
Die fabelhafte Welt des Felix Banaszak
Vom Dachgeschoss-Tod, grüner Männlichkeit und anderen rhetorischen Klimazonen



Die fabelhafte Welt des Felix Banaszak
Vom Dachgeschoss-Tod, grüner Männlichkeit und anderen rhetorischen Klimazonen
SO SIEHT'S AUS - Holger H. Hohlfeld
Es gibt Politiker, die beantworten Fragen. Es gibt Politiker, die weichen Fragen aus. Und dann gibt es Felix Banaszak.
Bei ihm wird aus einer Frage nach Klimaanpassung binnen weniger Sätze eine existenzielle Entscheidung zwischen staatlichen Milliardeninvestitionen und Menschen, die – Zitat – „elendig in ihren Dachgeschosswohnungen verrecken". Willkommen in der fabelhaften Welt des Felix Banaszak.
Ein Land, in dem die politische Temperatur grundsätzlich etwas höher liegt als draußen. In dem der Verbrennerfahrer neuerdings wieder umarmt werden darf, solange er versteht, dass sein Lebensstil strukturell überwunden gehört.
In dem man Deutschland vielleicht nicht unbedingt lieben muss, Duisburg aber auf jeden Fall.
In dem die Grünen nicht mehr moralisieren wollen, weshalb sie erklären, wie richtige Männlichkeit aussehen könnte.
Und in dem man gelegentlich vor der Frage steht, ob man eigentlich Recht haben oder gewinnen möchte.
Felix Banaszak, Jahrgang 1989, gebürtiger Duisburger, ist seit November 2024 gemeinsam mit Franziska Brantner Bundesvorsitzender der Grünen und seit 2021 Bundestagsabgeordneter, dort Mitglied im Wirtschafts- und im Haushaltsausschuss. Er studierte Sozial- und Kulturanthropologie sowie Politikwissenschaft und war zuvor Bundessprecher der Grünen Jugend sowie Landesvorsitzender der NRW-Grünen. Und spätestens seit seiner Wahl zum Parteichef arbeitet er an etwas, das man wohl als grüne Neuerzählung bezeichnen darf. Das Problem dabei: Manchmal erzählt Felix so begeistert, dass die Geschichte interessanter wird als die Wirklichkeit.
Dachgeschoss oder Tod – dazwischen wird es kompliziert
Beginnen wir mit dem jüngsten Meisterstück. WELT TV spricht mit Banaszak über Hitzeschutz, ein vollkommen ernstes Thema – das Robert Koch-Institut schätzt allein bis Kalenderwoche 31 des Jahres 2026 rund 12.500 hitzebedingte Sterbefälle. Über besseren Schutz alter und kranker Menschen, Verschattung, Stadtbegrünung und Vorsorge zu diskutieren, ist keineswegs absurd. Dann kommt Felix. Er fordert mehr staatliche Mittel für Klimaanpassung – auch das ließe sich sachlich diskutieren. Doch Sachlichkeit ist bekanntlich nur eine von mehreren verfügbaren Temperaturen.
Die Alternative, erklärt Banaszak, könne schließlich nicht sein, dass ältere Menschen nicht mehr auf die Straße gingen oder Menschen „elendig in ihren Dachgeschosswohnungen verrecken". Man möchte dem durchschnittlichen Dachgeschossbewohner zunächst zur Anschaffung eines Ventilators raten und dann vorsichtig nachfragen, ob zwischen mehr kommunalen Hitzeschutzprogrammen und elendig verrecken vielleicht noch der eine oder andere politische Aggregatzustand existiert. Nicht: Wir sollten Hitzeschutz verbessern. Sondern: Was wollt ihr eigentlich – Investitionen oder Leichen unterm Veluxfenster? Das hat etwas angenehm Übersichtliches.
Auch die politische Einordnung folgt demselben Prinzip. Wer Klimapolitik anders gewichtet als die Grünen, ist bei Banaszak nicht einfach anderer Auffassung – der „Ideologieverdacht hat die Seite gewechselt", erklärte er, die Bundesregierung betreibe Politik, als existiere die klimatische Realität nicht. Das Faszinierende daran: Früher beklagten die Grünen jahrelang, ihre Politik werde zu Unrecht als ideologisch bezeichnet. Die Lösung scheint nun gefunden. Ideologie gibt es weiterhin. Sie wohnt jetzt nur woanders. Praktisch.
Dass Frauen in Deutschland auch aus ganz anderen, deutlich handfesteren Gründen nach Einbruch der Dunkelheit zweimal überlegen, ob sie das Haus verlassen, ist spätestens seit der „Stadtbild"-Debatte um Friedrich Merz eigentlich bekannt
– nur eben eine Erklärung, die in der fabelhaften Welt des Felix Banaszak offenbar nicht vorgesehen ist.
Dort trauen sich Frauen nicht raus, weil das Thermometer zu hoch steht, und die Lösung heißt konsequenterweise:
mehr Windräder. Man muss diese Worte zweimal lesen, um zu begreifen, dass hier tatsächlich niemand einen schlechten Witz gemacht hat.
Felix entdeckt die Klimaanlage
Noch schöner wird die Geschichte, weil Banaszak gerade versucht, seiner Partei einen gewissen rhetorischen Wellnessbereich einzurichten. Die Grünen sollen künftig weniger beschämen, keine „Umweltsau"-Moral mehr, keine penetrante Belehrung des Verwandten beim Weihnachtsessen. In seinem eigenen Strategiepapier räumt
Banaszak sogar ein, der Vorwurf, die Grünen seien bevormundend und glaubten häufig, es besser zu wissen, habe einen „wahren Kern". Das verdient Anerkennung. Nur folgt darauf Felix' spezielles Kunststück: Er will die Leute nicht mehr belehren. Er möchte ihnen jetzt erklären, warum die Grünen aufhören müssen, sie zu belehren. Auch das muss einem erst einmal einfallen.
2025: Lieben Sie Deutschland, Herr Banaszak? – Nun ja, Duisburg auf jeden Fall
Bereits das ARD-Sommerinterview 2025 lieferte einen frühen Einblick in die Mechanik des Banaszakschen Antwortgenerators. Eine Zuschauerfrage erinnerte an Robert Habecks frühere Äußerung zur Vaterlandsliebe und wollte wissen, wie Banaszak selbst zu Deutschland stehe – eigentlich eine recht einfache Frage. Felix antwortete zunächst, er liebe seine Frau und seine Tochter. Danach erklärte er, Deutschland solle für alle Menschen Heimat sein. Auf erneute Nachfrage wurde es konkreter: Duisburg liebe er, sein konkretes Umfeld ebenfalls, beim abstrakten Begriff der Liebe zu einem Land tue er sich dagegen schwer. Nur hatte der Interviewer leider nicht gefragt: „Herr Banaszak, wen lieben Sie privat und wie stehen Sie zu Duisburg?"
Der Moment ist symptomatisch: Eine Frage kommt herein, wird zunächst moralisch eingerahmt, dann gesellschaftspolitisch erweitert, dann biografisch veredelt – und ungefähr drei Ausfahrten später erinnert man sich daran, dass irgendwo noch eine Antwort fehlen könnte. Zum Abschluss diagnostizierte Banaszak Deutschland auch noch eine Art „Kollektivdepression": Das Land sehe überall nur Probleme, er wünsche sich mehr Mut, Zuversicht und Solidarität. Ein Jahr später erklärt derselbe Politiker, die Bundesregierung ignoriere die Realität aus Hitze, Dürre und Waldbränden, und Menschen könnten in Dachwohnungen elendig sterben. Die deutsche Kollektivdepression scheint also heilbar zu sein. Mit den richtigen Problemen.
2026: Selbstkritik – aber bitte nicht bei Robert
Das ZDF-Sommerinterview vom 16. August 2026 hat diese Kunstform weiter perfektioniert. Moderator Wulf Schmiese fragt sinngemäß, ob Robert Habeck mit seiner Energie- und Klimapolitik womöglich einen Anteil daran habe, dass die Grünen trotz eines heißen Sommers politisch kaum davon profitieren. Oder kürzer: Hat Habeck es versemmelt? Banaszak antwortet – nur eben nicht auf Habeck. Stattdessen erklärt er, die Grünen hätten sich bundesweit bei 14 bis 16 Prozent stabilisiert. Politische Selbstkritik in ihrer modernsten Form: Man hat sie sehr stark verinnerlicht, deshalb muss man sie nicht unbedingt aussprechen. Das ZDF überprüfte die Umfrageaussage anschließend selbst: Die Grünen lagen tatsächlich bei mehreren Instituten auf Rang drei, teilweise nur knapp, beim ZDF-Politbarometer sogar nur bei 13 Prozent, bei Allensbach gleichauf mit der SPD. Felix liegt also nicht zwingend falsch. Er erzählt die Realität nur gern in der Version mit etwas besserer Beleuchtung.
Dieselbe Beleuchtungstechnik nutzte er wenige Minuten später bei der Frage nach dem Osten. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, zwei Landtagswahlen im September 2026, beide Umfragen sehen die Grünen bei mageren fünf Prozent – exakt an der Hürde, hinter der es politisch keine Rolle mehr spielt, ob man überhaupt angetreten ist. Banaszak erklärt trotzdem kämpferisch, man gebe „weder Brandenburg noch andere Teile des Ostens verloren",
er habe eigens ein Regionalbüro in Brandenburg an der Havel eröffnet, das sei „eine der besten Entscheidungen"
gewesen, die er bisher getroffen habe. Seinen Amtsvorgängern wirft er vor, sich zu wenig um den Osten gekümmert zu haben, wobei er das in einem bemerkenswert verschachtelten Satz formuliert: 2024 sei die Lage nicht so gewesen,
„dass man dem Parteivorsitzenden oder der Gesamtpartei vorgeworfen hätte, sich zu intensiv um den Osten bemüht
zu haben". Das muss man zweimal lesen, um zu verstehen, dass damit eigentlich nur „zu wenig" gemeint ist.
Aber vielleicht ist genau das Banaszaks eigentliches Talent: selbst simple Kritik so lange grammatikalisch zu
verschachteln, bis sie niemandem mehr wehtut.
Die Energiewende – und die wundersame Abwesenheit ihrer Kosten
Besonders schön wurde es beim Strompreis. Banaszak wurde im ZDF mit der Kritik des Evonik-Chefs Christian Kullmann
an den enormen Kosten der Energiewende konfrontiert. Seine erste Reaktion: „Das ist Unsinn." Anschließend erklärte er,
die hohen Strompreise seien nicht wegen der Energiewende so hoch, Wind und Sonne seien günstig, das eigentliche Problem seien unter anderem unzureichend ausgebaute Netze – die Strompreise würden künftig sogar eigentlich sinken.
Das ZDF kam in seinem eigenen Faktencheck zu einer differenzierteren Bewertung: Bei den Erzeugungskosten hat Banaszak einen Punkt, Wind und Solar können günstig produzieren. Gleichzeitig entstehen aber gerade durch den für die Energiewende nötigen Netzausbau erhebliche Kosten, und Netzentgelte machen einen beträchtlichen Teil des Endkundenpreises aus. Oder in der fabelhaften Welt: Die Energiewende macht Strom nicht teuer. Nur einige Dinge, die wegen der Energiewende nötig sind, kosten Geld. Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant erklären: Das Essen kostet nur zwölf Euro. Die 27 Euro für Küche, Kellner und Strom gehören schließlich nicht zum Schnitzel.
Wohnungsnot? Felix hat da noch ein Büro übrig
Berlin hat zu wenig Wohnungen. Die Linke fordert Enteignungen großer Wohnungskonzerne, auch der Berliner Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf steht dem offen gegenüber. Im ZDF-Sommerinterview versucht Banaszak zunächst auszuweichen: Man solle „vor einer Wahl nicht zu viele Bedingungen" formulieren. Nach mehrmaligem Nachhaken legt er sich fest: „Wenn die Berliner das so entscheiden und wenn die Berliner Grünen das für eine kluge Idee halten, dann sollen sie das tun." Sehr beruhigend. Der Bundesvorsitzende hat damit erfolgreich festgestellt, dass Berlin in Berlin liegt.
Als praktischere Lösung schlägt er vor, leerstehende Büroflächen in Wohnungen umzuwandeln – grundsätzlich sinnvoll, nur zeigt ausgerechnet der ZDF-Faktencheck die Grenze des schönen Bildes: Von den bundesweit rund elf Millionen Quadratmetern leerstehender Bürofläche ist laut einer zitierten ifo-Untersuchung nur etwa ein Drittel technisch grundsätzlich umnutzbar, wirtschaftlich sinnvoll wiederum nur ein Teil davon. Aber „einige geeignete Büroimmobilien könnten einen Beitrag leisten" klingt natürlich weniger nach Parteivorsitz. Also: Überall stehen Hochhäuser herum – Wohnungen draus, Problem zumindest schneller reduziert. Städtebau kann so befreiend unkompliziert sein.
Die Linke? Jetzt nicht so historisch werden
Auch beim Verhältnis zur Linkspartei hat Banaszak eine erfrischend pragmatische Geschichtsauffassung entwickelt.
Er erklärte, er verstehe Teile der Union nicht, die die Linke grundsätzlich verdammten. Im ZDF darauf angesprochen,
dass die CDU die historische Verantwortung der SED und der daraus hervorgegangenen politischen Tradition anführt, antwortete Banaszak: Heidi Reichinnek wolle weder die Berliner Mauer wiedererrichten noch massenhaft Menschen aus Deutschland ausweisen, sie wolle „nicht am Ende die Grundfesten der Demokratie einreißen". Im Zweifel müssten demokratische Parteien gegen eine aus seiner Sicht verfassungsfeindliche AfD zusammenstehen, deren „Verfassungsfeinde von außerhalb des demokratischen Spektrums" keinen Zugriff auf Schulen, Kitas, Polizei und Justiz erhalten dürften.
Das ist politisch eine legitime Position. Nur besitzt sie eine gewisse charmante Asymmetrie. Bei politischen Gegnern rechts der Mitte arbeitet Banaszak gern mit Traditionslinien, historischen Warnungen und Analogien bis in die Zeit des Nationalsozialismus – im Februar 2026 warnte er im Ronzheimer-Podcast vor einer schleichenden Machtübertragung an die AfD und sagte, bestimmte Entwicklungen weckten bei ihm Erinnerungen an das Auftreten von SA und SS vor Hitlers Machtübernahme. Bei der Linken lautet die historische Methode dagegen ungefähr: Heidi baut doch die Mauer nicht
wieder auf. Geschichtsunterricht kann sehr verschieden lang dauern.
Von der „Kollektivdepression" zum „Scheiß"
Banaszak möchte eine freundlichere politische Kultur. Augenhöhe. Respekt. Menschen ernst nehmen, nicht beschämen.
In seinem eigenen Strategiepapier fordert er ausdrücklich eine Sprache, die Menschen „mitnimmt und nicht abschreckt".
Das hindert ihn keineswegs daran, gelegentlich selbst den rhetorischen Vorschlaghammer auszupacken. Michael Kretschmers Nord-Stream-Idee nannte er 2025 einen „überdurchschnittlich dummdreisten Vorschlag". Friedrich Merz
sollte nach der Kehrtwende bei der Schuldenpolitik „ganz, ganz kleine Brötchen" backen. Im Juni 2026 wurde es dann vollständig ruhrgebietskompatibel: Merz habe den Menschen politisch „einen Scheiß" erzählt, sagte Banaszak auf einem Grünen-Landesparteitag. Auch eine schärfere Migrationspolitik der Bundesregierung bezeichnete er im selben Sommerinterview kurzerhand als „unmenschlich". Man erkennt das kommunikative Konzept: Politik braucht Freundlichkeit. Außer natürlich, Felix ist gerade anderer Meinung. Dann darf sie auch dummdreist sein.
Steuern zahlen – aber bitte nach eigenem Ermessen
Ein Kapitel, das sich in Banaszaks eigener „Menschen-müssen-ihren-fairen-Anteil-zahlen"-Rhetorik besonders unangenehm liest, betrifft ihn selbst. Der Grünen-Parteichef räumte ein, seit 2022 versehentlich zu wenig Zweitwohnsitzsteuer gezahlt zu haben – über drei Jahre lang, wohlgemerkt, während seine Partei parallel höhere Steuern auf Vermögen, Erbschaften und hohe Einkommen forderte und Banaszak selbst wiederholt betonte, gesellschaftliche Solidarität bedeute eben auch,
dass jeder seinen Beitrag leiste. Er entschuldigte sich, kündigte eine Nachzahlung an und kooperiere inzwischen mit den Behörden. Das ist ehrlich, das ist anständig, und vermutlich war es tatsächlich ein Versehen. Nur hat ausgerechnet der Mann, der öffentlich moralische Kategorien wie Fairness, gesellschaftlichen Beitrag und Solidarität so gern bemüht, drei Jahre gebraucht, um festzustellen, dass er selbst nicht ganz vollständig einzahlt. Man könnte fast sagen: eine sehr persönliche Version des Merit-Order-Prinzips, bei dem am Ende immer irgendwer die Differenz übernimmt. In diesem Fall eben verspätet er selbst.
Die Grünen entdecken den Mann
Zu den kurioseren Kapiteln gehört Banaszaks Feldstudie über das männliche Geschlecht. Im Februar 2026 gab der
Grünen-Chef ausgerechnet dem Playboy ein Interview über moderne Männlichkeit – kein Unfall, wie er anschließend auf seiner eigenen Webseite erklärte: Junge Männer entfernten sich politisch von den Grünen, deshalb müsse seine Partei
auch dorthin gehen, wo diese Männer tatsächlich erreichbar seien. Die Grundidee ist nachvollziehbar, der Unterhaltungswert entstand eher beim Inhalt. Banaszak möchte vermitteln, dass moderne Männlichkeit sehr vieles sein darf: Fitnessstudio, lackierte Fingernägel, Lastenrad oder SUV – entscheidend sei letztlich anständiges Verhalten.
Im Frühjahr erklärte er zudem gegenüber WELT, Frauen könnten aufgrund gesellschaftlicher Erfahrungen Männern durchaus misstrauen, Männer könnten auch ohne eigenes Täterverhalten Teil problematischer Strukturen sein. Kurz
darauf diskutierten führende Grüne öffentlich über ein positiveres Männerbild; ein Manifest kritisierte, die Partei habe
lange hervorragend beschrieben, was Männer nicht sein sollten, aber zu wenig davon, was gute Männlichkeit eigentlich sein könne.
Und da steht man nun als deutscher Mann. Jahrelang wusste man gar nicht, dass einem politisch ein Männlichkeitsangebot gefehlt hat. Zum Glück kümmert sich jetzt eine Partei darum. Man darf also weiterhin BMW fahren. Das ist schön. Vermutlich nur nicht schnell.
Felix möchte die Menschen dort abholen, wo sie sind – jetzt sogar wirklich
Banaszaks neues Lieblingsmotiv lautet: Politik müsse bei der Lebensrealität der Menschen beginnen, nicht moralisieren, zuhören, Menschen dort erreichen, wo sie sind. Inzwischen hat er diese Metapher konsequenterweise wörtlich genommen und fährt im ostdeutschen Landtagswahlkampf mit einem „Banaszak-Taxi" herum – Interessierte können sich mit ihm verabreden und sich fahren lassen, während man über Politik spricht. Dafür gibt es tatsächlich Sympathiepunkte.
Denn zum ersten Mal seit Jahren kann niemand behaupten, die Grünen würden die Menschen nicht abholen.
Felix hat jetzt ein Auto.
Recht haben oder gewinnen?
Vielleicht der interessanteste Banaszak-Satz stammt aus seinem eigenen Strategiepapier nach Cem Özdemirs Wahlerfolg in Baden-Württemberg: Die Grünen müssten sich entscheiden, „ob sie Recht haben oder gewinnen wollen".
Gemeint ist damit nicht, dass Fakten egal seien – Banaszak argumentiert, politische Kampagnen dürften nicht hauptsächlich der eigenen moralischen Selbstbestätigung dienen, man müsse über Themen sprechen, die Menschen tatsächlich interessieren. Eigentlich eine ausgesprochen vernünftige Erkenntnis. Nur hat der Satz für eine Partei, die ihren politischen Gegnern über Jahre besonders gern erklärte, dass die Wissenschaft, die Moral, die Zukunft und gelegentlich auch die Geschichte auf ihrer Seite stünden, eine gewisse unfreiwillige Komik. Denn plötzlich lautet die revolutionäre Erkenntnis: Der Wähler möchte vielleicht nicht nur hören, warum die Grünen Recht haben. Er möchte möglicherweise sogar selbst gefragt werden. Man stelle sich das vor.
Das rhetorische Betriebssystem Banaszak
Legt man seine Auftritte der vergangenen Jahre nebeneinander, erkennt man eine Art Felix-Betriebssystem. Er spricht häufig von Lebensrealitäten, Augenhöhe, Mut, Zuversicht, Solidarität, Respekt, Heimat, Gerechtigkeit. Dagegen stehen
die wiederkehrenden Gegenspieler: Moralisierung, Bevormundung, Ideologie, soziale Kälte, Rechtsextremismus, Stillstand. Interessant ist weniger, dass ein Politiker solche Begriffe benutzt – interessant ist, wie flexibel ihre Bedeutung wird.
Wenn Grüne Menschen verändern wollen, heißt das Transformation. Wenn andere Politik verändern wollen, kann es Ideologie sein. Wenn die eigene Seite emotionalisiert, erzählt sie Geschichten; wenn die andere Seite emotionalisiert, betreibt sie Kulturkampf. Wenn die eigene Partei unbequeme Botschaften formuliert, ist das Ehrlichkeit. Wenn Friedrich Merz etwas verspricht, das Banaszak für unrealistisch hält, erzählt er den Leuten den bereits erwähnten Scheiß.
Und wenn die Grünen früher als moralisch wahrgenommen wurden, war daran teilweise die politische Konkurrenz schuld. Aber auch ein bisschen die Grünen. So viel Selbstkritik muss sein.
Felix' größte Begabung: Wirklichkeit als Erzählung
Man sollte Banaszak dabei nicht unterschätzen. Er ist kein politischer Tollpatsch, der zufällig von einer kuriosen Formulierung in die nächste stolpert. Seine eigenen Texte zeigen, dass er sich sehr intensiv mit politischer Kommunikation beschäftigt und verstanden hat, dass Wahlen nicht allein mit Programmen gewonnen werden, sondern mit Geschichten, Identität, Emotionen und Personen – genau das beschreibt er nach dem Erfolg Cem Özdemirs ausdrücklich.
Das erklärt zugleich seine Stärke und seine Schwäche. Banaszak sieht Politik häufig als Erzählung. Und manchmal
braucht eine gute Erzählung eben einen Bösewicht: die Ideologen, die Rechten, den moralisierenden Teil des eigenen Milieus, Friedrich Merz, Markus Söder, den nicht ausgebauten Strommast – oder im Notfall das Dachgeschoss.
Die Realität ist kompliziert. Eine Geschichte braucht dagegen einen klaren Konflikt.
SO SIEHT`S AUS
Felix Banaszak möchte die Grünen verändern: weniger moralisch, mehr menschlich, weniger belehrend, mehr Augenhöhe, weniger Kulturkampf, mehr Lebensrealität. Das klingt gut. Nun müsste er diese neue Linie gelegentlich nur noch über die vollständige Dauer eines Interviews durchhalten – oder über die vollständige Dauer einer Steuererklärung.
Denn solange ein Politiker einerseits erklärt, Menschen sollten nicht beschämt und nicht belehrt werden, andererseits politische Konflikte binnen Sekunden zwischen Ideologie und Realität, Demokratie und Gefahr oder gar Investitionen
und elendigem Verrecken im Dachgeschoss aufspannt – und dabei selbst über Jahre hinweg beim eigenen Finanzamt etwas großzügiger kalkuliert, als er es öffentlich von anderen verlangt –, bleibt ein kleiner Verdacht: Vielleicht ist die
alte grüne Welt gar nicht verschwunden. Vielleicht hat Felix lediglich die Vorhänge gewechselt. Und falls irgendwann doch Zweifel aufkommen, gibt es immer noch Mut, Zuversicht und Solidarität. Oder das Banaszak-Taxi.
Es holt uns alle ab - ob wir wollen oder nicht.
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