Freiheit stirbt zentimeterweise

– ein Plädoyer für Widerspruch, Toleranz und offenen Diskurs

"Freiheit stirbt zentimeterweise"

– ein Plädoyer für Widerspruch, Toleranz und offenen Diskurs

Ein Kommentar - Holger H. Hohlfeld


Deutschland ist keine Diktatur. Man kann die Regierung kritisieren, demonstrieren, Oppositionsparteien wählen.

Niemand landet im Gefängnis, weil er eine unpopuläre Meinung vertritt. Das muss am Anfang jedes Textes über bedrohte Freiheit stehen – sonst macht man denselben Fehler wie jene, die jede gesellschaftliche Ächtung mit staatlicher Zensur verwechseln. Aber Freiheit ist mehr als die Abwesenheit von Zensur. Sie braucht Menschen, die widersprechen können, ohne vorher ihre beruflichen und sozialen Risiken durchzurechnen. Und genau an dieser Stelle ist in Deutschland etwas ins Rutschen geraten.

Eine Zahl, die man ernst nehmen sollte

Das Institut für Demoskopie Allensbach fragt seit Jahrzehnten, ob man seine politische Meinung frei sagen kann. 1991 antworteten 78 Prozent mit Ja. 2003 waren es noch 72 Prozent. Im Oktober 2025: nur noch 46 Prozent. 44 Prozent hielten es für klüger, vorsichtig zu sein.

Das bedeutet nicht, dass diese Menschen staatliche Verfolgung fürchten. Allensbach selbst verweist auf gesellschaftliche Sanktionen und ein verändertes Meinungsklima als Ursache. Eine Erhebung der Friedrich-Naumann-Stiftung bestätigt das Bild: 60 Prozent sind heute vorsichtiger, weil sie negative Reaktionen fürchten. Nur 41 Prozent fühlen sich frei, überall zu sagen, was sie denken. Und 82 Prozent erleben die öffentliche Debatte inzwischen als zunehmend hasserfüllt.

Das ist keine Zensur. Aber es ist auch nicht nichts.

„Freiheit stirbt immer zentimeterweise"

Am 13. Mai 2011 hielt Guido Westerwelle als scheidender FDP-Vorsitzender eine Rede, die heute fast prophetisch klingt.

Er zitierte den liberalen Publizisten Karl-Hermann Flach: „Freiheit stirbt immer zentimeterweise." Seine eigentliche Botschaft ging tiefer: Freiheitsverlust in einer Demokratie kommt selten mit einem Knall. Er kommt schleichend, mit guten Gründen, mit Sicherheitsargumenten – und wird erst gefährlich, wenn die Bürger ihr „Immunsystem" gegen genau diese Argumente verlieren.

Genau dieses Immunsystem ist das Thema dieses Textes: die Fähigkeit, bei jeder neuen Einschränkung noch zu fragen: Moment mal – darf man das wirklich nicht mehr sagen?

Vom Argument zur Identität

Früher stritten Menschen über eine Position. Heute stehen sich zunehmend Identitäten gegenüber. Aus „Ich halte deine Migrationspolitik für falsch" wird „Du bist rechts". Aus Kritik an der Klimapolitik wird „Klimaleugner". Aus einer abweichenden Corona-Haltung wird „Schwurbler". Aus der Frage nach Verhandlungen mit Russland wird „Putinversteher"

– ein Begriff, der schon 2015, sieben Jahre vor dem russischen Großangriff, im Deutschlandfunk als Stigmatisierungsvokabel diskutiert wurde. Und selbstverständlich funktioniert dasselbe Muster spiegelverkehrt:

„linksgrün versifft", „Systemling", „Lügenpresse".

Das Vokabular wechselt, die Methode bleibt: Man widerlegt nicht mehr die Aussage, man definiert den Sprecher.

Ist er erst einmal einer Gruppe zugeordnet, muss man sich mit seinem Argument nicht mehr beschäftigen. Das ist bequem – aber das Gegenteil einer liberalen Diskussionskultur.

Diese Entwicklung zieht sich durch die vergangenen 25 Jahre wie ein roter Faden: der Ausbau der Sicherheitsgesetze nach 2001, die moralische Aufladung der Migrationsdebatte ab 2015, die Spaltung während Corona, der neue Loyalitätstest nach dem russischen Angriffskrieg 2022, und seit dem 7. Oktober 2023 der Nahostkonflikt. Unterschiedliche Themen, immer dasselbe Muster: Ein komplexer Konflikt wird zur moralischen Bekenntnisfrage verkürzt.

„Haltung" – ein schönes Wort mit gefährlicher Nebenwirkung

Kaum ein Begriff beschreibt diesen Wandel besser als „Haltung". Zunächst klingt er gut: Wer Haltung hat, ist nicht beliebig. Problematisch wird er erst, wenn er nicht mehr bedeutet „Ich habe Werte", sondern „Zu dieser Frage gibt es eine moralisch richtige Position – und wer sie nicht teilt, muss sich erklären".

Das betrifft nicht nur Journalismus, wo die Reihenfolge eigentlich klar sein sollte – erst Recherche, dann Fakten, dann Einordnung, dann Meinung, niemals umgekehrt. Es betrifft auch Unternehmen, Universitäten und Verbände, die zunehmend öffentlich „Haltung zeigen" und ein "Signal setzen". Irgendwann fragt niemand mehr: Welche Haltung eigentlich – und darf ich eine andere haben?

Cancel Culture: kein Phänomen einer einzigen Seite

Nicht jede Kritik ist Cancel Culture, nicht jede ausgeladene Person wird zensiert – niemand hat ein Grundrecht auf eine Bühne. Aber es gibt Fälle, in denen aus Protest mehr wird als Widerspruch: gestörte Vorlesungen des Ökonomen Bernd Lucke 2019, die zurückgezogene Einladung Nancy Fraser an die Universität zu Köln 2024, der Versuch, ein

Roger-Waters-Konzert 2023 zu verhindern.

Das Muster trifft nicht nur eine politische Seite. Mal die Rechte, mal die Linke, mal Künstler, mal Wissenschaftler.

Die Überzeugung dahinter ist immer dieselbe: Diese Position sei moralisch so verwerflich, dass man sie nicht mehr diskutieren müsse.

Warum Empörung zur Währung wurde

Social Media hat jedem Bürger eine Reichweite gegeben, für die früher ein Verlag nötig war – eine enorme Demokratisierung. Aber der Algorithmus fragt nicht, ob etwas richtig oder fair ist, sondern ob Menschen reagieren.

Eine Studie zu 25.292 TikTok-Videos deutscher Politiker vor der Bundestagswahl 2025 zeigt: Wut, Ekel und Feindseligkeit gegenüber politischen Gegnern erzeugen deutlich mehr Engagement als differenzierte Botschaften. Wer zuerst empört ist, gewinnt Reichweite. Wer differenziert, braucht Platz und Zeit, die ihm niemand mehr gibt.

Konformismus braucht keine Zentrale

Das größte Missverständnis ist die Suche nach einem Verantwortlichen: Wer verbietet diese Meinung, wer gibt die Anweisung? Die unbequeme Antwort: niemand muss es zentral steuern. Ein Journalist weiß, welche Formulierung in seiner Redaktion Ärger macht. Ein Wissenschaftler weiß, bei welchem Thema ein Shitstorm droht. Ein Arbeitnehmer weiß, welche Äußerung auf LinkedIn der Karriere schadet. Ein Unternehmer weiß, welche Position Kunden kosten könnte. Und ein Bürger weiß irgendwann, bei welchem Thema er beim Abendessen lieber sagt: „Ach, lassen wir das."

So entsteht Selbstzensur nicht durch Befehl, sondern durch Erfahrung – und genau das ist Westerwelles „Zentimeter":

Ein Begriff wird unangenehm, eine Frage verdächtig, eine Einladung zurückgezogen, ein Kollege schweigt. Jeder einzelne Vorgang wirkt harmlos.

Freiheit heißt, den Falschen auszuhalten

Der wahre Test einer freien Gesellschaft lautet nicht: Darf ich sagen, was ich denke? Sondern: Darf derjenige reden, den ich nicht ausstehen kann? Der Rechte, der Linke, der Israel-Kritiker, der Israel-Unterstützer, der Geimpfte, der Ungeimpfte? Solange sich jemand innerhalb der gesetzlichen Grenzen bewegt, muss die Antwort Ja lauten. Und danach: Jetzt widersprich ihm – nicht: melde ihn, isoliere ihn, erkläre ihn zum Feind.

Das ist immerhin ein Grund zur Hoffnung: In derselben Umfrage, die das schwindende Sicherheitsgefühl beim Sprechen zeigt, sagen 81 Prozent, sie würden sich dafür einsetzen, dass auch andere ihre Meinung frei äußern dürfen – selbst wenn sie inhaltlich widersprechen. Das Immunsystem ist geschwächt. Aber es ist noch da.

Der eigentliche Gradmesser

Der wichtigste Gradmesser für die Freiheit einer Gesellschaft ist nicht der lauteste Aktivist. Es ist der unauffällige Bürger in der Mitte, der keinen Ärger will, arbeitet, wählen geht – und irgendwann entscheidet: „Meine Meinung behalte ich lieber für mich." Wenn dieser Bürger schweigt, sehen wir öffentlich nicht mehr die tatsächliche Gesellschaft, sondern nur noch die, die keine Angst vor Konsequenzen haben: die Lautesten, die Wütendsten, die am meisten Überzeugten. Und wir wundern uns, warum es angeblich nur noch Extreme gibt.

Was eine Demokratie wirklich braucht

Eine Demokratie braucht nicht zuerst mehr Haltung. Sie braucht mehr Gelassenheit gegenüber abweichender Haltung. Menschen, die sagen können: Ich halte deine Meinung für falsch, vielleicht sogar für absurd – aber ich will wissen, warum du sie hast. Und ich werde nicht versuchen, dich gesellschaftlich zu vernichten, nur damit ich mich mit deinem Argument nicht auseinandersetzen muss. Das ist liberal im ursprünglichen Sinn. Nicht links, nicht rechts, nicht woke, nicht konservativ.

Freiheit stirbt selten durch ein Zensurgesetz oder eine große Verschwörung. Sie stirbt Zentimeter für Zentimeter: wenn jemand schweigt, obwohl er sprechen dürfte. Wenn eine unbequeme Frage bereits als verdächtig gilt. Wenn aus dem politischen Gegner ein moralisch minderwertiger Mensch wird. Wenn „Haltung" wichtiger wird als Wahrheit.

Und wenn wir all das irgendwann nicht mehr bemerkenswert finden.

Westerwelles Warnung war größer als eine Warnung vor Überwachung. Sie war eine Warnung vor Gewöhnung.

Die entscheidende Frage unserer Zeit lautet deshalb vielleicht nicht: „Hast du die richtige Haltung?"

Sondern: „Hältst du es aus, wenn ich eine andere habe?"

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