Dunja Hayali: Zwischen Mikrofon und moralischem Kompass
- die Gesinnungstante des ZDF?

Dunja Hayali – Haltung auf Sendung

– Moderation mit Demokratieauftrag und einer Brise Gesinnung


SO SIEHT'S AUS - Holger H. Hohlfeld


Es gibt Journalisten, die berichten. Es gibt Journalisten, die kommentieren. Und es gibt Dunja Hayali.

Bei ihr bekommt der Zuschauer gelegentlich eine dritte Darreichungsform dazu: die moralische Einordnung mit eingebauter Gebrauchsanweisung. Praktisch, muss man sagen. Man muss sich nach der Sendung nicht mehr mühsam selbst überlegen, was man von einem Vorgang halten könnte. Man bekommt Fakten, Fragen, Kontext – und, wenn es gut läuft, gleich die empfohlene Verarbeitungstemperatur mitgeliefert.


Willkommen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk des 21. Jahrhunderts. Früher galt: Der Zuschauer möge sich sein Urteil selbst bilden. Heute gilt bisweilen eine Variante davon: Der Zuschauer darf sich sein Urteil selbstverständlich selbst bilden. Wir erklären ihm vorher nur kurz, welches das vernünftige ist.


Das Problem beginnt nicht mit Haltung

Vorweg eine Ehrenrettung des Prinzips: Das ZDF muss nicht wertneutral sein. Es ist den demokratischen und rechtsstaatlichen Grundwerten des Grundgesetzes verpflichtet. Gleichzeitig verlangt der eigene Programmauftrag einen objektiven Überblick, sachliche Nachrichten sowie eine überparteiliche, ausgewogene Darstellung. Sachlichkeit, Objektivität, Ausgewogenheit, Unabhängigkeit, Fairness – so lauten die selbstgesetzten Standards des Hauses.

Hayali sieht darin keinen Widerspruch zu ihrem inzwischen fast schon markenrechtlich geschützten Begriff: Haltung.

2025, im Interview, auf die Frage nach journalistischer Neutralität:

„Warum soll ich denn bitte zu Rassismus neutral sein?“

Bei Mindestlohn, Rente oder Infrastruktur sei sie neutral. Bei Rassismus oder Diskriminierung nicht. Zugleich nennt sie sich „unparteiisch und unparteilich“ – es gehe ihr um die Sache, nicht um Ideologie. Klingt vernünftig. Niemand verlangt von einem Journalisten Neutralität zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Menschenwürde und Rassismus.

Schwierig wird es erst bei der Anschlussfrage, die dabei elegant übersprungen wird:

Wer entscheidet eigentlich, wann eine politische Streitfrage aufhört, Streitfrage zu sein – und zur moralisch bereits abschließend geklärten Angelegenheit wird? Genau dort beginnt das Phänomen Hayali interessant zu werden.


Das Deutschlandtrikot, das die Republik erschütterte

Fußball-WM 2026, ZDF-WM-Arena. Hayali verhaspelt sich kurz und sagt:

„Mich hat das Deutschlandtrikot abgelenkt.“

Das Internet erledigte zuverlässig den Rest. Binnen Stunden wurde aus „abgelenkt“ ungefähr: Dunja Hayali erleidet allergischen Schock beim Anblick von Schwarz-Rot-Gold. So war es nicht. Sie erklärte später, das Trikot habe sie gerade deshalb abgelenkt, weil sie damit eine schöne Erinnerung verbinde – Beleg: ein Foto von ihr selbst im Nationaltrikot bei der Heim-EM 2024, wo sie sogar das pinkfarbene Auswärtstrikot im „heute journal“ trug. Damit wäre die Geschichte eigentlich beendet gewesen. Eigentlich. Denn dann kam die Nachspielzeit. Auf einen beleidigenden Kommentar antwortete Hayali:

„Lieber Daniel, ich weiß, dass das für manche wirklich schwer ist, dass Menschen mit Namen wie Dunja, Malik, Jamie oder Jamal auch Deutsche sein können und dann vielleicht sogar auch noch erfolgreich.“

Der Nutzer entschuldigte sich später, Hayali nahm die Entschuldigung an und löschte ihr Video.

Der eigentlich interessante Punkt: Aus der Frage „Warum irritiert Sie ein Deutschlandtrikot?“ wurde in der Replik plötzlich die Frage, ob jemand akzeptieren könne, dass Menschen mit Namen wie Dunja oder Jamal Deutsche seien. Angesichts der konkreten Beleidigung nachvollziehbar – und trotzdem ein Muster, das Hayalis öffentliche Kommunikation öfter begleitet:

Kritik wird nicht nur beantwortet – sie wird zunächst gesellschaftspolitisch diagnostiziert.

Der Kritiker bekommt nicht bloß eine Antwort. Er bekommt gleich seine soziologische Befundnummer dazu.


Alice Weidel und das große F-Wort: Framing

Juli 2026, „heute journal“, Interview nach dem AfD-Parteitag. Es dauert nicht lange, bis das Wort fällt, ohne das deutsche Mediendebatten offenbar nicht mehr auskommen: Framing.

Weidel wirft ZDF und Hayali vor, die AfD entsprechend zu rahmen. Hayali widerspricht. Das Gespräch wird zunehmend zum Interview darüber, ob das Interview überhaupt ein Interview ist.

Fairerweise: Weidel wich mehreren Fragen aus und nutzte den Framing-Vorwurf selbst strategisch. Das ZDF veröffentlichte danach einen Faktencheck zu mehreren ihrer Aussagen.

Interessanter wurde es danach. Hayali, auf Instagram, sinngemäß: Journalisten würden weiter unbequeme Fragen stellen, den „Finger in die Wunde“ legen. An alle, die beklagten, das gehe „immer nur in die eine Richtung“:

Das könnten sie sich „ehrlich gesagt, abschminken“.

Passenderweise ließ sie sich anschließend tatsächlich abschminken. Öffentlich-rechtliche Argumentation mit visueller Pointe.

Man kann darüber lachen. Man kann auch fragen: Ist „das können Sie sich abschminken“ wirklich eine Antwort auf den Vorwurf unterschiedlicher journalistischer Maßstäbe?

Denn das wäre die interessante Medienfrage gewesen. Nicht: Darf man Alice Weidel hart interviewen? Natürlich darf man. Sondern:Werden Friedrich Merz, Lars Klingbeil, Robert Habeck, Heidi Reichinnek, Alice Weidel und Sahra Wagenknecht mit vergleichbarer Skepsis gegenüber ihren jeweiligen Grundannahmen konfrontiert?

Das ist der Test. Nicht die Lautstärke der Frage.


Charlie Kirk: erst verurteilen, dann einordnen – sehr gründlich

Nach der Ermordung des amerikanischen Aktivisten Charlie Kirk im September 2025 sagte Hayali ausdrücklich, es sei „mit nichts“ zu rechtfertigen, wenn Menschen seinen Tod feierten. Unmittelbar danach folgte die politische Charakterisierung Kirks und seiner Aussagen. Genau diese Kombination sorgte für massive Kritik – und diesmal lässt sie sich nicht als bloße Internetempörung abtun. Das ZDF selbst räumte ein, die Moderation habe einen relativierenden Eindruck erwecken können; die Redaktion habe dies kritisch reflektiert und mit Hayali besprochen. Der Fernsehrat wies die spätere Programmbeschwerde zwar zurück und stellte keinen Rechtsverstoß fest – dokumentierte damit aber zugleich, dass die Wirkung der Formulierung intern durchaus problematisiert wurde. Journalistisch ist das ein feiner, aber entscheidender Unterschied:

„Charlie Kirk wurde ermordet. Seine politischen Positionen waren hochumstritten.“

versus die rhetorische Konstruktion: „Natürlich darf niemand seinen Tod feiern – allerdings …“

Nach einem Mord ist das Wort „allerdings“ kommunikativ ungefähr das, was ein Benzinkanister bei einer Grillparty ist.

Man kann ihn benutzen. Aber vielleicht nicht genau jetzt. Hayali selbst verwies vor allem auf die widerwärtigen

Hass- und Gewaltandrohungen, die sie danach erhielt – real, dokumentiert, vollkommen inakzeptabel. Sie zog sich zeitweise aus sozialen Medien zurück.

Nur bleibt gleichzeitig wahr: Morddrohungen gegen Hayali widerlegen keine journalistische Kritik an Hayali. Beides kann gleichzeitig stimmen. Wer einer Journalistin Gewalt androht, disqualifiziert sich. Wer ihre Moderation kritisiert, nicht. Diese beiden Gruppen auseinanderzuhalten wäre übrigens ein hervorragendes Beispiel für genau jene Differenzierung, deren Fehlen Journalisten dem Publikum sonst gerne vorwerfen.


Israel, Hisbollah und die Sache mit den fehlenden Informationen

  1. Juni 2026, „heute journal“: Israel, Libanon, Hisbollah. Die Moderation stellte insbesondere Israels Verhalten im Zusammenhang mit einem 14-Punkte-Plan heraus. Anschließend Kritik: Ein wesentlicher Teil des unmittelbaren Kontexts fehlte – die Angriffe der Hisbollah auf Israel.

Auch hier keine Telegram-Empörung als Kronzeuge nötig. Das ZDF selbst schrieb später, der Einwand sei nachvollziehbar, die Hisbollah-Angriffe hätten genannt werden müssen.

Eine bemerkenswerte Formulierung. Denn journalistische Schieflage entsteht nicht zwingend dadurch, dass etwas Falsches gesagt wird. Sie kann auch entstehen, weil etwas Richtiges weggelassen wird. Das ist die anspruchsvollere Form des Framings: Man muss keine Fakten erfinden. Man muss nur entscheiden, welche Fakten gemeinsam auf Sendung dürfen.

Auch eine Waage mit ausschließlich echten Gewichten kann schief stehen.


Die „palästinensischen Geiseln" – diesmal tatsächlich nur ein Fehler

Oktober 2025, Morgenmagazin: Im Zusammenhang mit der Freilassung israelischer Hamas-Geiseln und palästinensischer Gefangener sprach Hayali von „palästinensischen Geiseln". Erwartbare Beschwerden folgten.

Hier lohnt sich Fairness. Das ZDF räumte den Fehler ein, ordnete ihn aber nachvollziehbar als Versprecher ein: Hayali habe gestockt, nach dem richtigen Begriff gesucht; im Rest derselben mehrstündigen Sendung seien die korrekten Bezeichnungen „Gefangene" bzw. „Häftlinge" benutzt worden.

Fehler? Ja. Beleg für eine bewusste politische Agenda? Nein. Und wer Medien für ungenaue Zuspitzungen kritisiert, sollte nicht selbst jeden Versprecher zur Staatsaffäre aufblasen – sonst wird aus Medienkritik irgendwann nur noch Medienkritik mit denselben Methoden, die sie kritisiert.


Männer, Frauen und die „Problemmänner"

April 2026, „heute journal": gestiegene Gewalt- und Vergewaltigungszahlen, zu Gast Dirk Peglow vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Hayalis Schlussfrage:

„Was raten Sie Frauen?" Peglow, zugespitzt: „Wenn man nach der statistischen Anzahl geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen."

Gemeint: Ein erheblicher Teil der Gewalt gegen Frauen findet im persönlichen, familiären Umfeld statt. Peglow stellte später selbst klar, das sei kein wörtlicher Rat und kein Generalverdacht gegen Männer gewesen.

Erwartbare Netz-Empörung. Und wiederum: Hayalis persönlicher Nachschlag. Die Männer, die sie kenne, würden die Aussage nicht „in den falschen Hals" bekommen – verärgert seien diese Männer vielmehr über diejenigen, die Gewalt verursachten: „die Problemmänner."

Ein interessantes rhetorisches Verfahren. Wer die Aussage kritisiert, fällt im Wesentlichen in eine von zwei Kategorien: Menschen, die sie richtig verstehen. Und Menschen, die offenbar ein persönliches Problem damit haben.

Journalistisch interessant wäre gewesen, warum bei der Diskussion über Kriminalstatistik Deliktsgruppen, Tatkontexte, Herkunft, Täter-Opfer-Beziehung und Dunkelfeld so unterschiedlich gewichtet werden. Das wäre kompliziert geworden. „Problemmänner" passt besser ins Reel.


Carola Rackete: die Frühphase des Haltungsformats

Schon 2019 ließ sich beobachten, wohin der Stil tendiert. In Hayalis damaliger Talksendung waren unter anderem Robert Habeck und Carola Rackete zu Gast. Die Kritik kam keineswegs nur aus konservativen Medien – auch die Süddeutsche Zeitung bemängelte das Format: Gespräche hektisch, durch Einspieler zerhackt, Hayali sage Gästen teils bereits, was diese angeblich gleich sagen würden. Bei Rackete etwa:

„Sie sagen: Das ist Quatsch."

Bevor Rackete es gesagt hatte. Die SZ urteilte sinngemäß: Erkenntnisgewinn eher überschaubar.

Eine kleine Szene, fast eine Miniatur des Problems: Wenn der Moderator schon weiß, was der Gast meint, bevor der Gast es erklärt hat, spart Fernsehen enorm viel Zeit. Vielleicht ließe sich das Konzept ausbauen. Künftig lädt man Politiker gar nicht mehr ein, ein Moderator erklärt einfach: „Herr Merz würde jetzt vermutlich sagen …", „Frau Weidel bestreitet das natürlich …", „Herr Habeck möchte dazu ergänzen …" Kostenersparnis beim Rundfunkbeitrag: erheblich.


Und dann waren da noch die Nebenjobs

2018 geriet Hayali wegen ihrer Moderationen für Unternehmen, Verbände und Organisationen in die Kritik. Das NDR-Medienmagazin „Zapp" thematisierte unter anderem einen Auftritt für einen Kongress der Glücksspielbranche.

Nach eigenen Angaben moderierte sie damals durchschnittlich zweimal monatlich externe Veranstaltungen. Sie wies zurück, dadurch ihre journalistische Unabhängigkeit zu verlieren – räumte aber anschließend den entscheidenden Punkt ein: Der Eindruck von Befangenheit oder Abhängigkeit könne entstehen. Diese Wirkung habe sie unterschätzt. Sie kündigte an, externe Engagements künftig selbstkritischer zu prüfen.

Und siehe da: Kritik angenommen, Problem erkannt, Konsequenz angekündigt. Es geht also. Vielleicht sollte man diese Archivaufnahme gelegentlich im ZDF-Schulungszentrum zeigen.


Das eigentliche Hayali-Problem

Dunja Hayali ist keine schlechte Journalistin. Das wäre als Erklärung ohnehin viel zu einfach. Sie fragt hartnäckig, geht auf Demonstrationen, spricht mit Menschen, die sie ablehnen, setzt sich Situationen aus, denen sich viele Kommentatoren lieber vom heimischen Schreibtisch aus nähern. Bei Corona-Protesten wurde sie massiv angegangen, über Jahre erhielt sie Beleidigungen und Drohungen. Gerade deshalb ist die Kritik interessanter. Hayalis Schwäche ist nicht fehlende Haltung.

Es ist die gelegentlich fehlende Distanz zur eigenen Haltung.

Wer überzeugt ist, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen, bemerkt irgendwann möglicherweise gar nicht mehr, dass auch die Auswahl der Fragen bereits eine politische Entscheidung sein kann. Welche Tatsache zuerst genannt wird. Welche später. Welche mit einem Adjektiv versehen wird, welche ohne. Bei welchem Politiker nachgehakt wird, bei welchem man verständnisvoll nickt. Wann etwas „umstritten" ist, wann „rechtsextrem", wann „populistisch" – und wann etwas schlicht als selbstverständlich stehenbleibt. Keines dieser Instrumente ist für sich genommen unseriös. In ihrer Summe entsteht daraus jedoch Tonlage. Und Tonlage ist ebenfalls Information.


Haltung ist kein Ersatz für Journalismus

Vielleicht liegt genau darin die derzeitige Krise des öffentlich-rechtlichen Journalismus. Viele Journalisten verstehen ihren Beruf inzwischen nicht nur als Beobachtung und Kontrolle politischer Macht, sondern zusätzlich als Verteidigung gesellschaftlicher Werte. Klingt ehrenhaft. Birgt aber ein erhebliches Risiko.

Denn irgendwann wird aus „Wir verteidigen die Demokratie" unmerklich „Wir definieren, welche Position demokratisch vernünftig ist" – und anschließend „Wir erklären Ihnen, wer außerhalb dieses vernünftigen Bereichs steht."

Der Journalist verwandelt sich dabei langsam vom Kontrolleur der Macht zum Schiedsrichter des zulässigen Meinungskorridors. Und Dunja Hayali steht exemplarisch für diese Entwicklung. Nicht weil sie lügt. Nicht weil sie keine Journalistin wäre. Und schon gar nicht, weil sie einen ungewöhnlichen Namen trägt oder Deutschland angeblich nicht mögen würde – dafür gibt es keinerlei belastbaren Beleg, im Gegenteil: Die Geschichte mit dem Deutschlandtrikot zeigt gerade, wie schnell auch Kritik selbst ins groteske Framing kippen kann.

Das Problem ist subtiler: Wer ständig Haltung zeigt, sollte besonders sorgfältig darauf achten, wann aus Haltung Richtungsvorgabe wird. Das gilt erst recht in einer Nachrichtensendung. Denn das ZDF heißt schließlich noch immer Zweites Deutsches Fernsehen. Nicht: Zweites Deutsches Fernsehen – betreutes Meinungsbilden mit Dunja.

Aber keine Sorge. Sie können selbstverständlich anderer Meinung sein. Das ist schließlich Demokratie. Wir würden nur gerne vorher wissen, warum. SO SIEHT'S AUS.



Dunja Hayali – Haltung auf Sendung.

Wenn der Finger in der Wunde irgendwann zum Zeigefinger wird, darf auch der Zuschauer eine Frage stellen: Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure – und wer moderiert die Moderatoren?

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❝Wer nicht hinterfragt, muss glauben.❞