Klima. Er reguliert digitale Plattformen. Er definiert Schutzbereiche. Er entscheidet über Sicherheitsrisiken. Er verlangt gesellschaftliche Resilienz.
Das kann notwendig sein. Aber je größer die Rolle des Staates wird, desto wichtiger wird die alte liberale Frage:
Wer kontrolliert den Staat?
20. Eine freie Gesellschaft braucht keine einheitliche Meinung
Vielleicht liegt hier das größte Missverständnis unserer Zeit. Gesellschaftlicher Zusammenhalt bedeutet nicht, dass alle dasselbe denken. Im Gegenteil.
Eine stabile Demokratie muss es aushalten können, dass ein Christ seine Religion für wahr hält. Dass ein Muslim seine Religion für wahr hält. Dass ein Atheist beide Religionen ablehnt. Dass jemand die Klimapolitik für zu radikal hält, ein anderer für viel zu langsam. Dass jemand traditionelle Ehevorstellungen vertritt, ein anderer in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt. Dass ein Bürger Waffenlieferungen an die Ukraine unterstützt, ein anderer sie für gefährlich hält. Dass jemand eine Regierung wählt, und sein Nachbar dieselbe Regierung für unfähig hält. Das alles ist Demokratie.
Der gesellschaftliche Konsens muss nicht über die Meinung bestehen – sondern über die Regeln, nach denen wir mit unterschiedlichen Meinungen leben.
Dazu gehört ausdrücklich auch: Jeder Mensch besitzt das Recht, Unsinn, Übertreibungen, Irrtümer und unbequeme Ansichten zu äußern, solange dabei die gesetzlichen Grenzen – etwa konkrete Gewaltandrohungen, strafbare Beleidigungen oder andere Straftaten – nicht überschritten werden.
Eine Demokratie, in der nur vernünftige, richtige oder gesellschaftlich akzeptierte Meinungen frei geäußert werden dürfen, benötigt keine Meinungsfreiheit. Die Freiheit wird gerade für diejenigen gebraucht, die falsch liegen könnten.
21. Was wir verloren haben – und was wir nicht zurückholen sollten
Man sollte die Vergangenheit nicht romantisieren. Die alte Bundesrepublik war keineswegs eine ideale Gesellschaft.
Homosexuelle wurden diskriminiert. Frauen hatten deutlich weniger gesellschaftliche Möglichkeiten. Sexueller Missbrauch wurde in Kirchen und Familien verschwiegen. Autoritäten wurden viel zu selten hinterfragt. Wehrdienst konnte sinnlos und schikanös sein. Medien hatten mächtige Gatekeeper.
Viele gesellschaftliche Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte waren deshalb Fortschritt. Eine Rückkehr in die fünfziger oder achtziger Jahre wäre weder möglich noch wünschenswert.
Aber Fortschritt bedeutet nicht, dass jede alte Struktur wertlos war. Vielleicht haben wir bei der Beseitigung überkommener Autoritäten auch Dinge geschwächt, die eine Gesellschaft benötigt:
Verbindlichkeit. Verantwortung. Dienst am Gemeinwohl. Selbstbegrenzung. Respekt vor Institutionen. Bereitschaft zum Widerspruch. Und die Vorstellung, dass nicht jede gesellschaftliche Frage vom Staat gelöst werden kann.
22. Nicht zurück – sondern neu begründen
Die Antwort auf gesellschaftliche Fragmentierung kann deshalb nicht lauten: zurück zur Kirche für alle, zurück zur Wehrpflicht für alle, zurück zur traditionellen Familie als einzig zulässiger Lebensform, zurück zu Medienmonopolen. Oder zurück zu einer Gesellschaft, in der Minderheiten unsichtbar bleiben.
Die entscheidende Aufgabe lautet schwieriger:
Wie schaffen wir gemeinsame Verantwortung in einer Gesellschaft, die dauerhaft plural bleiben wird?
Vielleicht benötigt sie wieder einen freiwilligen oder verpflichtenden Gesellschaftsdienst. Vielleicht benötigen Schulen wesentlich mehr politische, historische und mediale Bildung. Vielleicht müssen Kirchen wieder stärker erklären, woran sie glauben, statt hauptsächlich gesellschaftspolitische Kommunikation zu betreiben. Vielleicht müssen Unternehmen wieder lernen, Produkte herzustellen, ohne gleichzeitig gesellschaftliche Moralinstanzen sein zu wollen.
Vielleicht müssen Politiker häufiger sagen: „Wir wissen es nicht." Und Journalisten häufiger: „Wir prüfen auch die Annahmen der Seite, der wir persönlich zustimmen."
23. Freiheit braucht Verantwortung – und Verantwortung braucht Freiheit
1984 war nicht deshalb erschreckend, weil überall Kameras standen. Orwells tiefere Warnung lautete: Ein System wird mächtig, wenn Menschen irgendwann aufhören, Widersprüche als Widersprüche wahrzunehmen. Wenn Begriffe ihre Bedeutung beliebig verändern können. Wenn Wahrheit von Zugehörigkeit abhängt. Wenn Zweifel als moralischer Fehler gilt. Wenn Sprache nicht mehr beschreibt, sondern Denken begrenzen soll.
So weit ist unsere Gesellschaft nicht. Und gerade deshalb lohnt es sich, früh über solche Tendenzen zu sprechen.
Nicht jede staatliche Regulierung ist Zensur. Nicht jede Klimapolitik ist Ideologie. Nicht jede LGBTQ-Initiative ist Identitätspolitik. Nicht jeder interreligiöse Dialog ist Selbstaufgabe. Nicht jede Waffenlieferung ist Kriegstreiberei. Nicht jede Corona-Maßnahme war willkürlich. Und nicht jeder Journalist ist ein Sprachrohr der Regierung.
Aber ebenso gilt: Keines dieser Themen darf der kritischen Prüfung entzogen werden, nur weil dahinter ein moralisch richtig klingendes Ziel steht.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich die scheinbar unterschiedlichen Entwicklungen wieder treffen. Eine Gesellschaft kann nicht dauerhaft funktionieren, wenn jeder ausschließlich fragt: Was steht mir zu? Sie braucht Menschen, die ebenso fragen: Wofür bin ich verantwortlich?
Aber Verantwortung darf ebenso wenig bedeuten, Bürger zu Untertanen eines immer umfassenderen Staates zu machen. Der Staat muss Kinder schützen. Er muss Grenzen des Strafrechts durchsetzen. Er muss äußere Sicherheit gewährleisten. Er muss natürliche Lebensgrundlagen schützen. Er muss Minderheiten vor Diskriminierung schützen. Aber er muss gleichzeitig akzeptieren, dass freie Menschen widersprechen, provozieren, glauben, zweifeln, Fehler machen und andere Vorstellungen vom guten Leben besitzen dürfen. Das ist der schwierige Kern einer liberalen Gesellschaft. Nicht Einigkeit. Nicht Gleichförmigkeit. Sondern gemeinsame Regeln für Unterschiedlichkeit.
Das Grundgesetz formulierte diesen Gedanken 1949 erstaunlich präzise. Es beginnt mit Verantwortung.
Dann folgt die Würde des Menschen. Und daraus folgen die Grundrechte. Vielleicht liegt darin auch heute noch die Reihenfolge, die eine Gesellschaft zusammenhalten kann:
Verantwortung ohne Unterwerfung. Freiheit ohne Verantwortungslosigkeit. Toleranz ohne Selbstaufgabe. Schutz ohne Bevormundung. Glaube ohne Zwang. Politik ohne moralischen Absolutheitsanspruch. Journalismus ohne Gefolgschaft.
Und ein Staat, der stark genug ist, seine Bürger zu schützen – aber begrenzt genug, ihre Freiheit auszuhalten.
Das wäre keine Rückkehr in eine vergangene Gesellschaft. Es wäre möglicherweise die Voraussetzung dafür, dass eine freie Gesellschaft auch in Zukunft eine bleibt.
Hinweis zu den Beiträgen
Soweit nicht anders gekennzeichnet, wurden die auf Berichtssache.de veröffentlichten Beiträge von
Holger H. Hohlfeld verfasst.
Die Beiträge beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen, offiziellen Dokumenten, Büchern, Presse- und Medienberichten sowie eigenen Recherchen und Einordnungen. Quellen und weiterführende Verweise werden – soweit für das jeweilige Thema relevant – innerhalb der Beiträge angegeben.
Autor: Holger H. Hohlfeld · © 2026 Berichtssache.de – Alle Rechte vorbehalten.
Beiträge der Kategorien Kommentar oder vergleichbarer Formate können persönliche Bewertungen, Schlussfolgerungen und Einordnungen des Autors enthalten.

