
Der Kanzler macht Sommerpause
465 Tage Merz: Handicap Kanzleramt



Der Kanzler macht Sommerpause
465 Tage Merz: Handicap Kanzleramt
SO SIEHT'S AUS - Holger H. Hohlfeld
Wie man in gut vierhundert Tagen jeden Saal enttäuscht
Es gibt Sätze, die schreibt einem kein Kabarettist besser. Friedrich Merz, vor 450 Familienunternehmern im Adlon, wirft seinem Publikum vor, zu selten in Talkshows zu sitzen – und schiebt zur Begründung nach: „Ich treffe jedenfalls am Sonntag mehr Leute auf dem Golfplatz als abends in den Talkshows." Sein Appell: „Sie müssen raus."
Müssen. Sagt der Mann, der sonntags offenbar zwischen Bunker und Grün pendelt, während er anderen die Zumutung öffentlicher Debatte predigt. Das ist keine Rede mehr, das ist ein Geständnis mit Verstärkeranlage. Und es ist, mit Verlaub, die ehrlichste Aussage dieser gesamten Kanzlerschaft: Wo Merz wirklich hinwill, wenn's ungemütlich wird, weiß man jetzt amtlich. Ausgerechnet dieser Kanzler warnt an anderer Stelle eindringlich vor „schlechten Witzen" – als handele es sich um eine nationale Sicherheitsbedrohung. Was daran besonders komisch ist: Kaum jemand liefert derzeit zuverlässiger Pointen als er selbst, nur eben unfreiwillig.
Der Fehlstart
Am 6. Mai 2025 reichte die eigene Koalitionsmehrheit im ersten Wahlgang nicht – 18 Abgeordnete aus den eigenen Reihen straften ihren Kandidaten ab, bevor er auch nur eine Akte unterschrieben hatte. Zweiter Wahlgang, dann klappte es doch noch, wie bei einem Elfmeter, der erst im Nachschuss reingeht. Grünen-Politikerin Anna Lührmann sagte damals, diese Regierung sei „handwerklich gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hat". Selten hat eine Prognose sich so eilig selbst bestätigt.
Wahlversprechen – jetzt auch in der flexiblen Ausführung
Dann kam die Schuldenbremse. Noch im Februar 2025 erklärte Merz, bevor man über zusätzliche Schulden rede, müsse erst geprüft werden, wie der Staat mit dem vorhandenen Geld auskomme. Im TV-Duell fragte er sinngemäß, wie weit Deutschland es mit der Verschuldung eigentlich noch treiben wolle. Wenige Wochen später einigten sich Union und SPD auf ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur und weitreichende Änderungen an der Schuldenregel für Verteidigungsausgaben. Für 2026 beschloss der Bundestag inzwischen eine Nettokreditaufnahme von 89,9 Milliarden Euro.
Das war keine politische Kehrtwende. Das war eine Wende mit Allradantrieb. Merz selbst formulierte den Vorgang unfreiwillig schöner, als es jeder Kritiker könnte: „Ich weiß, dass ich jetzt einen sehr hohen Kredit in Anspruch genommen habe, auch was meine persönliche Glaubwürdigkeit betrifft." Bemerkenswert ist lediglich, dass dieser Kredit offenbar keine Schuldenbremse hatte.
Man kann Merz zugutehalten, dass sich die geopolitische Lage verändert hatte und er seine Entscheidung damit begründete. Politik muss auf veränderte Umstände reagieren. Nur sollte man dann vielleicht Wahlversprechen künftig mit einer kleinen Fußnote versehen: Stand bei Drucklegung. Politische Farbabweichungen möglich.
Migration: Tag eins dauerte etwas länger
Auch bei der Migration war der Wahlkämpfer Merz erfreulich übersichtlich. Dauerhafte Grenzkontrollen. Illegale Einreisen zurückweisen. Konsequenz. Führung. Richtlinienkompetenz. Endlich einer, der einfach macht. Nach der Wahl stellte sich heraus, dass Deutschland unter anderem Nachbarländer, EU-Recht, Verwaltungsgerichte und eine Koalition besitzt.
Merz hatte tatsächlich dauerhafte Kontrollen und Zurückweisungen angekündigt; unmittelbar nach dem Regierungswechsel fiel der große „Tag eins" zunächst deutlich unspektakulärer aus als im Wahlkampf versprochen. Später wurden Zurückweisungen umgesetzt und gerichtlich angegriffen.
Das Problem ist deshalb nicht, dass gar nichts geschah. Das Problem ist die Dramaturgie: Wahlkampf-Merz bestellt einen Rammbock. Regierungs-Merz liest anschließend die Bedienungsanleitung. Beides kann vernünftig sein. Nur sollte man vielleicht die Reihenfolge gelegentlich tauschen.
Die Wirtschaftswende – bitte nicht mit Wachstum verwechseln
Merz trat mit dem Versprechen einer wirtschaftspolitischen Wende an. Und tatsächlich hat sich etwas gewendet: die Wachstumsprognose. Mehrfach. Nach unten. Deutschland wuchs 2025 preisbereinigt lediglich um 0,2 Prozent. Für 2026 erwartet die Bundesregierung inzwischen nur noch 0,5 Prozent, die EU-Kommission 0,6 Prozent; verschiedene Institute liegen ungefähr zwischen 0,4 und 0,9 Prozent. Dabei belasten selbstverständlich auch externe Faktoren wie hohe Energiepreise, der Iran-Krieg und die schwache Weltkonjunktur die Entwicklung.
Man kann Merz nicht dafür verantwortlich machen, dass die Weltwirtschaft keine CDU-Mitgliedschaft besitzt.
Aber für einen Kanzler, der seinen Wahlkampf wesentlich mit der Wirtschaftswende bestritten hat, ist ein halbes Prozent Wachstum ungefähr so befriedigend wie: „Unser ICE fährt wieder – mit Schrittgeschwindigkeit."
Merz selbst beschreibt die Lage inzwischen bemerkenswert düster. Beim DGB sagte er, Deutschland habe es über Jahre versäumt, sich zu modernisieren; Steuern, Abgaben, Energie- und Bürokratiekosten seien zu hoch, Wachstum Voraussetzung für Wohlstand und Sozialstaat. Die Diagnose ist durchaus treffend. Jetzt fehlt eigentlich nur noch jemand, der regiert.
Die Wirtschaft, die nicht mitspielte
Angetreten mit dem Anspruch der „wirtschaftspolitischen Wende", lieferte Merz: 0,1 Prozent Wachstum 2025 (IWF), Euroraum-Schlusslicht hinter nur Österreich, 0,9 Prozent Prognose für 2026 – weiterhin unteres Tabellendrittel. Der Rentenbeitrag klettert Richtung 20,4 Prozent bis 2030, der Steuerzuschuss liegt schon bei 127,8 Milliarden.
Die „Wende" fand offenbar auf einem anderen Golfplatz statt.
Zwei Reden, ein Kanzler, null Konsistenz
Im Juni 2026, vor den Familienunternehmern: Lobeshymnen auf Risikofreude, 3.500 Start-up-Gründungen bejubelt, Warnung vor der „Wohlstandsillusion". Der Mann als Unternehmerfreund.
Im Mai 2026, vor dem DGB-Bundeskongress, erster Kanzlerauftritt dort seit Merkel 2018: „Die Kosten in diesem Land sind zu hoch. Es sind die Steuern und Abgaben, es sind die Bürokratie- und Energiekosten." Für den Satz, das alles sei „keine Bösartigkeit", erntete er höhnisches Gelächter; der Rest der Rede ging in Pfiffen unter.
Dieselbe Diagnose, zweimal verkauft: dem einen Saal als Kompliment, dem anderen als Rüge – verpackt in warme „Sozialpartnerschaft"-Vokabeln, die so klangen, als glaube er selbst nicht recht daran. Wer beim Umschalten zwischen Publikum A und Publikum B die Botschaft komplett wechselt, sollte sich nicht wundern, wenn am Ende beide das Kleingedruckte suchen. Konsequent ist daran höchstens die Inkonsequenz.
Waldbrände zuerst, Pointen später
Merz meldete sich am Tatabend zunächst zu Waldbränden in Frankreich. Bei der Trauerfeier tags darauf philosophierte er dann über „dumme Redensarten, schlechte Witze" als Teil der Gewalt – ein Timing, das selbst geübte Redenschreiber nicht retten konnten. Applaus von einigen, Kopfschütteln von allen anderen, links wie rechts.
Belém tanzt, Trump pöbelt
Auf dem Handelskongress erzählte Merz launig, keiner seiner Journalisten habe nach der Klimakonferenz in Belém bleiben wollen. Brasiliens Präsident Lula konterte, Merz solle lieber tanzen gehen statt sich über seine Gastgeberstadt lustig zu machen. Und der einst gelobten „großartigen Beziehung" zu Trump folgte: „völlig wirkungslos", „kaputtes Land" – frisch von Truth Social, mit der Chronistenpflicht direkt vom US-Präsidenten persönlich zugestellt.
Selbst die eigenen Leute steigen aus
AKK
– Friedrichs persönliches Murmeltier: Ende 2025 wollte Merz Günter Krings an der Spitze der Konrad-Adenauer-Stiftung sehen. Gewählt wurde: Annegret Kramp-Karrenbauer.
Jene Annegret Kramp-Karrenbauer, die Friedrich Merz bereits 2018 in der Wahl um den CDU-Vorsitz geschlagen hatte.
Es gibt Menschen, denen begegnet man im Leben zweimal ...
Selbstmitleid als Regierungsprogramm
Im April 2026, Spiegel-Interview: „Kein Bundeskanzler vor mir" habe so viel Anfeindung ertragen müssen wie er. Adenauer baute ein zerbombtes Land wieder auf. Kohl überlebte die Spendenaffäre. Brandt trat wegen eines Spions im Kabinett zurück. Merz leidet unter Kommentarspalten. Im selben Gespräch: „Ob das am Ende des Tages wirklich gelingt, weiß ich heute noch nicht." Ein Satz, den man sich normalerweise nur vom Praktikanten wünscht, nicht vom Regierungschef.
Die Quittung
ARD-DeutschlandTrend, August 2026: 14 Prozent Zufriedenheit mit dem Kanzler, 13 mit der Koalition. Selbst der Kabinettsumbau vor der Sommerpause überzeugte nur 12 Prozent – noch nicht mal die eigene PR-Abteilung wirkt begeistert. Zum Vergleich: Juli 2025 lag man bei 39 Prozent, bei der eigenen Klientel bei 82. In der Sonntagsfrage führt die AfD mit 28 Prozent inzwischen sieben Punkte vor der Union (21 Prozent) – jener Partei, die gestartet war, um die AfD zu halbieren. Halbiert wurde stattdessen die eigene Zustimmung.
Auch der Praktikant zeigt Einsatz
Dass Pannen im Umfeld dieses Kanzlers offenbar Teamgeist entwickeln, bewies der Account @bundeskanzler höchstpersönlich. Nach dem deutschen WM-Aus gegen Paraguay am 30. Juni 2026 – drei verschossene Elfmeter, ein Turnier zum Vergessen – postete das Kanzleramt bei X und Instagram:
„Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch."
Comedian Oliver Pocher brachte die allgemeine Verwirrung auf den Punkt:
„Ich hoffe der Account ist gehackt worden. Aber das passt zu Situation in diesem Land." Eine Nutzerin fragte schlicht, ob der Verfasser „sich ein anderes Spiel angeguckt" habe; ein User rechnete vor, bei vergleichbarer Arbeitsleistung hätte Deutschland „ein negatives BIP". Regierungssprecher Kornelius musste anschließend erklären, der Post sei „unpassend getextet" gewesen und beziehe sich eigentlich auf das gesamte Turnier, nicht nur das Ausscheiden – eine Rettung, die selbst als Rettungsversuch scheiterte.
Es fügt sich beinahe zu schön in dieses Kanzleramt: Offenbar übt dort nicht nur der Regierungschef selbst das Prinzip „daneben, aber mit vollem Selbstbewusstsein vorgetragen" – auch der jüngste Social-Media-Praktikant scheint es längst verinnerlicht zu haben. Verlässlichkeit gibt es hier durchaus, nur eben ausschließlich beim Verfehlen.
Par für den Kurs, Bogey für das Land - SO SIEHT'S AUS
Ein Kanzler, der die Schuldenbremse bricht, die er zur Parteireligion erklärt hatte. Der Migrationsversprechen macht und sie am ersten Tag zurücknimmt. Der Unternehmern Risikofreude predigt und Gewerkschaftern dieselbe Botschaft als Vorwurf serviert. Der öffentlich zugibt, lieber zu golfen, als sich selbst der Zumutung zu stellen, die er anderen aufbürdet.
Der bei einer Trauerfeier über „schlechte Witze" doziert. Und der sich am Ende beschwert, wie ungerecht ihm das alles zugestoßen sei. Man könnte sagen: Friedrich Merz führt Deutschland wie eine Golfrunde bei schlechtem Wetter – viele Schläge, wenig Fortschritt, und am Ende die feste Überzeugung, dass eigentlich der Wind schuld war.
Die nächste reguläre Bundestagswahl ist 2029. Die Umfragen deuten an: Es könnte früher ein Abschlag werden.
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