Baerbock & Habeck:

Traumduo in der Kompetenzfalle

Baerbock & Habeck:
Rückblick auf ein Traumduo in der Kompetenzfalle


SO SIEHT'S AUS - Holger H. Hohlfeld


Es gibt Duos, die man automatisch zusammen denkt: Batman und Robin, Pinky und Brain, Baerbock und Habeck. Inzwischen ist die grüne Doppelspitze allerdings Geschichte. Robert Habeck legte nach dem enttäuschenden Wahlergebnis von 11,6 Prozent im September 2025 sein Bundestagsmandat nieder und verabschiedete sich komplett aus der aktiven Politik – mit dem bemerkenswerten Satz, er wolle „nicht wie ein Gespenst über die Flure laufen". Annalena Baerbock wiederum verlor ihr Außenamt bereits im Mai 2025 an ihren Nachfolger Johann Wadephul, gab ihr Bundestagsmandat auf und tauschte das Auswärtige Amt gegen ein neues Podium: Seit September 2025 sitzt sie als Präsidentin der

UN-Generalversammlung in New York rum – ein Amt mit viel Protokoll, wenig Macht, aber ordentlichem Symbolwert.

Zeit also, zurückzublicken. Denn auch wenn beide inzwischen andere Wege gehen, ihre Amtszeiten hinterließen

ein Best-of aus Pannenshow und guten Vorsätzen, das so schnell keiner vergisst.


Annalena Baerbock: Von der Ostkokain zur UN-Präsidentschaft

Fangen wir dort an, wo Deutschland Baerbock kennenlernte: bei ihren Versprechern. 2022 verwechselte die damalige Außenministerin bei einer Rede die „Ostukraine" mit „Ostkokaine". Man könnte das für einen einmaligen Ausrutscher halten – wäre da nicht 2023 die Wiederholung passiert, diesmal bei einer Pressekonferenz mit ihrer rumänischen Amtskollegin,

als Baerbock sich für den Ausbau der Infrastruktur bedankte, die den Export von „kokainischem" statt ukrainischem Getreide ermögliche. Zweimal derselbe Lapsus, im Abstand eines Jahres, live vor internationalem Publikum. Man nennt

so etwas normalerweise keinen Zufall mehr, sondern ein Markenzeichen.


Karriere macht man damit trotzdem – zumindest in den Vereinten Nationen. Nach der verlorenen Bundestagswahl

2025 sicherte sich Baerbock den Posten der UN-Generalversammlungspräsidentin. Nur: Ursprünglich war dafür die erfahrene Spitzendiplomatin Helga Schmid vorgesehen. Der frühere Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz,

Christoph Heusgen, nannte den Wechsel eine „Unverschämtheit" und bezeichnete Baerbock unverblümt als „Auslaufmodell". Auch der frühere Außenminister Sigmar Gabriel äußerte offene Skepsis. Wolfgang Ischinger machte sie später sogar für ein außenpolitisches Debakel Deutschlands mitverantwortlich und sprach von einem „power grab",

der international „wenig zusätzliche Sympathien" für Deutschland ausgelöst habe.


Selbst Russland fand die Personalie so unpassend, dass es eine geheime Abstimmung erzwang – ein seltenes Verfahren, das normalerweise gewählten Kandidatinnen erspart bleibt. Moskau unterstellte Baerbock „eklatante Voreingenommenheit". Am Ende gewann sie trotzdem mit 167 von 193 Stimmen, was zeigt: Auch mit mittelmäßigem Ruf lässt sich in New York noch eine ordentliche Mehrheit organisieren, wenn der Rest der Welt keine Lust auf Streit hat.

In ihrer Antrittsrede versprach Baerbock, dass Frauen „gleichberechtigt mit am Tisch sitzen" müssten, unter dem Motto „Better Together". Afrikanische Diplomaten sahen darin allerdings weniger diplomatisches Fingerspitzengefühl als

vielmehr fortgesetzt belehrendes Verhalten – ein Vorwurf, der Baerbock schon als Außenministerin regelmäßig begleitete,

wenn ihre feministische Außenpolitik auf Länder traf, die für erhobene Zeigefinger aus Berlin wenig übrighatten.

Die NZZ brachte es unter der Überschrift „Herablassend und respektlos" auf den Punkt. Man könnte sagen: Baerbock wollte der Welt zeigen, wie man Diplomatie richtig macht – und die Welt fand, sie solle das vielleicht erst einmal an der eigenen Aussprache üben. Ihre einjährige Amtszeit in New York läuft im September 2026 aus; was danach kommt,

hat sie bislang nicht verraten.


Robert Habeck: „Wir als Staat" gegen den Rest der Republik

Wenn Baerbock die Königin des Versprechers war, war Habeck der Champion der ökonomischen Selbstironie

– nur ohne, dass er selbst merkte, wie komisch das ist. In seinem Weihnachtsvideo 2023 erklärte der damalige Wirtschaftsminister den Deutschen, warum sie sich über die EEG-Umlage keine Sorgen machen müssten:

„Wichtig war mir eine soziale Balance zu wahren und wichtige Entlastungen abzusichern, zum Beispiel, dass wir als Staat die EEG-Umlage bezahlen und nicht die Bürgerinnen und Bürger."

Der Satz wurde binnen Stunden zum Volksfest der Häme. Denn woher, fragten sich Millionen Deutsche unisono, nimmt

„der Staat" eigentlich sein Geld, wenn nicht von genau jenen Bürgerinnen und Bürgern, die angeblich verschont bleiben? Der Ökonom Alexander Dilger formulierte es süffisant: Habeck wisse ganz genau, dass jeder Cent, der dem Bürger bleibt, „eine versteckte Staatsausgabe" sei – und benutze diese Erkenntnis munter zur eigenen Verschleierung.


Womit wir bei der Trauzeugenaffäre wären, jenem Lehrstück deutscher Personalpolitik, das zeigt:

Auch Grüne können Filz. Habecks Staatssekretär Patrick Graichen hatte maßgeblich mitentschieden, dass sein eigener Trauzeuge Michael Schäfer Chef der bundeseigenen Energieagentur Dena wurde. Habeck verteidigte seinen Vertrauten zunächst mit den Worten, Graichen müsse „wegen dieses Fehlers nicht gehen" – um ihn wenige Tage später doch in den einstweiligen Ruhestand zu schicken, nachdem herauskam, dass auch Graichens Geschwister in einträglichen Positionen bei ministeriumsnahen Institutionen saßen, eines davon verheiratet mit einem weiteren Staatssekretärskollegen.

Eine Familie, drei Fördertöpfe, ein Ministerium – wer hätte gedacht, dass „Energiewende" auch bedeuten kann:

Wende dich an deine Verwandtschaft.


Nachlegen musste Habeck später noch bei Northvolt, wo ihm ein CDU-Abgeordneter vorwarf, im Haushaltsausschuss Informationen unterdrückt und ihm sogar mit einer Klage gedroht zu haben – Habeck wies das zurück, aber der Ruf des transparenten grünen Vorzeigeministers hatte da schon spürbar gelitten. Und kurz vor dem Ende seiner Amtszeit fiel noch die „Operation Abendsonne" auf: eine Serie von Blitzbeförderungen in seinem Haus, geschickt auf Probe befristet, damit sie formal nicht als klassische Versorgung des eigenen Netzwerks durchgingen.

Die CDU-Politikerin Julia Klöckner sprach unverblümt von „Trickserei".


Als Kanzlerkandidat der Grünen erreichte Habeck bei der Bundestagswahl 2025 nur 11,6 Prozent

– „kein gutes Ergebnis, wir wollten mehr", räumte er selbstkritisch ein. Ende August 2025 verkündete er dann per Instagram-Video und taz-Interview seinen kompletten Rückzug: Mandat abgegeben, Amt beendet, „ganz oder gar nicht". Mehr als 450.000 Menschen unterschrieben eine Petition, die ihn zum Bleiben bewegen sollte – vergeblich. Es hat schon Symbolkraft, wenn ein Minister sein Amt so verlässt, wie er es geführt hat: mit einer klugen Formulierung, die auf dem Papier alles erklärt und in der Praxis doch alle etwas ratlos zurücklässt.


Das Traumduo, vereint in der Kompetenzfalle

Was verbindet die beiden am Ende? Beide traten mit dem Anspruch an, Politik grundlegend anders, ehrlicher,

moderner zu machen. Beide scheiterten dann regelmäßig an genau jenen Basics, die man von Regierungsmitgliedern eigentlich erwarten dürfte: korrekte Aussprache bei Baerbock, korrekte Grundrechenarten bei Habeck.

Beide gerieten in Affären, bei denen persönliche Nähe – zu Diplomatenposten, zu Trauzeugen, zu Geschwistern – wichtiger schien als die Sache selbst. Und beide verließen am Ende die deutsche Innenpolitik: der eine komplett, in Richtung ungewisser „neuer Perspektiven", die andere in ein New Yorker Amt mit besserer Aussicht, aber ähnlich begrenztem Einfluss.


Zum Abschied noch zwei Fußnoten, die zeigen, dass beide auch abseits ihrer Paradedisziplinen für Aufsehen sorgen konnten. Baerbock erklärte am 24. Januar 2023 vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats wörtlich:

„We are fighting a war against Russia" – ein Satz, der international sofort als mögliches Eingeständnis deutscher Kriegsbeteiligung gelesen wurde und den ihr eigenes Auswärtiges Amt anschließend hastig als Verweis auf einen

„Krieg gegen die europäische Friedensordnung" umdeuten musste. Diplomatisches Fingerspitzengefühl sieht anders aus, aber immerhin: konsequent geblieben ist sie sich treu.


Habeck wiederum lieferte sein eigenes Kapitel zur ökonomischen Bodenhaftung, als er im September 2022 bei „Maischberger" auf die Frage nach einer drohenden Insolvenzwelle antwortete: „Nein, das tue ich nicht"

– schließlich würden manche Branchen wie Bäckereien oder Blumenläden ja nicht insolvent, sondern

„einfach erstmal aufhören zu produzieren". Der Forschungsleiter der Auskunftei Creditreform kommentierte trocken, Habeck „scheine als Wirtschaftsminister die Definition einer Insolvenz nicht zu kennen" – ein Betrieb, der nichts mehr verkaufen könne, aber weiterlaufe, sei nach geltendem Recht schlicht insolvenzpflichtig. Zwei Jahre später, im dritten Quartal 2024, verzeichnete Deutschland mit knapp 4.000 Firmenpleiten den höchsten Stand seit 2010. Die Bäckereien und Blumenläden hatten offenbar doch nicht einfach nur Pause gemacht.


Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Duos: Sie wollten Deutschland zeigen, wie Politik mit Haltung geht.

Am Ende zeigten sie vor allem, wie schnell Haltung zur Selbstüberschätzung wird, wenn niemand mehr nachfragt, wer eigentlich die Rechnung bezahlt – sei es die EEG-Umlage oder der Ruf der eigenen Partei.

Die Grünen jedenfalls mussten sich nach dieser Doppelspitze erst einmal neu sortieren. Und die beiden Titelfiguren?

Die eine leitet Sitzungen am East River, der andere schreibt vermutlich gerade an seinem nächsten Buch.

Am Ende bleibt vor allem der Verdacht, dass hier über Jahre der Dunning-Kruger-Effekt in Doppelspitzen-Format regiert hat: Je größer die Selbstgewissheit, desto kleiner offenbar die Ahnung von dem, worüber gerade gesprochen wurde.

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